Die Gottesnacht

Ein Erlebnis in Träumen

Erster Traum

Ich spürte, ich würde gleich einschlafen. Und ich wünschte es sehr nach den tristen Gedanken, die wegen der abends empfangenen Todesnachricht seit Stunden in mir rumorten. Ich sann noch über den Eigensinn nach, mit dem sich die junge Selbstmörderin die langsamste Todesart ausgesucht hatte; doch ich war schon erlöst von dem Sinn in den Worten, die durch mein müdes Gehirn schossen. Ich hörte beseligt den Drosselgesang, der aus dem Wort Erdrosselung klang, und wunderte mich über die Bilder, die sich aus jedem Satzglied entpuppten. Da stand sie auf einmal deutlich vor mir: die rätselhafte Gliederpuppe.

Wie war sie nur in mein Zimmer gekommen? Da stand sie zwischen Tür und Schrank mit ihrem wachsbleichen Gesicht wie eine Auferstandene. Die großen gläsernen goldbraunen Augen starrten mir so bekannt ins Herz, als hätten sie schon in früher Kindheit über meinen Spielen gewacht. Und ein Schmelz war darin, als ob sie lebten; als ob sie mich liebten; fast mütterlich. Aber natürlich, das schien nur so; ich mußte mich nur recht erinnern. Denn ja, meine Mutter hatte sie ja meinen Kindern zu Weihnachten geschenkt, diese lebensgroße Gliederpuppe; und das Lächeln um die schmalen Lippen blieb immerfort so unbeweglich, wie die Falten des steifen brokatenen Mantels um ihre sanftgeschwungenen Achseln. Ja, sie war tot; tot wie die schönen phantastischen Blumen dieses alten indischen Tempelmantels, der sie bis zu den Füßen hinab verhüllte. Zwischen solchen Blumen spielte ich einst und pflückte einen Strauß davon; für ihre bleichen gefalteten Finger. Damals hatte ich sie noch angebetet. Denn sie thronte auf einem vergoldetem mit Rubinen und Perlen geschmückten Altar und war die Göttin der Barmherzigkeit; das war wohl viele hundert Jahre her. Warum sah sie mir nun so starr ins Herz, als ob ich sie getötet hätte? Sie hatte sich doch selbst entleibt! Ich träumte wohl?

Nein, sie hielt ja noch immer die Finger gefaltet und stand groß zwischen Tür und Schrank. Wenn ich nun mit ihr betete, ob sie sich dann vielleicht rühren würde? Denn sie war doch früher beweglich gewesen; wenn ich an ihre Gelenke rührte, dann klirrten noch die zersprungenen Drähte, bis in den hohlen Brustkorb hinein. Ich seufzte auf, da klirrten sie wieder; und ihre Arme zuckten ein wenig. Ob sie mich niemals mehr anrühren würde? mich immer blos so unverwandt ansehn? Ich spürte ein Stechen in meiner Brust, als ob aus den Drähten elektrische Funken herzuckten. Ich hörte wieder das leise Klirren; oder klang noch immer der Drosselgesang? Ich wollte beschwörend die Hände ausstrecken, aber das Stechen in meiner Brust drang mir bis in die Fingerspitzen. Ich wollte wegblicken — da blickt sie mir nach.

Ich träume ja nur! will ich mir einreden; aber sie blickt auf meine Hände. Auf den Rubinring an meiner Linken; der beginnt zu glühn wie ein Altarlämpchen. Auf den Trauring an meiner Rechten; der beginnt zu glänzen wie Tränenperlen. Und auf den Ring, den mein Vater mir schenkte, als ich noch keinem Weibe gehörte. Warum quälst du mich, Mutter? will ich stöhnen; aber ihr Blick verschließt mir den Mund. Ich will mich aufrichten; ich liege gebannt.

