NIKHILS ERZÄHLUNG

I

Einst war ich so zuversichtlich in meinem Glauben, daß ich meinte, ich würde alles tragen können, was mein Gott mir auferlegte. Ich wurde nie auf die Probe gestellt. Jetzt, glaube ich, ist die Stunde gekommen.

Ich pflegte meine Seelenstärke zu prüfen, indem ich mir alle möglichen Übel, die mir zustoßen könnten, vorstellte — Armut, Kerker, Schande, Tod, — selbst den Tod Bimalas. Und wenn ich mir dann sagte, daß ich die Kraft haben würde, das alles mit Standhaftigkeit zu ertragen, so sagte ich sicher nicht zuviel. Nur eines war mir niemals in den Sinn gekommen, und das ist es, woran ich heute denke und wovon ich nicht weiß, ob ich es wirklich ertragen kann. Es ist, als ob ein Dorn mir irgendwo im Herzen sitzt und mich beständig sticht, während ich bei meiner täglichen Arbeit bin. Er scheint selbst weiterzustechen, wenn ich schlafe. Sobald ich morgens erwache, fühle ich, daß das Antlitz des Himmels seinen Glanz verloren hat. Was ist es? Was ist geschehen?

Mein Gefühl ist so empfindlich geworden, daß selbst mein vergangenes Leben, das den Schein des Glückes trug, jetzt mein Herz mit seiner Lüge martert, und die Sorge und Schande, die an mich heranschleichen, zeigen sich immer unverhüllter, je mehr sie versuchen, ihr Antlitz zu verbergen. Mein Herz ist ganz Auge geworden. Gerade die Dinge die verborgen bleiben sollten, die ich nicht sehen will, drängen sich mir auf.

Jetzt ist endlich der Tag gekommen, wo mein unglückliches Los sich in einer langen Reihe von Schicksalsschlägen offenbaren soll. Ganz unerwartet ist die bittre Not in dem Herzen eingekehrt, wo Überfluß zu herrschen schien. Den Lohn, den ich für neun Jahre meiner Jugend der Täuschung zahlte, muß ich jetzt der Wahrheit mit Zinsen zurückerstatten, und ich werde mein Leben lang daran zu zahlen haben.

Was nützt es, daß ich meinen Stolz gewaltsam aufrechtzuerhalten suche? Warum soll ich nicht zugeben, daß ich Mängel habe? Vielleicht fehlt mir das unüberlegte Draufgängertum, das die Frauen an den Männern lieben. Aber ist Stärke nur Entfaltung von Muskelkraft? Darf Stärke unbedenklich die Schwachen in den Staub treten?

Doch was nützen alle diese Erwägungen? Würdigkeit kann man nicht dadurch erwerben, daß man darüber disputiert. Und ich bin unwürdig, unwürdig, unwürdig!

Aber wenn ich auch unwürdig bin, — besteht nicht der wahre Wert der Liebe darin, daß sie dem Unwürdigen immer wieder aus der Fülle ihres eigenen Überflusses spendet? Für die Würdigen gibt es viele Arten von Belohnungen auf Gottes Erde, aber die Liebe hat Gott besonders den Unwürdigen vorbehalten.

Bis jetzt war Bimala, meine häusliche Bimala, das Produkt der räumlichen Enge und der gewohnheitsmäßigen kleinen Pflichten. Ich fragte mich, ob die Liebe, die sie mir gab, aus der Tiefe ihres Herzens quelle oder die gewohnheitsmäßige Ausübung einer anerzogenen Pflicht sei.

Ich sehnte mich danach, Bimala in ihrer ganzen Wahrheit und Kraft aufblühen zu sehen. Aber ich bedachte nicht, daß man alle Ansprüche aufgeben muß, die sich auf herkömmliche Rechte gründen, wenn ein Mensch sich in seinem wahren Wesen frei entfalten soll.

Warum hatte ich daran nicht gedacht? Geschah es aus dem Gefühl stolzer Sicherheit im Besitz meines Weibes? Nein. Es geschah, weil ich das vollste Vertrauen auf die Liebe setzte. Ich war eitel genug, zu glauben, daß ich die Kraft in mir hätte, den Anblick der Wahrheit in seiner erschreckenden Nacktheit zu ertragen. Ich wußte, daß ich die Vorsehung versuchte, aber ich beharrte bei meinem stolzen Entschluß, die Probe siegreich zu bestehen.

