Das Volk, seine Sitten und Gebräuche, Handel und Industrie.

Physischer Charakter des Volks. – Die Juden oder Falaschas. – Muhamedaner. – Gamanten. – Heidnische Ueberreste. – Waito. – Die Sprachen Abessiniens. – Literatur und Malerei. – Charakter und Sittenlosigkeit der Abessinier. – Blutrache. – Justiz. – Aberglauben. – Das Verzehren von rohem Fleische. – Nahrungsweise. – Krankheiten und Aerzte. – Kleidung. – Industrie und Handel.

Abessinien, von der Natur zur Bühne eines einheitlichen Lebens geschaffen, durch seine Felsenwälle streng abgeschieden von den Nachbarländern, ist dennoch der Sitz verschiedener Völkerstämme und Nationalitäten, die keineswegs immer miteinander harmoniren und auch sprachlich voneinander geschieden sind. Einzelne versprengte, angesessene oder später eingedrungene Stämme abgerechnet, gehören die Abessinier dem äthiopischen Zweig der semitischen Rasse an. Die Mehrzahl der Bevölkerung ist ein schöngeformter, mittelgroßer Menschenschlag von hellbräunlicher bis dunkelschwarzbrauner Farbe. Das Charakteristische seines Aeußern besteht hauptsächlich in einem ovalen Gesicht, einer fein zugeschärften [pg 86]Nase, einem wohlproportionirten Munde mit regelmäßigen, nicht im geringsten aufgeworfenen Lippen, lebhaften schwarzen Augen, schön gestellten Zähnen, etwas gelocktem oder auch glattem Haupthaar und einem schwachen krausen Barte. Das weibliche Geschlecht zeichnet sich nicht selten durch reizende Gesichtszüge, schlanken Bau und äußerst zierliche und elegante Hände sowie Füße aus. Negerphysiognomien gewahrt man nur an den eingeführten Sklaven und deren Nachkommen.

Ehe wir uns jedoch zu dem eigentlichen, sich zum Christenthum bekennenden Hauptvolke wenden, müssen wir die verschiedenen, theils durch die Religion, theils auch durch ihre Nationalität von ihm abweichenden Völkersplitter des Landes betrachten.

Eine gewiß auffällige Erscheinung in Abessinien sind die dortigen Juden oder Falaschas, d. h. Wanderer oder Verbannte, die früher eine bedeutende Rolle spielten, aber von ihrer einstigen Höhe sehr herabgesunken sind. Fast alle Reisenden beschäftigten sich mit ihnen, und namentlich waren es die protestantischen Missionäre, die ihnen ihre Aufmerksamkeit zuwandten. Gobat gab zunächst einige Nachrichten von diesem Volke, doch bemerkt er, daß die Falaschas so von den Christen abgesondert lebten, daß letztere weder von ihrem Glauben noch von ihren Gebräuchen etwas wüßten. Sie haben sich hauptsächlich in der Gegend von Gondar, Tschelga und auf der nordwestlichen Seite des Tanasees niedergelassen. Die Falaschas behaupten, ihre Stammväter seien schon zur Zeit Salomo’s mit König Menilek, dem Sohne der Königin von Saba, ins Land eingewandert; andere unter ihnen meinen, sie seien erst nach dem Sturze Jerusalems von den Römern in die abessinischen Gebirge verjagt worden. Doch unterscheiden sie sich von den übrigen Juden durch ihre Unbekanntschaft mit der hebräischen Sprache und dadurch, daß die endliche Erscheinung des Messias für sie keinerlei Reiz hat; denn fragt man sie hierüber, so erwidern sie kalt, daß sie ihn in der Person eines Eroberers, Theodor genannt, dem auch die abessinischen Christen entgegenblicken, in kurzer Zeit erwarteten. Dieser Theodor war nun freilich gekommen, aber mit ihm kein Messias für die Juden. Alle reden die amharische Sprache, unter sich jedoch gebrauchen sie eine eigene Mundart (den Koara-Dialekt), welche vom Hebräischen und Abessinischen gleich weit entfernt ist. Gobat bemerkt: „In ihre Wohnungen kann kein Christ, ausgenommen mit Gewalt, hineintreten; auch haben die Christen nicht große Lust dazu, weil sie alle als Zauberer gefürchtet sind. Sie selbst tragen keine Waffen und bedienen sich derselben nicht einmal zur Vertheidigung. Für ihre Armen wird von ihnen gesorgt und diese dürfen nie betteln gehen.“

Der Missionär Stern, ein Hesse von Geburt und zum Christenthum übergetretener Israelit, versuchte mit seinem Collegen Rosenthal, die Falaschas zu bekehren, machte jedoch wenig Proselyten, veröffentlichte aber ein Buch („Wanderings among the Falashas“), in welchem wir die besten Nachrichten über das seltsame Volk finden. Nach ihm rühmen sich die Falaschas, unmittelbar von Abraham, Isaak und Jakob abzustammen und ihr altjüdisches Blut rein erhalten [pg 87]zu haben. Mischheirathen mit andern Stämmen sind durchaus verboten; ja es gilt schon für Sünde, das Haus eines Andersgläubigen zu betreten. Wer eine solche Sünde begeht, muß sich einer Reinigung unterwerfen und ganz frische Kleider anziehen; dann erst darf er wieder in seine Wohnung gehen. Diese Ausschließlichkeit hat übrigens gute Folgen gehabt, denn sie bewahrte die Falaschas vor der Ausschweifung und Sittenlosigkeit, welche sonst in Abessinien allgemein sind. Jedermann gesteht ein, daß die Falaschas, Frauen wie Männer, die zehn Gebote streng befolgen. Heirathen in früher Jugend sind bei ihnen nicht gestattet, da Männer erst zwischen dem zwanzigsten und dreißigsten, Mädchen zwischen dem fünfzehnten und zwanzigsten Jahre sich vermählen. Ehescheidungen kommen nicht vor; Vielweiberei, wie bei den abessinischen Christen, ist nicht erlaubt; Frauen und Mädchen gehen unverschleiert frei umher. Die Tempel haben wie die christlichen Kirchen drei Abtheilungen; der Eingang liegt nach Osten, und auf der Spitze des kegelförmigen Daches ist allemal ein rother Topf angebracht.

Barbarisch ist eine Sitte, welche mit den überstrengen Begriffen von Reinigung zusammenhängt. Neben jedem Falaschadorfe befindet sich eine „unreine Hütte“. Dorthin schafft man die Kranken, deren Tod für unabwendbar gilt und läßt sie verlassen liegen; kein Verwandter darf bei ihnen sein und nur Menschen, welche für unrein gelten, dürfen sich um sie kümmern. Merkwürdig erscheint die Thatsache, daß diese abessinischen Juden dem Handel äußerst abgeneigt sind und ihn geradezu verachten. Stern schreibt: „Diese Falaschas sind von exemplarischer Sittlichkeit, ungemein sauber, sehr andächtig und glaubensstreng und dabei sehr fleißig und thätig. Sie treiben Ackerbau und Viehzucht und auch einige Handwerke: man findet z. B. unter ihnen Weber, Töpfer und Schmiede. Der Handel gilt ihnen für unverträglich mit dem mosaischen Glauben, und man findet unter dieser Viertelmillion Menschen nicht einen einzigen Kaufmann.“ Es kann bei Leuten, welche so abgeschlossen leben, nicht befremden, daß sie alle andern Religionen verabscheuen; ohnehin sind sie zumeist von Götzendienern umgeben, und auch die christlich-abessinische Kirche hat in ihrem Verfall nichts Anlockendes. Im Aeußern und seinem Typus nach unterscheidet sich der Falaschas übrigens von den andern Abessiniern keineswegs.

Was die oft verfolgten Muhamedaner Abessiniens betrifft, so stehen sie in den meisten Beziehungen über den einheimischen Christen. Bei dem niedrigen Charakter der christlichen Abessinier ist die Regierung oft genöthigt gewesen, die verschiedenen Aemter, deren Verwaltung, Treue und Redlichkeit erfordert, namentlich Zollämter, durch Muhamedaner zu besetzen. Dieselben wohnen theils zerstreut, theils in ganzen Ortschaften angesessen. So besteht der Flecken Takeragiro in der Landschaft Tembién nur aus Muhamedanern, deren Frauen sich mit Landwirthschaft und Baumwollenspinnen beschäftigen. Die Männer sind meist Kaufleute, die im Lande umherziehen und eine gewisse praktische Gewandtheit erlangen. Arbeitsamkeit zeichnet alle aus und einen weiteren Vorzug vor den Christen haben sie dadurch, daß jeder Muhamedaner seine Söhne lesen und schreiben lernen läßt, während jene dieses nur dann lernen, wenn sie sich dem geistlichen [pg 88]Stande widmen wollen. Der Muhamedanismus nimmt fortwährend zu, was bei dem versunkenen Zustande des abessinischen Christenthums keineswegs zu verwundern ist. Muhamedaner und Christen leben auf gutem Fuße miteinander, wenn auch keine der beiden Parteien animalische Speise von der andern nimmt, weil die Muhamedaner beim Schlachten des Viehs sich der Formel bedienen: „Im Namen Gottes, des Allbarmherzigen“, die Christen aber: „Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“. Früher wohl, zu Muhamed Granje’s Zeiten, stürmten die Bekenner des Korans mit Waffengewalt gegen das christliche Abessinien und wurden zurückgeschlagen; jetzt aber breitet sich der Islam stillschweigend aus, da er den christlichen Abessiniern überlegen ist. „Er benutzt“, sagt Munzinger, „die Schwächen seines uneinigen Gegners, er erringt nur vereinzelte Erfolge und dennoch darf man nicht verschweigen, daß er einer steten Zunahme sich erfreut. Während er schon halb Afrika beherrscht und immer südlicher dringt, hat er sich wol den dritten Theil der Bevölkerung des eigentlichen Abessinien schon unterworfen und die Grenzen gegen alle Weltgegenden sind dem Christenthum jedenfalls für immer verloren. Die Galla werden in kurzer Zeit alle muhamedanisch sein, die Grenzvölker im Norden, die Habab und die Marea, sind erst in unserer Zeit dem Kreuz abtrünnig geworden und die Bogos selbst sind kaum zu retten.“