Ihre Augen beginnen zärtlich zu leuchten, und der Glanz der Ringe wird funkelnder. Ihre Augen funkeln begehrlich mit; der Glanz der Ringe erlischt auf einmal. Das sind nicht meiner Mutter Augen! meine Mutter blickt sanft, meine Mutter ist fromm! Das sind auch nicht mehr die goldklaren Augen, die ich einst angebetet habe, weil die Mutter meiner Kinder so blickt. Diese Augen sind schwarz, nein dunkelgrau, und kennen nicht Treue noch Gottesfurcht; es sind die Augen der Selbstmörderin. Warum hast du dich aber töten müssen? will ich sie fragen und höre entsetzt: du hast es doch gewollt, mein Geliebter! —

Ich will es leugnen und sehe ihr Lächeln. Vielleicht hat sie garnicht die Worte gesprochen. Oder vielleicht verstand ich den Sinn nicht; sie sprach von jeher so doppelsinnig. Doch sie läßt den Kopf so sonderbar hängen. Ach ja: ich wollte sie ja erdrosseln. Ich höre wieder den Drosselgesang; aus dem Wald meiner Heimat kommt er her. Gleich wird mein Vater zwischen den Bäumen erscheinen. Nein, es ist ferner Flötenklang. Nein, eine Geige jubelt bang. So hat mein toter Freund einst gespielt, als wir noch kindisch durchs Haidekraut liefen und hinter den Birken die Waldfee suchten. Ach, ein König der Geiger wollte er werden, und kommt jetzt gramvoll dahergeschritten im Gefolge der Königin. Am Waldrand macht der Jagdzug Halt; und wir beugen alle das Knie vor ihr.

Warum blickt sie uns so prüfend an mit ihren silbergrauen Augen? Das ist mein Freund nicht, das bin ich selbst — und die Königin Elisabeth winkt mir. Erhebe dich, Shakespear! flüstert sie; und ich fühle, wie wir uns aufrichten. Er trägt noch die schwarze Scholarentracht, worin er der Schule entlaufen ist, und einen verrückten alten Brokathut mit gelben Papageienflügeln. Denn ich weiß, wir müssen uns wahnsinnig stellen vor der treulosen Königin. Denn sie hat ihn begehrlich angeblickt, als ich gestern „Venus und Adonis“ beim Bankett der Jagdgäste deklamierte; er aber liebt ihre Kammerdame, die Augen wie eine Göttin hat, wie eine Waldfee, wie ein Reh. Das äugt in Todesangst durch die Büsche, und ich stehe und stiere es an wie ein Bluthund. O, wie gut wir uns wahnsinnig stellen können, wenn wir nichts als eine Göttin lieben und solchen verrückten Hut aufhaben! Und nun ahnt sie, wieso er Schauspieler wurde und den armen Hamlet gedichtet hat; und wir schwenken den Hut vor der treulosen Königin, und sie lächelt in Barmherzigkeit.

Sie lächelt immer barmherziger; es dringt uns stechend durch Brust und Gehirn. Ich will ihr den Hut vor die Füße werfen, und tue es, und stehe erstarrt: der Hut hat schwarze Drosselflügel und fliegt zurück auf meinen Kopf. Ihr Lächeln wird so grausam barmherzig, daß ich sie dafür umbringen möchte. Du hast es ja schon getan, mein Geliebter! raunt sie mir unbeweglich zu. Es ist nicht wahr! will ich aufstöhnen; doch sie läßt den Kopf so sonderbar hängen. Ist das die englische Königin noch, oder blos die indische Gliederpuppe? Wenn sie noch lange da bei der Tür steht, wird sie mich wirklich wahnsinnig machen. Warum quält sie den armen Hamlet so? sie ist doch seine leibliche Mutter! Sie hat doch Augen wie eine Gottheit und blickt mir stechend in mein Gehirn. Ob Gott überhaupt nur ein grausames Weib ist? in steter Verpuppung?! die Allmutter! — Aber sie hat ja zersprungene Drähte und läßt den Kopf so sonderbar hängen! — Ich glaube nicht mehr an Gottheiten! knirscht mein erstarrter Mund ihr entgegen. Und mit ungeheurem Triumphgefühl weiß meine Seele: ich träume nur! —