In einem Punkte hatte Bimala mich nicht verstanden. Sie konnte nicht wirklich begreifen, daß in meinen Augen jede Anwendung von Gewalt Schwäche ist. Nur die Schwachen wagen es nicht, gerecht zu sein. Sie weichen der Verantwortlichkeit aus und versuchen auf unerlaubten Richtwegen schnell zum Ziel zu kommen. Es macht Bimala ungeduldig, wenn man Geduld zeigt. Sie liebt am Manne das Ungestüme, Heftige, Ungerechte. Ihrer Ehrfurcht muß etwas Furcht beigemischt sein.

Ich hatte gehofft, daß Bimala, wenn sie in voller Freiheit draußen in der Welt lebte, bald von dieser Schwäche frei werden würde. Aber jetzt bin ich sicher, daß diese tief in ihrer Natur wurzelt. Sie liebt das Geräuschvolle. Wenn sie die einfache Kost des Lebens recht genießen soll, muß sie so scharf gewürzt sein, daß ihr Zunge und Gaumen brennen. Aber mein Grundsatz war immer, meine Pflicht nie mit wildem Ungestüm zu tun, noch mich durch den feurigen Wein der Erregung dazu anzustacheln. Ich weiß, es wird Bimala schwer, diese Eigenschaft an mir zu achten, da sie meine Skrupel für Schwäche hält, und sie ist böse auf mich, daß ich nicht in blindem Eifer losstürme mit dem Ruf: Bande Mataram.

Und was diesen Punkt anbetrifft, so habe ich es darin mit allen meinen Landsleuten verdorben, weil ich in ihren Lärm nicht einstimme. Sie sind sicher, daß ich entweder Verlangen nach irgendeinem Titel habe oder mich vor der Polizei fürchte. Die Polizei wiederum meint, daß ich zuviel Sanftmut zeige, um nicht irgendeinen geheimen Anschlag zu planen.

Aber mein Gefühl sagt mir, daß die, welche sich nicht für ihr Vaterland begeistern können, wenn sie es so sehen, wie es in Wahrheit ist, oder die die Menschen nicht lieben können, gerade in ihrer Menschlichkeit, — die ein Geschrei erheben und ihr Vaterland zum Götzen machen müssen, um ihren Begeisterungsrausch aufrecht zu erhalten, — daß diese den Rausch selbst mehr als ihr Vaterland lieben.

Wenn wir versuchen, den Gegenstand unsrer Begeisterung höher zu stellen als die Wahrheit, so zeigen wir damit, daß wir von Natur unfrei sind. Unsre kranke Lebenskraft muß entweder von irgendeinem Wahn in Schwung gebracht oder durch irgendeine weltliche oder geistliche Autorität angetrieben werden, um in Bewegung zu kommen. Solange wir uns der Wahrheit verschließen und nur durch hypnotische Einwirkung zur Tat gedrängt werden können, solange müssen wir uns sagen, daß wir noch nicht imstande sind, uns selbst zu regieren.

Als neulich Sandip mir vorwarf, daß es mir an Phantasie fehle und daß ich daher mein Vaterland nicht als lebendige Idealgestalt sehen könne, stimmte Bimala ihm zu. Ich sagte nichts zu meiner Verteidigung, denn was hilft es zum Glück, wenn man im Wortstreit siegt? Ihre abweichende Meinung beruhte ja nicht auf Mangel an Einsicht, sondern hatte ihren Grund in der Andersartigkeit ihrer Natur.

Sie machen mir Phantasielosigkeit zum Vorwurf, — das heißt bei ihnen, daß ich wohl Öl in meiner Lampe habe, aber keine Flamme. Dies ist aber gerade der Vorwurf, den ich ihnen mache. Ich möchte ihnen sagen: Ihr seid dunkel wie die Feuersteine. Ihr müßt zu heftigen Zusammenstößen kommen und Lärm machen, um Funken hervorzubringen. Doch diese vereinzelten Blitze dienen nur eurer Eitelkeit, aber helfen euch nicht zu klarem Sehen.

Ich habe seit einiger Zeit bemerkt, daß Sandip von groben Begierden beherrscht wird. Seine Sinnlichkeit trübt sein religiöses Gefühl und macht ihn tyrannisch in seinem Patriotismus. Sein Verstand ist scharf, aber seine Natur ist roh, und so verherrlicht er seine selbstsüchtigen Gelüste unter hochtönenden Namen. Der billige Trost des Hasses ist ihm ebensosehr Bedürfnis wie die Befriedigung seiner Begierden. Bimala hat mich früher oft vor seiner Geldgier gewarnt. Ich gab ihr innerlich recht, aber ich konnte mich nicht überwinden, mit Sandip zu feilschen. Ich schämte mich sogar, mir selber einzugestehen, daß er mich ausbeutete.