Außer den Muhamedanern und Juden giebt es in Abessinien noch besondere religiöse Sekten. Zu diesen gehören die Gamanten, die sich über mehrere Provinzen des südlichen und westlichen Abessinien und selbst über Schoa ausgebreitet haben und als Heiden verachtet werden. Sie glauben nur an einen Gott und die Unsterblichkeit; Moses ist ihr von Gott inspirirter Prophet, doch erkennen sie kein Religionsbuch an, haben keine Festtage, ruhen aber am Sonnabend vom Ackerbau aus. Nach Krapf und Isenberg verrichten sie ihre Religionsübungen im dichtesten Gebüsche, welches kein Sonnenstrahl durchdringt. Eine besondere Verehrung zollen sie verschiedenen Pflanzen, die zu beschädigen sie ängstlich vermeiden. Unter diesen nimmt die Aloë die erste Stelle ein und zwar deshalb, weil sie dieselbe als von einer menschlichen Seele belebt denken und für den Stammvater des menschlichen Geschlechtes halten. Da die Gamanten keine Fasten halten und das auf jede Art geschlachtete Fleisch essen, werden sie schon um deswillen von den Juden verachtet. Trotz der Verfolgungen, denen sie ausgesetzt sind, leben sie als ruhige, fleißige und bescheidene Ackerbauer, von ihren andersgläubigen Nachbarn durch mancherlei Sitten geschieden. So durchbohren z. B. die Frauen nach ihrer ersten Niederkunft das Ohr und zwängen in die Oeffnung nach und nach immer größere Holzpfropfen, die schließlich einen Durchmesser von drei Zoll und mehr erlangen, sodaß das Ohrläppchen oder jetzt der Ohrlappen bis auf die Schulter herabhängt, wie dies ähnlich bei südamerikanischen Völkern gefunden wird. Die Sprache der Gamanten, das Koara, ist mit jener der einheimischen Juden übereinstimmend, aus denen sie hervorgegangen sein sollen. Aeußerlich zeichnen sie sich durch hohen Wuchs, schlanken ovalen Kopf, eine etwas aufwärts gekrümmte Nase und einen kleinen Mund aus. [pg 90]Sie haben schöngelockte, etwas gekräuselte Haare und große lebhafte Augen. Die Hauptsitze der Gamanten sind in der Umgebung Gondars, dann in Tschelga, Koara und bei Wochni, wo sie speziell die Pflicht haben, die Bergpässe zu hüten. Ackerbau und Viehzucht sind ihre liebste Beschäftigung, gelegentlich auch Straßenräuberei.

Schangalla vom Mareb, Zither spielend, und Raucher aus Tigrié. Originalzeichnung von Eduard Zander.

Spuren vom ehemaligen Heidenthum lassen sich bei den abessinischen Christen immer noch erkennen. Rüppell sah z. B., wie im Thale Saheta, in der Provinz Haramat, die Frauen der Umgegend sich in großer Anzahl an eine wasserreiche Quelle, welche unter einer schönen Baumgruppe hervorsprudelt, begaben, dort Hände und Füße wuschen und sich dann vor einem grobbehauenen, mit zwei eiförmigen Vertiefungen versehenen Sandsteinwürfel einige Mal auf die Erde niederwarfen. Rüppell hielt den Stein für einen Opferaltar, konnte jedoch über den Kultus nichts Näheres erfahren, obgleich seine Begleiter erklärten, es handle sich hier um einen Rest heidnischer Abgötterei.

Eine besondere Sekte, welche den allgemeinen Namen Waito führt und als heidnisch verschrieen ist, wohnt rings um den Tanasee. Von den Gamanten unterscheiden sie sich dadurch, daß sie keinerlei religiöse Ceremonie haben. Auch essen sie Wasservögel, Nilpferdfleisch, wilde Schweine u. s. w., was alles ihren Nachbarn als Gräuel erscheint. Sie haben keine eigene Sprache, sondern reden das Amharische, wie sie sich denn auch weder durch Gesichtszüge, noch durch andere körperliche Eigenschaften von den übrigen Abessiniern unterscheiden.

Als heidnisch ist noch die Schlangenverehrung zu nennen, die Pearce in der Provinz Enderta zu beobachten Gelegenheit hatte, und auch Bruce berichtet, daß die Agows (im westlichen Abessinien) in ihren Hütten zahme Schlangen aufziehen, denen sie göttliche Verehrung zollen. Ein Fremder bemerkt zwischen diesen eigenthümlichen Menschen und den echten Abessiniern keinen großen Unterschied, außer daß die Agows im ganzen vielleicht ein stärkerer, aber nicht so ruhiger Menschenschlag sind als jene. Ihre Sprache jedoch, wie bei den Falaschas und Gamanten das Koara, ist durchaus verschieden und klingt sanfter und weniger kräftig als die von Tigrié. Die Agows in der Provinz Avergale werden unter der Benennung der Tschertz unterschieden, und das Land, welches sie bewohnen, erstreckt sich von Lasta bis an die Grenzen von Schirié. Nach der Sage waren die Agows einst Verehrer des Nil, aber im 17. Jahrhundert wurden sie zur christlichen Religion bekehrt. Die Agows hegen eine sehr hohe Meinung von ihrer ehemaligen Wichtigkeit und behaupten, nur von den Bewohnern Tigrié’s, sonst niemals, unterjocht worden zu sein. Es ist leicht möglich, daß dieses Volk einen Theil der Urbevölkerung Abessiniens ausmacht.

Hier muß der Ausdruck Schangalla oder Schankela erwähnt werden, unter dem man sich fälschlicherweise einen besondern Volksstamm im Nordwesten Abessiniens vorstellte und worunter man namentlich die Bazen oder Kunama verstand. Allein es ist nur ein generischer Name, welcher auf die heidnischen, außerhalb Abessinien wohnenden Völker, namentlich die Neger und Negersklaven, angewandt wird.

Abessinien besitzt gegenwärtig zwei Hauptsprachen, die sich wieder in [pg 91]mehrere zum semitischen Stamme gehörige Dialekte trennen. Als ausgestorbene (seit wann ist unbekannt) Ursprache gilt die äthiopische oder das Geéz, das zur Zeit der Einführung des Christenthums geredet und in welchem alle Bücher abgefaßt wurden. Ueber dieselbe hat Hiob Ludolf, der sich um die ältere Kunde Aethiopiens die größten Verdienste erwarb, im Jahre 1691 eine noch heute vielfach mustergiltige Grammatik verfaßt. Denkmäler der alten äthiopischen Sprache, in Stein eingegraben, sind an verschiedenen Orten des Landes aufgefunden und entziffert worden; besonders aber in der alten Königsstadt Axum in Tigrié. Auf einem Schutthaufen daselbst entdeckte Rüppell drei gleichgroße Kalksteinplatten, jede über vier Fuß lang und mit ziemlich wohl erhaltenen äthiopischen Lettern bedeckt. Ein abessinischer Geistlicher entzifferte später diese Inschriften, und die von ihm veranstaltete Uebersetzung stimmt ziemlich mit jener des Professors Rödiger in Halle überein. Wir geben, um die altäthiopischen Schriftzeichen zu zeigen, hier den Anfang der einen Tafel wieder, welche von dem Kriegszuge des Königs La San nach Magasa handelt, von wo er mit großer Beute heimkehrte:

Die Uebersetzung lautet:

1. La San, Sohn des Siegreichen, des Gottbefreundeten
2. Halen König von Axum und von Hamara
3. und von Raidan, und von Saba, und von Sala-
4. hen, und von Tiamo, und von Bega und von Kas.
5. Der Sohn des Ungläubigen bisher unbesiegt
6. bekämpfte als Feind; ihr Oberhaupt ward
7. verjagt, das uns ungünstig war, und ihre Tapfern erschlagen;
8. Darauf ergriffen sie die Flucht. Vorher
9. schickten sie aber das Heer; ihr Anführer, der Tapfere
10. zog aus mit Gezelt und dem Anführer der Vornehmsten.

Das Geéz hat 26 einfache Buchstaben, denen 6 Vokalzeichen angehängt werden, wozu noch vier Doppellaute kommen. Man liest von links nach rechts und jedes Wort wurde vom nächstfolgenden früher durch einen vertikalen Strich, jetzt durch zwei übereinanderstehende Punkte getrennt. Wie bemerkt, ist die Sprache jetzt ausgestorben, doch gilt sie noch als Kirchensprache und wird von der Geistlichkeit aufrecht erhalten, welche die von Isenberg eingeführten, in die modernen Sprachen übersetzten Bibeln als Ketzerwerke erklärten. An die Stelle des ausgestorbenen Geéz traten zwei lebende Sprachen, das Amharische und Tigrische, von denen das erstere in den vom Takazzié südlich und westlich, das letztere in den von diesem Flusse östlich gelegenen Landschaften geredet wird. Das Amharische, das am meisten gesprochen wird, obgleich ein Dialekt des Aethiopischen und also semitischen Charakters, hat doch mehr Fremdartiges als seine Mutter- oder seine Schwestersprache, das Tigrische, angenommen, welches die größte Aehnlichkeit mit dem alten Geéz behalten hat. Das Tigrische ist reich an kräftigen Gutturalen und hat eine Abart in dem Dialekte von Guragué, einer südabessinischen Landschaft; das Amharische dagegen, zur Regierungssprache erhoben, hat in der Sprache von Härrär, östlich vom Hawaschflusse, eine Tochter.

