Theodoros II., Negus von Aethiopien.

Bewegte Jugend. – Der Emporkömmling. – Schlacht von Debela und Königskrönung. – Rebellenkriege. – Reformen. – Abessinische Heere und Kriegspraxis. – Verwicklungen mit den Missionären. – Gefangennahme Cameron’s und Streitigkeiten mit England. – Magdala. – Beginn der englischen Invasion. – Erstürmung von Magdala und Tod Theodor’s. – Rückzug der Engländer.

Im äußersten Westen Abessiniens, angrenzend an das den Aegyptern unterthane Gebiet, liegt die Provinz Koara, bekannt durch die besondere Sprache, welche, abweichend von derjenigen des übrigen Landes, ihre Bewohner reden. Dort sowol als in dem benachbarten Fürstenthum Sana regierte seit alten Zeiten eine adlige Familie, die im Beginn dieses Jahrhunderts durch den Detschas Hailu Mariam repräsentirt wurde. Seine Frau, die sich rühmen konnte, aus noch vornehmerem Geschlechte abzustammen, da sie mit der „salomonischen Dynastie“ verwandt war, gebar ihm im Jahre 1820 einen Sohn, der Kasa genannt wurde. Gewiß war es dem Knaben, der später den Namen Theodor II. führte, [pg 265]nicht an der Wiege gesungen, daß er einst über ganz Aethiopien als Negus herrschen und seine Widersacher niederwerfen werde; denn obgleich aus herzoglichem Geschlecht, bezeichneten seine frühesten Jahre doch das Elend und die Noth. Beim Tode seines Vaters theilten die Verwandten das Erbtheil Kasa’s unter sich und zwangen die aus königlichem Blute entsprossene Mutter, sich durch den Verkauf von Heiltränkchen und Kusso (dem Mittel gegen den Bandwurm) zu ernähren. Der Knabe aber fand im Kloster Tschankar am Tanasee, südlich von Gondar, Aufnahme, um sich dort zum Debtera heranzubilden. Daß er dort den Studien fleißig obgelegen und erlernt hatte, was man in Abessinien erlernen kann, dafür zeugt seine spätere Laufbahn, in welche der arme Student der Gottesgelahrtheit durch einen Zufall hineingeführt wurde. Es war zu Anfang der vierziger Jahre, als wieder einmal ein Rebell die Provinz Dembea heimsuchte und sengend und brennend von Ort zu Ort zog. Auch das Kloster Tschankar wurde überfallen und dort ein Blutbad angerichtet, dem der junge Kasa nur mit Mühe entkam. Mit einem Haufen Abenteurer durch das Land ziehend, führte er ein Räuberleben und schwang sich bald zum Befehlshaber derselben empor. Durch glückliche Erfolge kühn gemacht, beschloß er, sich eine Provinz zu erobern, und fiel zunächst über Dembea her, wo damals die kluge und grausame Fürstin Menene, die Mutter des Ras Ali, herrschte. An der Spitze ihrer Truppen stellte sich die beherzte Frau dem jungen Rebellen entgegen; doch das Schicksal entschied gegen sie. Geschlagen wußte sie doch dem Unheil noch die beste Seite abzugewinnen und den Kasa an sich zu fesseln, indem sie ihm ihre Enkelin Tsubedsche, die Tochter des Ras Ali, zur Frau gab. Dem Muthigen hilft das Glück! dachte Kasa, in dessen Kopf nun großartige Pläne sich zu entwickeln begannen; die Aegypter hatten Galabat erobert und gegen die Hauptstadt dieser Provinz, Metemmé, richtete er nun seinen ersten Angriff. Es war gerade Markttag, als er heranrückte und mit seinen Gefährten den Ort überfiel, ausplünderte und mit großer Beute sich zurückzog. Indessen die Rache folgte auf dem Fuße. Kasa gerieth am Flusse Rahad zwischen zwei Compagnien regulärer ägyptischer Infanterie und wurde gründlich geschlagen. Seine Bande zerstreute sich und er selbst flüchtete mit einer Kugel in der Schulter in das Innere des Landes. Von Allen verlassen, hülflos und ohne die geringsten Mittel wandte er sich nun an die Fürstin Menene; allein diese wies ihn spöttisch zurück und ihr General, der Detschas Underad, wagte es sogar, ihn wegen seiner Herkunft als Sohn einer Kussoverkäuferin zu verspotten. Da ergrimmte Kasa, sammelte Anhänger und schlug Menene sammt ihrem General, die gefangen wurden. Als man sie vor ihn führte, redete er sie folgendermaßen an: „Liebe Leute! Wie ihr ganz richtig bemerkt habt, bin ich der Sohn einer Kussoverkäuferin und ihr erinnert mich, daß meine Mutter heute noch Nichts abgesetzt hat. Macht diesen Fehler gut und trinkt gefälligst diese Flasche aus.“ Und damit zwang er sie, das abscheulich schmeckende, kräftig wirkende Abführungsmittel zu verschlucken.

Nun war Kasa Herr von Dembea und Gondar, wo sein Einfluß von Tag zu Tag wuchs. Als darauf, um ihn niederzuwerfen, sein eigener Schwiegervater, [pg 266]Ras Ali, gegen ihn auszog, wurde auch dieser besiegt und mußte 1852 nach Debra Tabor, später zu den Galla fliehen. Kaum war dieser aus dem Felde geschlagen, so rückte der Detschasmatsch Goschu aus Godscham gegen Kasa vor, um den Emporkömmling zu züchtigen. Wieder wandte sich das Geschick und Kasa, an den Ufern des Tanasees geschlagen, flüchtete in ein Maisfeld. Ihm nach sprengte Goschu, laut ausrufend: „Wer fängt mir diesen Vagabunden ein?“ Kaum hatte er die Worte gesprochen, als ein wohlgezielter Schuß Kasa’s ihn niederstreckte, der nun, aus seinem Verstecke hervorspringend, Goschu’s Truppen zurief: „Schaut, euer Fürst ist hin, und ihr seid Hunde, was wollt ihr machen?“ Entmuthigt durch den Tod ihres Führers streckten die meisten die Waffen und der Rest fiel unter dem Schwerte der wieder gesammelten Truppen Kasa’s. Mit dem Falle dieses letzten Häuptlings hatte Kasa das ganze centrale Abessinien sich unterworfen und nur noch Schoa und Tigrié waren unbesiegt. In ersterem Staate herrschte unabhängig Hailu Melekot, der Sohn Sahela Selassié’s, in letzterem der alte Ubié. Der nächste, welchen das Schicksal betreffen sollte, war Ubié, doch mußte Kasa mit diesem alten schlauen Greise anders zu Werke gehen, als mit den übrigen Gegnern. In Adoa, Ubié’s Hauptstadt, spielten damals die katholischen Missionäre, namentlich de Jacobis, eine große Rolle, welche den alten Ubié ganz für sich eingenommen hatten und ihm Frankreichs Schutz zusagten, während sie den Abuna Abba Salama zu verdrängen suchten. Hierauf baute Kasa seinen Plan. Um den Kirchenfürsten, der durch die Katholiken seine Macht immer mehr geschmälert sah, auf seiner Seite zu haben, ließ er ihn von Adoa nach Gondar kommen und versprach ihm, wenn er ihn zum Könige krönen wolle, die Katholiken zu vertreiben. Der Vertrag wurde geschlossen, die Katholiken zuerst aus Amhara verjagt und Ubié aufgefordert, sich zu unterwerfen und Tribut zu bezahlen. Allein dieser, der 25 Jahre lang im Schoße des Glücks gesessen und an sein Ende nicht glauben mochte, ließ es auf eine Entscheidung durch die Waffen ankommen.

Groß und bedeutend waren die Vorbereitungen, die von beiden Seiten zum Feldzuge getroffen wurden, denn der Tag, welcher über Abessiniens Zukunft entscheiden sollte, war gekommen.

Ueber die Hochebene von Woggara rückte im Januar 1855 das Heer des Emporkömmlings nach Semién vor; ihm entgegen zog von der Enderta her der alte Ubié. Immer höher winden sich die Truppen in die Alpenpässe hinauf, immer schneidender wird die Luft dort oben und der Schnee läßt seine weißen Flocken auf die braunen, leichtgekleideten Krieger herniederfallen, die in gedeckter Stellung am Fuße des mächtigen Bachit sich treffen und zögernd einander beobachten. Hier das Alter, die Erfahrung und eine erprobte Macht; dort die Jugend, die Thatkraft und die Siegesgewißheit, welche rasche Erfolge und Glück verliehen haben. Schon zaudert man wochenlang – da bricht mit einem Male – es war am 9. Februar – Ubié mit seiner gesammten Streitmacht auf. Beim Dorfe Debela kommt es zur entscheidenden Schlacht, in der Ubié’s Heer vernichtet, er selbst gefangen, einer seiner Söhne getödtet wurde. 7000 Flinten [pg 267]und zwei vom Könige Ludwig Philipp geschenkte Kanonen nebst einem Schatz von 60,000 Thalern fielen mit der kurz darauf folgenden Einnahme der Festung Amba Hai in die Hände des glücklichen Kasa, der nun am Ziele seiner Wünsche angelangt war.

Nicht fern von der Wahlstatt steht die von unserm Landsmann Eduard Zander erbaute Kirche Debr Eskié. Dorthin begab sich schon zwei Tage nach der Schlacht, umringt von seinen Generalen und geführt vom Abuna, der siegreiche Sohn der armen Kussohändlerin. Sein Stern war glänzend aufgegangen und dem glücklichen Krieger fuhr der Gedanke durch die Seele, daß er berufen sei, das große äthiopische Reich wieder aufzurichten. Er glaubte sich zu hohen Dingen auserkoren. Ging doch unter den abessinischen Christen die alte Sage, es werde einst ein Kaiser Tadros (Theodoros) erstehen, um den Glanz Aethiopiens wieder herzustellen, das Land groß, das Volk frei und glücklich zu machen; er sei vom Himmel dazu bestimmt, die Muhamedaner zu überwältigen und Mekka sammt Medina zu zerstören. Daran anknüpfend, ließ sich nun Kasa vom Abuna Salama in der Kirche zu Debr Eskié am 11. Februar 1855 zum Negus über Aethiopien krönen, wobei er den Thronnamen Theodor II. annahm. De Jacobis und die Katholiken mußten nun unter Androhung der Todesstrafe schleunig das Land räumen.

Nachdem Theodor nothdürftig durch Einsetzung eines Statthalters sein Ansehen in dem noch keineswegs ganz unterworfenen Tigrié hergestellt, beschloß er, zunächst Schoa zu unterjochen, wozu theologische Spitzfindigkeiten, nämlich die Frage von den zwei oder drei Geburten Christi (vergl. [S. 112]) den Vorwand hergeben mußten. Durch Wollo-Galla zog er auf Schoa zu, dessen schwacher König, Hailu Melekot, an einem entscheidenden Tage die Krone verlor und bald darauf starb. Nachdem noch die Provinz Godscham von Rebellen gesäubert war, hielt der siegreiche Fürst im Mai 1856 seinen feierlichen Einzug in die alte Kaiserburg zu Gondar. Nominell reichte jetzt sein Land, das den Kern des alten äthiopischen Reichs umfaßte, vom Hawaschflusse bis zur Samhara. Aber es hätte nicht Abessinien heißen müssen, um Ruhe zu haben: von allen Seiten regte es sich, um den König wieder niederzuwerfen, und der Bürgerkrieg brach mit seiner ganzen Wuth von Neuem in Tigrié aus.

Ein Neffe des entthronten Ubié, Agau Negusi, setzte sich im nordwestlichen Tigrié fest und vertrieb den Statthalter Theodor’s. Negusi war ein gutmüthiger, löwenherziger Jüngling, dem es nur an festem Willen fehlte. Fünf Jahre lang war er Herrscher über Tigrié an der Spitze einer glänzenden Armee, weil Theodor von Ahmed Beschir, der sich an die Spitze der räuberischen Galla gestellt, nicht loskommen konnte. Unterdessen knüpfte Negusi mit Frankreich Verbindungen an, stand in nächster Beziehung zu den französischen Agenten in Massaua und zu dem Bischof de Jacobis, welchem, wie wir gesehen haben, das Betreten des abessinischen Territoriums bei Todesstrafe verboten war. Ein Brief Negusi’s an Herrn von Lesseps, in welchem er anbietet, sich Frankreich unterwerfen zu wollen, wurde in Massaua verfaßt, und Negusi soll kaum soviel [pg 268]Kunde davon gehabt haben, als von der Abschickung einer Gesandtschaft nach Frankreich, durch welche den Franzosen unter der Bedingung, daß sie ihn beim Umsturz der jetzigen Dynastie begünstigen wollten, die Bai von Adulis und die Insel Dessi geschenkt wurden. Ein Kapitän Russel mit einigem Gefolge wurde sofort von Paris nach Massaua geschickt, um mit dem „Empereur Negousi“ zu verhandeln, der stündlich auf die versprochenen französischen Hülfstruppen sammt Waffen wartete. Diese erschienen jedoch nicht. Nachdem Russel’s Ankunft bekannt geworden, ging er nach Halai, dem Grenzorte zwischen Abessinien und dem Küstenlande, wo Jacobis seit seiner Vertreibung wohnte. Allein die Anhänger Theodor’s setzten ihn, da mittlerweile Negusi geschlagen war, gefangen, und nur auf Jacobis’ Garantie wurde er freigelassen, allein unter der Bedingung, daß er dessen Haus nicht verlasse. Doch Russel entfloh in der Nacht des 5. Februar 1860, wodurch Jacobis in große Verlegenheiten gerieth. Dieser blieb einen Monat in schmählicher Gefangenschaft, mußte ein Lösegeld bezahlen und starb kurz nach seiner Rückkehr nach Massaua infolge der Strapazen. Damit hatte die glänzende französische Intervention ihr Ende.

Der Untergang und Fall Negusi’s selbst war ein höchst tragischer. Als Theodoros Zeit fand, nach Tigrié zurückzukehren, entzog sich Anfangs Negusi durch eine kühn ausgeführte Bewegung seiner Verfolgung; er nahm den Rückzug, weil er wußte, daß seine Soldaten sich nie gegen Theodoros schlagen würden. Im folgenden Jahre, 1861, kam der König abermals über den Takazzié und diesmal erwartete ihn Negusi mit einem an Tüchtigkeit überlegenen Heere; er erklärte als ein guter Ritter auf seinem Rosse siegen oder sterben zu wollen. Aber sein Heer, das fünf Jahre mit ihm gezecht hatte, ließ ihn im Stich. Ein panischer Schrecken ging durch das Lager; Theodor erließ eine Proklamation, worin er jedem Soldaten Pardon anbot. Auf dieses hin zerstreute sich das Heer und Negusi wurde sammt seinem Bruder Tesama auf der Flucht gefangen genommen. Theodoros ließ sie vorführen und beiden die linke Hand und den rechten Fuß abhauen, und um die Schmerzen noch qualvoller zu machen, verbot er, ihren brennenden Durst zu löschen. Tesama starb noch an demselben Tage. Negusi lebte bis zum dritten Tage und man machte seinen Leiden durch einen Lanzenstich ein Ende. Die Kirchen strömten vom Blute der Hingerichteten und als eine Deputation der Geistlichen in Axum vor Theodor erschien, äußerte dieser: „Ich habe einen Bund mit Gott abgeschlossen, er hat versprochen mich auf Erden nicht zu schlagen; ich dagegen habe gelobt, nicht in den Himmel zu steigen und ihn zu bekämpfen!“

Nachfolger Negusi’s als Gegenkönig und Rebell wurde ein gewisser Marit, der jedoch im Oktober 1861 durch den alter ego des Kaisers Theodor, den Detschas Salu von Tigrié gefangen und in Ketten gelegt wurde. Die Waffen erhielten diese Rebellen durch einige Oesterreicher über Aegypten und Massaua.

Doch diese ganze Empörung ist ein gewöhnliches Stück abessinischer Geschichte, wobei nur die dem Negusi zugeschriebene Bedeutung auffällt, während dieses doch nicht der Mann war, um einem Theodor, dessen Namen allein ein [pg 269]Heer in die Flucht jagte, gegenüber gestellt werden zu dürfen. Von großer Wichtigkeit und erheblichen Folgen wurden jedoch einige Episoden dieses Empörungskrieges, der Theodor seiner besten europäischen Freunde beraubte.