Wenn nur die Drähte nicht immerfort klirrten! das ist doch wirklich verwunderlich. Sie klirren lauter, und immer lauter; so laut wie die kleine alte Orgel in der Kirche meiner Vaterstadt. Ich lese die goldene Jahreszahl 1693 auf dem schwarzlackierten Täfelchen zwischen den elf Apostelbildern. Denn der treulose Judas fehlt natürlich; das habe ich schon als Kind begriffen. „Salvator Mundi“ steht unter dem zwölften Bild, auf klarem, himmelblauem Grund; und neben der eisenbeschlagenen Tür thront lächelnd die Mutter mit dem Kinde. Ich höre die Orgel ihr Lob anstimmen und weine vor Weihnachtsseligkeit. Die silbernen Fransen der Altardecke schwimmen in meinen perlenden Tränen. Ich spiele mit diesen schönen Perlen, und lächelnd sieht mir die Mutter zu. Ich bin wieder Kind auf ihrem Schooß, und wundre mich nun garnicht mehr. Ich bin blos im stillen ein bißchen erstaunt: der Apostel Thomas hat drei Hände. Zwei kleinere, die sind wohlgepflegt; aber aus seinem braunroten Mantel langt eine dritte, große, aussätzige. Die umklammert ein Buch und ist mir entsetzlich. Ich darf mich aber kein bißchen rühren, sonst würde sie nach mir herlangen. Ich starre das Buch an: ob Bücher krank werden können —

und atme plötzlich erleichtert auf: ich erkenne, es ist ja gar keine Hand: es ist nur eine Falte des Mantels, die über das Buch geschoben liegt. Ich möchte sie wegtun, ich darf aber nicht; sonst kommt der Küster und schlägt mir das Buch um die Ohren. Sie dröhnen mir schon; er schlägt immer dröhnender. Er schlägt mich wohl mit Glockenschlägen? Sie schallen mir donnernd ins Gehirn. Nein, Blitze schlagen wohl um mich ein; o Himmel, Hilfe, sie werden mich treffen! Ich will mich verstecken; o Mutter, wo bist du?! Ein blendender Strahl schließt mir die Augen; ich bin getroffen; der Strahl zerreißt mich. Ein unabsehbarer Farbenstrudel spritzt himmelansprühend aus meinem Kopf. Ich schreie vor Wonne: mein herrlich Gehirn! Und eine Stimme erwidert von oben: es ist bis über die Sterne gespritzt. Ich will ihm nach: o himmlisches Licht! Es scheint mir ins Auge; ich erwache.

Auf meinem Nachttisch brannte die Kerze noch, bei der ich, um meine Gedanken zu stillen, in Shakespears Sonetten geblättert hatte; und an der Wand zwischen Tür und Schrank blitzte der Rand des Spiegelglases über dem Bildnis meiner Mutter. Ich schlug das Buch zu und löschte die Kerze.

Ich möchte keiner Flamme bekennen,

was für Blicke in uns Menschen brennen.

Kein Spiegel wird uns je klar machen,

welche Augen in unserm Schlaf erwachen.

Zwischen dunkeln Wänden ahn’ich mit Beben,

wieviel Geister hinter jedem Geist leben.

Denen kann ich nichts vorscheinen;

denen wird mich das Licht einst einen,

wo wir Alle in Schweigen schweben,

Alle im Reinen ...

Zweiter Traum

Wir gingen die Wurzeltreppe des Hügels hinab, zehn zwölf Mann; oben lag die Försterei in tiefem Schnee. Die klare Kälte machte alle stumm; der Schnee verschluckte das Geräusch der Schritte. Die Teckel hielten sich, vor Frost humpelnd, sorgsam hinter uns im festgetretenen Wege. In dem rauhen Reif der Birkenreiser fingerte die Morgensonne; die starren Nadelbärte der Kiefernschonung sträubten sich aus ihren weißen Pelzen. Es sollte ein Dachs gegraben werden. Ich weiß nicht, wieso dabei schon wieder: mir kam der liebe Gott in Sinn.

Die Hunde gaben plötzlich Laut; Rädergeklapper kam. Um die Ecke aus einem Schleifweg bog die alte Semmelfrau vom Dorf drüben her, auf ihrem Köterkarren hockend; ein schußscheuer Jagdhund zog ihn, der einem Nachbarförster aus der Art geschlagen war. Unsre Teckel, keifend, auf ihn los. Der Hochbeinige weiß nicht, was er dazu sagen soll; den Schwanz eingeklemmt, setzt er sich in Trab. Die Kleinen blaffen lustiger. Er begreift; und hussa, alle Schwänze hoch, stiebt die wilde Jagd, schneeumspritzt, bellend und belfernd den Weg hinunter, die falsche Richtung für die gute alte Frau, die schimpfend und jammernd auf dem stuckernden Wagen sitzt, mit beiden Armen ihre Semmelkiepe umklammernd. Wir, lachend, hinterdrein mit langen Sätzen; am Bahndamm unten holen wir sie endlich ein. Die Teckel drücken sich beschämt zu ihren Herren; wir lohnen die Alte ab. Und ich denke wieder an den lieben Gott.