Während die tigrische Sprache nicht geschrieben wird, hat die amharische sogar noch 6 Zeichen mehr als das Geéz mit sechserlei denselben angehängten Vokalzeichen, wozu noch 4 Diphthongformen kommen. Die Charaktere sind wie das ganze Alphabet syllabarisch, nämlich Schaat lautet in der Form [Äthiopisch: sha] scha. [Äthiopisch: shu] ist = schu u. s. w. Ebenso wird aus Tjawi in der Form [Äthiopisch: ca] (tja) durch Hinzufügung eines kleinen Zeichens in der Mitte rechts [Äthiopisch: cu] tju, [Äthiopisch: ci] ist tji, [Äthiopisch: caa] tjâ, [Äthiopisch: cee] tje u. s. w. Die andern fünf dem Amharischen eigenthümlichen Charaktere sind: Gnahas [Äthiopisch: nya] (gna; es ist also [Äthiopisch: nyu] gnu und [Äthiopisch: nyee] gne auszusprechen); Chaf [Äthiopisch: xwa], cha; Jai [Äthiopisch: zha], ja (französisch auszusprechen); Djent [Äthiopisch: ja], dja und Tschait [Äthiopisch: cha], tscha. Das Aethiopische und Amharische wird von der Linken zur Rechten gelesen. Wenn sakaja, anklagen, geschrieben wird [Äthiopisch: sa][Äthiopisch: xwa][Äthiopisch: ya], so bezeichnet also das dem großen P im Lateinischen gleichende Zeichen die Silbe ja und man wird sofort einsehen, daß [Äthiopisch: yu] wieder ju, [Äthiopisch: yaa] jâ ist.

Als untergeordnete Dialekte müssen noch erwähnt werden, das Baze-Tigré (nicht zu verwechseln mit dem Tigrischen oder Tigrenja), die in der Samhara und weiter nördlich herrschende Sprache, das erwähnte Idiom der Falascha oder Juden, der Gamanten und Agows, die den Koara-Dialekt (Hauaraza) sprechen, [pg 93]und die Sprache der Gallastämme im Süden von Habesch, über die weiter unten mehr gesagt wird.

Soviel über die Sprachen des Landes. Von einer Literatur, welche das ganze Volk durchdringt, kann keine Rede sein, zumal Lesen und Schreiben ein Privilegium der höher gestellten Klassen, namentlich der Geistlichkeit ist. In früheren Zeiten war die geistige Regsamkeit in Abessinien eine ungleich rührigere als heutzutage, und aus jenen Perioden stammen auch die meisten Bücher, Chroniken und Bibelabschriften, von denen aber viel im Laufe der Kriege verloren gegangen ist. Alle abessinischen Manuskripte sind auf Pergament geschrieben und zwar meistentheils recht sauber und elegant. Die Linien laufen ganz symmetrisch miteinander parallel und auf der ersten Seite, sowie am Anfange jedes Kapitels sind immer die Zeilen abwechselnd mit rother und schwarzer Tinte geschrieben. Zum Schreiben bedient man sich eines zugespitzten Rohrhalmes. Häufig sind kolorirte Vignetten in den Text angebracht, die in älterer Zeit weit schöner als jetzt gemalt wurden. Viel Sorgfalt verwendet man auf die Ledereinbände, in welche man mit heißen Eisen zierliche Arabesken einbrennt. Die Art und Weise, wie die Geistlichkeit mit den seltensten alten Werken umgeht, ist geradezu barbarisch; sie verschleudert sie oft um einen Spottpreis oder läßt sie verschimmeln. Durch die Bemühungen der deutschen Missionäre, namentlich des wackeren Isenberg, sind in London auch mehrere Bücher in amharischer Sprache gedruckt worden, darunter eine vollständige Bibelübersetzung, eine kleine Geographie und ein Abriß der Weltgeschichte. Obgleich man diese zu Tausenden verbreitet hat, so haben sie dennoch keinen Nutzen gestiftet, da die den Missionären feindlich gesinnte abessinische Geistlichkeit den Gebrauch hinderte und die Werke vernichtete. So liegen sie da als ein Werk deutschen Fleißes, ohne lebendige Anwendung zu finden.

St. Georg (aus einem abessinischen Manuskripte). Nach Harris.

Nach Krapf umfaßt die ganze abessinische Literatur 130 bis 150 Werke, von denen viele nur Uebersetzungen der griechischen Kirchenväter sind. Die sämmtlichen Bücher werden in vier Sektionen oder Gabaioch getheilt, deren erste das Alte, deren zweite das Neue Testament allein ausmacht. Die dritte enthält juristische Schriften, wie das Gesetzbuch, den Chrysostomus u. s. w., die vierte endlich besteht aus Mönchsschriften und dem Leben der Heiligen. Die großen Sammlungen von äthiopischen und amharischen Schriften, welche die Gebrüder d’Abbadie nach Frankreich, Rüppell nach Frankfurt, Krapf nach Tübingen brachten, lassen uns jetzt einen tiefen Einblick in das Schriftthum jenes abgelegenen christlichen Volks thun. Da finden wir „den Glauben der Väter“ (Haimanot Abau), eine Dogmensammlung der abessinischen Kirche, das Leben des [pg 94]Königs Lalibela (Gadela Lalibela), der im 13. Jahrhundert nach dem Untergange der Judendynastie lebte, die Biographie Tekla Haimanot’s, eine Menge wichtiger Chroniken u. s. w.

Die Art und Weise, wie die Abessinier ihre Gemälde entwerfen, die oft auch die Pergamentmanuskripte schmücken, beschreibt Salt. Der Maler machte zunächst einen genauen Entwurf seiner Zeichnung mit Kohle und überzog denselben dann mit Tusche. Der Gegenstand stellte zwei abessinische Reiter im Kampfe mit den Galla dar; die Kleider der Krieger, das Geschirr der Pferde, der Gesichtscharakter waren getreu nachgeahmt. Die Abessinier vergrößern in ihren Gemälden auf eine besondere Art das Auge und zeichnen die Figuren en face; nur Juden, Teufel u. s. w. werden im Profil gemalt. Die Farben sind äußerst grell: Grün, Roth, Blau und Gelb herrschen vor.


Wenden wir uns nun zur Betrachtung des Charakters der Abessinier, so treffen wir hier auf sehr widersprechende Urtheile, doch kann im allgemeinen behauptet werden, daß derselbe nach unsern europäischen Begriffen ein keineswegs vorzüglicher ist. Während z. B. Munzinger und Heuglin dem Volke mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen, sind die Urtheile von Bruce, Rüppell, Krapf, Isenberg sehr herbe, und auch im eigenen Lande giebt es Leute genug, welche in die Verdammung einstimmen. Dahin gehörten vor allem der König Theodoros II. selbst und der im Jahre 1867 gestorbene Abuna (Erzbischof). Einzelne vorzügliche, durch Liebenswürdigkeit, edlen Charakter und Gelehrsamkeit ausgezeichnete Persönlichkeiten hat es jedoch immer gegeben und sie beweisen, daß in dem befähigten Volke noch nicht alle besseren Eigenschaften eingeschlummert sind. Der höchste Kirchenfürst des Landes, allerdings ein Ausländer, von dem selbst kein sehr erfreuliches Bild entworfen wird, schrieb 1843 an Isenberg: „Die Abessinier sind ein Volk, das weder nach Erkenntniß verlangt, noch Liebe zum Lernen zeigt, noch auch begreifen kann, daß Sie sein Bestes suchen. Was es will, ist, daß Sie ihm von Ihrer Habe mittheilen, nichts anderes. Wie kurz oder wie lange Sie sich auch in Abessinien aufgehalten haben mögen – können Sie immer noch glauben, daß die Abessinier seien wie andere Menschen, welche lernbegierig sind und nach Erkenntniß verlangen?“ Isenberg selbst ist von dem Volke keineswegs erbaut und hatte bei der ihm widerfahrenen Behandlung auch wenig Ursache hierzu. Rüppell, ein sehr nüchterner Beobachter, faßt sein Urtheil folgendermaßen zusammen: „Die Hauptzüge des moralischen Charakters der Abessinier sind: Indolenz, Trunkenheit, Leichtsinn, ein hoher Grad von Ausschweifung, Treulosigkeit, Hang zum Diebstahl, Aberglaube, dummstolze Selbstsucht, große Gewandtheit im Verstellen, Undankbarkeit, Unverschämtheit im Fordern von Geschenken und eine des sprüchwörtlichen Gebrauches würdige Lügenhaftigkeit.“ Mildernd setzt er hinzu: „In der Regel ist ihnen übrigens ein leutseliges, ungezwungenes Betragen eigen, weshalb eine oberflächliche Beurtheilung zu ihren Gunsten ausfällt.“ Dann weiter: „Zur Erregung eines bessern moralischen [pg 95]Gefühls trägt gar nichts in ihrem Leben bei, und ich muß durchaus dem beistimmen, was der Missionär S. Gobat als das Resultat eines beinahe einjährigen Aufenthalts in Gondar über den sittlichen Zustand dieser Stadt ausspricht, nämlich: „Alle Abessinier, wenn sie keine Regierungsgewalt zu fürchten haben, treiben das Räuberhandwerk. Ich kenne die Abessinier zu gut, als daß ich einen großen Werth auf ihre süßen Worte legen sollte. Ich bin traurig und niedergeschlagen, weil es mir vorkommt, als sei jeder Rettungsversuch vergeblich.““ Rüppell führt eine Menge diese Aussprüche charakterisirende Einzelheiten an, welche allerdings schlagende Illustrationen bilden; allen Ständen schreibt er gleich große Rohheit zu. Auch die Trägheit der Abessinier ist unglaublich. Jeder Ackerbautreibende bestellt nicht mehr Feld, als für den Bedarf seiner Familie nöthig ist, und an ein Aufspeichern von Vorräthen ist nicht zu denken. Jede Art von Handarbeit halten sie für etwas Entehrendes, und daher kommt es denn, daß fast die ganze Industrie des Landes in den Händen der Muhamedaner und Juden ist. Betrug im Handel, Verfälschung der Waaren sind gang und gäbe.