Doch heute wird es schwer sein, Bimala begreiflich zu machen, daß Sandips Vaterlandsliebe nur eine andre Form seiner begehrlichen Eigenliebe ist. Bimalas Heldenverehrung für Sandip hält mich um so mehr davon zurück, mit ihr über ihn zu sprechen, weil ich fürchte, daß eine leise Regung von Eifersucht mich unbewußt zu Übertreibungen verleiten könnte. Es kann sein, daß der Schmerz in meinem Herzen mir Sandips Bild schon verzerrt. Und doch ist es vielleicht besser, mich auszusprechen, als meine Gefühle weiter in mir nagen zu lassen.

II

Ich kenne meinen Lehrer nun schon dreißig Jahre. Weder Verleumdung noch Mißgeschick, noch der Tod selbst haben irgendwelche Schrecken für ihn. Nichts hätte mich retten können, der ich in die Traditionen dieser unsrer Familie hineingeboren war, wenn er nicht in den Mittelpunkt meines Lebens sein eignes gestellt hätte, mit seinem Frieden und seiner Wahrheit und mit seinen Idealen. In ihm war für mich das Gute selbst Gestalt geworden.

Mein Lehrer kam an jenem Tage zu mir und sagte: »Ist es nötig, daß du Sandip noch länger hier zurückhältst?«

Er hatte von Natur ein so feines Empfinden für alle Anzeichen des Übels, daß er sofort die Gefahr gespürt hatte. Er zeigt nicht leicht seine innere Bewegung, aber an jenem Tage sah ich, wie die dunklen Schatten kommenden Unheils ihn schreckten. Weiß ich doch, wie sehr er mich liebt.

Beim Tee sagte ich zu Sandip: »Ich erhalte eben einen Brief von Rangpur. Sie beklagen sich, daß ich dich selbstsüchtig hier festhalte. Wann willst du dahin reisen?«

Bimala war dabei, den Tee einzuschenken. Ein Ausdruck der Enttäuschung ging über ihr Gesicht. Sie warf Sandip schnell einen fragenden Blick zu.

»Ich habe mir gerade überlegt,« sagte Sandip, »daß dieses Hin- und Herwandern doch eine ungeheure Kraftverschwendung für mich bedeutet. Ich glaube, daß ich viel stärker und nachhaltiger wirken kann, wenn ich von einem Mittelpunkt aus arbeite.«

Dabei sah er Bimala an und sagte: »Meinen Sie nicht auch?«

Bimala zögerte einen Augenblick, dann sagte sie: »Beides scheint mir gut, — sowohl von einem Mittelpunkt aus zu arbeiten als im Umherreisen. Die Art, die Ihnen am meisten Befriedigung verschafft, ist für Sie die richtige.«

»Dann will ich ganz offen sein,« sagte Sandip. »Ich habe nirgends etwas gefunden, das allein imstande gewesen wäre, meine Begeisterung dauernd wachzuhalten. Das ist der Grund, warum ich immer umherreiste und das Volk entflammte, um aus seiner Begeisterung wieder Kraft für mich zu schöpfen. Heute haben Sie mir die Sendung an mein Volk erteilt. Solch Feuer habe ich nie in einem Menschen gefunden. Von Ihnen werde ich die Flamme leihen, mit der ich ringsum im Lande das Feuer entzünden werde. Nein, wenden Sie sich nicht beschämt ab! Schüchternheit und Bescheidenheit ziemen sich nicht mehr für Sie. Sie sind die Königin unsres Bienenstockes und wir, die Arbeitsbienen, werden uns um Sie scharen. Sie werden unser Mittelpunkt sein und uns zu unsrer Arbeit anfeuern.«

Bimala errötete über und über in verschämtem Stolz, und ihre Hand zitterte, als sie fortfuhr, den Tee einzuschenken.

Eines Tages kam mein Lehrer zu mir und sagte: »Warum reist ihr beiden nicht einmal zur Abwechselung nach Dardschiling? Du siehst nicht wohl aus. Bekommst du genug Schlaf?«

Am Abend fragte ich Bimala, ob sie Lust hätte, eine kleine Reise in die Berge zu machen. Ich wußte, daß sie sich sehnlich wünschte, den Himalaja zu sehen. Aber sie wollte nicht... Die Sache des Vaterlandes hinderte sie wohl!

Ich darf mein Vertrauen nicht verlieren, ich werde warten. Die Durchfahrt von der engen zur weiten Welt ist stürmisch. Wenn sie sich an die Freiheit gewöhnt hat, werde ich wissen, wo mein Platz ist. Wenn ich erkenne, daß ich in die Einrichtungen der Welt da draußen nicht hineinpasse, so werde ich nicht hadern mit meinem Schicksal, sondern schweigend gehen... Gewalt anwenden? Wozu? Vermag Gewalt etwas gegen die Wahrheit?