Der Sünderwinkel

Der liebe Gott kann nicht gegen sein gütiges Herz. Er müßte ja sonst nicht der liebe Gott sein. Und so kam Leimhus trotz seines umfangreichen Sündenregisters schließlich doch in den Himmel.

Aber der Himmelsvater mochte ihn nicht gerade im Allerheiligsten behalten. Er ließ ihm abseits ein Plätzlein anweisen, das für den alten Sünder würdig genug erschien. Leimhus kam in die Ecke, wo Frevler ähnlichen Schlages der Läuterung unterzogen wurden und warten mußten, bis sie zu richtigen Engeln wurden. Damit hatte es bei vielen sehr lange Weile.

Gewissermaßen als Sündenspiegel war über der Pforte zu jenem schwarzen Winkel ein Schildlein angebracht. Und darauf stand zu lesen:

Fischefangen und Vogelstelln

Verdarb schon manchen Junggeselln.

Es waren aber nicht nur Vogelsteller und Forellenstecher dort. Holzdiebe, Finkenblender, Dohnensteller und Wildschützen machten die Runde voll. Und es traf sich, daß der Leimhus viele bekannte Gesichter aus dem Harzheimatland dort wiedersah. Als ob der Herrgott eigens für die oberharzischen Sünder einen besonderen Raum geschaffen hätte. Das war auch so. Und damit hatte es folgende Bewandtnis: Der liebe Gott hatte sie zuerst alle recht schief und böse angeguckt, als sie oben um Einlaß baten. Aber da er einsah, daß er eigentlich selbst Schuld war an ihren Vergehen, indem er sie unten auf der Erde in ein so verführerisches Stücklein Natur setzte, in welchem allenthalben die Hirsche springen und Vögel singen und der Wald wächst und in den Bächen die Forellen schnappen, – indem der Himmelsvater solcherlei Betrachtungen anstellte, drückte er ein Auge zu und hieß sie eintreten.

Er argwöhnte jedoch, sich mit den genannten Menschenkindern sozusagen Läuse in den Pelz zu setzen. Und da er ihren verderblichen Einfluß auf die übrigen Himmelsbewohner fürchtete, schuf er jene Ecke für die Waldsünder aus dem Harzheimatland.

Daß gemeinhin nur solche Landsleute in diesem Winkel aufgenommen wurden, hätte einer nicht nur aus dem bedenklichen Eingangsschild schließen können. Wenn er genau zusah, konnte er unter dem Spruch noch ein handschriftlich hinzugefügtes Sprüchlein entdecken. Das hieß folgendermaßen:

Es krine die Danne,

Es waxe das Aehrz,

Gott schenke Uns alle

Ein frehliges Hertz.

Der liebe Gott hatte zuerst wieder über diese Schmiererei schelten wollen. Doch dann lächelte er. Und er dachte: Ein feines Sprüchlein haben sie sich ausgesucht. Es liegt Heimatstolz und Heimatliebe darin. Sie ehren die Gaben, die du ihrer Heimat zudachtest. Und sie bitten um das Beste, das du Menschen schenken kannst: ein fröhliches Herz. Welche Lebensweisheit! Nicht Gut und Geld wünschen sie. Sie sind zufrieden mit dem Segen ihrer Berge und finden ihr Glück in der Fröhlichkeit des Herzens.

So dachte der liebe Gott und ließ das Sprüchlein bestehen. Und da er kein Kleinigkeitskrämer ist und nur das Herz ansieht, stieß er sich auch nicht an der mangelhaften Rechtschreibung. Der den Wahlspruch einstmals in einer Heimwehstunde hinkritzelte, hatte zu seinen Lebzeiten nur alle Sonnabende die Pochjungenschule besuchen können und wußte mit der Spitzhacke besser Bescheid denn mit der Feder. Er wollte kein Kunstwerk malen: nur seine Liebe ausschütten, wie sie in der Sprache der Heimat über seine Lippen kam.

Der Sünderwinkel war vom Herrgott nicht als Verdammungsort gedacht. Er sollte eine Läuterungsklause sein. Nicht alle, die hier ihren Platz angewiesen bekamen, blieben darin. Nur die Hartgesottensten waren seßhaft. Da die Ecke aber nie leer wurde, tuschelte man im ganzen Himmel, jeder geborene Oberharzer müsse zu seinen Lebzeiten entweder Wildschütz, Holzfrevler, Fischdieb oder Vogelsteller gewesen sein. Manche alles das zusammen.

Leimhus hoffte, im Sünderwinkel auch seinen alten Hausgenossen Jagder anzutreffen. Aber der Jagder befand sich bereits in einer geweihteren Ecke, die dem Allerheiligsten schon näher lag. Er hatte dort mit vielen anderen Invaliden, die einstmals als Zeichen Schlägel und Eisen oder die Wolfsangel führten, ein geruhsames Feierabendstüblein inne.

