Die bekümmerte Löwenkröte

Ein Märchen für kleine und große Leute

Nun will ich euch eine Geschichte erzählen, die mir einmal vor einem Schaufenster eingefallen ist, als ich eine kleine chinesische oder vielmehr koreanische Porzellandose betrachtete, die in sonderbarer Verschnörkelung einen schwermütigen Löwen vorstellte. Ich tue es nur, damit ihr Lust kriegt, euch bei merkwürdigen Dingen, die ihr seht, selber allerlei Neues zu denken. Wenn ihr das dann mit rechter Lebendigkeit Andern mitteilt, kommt ihr in den Ruf, daß ihr furchtbar tiefsinnig seid und schreckliche Dinge in euerm Herzen beherbergt, die ihr nur deshalb den Leuten aufbinden wollt, damit sie euch für ein Wundertier halten. Und außerdem habt ihr noch das Vergnügen, daß ihr so klug bleibt, wie ihr wart, während die Andern sich so die Köpfe über euch zerbrechen, daß sie manchmal rein dumm davon werden. Also paßt auf!

In einem asiatischen Urwald lebte zu Olims Zeiten ein großes Tier, wie vorher noch keins zur Welt gekommen war und wohl auch nie mehr eins wiederkommen wird, von so erstaunlicher Mißgestalt. Es hatte den Kopf eines Löwen und den Leib einer Kröte, das heißt einer Riesenkröte, sodaß es noch größer war als ein gewöhnlicher Löwe. Dabei war es nicht etwa ein bösartiges Tier, obwohl es mit seinem gewaltigen Rachen und seiner dicken Panzerhaut allgemeines Entsetzen erregte; sondern weil es eben den Magen einer Kröte hatte, nährte es sich wie alle Kröten von unnützen kleinen Kriechtieren. Besonders den Giftschlangen stellte es nach, trieb sie aus ihren Schlupflöchern und ließ sich ihre Eier schmecken. Sonst machte es von seinen Raubtierkräften nur dann Gebrauch, wenn irgend ein anderes großes Tier sich einmal gar zu dreist aufspielte; dann brachte es ihm Mores bei, war also im ganzen den Urwaldbewohnern recht nützlich.

Auch war es durchaus kein häßliches Tier. Seine harte runzlige Krötenhaut schimmerte goldbunt wie ein Paradiesvogelsittig, mit großen tiefblauen Tupfen gesprenkelt, wovon sich die hellbraune Löwenmähne in majestätischen Locken abhob. Nur etwas schwerfällig war es gebaut; der breite Leib war zwar nicht so plump wie bei den gewöhnlichen Riesenkröten, drückte aber die mächtigen Löwentatzen beim Gehen doch etwas zu Boden, und das bekümmerte sein Gemüt. Es gelang ihm wohl, riesige Sprünge zu machen, die selbst die Sprünge der Löwen übertrafen, aber richtig rennen konnte es nicht und gemächlich laufen auch nicht recht; und das traurige Untier meinte immer, wenn es das könnte, würde es lustig werden.

Je älter es wurde, umso bekümmerter wurde es, weil es immerfort drüber nachdachte, was es wohl mit sich anstellen solle, um einmal recht lustig lachen zu können. Besonders wenn es frühmorgens hörte, wie der ganze Urwald vom Gelächter der Affen und Papageien zu schallen begann, stierte es eifrig aus seiner Höhle nach den Zweigen hinauf in den blauen Himmel, als müsse ihm dorther die Erleuchtung kommen. Aber so sehr ihm der Himmel auch in die Augen lachte: jedesmal wenn es meinte, nun werde das Herz ihm vor Freude schwellen, und lustig ins Grüne hinausrennen wollte, dann konnte das langsame Krötenherz mit dem raschen Löwengehirn nicht mit, und der ganze Tag war ihm verleidet.

Endlich fragte die Löwenkröte einen alten Papageien um Rat, der klüger als die andern zu sein schien und nur in seltenen Fällen lachte, dann freilich umso kräftiger. Weil sie sich aber nicht verraten wollte, da sie befürchtete ausgelacht zu werden, stellte sie ihre Frage so: Wie kommt es denn, daß du so selten lachst? und warum lachst du dann so kräftig?