Kurz vor dem Emporkommen Theodor’s errichtete die britische Regierung ein Konsulat in Massaua, und um den Verkehr mit Abessinien in regelrechten Gang zu bringen, knüpfte der Konsul Walther Plowden freundschaftliche Beziehungen mit dem mittlerweile ans Ruder gelangten Theodoros an, wodurch er hoch in des neuen Herrschers Gunst stieg. Er begab sich an seinen Hof und trug dazu bei, Theodor’s Vorliebe für europäische Sitten und europäisch aussehende Reformen zu nähren. Auf vielen seiner zahllosen Kriegszüge begleitete ihn der englische Konsul ebenso getreu, wie auf seinen Jagdzügen und bewies sich, sehr verschieden von der reservirten Haltung britischer Diplomaten an anderen Höfen, als der wärmste und thätigste Parteigänger des Königs. Fünf Jahre lang war er der intimste Freund Theodor’s, bis ihn, zum Schmerze des Fürsten, im Beginne des Jahres 1860 die Kugel eines aufständischen Soldaten, der dem Rebellencorps der Gebrüder Garet angehörte, niederstreckte. Noch näher ging dem Könige der Tod des Irländers John Bell, der ein Jägerleben am Blauen Nil geführt und eine schwärmerische Zuneigung zu Theodor gefaßt hatte, sodaß er gleich einem Hunde des Nachts vor dessen Zeltthür schlief. Gern hörte ihn der Fürst über das Finanzwesen und die Regierungsform der verschiedenen europäischen Staaten sprechen, um Lehren für sich daraus zu ziehen. Bell wurde zum Likamankuas, d. h. zum Träger des königlichen Kleides in der Schlacht gemacht, eine Ehre, die nur vier Offizieren widerfährt, die sich ganz wie der König kleiden müssen, damit der Feind den wirklichen König nicht unterscheiden könne. Bei der Verfolgung der Rebellen, welche Plowden ermordet hatten, befand sich auch Bell an der Seite Theodor’s, der die feindlichen Gebrüder Garet in der Nähe von Dobarek, da, wo die Hochebenen von Wogara sich an Semién anschließen, einholte.

Garet, der sich auf keine andere Weise zu retten wußte, rief seinen Bruder und einige Begleiter zu sich und ritt in gestrecktem Galopp auf Theodor zu, der von Bell und einigen Offizieren umgeben, der Truppe vorausgeeilt war. Als Garet sich in Schußweite befand, hielt er an, zielte und feuerte. Der Negus wurde unbedeutend an der Schulter verwundet. In diesem Augenblick gab Bell Feuer und jagte dem verwegenen Garet eine Kugel durch den Kopf, erhielt aber gleichzeitig einen Lanzenstich durch die Lunge, infolge dessen er todt zusammenbrach. Nun gab auch Theodor Feuer und streckte den jüngeren Garet nieder. Die Wuth und der Schmerz des Königs über den Verlust seines getreuen Dieners überstieg alle Grenzen und Garet’s ganzes gegen 1700 Mann starkes Corps, das sofort die Waffen streckte, wurde enthauptet. Der Reisende, der heute über die Ebene von Wogara bei Dobarek zieht, sieht dort das Feld noch weit und breit mit Menschengebeinen übersät, den Zeugnissen der schauderhaften Rache, welche Theodor an den Mördern seines Lieblings genommen (vergl. oben [S. 203]). Und doch war dieser Akt noch weit weniger grausam, als [pg 270]die früher übliche Bestrafung der Kriegsgefangenen, die man entmannte. Hochverräther wurden nach Isenberg’s Zeugniß früher öffentlich bei lebendem Leibe geschunden, das Fleisch dann in kleine Stücken zerhackt und den Hunden vorgeworfen; die Haut aber gerbte man und machte Trommelfelle daraus. Alle diese barbarischen Strafen schaffte Theodoros Anfangs ab, aber die fortwährenden Unruhen zwangen ihn, später wieder darauf zurückzukommen, und das Blut floß auch unter Theodor in Strömen.

Die inneren Feinde waren so allmälig niedergeworfen, dafür trat jedoch von außen ein weit mächtigerer Widersacher, England, auf. Ehe wir jedoch hierzu übergehen, ist es nothwendig, noch einen Blick auf Charakter und Persönlichkeit, wie auf die reformatorischen Bestrebungen des Negus zu werfen, der jedenfalls ein ganz bedeutender Mensch in seiner Weise war, eine seltene und großartige Erscheinung in Abessinien, die allerdings mit europäischem Maßstabe nicht gemessen werden darf.

„Theodoros“, so schrieb 1862 Lejean, „mag etwa 46 Jahre alt sein. Er ist von mittlerem Wuchs und wohlgestaltet, hat einen offenen sympathischen Gesichtsausdruck, gut entwickelte Stirn, kleine, lebhafte Augen und eine fast schwarze Gesichtsfarbe. Nase und Kinn erinnern an den jüdischen Typus. Er ist aus Koara gebürtig und ich halte ihn für einen Agow oder Gamanten; für einen Aethiopier von reinem Blute ist Theodoros zu dunkelfarbig. Seine äußere Erscheinung imponirt, sie zeigt, daß er in der That ein Mann von großer geistiger Regsamkeit und unermüdlicher Kraftentwicklung ist, und er bildet sich auch hierauf etwas ein. Er vertreibt sich gern die Zeit damit, an steilen Hügeln herab- und heraufzuklimmen und dann erfordert die Etikette, daß seine Umgebung ein Gleiches thue. Auf dem Pferde bewegt er sich wie ein argentinischer Gaucho und seine Rosse zittern buchstäblich, wenn sie ihn kommen sehen. Sein Kriegsruf ist wie bei allen abessinischen Häuptlingen: Abba Senghia, d. h. Vater der Pferde. Für gewöhnlich trägt er sich höchst nachlässig; als tüchtiger Soldat verachtet er ein geschniegeltes Wesen, kleidet sich wie ein gewöhnlicher Offizier, Kopf und Füße sind unbedeckt. Aber auf einen Schmuck der Krieger legt er Werth; er läßt das Haar in drei lange Flechten legen, welche auf die Schulter herabfallen, und trägt ein weißes Stirnband.“ Ausgenommen seine erste Frau, Tsubedsche, hat nie ein Weib Einfluß auf sein Leben gehabt. Diese aber, die Tochter seines Widersachers Ras Ali, liebte er leidenschaftlich, und als er sie im Jahre 1858 verlor, war er kaum zu trösten. Ganz anders ging es seiner zweiten Frau, Toronesch, einer Tochter Ubié’s, die er geheirathet, um sich mit der Familie dieses einst mächtigen Fürsten auszusöhnen. Er verstieß sie einmal, und Bell, der interveniren wollte, um Skandal zu verhüten, erhielt eine gehörige Ohrfeige. Der Fortbestand seiner Dynastie lag dem König Theodoros nicht minder am Herzen als einem europäischen Fürsten, und er behauptete, daß wenigstens einer seiner Söhne ans Ruder kommen müsse, „denn die Propheten hätten nicht gelogen“. Sein älterer Sohn, von der Tsubedsche, war ein durchaus verkommener, mißrathener Mensch, den der Vater eines [pg 271]schönen Tages in einen Eselstall sperren ließ, damit er dort „en famille“ sei. Der zweite jedoch, Detschas Maschescha, wurde 1862 zum Gouverneur von Dembea ernannt, wo er sich durch sein mildes Wesen so beliebt machte, daß Theodor es für gerathen hielt, ihn abzuberufen. „Was soll dies Buhlen um die Volksgunst? fragte er ihn. Willst du die Rolle des Absalon spielen und den Vater vom Throne verdrängen?“

Das Auftreten Theodor’s war meist theatralisch oder, wie die Abessinier sagen, fakerer, d. h. ruhmredig. Gesten und Stimme waren berechnet und Niemand wußte besser als er den Präsidentensitz bei einer Versammlung auszufüllen. Seine brillante Beredtsamkeit verfehlte selten ihr Ziel und seine Briefe sind Muster der amharischen Sprache. Die halb klösterliche Erziehung, die er in Tschankar erhalten, hatte noch Spuren hinterlassen, und so galt der König für einen sehr gebildeten Mann. Er war in der Nationalliteratur bewandert und kannte die europäischen Zustände. Als Probe seines Stils möge folgende von ihm eigenhändig niedergeschriebene Proklamation gelten: „Von Menilek bis auf die jüngste Zeit herab sind alle Negus dieses Landes nur Histrionen gewesen, welche Gott weder um Geist noch um Beistand baten, das Reich wieder aufzurichten. Als Gott mich, seinen Diener, zum Könige erwählte, sagten meine Landsleute: Der Fluß ist ausgetrocknet, es giebt kein Wasser mehr in seinem Bett. Und sie beleidigten mich, weil meine Mutter arm war und nannten mich ein Bettlerkind. Aber den Ruhm meines Vaters, den kennen die Türken, da er sie von den Landesgrenzen bis in ihre Städte zurückgejagt. Mein Vater und meine Mutter stammen von David und Salomo, ja von Abraham, dem Knechte Gottes, ab. Diejenigen aber, welche mich Bettlerkind schimpften, sie betteln heute selbst um ihr tägliches Brot. Ohne den Willen Gottes können weder Kraft noch Weisheit vor dem Untergange schützen. Viele Große dieser Erde haben Bomben und Kanonen im Ueberflusse und sind doch unterlegen. Napoleon hatte tausende und er ist besiegt worden. Nikolaus, der Negus der Moskowiter, ist von Franzosen und Türken besiegt worden; er starb, ohne daß seines Herzens Wunsch in Erfüllung ging.“

Von der europäischen Civilisation hatte Theodor eine hohe Meinung, von der Moral der Europäer jedoch nur eine sehr geringe, was auch nicht gut anders der Fall sein konnte, da die meisten Europäer, mit denen er zu verkehren hatte, verdorbenes, hochmüthiges Gesindel waren. So wild der König auch im Kriege war, an sanfteren Regungen fehlte es ihm keineswegs. Er nahm sich der Waisen an, sorgte für sie durchs ganze Leben, verheirathete sie und ließ sie niemals aus dem Auge. Er liebte die Kinder außerordentlich und kehrte sich, wie er sagte, von den falschen Höflingen ab, um sich an der Unschuld jener zu weiden. Dabei war er freigebig im höchsten Grade, großmüthig und gerecht, aber auch unerbittlich streng, wo es darauf ankam. „Ich selbst war Zeuge,“ schreibt Krapf 1856, „wie schon Nachts 2 Uhr Scharen von Beschwerde führenden Leuten aus allen Theilen Abessiniens das königliche Lager umstanden und Dschan hoi! (o Majestät) riefen. Ich glaube kein König in der Welt thut es [pg 272]ihm in dieser Beziehung gleich, und mußte mich nur wundern, wenn er es bei einer solchen angestrengten Thätigkeit bei Tag und Nacht, in Sachen des Kriegs sowol, wie des Friedens aushalten kann. Die Abessinier haben ihn aber auch bereits so lieb, daß sie ihn mit dem König David im alten Bunde vergleichen, und sie glauben, daß die alte Weissagung, wonach ein König Theodorus kommen und Abessinien groß und glücklich machen, auch Mekka und Medina zerstören werde, sich zu erfüllen anfange.“

Obgleich der Negus sein eigenes Volk verachtete und dessen Fehler recht wohl kannte, so hat er nichtsdestoweniger redlich an der Verbesserung der Lage desselben zu arbeiten versucht und, soweit den eingewurzelten Mißbräuchen gegenüber seine Kraft reichte, eine reformatorische Thätigkeit entwickelt, die allerdings durch die fortdauernden Rebellionen auf große Hindernisse stoßen mußte. Durch die lange Anarchie waren alle Gesetze nur todte Buchstaben geworden und die Kirche in die größten Mißbräuche gerathen. Alle üblen Folgen der todten Hand lasteten auf den Bauern und Besitzern der Kirchengüter. Gegen diese Mißbräuche trat nun Theodor mit eisernem Willen auf; er erklärte die todte Hand als ein nationales Uebel und annektirte alle Kirchengüter der Krone, indem er der Geistlichkeit ein gewisses Einkommen und den Klöstern genug Land ließ, um sich zu ernähren. Auf die Einheit der Kirche hielt er dabei große Stücke; doch war er Fanatiker und befahl allen Muhamedanern in seinem Reiche, binnen zwei Jahren Christen zu werden. Mit den Missionären, protestantischen wie katholischen, die sich doch in die politischen Verhältnisse mischten, wollte er nichts zu thun haben – er untersagte ihnen jegliche Thätigkeit. Den Handel zu heben, hatte Theodor gleich nach seinem Regierungsantritte alle die unzähligen Zollstätten von Gondar bis nach Halai aufgehoben, zwei Plätze ausgenommen. Auch der Sklavenhandel und die Vielweiberei wurden verboten, freilich ohne großen praktischen Erfolg. Sein Hauptplan war aber immer, das große äthiopische Reich phönixartig aus der modernden Asche wieder erstehen zu lassen. Hierzu brauchte er die Hülfe der Europäer, und darum verlangte er nach jenen Handwerkern, die ihm auch durch Krapf’s Vermittlung zugeschickt wurden. Jedenfalls war überall ein Fortschritt, auch in der Justiz zu erkennen, sodaß 1862 Heuglin aus Abessinien in die Heimat schreiben konnte:

„Die Zustände in Abessinien im Allgemeinen lassen Manches zu wünschen übrig. Der König stößt auf tausend Schwierigkeiten bei Einführung seiner Reformen und muß mit eiserner Strenge verfahren, um nur einigermaßen Ordnung erhalten zu können, doch ist trotzdem, daß ihm seine Kriegszüge keine Zeit lassen, viel für Administration zu thun, auch manches sehr Erfreuliche hier geschehen. Namentlich ist für bessere Kommunikation wirklich mit Erfolg an Straßenbauten gearbeitet und dem Schreiber- und Pfaffenunwesen mit einer Kraft Einhalt gethan worden, an der sich mancher andere Herrscher ein Exempel nehmen dürfte.“

Soviel wie Theodor hatte vor ihm kein abessinischer Herrscher für Land und Volk gethan, keiner war aber auch mit so außerordentlichen Gaben des [pg 273]Geistes ausgerüstet, wie dieser bedeutende Mann, an dem andererseits Jähzorn und Trunksucht sehr zu beklagen sind, da beide ihn oft zu gewaltsamen, unüberlegten Handlungen hinrissen. Wild und grausam blieb er auch in seinem Lager- und Kriegsleben, das wir am besten kennen lernen, wenn wir mit dem deutschen Reisenden Steudner, dem Begleiter Heuglin’s, einen Besuch im Lager des Königs abstatten, der sich auf einem Feldzuge gegen die Galla im Lande jenseit des hohen Kollogebirges befand.

Spät am Abend des 4. April 1862 erschien ein Bote bei Herrn von Heuglin, um diesen einzuladen, beim Könige zu erscheinen. Der Geladene warf sich in eine große Uniform und wanderte, von Steudner begleitet, unter Fackelschein über Sturzäcker zu dem kaiserlichen Zelte. In dem mit Wachen umstellten engeren Lagerbezirke wurden die Reisenden aufgehalten, da im Zelte des Negus erst eine längere Berathung darüber stattfand, ob Heuglin auch mit dem Säbel an der Seite eintreten dürfe. Nachdem dies bewilligt war, wurden die Fremden feierlich in das Zelt eingeführt, in welchem sie Seine schwärzliche Majestät mit halb untergeschlagenen Beinen auf einem alten auf der Erde ausgebreiteten Teppich sitzend fanden; neben ihm kauerte sein Beichtvater, der Etschegé. Se. Majestät trug ein weißes abessinisches Gewand, dem man die Spuren langen Lagerlebens deutlich ansah; er grüßte sehr artig, besonders Herrn von Heuglin, fand es jedoch nicht für nöthig, sich zu erheben; dann lud er die Gäste ein, neben ihm Platz zu nehmen. Das Zelt war von großen Würdenträgern und Eunuchen überfüllt; zur Linken des Königs saß dessen Sohn Maschescha, und der Sohn des gestürzten Königs von Schoa, der zugleich mit Maschescha erzogen wurde, der zweite Ras des Landes, Ras Engeda, und der Lagerkommandant Bascha Negusi. Vor ihnen stand ein mit rothem Tuch bedeckter Meseb oder Eßkorb, aus welchem sie mit unvergleichlichem Appetite die Fastenspeise verzehrten. Se. Majestät ließ durch seinen Af sich erkundigen, was die Reisenden essen wollten, Brundo (rohes Fleisch), Teps (halbgeröstetes) oder Fastenspeise. Der Af, d. h. der Mund, ist eine vertraute Person des Königs, zu welcher dieser spricht, um die Worte den Fremden zu wiederholen, selbst wenn derjenige, an den sie gerichtet sind, sie vernimmt. Man stellte es der Weisheit Theodor’s anheim, mit was er seine Gäste bedienen wolle, und auf ein Zeichen erschien ein Meseb mit schönem Tiéfbrot gefüllt, um den die beiden Europäer sich lagerten, während zwei hohe Würdenträger beordert wurden, sie zu füttern, d. h. abgerissene Stücke Tiéfbrot in die rothe Pfeffersauce zu tauchen und ihnen diese in den Mund zu praktiziren. Die Leute entledigten sich dieser Pflicht in höchst liebenswürdiger Weise, indem sie möglichst große Brotballen mit möglichst viel brennender rother Pfeffersauce den Gästen in den Mund steckten, welche das abessinische Gericht krampfhaft hinabwürgten. Nach der Mahlzeit bediente sich Se. Maj. nicht mehr des Af, sondern wandte sich unmittelbar an die Fremden und zwar in arabischer Sprache. Während der Unterhaltung wurde Honigwein in schönen Punschgläsern aus einer Bowle servirt, die vom Gouverneur von Indien geschenkt war.

