VII
UND nun trat, obgleich die Flut hoch ging, eine Pause ein, als ob die steigenden Wogen nicht in Schaum zerfallen, sondern immer geschwellt bleiben wollten. Man sprach sich nicht in Worten aus, man ging nur vorsichtig einen Schritt vorwärts und wich dann zwei zurück. Alle schienen damit beschäftigt, ihre unerfüllten Wünsche wie Luftschlösser oder Sandburgen aufzutürmen. Sie waren blaß und stumm, ihre Augen brannten, ihre Lippen zitterten von unausgesprochenen Geheimnissen.
Der Prinz sah, was ihnen fehlte. Er rief alle Inselbewohner zusammen und sagte: „Bringt die Flöten und die Zimbeln, die Pfeifen und die Trommeln. Laßt sie allesamt ertönen und erhebt lautes Freudengeschrei. Denn Herz-Königin wird noch heute abend ihren Gemahl wählen.“
Und die Zehne und Neune begannen ihre Flöten und Pfeifen zu blasen; die Achte und Siebene bliesen ihre Posaunen und spielten ihre Bratschen, und selbst die Zweie und Dreie begannen wild ihre Trommeln zu schlagen.
Als dieser lärmende Sturm von Musik sich erhob, fegte er mit einem Stoß alles Seufzen und allen Trübsinn hinweg. Und nun, welch ein Strom von Lachen und Reden! Es gab kühnes Werben und spottendes Weigern und Plaudern und Schwatzen und Spaß und Fröhlichkeit. Es war wie das Zittern und Schwanken und Rauschen und Brausen von Millionen von Blättern und Zweigen tief drinnen im Urwald, wenn der Sommersturm hindurchfährt.
Aber Herz-Königin im rosenroten Gewande saß still im Schatten ihrer verschwiegenen Laube und horchte auf den tobenden Lärm der Musik und der Fröhlichkeit, der immer näher kam. Sie schloß die Augen und träumte ihren Liebestraum. Und als sie sie wieder öffnete, sah sie den Prinzen zu ihren Füßen sitzen und zu ihr aufblicken. Da bedeckte sie ihr Gesicht mit beiden Händen und wich zurück, in dem freudigen Aufruhr ihres Innern erzitternd.
Und der Prinz verbrachte den ganzen Tag allein, an der Küste des wogenden Meeres hinwandelnd. Er sah immer diesen erschreckten Blick, dieses Zurückbeben der Königin, und in seinem Herzen pochte die Hoffnung laut.
Am Abend warteten die buntgekleideten Reihen der Jünglinge und Mädchen dicht gedrängt und mit lächelnden Gesichtern vor den Toren des Palastes. Die Halle war feenhaft erleuchtet und mit Girlanden von Frühlingsblumen geschmückt. Langsam trat Herz-Königin ein, und die ganze Versammlung erhob sich, sie zu begrüßen. Einen Jasminkranz in der Hand, stand sie gesenkten Blickes vor dem Prinzen. In ihrer demütigen Schüchternheit konnte sie den Kranz kaum zu dem Nacken des Bräutigams, den sie gewählt hatte, erheben. Aber der Prinz neigte sein Haupt, und der Kranz glitt an seinen Platz. Die Versammlung der Jünglinge und Mädchen hatte in lautloser Spannung ihre Wahl erwartet. Und als sie gewählt hatte, brach ein Sturm toller Freude los und brauste durch die Halle und tönte über die ganze Insel hin bis hinaus zu den Schiffen weit draußen auf dem Meere. Niemals hatte es im Kartenkönigreich je solchen Jubel gegeben.
Und sie hoben den Prinzen und seine Braut auf ihre Schultern und setzten sie auf den Thron und krönten sie auf der Stelle – auf der alten Karteninsel.
Und die kummervolle Königin-Mutter auf der fernen Insel jenseits des Meeres kam in einem goldgeschmückten Schiffe zu dem neuen Königreich ihres Sohnes gefahren.
Und die Bürger werden nicht mehr von Regeln geleitet, sondern sind gut oder schlecht oder beides, je nach ihrer Itscha.
Fußnoten:
[1] Oberster einheimischer Verwaltungsbeamter.