Weiß nicht! krächzte der Papagei; frag mal das heilige Kameel! Und dann lachte er wie besessen.

Daraus merkte die Löwenkröte, daß der alte Papagei närrisch war. Denn von dem heiligen Kameel war allgemein im Urwald bekannt, daß es nicht im geringsten lachen konnte, nicht einmal lächeln; und lächeln konnte die Löwenkröte, wenn auch nur ziemlich mühsam. Bei näherer Überlegung bedachte sie aber, daß die Narren mitunter gescheitere Einfälle haben, als sie selber in ihrer Narrheit wissen. Vielleicht verstand sich das heilige Kameel im stillen wirklich sehr gut aufs Lachen und hatte sich’s nur abgewöhnt aus irgend einem triftigen Grunde. Also begab sie sich auf den Weg nach dem Tempel, wo das Kameel sich verehren ließ.

Das heilige Tier erschrak nicht wenig, als es das fremde Untier erblickte. Dann jedoch witterte es wohl, daß sich das bunte Riesenvieh in freundlicher Absicht näherte, dachte wohl auch an das schützende Gittertor, steckte daher den Kopf heraus und fragte von oben herab feierlich: Was wünschen Sie?

Die Löwenkröte, da sie nicht zu befürchten brauchte, von dieser ernsten Person belächelt zu werden, erwiderte treuherzig: Ich möchte gern wissen, Euer Hochehrwürden, wie ich wohl lachen lernen kann.

Das heilige Kameel, das wohl nicht recht gehört zu haben glaubte, oder nicht wußte, ob es die Frage ernst nehmen sollte, steckte den Kopf noch ein bißchen weiter heraus und fragte noch feierlicher: Wie meinen Sie?

Da brüllte die Löwenkröte: lachen! ich will lachen lernen, Ehrwürden! Und nun zog das Kameel rasch den Kopf zurück; denn nun wußte es, daß es ernst gemeint war.

Es besah sich durch die Gitterstäbe die unwirsche Mißgeburt genauer, nahm eine teilnehmende Miene an, wobei es seinen höckrigen Rücken noch etwas krummer machte als sonst, und bog und wiegte den langen Hals nachdenklich hin und her. Dann sagte es noch viel feierlicher: Besänftige dich, betrübte Seele! Da wird uns der Himmel auf meine Bitte wohl an den Weg der Erleuchtung führen. Da wirst du entweder ganz ein Löwe oder ganz eine Kröte werden müssen.

Das hab ich schon selbst gewußt — knurrte die Löwenkröte. Aber wie hab ich das anzufangen?!

Das heilige Kameel bog nochmals den Hals gewichtig hin und her, machte den Buckel noch krummer und sagte: Auch dazu wird uns das himmlische Licht den rechten Weg der Erleuchtung weisen. Da wirst du aber dem gütigen Himmel erst eine kleine Opfergabe darbringen müssen. Du darfst sie einstweilen zu meinen Füßen, der ich der Diener des Lichtes bin, vor diesem Gittertor niederlegen.

Die Löwenkröte besann sich ein bißchen, was sie dem Himmel wohl Wohlgefälliges darbringen konnte, und fragte dann schüchtern: Willst du vielleicht ein paar Giftschlangenköpfe? ich habe heut Mittag ein ganzes Nest voll getötet.

Nein — sagte das heilige Kameel und schüttelte sich von oben bis unten — Giftschlangen sind hier nicht am Platze, insonderheit keine getöteten; denn des Himmels Gnade läßt auch die Giftschlangen leben. Aber zuweilen sollen sich in den Nestern der Schlangen kostbare Edelsteine finden; wenn du deren vielleicht eine kleine Portion geraubt haben solltest, die würden dem Himmelslicht angenehm sein! — Und ganz verklärt verdrehte das heilige Tier bei diesen Worten seine Augen.

Da fiel der Löwenkröte ein, daß ihr am Mittag, als sie den Schlangen die Köpfe abbiß, etwas sehr Hartes ins Maul geraten war, das sie nicht hatte zerknacken können, und das ihr noch immer im Rachen steckte. Das spie sie nun schleunigst durch das Gitter dem Diener des Lichtes vor die Füße.

