Schpinne
Weiß der Himmel, wie sich der gute Alte diesen Spitznamen erworben hat!
Die Spitznamen im Bergstädtchen sind nicht immer Liebkosungen. Sie verlieren zwar mit der Zeit Sinn und Ätze. Kein Mensch denkt sich etwas dabei. Aber sie bleiben an ihrem Träger haften wie Vogelleim und erben sich fort auf Kindeskind.
Wenn einer damals in der Bergstadt nach Herrn Karl Riese gefragt hätte, wäre er lange irre gegangen. Und die Bergstadtleute hätten die Gegenfrage gestellt: Welchen Riesen meinen sie, den, den, den oder den? Fünfe, sechse, hätten sie hergezählt und an jeden ehrsamen Namen Riese ein Anhängsel mit Eigenprägung gehängt, das sie alle säuberlich auseinanderhielt.
Hätte darum der Fremdling gefragt: Wo wohnt der Riesen-Schpinne? dann würde das eine eindeutige Frage gewesen sein, die über den Gesuchten keinen Zweifel übrigließ. Und jedes Kind auf der Gasse wäre mit dem Bescheid zur Hand gewesen: Beim Bruch-Guste!
Das war nun freilich auch noch keine klare Ortsbezeichnung. Aber der Bruch-Guste ihr Haus war leicht zu finden.
Von der Straße im Tal zweigt sich ein Gäßchen ab. Es hupft mit einer klapprigen Holzbrücke über einen Bach und will hinauf zur Straße am Berg. Das Gäßchen muß aber einen Winkel machen. Denn just hinter der Brücke steht ihm das Haus von der Bruch-Guste im Wege. Das steht dort ganz allein und betrachtet aus seiner Zurückgezogenheit mit stillem Schmunzeln die Hinterseiten der Häuser auf der anderen Seite des Baches. Mit einem Auge kann es gerade noch durch die Gasse zur Straße gucken. Neben dem Steintritt mit der hölzernen Bank läßt ein Brünnlein sein Kristallwasser in einen uralten Eichentubben pladdern.
Dies Haus gehörte der Bruch-Guste.
Dem Zufall, daß es an einer bruchigen Wiese stand, verdankte seine Eigentümerin ihren Beinamen.
In dem Haus am Bruch trieb die gute Frau Guste eine fleißige Milchwirtschaft. Es roch dort immer nach Buttermilch und Molken. Wenn die auf die Diele führende Stalltür offen stand, wehte warmer Stalldunst dazwischen. Dieser Mischduft gehört in meiner Erinnerung untrennbar mit jenem Haus zusammen, in dem eine Treppe hoch mein Freund Riesen-Karel, genannt Schpinne, zur Miete wohnte.
Seine Stube war, wie die meisten Bergmannsstuben im Bergstädtchen, halb Gebrauchszimmer, halb unantastbare kalte Pracht.
Die Alltagshälfte lag im warmen Bereich des Ofens. Im Ofenwinkel stand das schwarze Waschbecken aus Gußeisen. In dieser Ecke geschah nach vollendeter Schicht die gründliche Reinigung vom Schmutz der Grubenarbeit. Dann wurde das gestreifte flanellene Arbeitshemd an den Ofen gehängt und mit Feierabendshemd und Kamisol vertauscht. Auf der anderen Seite des Ofens, wo der Eßtisch seinen Platz hatte, wartete währenddem schon der Kaffee mit der eingebrockten Semmel. Zum Eßtisch gehörten zwei Bretterstühle. Die paar Rohrstühle in der guten Stubenhälfte wären für den Eßtisch zu schade gewesen.
Überhaupt diese Sonntagshälfte!
Die Mutter Riesen hielt auf peinlichste Ordnung in ihrem Schmuckkästlein. Es war kein Fältchen in der Kommodendecke. Die Kalkspat- und Zinkblendedrusen darauf und die Glaskugeln hatten immer den gleichen Platz. Die Lichtbildständer auf dem runden Sofatisch mußten ihre Füße immer genau in dieselbe Stelle der Damastdecke drücken. Und die Mutter Riesen hätte nicht schlafen können, wäre nicht der Kattunüberzug über dem Sofa nach jedem Feierabendschläfchen des Alten erst wieder säuberlich glattgezupft worden.
Zwischen ein paar Sechser- und Achtergeweihen an der Wand tackte eine Schwarzwälderuhr. Der Schatten ihres Messingpendels tupfte an den Kerbschnittrahmen eines vergilbten Soldatenbildes, an dem eigentlich nur noch ein roter Uniformkragen und zwei schwarze Augenpunkte deutlich geblieben waren. Das war das Rekrutenbild meines alten Freundes.
70 ist er mit nach Frankreich gewesen. Auch Anno 66 hat er mitgemußt. Aber die Preußenkugeln hörte er nicht pfeifen. Sein Marsch nach Langensalza fand frühzeitig ein Ende. Wenn er damals für sein Hannoverland keine Lorbeeren pflücken konnte, blieb er ihm doch im Herzen treu. Zuweilen versuchte er mit invaliden Knochen noch einmal einen preußischen Parademarsch. Aber seine Gedanken verloren sich dabei zurück in seine Soldatenzeit unter dem blinden König. Da ging es lustig zu, wenn in den Heidemanövern die »Attolerie« mit »grasgriene Äppel« schoß, – wahrhaftigen Gott! Des Alten Augen leuchteten. Und wie lautgewordenes Erinnern summte die alte hannoversche Soldatenweise durch seinen Bart: »O Hannes, wat ’en Haut!« Wenn die Rede auf 66 kam, grollte er. Es blieb kein gutes Haar an den Preußen. Als der Urheber des Unglücks aber galt für ihn unumstößlich der General Manteuffel. »Wenn dar verfluchte Manteiffel net gekumme wär!«
Um Langensalza wob er eine strahlende Gloriole. Der Ort hatte etwas Heiliges für ihn, von dem er nur in Verehrung sprach. Aber immer und immer wieder flackerte in seine Welfenandacht der Name Manteuffel hinein wie ein rotes Tuch, das seinen Haß herausforderte.
