III

„WAS ist denn das, Kind, du willst doch nicht irgendwohin?“

„Doch, ich will nach Sitarampur.“

„Was denkst du dir denn? Wer soll dich denn begleiten?“

„Anath.“

„Nicht heute, mein Kind, ein andermal.“

„Aber die Kajüte ist schon belegt.“

„Was macht das? Der Verlust läßt sich leicht tragen. Reise morgen, morgen früh.“

„Maschi, ich glaube nicht an die Unglückstage des Kalenders. Was kann es schaden, wenn ich heute reise?“

„Dschotin möchte mit dir sprechen.“

„Schön, ich habe noch etwas Zeit. Ich will noch schnell einmal nach ihm sehen.“

„Aber du mußt ihm nicht sagen, daß du verreisen willst.“

„Gut, ich will ihm nichts sagen. Aber ich kann nicht lange bei ihm bleiben. Morgen ist das Annapraschan-Fest meiner Schwester, und ich muß heute reisen.“

„O mein Kind, ich bitte dich, höre doch dies eine Mal auf mich! Versuch, dich eine Weile ganz still zu fassen und setze dich zu ihm. Laß ihn nicht merken, daß du es eilig hast.“

„Was kann ich tun? Der Zug wartet nicht auf mich. Anath kommt in zehn Minuten zurück. Bis dahin kann ich bei ihm bleiben.“

„Nein, das geht nicht. In dieser seelischen Verfassung werde ich dich nie zu ihm lassen ... O du erbärmliches Geschöpf, der Mann, den du so quälst, wird bald diese Welt verlassen; aber ich warne dich: du wirst diesen Tag zeitlebens nicht vergessen. Daß es einen Gott gibt, daß es einen Gott gibt, das wirst du eines Tages erfahren.“

„Maschi, du mußt mich nicht so verwünschen.“

„O mein armer Junge, mein Liebling! Warum lebst du noch länger? Diese Sünde hat kein Ende, und ich kann nichts tun, sie zu hindern.“


Maschi zögerte noch eine Weile, dann ging sie ins Krankenzimmer zurück in der Hoffnung, daß Dschotin inzwischen eingeschlafen sei. Aber Dschotin bewegte sich im Bett, als sie eintrat. Maschi rief aus:

„Sieh einmal an, was sie nun gemacht hat!“

„Was ist geschehen? Kommt Mani nicht? Warum bist du so lange fortgeblieben, Maschi?“

„Ich fand sie bitterlich weinend, weil sie die Milch für deine Suppe hatte verbrennen lassen. Ich versuchte sie zu trösten und sagte, es gäbe ja noch mehr Milch. Aber daß sie bei der Zubereitung deiner Suppe so nachlässig hatte sein können, der Gedanke brachte sie ganz in Verzweiflung. Mit großer Mühe gelang es mir, sie etwas zu beruhigen und ins Bett zu bringen. Daher habe ich sie heute nicht mitgebracht. Laß sie ihren Kummer verschlafen.“

Obgleich es Dschotin schmerzlich war, daß Mani nicht kam, fühlte er sich doch in gewisser Weise erleichtert. Er hatte so halb und halb gefürchtet, daß die wirkliche Mani das Bild, das er von ihr im Herzen trug, trüben könnte. Das war schon früher geschehen. Und der Gedanke, daß Mani unglücklich war, weil sie seine Milch verbrannt hatte, füllte sein Herz mit überströmender Freude.

„Maschi!“

„Ja, mein Liebling?“

„Ich bin ganz gewiß, daß es mit mir zu Ende geht. Aber ich bin nicht traurig darum. Gräme dich nicht um mich!“

„Nein, mein Liebling, ich werde mich nicht grämen. Ich glaube nicht, daß nur das Leben gut ist, und der Tod nicht.“

„Maschi, du kannst mir glauben, der Tod ist süß.“

Dschotin lag still da und blickte hinaus in den dunklen Nachthimmel, und es war ihm, als ob es Mani selbst sei, die in Gestalt des Todes auf ihn zuschritt. Sie war in ewige Jugend gekleidet, und die Sterne waren Blumen, die die große Mutter der Welt segnend auf ihren dunklen Scheitel gestreut hatte. Es war ihm, als ob er sie jetzt wieder zum erstenmal unter dem Hochzeitsschleier sähe[3]. Die unendliche Nacht wurde ganz erfüllt von dem liebenden Blick aus Manis dunklen Augen. Mani, die Braut dieses Hauses, das kleine Mädchen, wurde zu dem Bild einer Gottheit, das auf dem Altar der Sterne thronte, wo Leben und Tod in einen Strom münden. Dschotin faltete die Hände und flüsterte leise: „Endlich hat sich der Schleier gehoben, die Hülle des tiefen Dunkels ist zerrissen. Ach, Geliebte! Wie oft hast du mein Herz gemartert, aber jetzt wirst du mich nicht mehr verlassen!“