Das Kameel, als ihm der heftige Strahl so plötzlich entgegengeschleudert wurde, tat erst wieder einen entsetzten Satz. Als es aber vor sich im nassen Sande den großen Edelstein funkeln sah, gewann es seine Fassung zurück, nahm wieder eine würdige Haltung an und sprach mit gnädiger Halsneigung: Es ist zwar nur ein einziger Edelstein, aber dem Himmel ist auch Geringes willkommen, wenn es aus willigem Herzen kommt; ich werde für deine Erleuchtung beten.

Also werd’ich nun endlich Antwort kriegen? brauste die Löwenkröte auf, die schon vor Ungeduld zitterte.

Sobald ich gebetet habe — sprach das Kameel und zog sich etwas tiefer in seine Zelle zurück, den Edelstein mit dem Fuß an sich scharrend. Dann ließ es sich umständlich, wie die Kameele zu tun pflegen, auf beide Vorderkniee nieder, den Höcker so krumm wie nur möglich machend, und die Löwenkröte mußte warten, obgleich ihr die Mähne schon schwoll vor Zorn. Endlich erhob sich das heilige Tier, blieb weihevoll im Hintergrund stehen und sagte mit prophetischer Stimme: Der Himmel hat mein Gebet erhört. Er läßt dir durch seinen Diener sagen: wenn du wissen willst, wie dein Leib sich verwandeln soll, damit deine Seele zum Preise des Lichtes lachen lerne, dann mußt du dich auf den Weg machen und entweder die Löwen oder die Kröten danach fragen —

Aber das wollt ich ja grade nicht! brüllte die Löwenkröte verzweifelt. Warte, du ruppiges buckliges Biest! Und damit sprang sie in voller Wut gegen das Tor der Tempelzelle.

Aber auf solche Überfälle mußte dies wohl schon eingerichtet sein; denn trotz ihrer Riesenkräfte vermochte die wütende Löwenkröte das eiserne Gitter nicht zu sprengen, nur ein paar Stäbe verbogen sich. Und das Kameel blieb ruhig im Hintergrund stehen, besah sich das rasende Ungetüm, als könne es dessen Grimm nicht begreifen, und sagte nur mit tiefster Entrüstung: du undankbare Kreatur! Dann wandte es langsam dem Gitter den Rücken zu, und die Löwenkröte hatte den Eindruck, als ob sich’s nun wirklich im stillen die Hucke voll lachte.

Das brachte sie wieder zur Besinnung. Und da ihr nichts andres mehr übrig blieb, faßte sie jetzt in der Tat den Entschluß, bei den gewöhnlichen Löwen und Kröten so höflich wie möglich ihr Glück zu versuchen. Ihr braves Krötenherz schämte sich schon des löwenhäuptigen Wutanfalls, und sie verzieh dem gekränkten Kameel seine unerträgliche Redseligkeit. Vielleicht hatte es doch sein dummes Getue von A bis Z völlig ernst gemeint und hielt sich nur in seiner Dummheit für einen Ausbund von himmlischer Weisheit.

Mit solchen Gedanken kam sie an den Sumpf, in dem die Riesenkröten hausten, und hörte richtig schon von ferne ihr glucksendes Lachen durchs Röhricht tönen. Halt! sagte sie sich in ihrem Löwensinn: da brauch ich vielleicht erst garnicht zu fragen, sondern sehe, was sie so fröhlich macht.

Vorsichtig schlich sie im Röhricht näher und spähte durch die dichten Halme. Da saß eine ganze Krötengesellschaft um ein riesiges Wasserpflanzenblatt, auf dem es von kleinen Schnecken und Würmern, Maden und Schlammkäfern wimmelte, und die Kröten glucksten vor Vergnügen über die fette Abendmahlzeit und patschten sich die feisten Bäuche, daß der Sumpfboden davon wackelte.

Nein! dachte unser trauriges Untier in seinem vornehmen Löwensinn: Wenn das ihre ganze Freude ist, dann will ich lieber darauf verzichten; das ist denn doch zu ekelhaft! — Also beschloß es, die Löwen aufzusuchen.