Schwitzend schreiten wir weiter. Der Schnee fängt an zu blenden und den Augen weh zu tun; die Bahnschienen flimmern. Von der andern Seite her taucht funkelnd ein Flintenlauf über den Damm, eine wohlbekannte Mütze aus Otterfell. „Der Nachbarförster“, sagt jemand scheu; Einer wird bleich wie der Schnee. Jetzt steht der Alte oben, straff, im grünen Galastaat, die nackte rote Faust auf der Krone des Hirschfängers. Sein grauer Kinnbart perlt von Eis, die große Hakennase wirft einen Schatten über die Backenfurchen bis zum Ohr; suchend brennen seine stahlblauen Augen. „Komm her!“ ruft er heiser. Der Bleichgewordene gehorcht. Nun stehn sie mitten auf dem Damm, im stechenden Licht. „Zieh den Handschuh ab!“ hör ich mit Grauen, fühlend, wie sich der Alte beherrscht. „Wo hast du den Ring?“ fragt er drohend. Keine Antwort. Der Alte zittert. Seine Finger spannen sich um den Hirschfängergriff. Ein Ruck: die Schneide blitzt. Bis zur Hälfte; hohnlachend stößt er sie zurück. Mit unsäglicher Verachtung speit er in den Schnee, zum Gehn gewendet. „Vater!“ schreie ich auf, in die Kniee stürzend. Er geht.

Ein Krampf schüttelt mich. Meine starren Augäpfel sehen mich zucken; in weiter Ferne. Sausend peitschen schwere spitze Büschel, Kiefernzacken, gegen meine Stirne. Sie verwandeln sich. Stecheichenzweige rauschen um mich her; ich sehe, wie die roten Beeren lange Kurven durch mein graues Atemnetz reißen. Aber eine weiche Hand legt mir immer wieder, schmeichelnd, ihre Finger durch die Haare. Die gepreßten Zähne lösen sich; ich glaube, ich werde ein Anderer. Der liegt zu ihren Füßen, den Kopf in ihren Schooß gedrückt. „Lebst du denn noch?“ fragt er verwundert. Sie läßt sich in den Lehnstuhl gleiten; das ferne Rot des Frühlingsabends vergoldet ihre hellbraunen Flechten. Neben ihr, auf meinem Schreibtisch, steht ein zartes venezianisches Kelchglas, purpurzart, ein Lilienkelch, golddurchrieselt, und ein meergrün schillerndes Schlänglein ringelt sich darum empor. Ein Stecheichenblatt starrt aus dem Kelch, und eine wachsbleiche Hyazinthe. Die hat sie mir eben gebracht; die üppige Blüte berauscht mich.

„Gieb mir den Ring!“ schmeichelt sie. „Ich kann nicht“, fleht er mühsam; und ich höre ihn mit beklommener Stimme die Geschichte des Ringes erzählen. Den hat der Urgroßvater seines Vaters, der Husarenwachtmeister, nach der Schlacht bei Torgau, für seine Tapferkeit und lange Treue, aus des alten Ziethens eigner Hand empfangen; vielleicht sogar vom großen Friedrich selbst. Er betrachtet das eingepreßte Eisenbild des Königs in dem dünnen goldenen Reifen: „und immer der Älteste erbt ihn.“ Ich höre seine Worte wie im Traum; es ist, als ob ich sie in einem Buche lese. „Gieb mir den Ring!“ schmeichelt sie. Er kämpft mit sich. „Hast du Gewissensbisse?“ flüstert sie; „Du —?“

Was! Will sie mich verspotten? Ich presse drohend meine Zähne an die Knöchel ihrer Hand. Sie nimmt sie lächelnd vom Knie, hält mir die Hyazinthe an die Lippen. Ich schlürfe den Geruch und erinnere mich; „du hast ihn ja schon“, entgegne ich und blicke auf ihre Finger nieder. „Den andern noch“, schmeichelt sie; „den Ring der Andren!“ Ihre grauen Augen werden immer bestrickender.