Theodor war damals sehr mit Regierungsgeschäften überhäuft und ließ sich mehrmals entschuldigen, daß er die Reisenden nicht gleich offiziell empfangen könne. Schon vor Sonnenaufgang begann vor dem königlichen Zelte das Dschan-hoi-Geschrei derjenigen, die Streitsachen vortragen und Gerechtigkeit erflehen wollten. Hierauf folgten von Sonnenaufgang an die Gerichtssitzungen, wobei das klatschende Geräusch der großen Knuten und Stöcke das Ergebniß verkündigte, welches nicht selten in die frische Morgenluft hinein hallte. Mehre Tage hindurch war der Negus damit beschäftigt, die im Lager mitgeführten Herden zu zählen. Nachdem dieses königliche Geschäft, wobei 20,000 Rinder die Revue binnen zwei Tagen passirten, vollendet war, erhielten die beiden Reisenden eine feierliche Audienz zur Uebergabe der mitgebrachten Geschenke. Der Negus empfing sie am Abhange eines Hügels, welcher das Centrum des Lagers bildete. Er saß auf einer Alga, die mit einem prachtvollen, sehr großen Kaschmir bedeckt war; darüber lag noch ein mit indischer Goldstickerei überladener Teppich ausgebreitet. Auf der Sonnenseite, sowie hinter dem Könige standen zwei Schirmträger, welche beide ungeheuer große bunte Schirme auf 10 Fuß hohen Stäben über dem Haupte des Erlauchten hielten. Der Negus selbst war in einen sehr feinen Margef gehüllt und lehnte nachlässig auf der Alga, vor welcher für die beiden Europäer gute Teppiche zum Niedersitzen ausgebreitet waren. Diese befanden sich allein mit dem Fürsten und seinen schirmtragenden Kammerherren, während im Umkreise von 30 Schritt Halbmesser andere dienstthuende Hofchargen standen, z. B. die Peitschenträger mit langen Stöcken in der Hand, um das neugierige Publikum abzuhalten.

Nachdem Se. Maj. sehr bereitwillig Erlaubniß zur Ueberreichung der Geschenke ertheilt, wurden die Diener der beiden Reisenden herangerufen, die mit gänzlich entblößtem Oberkörper, die Gewänder um den Leib gegürtet, mit den Gegenständen erschienen. Jedes einzelne Stück mußte dem Negus gezeigt und dann vor ihm auf den Boden niedergelegt werden. Die Geschenke bestanden aus mehreren Sammetteppichen, einem Revolvergewehr, einem sehr schönen Revolver nach abessinischem Geschmack mit recht großem Kaliber, zwei sehr guten langen gezogenen Pistolen, welche man mit angeschraubtem Kolben auch als Pürschbüchsen benutzen konnte, einem Hirschfänger mit vergoldetem und einem andern mit silbernem Griffe, einigen schön gearbeiteten Dolchen mit vergoldeten Scheiden u. s. w. Se. Maj. geruhten hierauf sich dankend über die Geschenke auszusprechen. Im Laufe der Unterhaltung sprach er seine Verwunderung darüber aus, daß die Türkei bisher noch nicht von den christlichen Mächten erobert sei, ja daß einige derselben sie sogar gegen eine andere christliche Macht geschützt hätten, wobei er bemerkte: „ein Reich, das sich nicht selbst regieren könne, habe keinen Anspruch darauf, selbständig zu existiren“. Uebrigens erschien der König sehr ermüdet, war es doch der dritte Tag, an welchem er sich mit dem anstrengenden Rinderzählen beschäftigt hatte, kein Wunder also, daß seine Nerven angegriffen waren. Abgesehen von dieser Mattigkeit erschien König Theodor, ein Mann von etwa 40 Jahren, kräftig, schlank, wenn auch nicht groß. Seine [pg 275]Gesichtszüge waren frei; in der Tracht unterschied er sich kaum von seinen Unterthanen; wie diese ging er barhaupt und barfuß in dieselbe Schama gekleidet. Das Haar trug er als Krieger in mehrere, dicht am Kopfe anliegende Zöpfe geflochten.

So war der Mann beschaffen, der als Mittelpunkt des ganzen Lagers dastand, welches sehr leicht aufgeschlagen wird. Will der Negus, der stets an der Spitze seines Heeres marschirt, Halt machen, so läßt er an einem passenden Platze ein kleines scharlachrothes Zelt aufstellen, welches dann als Mittelpunkt für das ganze Lager dient. Dicht vor diesem, auf dem höchsten Punkte wird das Kirchenzelt, welches niemals fehlen darf, errichtet. In einiger Entfernung von diesem und stets – angeblich aus Demuth – tiefer stehend, wird das sehr große, aus dickem dunkelbraunem Mack bestehende Zelt des Negus aufgebaut; zu beiden Seiten desselben standen zwei ähnliche für die beiden Königinnen; auf dem linken Flügel dann ein sehr großes Zelt für den königlichen Marstall und die vier zahmen Löwen, diesem entsprechend auf dem rechten Flügel gleichfalls ein großes Zelt für die königliche Küche, dann das Zelt des Abuna Salama, durch eine stets vor der Zeltthür errichtete Windwand kenntlich. Die Zelte der Anführer sind aus weißem Baumwollenstoff in verschiedenen Formen gearbeitet; um diese herum bildet sich ein weiter Kreis kleiner Hütten, Gotscho, in welchen die Leute eng zusammengepreßt liegen, um sich gegenseitig zu erwärmen. Eine bestimmte und sehr praktische Form haben die Zelte der Schoaner; sie sind aus starkem braunem Mack gefertigt, haben ein Rechteck zur Basis und zwei Zeltstangen halten das Ganze an den beiden schmalen Ecken, während kurze Schlingen am unteren Rande des Zeltes dazu dienen, die Pflöcke einzuschlagen. Auf diese Weise halten sie sich sehr gut, ohne daß sie die wegen der vielen herumlaufenden Thiere höchst unangenehmen Zeltstricke nöthig haben; auch im Innern bieten sie vielen Raum. Ueberall vor den Zelten lodern Feuer, an denen die Frauen der Soldaten beschäftigt sind, für diese Tiéfbrote oder rothe Pfefferbrühe zu kochen; zu anderen Zeiten sieht man die Zeltstricke dicht mit großen Mengen in lange dünne Streifen geschnittenen Fleisches behangen, welches an der Luft und der Sonne trocknen soll. Reihen von Mägden und Dienern durchziehen von der königlichen Küche aus nach allen Richtungen das Lager, um große, mit rothem Tuch überdeckte Meseb oder Körbe voller Tiéfbrot und mächtige Krüge voll Honigwein nach den verschiedenen Zelten der Großen zu bringen, die aus den königlichen Vorräthen mit Trank und Speise versehen werden.

Noch bunter und lebendiger gestaltet sich das Bild, wenn das Lager aufbricht. Zunächst werden die kleinen Gras- und Reisighütten (Gotscho) niedergebrannt, und hoch zum Himmel auf strebt der Rauch, die Stätte des abgebrochenen Lagers bezeichnend. In den meisten Fällen führt der Negus, von Kavallerie umgeben, den Zug an, dem in mehreren Heersäulen das Gros der Armee folgt. Lange Reihen von schwer beladenen Pferden, Maulthieren und Eseln, die in dem futterarmen Hochlande Tag und Nacht der Kälte und Nässe ausgesetzt sind, ziehen, zu Skeletten abgemagert, dahin. Ohne die geringste Ordnung schreiten [pg 276]Leute einher, die vorsichtigerweise während des Tagemarsches eine Last Holz mitschleppen, um sich damit am Abend ein wärmendes Feuer machen zu können; ihnen folgen Krieger in der einst weißen, jetzt schmuzigen Schama mit rothem Randstreifen und umwickelt mit dem dicken abessinischen Leibgurt, in welchem der Schotel, d. h. der große krumme abessinische Säbel mit Nashorngriff in rother Scheide steckt; in der Hand führen sie die scharfgeschliffene Lanze oder ein Luntenflintengewehr mit viereckigem Kolben. Dann ziehen munter plaudernd, an dem Kochlöffel erkenntlich, mit dem flachen Gilgit oder Proviantkorbe auf dem Rücken, die Köchinnen, echte Löffelgarde, einher. Die königlichen Küchendamen sind an dem Messingknopfe kenntlich, der auf dem Kopfwirbel in das Haar mit eingeflochten ist. Neben ihnen traben Esel, unter der Last von Grasbündeln völlig begraben. An jedes der langen Ohren dieser philosophischen Geschöpfe ist eine Ziege oder ein Schaf vorgespannt, damit das interessante Kleeblatt beisammen bleibe.

Von einer Anzahl Pfaffen mit großen Turbanen umgeben, reitet auf schönem Maulthiere im violetten Gewande der höchste Kirchenfürst, Abuna Abba Salama auch im Zuge mit. Neben ihm und seiner wohlgenährten in Gott vergnügten Schar schleppt sich mühsam auf skelettartig abgemagertem Maulthiere ein früherer Häuptling hin, dem mit oder ohne Ursache eine Hand und ein Fuß abgehauen ist. Er hat den Stumpf seines Fußes in ein Trinkgefäß aus Horn gesteckt, den verstümmelten unbrauchbaren Arm trägt er im faltigen Gewande verborgen. Dann folgen Gefangene in schweren Ketten, jeder mit seinem Führer zusammengeschlossen, den der Unglückliche noch für diese Gefälligkeit ernähren und bezahlen muß. Viele dieser Gefangenen tragen, um das Entweichen zu verhindern, den fünf bis sieben Fuß langen Monkos am Halse, dessen dicke Gabel durch ein Querholz geschlossen ist und der dem Gefangenen selbst beim Schlafen nicht abgenommen wird. Kaum ein Lumpen deckt diese Unglücklichen. Nicht weit von ihnen trifft der Blick wieder auf ein anderes Bild, und zwar auf ein heiliges, das mit allem Aufwande von abessinischem Prunk angezogen kommt. Es ist der Etschegé, das Oberhaupt der Mönche, zugleich Beichtvater des Königs, dem er als steter Begleiter und Rathgeber allüberall hinfolgt. Er reitet ein prachtvolles Maulthier und schützt sein theures, mit einem ungeheuren weißen Turban umhülltes Haupt durch einen großen buntseidenen Regenschirm, dessen abwechselnd goldgelbe und violette Fächerfelder weithin sichtbar sind. Ihm folgt eine große Anzahl schmuziger Mönche in einstens weiß gewesene Gewänder gehüllt oder in gelbes Leder gekleidet; alle tragen das Zeichen ihres Standes, den Fliegenwedel oder Kuhschwanz. Unter ihren weißen oder gelben Kappen erblickt man die niederträchtigsten Gaunerphysiognomien, sowie die ausdrucklosesten Gesichter, die Abessinien erzeugen kann. Plötzlich scheut das Maulthier des Etschegé und springt zur Seite: es ist ein aller Kleider beraubter Todter, der, auf der Straße liegend, das Thier beunruhigt. Dem Etschegé mit seinen frommen Begleitern folgt eine Reihe Tabots, für deren wunderthätigsten ein mit rothen Lappen und Lumpen bedeckter Armsessel aus lackirtem, mit bunten Blumen bemaltem Holz bestimmt ist. [pg 277]Diese Tabots, deren oft zehn oder zwanzig aufeinander folgen, sind Holztafeln mit den zehn Geboten oder frommen Sprüchen beschrieben. Jede dieser Platten ist sorgfältig mit rothem Baumwollstoff bedeckt und alle werden in einer langen Reihe hintereinander getragen. Dem ganzen kirchlichen Prachtzuge geht ein schmuziger Mönch voran, welcher fortwährend eine Glocke schwingt, damit Jeder, der da sitzen sollte, vor den Heiligthümern aufstehe und ihnen seine Ehrfurcht bezeuge.

Im Lager des Negus. Priester und Krieger. Zeichnung von H. Leutemann.

Im vollen Galopp auf guten Maulthieren, die mit klingelnden Glöckchen behängt sind, kommt ein Trupp Schoaner angesprengt; es sind lauter kräftige Gestalten, in dunkelbraunen Mack gekleidet, mit dem kurzen, stark gekrümmten Messer im dicken, die Brust bedeckenden Gürtel und mit der schön gearbeiteten Lanze auf der Schulter. Wieder andere Bilder! Hier Lastthiere, schwer bepackt mit Lederschläuchen; dort Weiber, die das Doppelte ihres eigenen Volumens an leeren oder gefüllten Kürbisschalen (Gerra) schleppen, welche zum Transport von Butter, Honig, rothem Pfeffer u. s. w. dienen. Alle schreien und schwatzen, dazwischen klappern die vielen getrockneten Kürbisschalen. Keiner dieser Schönen fehlt indessen das nöthige hölzerne Kopfkissen in der Form eines fünf bis sechs Zoll hohen Leuchters mit einem ausgehöhlten Holzbügel zum Hineinlegen des Nackens beim Schlafen. Der Fuß dieses Instrumentes ist oft hübsch gedrechselt.

Neben dieser bunten Gesellschaft reitet eine der zwei Königinnen, denn zu jener Zeit hatte der christliche Monarch zwei Damen zu Ehegemahlinnen. Die eine rechtmäßig mit dem Negus verbundene war die schon erwähnte Tochter des entthronten Detschasmatsch Ubié von Tigrié; die zweite ein Fräulein aus dem Jedschu-Galla-Lande. Beide jedoch sind gleich gekleidet in blaue Mäntel, die mit Gold- und Silberglöckchen behangen sind. Beide haben, wie alle großen Damen, ihr Gesicht verhüllt, nur die schwarzen Augensterne funkeln und leuchten bei beiden gleichmäßig aus der weißen Umhüllung. Das einzige Unterscheidungszeichen zwischen beiden war nur stets ein in Silber gestickter türkischer Halbmond mit daranstehendem Venusgestirn, das auf dem Gewande der einen Königin auf dem untersten Theile ihres Rückens erglänzte. Diese jetzt die schlanken Formen zweier Königinnen umhüllenden Mäntel waren wol einst Schabracken eines ägyptischen Marstalls gewesen. Beide Majestäten sind von einigen Bewaffneten und Eunuchen begleitet und reiten stets in der Entfernung einer halben Stunde voneinander, um etwa möglichen Konflikten vorzubeugen, sowie sie auch zwei gänzlich getrennte Hofhaltungen in zwei verschiedenen Zelten zu beiden Seiten des königlichen Zeltes haben.

Oft sitzt oder liegt mitten in dem durch die Hufe der zahlreichen Thiere aufgewühlten Schmuze ein nur wenige Monate oder ein bis zwei Jahre altes Kind schreiend im Wege, jeden Augenblick in Gefahr, durch Reit- oder Lastthiere zertreten zu werden, die sich oft dicht zusammendrängen, um einer Leiche aus dem Wege zu gehen. Todte Thiere, halbverweste Pferde, Maulthiere, Esel, Schafe und Ziegen bezeichnen zu tausenden die Straße, welche das Heer zieht. Dort wird ein Kranker getragen, es muß ein Vornehmer sein, denn man trägt [pg 278]ihn behutsam auf bequemer Tragbahre, über welcher aus weißer Schama ein leichtes Zelt errichtet ist; wäre es nur ein armer Mann, so hätte man ihn einfach auf zwei lange Holzstücke gebunden.

Nahe bei dem Kranken sehen wir einen anderen Zug: eine ganz weiß gekleidete Dame, die Frau eines Großen, reitet dicht verhüllt dahin; ihr Maulthier wird sorglich von einem Diener geführt. Gestern erst hat sie die Welt mit einem neuen Bürger beschenkt, der schreiend und quiekend in einem weiß bedeckten Brotkorbe von einem Diener auf dem Kopfe nachgetragen wird. Der kaum einige Tage ältere Sprößling einer anderen Frau giebt ebenfalls durch Schreien Zeichen einer gesunden, kräftigen Lunge, sein Lager aber ist nicht so sorgsam gegen Sonne und Kälte geschützt. Mit Riemen ist er völlig nackt zwischen Körbe und Kürbisflaschen auf den Rücken oder die Hüfte seiner schwer tragenden Mutter geschnürt oder auf das Gepäck eines magern Pferdes gebunden. Kleine Kinder von drei bis fünf Jahren, völlig nackt oder nur mit einem Stückchen Schaf- oder Ziegenfell über den Schultern, laufen neben ihren schwer bepackten Müttern, ja sie tragen selbst einen Theil von den Kürbisflaschen, Eisenblechen zum Brotbacken, hölzernen Schüsseln zum Anrühren des Brotteiges u. s. w. Andere Weiber rauchen gemüthlich aus einer großen Tabakspfeife, deren Abguß aus einem kleinen wassergefüllten Kürbis besteht; neben ihnen schleppen sich einige unbepackte Maulthiere hin, deren aufgedrückter Rücken eine einzige Wundfläche bildet. Am Wege sitzt ein Künstler von Fach auf einem Bunde Stroh, aus welchem er sich am Abend einen Gotscho zu bauen gedenkt, und singt zu dem eintönigen Geklimper seiner Kirra, der abessinischen Lyra, mit scharfer näselnder Stimme, packt dann Stroh und Lyra auf den Kopf und wandelt als zweiter Apollo seinen kothigen Weg. Zwischen diesen Scharen bepackter Menschen und Thiere ziehen brüllend Herden schöner Rinder, Schafe und Ziegen; auch bricht, Geschrei und Unordnung verursachend, gelegentlich ein kräftiger Stier durch die Massen.