Inzwischen war die Nacht angebrochen, und im Urwald herrschte bereits tiefe Stille, sodaß die Löwenkröte schon meinte, den Besuch bis morgen aufschieben zu müssen. Aber es war eine helle Mondnacht, und plötzlich erscholl durch die Dämmerung ein so gewaltig donnerndes Lachen, daß es nur von mehreren Löwen herrühren konnte, und zugleich ein jämmerliches Geschrei.

Unser Untier kroch durch das dunkle Dickicht so rasch wie möglich der Stelle zu, wo der seltsame Lärm sich erhoben hatte, und kam an eine schmale Lichtung, die ganz verklärt vom Mondschein war. Da sah es nun, wie vier große Löwen einen armen Affen an Händen und Beinen gepackt hielten und ihn so bei lebendigem Leibe in vier Stücke zerreißen wollten. Der schnitt natürlich mit seinem Gesicht die fürchterlichsten Grimassen dabei, und das machte den Löwen solchen Spaß, daß sie wieder ihr brüllendes Lachen ausstießen und so den Gequälten ein wenig locker ließen; der schrie dann natürlich noch jämmerlicher, worauf sie noch gräßlicher an ihm rissen und dazwischen wieder laut loslachten.

Unser Untier konnte nicht länger still zusehn; sein gutmütiges Krötenherz empörte sich schließlich bis in sein wildes Löwengehirn, und plötzlich sprang es mit einem Gebrüll, wie noch nie eins im Urwald erschollen war, mitten hinein in den scheußlichen Knäuel. Erst schlug es den armen Affen tot, daß der sich nicht länger zu quälen brauchte; dann fuhr es mit seinen klotzigen Tatzen auf die verdutzten Löwen los. Der eine hatte vor Schreck gleich Reißaus genommen; die andern drei merkten nach einigem Katzbalgen, oder wußten auch schon von Hörensagen, daß sie der bunten Panzerhaut der Löwenkröte nichts anhaben konnten, und zogen sich nach etlichen Maulschellen, die sie weniger ausgeteilt als empfangen hatten, mit respektvollem Grunzen ins Dickicht zurück.

Da saß nun das siegreiche Ungetüm in der vom Mondschein verklärten Lichtung neben der blutigen Affenleiche; und da auf einmal — wie ihr euch denken könnt — ging ihm durch Herz und Hirn zugleich eine unendliche Erleuchtung. Es konnte zwar immer noch nicht lachen; aber mit einem Lächeln gen Himmel, das jeder Traurigkeit hellen Hohn sprach, ergab es sich in sein Untierschicksal, gern eine Löwenkröte bleibend.

Und auch die Affen sind Affen geblieben, die Papageien Papageien, und das heilige Kameel ein Kameel.

Die Geschichte vom alten Wodtke und Michel Krist
oder der Weg über den Balken

Eine Geschichte die wirklich einmal geschehen sein soll

Nämlich, Jungens — die Leute waren schon jahrelang unzufrieden mit dem alten Wodtke, alle Leute in der ganzen Gegend. Er aber saß oben auf seinem Berge, in seinem einsamen Wärterhäuschen, und kümmerte sich nicht darum.

Eigentlich hätte er tun müssen, was die Leute unten im Land verlangten; so wenigstens meinten diese selber, besonders die reichen unter ihnen, denn die hatten ihn angestellt. Er sollte die große Wasserleitung in Ordnung halten, die oben auf dem Berge lag, und deren Röhren hinabliefen in alle Felder und Wiesen und Bauernhöfe, um alle richtig mit Wasser zu versorgen. Und er hielt sie auch ganz gut in Ordnung; aber wenn einer mal viel Wasser brauchte, dann meinte der Nachbar, er kriege zu wenig, oder wenn dieser nun nachbekam, dann schrieen alsbald die andern Nachbarn, das sei die reine Überschwemmung, und schließlich wars keinem recht gemacht.