Ich fühle ein heftiges Zittern; am liebsten möcht ich sie wieder erwürgen. Dann könnte ich wieder der Andren treu sein, die meine Kinder geboren hat. Meine Blicke heften sich herzverwirrt auf den Rubin an meiner Linken; er perlt wie Blut aus einer frischen Wunde. „Gewissen ist der Spuk des toten Gottes“, spricht sie auf einmal meine Gedanken aus, mir ins Ohr. Ich weiß nicht, ob sie es höhnisch meint. Ich wills ihr erklären; sie erhebt sich. „Du bist zu gut,“ haucht sie gespenstisch — „nur gute Menschen haben ein schlechtes Gewissen; — ich hatte nie eins“ — und streift mir den Ring ab. Ich will es ihr wehren; sie entschwebt. Ich will ihr nachstürzen, vergebens; meine Kniee winden sich gebannt am Boden. Ich suche das Wort, das mich frei macht.

Ich stammle Verse, lange flehende Zeilen; sie verliert sich immer ferner in die Nacht. Ich sehe sie geisterbleich verschwinden; nur der Rubin glüht noch wie Blut im Mondlicht. Nein, wie ein Wundmal; der tote Freund! mit seiner Geige schwebt er herbei. Zu meinen Versen beginnt er zu spielen: ferne flehende Töne: von einer Seele, die ihm untreu ward. Die runde Wunde seiner Stirne tut sich auf; Blutstropfen perlen aus der kleinen Öffnung, bei jedem Bogenstrich, die bleiche Schläfe nieder, in den Schnee. Immer näher schwebt die rote Spur; die geschlossenen Augenlider zucken, bleicher als sein Sterbehemd, und ich suche das Wort, das Wort — in unsrer Kindheit wußten wir’s.

Er schlägt die Augen auf, der Geigenbogen stockt, ein Schrecken schlägt mich: das sind nicht seine Augen! das ist die „Andre“! — Meine Blicke erlahmen, mein Mund versagt; meine Finger krümmen sich, ihr Gewand zu betasten — hilf mir! das Wort! — Sie weist auf meinen starren Körper: lange Ketten Verse, wie Spruchbänder, umschnüren meine gezerrte Kehle. Ich lese und lese, mir graut:

Schwere Ringe ... wirb ... ich werbe ...

leere Schlinge ... deine Meinung —

dunkle Kammer ... uralt Erbe ...

Irrtum ... Jammer ... wird Erscheinung —

Wer sprengt die Ketten?! Die Tür springt auf. Lichtschein wie Nadelstiche prallt mir entgegen. Auf der Schwelle steht meine Mutter; mit unsäglichem Kummer blickt sie mich an. Meine Arme mühn sich nach ihr; vergebens. „Sünde an der Mutter deiner Kinder?!“ ringt es sich von ihren Lippen. Mutter! will ich sie anflehn; sie wehrt mir. „Das ist Sünde an Gott!“ flüstert sie weiter. Gott! ringt sich’s von meinen Lippen, laut, das Wort... ich bin wach.

Durch die dunkle Stube lag ein schmaler Streifen Mondlicht grell bis auf mein Bett; er zuckte. Ich sah zum Fenster; da war kein Spalt. Ich wandte den Blick ab; der Streifen glitt mit. Ich weiß nicht, was für ein Licht so zuckte.

Wenn dich zwischen Schlaf und Schlaf

um Mitternacht

dein rasend klopfendes Herz

aus deinen Träumen jagt

— furchtsam stockt dein Atem —

und sich durch dein finstres Zimmer

weiße Schatten vor dir flüchten:

kennst du dieses Grauen? —

Wenn dann aus dem toten Raum

mit starren Augen

ein geliebtes Gesicht

lautlos dir entgegenscheint

und leben möchte:

kennst du dieses Grauen? —

Mit eignen Händen

willst du nach dir greifen

und dich erwürgen

für eine Schuld ...