Alledem gegenüber klingt als Lobrede, was Werner Munzinger, allerdings einer der ersten Kenner des Landes und Volkes, sagt: „Ueber dieses Land darf ich wohl reden, denn auch sein Mensch steht uns kaum so fern. Er denkt, er träumt, er liebt und haßt ja auch; er fühlt wie wir, nur roher und oft viel natürlicher und freimüthiger. Soll denn das schwarze Gesicht immer ein schwarzes Herz bergen? Auch dort findest du mitleidige Herzen! Wenn der schneidende Abendwind dichte Nebel auf die Hochebene hinabregnet, da kann der Wegfahrer getrost anklopfen und auch des erfrorenen Bettlers harrt ein freundlicher Gruß, ein fröhlich loderndes Feuer und ein warmes, in Milch eingebrocktes Brot. Auch dort giebt es Ritter, Beschützer der Frauen und Schwachen. Der Mißhandelte findet seinen Advokaten. Auch Freunde kannst du erwerben, wenn auch nicht schnell, die am Tage der Gefahr dich beschirmen. Treue Liebe, glückliche Gatten sind nicht selten, und wie oft folgt die trauernde Gattin ihrem Herrn freiwillig in den frühen Tod! Du siehst in Hungersnöthen die Mutter mit hohlen Wangen, die Kinder frisch und munter, denn das letzte Brot spart sie für ihre Lieben auf. Unermüdet wacht die Gattin bei ihrem kranken Manne. Brave Söhne opfern jahrelange Arbeit, um ihrem alten Vater sorgenfreie Tage zu bereiten, Gefühl fehlt nicht und auch nicht Muth und Frohsinn; sie singen und tanzen die sternenhelle Nacht durch; Rhapsodien loben den Helden, den Löwentödter, den Menschenbezwinger. Freude und Leid wird ausgesungen; das Lied dient auch der Klage, es begleitet die Arbeit, es bejubelt die Hochzeit.“ Im grellen Gegensatz steht – gegenüber fast allen andern Berichten – was Munzinger hier über die ehelichen Verhältnisse bemerkt, und es scheint uns fast, als sei wenigstens hier ein rosiger Schimmer über seine Darstellungen ausgebreitet.

Hier muß erwähnt werden, daß die Blutrache in ganz Abessinien allgemein herrscht und daß eine ausgebreitete und mächtige Verwandtschaft daher als ein sehr bedeutendes Schutzmittel gilt. Zu Isenberg kam einst eine Frau in der größten Angst gelaufen mit der Bitte, er möge für ihren Mann beten, der am [pg 96]Morgen ohne Begleitung und ohne Waffen ausgegangen sei; dies habe sein ihm feindlicher Vetter benutzt, um ihm bewaffnet zu folgen. „Wir erfuhren, daß diese Feindschaft zwischen den beiden Vettern von ihren Vätern herrührt, die einander in tödtlicher Feindschaft umgebracht haben sollen. Auch die Vettern haben in ihren Streitigkeiten schon zehn ihrer Leute verloren.“ Salt lernte einen jungen Häuptling (Schum) Namens Schelika Negusta kennen, der einen Feind im Zweikampfe erschlagen hatte. Mehrere mächtige Verwandte des Gebliebenen bemächtigten sich seiner Person und führten ihn vor den Ras, welcher ihn nach dem Gesetze zum Tode verdammte und zwar wurde er nach mosaischem Gebrauch den Verwandten des Ermordeten übergeben, damit diese nach Gefallen mit ihm umgehen möchten. Gewöhnlich wird bei solchen Gelegenheiten der Thäter nach dem Markte geführt und dort zu Tode gespeert, und so sollte es auch dem Schelika Negusta ergehen, als die Osoro’s (Prinzessinnen), von seiner Schönheit gerührt, sich hinter die Geistlichkeit steckten und durch deren Banndrohungen es vermochten, daß der der Blutrache Geweihte gegen eine hohe Geldsumme freigegeben wurde.

Die Justiz wird in Abessinien ungemein willkürlich gehandhabt. Ein oberster Gerichtshof hatte in der Residenz seinen Sitz und entschied in weltlichen Angelegenheiten als letzte Instanz. Bezüglich der Todesurtheile steht dem Könige die Entscheidung zu. Dieser hält wöchentlich mehrere Mal öffentliche Audienz in seinem Palaste, wobei Jedermann Zutritt hat. Hier läßt er sich Klagen und Vertheidigung vortragen, verhört die vorgeladenen Zeugen und giebt nach Berathung mit den Gerichtsbeisitzern seinen Spruch ab, dem jedoch die ausübende Kraft fehlt und der daher mehr als Gutachten angesehen werden muß. Ist der König verreist, so wählen sich die Parteien selbst ihren Schiedsrichter. In den Provinzen entscheidet der Gouverneur und zwar gleichfalls öffentlich, in der Regel auf einem Hügel in der Nähe der Stadt. Rüppell wohnte einer solchen Gerichtssitzung zu Angetkat in Semién bei. Der Gouverneur saß auf einem Flechtstuhle und ringsumher lagen die Zuhörer im feuchten Grase. Es handelte sich um eine Ehescheidung, bei der sowol Mann wie Frau ihre Sache persönlich vortrugen und zwar beide mit vieler natürlicher Beredsamkeit. Die Umstehenden sprachen fortwährend laut dazwischen und machten ihre Bemerkungen über den Gang der Unterhandlungen. Endlich ward Ruhe geboten und der Gouverneur verkündigte das Urtheil, worauf er beide Parteien mit einem „Marsch!“ entließ.

Bei diesen Verhandlungen wird das geschriebene Gesetzbuch Abessiniens, das Feta Negust (die Richtschnur des Königs) nur selten angewandt, da man es meist nur bei verwickelten Rechtsfällen zu Rathe zieht. Es soll angeblich unter Konstantin dem Großen durch die auf dem Konzil zu Nicäa versammelten Kirchenväter zusammengestellt worden sein. Das Feta Negust besteht aus zwei Abtheilungen, von welchen die eine das kanonische, die andere das bürgerliche Recht behandelt; beide zusammen haben 51 Unterabtheilungen. Die 22 Paragraphen des kanonischen Rechts handeln von der Rechtgläubigkeit, der Geistlichkeit, der Kirche, der Verwaltung von deren Eigenthum, vom Gottesdienst, den Feiertagen, der Ketzerei u. s. w.; die 29 Paragraphen des bürgerlichen Rechtes von der [pg 97]Dienstbarkeit, der Ehe, dem Wucher, Erbschaft, Kauf, Zeugnissen, gefundenen Sachen, Grundeigenthum, Todtschlag, Diebstahl, Strafen u. s. w. Interessant ist die von Rüppell nicht ohne Grund ausgesprochene Ansicht, daß als Verfasser dieses Gesetzbuches vielleicht der protestantische deutsche Missionär Pater Heyling von Lübeck anzusehen sei, der im Jahre 1634 nach Abessinien kam.

Alle Gesetze jedoch, so gut sie sein mögen, hindern das Volk nicht in seinem faulen, zügellosen und namentlich in geschlechtlicher Beziehung außerordentlich liederlichen Lebenswandel fortzufahren, und die zahlreiche Geistlichkeit thut nicht das Geringste, um dem wüsten Treiben Einhalt zu thun, ja sie geht mit schlechtem Beispiel voran. Da kann es denn, wo für Aufklärung und Schulen so gut wie gar nicht gesorgt wird, nicht Wunder nehmen, daß unter diesen Christen die abenteuerlichsten Vorstellungen und der seltsamste Aberglaube im Schwunge ist.

Nach den abergläubigen Ansichten der Abessinier hat jeder Mönch, jeder Einsiedler, jeder Zwerg die Fähigkeit, in die Zukunft schauen und weissagen zu können. Geschriebene Talismane werden unter die Saat gemischt, damit sie gut keime, und kein Abessinier besteigt sein Maulthier, ohne sich vorher mit einer solchen Papierrüstung versehen zu haben, die ihn angeblich stich- und kugelfest machen soll. Amulete spielen derart eine große Rolle und schützen den Inhaber gegen jede vorhergesehene oder unvorhergesehene Gefahr. Der Tulsim, ein Gürtel, an dem kleine Ledertäschchen hängen, enthält diese schützenden Papierschnitzel, welche Männer, Weiber, Kinder tragen und die selbst der König für unentbehrlich hält. Auch übt der Einfluß des bösen Auges eine große Macht auf alle Abessinier aus; böse Geister durchschwärmen nach ihrer Vorstellung die Erde und das Wasser. Häufig wendet man das Besa oder Krankenopfer an, indem man unter Singen und Schreien um das Lager des Patienten einen Ochsen treibt und denselben dann vor dem Hause schlachtet. Kein Abessinier wird an einem Sonnabend oder Sonntag eine Schlange zu tödten wagen, weil an diesen Tagen jene Thiere als ein glückverheißendes Omen erscheinen. Uebereinstimmend mit den heidnischen Galla bringen die Christen im Juni dem Sar (bösen Geiste) Dankopfer dar, obgleich dieser Götzendienst durch Verordnungen aufs strengste untersagt ist. Drei Männer und eine Frau, die mit dem Bösen in Verbindung stehen, versammeln sich dann, um in einem frisch ausgekehrten Hause die Ceremonie vorzunehmen; eine ingwerfarbige Henne, eine röthliche Gais oder ein Ziegenbock mit weißem Halsringe werden geopfert und das Blut der Thiere, mit Fett und Butter gemischt, während der Nacht auf einen engen Pfad gesprengt, damit alle Darübergehenden das Uebel des Kranken an sich nehmen, zu dessen Gunsten das Opfer dem Sar dargebracht wurde.