Die vier zahmen Löwen des Negus (vergl. [S. 187]), schöne, große Thiere, laufen völlig frei mitten im Troß, ohne auch nur am Stricke geführt zu werden. Steudner bemerkte zu seinem Erstaunen, daß in unmittelbarer Nähe der Löwen das Vieh, Kühe, Schafe, Ziegen, Maulthiere, ruhig graste, ohne die geringste Furcht vor dem Könige der Wildniß zu haben. Wie Hunde liefen sie mitten im Gewühl und gehorchten der Stimme ihres Begleiters, hinter welchem sie oft in geschlossener Phalanx dicht auf den Fersen hermarschirten.

Mitten zwischen dem Troß reitet ein Großer des Landes stolz durch all das Gedränge. Vor ihm her schreitet sein Speerträger, ein Diener mit langer, haarscharfspitziger Lanze, deren von Schoanern gearbeitete Eisenspitze in rothledernem Futteral geborgen ist. Sein mit Gold und Silber beschlagenes Büffelhautschild, sein Gewehr und seinen in rothlederner Scheide steckenden Säbel mit Rhinozerosgriff tragen andere Diener vor und neben ihm. Vor ihm führt sein Lieblingsknappe ein Staatsmaulthier, auf welchem der gleich dem Schilde mit Gold- und Silberplatten und Filigranarbeit bedeckte Staatssattel liegt. Wie der Sattel ist auch das übrige Geschirr und Zaumzeug des Maulthiers mit Gold und Silber [pg 279]überladen. All dieser Schmuck aber ist mit rothen Lumpen bedeckt. Unbekümmert reitet der Häuptling barhaupt durch das Troßgedränge an den Leichen von Menschen und Thieren oder verwüsteten Saatfeldern vorüber. Seine Thiere sind gegen den „bösen Blick“ durch Dutzende um den Hals hängender Amulete geschützt. Männer mit aus Stroh geflochtenen Regendächern aus Begemeder, Sklaven, die oft nur die Schultern mit einem kleinen ungegerbten Schaffell bedeckt haben, gehen ihm demüthig aus dem Wege, wenn er, mit dem Sonnenschirme das Haupt schützend, stolz dahinreitet. Nicht weit von ihm zieht eine andere Gruppe schwer bepackter Männer. Landleute, zu diesem Frohndienste gepreßt, tragen den in seine Theile zerlegten Erntewagen, welchen die Missionäre in Gafat gebaut – weil der Weg zum Fahren nicht geeignet ist. Andere schleppen die Laffeten schwerer Geschütze und die dazu gehörigen Vollkugeln – allein die Geschützrohre hat man in Magdala gelassen! Soldaten, mit den Sätteln ihrer gefallenen Pferde auf dem Kopfe, mit Speer und Sonnenschirm in der Hand, hoffen bei der nächsten Plünderung eines Dorfes neue Thiere zu ihren Sätteln zu bekommen. Das Wiehern der Pferde, das Geschrei und Gebrüll der übrigen Thiere [pg 280]wird nur manchmal von der dröhnenden, donnerähnlichen Baßstimme des einen oder andern Löwen unterbrochen.

Ansicht von Gafat. Nach Lejean.

So wechseln die bunten Bilder, die ein abessinischer Heereszug dicht nebeneinander gedrängt erkennen läßt – Bilder zum Weinen und Bilder zum Lachen. Neben dem Kirraspieler, der lustige Weisen singt, sehen wir den Tod: zahlreiche Leichen, aufgedunsen und von Raubthieren angefressen, Sterbende und von Müttern verlassene Kinder – neben fröhlich lachenden, aber gefühllos vorüberziehenden Menschen.

In jene Zeit, als Theodor so verwüstend, Tod und Verderben verbreitend mit seinem Heere durch das Land zog, fällt auch der Beginn jener Mißhelligkeiten, die schließlich zum Kriege mit England führten. Wer sich auf einen vorurtheilsfreien Standpunkt stellt und nicht durch die trübe, befangene Brille anmaßender Judenmissionäre schaut, dem wird in diesem Falle das Auftreten des Königs von Abessinien nicht so gar schrecklich erscheinen, zumal wenn man – was ungerecht wäre – diesen nicht mit europäischem Maßstabe mißt.

Die deutschen Handwerker und Missionäre (vergl. [S. 136]) fingen an, im Lande Straßen zu bauen; sie besorgten die Reparaturen des königlichen Zeughausmaterials, fertigten Mörser und konstruirten einen Wagen. Letztere beiden Gegenstände machten dem Könige viel Spaß, namentlich der blau angestrichene Wagen, der, in Stücke zerlegt, auf den Schultern von Lastträgern weiter transportirt werden mußte, da es an einer fahrbaren Straße fehlte. Reibereien und Zerwürfnisse mit den Distriktsbeamten hatten zur Folge, daß die Handwerker 1861 in Gafat, drei Viertelstunden von Debra Tabor auf einem isolirten Hügel, unter Aufsicht eines Offiziers internirt wurden. Der König berief einen oder den andern an sein Hoflager und behandelte sie nach wie vor gut. Sie erhielten Ackerland und vom Gouverneur in Debra Tabor Getreide, Vieh, Honig. „Diese Europäer“, schreibt v. Heuglin, „wollen sich in manchen Verhältnissen über gewisse Formen und Landessitten wegsetzen, was zu vielen Unannehmlichkeiten Anlaß gegeben hat.“ Daß man aber dergleichen in Abessinien so wenig duldet, wie in Europa, ist vollkommen in der Ordnung. Noch mehr Anlaß zur Unzufriedenheit gaben die beiden zum Protestantismus übergetretenen Juden Heinrich Stern und Rosenthal. Beide waren nur unter der Bedingung zugelassen worden, sich mit der Bekehrung der Falaschas abgeben zu wollen, allein sie begannen amharische Bibeln unter den Christen zu vertheilen und diese zum Abfall von der abessinischen Kirche aufzufordern. Wüthend hierüber ließ der Negus Stern vor sich schleppen, der sich in ziemlich freier Weise vertheidigte und dabei nachdenklich in den Daumen biß. Diese unschuldige Geste bedeutet jedoch in Abessinien, daß man ewige Rache gegen die Person schwört, in deren Gegenwart man sich befindet. Anfangs fiel dies dem Könige nicht auf, als aber Stern, um sich über eine Mißhandlung zu beklagen, aufs neue zum Negus kam, die Wachen mit einem Revolver bedrohend bei Seite schob und den Herrscher aus dem Schlafe störend, mit Reiterstiefeln und Hetzpeitsche zu diesem eindrang, erinnerte sich Theodor jener Geste und ließ den Eindringling aufs grausamste [pg 281]in Ketten werfen und nur mit rohem Fleisch traktiren. Rosenthal hatte sich schon früher durch das Geschenk eines Teppichs mißliebig gemacht, auf dem der Löwenjäger Jules Gérard, mit einem Fez auf dem Kopfe, dargestellt ist, wie er einen Löwen erschießt. Theodor sah in dem feztragenden Jäger einen Aegypter, in dem Löwen aber das Sinnbild Abessiniens und wähnte sich verspottet. Als man dann noch Papiere bei Rosenthal fand, in denen das Stückchen von der Kussohändlerin, der Mutter des Königs, wieder aufgetischt war, wurde auch Rosenthal in den Kerker geworfen und seine Frau, die ihn vertheidigen wollte, ihm beigesellt. Der Gerichtshof sprach über sie wegen Hochverraths das Todesurtheil, das von Theodor jedoch in lebenslänglichen Kerker verändert wurde. Die Hauptsache aber blieb, daß, gegen die ausdrückliche Verabredung, jene Missionäre versucht hatten, Proselyten zu machen.

Als diese aufregenden Scenen sich ereigneten, befand sich der englische Konsul Cameron in Gondar beim Könige; er war nur für Massaua beglaubigt, keineswegs aber für Abessinien, da seit Plowden’s Tode kein Konsul dort anerkannt wurde. Cameron sollte sich in keiner Weise, wie Plowden, in die Landesfehden mit einlassen, sondern nur Handelsbeziehungen anbahnen und über die politische Lage Bericht erstatten. In Gondar angelangt, nahm ihn Theodor sehr freundlich und mit großen Ehren auf. Der englischen Allianz glaubte sich Theodor gerade gegen den Feind, welchen er am meisten fürchtete, gegen Aegypten, bedienen zu können. Denn dieses blieb seit dem Kampfe, den er am Rahadflusse – als er noch Kasa hieß – gekämpft, sein Schreckgespenst und ein Feldzug gegen Aegypten, sowie die Eroberung des Küstenlandes bei Massaua seine Lebensaufgabe. Denn die Oberherrschaft, welche der Pascha sich über die Grenzlande, namentlich Galabat, anmaßt, war der größte Dorn in Theodor’s Augen.

Durch Plowden’s warme Freundschaft verwöhnt, konnte der König sich in Cameron’s kalte Neutralität nicht finden und wurde um so mißtrauischer gegen diesen, als er sich erlaubte, zu Gunsten Stern’s und Rosenthal’s auftreten zu wollen. Die nach europäischem Muster begonnenen Reformen wurden nun eingestellt und in jedem Europäer ein Spion gewittert. So haben wir gesehen, daß auch Lejean unter jenem Mißtrauen zu leiden hatte. Als dieser endlich wieder entlassen wurde, ging er zu seinem Kollegen, dem Konsul Cameron, zum Frühstück. Unterwegs fanden die beiden Europäer in einer der engen Gassen Gondar’s einen todten Esel liegen. „Sehen Sie, da liegt ein krepirter Konsul“, sagte Cameron und schritt über das todte Thier hinweg. Dieser starke Ausdruck, welcher Lejean Anfangs unverständlich schien, fand durch Folgendes seine Aufklärung. Kaiser Theodor hatte vor einigen Tagen in sehr übler Laune gesagt: „Ich weiß nicht, weshalb mir meine lieben Vettern Napoleon und Victoria solche Leute geschickt haben. Der Franzose ist ein Narr und der Engländer ein Esel.“ Ganz Unrecht hatte der Fürst nicht und sein Grimm stieg. Entscheidend wurde jedoch erst ein anderer Umstand.

Oft schon hatte Theodor sich geäußert, daß ein Handelsvertrag mit England in Kraft treten müsse, und demgemäß schrieb er gegen Ende 1862 einen [pg 282]eigenhändigen Brief an die Königin Victoria. Ein gleichzeitiges Schreiben an den Kaiser Napoleon, mit ähnlichen Anträgen, wurde höflich erwidert, jedoch der Abschluß eines Handelsvertrags abgelehnt. Von England aber, wo das Schreiben im Auswärtigen Amte verlegt wurde – man ist nie klar darüber geworden, was mit demselben geschah – kam keine Antwort. In ganz Abessinien machte der Vorfall großes Aufsehen, da der König sich der Hoffnung hingegeben hatte, die britische Regierung würde es sich angelegen sein lassen, die angeknüpften Beziehungen zu fördern, angesichts seiner Freundschaft gegen Plowden, der guten Aufnahme, welche Krapf gefunden, und wegen der Abschaffung des Sklavenhandels. Doch keine Antwort kam. Sicherlich fühlte sich der stolze Halbbarbar durch diese Nichtbeachtung verletzt; ein europäischer Hof würde dasselbe gethan haben, und dann rächte er sich eben wie ein Barbar. Cameron mußte zunächst seinen Zorn fühlen und wurde gefangen gesetzt. Hatte die Königin von England seinen höflichen Brief, in welchem er seinen Wunsch ausdrückte, mit ihr und ihren Unterthanen in freundschaftlichem Verkehr zu stehen, unbeantwortet gelassen, so brauchte er auch, seiner Meinung nach, den Bevollmächtigten einer so unhöflichen europäischen Monarchin nicht weiter zu respektiren. Er ließ Cameron mit einem abessinischen Soldaten an einer und derselben Kette befestigen. Dabei glaubte er, daß die Engländer ihm in seinem Lande so leicht durch Waffengewalt nicht beikommen würden und ließ sich deshalb nicht gern auf Unterhandlungen ein.

Schließlich sandte man am 15. Oktober 1865 den Konsularagenten Rassam, einen Armenier, von Massaua, reich mit Geschenken versehen, zum König Theodoros. Im Januar des folgenden Jahres fand die Zusammenkunft statt und Rassam wurde freundlich aufgenommen, sodaß der König schon wenige Stunden nach der ersten Besprechung die Freilassung aller gefangenen Europäer befahl; er schickte sofort einen Kammerherrn nach Magdala und ließ ihnen die Ketten abnehmen. Unterdessen ging Rassam mit dem König und dessen Heere von Daunt nach Korata. Dann wurde am 29. Januar der Befehl zur Freilassung ertheilt, aber nicht vor dem 24. Februar 1866 ausgeführt. Am 12. März langten die Freigelassenen in Korata an, alle gesund, mit Ausnahme des Konsuls Cameron, der sich indessen auch bald erholte. Ihre Zahl betrug 18 Köpfe, und Rassam bekam Erlaubniß, sie nach Aegypten oder nach Aden führen zu dürfen. Theodor behandelte den Agenten mit großer Aufmerksamkeit und wollte nicht einmal gestatten, daß Hofleute von demselben Geschenke annahmen. Die Diener des Negus mußten Rassam königliche Ehren erweisen, weil er Vertreter der englischen Königin sei; sie mußten vor ihm knieen und den Boden mit der Stirn berühren. Als er in Korata ankam, wurde er von 60 Priestern empfangen, die in vollem Ornate dastanden und Psalmen sangen. Die Freigelassenen wurden noch einmal verhört, gestanden ein, daß sie Unrecht gethan, und baten, daß der König Theodor als Christ ihnen, den Christen, vergeben möge. Der König hatte an Rassam geschrieben: „Wenn ich ihnen Unrecht gethan habe, so lasse es mich wissen, und ich will es wieder gut machen; findest du aber, daß sie [pg 283]im Unrechte sind, dann will ich ihnen verzeihen.“ Rassam, dem daran lag, den König bei guter Laune zu erhalten, hütete sich wohl, dem mächtigen Manne Anlaß zur Unzufriedenheit zu geben. Dieser ließ dann das Schreiben verlesen, welches Königin Viktoria an ihn gerichtet hatte. Ein Gleiches geschah mit der Antwort. In dieser sagte er: „In meiner Niedrigkeit bin ich nicht würdig, Ew. Majestät anzureden, aber erlauchte Fürsten und der tiefe Ozean können Alles vertragen. Ich, ein unwissender Aethiopier, hoffe, daß Ew. Majestät mir meine Fehler nachsehen und meine Vergehen verzeihen werde.“ Der Schluß lautet: „Rathe mir, aber tadle mich nicht, o Königin, deren Majestät Gott verherrlicht hat und der er Weisheit im Ueberfluß gegeben.“

Plötzlich trat nun ein Umschlag in dem unberechenbaren Gemüthe des Herrschers ein. Rassam’s Plan war, nach dem abessinischen Osterfeste mit den Freigelassenen abzureisen. Da fiel es dem König auf einmal ein, sie alle, dieses Mal Rassam mit einbegriffen, wieder in das Gefängniß zu werfen. Er war so grimmig, daß er sie ohne Ausnahme hinrichten wollte. Dieses geschah allerdings nicht, dagegen führte man die Europäer wieder nach der Bergfeste Magdala. Es ist ein Räthsel geblieben, was den König Theodor bewog, die schon befreiten Gefangenen wieder einzusperren. In der veröffentlichten amtlichen Korrespondenz betreffs der abessinischen Angelegenheiten findet sich die Andeutung, daß Theodor’s böser Geist ein Franzose Namens Bardel gewesen sei, der, früher Sekretär Cameron’s, aus Rache gegen letzteren den mißtrauischen Theodor gegen alle Europäer einzunehmen wußte und ihm den Verdacht einflößte: die englische Regierung stehe im Begriff mit Aegypten ein Bündniß abzuschließen. Die Zahl der Gefangenen war nach und nach auf 18, darunter 10 Deutsche angewachsen. Die Beschuldigungen, welche Theodor gegen sie erhob, waren folgende: Cameron sei zu seinen Feinden, den Türken, gegangen und habe mit ihnen unterhandelt; ferner habe er auf den Brief an die Königin von England keine Antwort gebracht; Stern, Rosenthal und Cameron’s Diener hätten sich durch Verspottung und Verläumdung der Majestätsbeleidigung schuldig gemacht und die andern hätten mit ihnen konspirirt.