Darum hatte der alte Wodtke sich eines Tages anders besonnen: hatte den Leuten den Zutritt versperrt zu seinem amtlichen Gebiet und kümmerte sich um Niemandes Wünsche mehr. Sondern er saß da hinter seinem Zaun, zwischen den mächtigen Wasserbecken, die in Terrassen über einander lagen; und auf der obersten Terrasse, mitten im größten der großen Becken, stand wie ein Turm sein steinernes Häuschen, zu dem nur ein langer schmaler Balken über das stille Wasser führte. Von dort aus besah er mit seinem einen Auge — denn auf dem andern war er blind — durch ein Fernrohr die ganze Gegend, die Dörfer und das flache Land, bis dahin wo die Wälder anfingen und bläulich in den Himmel verschwanden, und ließ zu jedermann soviel Wasser laufen, wie’s ihm von oben gut und nötig schien.

Das gab nun zuerst einen wahren Aufstand unter den Leuten ringsherum, obgleich sie im ganzen nicht schlechter versorgt wurden, vielleicht sogar etwas besser als früher; doch weil sie nicht mehr dreinreden durften, fühlte sich jeder zurückgesetzt, und kamen in hellen Haufen herauf und wollten das Wärterhäuschen stürmen. Je näher sie aber an den Zaun kamen, umso stiller und stiller wurden sie; die großen Wasserbecken, die alle den Himmel spiegelten, lagen da so feierlich, daß sich keiner mehr laut zu reden traute. Blos etwa ein Dutzend der ärgsten Murrer, die kletterten dennoch über den Zaun und näherten sich dem einsamen Turm.

Der alte Wodtke stand ganz ruhig in seiner weitgeöffneten Türe, blickte erst auf die Leute drüben, dann auf den langen Balken vor sich, und lachte in seinen grauen Bart; hinter ihm blitzten die hundert Hähne und Drehklinken der Leitungsröhren. Da merkte das Dutzend Störenfriede, daß man nur einzeln hinüberkommen könne; und wie der Alte sein eines Auge funkelnd von Mann zu Mann richtete, hatte keiner den Mut dazu. Und plötzlich erhob sich in dem Turm ein seltsames Kreischen und Gekrächze, daß jeder verwirrt in den Himmel glotzte; worauf der Alte ihnen den Rücken wandte und schließlich alle froh waren, daß sie zum Zaun zurücklaufen konnten. Dort sagten sie den Wartenden, es gehe hier nicht mit rechten Dingen zu, der alte Wodtke habe den Zauberblick und stehe mit bösen Geistern im Bunde; und also zog der ganze Haufen wieder hinunter ins flache Land.

Es gab aber doch verschiedene Schlauköpfe, die an den Geisterspuk nicht recht glaubten, und meinten, sie würden den Alten schon unterkriegen; das waren natürlich die Unzufriedensten. Die schlichen jetzt öfters allein um den Zaun, weil keiner dem andern das Wasser gönnte, und dachten jeder dem alten Bären einen besonderen Vorteil abzuluchsen. Sie hatten auch bald herausgekundschaftet, daß er Nachmittags gewöhnlich ein Schläfchen machte, und was es mit dem Gekreisch und Gekrächze für eine einfache Bewandtnis hatte.

Vollkommen einsam nämlich lebte der alte Wodtke nicht. Sondern er hatte sich zwei Vögel gezähmt, einen weißen und einen schwarzen, eine Möwe und eine Krähe. Die saßen meistens bei ihm im Turm; nur wenn er bei der Arbeit war oder bei seinem Nachmittagsschläfchen, dann flogen sie über den großen Wasserbecken wie eifrige Wächter hin und her. Sie flogen dann ganz leise und lautlos, immer im Zickzack schwarz und weiß, als ob sie Tod und Leben spielten. Ich habe sie selbst mal so fliegen sehen, als ich vorbeiging und über den Zaun kuckte; doch braucht ihr drum nicht etwa zu denken, ich hätte hinüberklettern wollen, denn ich bin mit dem alten Wodtke niemals unzufrieden gewesen.

Die unzufriedenen Schlauköpfe aber, wenn sie sich auch bei Nacht nicht hinauftrauten, weils ihnen mit den wachsamen Vögeln doch nicht recht geheuer schien, die wollten sich seine Nachmittagsruhe heimtückisch zunutze machen und ihn dabei überrumpeln und zwingen.