Das Aechzen der Wassernixen hört der abergläubige Abessinier in jedem Wasserfall, und der Unglückliche, welcher im plötzlich angeschwollenen Wildbache ertrinkt, wird als Speise der bösen Wassergeister angesehen. Verschiedene Pflanzen und Kräuter besitzen zauberische Eigenschaften, so ein Gras (Fegain), das, heimlich auf den Gegner geworfen, diesem Krankheit und schleunigen Tod bringt. Zauberer und Sterndeuter, durchaus keine seltenen Erscheinungen in Abessinien, [pg 98]erreichen nach der Volksmeinung das anständige Alter von vier- oder fünfhundert Jahren; sie fliegen mit der Windsbraut durch das ganze Land, erscheinen plötzlich und ungesehen in der schmausenden Gesellschaft und nehmen ihr die leckersten Fleischbissen vor der Nase weg.

Vor dem sterblichen Auge verborgen liegt irgendwo im Lande das zauberhafte Dorf Duka Stephanos, ein Paradies auf Erden, das, alle irdischen und himmlischen Freuden in sich vereinigend, die Sehnsucht des wunderliebenden Volkes im hohen Grade erregt. Seine grasigen Auen und prächtigen Wälder laden zum süßen Schlummer ein, und am heitern Ufer des Nil, der seine blauen Fluten durch die prächtige Landschaft rollt, wandern die schönsten Weiber. Dort fließen die köstlichsten Getränke in nimmer versiechendem Strome, und die Erde bringt saftige Früchte in unendlicher Fülle ohne Arbeit hervor. Doch in zauberische Nebel verhüllt, öffnet dieses Elysium seine Pforten nur Menschen von untadelhaft schönem Aeußern, die das Wohlgefallen der Bewohner von Duka Stephanos erregten.

Eine Lima-Galla, Baumwolle schnellend. Zeichnung von E. Zander.

Zwerge werden mit einem gewissen Respekt behandelt und sind Gegenstände der Furcht; viele unter ihnen sind gerade die gelehrtesten Leute des Landes. So war der Beichtvater Sahela Selassié’s, des Königs von Schoa, ein wahrer Asmodeus in seiner Erscheinung, doch dabei ein liebenswürdiger und ungemein weiser Mann, der sich vor seinen Landsleuten in geistiger Beziehung bedeutend auszeichnete. Auch die Großen des Landes wählen sich gern mißgestaltete und zwerghafte Leute zu Sekretären.

Ganz besonders mit übernatürlichen Kräften ausgestattet erscheint aber der [pg 99]Grobschmied oder Budak, da er sich nach Belieben in einen Wolf oder eine Hyäne zu verwandeln und Menschenfleisch zu fressen vermag. Dem bösen Blicke eines Schmiedes wird gewöhnlich Krankheit und Unglück zugeschrieben. Hailo, der Vater Ubié’s, des früheren Herrschers von Tigrié, gab einst Befehl, alle Schmiede, die in seinem Reiche wohnten, niederzumachen, um weiteres Unglück zu verhüten. Ueberall bluteten die unschuldigen Opfer, dem Manne aber, der dieses abergläubige Werk vollbracht, jubelten dankbar die Herzen des Volkes zu, das sich von einem Alp befreit glaubte. Nicht weniger als 1300 der nützlichen Eisenarbeiter sollen damals (zu Anfang dieses Jahrhunderts) ihr Leben auf diese grausame Art verloren haben. So berichtet wenigstens Harris, dem wir hier gefolgt sind. Indessen genügt die Gegenwart irgend eines christlichen Emblems oder der Heiligen Schrift, um die üblen Wirkungen der Schmiede zu neutralisiren. Kein Metall kann in Gegenwart des Kreuzes geschweißt werden. Als die britische Gesandtschaft in Schoa war, mühten sich ein paar eingeborene Schmiede mit ihren kleinen Blasebälgen vergeblich ab, einen Reifen um das Rad einer Kanonenlaffete zu schmieden. Sie erklärten nun, daß die Gegenwart irgend eines Theils der Heiligen Schrift ihrem Geschäfte hinderlich sei. Schnell warfen alle Anwesenden ihre Amulete weg; die Blasebälge arbeiteten von Neuem, aber das Metall war nicht in Fluß zu bringen. Nun wurden englische Blasebälge gebracht, und als die Funken vor der Windröhre davon sprühten, war das Eisen in fünf Minuten weißglühend und der Reif aufgeschweißt. Die einheimischen Magier baten aber, dergleichen Proben in Zukunft zu unterlassen, da sonst ihr Ansehen verloren ginge!

Abessinierin, Baumwolle spinnend. Zeichnung von E. Zander.

Da der Handel großentheils in den Händen der Muhamedaner, die Gewerbthätigkeit meistens bei den Juden ist, so bleiben für den christlichen Abessinier das Kriegshandwerk, die Geistlichkeit, Jagd, Ackerbau und Viehzucht als Erwerbszweige übrig.

In der wildreichen Kola, die mit ihren grasreichen Niederungen den Elephanten, Büffeln und Antilopen ein willkommener Aufenthalt ist, tritt uns der Eingeborene oft als kühner Jäger entgegen. In den meisten Hütten der Kola von Eremetschoho fand Rüppell getrocknete Elephantenrüssel oder die Schweife von Büffeln, welche als Zeichen des persönlichen Muthes aufbewahrt wurden. Als einzige Waffe dient den Riesen der Wildniß gegenüber der Speer. Doch ist im Allgemeinen die Jagd nur ein nebensächlicher Erwerbszweig.

Der Abessinier der Hochlande dagegen ist vorzugsweise Ackerbauer und Viehzüchter, und nach den Produkten dieser Thätigkeit richtet sich auch seine Nahrungsweise. Die Nachricht, daß die Abessinier große Freunde rohen Fleisches (Brundo) seien, drang zuerst durch Bruce nach Europa. Man glaubte ihm jedoch nicht, bis dann spätere Reisende Alles bestätigten, was er erzählt hatte. Bruce berichtete, daß, wenn die Gesellschaft zum Essen versammelt gewesen sei, man eine Kuh oder einen Ochsen vor die Hütte geführt habe. Man bindet dem Thiere die Füße, macht unten am Halse in die Haut einen Einschnitt bis an das Fett und läßt fünf bis sechs Tropfen Blut auf die Erde fallen. Dieses geschieht, um das Gesetz zu beobachten. Dann fallen einige Leute über das Thier her, ziehen ihm die Haut vom Körper bis in die Mitte der Rippen ab und schneiden aus den Hintervierteln dicke viereckige Stücke Fleisch heraus. Das schreckliche Gebrüll des unglücklichen Thieres ist ein Zeichen für die Gesellschaft, sich zu Tische zu setzen. Statt der Teller legt man jedem Gaste runde Tiéfkuchen vor, die als Zuspeise und Serviette zugleich dienen. Herein treten zwei oder drei Diener mit viereckigen Stücken Rindfleisch, welches sie in den bloßen Händen tragen; sie legen dasselbe auf Tiéfkuchen; der Tisch ist ohne Tafeltuch. Die Gäste halten schon ihre Messer bereit. Jeder Mann schneidet mit seinem krummen Säbelmesser kleine Stücken Fleisch herunter, in welchen man noch die Bewegung der Fasern, das Leben, wahrnimmt. In Abessinien speist sich kein Mann selbst und rührt seine Kost nicht an. Die Frauenzimmer nehmen diese Stücken und schneiden sie erst in Streifen von der Dicke eines kleinen Fingers und dann in Würfel. Diese legt man auf ein Stück Tiéfbrot, das stark mit Pfeffer und Salz bestreut ist und wie eine Rolle zusammengewickelt wird. Dann steckt der Mann sein Messer ein, setzt beide Hände auf die Kniee seiner Nachbarinnen und wendet sich mit vorgebeugtem Leibe, gesenktem Kopfe und aufgesperrtem Maule zu derjenigen Nachbarin, welche die Rolle zuerst fertig hat. Diese stopft ihm das ganze Stück in den Mund, der davon so voll wird, daß der Mann in Gefahr geräth zu ersticken. Je vornehmer der Mann, um so größer ist das Stück, und es wird für sehr fein gehalten, wenn er beim Essen recht stark schmatzt.

Wie gesagt, dieses Verzehren von rohem Beefsteak erregte in England allgemeines Aufsehen und Bruce stand als Lügner gebrandmarkt da. Hören wir [pg 101]nun, was spätere Reisende über diesen Gegenstand berichten. Salt, der mehr als dreißig Jahre später in Abessinien war, bezüchtigte Bruce der Unwahrheit, indem er erzähle, es sei Gewohnheit bei den Abessiniern, sich am Fleische noch lebender Thiere nach Art des Polyphem zu ergötzen; doch stellt er keineswegs in Abrede, daß rohes Fleisch, je frischer, je lieber, ihr größter Leckerbissen sei. Rüppell (1832) berichtet an mehr als einer Stelle seines Reisewerkes, wie er gesehen habe, daß die Leute noch zuckendes Fleisch genossen hätten. Er sagt: „Dasjenige Fleisch, welches noch seine natürliche Wärme hat und bei dem die Muskelfasern noch unter dem Messerschnitte zucken, gilt für einen besondern Leckerbissen. Das Fleisch wird von den Abessiniern meistens roh verzehrt, wiewol in den von mir bereisten Provinzen jetzt nie anders, als nachdem das geschlachtete Thier ausgeblutet hat. Der barbarische Gebrauch, Stücke Fleisch von einem noch lebenden Thiere herauszuschneiden, welchen Bruce beschrieben hat, mag zur Zeit seines Aufenthaltes in Gondar stattgefunden haben, ist aber sicherlich dort in neuerer Zeit nicht mehr etwas Gewöhnliches. Daß derselbe indessen in andern Gegenden Abessiniens auch jetzt noch zuweilen vorkommt, behaupte ich trotz des Widerspruchs Salt’s und der ganz grundlosen Kritiken, welche die Franzosen Combes und Tamisier über Bruce veröffentlichten.“ Der Missionär Isenberg (1843) bezweifelt dagegen wieder die allgemeine Richtigkeit der Angabe von Bruce und stellt jene Thatsache als Aushülfe in Nothfällen hin, „wo z. B. auf einem Marsche befindliche Soldaten in gewisser Entfernung von ihrem Lagerplatz, wenn sie der Hunger ereile, dem Vieh, welches sie vor sich hertreiben, ein Stück Fleisch aus dem Hinterviertel herausschneiden und verzehren, die leere Stelle mit Heu oder anderm Material ausfüllen, die abgelöste Haut wieder darüberziehen und dann das Thier bis zu ihrem Lagerplatz treiben, wo seinem Leben ein Ende gemacht werde.“ Entscheidend möchte jedoch Folgendes sein.