Nochmals wurde von Seiten Englands ein gütlicher Versuch gemacht, um den König zur Nachgiebigkeit zu veranlassen, dabei jedoch wieder in sehr ungeschickter Weise vorgegangen. Theodor hatte den Wunsch geäußert, gewisse Maschinen und einige Arbeiter von England zu erhalten. Diese wurden mit andern Geschenken nach Massaua geschickt, um die angestrebte Befreiung der Gefangenen zu unterstützen. Unser Landsmann Flad, von dem früher die Rede war ([S. 136], [182]), hatte die Unterhandlungen mit dem Könige übernommen. In einem eigenhändigen Briefe, den er überbrachte, kündigte die Königin Victoria an, daß die Arbeiter und die Geschenke dem König zugeschickt werden würden. Dies geschah jedoch nicht. Lord Stanley, der englische Minister des Auswärtigen, hatte später entschieden, daß die Geschenke sowol als die Arbeiter, obgleich die letzteren willig waren, sofort nach Abessinien weiter zu gehen, in Massaua zurückgehalten und erst dann ausgeliefert werden sollten, wenn [pg 284]Theodor die Gefangenen durch eine Eskorte nach Massaua geleitet und zur Verfügung des englischen Agenten, Oberst Merewether’s, gestellt haben würde. Wie zum Hohn schickte dieser anstatt der erwarteten, von Theodor erbetenen und von der Königin versprochenen Geschenke, deren Anschaffung dem englischen Staatsschatz gegen 4000 Pfund Sterling gekostet, ein Teleskop durch Herrn Flad. König Theodor, der Beherrscher eines Reiches und der Befehlshaber einer Armee von mindestens 60,000 Mann, der durch ein Fernrohr besänftigt werden sollte, sagte: „Dieser Mann, welcher mir das Teleskop sendet, wünscht mich nur zu verhöhnen. Er will mir sagen: Obgleich du ein König bist und ich dir ein treffliches Teleskop schicke, so vermagst du doch nichts dadurch zu sehen.“ Das Ausbleiben der versprochenen Geschenke bestärkte den mißtrauischen König von Abessinien in dem lange gehegten Verdacht, daß es die Engländer darauf abgesehen, ihn zu betrügen und zu verrathen. Nachdem Herr Flad Lord Stanley’s Verfügung in Betreff der Geschenke mitgetheilt, antwortete Theodor: „Ich bat sie um ein Zeichen der Freundschaft, welches mir verweigert wird. Wenn sie kommen und fechten wollen, laßt sie kommen; bei dem allmächtigen Gott, ich werde ihnen nicht ausweichen und nenne mich ein Weib, wenn ich sie nicht schlage!“

Und nach weiteren Erörterungen des Herrn Flad: „Ich habe keine Furcht, ich vertraue auf Gott, der sagt, daß du Berge versetzen kannst, wenn du den Glauben eines Senfkornes hast. Ihr könnt nicht Alles. Ich weiß, daß, wenn ich Herrn Rassam nicht in Ketten geschlossen hätte, die Arbeiter mir nie geschickt worden wären. Nicht nur zur Zeit des Kapitäns Cameron, als sie keine Antwort auf meinen Brief gaben, in dem ich um ihre Freundschaft bat, fand ich heraus, daß sie nicht meine aufrichtigen Freunde sein, sondern ich sah es sogar schon zur Zeit von Plowden und Bell – diese waren meine Freunde – und aus Freundschaft für sie behandelte ich ihre Landsleute gut. Ich überlasse es dem Herrn und er soll unterscheiden zwischen uns, wenn wir uns auf dem Schlachtfelde gegenüberstehen.“ Es ist also klar, daß ein tiefes Mißtrauen gegen die Pläne Englands, dessen Agenten er im Bunde mit seinen rebellischen Vasallen und mit seinen auswärtigen Feinden, namentlich den Aegyptern wähnte, die eigentliche Ursache war, weshalb Theodor alle Engländer und ihre Schutzbefohlenen, auf die er seine Hand legen konnte, einkerkern ließ, und daß das Zurückhalten der Geschenke ihn in diesem Mißtrauen nur bestärkte und die Krisis herbeiführte.

Die vielgenannte Bergfeste Magdala liegt an der Grenze von Wollo-Galla im Süden des reißenden Beschlo-Flusses, der seine Wasser mit dem Blauen Nil vereinigt. Sie ist in neuer Zeit (1862) von Heuglin und Steudner auf ihrem Wege nach Etschebed ins Lager des Königs Theodor besucht und sehr gut geschildert worden. Von der Hochebene Talanta’s her kommend und nach Süden vorschreitend, gelangten die Reisenden an den steilen Absturz zum Beschlo. Die Aussicht von da auf die jenseitigen Galla-Länder ist großartig. Zu ihren Füßen schlängelte sich das über 3000 Fuß tiefe Thal des Flusses, als natürliche Grenze zwischen Abessinien und Galla.

Vordringen der Engländer auf Magdala.

Zur Linken, nach Osten, mündete eine steile Schlucht, und darüber hinaus lagen die steilen Kuppen der Bergfeste Kahit, dahinter die berühmte Festung Amba Geschen, die im November 1856 von Theodor erobert wurde. Im Süden tritt, vom Hochlande Woro-Haimano und Amara Seint durch einen langen Felsgrat getrennt, die Bergfeste Magdala zwischen tiefen, aber anmuthig grünen Thälern weit nach Norden vor; links davon die Berge von Tenta, dahinter die kegelförmigen Schwesterberge Dschifa und etwas mehr im Süden steigt der majestätische Kollo, ganz mit blendend weißem Firn bedeckt, hoch in den blauen Aether. Das Strombett des Beschlo ist an der Furt 150 Schritt breit und nimmt so ziemlich die ganze, mit vulkanischem Geschiebe erfüllte Sohle der tiefen Schlucht ein, die einen reichen Pflanzenwuchs zeigt. Dieses Thal verließen die Reisenden nach anderthalbstündigem Marsche und stiegen an einer ziemlich hohen und steilen Terrasse hinauf, die sich am nordwestlichen Fuße von Magdala ausbreitet. Kleine Dörfer mit niedlichen Gärtchen und Kaffeeplantagen lagen zerstreut umher.

Ein ziemlich steiler Pfad führt in 1¼ Stunde an buschigen Gehängen und kahlen Felsen hinan zu dem schmalen Plateau, das die eigentliche Festung Magdala von einer weiter nach Norden vorspringenden, natürlichen Bergfestung trennt, die etwas niedriger ist als erstere. Herden von Erdpavianen bewohnen die steilen Wände des Vorwerks. Das erwähnte Plateau ist ganz kahl, Gruppen von Hütten befinden sich an der Südostseite, die, wie der Platz selbst, Islam Gie (Muhamedaner-Dorf) heißen. Hier ist zugleich der Marktplatz für die Festung.

Die eigentliche Festung Magdala, einst im Besitze der Galla, kann als Hauptstadt der Provinz Woro-Haimano angesehen werden. Das Land südwärts bis Schoa war früher von amharischen Christen bewohnt, kam aber nach und nach in Besitz der sich immer mehr nach Norden ausbreitenden muhamedanischen Galla, welche von hier aus beständige Einfälle in Abessinien machten, bis Negus Theodor Land und Festung wieder eroberte. Magdala selbst nimmt einen Flächenraum von 2 englischen Meilen ein, ragt 100–200 Fuß über das Plateau von Islam Gie hinaus, hängt im Süden mit der nahen Hochebene zusammen durch einen niedrigen, langen und scharfen Felsgrat; im Osten und Westen fallen natürliche, mauerartige, senkrechte Bastionen viele hundert Fuß tief in die Seitenthäler ab, gegen Norden und Süden führen Felsspalten als natürliche Thore herab, die mit Ausfallthoren versehen sind. Auch Wasser findet sich auf der Amba und einiger Raum zum Feldbau. Der Negus, der die Wichtigkeit der Amba wegen seinen Beziehungen zu Schoa und weil die Galla von hier aus leicht im Zaum gehalten werden können, wohl erkannte, ließ Magdala restauriren, einige Geschütze hinaufschaffen, ein wohlversehenes Zeughaus errichten und weitläufige Getreidemagazine bauen.

So war die Festung beschaffen, nach der Theodor die Gefangenen hatte schleppen lassen und auf der sich sein Schicksal erfüllen sollte. Als die letzten Friedensaussichten geschwunden waren, fing man in England an sich zum Kriege vorzubereiten, dessen offizieller Zweck die Befreiung der Gefangenen war. Das Parlament wurde zu einer Extrasitzung zusammenberufen und am 18. November 1867 von der Königin mit einer Thronrede eröffnet, in welcher es heißt: „Der Herrscher Abessiniens fährt fort, allen internationalen Rechten Hohn sprechend, mehrere Meiner Unterthanen in Gefangenschaft zu halten, von welchen einige von Mir besonders accreditirt waren, und seine hartnäckige Mißachtung gütlicher Vorstellungen hat Mir keine andere Wahl gelassen, als die Freilassung Meiner Unterthanen durch eine peremptorische Aufforderung zu verlangen, die zugleich durch eine entsprechende Truppenmacht unterstützt wird. Ich habe demgemäß die Absendung einer Expedition zu diesem ausschließlichen Zweck angeordnet, und ich verlasse Mich voll Vertrauen auf die Unterstützung und Mitwirkung meines Parlaments in Meinem Bemühen, unsere Landsleute aus einer ungerechten Gefangenschaft zu befreien und gleichzeitig die Ehre Meiner Krone zu wahren.“

Innerer Theil der Bergfeste Magdala. Südliche Ansicht. Originalzeichnung von E. Zander.

Nach einigem Zögern bewilligte das Parlament die nöthigen Gelder, und [pg 287]die indische Armee erhielt den Auftrag, den Krieg zu beginnen. Am 4. Oktober war bereits ein Pioniercorps bei Zula in der Bay von Adulis (Annesley, [S. 169]) gelandet. Dieses schlug an der öden, wasserlosen Küste ein Lager auf und begann eine Straße nach dem Innern zu bauen, ohne dabei belästigt zu werden. Die Gesammtstärke der aus Indien nach Abessinien beorderten Truppen betrug 12,000 Mann, darunter 4000 Europäer. Die Infanterie war mit Hinterladern bewaffnet. Außer diesem Armeecorps folgte ein Troß von 8000 Mann, 35,000 Lastthiere, worunter 24,000 Maulesel und 40 Elephanten, welche letztere zum Tragen der Armstrong-Geschütze bestimmt waren. Zum Kommandanten der Armee wurde General Robert Napier ernannt. Auch ein ganzer Stab von Gelehrten, Künstlern und Zeitungsberichterstattern schloß sich der Expedition an. Unter den ersteren sind zu nennen Werner Munzinger, Ludwig Krapf, der Nilquellentdecker Grant und – im Auftrage des Königs von Preußen – der berühmte Afrikareisende Gerhard Rohlfs. Die beste Stütze der Armee war jedoch eine ungeheure Summe von Maria-Theresia-Thalern, die man in Wien hatte prägen lassen.

Ohne Schwierigkeiten war das Eindringen in das Innere keineswegs; namentlich verursachte der Wassermangel große Gefahren für Menschen und Thiere, und nur mit den bedeutendsten Kosten konnte man diesem durch destillirtes Wasser abhelfen. Die Truppe war gesund, verlor aber ziemlich viele Kameele und Maulthiere, minder durch die Ungunst des Klimas als durch die schlechte Pflege ihrer Wärter. Dieselben waren ein aus Persien, Arabien und Indien zusammengelaufenes Gesindel, das nicht arbeiten wollte, unterwegs nicht selten, um rascher fortzukommen, die Fracht wegwarf und auf der Straße liegenließ, die Thiere nicht fütterte und tränkte, sodaß diese erhitzt und halb verdurstet zu den Tränkrinnen kamen, dann übermäßig tranken und erkrankten. Fällt ein solches Thier, so verursacht die Wegschaffung des Aases, das man im heißen Klima aus Furcht vor Ansteckung nicht im Freien liegen lassen kann, neue Schwierigkeiten, und man konnte sich nur dadurch helfen, daß die Aeser mit dürrem Gesträuche bedeckt und verbrannt wurden. Oberst Merewether war des langen Liegens an der Küste, des destillirten Wassers und der Langeweile müde geworden und hatte die Truppe gegen die Hochplatte von Abessinien, wo er Nahrung und Wasser zu finden gegründete Hoffnung hatte, vorgeschoben. Drei Wege standen ihm offen, alle drei durch die trockenen Bette von Bergströmen gekennzeichnet, denn wie zur Zeit der Völkerwanderung sind in diesem halbwilden Lande heute noch Bäche und Flüsse die Wegweiser für Wanderer und Völkerschwärme. Die kürzeste der drei Routen war wol die mittlere, vom Flusse Hadasch gebildete, aber sie bot die meiste Schwierigkeit, daher wurde die mehr links liegende, durch den Fluß Kamoyle gebildete Straße gewählt. Unter den Einwohnern wurde eine Proklamation des kommandirenden Generals verbreitet, des Inhalts: daß die Engländer nur gekommen seien, die widerrechtlich gefangen gehaltenen Landsleute zu befreien; Freiheit und Glaube des Volks werden ebenso wie Eigenthum und Vermögen der Individuen geschützt und [pg 288]geachtet werden. Am 2. Dezember setzte sich die Kolonne in Bewegung. Anfangs ging es durch eine sandige, nur spärlich von Akazien und Steppengewächsen bedeckte Ebene, dann stieg der Weg langsam auf. Nirgends waren Menschen, nur hier und da das Gerippe verlassener Hütten zu sehen, bis man Kamoyle erreicht hatte, das im Bergkessel liegt, wo man sich wieder an dem Genusse frischen Quellwassers labte und einen Wegzeiger mit der Aufschrift: „Route nach Abessinien“ aufstellte. Jetzt gelangte man ins Gebirge, wo Felsenmassen den Weg zu sperren schienen, aber stets öffnete bei jeder Krümmung sich ein Ausweg, oft unter überhangendem Gestein hinweg, oft an steiler Bergwand entlang; nur vom Regen herabgeschwemmtes Gestein hemmte den Pfad bis Ober-Suru, das, 2000 Fuß über der Meeresfläche liegend, freundlich ins Thal hinabschaut. Hier wurde gerastet; Nacht und Morgen waren kühl; gestärkt von der frischen Luft stieg die Truppe das Plateau hinauf.

Die Wirkungen der englischen Invasion waren zunächst an der Bai von Adulis zu bemerken. Zwei Landungsbrücken, Docks und Magazine, eine mehrere Meilen lange Eisenbahn von der Bai nach dem Lager in Zula, ein für das schwerste Fuhrwerk fahrbarer Weg von Zula bis zum Fuße des Senafe-Berges, Stationen auf diesem Wege, um den Transportdienst durch Relais zu beschleunigen, Telegraphen erhoben sich sofort als Zeugen englischer Thatkraft.

In Senafe, 7500 Fuß über dem Meere, wurde das erste größere Lager aufgeschlagen und ein förmlicher Stationsplatz errichtet. Die gesammte Zufuhr, die durch fabelhafte Preise jedoch dorthin gelockt wurde, war nicht genügend, ein einziges Regiment zu ernähren. Daher mußte Alles durch eine bedeutende Transportschiffflotte erst in die Annesleybai geschafft und dann durch Maulthiere und Kameele weiter gebracht werden. Täglich verließen 20,000 Rationen Zula, von denen aber nur die Hälfte nach Senafe gelangte, da der andere Theil von den Lastträgern und Treibern verzehrt wurde. 30,000 bis 40,000 Gallonen Wasser wurden täglich auf den Schiffen kondensirt und dieser Prozeß kostete allein täglich über 1000 Thaler.

Ehe wir den staunenswerthen Marsch der Engländer in südlicher Richtung weiter verfolgen, müssen wir uns nach ihrem Gegner und dessen Lage umsehen. Die drohende Invasion und der den Abessiniern innewohnende revolutionäre Trieb, die Eifersüchteleien der kleinen Häuptlinge und die Sucht derselben, sich unabhängig zu machen, war mit erneuter Stärke ausgebrochen, in je größere Verlegenheiten König Theodor gerieth. Ueberall, im Norden wie im Süden, entbrannte die Revolution, und mit Schluß des Jahres 1867 befand sich Abessinien wieder in der Lage, in der es war, ehe König Theodor seinen ehrgeizigen Traum träumte, ehe er die zerstreuten Theile zusammenfassen konnte. Ihm blieb schließlich nur der Landstrich vom Tanasee bis Magdala unterthan, ja zeitweilig nicht einmal dieser, und seine Macht beschränkte sich nur auf sein Lager, das meistens in Debra Tabor sich befand. Magdala aber, seine für uneinnehmbar geltende Feste, hütete er wie seinen Augapfel. Die Gefangenen befanden sich dort ziemlich wohl und waren so wenig streng bewacht, daß sie mit der größten [pg 289]Leichtigkeit mit den Engländern korrespondiren und diese von allen Vorgängen im Lager des Negus in Kenntniß setzen konnten.