Da mochte er ein anderes und wirkliches rotes Tuch lieber. Das war sein Scheibenweiserrock. Der Alte bekleidete bei der Schützenbruderschaft den löblichen Posten eines Scheibenweisers. Wenn er Sonntag nachmittags den roten Rock angezogen hatte und die weiße Hose dazu, sah er prächtig aus. Zur Uniform gehörte eine schwarzsamtene Parforcejagdmütze. Und wenn der Alte noch lange Lackstiefel getragen hätte, hätte man ihn für einen richtigen Parforcereiter halten können. Die krummen Beine freilich und der Struppelbart wollten nicht recht zu der stolzen Tracht taugen. Aber diese Umstände taten meiner Bewunderung für meinen Freund keinen Abbruch. Es war immer ein kleiner Festzug, wenn im Sommer die beiden Scheibenweiser Sonntag für Sonntag die funkelnagelneuen Scheiben vom Tischler holten und im Trommeltakt des Schützentambours zu den Scheibenständen zogen. Abseits von jedem Stand lag ein Steinhäusel für die Scheibenweiser. Wenn die Scheiben befestigt und Pflockkasten und Nummerntafeln an Ort und Stelle gebracht waren, verkrochen sich die Scheibenweiser in ihrem steinernen Unterschlupf wie Mauerspinnen.
Manchmal durfte ich mit ins Scheibenweiserhäusel. Diese Gunst machte mich stolz und glücklich.
Kinder schöpfen ihr Glücklichsein aus bescheidenen Dingen. Wenn ich mich in der Erinnerung zu meinem rotrockigen Freund ins Scheibenweiserhäusel zurückversetze, wirds mir warm ums Herz. Ein Spürlein Glück blieb hangen. So muß es echt gewesen sein.
Und ich kam mir sehr wichtig vor, wenn ich dem Alten einen Holzpflock, eine Nummerntafel zureichen durfte. Wenn ein Schuß fehlgegangen war, winkte er pfiffig ab. Konnte er aber eine 20 anhängen, schwenkte er mit einer Großartigkeit ohnegleichen seine Mütze. Tupp-tupp-tupp wurde schnell das Loch zugeklopft. Dann gings im Laufschritt zurück ins Häusel. Hinter den krummen Beinen wehte der Rockschoß wie eine rote Fahne.
Als diese Beine zum Laufen zu alt und der Atem zu kurz geworden waren, zog mein Freund die Scheibenweisermontur aus und verschlief seine Sonntagnachmittage daheim auf dem Kanapee.
Des Alltags aber war er der unermüdliche Schaffer in meinem Vaterhause. Es war nichts in Hof und Haus, an dem seine Hand nicht half. Und was er schuf, schuf er mit der Treue und Verläßlichkeit der Alten.
Sein eigenstes Reich war unser Holzhof.
Ich sehe ihn noch mitten zwischen Bergen geschnittener Scheite. Ich höre bei jedem Niedersausen der Axt oder des eisernen Fäustels ein hechelndes »hach, hach!« Und höre das knatternde Auseinanderbersten knorriger Stuken. Ein gottverdammter Fluch folgt, wenn die Keile nicht anziehen wollen und sich festbeißen in widerspenstigen Wurzelknorren.
Von Zeit zu Zeit wendete er den Kopf zur Seite.
Prtsch! gings dann.
Das Priemen war des Alten einzige Leidenschaft. Das »Priemelbichsel« in seiner Westentasche, das so harzig war wie die Weste selbst, bildete sein Heiligtum. Er hätte es nicht missen können. Wenn er in die Westentasche griff, das einstige Pomadenbüchslein hervorzog und mühsam ein Endchen von der schwarzen Rolle abbiß, ging ein Behagen über sein Gesicht. »Wos muß der Mensch han!« Prtsch! Eher konnte er schon auf den Branntweinbuddel verzichten, den er heimlich in der Holzbanse versteckte. Von Zeit zu Zeit, wenn die Kehle zu trocken war vom Holzstaub, – und Holzhacker haben gemeinhin trockene Kehlen, – tat er einen geschämigen Schluck. Er vermißte den Nordhäuser nicht. Aber alle Vierteljahr einmal wurde der Alte schwach. Dann blitzten die kleinen schwarzen Augen noch feuriger unter dem Schirm seiner Baschlikmütze her. Das waren die Stunden, wo der Alte gern einmal wieder Parademarsch machte und sein Herz wieder jung wurde …
Dies gute, treue Herz, das so lebensfrisch klopfte in der invaliden Bergmannsbrust: »Junge, ich, – ich schterb noch lange net!«
Und ist doch bald gestorben.
Als ich von seinem Tod erfuhr, war ich in der Fremde. Die Nachricht zerriß etwas in mir. Das blutete und schmerzte. Ich floh die Enge gleichgültiger Menschen. Auf einer Waldhöhe fand ich mich wieder. Einsamkeit war um mich her. In duftblauer Ferne weit hinten lagen die Harzheimatberge.
In der Stunde, wo sie meinen alten Freund zu Grabe trugen, habe ich seinen Namen in die Rinde einer Wetterbuche geschnitzt … Fremder ist mir die Fremde nur noch einmal gewesen: als man im Maienmond darauf auch meinen Vater begraben hatte.