Als der Reisende Apel im Januar 1865 zu Wochni gefangen genommen und nach Gondar geschleppt wurde, setzte man ihn auf ein Pferd, das vermittels eines Seiles von etwa 3 Ellen Länge an dasjenige eines ungeheuren Abessiniers befestigt war. „Auf diesem Ritt von Wochni nach Gondar habe ich mit eigenen Augen das gesehen, was von Bruce so standhaft behauptet und von der ungläubigen Civilisation bestritten wurde, – nämlich das Herausschneiden des Fleisches von noch lebenden Thieren und das Genießen desselben, während das Thier noch im Todeskampfe liegt. Es wurden ihm von den Christen die Füße gebunden, es fiel auf die Seite, und alsbald schnitt man ihm Stücke Fleisches aus dem Rumpfe, welche, noch zuckend von der Muskelbewegung, gierig von den Christen verschlungen wurden. Das Thier verblutete und blieb dann eine Beute der Schakale. Mir wurde ein blutiges zuckendes Stück Fleisch zugeworfen und ich habe, so widerwärtig mir das Ganze auch war, doch den größten Theil desselben verzehrt, so arg hatte mich der Hunger mitgenommen, denn seit zwei Tagen hatte ich nichts genossen. Dieselbe Kost wurde mir während der ganzen Reise angeboten.“ Krapf endlich sah in Schoa, wie Soldaten einem [pg 102]lebendigen Schafe ein Bein abschnitten, das Thier nicht tödteten und das rohe Fleisch vom Knochen sogleich abnagten!

Nicht viel weniger widerwärtig ist die Art und Weise, wie die Abessinier ihr übriges Fleisch zubereiten und überhaupt ihre Nahrung zu sich nehmen, sodaß man bei ihnen wol vom „Fressen“ sprechen kann.

Schafe und Ziegen werden in Gegenwart der Gäste geschlachtet und abgehäutet, dann die noch zuckenden Glieder etwa fünf Minuten über ein Flammenfeuer gehalten und die äußerste Lage Fleisch, die kaum durchröstet ist, mit Brotkuchen und reichlicher Pfeffersauce genossen. Salz wird in langen, gewundenen Antilopenhörnern umhergereicht. Während des Essens selbst wird nicht getrunken, unmittelbar nach demselben gehen jedoch Glasflaschen, sogenannte Berille, mit gegohrenem Honigwasser herum. Der Ueberbringer desselben gießt dabei, indem er eine Flasche darreicht, eine Kleinigkeit davon in die hohle Hand und trinkt sie vor dem Gaste aus, um demselben damit zu zeigen, daß der Trank nicht vergiftet sei. Auch die zubereiteten Speisen erscheinen für einen Europäer sehr widerlich, denn bei vielen wird ein Oel aus den Samenkörnern der Nukpflanze von sehr unangenehmem Geschmack zugesetzt.

Die Abessinier können ganz unglaubliche Portionen verschlingen und die Gefahr, dabei zu ersticken, welche Bruce scheinbar übertreibend anführt, wird auch von Rüppell hervorgehoben. Eine Hauptsache beim Essen ist jedoch, daß sie die Kauwerkzeuge unter lautem Geschmatze und Geschnalze bewegen müssen. Ländlich, sittlich! und diese „Sitte“ gilt nicht nur in den niederen Klassen, sondern auch bei Hofe, selbst in unsern Tagen bei Theodoros II. Dieser hatte den Missionär Stern zur Tafel geladen; die Mahlzeit bestand, da gerade Fasttag war, einfach aus Tiéfkuchen und Honigwasser. „Da machte ich“, erzählt Stern, „einen Verstoß gegen die Sitten des vornehmen Lebens. Nach abessinischen Begriffen muß jeder Mann aus der Aristokratie beim Essen schmatzen wie ein Schwein. Davon wußte ich leider nichts; ich aß so, wie wir in Europa es für schicklich halten, aber das trug mir den Tadel der Gesellschaft ein; die Leute raunten sich allerlei ins Ohr. Endlich fiel mir die Sache auf, und ich fragte den Engländer Bell, ob ich etwas Unangemessenes gethan habe. Bell entgegnete: Gewiß haben Sie das. Ihr Betragen ist so ungentlemanly, daß alle Gäste glauben müssen, Sie seien ein Mensch ohne alle Erziehung und Bildung und gar nicht gewohnt, sich in anständiger Gesellschaft zu bewegen. – Nun, wodurch habe ich denn eine so schmeichelhafte Meinung verdient? – Einfach durch die Art und Weise wie Sie essen. Wenn Sie ein Gentleman wären, so würden Sie das bei Tafel beweisen; Sie müssen recht laut und derb schmatzen und Keiner wird bezweifeln, daß Sie ein Mann von Stande seien. Da Sie aber nicht schmatzen und die Speisen lautlos kauen, so glaubt hier Jeder, daß Sie ein armer Tropf sind. – Ich erklärte dann den abessinischen Aristokraten, daß bei mir zu Lande, in Europa, eine andere Sitte herrsche, und damit brachte ich die Dinge wieder in richtigen Zug.“ –


Ein schneidernder Abessinier in Gondar. Nach Lejean.

In der Kleidung der Abessinier walten selbstgesponnene und gewebte Baumwollenstoffe vor. Wie im Orient noch immer, so spinnen auch die Frauen die gereinigte Baumwolle mit der Spindel aus freier Hand; mit dem Weben beschäftigen sich jedoch vorzugsweise die Muhamedaner. Die Kleidung der Männer besteht aus weiten Unterhosen, einem langen, um die Brust und den Leib geschlungenen Gürtel, der eine Ausdehnung von zuweilen 100 Ellen hat, und einem weiten faltigen Mantelüberwurf, welcher aus einem großen Stücke Zeug besteht, das bei Vornehmen mit einem faltigen Rande versehen ist. Mehr ist von der weiblichen Kleidung zu berichten. Sie besteht aus einem großen Hemde mit weiten, jedoch an der Handwurzel eng zulaufenden Aermeln. Darüber tragen sie den Umschlagmantel gleich den Männern. Außer einigen Seidenstickereien am Hemde zeichnet noch der Putz die abessinischen Schönen aus. Ohrringe oder Rosetten, welche eine Goldblume vorstellen, sind ein sehr beliebtes Schmuckmittel, desgleichen silberne Halsketten und dicke Ringe an den Fußknöcheln, beide öfter mit kleinen Silberglöckchen behängt. Das Haupthaar der Frauen ist gewöhnlich kurz abgeschnitten [pg 104]oder es wird, wenn es in seinem natürlichen Zustande bleibt, mit Anwendung von vieler Butter in dünne anliegende Zöpfchen geflochten. Auch hier ruft, wie bei unseren Damen, die Mode sehr häufig Aenderungen der Haartracht hervor, die genau befolgt werden. Stirnbänder oder Schuhe von rothem Leder kommen nur ausnahmsweise vor. Luxusartikel der männlichen Kleidung sind Arm- und Stirnbänder als Ehrendekorationen. Die blaue Schnur von Seide oder Baumwolle, welche als Zeichen des Christenthums gilt, wird allgemein getragen.

Diese allgemeine Tracht erleidet natürlich vielerlei Ausnahmen. In den Grenzländern findet man fast ganz nackte Leute, die nur den Leibschurz tragen; in Schoa hatte allein der König das Recht, sich mit goldenen Dingen zu schmücken. In Foggera, östlich vom Tanasee, tragen Frauen und Mädchen große gegerbte Lederhäute, welche zugleich Nachts als Schlafmatratze dienen. Beim Gehen verursacht dieser lederne Leibrock ein sonderbares Geräusch. In den hohen Alpengegenden der Provinz Semién schützen sich die Bewohner gegen das harte Klima durch eine Art von ambulantem, aus Rohrdecken zusammengeflochtenem Schutzdache (Gassa), welches sie beständig mit sich herumtragen, um ihre durch dürftige Lumpen nur zum Theil bedeckten Körper gegen plötzliche Regengüsse und Schneegestöber zu verwahren; ein anderes Schutzmittel gegen die schneidende Luft in den Hochlanden sind Kappen von Ziegenhaar, die bis über die Ohren gehen. Als Zeichen der Ehrerbietung zieht der Abessinier bei Begegnungen den die Schultern bedeckenden Theil seines Kleides (Schama) herab und vor dem Landesherrn erscheint er nur gegürtet, d. h. er schlägt die den Oberkörper bedeckenden Theile des Kleides über dem Gürtel um den Leib, während ein Hochgestellter in Gegenwart untergeordneter Personen sich das Gesicht vom Kinn bis über den Mund verhüllt.

Sauberkeit ist keine Tugend der Abessinier, und ihre Wohnungen wie ihre Körper zeigen oft den höchsten Grad von Schmuz. Merkwürdig ist, daß in ganz Abessinien das Waschen der Kleidungsstücke Sache der Männer und nicht der Frauen ist. Statt der Seife bedienen sie sich der getrockneten Samenkapseln des Septestrauches (Phytolacca abessinica), welche zwischen Steinen zu Mehl gerieben und dann auf einem Leder mit Wasser gemischt werden; das zu waschende Tuch wird hierauf in dieser Mischung mit den Füßen gestampft, worauf es, nachdem die Operation einige Male wiederholt wurde, von jedem Schmuze befreit ist. Die Bewohner der Küstengegend bei Massaua, wo es keine Septe giebt, bedienen sich statt der Seife beim Waschen getrockneten Kameelmistes.