So mußte sich Leimhus in dem übriggebliebenen Kreis umtun. Er hielt sich zu denen, die auf der Erde selten das Vaterunser gebetet haben und denen trotz ihres jetzigen himmlischen Aufenthalts immer noch kein Heiligenschein wachsen wollte. Man sollte es nicht für möglich halten, welch’ stattliche Zahl alter Knaben dort sitzen geblieben waren. Ein Schuster hockte dort, der vor Zeiten das traurige Geschäft des Finkenblendens im Bergstädtchen zu besorgen hatte. Sogar ein paar Schnapphähne aus dem Dreißigjährigen Kriege räkelten sich da noch herum. Sie wollten Angehörige des ehrsamen Fähnleins der Harzschützen gewesen sein, hatten aber in ihrem Heimatland genotzüchtigt und gebrandschatzt wie die Tillyschen selbst. Das hat ihnen der Herrgott arg ins Kerbholz geschnitten. Denn wer seine Heimat nicht lieb hat oder ihr gar Schaden zufügt, verdient keine Gnade.

Dieser anrüchigen Runde also ward Leimhus zugewiesen.

Glickauf, sagte er und trat ein.

Als er das anzügliche Schild über dem Sünderwinkelspförtlein gelesen hatte, vermutete er, an den richtigen Ort geraten zu sein. Dennoch fragte er verlegen: Kumm ich hier racht? Dr liewe Gott hot mich hierhar beordert. Ich hääß Leimhus. Net von Rachts wahng. Aber mich hahnse unten su getääft.

Herrejeses! Do is ju dr Leimhus! – riefs ihm aus der Runde entgegen. Kumm mant rein. Dis is die Bucht for die Ewerharzer. Du host grod noch drinne gefahlt! Ober dos Vugelbauer loß mant draußen. Zessing un Haneflige warn in Himmel net geschtellt!

Un ahch käne Gimpels rut ahngeschtrichen! stichelte einer. Jetzt erst bemerkte Leimhus, daß er richtig noch einen Käfig in der Hand hielt. Er stellte ihn an der Pforte nieder und ward, ehe er die vielen Bekannten mit Handschlag begrüßen konnte, am Eingang von einem eisgrauen Männlein zurückgehalten. Das war ein Stadtschreiber gewesen. Der veruntreute vor langer Zeit im Bergstädtchen Witwengelder. Dieser schändlichen Sünde wegen hatte er schon mehrere Menschenalter lang ruhelos auf Erden umgehen müssen. Die Bergstadtleute erzählten sich gruselige Geschichten von ihm. Nun aber bekleidete er seit ein paar hundert Jahren den Posten eines Pförtners im Sünderwinkel. Er zählte auch zu denen, denen es nicht gelang, eine Stufe im Himmel höherzurücken. Zu seinen Obliegenheiten gehörte es, das Wer und Woher aller derer zu buchen, die in den Sünderwinkel verdammt wurden. Leimhus gab auf alle Fragen rechtschaffen Antwort. Als der Stadtschreiber aber fragte: Vorstrafen? da hatte Leimhus leider nicht so viel Finger an den Händen, um die richtige Zahl nennen zu können. Das Stadtschreiberlein mit dem weiten Gewissen merkte die Verlegenheit des Sünders, steckte den Federkiel hinter die Ohren und ließ den Neuankömmling eintreten, ohne alle Spalten in seinem Lebensbuch vorschriftsmäßig auszufüllen.

So zog Leimhus beglückt ein in das Gefilde der Halbseligen, froh, endlich zur Ruhe gekommen zu sein. Es war peinlich gewesen, mit schwarzer Seele zwischen allen Heiligen und Seligen hindurch den Weg in diese Ecke suchen zu müssen. Und ausgerechnet mußte er auch den Vogelkäfig in der Hand behalten haben! Nun verstand er erst, weshalb die Engelsbuben so hinter ihm hergekichert hatten.

Er argwöhnte nichts hinter diesem Lachen, weil er ganz in Gedanken und Träumen versunken war. Während er auf verschlungenen Himmelspfaden dahinschlenderte, hatte er nämlich Betrachtungen darüber angestellt, von welcher Art von Vögeln die Engel alle ihre Flügel hergeliehen hätten. Mit wehmütiger Freude erkannte er Finken- und Stieglitzenflügel, solche von Drosseln, Krammetsvögeln, Kreuzschnäbeln, Zeisigen und Bachstelzen. Er sah Hägerflügel, Ringeltaubenflügel, Bussardflügel und Flügel vom Taubenkrümmer. Die Engelsbuben trugen meist Zaunkönigsflügel oder grüne und blaue vom Blaumüllerle. Just als Leimhus ein paar wunderschöne Seidenschwanzfittiche bewundern wollte, war er am Ziel seiner Pilgerfahrt.