Das Reich, das Theodor gebildet hatte, war wieder in eine Anzahl unabhängiger Fürstenthümer zerfallen, und nicht das ganze stolze Aethiopien – nein, nur ein einzelner Herzog, der sich noch immer Negus nannte – stand gegen England im Felde. Das große Reich Tigrié, das unter Ubié einst selbständig war, hatte unter dem Detschasmatsch Kassai, einem Sohne Ubié’s, seine Unabhängigkeit wieder erlangt, und dieser Fürst, welcher fürchtete, daß Theodor ihn doch einst vertreiben könne, schloß sofort mit den Engländern Freundschaft und empfing Gesandte in seiner Hauptstadt Adoa. In Lasta und den angrenzenden Distrikten hatte sich Gobazye, der Schum von Wag, kurzweg der Wagschum genannt, ein tapferer Krieger und einst einer der besten Generäle Theodor’s, unabhängig gemacht. Kassai und Gobazye befehdeten einander, doch nicht minder stark war die Feindschaft beider gegen Theodor, ihren gemeinschaftlichen Gegner.

Mehr als der Abfall dieser Fürsten schmerzte Theodor aber der Verrath des jungen Menilek. Dieser, der Sohn des 1856 von Theodor besiegten Königs Hailu Melekot von Schoa, war Theodor’s Schwiegersohn geworden; aber weder die junge Frau, noch die Gnade des Königs vermochten ihn zu fesseln; er trachtete nur danach, wieder in den Besitz seines Erbes zu gelangen. Unterstützt von der Gallafürstin Workit entfloh er mit Zurücklassung seiner Frau nach Ankober, wo ihn die Schoaner jubelnd als Negus anerkannten. Theodor selbst wurde durch diesen Abfall und das Mißtrauen, welches er gegen die Europäer hegte, zur schrecklichsten Wuth getrieben, die sich in blutigen Greueln äußerte. Der Kerker zu Debra Tabor war, wie wir aus den Berichten eines Augenzeugen, des deutschen Naturaliensammlers Karl Schiller, selbst erfuhren, fortwährend mit Unglücklichen überfüllt, die entweder zum Hungertode oder zur Hinrichtung durch Abschneiden der Hände und Füße verdammt waren. Dreihundert Soldaten, die im Verdachte standen, desertiren zu wollen, wurden zum Hungertode verurtheilt. Gefesselt und bewacht, mit langen Holzgabeln am Halse, saßen sie zusammengekauert ohne die geringste Bekleidung im Freien. Des Nachts fror fingerdickes Eis oder strömte der Regen auf die Elenden hernieder, während am Tage die brennenden Strahlen der tropischen Sonne die nackten Körper trafen. Nach Verlauf von zwei Wochen starb der letzte; er hatte mit dem Regen, der seine verdorrenden Lippen netzte, mit dem Grase, auf dem er saß, sein jammervolles Dasein so lange gefristet. Solche Greuel aber ereigneten sich fast täglich! Blitzschnell zog Theodor im Lande herum, und wehe der Gegend, in die sein raublustiges Heer einfiel. Das Volk der Waito wagte zuerst, dem Gewaltigen Widerstand zu leisten, ja es war so glücklich, Anfangs einen Theil seines Heeres zu schlagen. Da beschloß Theodor, mit ihnen kehraus zu machen. Wie der Habicht vom hohen Thurme herniederfährt zwischen das scheue Geflügel, so stürzte er von Debra Tabor auf die Waito. Was nicht sogleich vor dem Schwerte der Krieger fiel, wurde in die Häuser getrieben, und als diese mit Männern, Weibern, Kindern gefüllt waren, da befahl Theodor, Feuer an die [pg 290]Strohdächer zu legen, und Hunderte von Unschuldigen fanden ihren qualvollen Tod in den Flammen.

In Gafat, später in Debra Tabor, herrschte währenddem eine große industrielle Thätigkeit. Dort hatte man Flammenöfen gebaut, dort hämmerte, schmiedete und formte man Tag und Nacht unter der Leitung der deutschen Handwerker, an deren Spitze jetzt Dr. Schimper und Eduard Zander standen. Mit geringen Mitteln war mitten in der abessinischen Wildniß ein ziemlich bedeutendes industrielles Etablissement entstanden, eine Oase in der Wüste, in welcher fast nur deutsche Laute wiederklangen. Die erste Kanone, welche 8 Fuß lang war und eine 6 Zoll weite Seele besaß, wurde von dem über den Guß hocherfreuten Könige „Theodor“ getauft, während ein 80 Centner schwerer Riesenmörser mit anderthalbfußweiter Oeffnung den stolzen Namen „Sebastopol“ erhielt.

Als die Gegend um Debra Tabor im Spätsommer vollständig ausgeplündert war und die Raubzüge in der Umgegend kein Vieh und Getreide mehr einbrachten, beschloß Theodor, nach Magdala aufzubrechen. Debra Tabor wurde, damit es keinem Feinde in die Hände fiel, in Brand gesteckt und dann der Marsch mit einem Heere von etwa 50,000 Menschen angetreten, worunter sich jedoch höchstens 10,000 Krieger befanden, denn Hinrichtungen und Desertionen hatten die Armee stark reduzirt. Ueber Hochlande, die theilweise 11,000 Fuß über dem Meere liegen, durch zerrissene Tiefebenen und vom Regen angeschwollene Ströme führte der Marsch über Tschetscheho nach Woadla. Mitten im Zuge schritten gebunden die fünf Deutschen: Steiger, Brandeis, Schiller, Eßler, Makerer, während Cameron, Rassam, Stern, Rosenthal u. s. w. bereits auf Magdala schmachteten.

Am 31. Oktober 1867 stand das Heer bei dem Flecken Biedehor, der etwa 10,000 Fuß hoch über dem Meere liegt. Von dort hat man einen weiten Blick in das Land nach Süden, nach Magdala und dem hohen, schneebedeckten Kollogebirge. Südlich von Biedehor aber durchsetzt eine jener grausigen Thalschluchten das Land, an denen Abessinien so reich ist. Hier fließt zwischen senkrechten, fast 3000 Fuß hohen Felsen die rauschende Dschidda hin. Nur einige Terrassen unterbrechen die jähen mauerartigen Wände. In diesen Schlund mußte die ganze Armee hinabsteigen und, nachdem sie das Flußbett überschritten, am jenseitigen Ufer wieder einen ebenso steilen Felsenwall über nacktes, vulkanisches Gestein nach der fruchtbaren Ebene von Talanta hinaufklimmen. Dorthinab mußten auch die Kanonen und der Riesenmörser „Sebastopol“ geschleppt werden. Der letztere wurde auf einem ungeheuren Wagen von Hunderten von Menschen fortgezogen, so wie die alten Aegypter einst ihre Kolosse fortbewegten. Aber auf den gewöhnlichen Maulthierpfaden konnte der Mörser unmöglich durch die Dschiddaschlucht gelangen, und rasch entschlossen befahl Theodor den deutschen Arbeitern, die ihn begleiteten, eine Straße zu bauen. Dieses geschah, während die Engländer schon im Anmarsch waren, und mit Erstaunen vernahm Theodor, was er für unmöglich gehalten, daß jene in Zula gelandet seien. Zwei Monate nahm der Bau der Straße in Anspruch, denn erst am 15. Januar 1868 war die Dschidda glücklich überschritten und die Talanta-Ebene erreicht.

Wohlgefälligen Auges schaute der König auf die fruchtbare Ebene. Die Weizen- und Gerstenfelder standen in der üppigsten Pracht, überall wimmelte es von fleißigen Menschen, die den Boden bestellten, von fröhlich singenden Kindern, denn ein Owatsch (Herold) des Königs war umhergezogen und hatte in ganz Talanta verkündigt: „Kehrt heim ihr Bauern zu eurer Arbeit, bestellt die Aecker und flüchtet euch nicht. Der König bringt den Frieden, kein Haar wird euch gekrümmt, euer Eigenthum ist geachtet.“ Und friedlich kehrten die, welche schon auf der Flucht waren, in ihre Dörfer zur gewohnten Beschäftigung zurück. Aber Theodor hielt sein Wort nicht; er brauchte Proviant für seine Festung Magdala, fiel über die schmählich betrogenen Leute von Talanta her und zog dann über den Beschlo in seine Felsenburg ein.

Unterdessen rückten die Engländer mit großer Geschwindigkeit nach Süden vor. Ihr Marsch war kein leichter. Besonders muß man bedenken, daß eine Verbindungslinie von 400 englischen Meilen zwischen dem Meere und Magdala offen zu halten und durch eine Postenkette zum Schutze des Proviants und der Munition zu befestigen war. Letzteres war um so mehr erforderlich, als man auf freundschaftliche Gesinnung der Eingeborenen nur so lange mit Gewißheit rechnen konnte, als Gewalt und Glück auf Seite der Europäer stand.

Dabei bewegte sich die Truppe mit ihrem riesigen Troß, ihren Elephanten und Kanonen auf Gebirgen, die unsere höchsten Alpenpässe bei Weitem überragen, wie aus der folgenden, in Petermann’s Mittheilungen (1868, S. 180) angegebenen Höhenlage der hauptsächlichsten Stationen hervorgeht. Senafe, besetzt am 6. Dezember 1867, liegt 7464 Fuß über dem Meere; Adigerat (Ategerat), besetzt 31. Januar 1868, 8291 Fuß; Tschelikut 6279 Fuß; Antalo (besetzt 15. Februar) 7935 Fuß; Aladschin-Paß 9630 Fuß; Aschangi-See 7264 Fuß; Lat (besetzt 31. März) 8478 Fuß; Dasat-Berg 9502 Fuß; Quelle des Takazzié 7700 Fuß; Abdikom 10,000 Fuß; Talanta (4. April) 10,700 Fuß; Magdala (erstürmt am 13. April) etwa 11,000 Fuß. In diesem Verzeichniß ist zugleich die Marschroute des Heeres kurz angegeben, über die wir hier noch Einiges nachtragen wollen.

Von Senafe zog das Heer über ein hohes, offenes, grasbedecktes Plateau mit einer reizenden Aussicht auf Gebirgsmassen von allen nur denkbaren Formen, nach Adigerat zu. Die zwischen den Bergen sich hinwindenden Schluchten, denen nur Bäche und Wälder zur Vollendung der Schönheit mangeln, schienen sehr fruchtbar zu sein, sodaß man die schwache Zufuhr an Getreide von Seite der Eingeborenen kaum begreifen konnte, und selbst die beschränkten Zufuhren erschöpften die Gegend immer schnell, da keine Idee von Großhandel herrschte und jeder nur das zu Markte brachte, was er von seinen eigenen Vorräthen erübrigen konnte. Adigerat selbst, das man am 31. Januar 1868 besetzte, war allen bisher gesehenen abessinischen Städten überlegen, da außer den gewöhnlichen schmuzigen Hütten und einer hübschen Kirche noch ein Palast und ein befestigter Thurm sich dort befanden. Hinter diesem Hauptorte der Provinz Haramat führt ein gangbarer Weg nach Mai Wihis, durch weite, offene, gras[pg 292]bewachsene Ebenen, die häufig von Dörfern unterbrochen und ziemlich kultivirt waren. Für den kriegerischen Charakter der Bevölkerung zeugten genugsam die vielen auf fast unerreichbaren Felsspitzen erbauten Festungen, die selbst europäischer Artillerie zu trotzen vermögen. So namentlich Amba Zion (siehe Abbildung [S. 41]), das ehemalige Staatsgefängniß Theodor’s, welches jetzt leer stand, da bei dem Abfall Kassai’s auch der mit der Beaufsichtigung dieser Festung betraute Häuptling revoltirte und die Gefangenen in Freiheit setzte. Ad Abagin, 7849 Fuß über dem Meeresspiegel, war die nächste Station. Hier waren die Nächte so kalt, daß man kaum schlafen konnte, wozu sich die lieblichen Töne eines Schakal- und Hyänen-Konzerts gesellten. Allein die Thiere waren weniger gefährlich, als man denken sollte, da sie sich genügend an den todten Maulthieren sättigen konnten. Bei Agala, 6300 Fuß über dem Meere, zeigte sich eine merkliche Veränderung der Vegetation. Duftende Kräuter versüßten die Luft, die Straße war wunderbar gut und nur auf eine kurze Strecke abschüssig. Hier in dieser Gegend erhielt man wieder Briefe von den Gefangenen in Magdala, woraus hervorging, daß sie sich Alle wohl befanden und daß Theodor im Januar Magdala noch nicht erreicht hatte, aber entschlossen sei, es mit den Engländern aufzunehmen. Da man die Abessinier für keine zu verachtenden Feinde hielt, wurde die Straße, die nach Magdala führt, durch mehrere Positionen befestigt. So erhielt Adigerat Wall und Graben, die von 200 Mann und einigen Armstrongkanonen vertheidigt wurden. Die Flüsse, welche man auf dem ferneren Wege nach Antalo zu traf, eilen der Geba, einem Nebenflusse des Takazzié, zu und senden durch diesen Kanal ihren Tribut zum Anschwellen des Nil. Die Armee hatte daher über eine Reihe von Wasserscheiden im rauhen Gebirgslande zu setzen. Hier traf man auch auf die Salzkarawanen, welche, von Taltal kommend, die Salzstücke in das Innere des Landes verführen.

Während die Armee solchergestalt vordrang, suchte der Oberbefehlshaber sich mit den Häuptlingen des Landes in freundschaftliches Einvernehmen zu setzen und begann mit einem Besuche Kassai’s, des Fürsten von Tigrié. Als Ort der Zusammenkunft diente eine Stelle am Flüßchen Diab, unweit der herrlichen Amba Zion; als Tag war der 25. Februar bestimmt. Kassai erschien mit 4000 Mann am Ufer des Baches. Sir Robert Napier ritt auf einem Elephanten, gefolgt von seinem ganzen Stabe, ihm entgegen, verließ aber seinen hohen Sitz auf dem Rüsselträger, damit der Anblick des Thieres unter der Kavallerie der Abessinier keine Verwirrung anrichte. Nun öffneten sich auch die Reihen der Abessinier und mitten durch sie kam der etwa 35 Jahre alte Kassai auf einem weißen Maulthiere angeritten. Die Briten empfingen ihn mit allen militärischen Ehren, ihr Oberkommandant schüttelte ihm die Hand und führte ihn ins Zelt, wo Kassai reich beschenkt wurde und ein Freundschaftsbündniß mit England schloß. Er bewunderte vorzüglich die Waffen der Europäer und lud hierauf Napier ein, seine eigenen Truppen zu inspiziren. Mit wenigen Ausnahmen trugen diese alle Feuerwaffen. Der größte Theil von ihnen besaß doppelläufige Perkussionsgewehre englischen oder belgischen Fabrikats. Viele führten Pistolen und kein [pg 293]einziger fand sich, der nicht das lange krumme Schwert an der rechten Seite getragen hätte. Die wenigen, die ohne Gewehre erschienen, waren mit Speer, Schwert und Schild bewaffnet. Die Mannszucht schien gut, ihre Manövrirfähigkeit war nicht zu verachten. Gleichfalls beschenkt mit silbernen Armringen, einer Löwenhaut, dem Abzeichen tapferer Krieger, mit Speer und Schild, kehrte der englische Oberkommandant in sein Lager zurück. Er hatte nun im Rücken nichts mehr zu besorgen, und der Vormarsch auf Antalo begann auf schwierigen Wegen.

Das Land zeigte überall Spuren der vielen Kämpfe, denen es durch seine unruhigen Häuptlinge ausgesetzt war. Die Dörfer lagen verwüstet, die Unsicherheit der Zustände hinderte eine geregelte Bodenkultur und statt den Engländern für die Verbesserung der Straßen und Wegbarmachung der Pässe zu danken, grollten ihnen die Eingeborenen, weil hierdurch den Häuptlingen der Nachbarländer später feindliche Einfälle erleichtert würden.

Antalo unterschied sich nicht von Adigerat als Stadt, war aber bedeutend als Marktplatz. Brot, Mehl, Butter, Honig, Schlachtvieh wurden in reichem Maße zugeführt, doch stellte sich eine Schwierigkeit ein: Napier hatte einen Augenblick lang Ebbe in der Kasse, denn Gold nahmen die Eingeborenen nicht und Maria-Theresia-Thaler waren in ungenügender Menge zugeführt worden. In ihren Thalern hatten die Engländer das beste Mittel, die Allianz der Einwohner zu erzielen; aber ihre Kopfzahl erschien diesen immer noch zu gering, um den fürchterlichen Theodor anzugreifen, welcher sich, den angelangten Nachrichten zufolge, auf der Hochebene von Talanta, zwischen den Strömen Dschidda und Beschlo befestigte.