Wenn dann so einer — ich habe von weitem mal zugesehen und sage euch, es war sehr komisch — vor den langen Balken kam, dann stand er zuerst wie angewurzelt und sah sich furchtsam um wie ein Dieb. Er faßte sich aber doch ein Herz und setzte einen Fuß vor den andern, bis etwa in die Mitte des Balkens. Wenn er dann aber ins glatte Wasser sah, wo sich tief unten der Himmelkreis spiegelte, und sah sich selbst da im Wasser hängen, den Kopf nach unten, am schmalen Balken, und nirgends ein Halt im tiefen Luftraum, und plötzlich kamen die stillen Vögel mit Kreischen und Krächzen herbeigeschossen, ihm immer kreuz und quer um den Kopf, und unten im Himmel ebenso, bis alles ihm drunter und drüber ging und ihm vorm Tod wie vorm Leben schwindelte: da wollte er wohl die Augen schließen, lag aber plumps schon drin im Wasser. Und während er pruhstend mit Mühe und Not ans Ufer des Beckens zurückschwamm, erschien der alte Wodtke wieder in seiner weitgeöffneten Türe, und lachte daß das Echo dröhnte, und streichelte seine beiden Vögel, die sich auf seine Schultern setzten.

Ein Einziger hat es einmal versucht, bei Nacht über den Balken zu kommen; das war der dicke Herr Landgendarm. Der hatte eigentlich gar kein Recht, sich um die Wasserleitung zu kümmern, besonders da der alte Wodtke selbst eine Art Polizeiperson war und ohne Aufseher über sich. Aber der dicke Herr Landgendarm hatte die Andern immer gefoppt, wenn sie so pudelnaß vom Berge kamen, und wollte den Bauern mal beweisen, daß er der schlauste von allen sei; dachte vielleicht auch eine Belohnung zu kriegen, wenn er den alten einäugigen Kerl mal orndtlich bei den Ohren nähme und ihm die Hochmutsmucken austriebe.

Also faßte er den Plan, nicht aufrecht über den Balken zu gehen, sondern rittlings bei Nacht hinüberzurutschen, indem er meinte, dann schliefen die Vögel. Die Vögel schliefen aber nur abwechselnd; und als er mit seinen dicken Beinen in der Mitte des Balkens saß, weckte die Möwe den alten Wodtke. Schwapp, kippte er den Balken ein bißchen. Und der erschrockene Herr Gendarm, den seine enge Uniform und der schwere Säbel am Schwimmen verhinderten, wäre beinahe elendig ertrunken, wenn nicht im letzten Augenblick der alte Wodtke den Hahn gedreht und das Wasser des Beckens hätte ablaufen lassen; da konnte der zappelnde Reitersmann, naß wie er war, zurückwaten.

Seit der Zeit meinten die Leute im Ernst, die Möwe und Krähe seien zwei böse Geister, und da begann erst der Schabernack arg zu werden. Wenn der Alte bei seiner Arbeit war, gingen sie hinterrücks an den Zaun und warfen mit Steinen nach seinen Vögeln. Die Vögel konnte zwar keiner treffen, weil sie zu hoch und zu schnell im Zickzack flogen; aber die Steine fielen herunter und schlugen in seine Gartenbeete, die rings um die Wasserbecken lagen. Anfangs nahm er es ruhig hin und warf sie einfach zurück übern Zaun; das machte die Leute aber nicht friedlicher, sondern im Gegenteil nur noch erboster, und sie ließen sich einen Geisterbeschwörer kommen, der ihm die Vögel wegfangen sollte. Na! den bespritzte der alte Wodtke so gründlich mit einem kalten Strahl, daß er schleunigst wieder nach Hause reiste; und nun erging es den Bauern schlimm.