Er wurde in der neuen Umgebung schnell warm. Die Geistesverwandten sonderten sich ab und hockten zusammen. Es waren alle diejenigen, denen es in den Augen flackert und die man im Harzheimatland »Fatzen« oder »schlachter Dingerich« zu benennen pflegte. Es begann eine kurzweilige Unterhaltung unter ihnen. Sie tauschten ihre Erinnerungen aus. Jeder hatte davon ein mehr oder minder volles und mehr oder minder schwarzes Sündenköfferlein bei der Hand. Man kann nicht sagen, daß es himmlische Reden gewesen wären, die da geführt wurden. Um jedoch nicht ungebührlich zu erscheinen, geschah jede Unterhaltung im Flüsterton. Und wenn sie lachten oder feixten, steckten sie aus dem gleichen Grunde die Köpfe unter den Tisch. Das taten sie nun recht häufig, wie es von verstockten Sündern nicht anders zu erwarten ist. Sie hatten ihre erdenhafte Art noch nicht abgestreift. Der alte Adam in ihnen kehrte sich immer wieder heraus. Dann flogen ihre Gedanken ins Harzheimatland hinab. Ach, wenn sie hätten hinterherspringen können! Die himmlischen Ambrosiawölklein wandelten sich ihnen zu Harz- und Fichtennadeldüften. Sie zogen sie in durstigen Zügen ein. Das Bergmenschenblut wurde warm. Ihre Augen blitzten, und jeder erzählte von seinen erlaubten oder unerlaubten irdischen Abenteuern, prahlte mit Streichen und Schabernäcken, Boshaftigkeiten, Schlechtigkeiten, Tücken und just mit allem, was auf der Erde nicht hätte laut werden dürfen, geschweige denn im Himmel. Sie logen, daß sich im Harzheimatwald die Fichten bogen. Einem Trumpf folgte immer ein noch besserer. Der Herrgott hatte schon die Richtigen in den Sünderwinkel geschickt!

Schließlich war die Reihe an Leimhus, aus dem Kistlein seiner Erinnerungen auszupacken. Vom Vogelstellen im allgemeinen zu hören, war seinen Himmelskumpanen zu langweilig. Sie hatten diese Kunst mehr oder weniger alle geübt. Sie wollten es auch nicht glauben, daß Leimhus an einem Morgen zweihundert Zetscher gefangen und acht Tage weiter nichts als Zetscher gegessen habe. Er schlug seine Zuhörer erst wieder in Bann, als er vom Finkenfang erzählte.

Härt zu, begann er.

Nun hatten aber viele der Sünderwinkelsleute schandbarerweise ihre oberharzische Sprache verlernt. Zudem wird im Himmel gemeinhin nur Hochdeutsch gesprochen, weil das nicht so grob klingt. Und so fuhr Leimhus fort: Hört zu! (Das ö fiel ihm sehr schwer!)

Was Ihr alles vorgebracht habt, ist schön. Ich glaube Euch aber nur die Hälfte. Ihr meint, Finkenfangen wäre eine leichte Sache. Ihr irrt Euch. Jedenfalls ist es leichter, einer Wittfrau sechs Meter Holz zu stehlen oder den Schießer in der Grube um ein Paket Dynamitpatronen zu betrügen. Und mit Dynamit zu fischen, ist eine Gemeinheit und keine Kunst. Schwerer ist es schon, dem Oberförster die Forellen vor der Haustür wegzufangen. Ist aber auch kein Kunststück. Und ein Stück Wilpert schießen und hinterher drei Meineide schwören, auch nicht. Wenn aber einer im Wald einen guten Finken ausgemacht hat und ganz genau diesen bestimmten Finken und keinen beliebigen andern auf die Leimrute bringt, – ich sage Euch, wer das fertigbringt, der kann was.

Und nun begann Leimhus vom »Finkenstandern« und von den Finessen des Finkenfangs zu erzählen. Er mußte dabei notwendigerweise von einigen teuflischen Tierquälereien berichten. Aber er kam mit seiner Erzählung nicht zu Ende. Man war im Sünderwinkel belauscht worden. Dem Leimhus blieb das Wort im Munde stecken: der himmlische Ordnungshüter trat herein. Der Finkensteller verbarg das Gesicht. Ausgerechnet er mußte wieder als Sündenbock entlarvt werden. Als wenn ihn das Mißgeschick auch im Himmel verfolgte! Er war froh, nicht die allerschlechtesten Schlechtigkeiten ausgekramt zu haben. Eine Strafverfügung kam allerdings doch:

Der weiland Vogelsteller Leimhus wird verurteilt, zur Sühnung sündiger Taten und behufs endlicher Besserung bis auf Widerruf wie ein Lockfink an einen Pfahl gebunden zu werden.

Seitdem ists im Sünderwinkel sehr still und sittsam geworden. Und mit dem Finkenfang im Harzheimatland ists auch nichts mehr. Die Vogelsteller fürchten, im Himmel Leimhusens Verdammnis teilen zu müssen. – Die Finken aber singen seither viel lustiger.