Das sehr ungeregelte Leben der Abessinier ist auch die Ursache vieler Krankheiten, die große Verheerungen unter ihnen anrichten. Geschlechtliche Vergehen und Krankheiten sind allgemein verbreitet, ebenso Krätze und die arabische Gliederkrankheit; bei letzterer schnurrt die Haut an den Finger- oder Zehengelenken zusammen, das Glied stirbt nach und nach ab und löst sich endlich ganz vom Körper. So verliert der Kranke ein Glied der Finger und der Zehen nach dem andern, bis der nackte Stumpf der vier Gliedmaßen allein übrig geblieben [pg 105]ist und der sonst scheinbar gesunde Mensch zum hülflosen Geschöpf wird. Der Verlauf und die Unheilbarkeit dieser erblichen Krankheit ist in Abessinien sehr wohl bekannt, und den Kranken überfällt, wenn er die ersten Anzeichen spürt, natürlicherweise Schwermuth. Die Filaria oder der Medinawurm kommt ziemlich häufig vor, ist aber meistens nur eingeschleppt. Der Keim dieses Schmarotzers dringt in das Wadenfleisch der Menschen ein, bildet sich dort aus und verursacht die größten Schmerzen, gegen welche man mit Glück Zibethmoschus anwendet; Kröpfe und Kretinismus finden sich in einigen Gegenden; die Blattern richten periodisch große Verwüstungen an; Schwindsucht und Augenentzündungen sind häufig. Die einheimischen Aerzte (Tabib) können nur als Charlatans angesehen werden. Es existiren auch medizinische Werke, darunter eins mit dem Titel „El Falasfa“, dessen mitunter höchst lächerliche Vorschriften sympathetischer und mystischer Art sind. Auch die Geistlichkeit verlegt sich auf das Kuriren, und Rüppell sah, wie ein Knabe, der über und über mit Brandwunden bedeckt war, mit Honig und dem Blute eines schwarzen Huhns von einem Priester bestrichen wurde. Nach vier Stunden gab derselbe seinen Geist auf. Die „bösen Geister“ werden von den Priestern gleichfalls vertrieben, wie Isenberg selbst zu beobachten Gelegenheit hatte. Der Geistliche ließ sich einen Topf mit Wasser geben, las darauf schnell einige Gebete aus dem Buche Haimanot (Glaube) und spuckte dann mehrere Male in das Wasser. Isenberg machte ihm Vorwürfe hierüber, allein der Priester ließ sich nicht aus der Fassung bringen und besprengte mit der Flüssigkeit das Haus, welches solchergestalt von allen Unholden befreit wurde. Freilich ist dieses Verfahren von dem bei uns immer noch geübten Exorzismus nicht weit entfernt, und es steht uns daher wenig an, darüber viele Worte zu verlieren, so lange wir selbst nicht frei von ähnlichen Thorheiten sind.

Auch das Heilverfahren der abessinischen Wundärzte erinnert an die „gute alte Zeit“. Ein Zahn wird mittels Zange und Hammer von einem Schmiede ausgezogen, d. h. mit denselben Instrumenten, mit denen er sein Metall zu bearbeiten pflegt. Aderlaß wird mit einem Rasirmesser, Schröpfen mit einem Ziegenhorn vollzogen, dessen Luftinhalt durch Erhitzen verdünnt wurde. Schlecht geheilte Knochenbrüche, die verkürzte Glieder hinterließen, werden einfach nochmals gebrochen und so zu kuriren versucht. Indessen Amulete stehen in weit höherem Ansehen, als der Bala medanit oder Meister der Arzneien. Wahnsinn, Epilepsie, Delirium, Veitstanz und ähnliche oft unheilbare Uebel, für welche man keine Heilmittel kennt, werden einfach dem Einflusse von Dämonen zugeschrieben und der Patient hiernach behandelt. Blaue Papierstreifen sollen gegen Kopfweh helfen; gewisse Pflanzensamen, in Säckchen bei sich getragen, schützen gegen den Biß toller Hunde und gegen Unglück auf Reisen. Doch müssen diese Sämereien mit der linken Hand gepflückt werden zu einer günstigen Zeit, wenn die Sterne dem Pflückenden hold sind – sonst hilft das Mittel zu nichts. Wie wir schon aus Bruce wissen, verwüsten die Pocken oft das Land und fordern ihre Opfer. Eine Art Impfung, wobei die Lymphe mit Honig vermischt wird, findet dann von den menschlichen Pusteln statt, in deren Folge oft viele Leute [pg 106]sterben. In allen Fällen wendet man sich indessen, dem Aberglauben huldigend, lieber an den Priester als an den Quacksalber, was im Grunde genommen einerlei ist, da beide von der Medizin nach unsern Begriffen nichts verstehen.


Wenngleich es den Abessiniern nicht an der nöthigen Fähigkeit und Geschicklichkeit fehlt, so ist doch bei der allgemein herrschenden Indolenz die Industrie und Gewerbthätigkeit sehr gering entwickelt, ja, sie erhebt sich kaum über den allgemein afrikanischen Standpunkt, und manche Gewerbzweige werden in derselben primitiven Weise wie bei den benachbarten Negervölkern betrieben. Ein großer Theil der industriellen Thätigkeit liegt in den Händen der fleißigeren Juden und Muhamedaner.

Von den Schmieden war schon die Rede; das Verfahren, wie das Metall aus dem rothen Eisenthon in Tigrié bereitet wird, ist genau dasselbe wie es in Madagascar, am Zambesi oder in Westafrika stattfindet. Feinere Metallarbeiten liefern eingewanderte Armenier und Indier. Die Holzschnitzereien sind zum Theil prachtvoller Art. In der Kirche Lalibela in Gondar z. B. sind Flachreliefs an Thüren und Fenstern angebracht und theilweise bemalt. Außer den Arabesken, deren freie Erfindung und schöne Harmonie einen vorzüglichen Eindruck hervorbringt, sieht man Darstellungen aus dem Leben der Heiligen oder fabelhafte Ungeheuer, wie den Sebetat, der halb Mensch, halb Löwe ist. Sein Schwanz bestand aus zwei Schlangen; seine Waffen waren Pfeil und Bogen. Doch diese schützten ihn nicht gegen den Stier Meskitt, welcher ein silbernes und ein goldenes Horn trug und den Sebetat tödtete. Eine andere Holzschnitzerei zeigt uns den Kaiser Konstantin; dann – figürlich ausgedrückt – dessen Gewalt und schließlich die Fürstin Menene, die Mutter des Ras Ali und Erbauerin der Kirche.

Bei der oft herrschenden großen Kälte werden die sonst wenig industriösen Abessinier wenigstens mit Gewalt zur Weberei gezwungen. Die rohe Baumwolle, welche ungemein billig und ausgezeichnet im Lande ist, wird gegen einige Salzstücke eingehandelt und auf der einfachen, urthümlichen Spindel gesponnen. Zeit ist in Abessinien kein Geld, und so kommt es denn gar nicht darauf an, daß die Frauen recht lange mit dem Spinnen einer kleinen Partie Baumwolle zubringen. Das Garn kommt dann auf einen ganz gewöhnlichen, einfachen Webstuhl und wird mit Hülfe des Schiffchens in einen warmen, dauerhaften Mantel (Schama) umgewandelt. (Siehe die Abbildungen [S. 98] und [99].)

Auch Schaf- und Ziegenwolle wird verwebt. Lederfabrikation zu Sattelzeug, Schilden, Riemen, Schuhen für die Priester ist ein weitverbreitetes Gewerbe. Töpferei und Pfeifenfabrikation treiben die Falaschas. Drechsler liefern aus den Hörnern des Sanga-Ochsen oder des Rhinozeros geschnitzte Becher (Wantscha). Zierliche Körbchen und Sonnenschirme aus Rohr, Binsen oder Stroh flechten die Frauen; Schneider giebt es dagegen nicht, da jeder Abessinier selbst für seinen Kleiderbedarf sorgt; ebenso mangeln Bäcker und Müller, und von größeren In[pg 107]dustriezweigen, die an einem Export ihrer Erzeugnisse arbeiteten, ist gar nicht die Rede, da nur Rohprodukte zur Ausfuhr gelangen.

Der Handel Abessiniens kann nach keiner Richtung hin ein bedeutender genannt werden, wenn er auch durch Massaua mit dem Rothen Meere in Verbindung steht. Die hohen, steil abfallenden Gebirgsketten mit den schwer zugängigen Pässen erschweren die Kommunikation ganz bedeutend, und die sämmtlichen Flüsse des Landes sind für die Schiffahrt nicht im geringsten geeignet. Dazu kommt vor Allem die geringe eigene Produktion von Handelswaaren, sodaß schließlich für den abessinischen Handel – von den Sklaven abgesehen – nur die aus den südwestlichen Ländern kommenden Erzeugnisse, wie Gold, Elfenbein u. s. w. als Durchgangswaaren in Betracht kommen. Hierdurch erklärt sich auch das geringe Interesse, welches man – Missionsfragen ausgenommen – in Europa an Abessinien vom praktischen Gesichtspunkte hatte und das erst durch König Theodoros und die Gefangenhaltung der Engländer wieder aufgefrischt wurde.

Sebetat, ein fabelhaftes Ungeheuer. Holzschnitzerei in der Kirche Lalibela. Originalzeichnung von E. Zander.

Für den Großhandel haben die Abessinier wenig Sinn, dem kleinen Schacher ist aber jeder zugethan und sucht auf alle mögliche Weise sein Geschäftchen zu machen. Auf den Messen und Märkten, die sich meist an die Kirchen knüpfen, geht es lebhaft zu, und große Menschenmengen sind dann versammelt. [pg 108]So traf Rüppell zu Ende Februar 1832 bei der Kirche von Bada, östlich vom Tanasee, gegen 10,000 Marktbesucher beisammen, von denen allerdings viele nur des Zuschauens wegen gekommen waren.