Denn der Alte vom Berge — so nannten sie ihn jetzt — war durch die ewige Einsamkeit allmählich menschenfeindlich geworden, und beschloß es ihnen mal einzutränken. Er ließ auf einmal am nächsten Tag so mächtig viel Wasser ins Land laufen, daß nun wirklich eine Überschwemmung entstand, und die dauerte von Ostern bis Pfingsten. Mancher bekam dadurch ein Einsehn, aber grade die reichsten nicht; denn die meinten, sie hätten den größten Schaden, und warfen ihm Briefe über den Zaun, worin sie drohten ihn abzusetzen, trotzdem sie ihn lebenslänglich angestellt hatten. Worauf er einfach sofort den Haupthahn abstellte und gar kein Wasser mehr laufen ließ, sodaß eine schreckliche Dürre eintrat. Und Niemand wußte mehr aus noch ein, denn in der ganzen Gegend war Keiner, der von der Wasserleitung genug Verstand, um rasch sein Nachfolger werden zu können.

Da lebte nun dort in einer Hütte ein armer kleiner Hirtenjunge. Seine Eltern stammten aus einer fremden Gegend und hatten deshalb kein eigen Land, und er mußte den Bauern die Schafe hüten. Er war an Heiligabend geboren und letzte Weihnacht zwölf Jahre alt geworden; und mit Namen hieß er Michel Krist. Es konnte ihm eigentlich gleichgiltig sein, daß es den Bauern jetzt so schlecht ging; denn er war das Hungern und Dursten gewohnt, auch wenn sie gute Ernten hatten. Aber es tat ihm trotzdem leid, wenn Menschen und Tiere jammerten, besonders wenn seine Schafe blökten auf den vertrockneten Weidefeldern.

Dem war es nun immer ein Rätsel gewesen, warum sich der alte einäugige Mann so einsam auf seinem Berge hielt, und warum die Leute ihn schimpften und ärgerten, und warum er sie dann noch ärger ärgerte. Denn Michel Krist hatte zwei helle Augen, die in jedermann etwas Gutes entdeckten; und wen er mit diesen Augen anlachte, der mußte unfehlbar mitlachen, selbst wenn man ihm vorher böse sein wollte. Drum hatte er auch vor bösen Geistern nicht die geringste Furcht im Leibe; ihm waren noch niemals welche begegnet, obwohl er sehr oft im Dunkeln allein war, und kannte alle Vögel des Himmels, wie sie bei Tag und bei Nacht herumfliegen. Und über einen Balken zu gehen, schien ihm erst recht kein gefährliches Kunststück; denn er war von klein auf barfuß gegangen, und an den breiten Wiesengräben, wo seine Heerde am liebsten weidete, lief er tagtäglich zum Zeitvertreib, ohne daß ihm je schwindlig wurde, über die längsten Brückengeländer.

Als die Gräben nun immer mehr austrockneten, kam er zuletzt auf den Gedanken, den Alten vom Berge mal zu besuchen und ihn einfach zu fragen und zu bitten, ob er nicht wieder gut sein wolle. Also begab er sich eines Morgens in aller Frühe auf den Weg; ging aber erst auf einen Acker und grub sich einen Engerling aus. Den wollte er der Krähe mitbringen; denn unser kleiner Michel wußte, daß Krähen die Engerlinge gern essen. Und aus einem Gemüsegarten nahm er sich eine recht fette Schnecke mit; die sollte für die Möwe sein.

Damit sie ihm nicht die Tasche beschmutzten und unterwegs nicht etwa erstickten, wickelte er die zwei kleinen Tiere säuberlich in ein großes Kohlblatt und trug sie behutsam in der Hand. Natürlich, Jungens, wie ihr euch denken könnt, tat es ihm auch etwas leid um sie, daß sie lebendig aufgefressen werden sollten. Aber der kleine Michel wußte, daß alles Lebendige einmal sterben muß auf Erden; und seine halbverdursteten Schafe und die vielen unzufriedenen Menschen taten ihm doch noch etwas mehr leid als so ein häßlicher Engerling und eine schleimige Gartenschnecke. Und er wollte doch auch den Vögeln was zukommen lassen.

So kam er oben auf dem Berge an und brauchte garnicht erst über den Zaun zu klettern, weil er die Pforte offen fand; denn die hatte neulich der Geisterbeschwörer mit seinen Geheimschlüsseln glücklich aufgekrigt, und der alte Wodtke hatte vergessen, sie nach der Bespritzung wieder zu verriegeln.