Der Zug der Engländer ging nunmehr durch Wodscherat und Doba zum Aschangi-See, der östlich liegen blieb, und durch Wofila nach dem 8478 Fuß hoch gelegenen Lat, wo das ganze Expeditionscorps in zwei Divisionen getheilt wurde, von denen die erste unter General Stavely, 4600 Mann und 600 Pioniere zählend, zum aktiven Vorgehen, die zweite unter General Malcolm zur Reserve und Besatzung der Zwischenstationen bestimmt war. Alles unnöthige Gepäck blieb zurück; für je 12 Offiziere wurde nur ein Zelt und für 20 Gemeine eins bewilligt, die ersteren durften nur 30 Pfund, die letzteren nur 25 Pfund Gepäck mitführen.

Nachdem der 10,662 Fuß hohe Emano-Amba-Paß durchschritten war, stieg die Armee hernieder zu den Quellen des Takazziéstromes. Dann wurde die Ebene von Woadla (Wadela) durchschritten, und am 30. März standen die Engländer in Biedehor am höchsten Rande des Dschidda-Thals, 10,000 Fuß über dem Meere, auf der Kunststraße, die Theodoros mühsam durch die Deutschen hatte herstellen lassen. Durch den Bau dieser Straße hatte der Negus den Engländern ein gutes Theil an Zeit und Mühe erspart, allein es blieben noch Hindernisse genug übrig. Der Uebergang über die Dschidda, welcher am 4. April bewerkstelligt wurde, war nicht das geringste derselben. Die abschüssigen, felsigen Ufer hinab und wieder hinauf zu steigen, war kein leichtes Unternehmen; die Lastthiere rutschten die ganze Strecke hinunter und mehrere erlagen [pg 294]den Strapazen. Das Aufsteigen auf der anderen Seite war womöglich noch schwieriger für Menschen und Thiere, die sich mit leerem Magen und unter schwerem Gepäck hinaufzuwinden hatten. Hier wurde es allmälig zur Gewißheit, daß Theodor sich auch von der Hochebene Talanta, die man jetzt betrat, zurückgezogen und nach Magdala geworfen habe, daß man ihn daher hinter dem Beschlo aufsuchen müsse. Die vorausgeschickten Rekognoszirungstruppen hatten bereits die Nachhut von Theodor’s Heer erblickt, und nun war es klar, daß in den nächsten Tagen ein Zusammenstoß stattfinden könne. Was die Einwohner von Talanta betraf, so bezeigten sie sich den Engländern freundlich, da sie kurz vorher von Theodor’s Truppen nach Maßgabe der altabessinischen Praxis ausgeplündert waren und nun in den Fremdlingen ihre Rächer erblickten. Gefährlich schien für die Engländer einen Augenblick das Auftreten des Rebellen Wolda Jesus in ihrem Rücken, der die Transporte, welche durch Lasta gingen, zu stören versuchte, aber von dem ihnen verbündeten Kassai von Tigrié zur Ruhe verwiesen wurde. Von den Gefangenen hatte man die Nachricht, daß sie sich wohl befänden und milder als früher behandelt würden.

Ueber das Verhalten Theodor’s kurz vor dem Zusammentreffen mit den Engländern giebt ein Brief des gefangenen Gesandten Rassam interessante Auskunft. Hiernach hatte sich der König schon am 18. März über den Beschlo zurückgezogen und an diesem Tage einen Brief an Rassam geschickt, in welchem er bedauerte, daß dieser in Fesseln gelegt worden sei, denn ohne sein Wissen hätten dieses die Behörden gethan; gleichzeitig gab er den Befehl, Rassam die Ketten abzunehmen, was auch geschah.

Am 27. März zog Theodor mit seinen sehr zusammengeschmolzenen Getreuen in Magdala ein, wo die größte Verwirrung herrschte. Ein hoher militärischer Würdenträger war desertirt und zwei andere Häuptlinge wurden angeklagt, Menilek, den König von Schoa, eingeladen zu haben, die Festung in Besitz zu nehmen. Dieses Alles setzte den stolzen Herrscher, der bisher nur die unbedingteste Unterwerfung unter seinen Willen gekannt, derart in Wuth, daß er zuerst beschloß, die alte Garnison aus der Festung zu entfernen und durch eine neue zu ersetzen; am nächsten Tage jedoch gab er Gegenbefehl, beschränkte sich darauf, den Kommandanten abzusetzen und die Besatzung durch 1000 Mann zu verstärken. Am 29. März schickte Theodor zu Rassam, den er in einem seidenen Zelt empfing. Er theilte ihm höflich und in seiner unberechenbaren Weise mit, daß er ihn nur darum übel behandelt habe, weil er wünschte, die Engländer möchten gegen ihn zu Felde ziehen. Darauf drückte er den Wunsch aus, er möge Rassam in der englischen Uniform sehen, was dieser natürlich zugestehen mußte. Umgeben von 400 Offizieren und den deutschen Handwerkern empfing er den ehemaligen Abgesandten der Königin Victoria, welcher die Ehre hatte, dem königlichen Prinzen vorgestellt zu werden. Alles schien dem Könige daran gelegen, den Gefangenen möglichst zu imponiren, und um diesen Zweck zu erreichen, wurde der berühmte Riesenmörser Theodor’s herbeigeschleppt, den dieser „Sebastopol“ getauft hatte. Freudenschüsse begleiteten die Ankunft des Ungethüms, das sich [pg 295]später als sehr ungefährlich erwies. Theodor selbst beaufsichtigte die Befestigungs- und Wegarbeiten und war darüber, daß er Magdala vor den Engländern erreicht, so erfreut, daß er sämmtlichen Gefangenen die Fesseln abnehmen ließ. Nachdem alle Kanonen und Mörser an Ort und Stelle waren, erkundigte er sich bei Rassam aufs genaueste nach der Zahl der gegen ihn ausgesandten englischen Truppen. Letzterer erwiderte: man spreche von 10,000 Mann; er glaube aber nicht, daß mehr denn 6000 bis Magdala kommen würden. Darauf hin setzte der Negus auseinander: wenn er noch so mächtig wäre, wie ehedem, hätte er die Engländer bei ihrer Landung erwartet und sie gefragt, was sie denn eigentlich wollten; aber jetzt habe er mit Ausnahme Magdala’s das ganze Land verloren und müsse sich damit begnügen, sie hier zu erwarten. Dann befahl er, die Gefangenen in seiner unmittelbaren Nähe zu halten, während er von seiner luftigen Burg unablässig mit dem Fernrohr nach Norden hin schaute, von wo der Feind kommen mußte. Endlich am 7. April sah Theodor die ersten Engländer am Beschlo anlangen.

Am 10. April überschritt auch Sir Robert Napier diesen Fluß und hatte nun die Feste Magdala in ihrer ganzen Fürchterlichkeit vor sich liegen. Kühn ragten die steilen Felsen gen Himmel, und oben befand sich Theodor mit seinem Heere. Obgleich die Engländer keineswegs die Absicht hatten, sogleich zum Angriff überzugehen, sondern außerhalb Schußweite von Fala, einer Vorburg Magdala’s, kampiren wollten, so wurden die Truppen Theodor’s doch durch die englischen leichten Reiter, welche nahe an die Festung heranritten, hervorgelockt. Theodor, der selbst in Fala bei seinen großen Kanonen sich aufhielt, gab Befehl, diese dreisten Leute gefangen zu nehmen. Aber er hatte nicht gewußt, daß inzwischen die ganze Brigade unter Sir Stavely auf einem verdeckten Wege ebenso nahe war. Die leichten Reiter zogen sich, als etwa 1200 Fußgänger von der Amba herunterkamen, so schnell sie konnten, zurück. Statt ihrer rückten nun ein Regiment Beludschen, ein englisches Infanterieregiment, eine Batterie Berggeschütze und eine Raketenbatterie vor. Theodor that aus seinem schweren Geschütze in Fala einige gutgezielte Schüsse und seine Leute liefen in Unordnung, aber tapfer vor, bis sie auf 150 Schritt an die Engländer herangekommen waren. Dann aber hatte es ein Ende: Die Wirkung der Geschütze und das auf die Abessinier einströmende Feuer der Raketen machte, daß an keinen Halt mehr zu denken war; Hunderte deckten, mit dem Anführer (Fit Auri, [S. 19]) an der Spitze, die Wahlstatt; der Rest stob auseinander und flüchtete nach der Burg zurück.

Theodor, welcher seines Sieges sicher war, hatte unterdessen geschickt eine andere Abtheilung in den Rücken der englischen Bagage gesandt; aber auch dieser ging es schlecht. Von einer Bergbatterie unterstützt, richtete die Bagagemannschaft ein entsetzliches Blutbad unter den Abessiniern an, die immer in dem Glauben gelebt hatten, wehrlose Leute vor sich zu haben. Von diesen 600 Mann kehrte keiner in die Amba heim; die Ueberlebenden konnten nicht in die Burg zurück, da ihnen der Rückzug abgeschnitten war, und, ins Land fliehend, wurden sie ein Opfer der erbitterten Bevölkerung. Der Kampf dauerte bis 6½ Uhr [pg 296]Abends, wo Dunkelheit und Regen die Engländer nöthigten, die Verfolgung, die bis an die Felsenwälle Magdala’s selbst führte, einzustellen. Während des ganzen Gefechts, das die Engländer als „Schlacht von Arodsche“ bezeichnen, fand ein furchtbares Gewitter statt, sodaß Donner und Kanonengebrüll sich miteinander mischten. Die Zahl der abessinischen Todten betrug viele hundert, die Engländer dagegen hatten keinen Todten und nur zwanzig Verwundete.

Auffindung der Leiche des Königs Theodoros. Nach englischen Zeichnungen.

Theodor war über den Mißerfolg seiner Waffen außer sich. Zum ersten Male, seit er die Krone trug, war er ordentlich geschlagen worden, und zwar von den verachteten „rothen Barbaren“. Seine Wuth kannte keine Grenzen, und das Damoklesschwert schwebte fortwährend über dem Haupte der europäischen Gefangenen. Indessen kühlte er seinen Zorn nur an den abessinischen Gefangenen, von denen er über 300 vor den Augen der Europäer hinrichten und über die Felswälle Magdala’s hinabstürzen ließ. Aber soviel sah er ein, daß er auf die Dauer den Engländern nicht zu widerstehen vermöge. Am nächsten Morgen sandte er daher den Missionär Flad, von zwei abessinischen Häuptlingen begleitet, in das englische Lager, um zu unterhandeln. Die einzige Antwort, die [pg 297]Sir Robert Napier durch diese dem König geben konnte, war: bedingungslose Kapitulation.

Noch einmal schickte Theodor die Parlamentäre ins Lager, doch Sir Robert Napier gab ihnen dieselbe Antwort, und traurig waren sie im Begriff, in die Gefangenschaft zurückzukehren, als sie auf dem Wege die plötzlich freigegebenen Europäer Cameron, Rassam und einige der Handwerker antrafen. Am nächsten Morgen wurden alle übrigen Gefangenen freigelassen, der Franzose Bardel, den man für den schlechten Rathgeber Theodor’s hielt, ausgenommen. Bardel fanden die Truppen später, bei der Einnahme von Islam-Gie, hinter einem Felsen liegend, krank vor Hunger und Fieber. Theodor hatte ihn aus Magdala hinausgejagt. Dieser selbst aber war entschlossen, sich nicht zu unterwerfen und bis zum letzten Augenblicke auszuhalten. Lieber wollte er muthig untergehen, als feige sich ergeben. So blieb denn den Engländern nichts übrig, als zum Sturm auf Magdala zu schreiten, welches immer noch von einigen tausend Mann besetzt war.

Die Festung, von steilen Felsen beschützt, so erzählt ein englischer Bericht, bot nur zwei Zugänge, an der Nord- und der Südseite, die so enge waren, daß nur ein Maulthier sie jedesmal passiren konnte, und die jeder zu einem stark verrammelten Thore führten. Das nördliche Thor war es, durch welches der Eingang erzwungen wurde. Gegen halb drei Uhr Nachmittags am 13. April, dem Ostermontag, begann das Bombardement, und nach einer zweistündigen Kanonade wurde der Befehl zum Sturm gegeben. Die Truppen erkletterten den zum Thore führenden Pfad, fanden aber dieses, wie das umgebende Pfahlwerk, von den Kugeln nur wenig verletzt. Die Palissaden mußten daher mit Hülfe einer Strickleiter überstiegen werden, um das Festungsthor von beiden Seiten angreifen und die Vertheidiger zurücktreiben zu können. Den Zugang bildeten zwei etwa zehn Fuß voneinander entfernte Thore; der Raum zwischen denselben war mit schweren Steinen angefüllt. Hatte die Kanonade auch keinen direkten Vortheil erzielt, so trieb sie doch die Vertheidiger zurück. Nur sechs Offiziere stellten sich mit Todesverachtung den Angreifern entgegen, doch waren ihrer zu wenige, um die Position halten zu können.

Als die Engländer über die Leichen dieser Tapferen vordrangen, fanden sie auf einer etwas entfernten Anhöhe den entseelten Körper des Königs Theodoros liegen – er hatte die Schande nicht überstehen können und sich, um einer schmachvollen Gefangenschaft zu entgehen, durch den Mund erschossen, und zwar mit einem jener Revolver, welche ihm „die Königin Victoria zum Zeichen ihrer Dankbarkeit für die Güte geschenkt hatte, die er ihrem Diener Plowden erwiesen.“ So sagte die Inschrift des sechsläufigen Revolvers. Theodor’s Waffenträger gab die Einzelheiten an über das Verhalten seines Herrn in den letzten Stunden während des Angriffs der Engländer, gegen welchen der sonst so gefürchtete Tyrann nur mit wenigen Getreuen Stand hielt. Zweimal brach unter den hervorragendsten Häuptlingen und deren Gefolge Meuterei aus. Sie weigerten sich, an seiner Seite zu kämpfen, und beschlossen, ihn dem Feind auszuliefern, [pg 298]doch hatten sie noch immer nicht genug Muth, ihr Vorhaben auszuführen. Als so Alles verloren war, erschoß sich Theodor selbst, gleichsam um seine Feinde dadurch zu beschämen, daß er wie ein König sterbe. Das Gesicht des Todten ließ allerdings nicht auf seine früheren Züge schließen, zumal da das Auge das Feuer und den Ausdruck verloren, die als sein Charakteristicum bezeichnet wurden. Die Stirn zeugte von Intelligenz, der Mund von Entschlossenheit und Grausamkeit. Eine Anzahl englischer Truppen hielt bei dem königlichen Leichnam Wache, bis er, am Abend des 14. April, in der Kirche von Magdala begraben wurde.

Königskrone Theodor’s.

Der englische Oberbefehlshaber bot das eroberte Magdala dem Gobazye, Schum von Waag, an; dieser lehnte jedoch das Geschenk ab, weil er es nicht gegen die Angriffe der Wollo-Galla vertheidigen könne und es überdies noch jedem, der dort geherrscht, den Untergang bereitet habe. Deshalb beschloß Napier, Magdala zu zerstören. Am Nachmittag des 17. April wurde der Ort in Brand gesteckt, die hochaufwirbelnden Feuer- und Rauchsäulen verkündeten den erstaunten Eingeborenen, daß Theodor gefallen, seine Zwingburg zerstört sei. Mit der Kirche, die man vor den Flammen nicht retten konnte, verbrannte auch der Leichnam des Königs. Damit war jedoch nur der Ort Magdala vernichtet, die natürliche Felsenfeste aber war unzerstörbar. Die Stadt an und für sich war uninteressant, sie bestand aus den gewöhnlichen Hütten mit kegelförmigen Strohdächern. Nur die keineswegs schöne Kirche und die Wohnung Theodor’s stachen von den übrigen Häusern ab. Letztere bestand aus zwei Stockwerken und war mit einem flachen Dache gedeckt. In ihr fand sich eine Anzahl europäischer Luxusartikel vor, Klaviere, Harmoniums, Spieldosen, Patronen für Hinterlader und ein Gemenge anderer Gegenstände. Sonst fanden sich Zeichen der Civilisation nur in den Werkstätten der von Theodor gefangen gehaltenen Handwerker. Einige Kronen, Becher, die Mörser Theodor’s, Speere, Säbel, Kreuze, amharische Bibeln u. s. w. wurden als Trophäen mit nach England genommen. Unter den Gefangenen befand sich auch ein Sohn Theodor’s, welchen der Obergeneral mit nach England zu nehmen beschloß. Auch die beiden Königinnen fielen den Engländern in die Hände. Die rechtmäßige Gattin Toronesch, die Tochter Ubié’s, erschien als eine vornehm aussehende Frau von [pg 299]26 Jahren, mit heller Hautfarbe, lebhaften Augen, hübscher Hand und wunderschönem Haar, das in dichten Locken auf die Schultern herabfiel. Sie vermochte das Ende ihres Gemahles nicht zu überleben und starb auf dem Wege nach der Küste.

