II
DER Name des Knaben war Nilmani. Als er zwei Jahre alt war, wurde sein Vater ernstlich krank. Dschoygopal erhielt einen Brief mit der Bitte, so schnell wie möglich zu kommen. Als er mit viel Mühe Urlaub erhalten hatte und ankam, lag Kaliprasanna schon im Sterben.
Vor seinem Tode übergab er seinen Sohn der Sorge Dschoygopals und vermachte seiner Tochter den vierten Teil seines Besitzes.
Nun gab Dschoygopal seine Stellung auf und kam nach Hause, um nach seinem Eigentum zu sehen.
Nach langer Trennung sahen sich die Gatten wieder. Wenn irgendein Ding zerbricht, so kann man die Teile wieder zusammenfügen. Aber wenn zwei Menschen getrennt werden, so fügen sie sich nach langer Trennung nie wieder an derselben Stelle und zur gleichen Zeit zusammen; denn die Seele ist ein lebendes Wesen und wächst und wandelt sich jeden Augenblick.
In Sasi weckte die Wiedervereinigung neue Gefühle. Die Erstarrung jahrelanger Gewohnheit in der früheren Zeit ihrer Ehe war durch die Sehnsucht der Trennungszeit gänzlich gelöst, und es war ihr jetzt, als ob ihr der Gatte enger als je wieder verbunden würde. Hatte sie sich doch im Herzen gelobt: was für Tage auch kommen und wie lange sie auch dauern möchten, nie sollte der Glanz dieser Liebe zu ihrem Gatten sich trüben.
Dschoygopal jedoch empfand anders bei dieser Wiedervereinigung. Als sie früher beständig zusammengewesen waren, hatten ihn seine Interessen und Eigenheiten an sein Weib gebunden. Sie war damals eine lebendige Wahrheit in seinem Leben, und das Gewebe seiner täglichen Gewohnheiten hätte einen großen Riß bekommen, wenn sie plötzlich gefehlt hätte. Daher fühlte er sich, als er zuerst sein Heim verließ, ganz verloren. Aber mit der Zeit wurde dieser Riß in seiner Gewohnheit durch eine neue Gewohnheit wieder zugeflickt.
Und dies war nicht alles. Früher hatte er ganz sorglos und träge dahingelebt. In den letzten beiden Jahren war der Trieb, seine Lage zu verbessern, in ihm so mächtig geworden, daß er an nichts anders dachte. In der Heftigkeit dieser neuen Leidenschaft schien ihm sein früheres Leben wie ein wesenloser Schatten. In der Natur der Frau werden die größten Veränderungen durch die Liebe bewirkt, in der des Mannes durch den Ehrgeiz.
Als Dschoygopal nach zwei Jahren zurückkehrte, fand er, daß seine Frau nicht ganz dieselbe geblieben war. Ihr Leben hatte durch seinen kleinen Schwager an Umfang gewonnen. Dieser Teil ihres Lebens war ihm ganz fremd – hier hatte er keine Gemeinschaft mit seinem Weibe. Sie gab sich alle Mühe, ihn an ihrer Liebe für das Kind teilnehmen zu lassen, aber man kann nicht sagen, daß es ihr gelang. Sasi kam wohl mit dem Kinde auf dem Arm zu ihm und hielt es ihm lächelnd entgegen – aber Nilmani umklammerte Sasis Nacken und verbarg sein Gesicht an ihrer Schulter und wollte von der andern Verwandtschaft nichts wissen. Sasi wollte, daß ihr kleiner Bruder Dschoygopal all die Künste vormachte, womit er die Herzen zu gewinnen pflegte. Aber Dschoygopal lag gar nichts daran. Wie konnte das Kind dann Lust dazu haben? Dschoygopal konnte gar nicht begreifen, was an diesem dickköpfigen Kinde mit dem ernsten, bräunlichen Gesicht sei, daß man so viel Liebe an ihn verschwenden solle.
Frauen verstehen solche Dinge schnell. Sasi verstand sofort, daß Dschoygopal Nilmani nicht leiden mochte. Und von nun an hielt sie ihren Bruder sorgfältig im Hintergrund, um ihn vor dem lieblosen, abweisenden Blick ihres Mannes zu schützen. So wurde das Kind für sie ein heimlich gehüteter Schatz, der Gegenstand ihrer einsamen Liebe.
Dschoygopal war sehr ärgerlich, wenn Nilmani schrie; daher suchte Sasi das Kind immer schnell zu beruhigen, indem sie es zärtlich an sich drückte und ihm liebkosend zusprach. Und wenn Nilmanis Schreien des Nachts Dschoygopal einmal im Schlafe störte und Dschoygopal gefoltert aufbegehrte und über das Kind schalt, so zitterte Sasi innerlich und fühlte sich gedemütigt und schuldig. Dann nahm sie das Kind auf ihren Schoß und setzte sich mit ihm in die entfernteste Ecke und schmeichelte es mit tausend zärtlich geflüsterten Liebesworten wie: „mein goldiger Schatz, mein Augenlicht, mein holdes Kleinod“ wieder in Schlaf.
Kinder zanken sich um hundert Kleinigkeiten. Sonst pflegte Sasi in solchen Fällen ihre Kinder zu bestrafen und ihres Bruders Partei zu nehmen, da er ja keine Mutter hatte. Jetzt veränderte sich mit dem Richter auch das Gesetz. Nilmani mußte oft unschuldig schwere Strafe erleiden, ohne daß Dschoygopal untersuchte, wer der Schuldige war. Dies Unrecht traf Sasi wie ein Dolch ins Herz; sie nahm ihren bestraften Bruder in ihr Zimmer und suchte, so gut sie konnte, mit Süßigkeiten und Spielsachen und durch Küsse und Liebkosungen sein gekränktes Herz zu trösten.
Je mehr Sasi Nilmani liebte, desto mehr ärgerte sich Dschoygopal über ihn. Und wiederum, je mehr Dschoygopal seine Abneigung gegen Nilmani zeigte, desto mehr badete Sasi das Kind in dem Nektar ihrer Liebe.
Und wenn Dschoygopal seine Frau rauh behandelte, so diente sie ihm mit schweigender Sanftmut und liebevoller Güte. Aber innerlich verletzten sie sich jeden Augenblick Nilmanis wegen.
Dies heimliche Aneinanderreiben bei einem solchen Konflikt ist viel schwerer zu ertragen als ein offener Zusammenstoß.