Michel Krist sah die beiden Vogel fliegen, und als er an den Balken kam, wickelte er das Kohlblatt auf, nahm den Engerling in die rechte Hand, die Schnecke in die linke, und ging mit ausgebreiteten Armen ruhig der Tür des Türmchens zu. Als die Vögel in seinen flachen Händen die fetten Gewürme kribbeln sahen, vergaßen sie ihren Zickzackflug, womit sie den Leuten immer die Köpfe verwirrt hatten, dachten auch nicht an Kreischen und Krächzen, sondern freuten sich über die Leckerbissen, und die Krähe flog rechts, die Möwe links neben dem kleinen Michel entlang, bis er auf einmal drüben stillstand und ihnen die kribbligen Dinger reichte. Dann trat er in das Wärterhäuschen.

Der alte Wodtke war grade dabei, seine Leitungshähne und Klinken zu putzen, und wunderte sich natürlich nicht wenig, als plötzlich der barfuße Junge vor ihm stand, begleitet von seinen zahmen Vögeln. Und ehe er noch den Putzlappen weglegen konnte, gab Michel Krist ihm schon die Hand und sagte dazu mit lachenden Augen: Guten Morgen, lieber Vater Wodtke!

Vater Wodtke brummte guten Morgen, legte den Lappen an seinen Platz, sah sich mit seinem einen Auge den kleinen Michel durch und durch an, griff dann in seinen weißen Bart und fragte etwas weniger brummig: Was willst du denn hier oben bei mir?

Unser Michel hatte den funkelnden Blick mit ruhigem Herzen ausgehalten und gab ganz einfach und wahr zur Antwort: Ich wollte blos fragen, warum du böse bist, und warum du von den Menschen nichts wissen willst, und ob du nicht wieder gut sein möchtest?! Ich will dir auch helfen die Hähne putzen.

Der alte Wodtke lachte grimmig, und sein Blick wurde dunkler, während er sprach: Sie wollens nicht besser haben, die Menschen! Wenns ihnen zu gut geht, werden sie übermütig! genau so wie deine Schafe im Frühling.

Eine Weile wußte Michel Krist auf diese Worte nichts zu erwidern und ließ den Kopf ein bißchen hängen. Dann aber hob er wieder die Stirn und blickte mit seinen zwei hellen Augen den Vater Wodtke groß an und sagte: Ja aber, ich lasse doch meine Schafe, wenn sie verbiestert sind, ruhig blöken, und treibe sie nicht weg von mir, und laufe auch nicht weg von ihnen! Laß doch die Menschen zu dir kommen, und wehre ihnen nicht zu reden; du kannst ja nachher doch tun, was du willst! — Und dabei mußte er leise lachen.

Und als Vater Wodtke nun mitlachen mußte, nahm Michel Krist ihn wieder beim Arm und fuhr mit rechter Bitte fort: Und wenn du’s ihnen nicht selber gestehen willst, dann laß mich hinuntergehen zu ihnen und ihnen sagen, du bist wieder gut! Ich werds schon alles so ausrichten, daß sie sich gerne mit dir vertragen — genau so wie meine Schafe mit mir.

Da mußte der alte Vater Wodtke so furchtbar laut und herzlich lachen, daß seine beiden zahmen Vogel verschüchtert zum kleinen Michel hüpften. Und während er sich heimlich ein Tränchen aus seinem einen Auge wischte, schrie er und schlug mit der andern Faust an seine größte Leitungsröhre: Junge, du sollst mein Nachfolger werden! —

Und Michel Krist ging hinunter ins Land und richtete alles richtig aus. Und Sonntags kam er immer herauf und durfte die Hähne putzen helfen, bis er sich bald auf die Wasserleitung so gut verstand wie sein Lehrvater selber. Und als der schließlich sterben mußte, zog er wirklich statt seiner hinauf in das Wärterhäuschen, und die Leute sind heut noch zufrieden mit ihm. Den alten einäugigen Wodtke aber, trotzdem sie sich mit ihm versöhnt und ihn in Ehren begraben haben, halten sie doch noch für einen Hexenmeister; und manche behaupten, er lebe noch heimlich.

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Druck der
Spamerschen Buchdruckerei
in Leipzig

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