Sofort begannen die Engländer den Rückmarsch; um den Besitz der kahlen Felsenwände Magdala’s, das zur Berühmtheit geworden, stritten sich nun wieder die Galla – für die Abessinier war das Land am Kollogebirge, welches sie von ihren Stammesgenossen in Schoa trennt, verloren, und der muhamedanische Keil, den einst Theodor beseitigt, war wieder zwischen die christlichen Reiche eingeschoben. Auf der Talanta-Hochebene sammelte Sir R. Napier sein kleines tapferes Heer, hielt über dasselbe Revue und dankte ihm für die bewiesene Aufopferung. Dann wurde die Dschidda überschritten und auf demselben Wege, den man gekommen, die Heimkehr vollzogen.

Die befreiten Gefangenen und die Beute brachten die Engländer triumphirend nach Zula, von wo sie nach England eingeschifft wurden. Auch die deutschen Handwerker kehrten heim und nur Schimper und Zander zogen es vor, sich nach Adoa in Tigrié zu begeben, wo sie ihre Tage beschließen wollen. Die Expedition selbst war ein großer Erfolg, für den England aber theuer bezahlen mußte. Wenn der Brief, den Theodor Ende 1862 an die Königin Victoria schrieb, im Auswärtigen Amte nicht vergessen und nicht unbeantwortet geblieben wäre, so würde kein Grund vorhanden gewesen sein, die Expedition überhaupt zu unternehmen, 6 Millionen Pfund Sterling zu opfern und einige Tausend schlecht bewaffneter Abessinier mit Armstrongkanonen und Hinterladern niederzuschießen.


Selten wurde wol ein Kriegszug mit solchem Widerstreben unternommen, mit solcher Genauigkeit entworfen und so rasch und vollständig ausgeführt, wie die englische Expedition gegen Abessinien. Sir Robert Napier konnte mit Cäsar schreiben: Veni, vidi, vici! Der König todt, Magdala erstürmt, die Gefangenen frei! Das waren die nächsten Resultate. Die Schnelligkeit und Entschiedenheit des Erfolges, die vollständige Vernichtung Theodor’s und seiner Macht kann uns kaum Wunder nehmen. Der Kampf zwischen einem englischen Heere mit englischen Waffen und einer Streitmacht wenig geschulter, wenn auch tapferer Abessinier war für letztere von vornherein ein hoffnungsloser. Das eigenthümliche Verdienst der Engländer bestand aber nicht darin, daß sie die Abessinier, sondern daß sie das Land besiegten. Die Natur kämpfte gegen sie, aber die Wissenschaft und die Organisation überwanden diesen gefährlichsten der Gegner. Napier mußte sich fast Zoll für Zoll erst den Weg bahnen, und dieser mühsame und gefahrvolle Marsch ging über jäh abstürzende Klippen und an schwindelnden Abgründen vorbei; dazu gesellte sich die Kälte auf den Alpenhöhen von 12,000 Fuß über der Meeresfläche. Man begreift die ängstliche Spannung der englischen Armee, indem sie sich Magdala näherte, Theodor möchte sich zurückziehen und [pg 300]sie in endloser Verfolgung seiner Person und seiner Gefangenen zu ermüden suchen – aber der Negus hatte geschworen: „wenn auch alle seine Truppen flöhen, allein den Briten Stand zu halten“. Und er hat Wort gehalten, und in der That kann man im Hinblick auf die früheren Großthaten und die letzte Stunde sein Mitgefühl dem Manne nicht versagen, der selbst die Engländer zwang, ihn zu zermalmen. Er war aus dem Stoffe vieler orientalischer Eroberer gemacht, ein willensstarker, bedeutender Mensch, aber ohne Selbstbeherrschung und unfähig, die Kraft einer der seinigen überlegenen Civilisation zu begreifen. Selbst die Engländer ließen dem überwundenen Feinde schließlich Gerechtigkeit widerfahren und eines ihrer Blätter ruft aus: „Schade um den Mann! Der wahnsinnige Barbar, das feige Ungeheuer, als welchen ihn die schreibseligen Judenmissionäre in ihren Episteln aus der Gefangenschaft schilderten, war vielleicht der einzige wirkliche Held in diesem romantischen Drama. Schade um den Mann! Ein Mann von wilder Genialität, durchdringendem Scharfsinn und eiserner Willenskraft, mit all den Eigenschaften ausgerüstet, welche nöthig sind, um Afrikanern zu imponiren und Barbaren für die Civilisation zu gewinnen, so erschien er unsern Kriegern und er hat ihr Urtheil durch sein Herzblut besiegelt.“

In Abessinien sind von Zeit zu Zeit große Männer aufgetreten, welche ihr daniederliegendes Vaterland aus dem Staube zu heben suchten – der Abuna Tekla Haimanot stellte zu Ende des 13. Jahrhunderts das Reich unter der salomonischen Dynastie wieder her; Kaiser Fasilides verjagte die Jesuiten und unterwarf alle Rebellen – aber größer und gewaltiger erscheint der Sohn der armen Kussohändlerin aus Koara, Theodor II. – Und Abessinien? wird man fragen. Ohne kräftige Regierung steht es wieder da, zerklüftet und zerfallen, als das Land, das es von je gewesen, „das Land der Verwirrung“.

Siegel des Königs Theodor. Nach Lejean.

Ende.


[pg 301]

Uebersichtskarte von Abessinien.


Verlag von Otto Spamer in Leipzig.

Das Buch der Reisen und Entdeckungen.

Neue illustrirte

Bibliothek der Länder- und Völkerkunde.

Herausgegeben
unter Mitwirkung mehrerer Geographen und Schulmänner.

Zum Subscriptions-Preis von 5 Sgr. = 18 Kr. rhein. pro Heft zu beziehen.
6–10 Hefte bilden einen Band, welcher ein abgeschlossenes Werk enthält.
Jeder Band von 18–30 Bogen ist einzeln zu haben und kostet:
geheftet 1-1/3 Thlr. = 2 Fl. 24 Kr. rhein. bis 2 Thlr. = 3 Fl. 36 Kr. rhein.
In elegantem Prachtband 1-2/3 Thlr. = 3 Fl. rhein. bis 2-1/3 Thlr. = 4 Fl. 12 Kr. rhein.

A. Aeltere Reisen.

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Cook, der Weltumsegler. Leben, Reisen und Ende des Kapitän James Cook, insbesondere Schilderung seiner drei großen Entdeckungsfahrten. Nebst einem Blick auf die heutigen Zustände der Südsee-Inselwelt. Herausgegeben von Dr. Karl Müller. Mit 120 Text-Abbildungen, fünf Tonbildern etc. Vollständig in 6 Heften. In elegantem Prachtband 1-2/3 Thlr.

B. Neuere Reisen.

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Kane, der Nordpol-Fahrer. Arktische Fahrten und Entdeckungen der zweiten Grinnell-Expedition zur Aufsuchung Sir John Franklin’s in den Jahren 1853, 1854 und 1855 unter Dr. Elisha Kent Kane. Vierte durchgesehene Auflage. Mit 125 Text-Abbildungen nach Zeichnungen des Verfassers, sechs Tondrucktafeln und zwei Kärtchen. Vollständig in 6 Heften. Elegant gebunden 1-2/3 Thlr.

Die Franklin-Expeditionen und ihr Ausgang. Entdeckung der nordwestlichen Durchfahrt durch Mac Clure, sowie Auffindung der Ueberreste von Franklin’s Expedition durch Kapitän Sir M’Clintock, R. N. L. – Zweite, durchgesehene und vermehrte Auflage. Mit 110 Text-Abbildungen, 5 Tonbildern, mehreren Kartenumrissen, sowie einer Karte der nördlichen Polarländer etc. Vollständig in 6 Heften. In elegantem Prachtband 1-2/3 Thlr.

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Livingstone, der Missionär II. Neueste Erforschungsreisen im Süden Afrika’s und auf dem Eilande Madagascar. In Schilderungen von David Livingstone’s neuesten Forschungen während der Jahre 1858–1864; der Universitäts-Mission und Livingstone’s letzter Expedition von 1866. Ferner der Reisen von Albert Roscher und Karl Mauch, der portugiesischen Expedition in das Land des Muata-Kazembe, sowie der Reisen auf der Insel Madagascar während des letzten Jahrzehnts. Mit 90 Text-Abbildungen, sechs Tondrucktafeln und einer Uebersichtskarte des südlichen und mittleren Afrika sammt Madagascar, unter Angabe der Reiserouten von David Livingstone, du Chaillu, Andersson, Burton-Speke, Speke-Grant, A. Roscher u. s. w. Vollständig in 8 Heften. In elegantem Prachtband 1-2/3 Thlr.

Das Buch der Reisen und Entdeckungen.

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Eduard Vogel, der Afrika-Reisende. Schilderung der Reisen und Entdeckungen des Dr. Eduard Vogel in Central-Afrika: in der großen Wüste, in den Ländern des Sudan, am Tsad u. s. w. Nebst einem Lebensabriß des Reisenden. Nach den Originalquellen bearbeitet von Hermann Wagner. Zweite durchgesehene Auflage. Mit 100 Text-Abbildungen, acht Tondrucktafeln und einer Karte von Vogel’s Reiseroute. Vollständig in 6 Heften. In elegantem Prachtband 1-2/3 Thlr.

Abessinien, das Alpenland unter den Tropen und seine Grenzländer. Schilderungen von Land und Volk, vornehmlich unter König Theodoros (1855–1868). Nach den Berichten älterer und neuerer Reisender bearbeitet von Dr. Richard Andree. Mit 80 Text-Abbildungen, sechs Tonbildern sowie einer neuen Karte von Abessinien. Vollständig in 6 Heften. In elegantem Prachtband 1-2/3 Thlr.

Die Erforschung des Nilquellen-Gebietes und der angrenzenden Länder von Zanzibar bis Chartum. Nach Burton, Speke, Baker, Petherick, Heuglin, v. d. Decken u. A. In 6–8 Heften. Mit 100 Text-Abbildungen, Tondrucktafeln, einer Karte etc. (In Vorbereitung.)

Asien.

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Reisen in den Steppen und Hochgebirgen Sibiriens und der angrenzenden Länder Central-Asiens. Nach Aufzeichnungen von T. W. Atkinson und Anderen. Bearbeitet von A. v. Etzel und H. Wagner. Mit 120 Text-Abbildungen und fünf Tondrucktafeln. Vollständig in 8 Heften. In elegantem Prachtband 1-2/3 Thlr.

Das Amur-Gebiet und seine Bedeutung. Reisen in Theilen der Mongolei, in den angrenzenden Gegenden Ost-Sibiriens, am Amur und seinen Nebenflüssen. Nach den neuesten Berichten, vornehmlich nach Aufzeichnungen von A. Michie, G. Radde, R. Maack und Anderen. Herausgegeben von Dr. Richard Andree. Mit 80 Text-Illustrationen, vier Tonbildern, sowie einer Karte des asiatischen Rußlands und der angrenzenden Theile von Inner-Asien. Vollständig in 6 Heften. In eleg. Prachtband 1-2/3 Thlr.

Die ostasiatische Inselwelt I. Land und Leute von Niederländisch-Indien: den Sunda-Inseln, den Molukken sowie Neu-Guinea. Reise-Erinnerungen und Schilderungen, aufgezeichnet während seines Aufenthaltes in Holländisch-Ostindien und herausgegeben von Dr. S. Friedmann. Vollständig in 6 Heften. In elegantem Prachtband 1-2/3 Thlr.
Das Tropen-Eiland Java. Mit 120 Text-Abbildungen, sechs Tonbildern und einer Karte von Java.

Die ostasiatische Inselwelt II. Land und Leute von Niederländisch-Indien: den Sunda-Inseln, den Molukken sowie Neu-Guinea. Reise-Erinnerungen und Schilderungen, aufgezeichnet während seines Aufenthaltes in Holländisch-Ostindien und herausgegeben von Dr. S. Friedmann. Vollständig in 6 Heften. In elegantem Prachtband 1-2/3 Thlr.
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Neueste Kinderschriften, illustrirt durch F. Flinzer u. A.

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Die Kinderstube II. Hundert kleine Erzählungen, Gedichte und Verschen für Kinder von 4 bis 6 Jahren. Der lieben Kinderwelt und deren Freunden gewidmet von Fr. A. Glaß. Neu bearbeitet und herausgegeben von Ernst Lausch. Zweite umgearbeitete Auflage. Mit 60 Text-Abbildungen und drei Buntbildern. Geheftet 15 Sgr. = 54 Kr. rhein. In prächtig ausgestattetem Umschlag gebunden 20 Sgr. = 1 Fl. 12 Kr. rhein.

Die Kinderstube III. Erstes A-B-C-, Lese- und Denkbuch für brave Kinder, die leicht und rasch lesen lernen wollen. Ein Führer für Mütter und Erzieher beim ersten Unterricht durch Wort und Bild. Herausgegeben von Ernst Lausch. Mit 300 Text-Abbildungen und zwei Buntbildern. Geheftet 15 Sgr. = 54 Kr. rhein. In prächtig ausgestattetem Umschlag gebunden 20 Sgr. = 1 Fl. 12 Kr. rhein.

Inhalt: I. Die kleinen Buchstaben. II. Die großen Buchstaben und Ergänzung der kleinen. III. Lesebuch. IV. A-B-C-Bilder-Reime. V. Kinderspiele. VI. Rechenbuch. VII. Gebetbuch.

Ein namhafter Pädagog spricht sich über die vorstehenden Bändchen in folgender Weise aus: „Wir können nicht anders als mit Freuden anerkennen, daß es dem Autor gelungen ist, den rechten Stoff und für denselben die rechte Form, d. h. die rechte Sprache für die Kinder-Erzählungen getroffen zu haben. Die Geschichtchen sind höchst einfach und natürlich in der Sprechweise der Kinder gegeben, ohne jedoch etwa einen kindischen oder gar läppischen Ton anzuschlagen. Man siehts diesen Büchelchen deutlich an, daß ein innig liebendes Vaterherz, geleitet von einem klaren pädagogischen Sinne, sie zunächst für sein Theuerstes auf Erden, für seine eigenen Kinder erfunden und erzählt hat. Sie sind den Kleinen aus der Seele gelesen und darum echte Mosaikstücke aus einem wahren und wirklichen Kindesleben. Mit vielem Glück hat der Verfasser in diesen Erzählungen alles Gekünstelte und Sentimentale, alles Ueberschwengliche und Unnatürliche à la Struwelpeter, sowie besonders auch trocknes und langathmiges Moralisiren fern gehalten.“

Noch sei bemerkt, daß diese Geschichtchen so einfach und kunstlos sind, um von jeder Mutter und Erzieherin jemalig nach dem Bedürfniß und der Anschauungsweise ihrer Pfleglinge leicht umgeändert oder auch als Themata zu verschiedenen Variationen benutzt werden zu können.

Wo und wann ein Lehrer von Müttern oder von Erzieherinnen nach lobenswerthen und zweckdienlichen Erzählungen für kleine Kinder befragt wird, da kann derselbe mit gutem Gewissen die Geschichtchen von Ernst Lausch ihnen aufs Wärmste empfehlen.

Gleiches Lob verdient das neueste Bändchen desselben Verfassers unter dem Titel:

Die Schule der Artigkeit.

Goldenes A-B-C der guten Sitten in Lehr- und Beispiel, Mahnung und Warnung. Auserwählte Fabeln, Sprüche und Sprüchwörter für die Kinderstube. Herausgegeben von Ernst Lausch. Mit einem Titelbilde, sowie 60 Text-Abbildungen von F. Flinzer, O. Rostosky und Fr. Waibler. Elegant geheftet 22½ Sgr. = 1 Fl. 21 Kr. rhein. In prächtig ausgestattetem Umschlag gebunden 25 Sgr. = 1 Fl. 30 Kr. rhein.

(Diesem Bändchen schließt sich im nächsten Jahre eine Sammlung der vorzüglichsten deutschen „Märchen und Sagen“ an.)

Die kleinen Tierfreunde.

Fünfzig Unterhaltungen über die Thierwelt. Ein lustiges Büchlein, für die liebe Jugend bearbeitet von Dr. Karl Pilz, Lehrer an der Dritten Bürgerschule zu Leipzig. Zweite, gänzlich umgearbeitete, vermehrte Auflage. Mit 60 Text-Abbildungen und einem Titelbilde. Geheftet 20 Sgr. = 1 Fl. 12 Kr. rhein. Elegant cartonnirt 25 Sgr. = 1 Fl. 30 Kr. rhein.

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Verlag von Otto Spamer in Leipzig.