[2] Entwöhnungsfest, wobei das Kind zum erstenmal Reis zu essen bekommt.
[3] Braut und Bräutigam sehen einander zum erstenmal bei der Hochzeitsfeier unter einem Schleier, den man ihnen übers Haupt wirft.
[4] Gemahlin Vischnus, Göttin des Glückes und der Schönheit.
[5] Witwen dürfen sich nur in Weiß kleiden, ohne jeden Schmuck.
[6] Der ältere Bruder.
[7] Es herrscht in Bengalen der Aberglaube, daß, wer den Namen eines Geizhalses ausspricht, an dem Tage nichts zu essen bekommt.
[8] Dschagannath heißt „der Herr der Welt“ und Dschagannasch würde heißen „der Verderber der Welt“.
[9] eine Art Plaid, das als Mantel um die Schulter getragen wird.
[10] Schulterschal.
[11] pūjā = gottesdienstliche Verehrung, wie sie Göttern oder auch Menschen, denen eine besondere Würde eignet, erwiesen wird.
[12] Yak oder Yakscha ist ein übernatürliches Wesen, von dem die altindische Sage und Dichtung berichtet. In Bengalen versteht man heutzutage unter einem Yak einen Geist, der einen Schatz zu bewachen hat, wie in dieser Geschichte.
[13] Mitte Oktober bis Mitte November.
[14] Wörtlich Bruderzeichen. Ein schöner und rührender Brauch bei den Hindus: die Schwester macht mit Sandelpaste ein Zeichen auf die Stirn ihres Bruders und spricht eine Formel aus, kraft deren sie „vor das Tor Jamas, des Todesgottes, eine Schranke setzt“ (d. h. ihm langes Leben wünscht). Bei dieser Gelegenheit bewirten die Schwestern ihre Brüder, machen ihnen Geschenke usw. (Anm. d. engl. Übersetz.)
[15] Eine Art Plaid, das als Mantel getragen wird.
[16] Vizekönig.
[17] Der Königin.
[18] Der von der Regierung gegen eine Pachtsumme angestellte Hauptpächter eines Landstriches mit dem Recht der Unterverpachtung.
[19] Der Gott der Ehe bei den Hindus.
[20] Ein gelehrtes Wort für Bücher.
[21] Die lieblich Plaudernde.
[22] Die lieblich Gelockte.
[23] Die lieblich Lächelnde.
[24] Stadt der Unterwelt.
[25] November–Dezember.
[26] Der göttliche Bildner in der indischen Mythologie.
[27] sudha bedeutet Nektar.
[28] Nach der Verlobung dürfen Braut und Bräutigam sich nicht wiedersehen bis zu dem Teil der Hochzeitsfeierlichkeit, den man als „glückverheißende Schau“ bezeichnet.
[29] Januar–Februar.
[30] Man zündet in den Kuhställen Rauchfeuer an, um die Moskitos zu vertreiben.
[31] Die Dienstboten in der Familie bezeichnen den Herrn und die Herrin als Vater und Mutter und die Kinder als ältere Geschwister.
[32] = älterer Bruder
[33] Bezieht sich auf eine Sage von einem Heiligen, der eine zahme Maus in einen Tiger verwandelte.
[34] Satisch eine Gattin zu suchen.
[35] „Zwiegeboren“ ist die Bezeichnung der drei oberen Kasten (Brahmanen, Kschatrijas und Vaischjas). Die Anlegung der heiligen Schnur bei der Einweihung gilt als zweite Geburt. (Anm. d. Übers.)
Anmerkungen zur Transkription:
[Seite 4]: „mit der größten Ehrfucht“ wurde geändert in „mit der größten Ehrfurcht“
[Seite 72]: „bald auf einer einzigen“ wurde geändert in „bald auf einen einzigen“
[Seite 110]: „Dschoygapal war sehr ärgerlich“ wurde geändert in „Dschoygopal war sehr ärgerlich“
[Seite 110]: „und fühlte sich gedehmütigt“ wurde geändert in „und fühlte sich gedemütigt“
[Seite 184]: „im Wald ererschlagen“ wurde geändert in „im Wald erschlagen“
[Seite 213]: „Innnern“ wurde geändert in „Innern“
Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Buchende an den Anfang versetzt.