Die Skihütte

Sie liegt verschlafen im Bergwald.

Es ist nur eine kleine Gemeinde, die den verlorenen Pirschsteig zu ihr zu finden weiß. Im Sommer kommen ein paar Holzhauer hinauf. Sie bleiben nicht lange. Ein paar Tage weht das blaue, fichtennadelduftende Rauchfähnlein ihres Lagerfeuers um die Hütte. Dann ziehen sie wieder hinab. Und manchmal kehrt zu kurzer Rast der Förster bei ihr ein. Stille Gäste, die vom Bergwald das Schweigen lernten wie die Hütte selbst.

Sie hat keinen großen Namen. Und das ist gut. Ihr Zauber ist ihre Verborgenheit, ihre Schönheit die Einsamkeit. Der Bergwald umschmiegt sie mit Dunkel und hütet sie wie ein Berggeheimnis. Sie ist mit ihm verwachsen. Sie lebt sein verschwiegenes Leben mit ihm und kennt alle seine heimlichen Regungen.

Mit leisem Tritt umschleicht der Marder ihr Gemäuer. Im Holze bellt der Fuchs. Waldmäuslein rascheln im Grase: die Hütte vernimmts. Sie hört der Zippe schwermütige Melodien, den Lockruf des Schwarzspechtes, des Auerhahns klatschenden Flügelschlag. Fink und Meise und Goldhähnchen halten gute Nachbarschaft mit ihr. Und wenn die Quitschen vor ihrer Tür zu leuchtenden Korallen werden, kommen Krammetsvogel, Weindrossel und Dompfaff zu festlichem Schmaus. Dann wird’s Herbst. Der Wind im Wald singt in rauheren Tönen. Schneegänse ziehen über die Höhe. Im Forste schreit der Hirsch. Wenn er Winter wittert, führt er sein Rudel talab. Dann wird’s still um die Hütte. Die Fichten triefen von Regen und Nebel. Die Flechtenbärte an den Zweigen und Stämmen hängen in trübseligen Strähnen herab. Und trübselig guckt die Hütte drein. Über den Wald hin braust das Sturmlied des Windes. Wenn er es zu arg meint, rackelt es unwirsch an den Fensterläden der Hütte. Sie gähnt und träumt von warmen Sommernächten und Eulenruf und Unkenläuten im Wald.

Wenn die weißen Flocken vom Himmel wirbeln, geht ein heimlicher Zauberer durch den Bergwald. Der hat seinen Zauberstab auch über das Hüttlein geschwungen. Alle Traurigkeit ist aus seinem Gesicht geflohen. Wie freundlich es dreinschaut! Flugs hat es das schwarze Teerdach mit einer Glitzerdecke zugedeckt. Der Schornstein bekommt eine frischgeweißte Halskrause und das Blechdeckelchen auf dem Rauchrohr ein blitzsauberes Hütchen. Auf jede Türangel, jeden Balkenvorsprung wird ein Häuflein Schnee gestreut. Die Hütte versteht es, sich festlich zu schmücken. Sie will dem Bergwald nicht nachstehen. Sie hat frohen Besuch zu erwarten. Die Skiläufer kommen. Ihnen zu Ehren muß alles wohl gerüstet sein. Schnell wird noch der Hexenmeister Wind bestellt. Er pustet mit säuberlichem Gewehe einen strahlenden Marmorhof um die Hütte. Nun ist alles wohlbereit und zum Empfang hergerichtet.

Die Gäste mit den langen Brettern lassen nicht lange auf sich warten. Kommt nicht dort vom Fichtenhang schon der erste her?

Ein Einsamer ist’s. Mit schönem Schwung hält er vor der Hütte. Er schnallt die Bretter ab und steckt den Hüttenschlüssel in das rostige Schloß. Das Knarren des Riegels scheint ihm Musik zu sein. Er lächelt. – Durch die offene Tür fällt blendende Helle in die dunkle Heimlichkeit des Hüttenraums. Das Hüttenmäuslein fährt erschreckt zusammen und weiß vor Entsetzen nicht, wohin es soll. Der einsame Skiläufer tritt den Schnee von seinen Füßen. Die Hütte gibt das Echo seiner Tritte zurück. Das ist ihr Willkommengruß. Er wirft den Rucksack ab und stößt die Fensterläden auf.

Wie stille ist der weiße Wald, wie stille die Hütte! Und diese große Stille rings wirkt wie eine erlösende Entspannung auf den Hüttengast. Er setzt sich, muß ein Weilchen die Augen schließen. Und wieder lächelt in seinem Gesicht ein Glück. Wie bei einem, der nach Hast und Unrast den Frieden gefunden hat, den ihm der Alltag nicht gab. In der Hütte fand schon mancher seinen Frieden.

Nun prasselt es lustig im Hüttenofen. Im Topfe brodelt Schneewasser. Das Hüttenbrünnlein schläft unter Eis und Schnee. Teeduft weht über das flackernde Talglicht hin und mischt sich mit blauen Tabakwölkchen. Die Hütte beherbergt einen frohen Menschen. Er reckt sich in behaglicher Ungebundenheit, qualmt sein Pfeifchen und träumt. Wo träumt sich’s schöner als hier? Und wo läßt sich’s besser schlafen als nachher auf harter Hüttenpritsche!

Gemach verlöscht das Feuer im Ofen. Verglühende Scheite bersten. Das Hüttenmäuslein wagt sich wieder hervor. Warmgewordene Balken knacken. Von draußen klingt wie fernes, leises Rauschen das Lied des Windes überm Wald …

Druck F. A. Lattmann

in Goslar am Harz

Weitere von Reinecke-Altenau geschmückte Bücher unseres Verlages:

Vom grünen Rauschen

Ein Buch vom Oberharz

von Bernh. Flemes

mit Zeichnungen von Reinecke-Altenau

Preis karton. 1.50 M., gebd. 2 M.

Ein wahrhaft deutsches Buch, das in seiner Art nicht seinesgleichen hat. Ein echter Poet hat in diesem feinsinnigen Wandernotizbuch das Wesen des Oberharzes dargestellt. Dem Dichter, der Verborgenes und Wesentliches zart und fest umspannt, gesellt sich der gleichgesinnte hannoversche Künstler Reinecke-Altenau prächtig ergänzend bei mit seinen der Natur abgelauschten Stimmungsbildern, die in ihrer Echtheit den Harzcharakter wiedergeben, wie er sich in den Dichtungen offenbart. So entstand ein bisher nicht dagewesenes Buch vom Oberharz, reich an Empfinden und Schönheit.

Strom und Hügel

Ein Buch vom Weserbergland

von Bernh. Flemes

mit Zeichnungen von Reinecke-Altenau

Preis karton. 2 M., gebd. 2.75 M.

Das Weserbergland mit seinem Formenreichtum der Höhen und Täler, seinen köstlichen Baudenkmälern in Städten und Flecken ist wenigen Kennern nur vertraut. Unter ihnen steht der Verfasser unsres neuen Buches, der auch der Autor des erfolgreichen Oberharzbuches »Vom grünen Rauschen« ist, an erster Stelle. Er hat sein Heimatland in vielen Jahren bis in die letzten Winkel durchwandert; er hat die Gabe des besonderen, nur ihm eigenen Ausdrucks für diese seine Heimatliebe, für die besondere Seele dieser Landschaft. Der hannoversche Künstler Reinecke-Altenau erweist sich hier wiederum als ein guter Geselle des Dichters, indem er in feinsinniger Weise dessen Werk ergänzt.

Verlag F. A. Lattmann, Goslar am Harz

Weitere Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.