Welja an Peter

Kremskoje, 11. Juni.

Lieber Peter! Sei morgen oder übermorgen zu Hause, wenn du einen historischen Augenblick erleben willst. Unser treuer Iwan ist mit dem Automobil in den Graben gefallen, was von ihm auf die Tücke des Vehikels, von uns auf die des Branntweins geschoben wird. Da er nebst Automobil mehrere Stunden im Graben gelegen hat, war er ziemlich nüchtern, als er heimkam, und die Streitfrage ist nicht mehr zu entscheiden. Das Automobil hat mehr gelitten als er, es sieht aus wie eine Schildkröte ohne Schale; laufen kann es aber. Mama war ganz zufrieden mit dem Ergebnis und fand, wir möchten es so lassen, bis Iwan ganz erprobt wäre, damit er uns nicht auch noch in den Graben führe. Papa hingegen sagte, in diesem Zustande könnte er das Automobil nicht auf die Straße lassen, auch wenn niemand als Iwan darinsäße, das würde seinem Ansehen schaden, es wäre geradeso, als ob seine Töchter mit durchlöcherten Kleidern ausgingen. Hierdurch überzeugt, beschlossen wir, daß das Automobil repariert werden müsse, und Lju hat sich erboten, das Wrack in die Stadt zu fahren und das Nötige zu veranlassen. Jessika will gern mitfahren, aber Lju will es nicht, weil es bei dem schadhaften Zustande nicht sicher wäre. Seitdem geht sie mit einem wehleidigen Gesicht herum; denn sie ist natürlich in Lju verliebt. „Natürlich“ sage ich, weil in einen Mann wie Lju, dessen Willenskraft jedes Atom seiner Materie durchdringt, sich alle verlieben müssen. Mir ist eigentlich alles einerlei, sogar wenn ich verliebt bin, ist es mir im allertiefsten Grunde einerlei, ob ich sie habe oder nicht.

Auch das hat einen gewissen Reiz für manche Frauen; aber das wahrhaft Unwiderstehliche ist der Wille. Niemand kann dagegen an, es ist die Schwerkraft der Seele. Lju hat in bezug auf alles einen bestimmten Willen. Ich hielte eine solche Lebensweise nicht ein Jahr lang aus, und er treibt es schon achtundzwanzig Jahre so und wird wahrscheinlich sehr alt werden. Ob er sich für einzelne Frauen auf die Dauer interessieren kann, bezweifle ich; die Vielweiberei müßte für ihn eingeführt werden. Er würde sich nicht viel um sie bekümmern, aber an einem Satz, den er mal im Vorbeigehen fallen ließe, würden sie wochenlang saugen und damit zufrieden sein. Also er wird Deiner Mutter einen Besuch machen, sieh Dir ihn an!

Welja.

Lju an Konstantin

Kremskoje, 11. Juni.

Lieber Konstantin! Ich komme morgen oder übermorgen nach Petersburg und rechne darauf, Dich zu treffen. Es handelt sich um die Einrichtung der Schreibmaschine, worüber ich am liebsten mündlich mit Dir verhandeln will; sie kann explosiv wirken oder mit einem Revolverschuß geladen werden. Im letzteren Falle würden wir aber nicht sicher sein, ob die Kugel ihr Ziel träfe. Ich werde sie demnächst unter dem Vorwande einer Reparatur an die Fabrik schicken, wo sie gekauft worden ist. Sie muß dorthingehen und von dort zurückexpediert werden, damit bei einer späteren Untersuchung keine Spur zu mir führt. Deine Sorge muß es sein, daß sie nicht abgeht, ohne zu unserm Gebrauch eingerichtet zu sein; also wirst Du über einen Angestellten der Fabrik oder über einen Angestellten der Bahn verfügen müssen. Es eilt nicht, Du kannst Deine Vorkehrungen mit ruhiger Ueberlegung treffen.

Lju.

Jessika an Tatjana

Kremskoje, 12. Juni.

Geliebteste Tante! Ich wollte Dich gern besuchen, aber ich soll nicht! Ich wäre so gern mit dem zerfetzten Automobil bei Dir vorgefahren, gerade weil es so schrecklich kaput ist. Denke Dir, ich hätte mich so hübsch wie möglich gemacht und wäre aus dem zersplitterten Kasten herausgestiegen wie eine Dryade aus einem hohlen Baumstamme. Und vor allen Dingen, ich hätte Dich gesehen, ich hätte meinen Charakter an der schweren Aufgabe gestählt, Deine blühenden Wangen, Deine mit dem Schmelz ewiger Jugend gepuderte Haut neidlos zu bewundern. Meine Wangen sind, fürchte ich, augenblicklich blaß und tränennaß, so enttäuscht bin ich, daß ich nicht mitfahren kann.

Wir werden nun ohne Beschützer sein, Tante. Ich habe vorgeschlagen, wir drei könnten Tag und Nacht Fangen ums Haus spielen, dann könnte sich gewiß niemand ungesehen ins Haus einschleichen. Der gute Welja war auch bereit dazu, aber Katja nicht; sie sagte, sie wäre doch kein Kind mehr! Lju bringt Dir diesen Brief. Laß Du Dich unterdessen von ihm beschützen, wenn Du es auch nicht nötig hast.

Deine Jessika.