Der europäische Handel hat sich in Abessinien noch verhältnißmäßig wenig Einfluß verschaffen können. Die beständigen Kriege, die schlechten Kommunikationsmittel und Wege, endlich die Zollplackereien lassen ihn nicht recht aufkommen. Die Produktion des Landes selbst, Getreide, Hülsenfrüchte, Tabak, Kaffee, ist verhältnißmäßig viel zu gering, während doch alle Nutzpflanzen der Tropen und der gemäßigten Zone prächtig gedeihen würden. Dagegen werden Häute, Maulthiere und gute Gebirgspferde in großer Menge exportirt.

Honig und Wachs werden in sehr großer Menge ausgeführt. Der erstere, Mar genannt, wird in Töpfen zugleich mit dem Wachs feilgeboten, weil er nur so zur Bereitung des Honigwassers dienlich ist, wozu er beinahe ausschließlich verbraucht wird. Die betrügerischen Abessinier wenden ihre ganze Verschlagenheit beim Verkauf des Honigs an, indem sie die untern Schichten der Töpfe mit Mehl, Wachs oder andern Stoffen ausfüllen. Neben dem Honig kommt auch Butter (Tesmi) in pfundschweren Kugeln auf den Markt. Unter den Manufakturen spielen die Baumwollenwaaren (Schama) eine große Rolle; sie werden zu Leibbinden, Umschlagtüchern, Beinkleidern u. s. w. verarbeitet und sind entweder rein weiß oder mit blauen und rothen Seitenstreifen versehen; ganz blaue und ganz rothe Kattune kommen aus Indien über Massaua; die blaue Farbe hat in den meisten Fällen den Vorzug, und namentlich sind es blaue Seidenschnüre (Mareb), die sich stets eines großen Absatzes erfreuen. Jede Schnur muß ziemlich dick und fünf Fuß lang sein, sodaß sie bequem um den Hals getragen werden kann. Da kein abessinischer Christ ohne eine solche geht, so sind sie eine stets begehrte Handelswaare, die auch immer hoch im Preise steht. Andere gangbare, meist eingeführte Handelsartikel sind: Spießglanz, zum Färben der Augenlider, Weihrauch, zum Räuchern beim Gottesdienst, Zibethmoschus, um die als Pomade benutzte Butter damit zu parfumiren, „Tombak“ (indischer Tabak), entweder um Schnupftabak daraus zu machen, oder um ihn in Wasserpfeifen zu rauchen, schwarzer Pfeffer (Berberi), der auch zu Zollzahlungen dient; Nähnadeln mit großem Oehr; Glasperlen, Kaurimuscheln, Sandelholz zum Räuchern. Ein Handelsartikel, nach dem namentlich die abessinischen Frauen greifen, sind dünne silberne Ringe, die am kleinen, und Hornringe, die am Mittelfinger getragen werden. Gummi, das in großer Menge gewonnen werden könnte, kommt nicht auf die abessinischen Märkte, obwol es in Massaua gut bezahlt werden würde.

Bei der Schilderung des genannten Hafenortes werden wir sehen, wie bedeutend selbst heute noch dort die Ausfuhr von abessinischen Sklaven ist, die in der That noch immer, trotz aller zeitweiligen Verbote gegen den Sklavenhandel, einen wichtigen Artikel ausmachen. Adoa, Gondar und Massaua sind die großen abessinischen Sklavenmärkte, zu denen die lebende Waare von den verschiedensten Gegenden hergeschleppt wird. Die eingeborenen freien Abessinier können nur [pg 109]durch Kriegsgefangenschaft oder Raub in die Sklaverei gerathen; diese bilden den kleineren Theil, die meisten Sklaven stammen aus den Grenzlanden, sowol im Norden als im Süden; entweder sind es Schangalla vom Setit, Galla aus den Ländern südlich vom Blauen Nil, oder eigentliche Neger, die von den Aegyptern aus Fazogl oder Sennaar eingeführt werden. Da die Christen sich eigentlich mit dem Sklavenhandel nicht befassen sollen, so umgehen sie dieses dadurch, daß sie den Kauf oder Verkauf scheinbar durch Muhamedaner abschließen lassen. Die Behandlung der Sklaven ist in der Regel eine milde und ihr Verhältniß zu dem Herrn dem des freigeborenen Dieners gleich; die Züchtigungen sind selten hart und bestehen nur in vorübergehender Fesselung. „Wenn sich Völker auch bekämpfen“, schreibt Munzinger, „so sind die Opfer doch nur die Soldaten und die Güter; Weib und Kind sind respektirt. Kein freier Abessinier wird von seinem Mitbürger in die Sklaverei verkauft. Die Leibeigenschaft erstreckt sich nur auf die von außen eingeführten Schwarzen, die nur den kleinsten Theil der Bevölkerung ausmachen. Der Sklavenhandel ist den Christen (durch Theodor) bei Todesstrafe verboten. Die Frau ist unverletzlich und hat ihre bestimmten großen Rechte.“

Werthmesser in Abessinien sind das Salz und der österreichische Maria-Theresia-Thaler. Das Salz kommt aus den am Meeresufer liegenden natürlichen Seewasserlagunen und wird durch Austrocknung durch die Sonnenhitze gewonnen; man bringt es dann ins Gebirge, um es dort an bestimmten Plätzen gegen Getreide umzutauschen. Alles Salz, welches im nordöstlichen Abessinien verbraucht wird, ist solches Seesalz, während in den übrigen Theilen des Landes eine Art Steinsalz aus der östlich von der Provinz Agamié gelegenen Ebene Taltal benutzt wird. Viele Gesellschaften ärmerer Leute, von denen jeder nur über ein Kapital von einigen Thalern zu verfügen hat, ziehen regelmäßig mit ein paar Eseln aus dem Innern nach den östlichen Provinzen, um dort Salz einzukaufen, und machen dabei einen Gewinn, der zu ihrer und ihrer Familie Unterhaltung ausreicht. Verliert ein solcher Händler sein Kapital durch Plünderung, so muß er für wohlhabendere Leute die Reise machen und sich mit geringerem Gewinn begnügen. Das Salz wird in Taltal in regelmäßige Stücken von der Gestalt eines Wetzsteins ausgehauen, die dann als Scheidemünze in ganz Abessinien cirkuliren. Sie sind etwa 8⅛ Zoll lang, 1½ Zoll dick, an beiden Enden abgestutzt und wiegen durchschnittlich vierzig Loth. Ihr Verhältniß zu den Speziesthalern ist sehr verschieden und hängt theils von der Entfernung eines Ortes von der Salzebene, theils von den ruhigen oder unruhigen Zuständen der Gegenden ab, durch welche diese Stücken transportirt werden müssen. Sie schwanken also genau so wie unsere europäischen Werthpapiere je nach den politischen Verhältnissen, haben jedoch vor diesen den Vorzug, stets einen reellen Werth zu repräsentiren. In der Amharasprache heißt das Salz überhaupt Schau; als Scheidemünze in der beschriebenen Form benennt man es jedoch Amole oder Galep. Rüppell fand den Werth eines Maria-Theresia-Thalers in Gondar je nach den politischen Zuständen zwischen 20 und 32 Salzstücken [pg 110]schwankend, oder, dem Gewichte nach ausgedrückt, man erhielt etwa 27 bis 41 Pfund Salz für den Thaler. Dieser letztere selbst schwankt nicht etwa nach dem Silbergehalt, sondern nach dem Gepräge bedeutend im Werthe und ist der Agiotage unterworfen. Nach dem in ganz Ostsudan und Abessinien herrschenden Vorurtheile sind die mit dem Bilde der Kaiserin Maria Theresia versehenen Thaler die besten und allen übrigen Münzen vorzuziehen, und zwar muß bei ihnen das Diadem im Haare sieben wohlausgedrückte Perlen zeigen, der Schleier am Haupte sich deutlich abheben, der Stern auf der Schulter groß und der Avers mit den Münzbuchstaben S. F. deutlich versehen sein. Ohne diese Zeichen und die Jahreszahl 1780 sinkt der Thaler gleich bedeutend im Werthe, und selbst wenn der Kopf der Kaiserin unglücklicherweise Locken statt des Schleiers zeigt, ist es schwer, ein solches Münzstück anzubringen. Dieselben Vorurtheile herrschen in ganz Nordostafrika, wo ein der obigen Münzprägung entsprechender Maria-Theresia-Thaler dafür jedoch zum „Abu gnuchte“, zum „Vater der Zufriedenheit“ wird. Durchlöcherte Thaler oder solche, die mit dem Bilde des Kaisers Franz versehen sind, haben geringeren Werth und sind nur mit Verlust anzubringen; desgleichen spanische Säulenpiaster (Colonnaten) oder andere harte Silbermünzen. Noch für lange Zeit hinaus wird der Maria-Theresia-Thaler Werthmesser in Nordostafrika bleiben und das sonst an Silbergeld arme Oesterreich prägt für diesen afrikanischen Handel noch Jahr aus Jahr ein Thaler mit dem alten Stempel, ja es hat sich sogar in der Münzübereinkunft mit Frankreich (1867) vorbehalten, fortwährend Maria-Theresia-Thaler prägen zu dürfen.

Noch ist zu erwähnen, daß in der Umgebung von Adoa das dort gefertigte Baumwollenzeug an Zahlungsstatt gegeben wird. Es besteht aus Grans oder Stücken von 8 Ellen Länge und 1 Elle Breite, deren Werth sehr schwankend ist. Dieser Stoff dient blos zur Verfertigung von Beinkleidern, welche in Tigrié von Jedermann getragen werden. Einkäufe von geringem Betrag berichtigt man mit Getreide.

Maria-Theresia-Thaler.


[pg 111]

Die Kirche zu Axum in Tigrié. Nach H. Salt.