Dritter Traum

Ich habe sie doch vielleicht umgebracht. Warum sollte es auch unmöglich sein? Ich habe doch einst sogar ein Kind umgebracht, ein kleines, hübsches, unschuldiges Kind. Und damals glaubte ich doch sogar noch an Gott, an die Hölle und ans Jüngste Gericht. Damals war ich ein schwedischer Kürassier, bei den sakrischen deutschen Protestanten, und wir brandschatzten ein katholisches Pfarrdorf. Ah, ich fühle wieder die himmlische Mordlust, wie sich die Bauernweiber wehrten, die wir ins Spinnhaus eingesperrt hatten. Und da spießte ich einfach der Ungeberdigsten das schreiende Kind aus den Armen weg und schmiß es im Bogen in den Dorfteich. Ich sehe noch deutlich die kleine Hand, die aus dem sumpfigen Wasser herausstak, als wir nachher von den Weibern kamen; ganz mit geronnenem Blut bedeckt, so stak sie zwischen den Binsen heraus, wie eine dicke rote Tulpe. Ich habe aber kein Grauen davor; es weiß ja keiner mehr, daß ich es tat. Ich darf mich nur nicht selber verraten, wenn sie mich doch vielleicht vor Gericht stellen.

Wenn ich mich blos erinnern könnte, welche von Beiden ich umgebracht habe. Doch nicht die Mutter meiner Kinder? Die hat mir ja immer alles verziehen. Aber die Andre hat sich ja selbst umgebracht; deren Hand kann doch nicht gegen mich zeugen. Jedenfalls muß ich zu der Beerdigung gehen; sonst könnten die Leute Verdacht auf mich werfen. Und ich muß ihr einen Strauß auf den Sarg legen, einen großen schweren Tulpenstrauß, damit sie die Hand nicht herausstecken kann. Aber weiße Tulpen müssen es sein; die roten riechen auf einmal so stark, es ist der reine Leichengeruch. Warum sieht mich der Blumenhändler so an? mit richtigen Totengräberaugen! — Ich will auch weiße Tulpen nicht! die sehen noch leichenhafter aus! — Er lacht; ich verlasse eilig den Laden.

Auf der Straße ist so bleiches Licht, wie ich noch niemals erlebt habe. Ich kann mich kaum schleppen in diesem Licht, so weltschwer hängt es um meinen Kopf. Es geht auch kein Mensch auf der bleichen Straße, und die Häuser sind wie aus Schatten gebaut. Wenn ich nicht wüßte, wo ich bin, könnte ich an ein Geisterland glauben. Aber es macht mich schwach, dieses Licht; es ist, als ob es mich auspressen möchte. Und ich will und will mich nicht schwach machen lassen; keine Seele der Welt darf in meine Seele. Dann muß ich mich aber bei Kräften halten, mein Körper ist schon wie ausgehöhlt. Ach ja, ich werde wohl Hunger haben; ich habe ja heute noch nichts gegessen.

Ich mache ein harmloses Gesicht und trete in einen Schlachterladen. Die Schlachtersfrau blickt mich fragend an — ganz still und fragend — was blickt sie nur! — „Geben Sie mir dies kleine Stück Fleischwurst!“ sage ich langsam mit ruhiger Stimme, als ob ich gar keinen Hunger hätte. Sie blickt mich wieder wortlos an und legt das Stück Wurst auf ein weißes Papier, reicht es mir über den Ladentisch. Ich will es nehmen und kann mich nicht rühren: ich erkenne auf einmal, es ist keine Wurst: es ist eine kleine Kinderhand, ganz mit geronnenem Blut überzogen. Ich starre der Frau verstört in die Augen: es sind die Augen des Bauernweibes, dem ich vor Zeiten Gewalt antat. Ich fasse mich endlich und tappe hinaus; hinter mir her tönt ein dumpfes Lachen.

Ich tappe mich wie durch Nebel weiter und komme an eine Frühstückshalle. Da sitzen wohl hundert essende Menschen hinter der großen Fensterscheibe; da wird mich wohl keiner beobachten. Ich setze mich ganz in den Schatten hinten und bestelle irgend ein rasches Gericht. Es ist so laut in dem halbdunkeln Raum, daß ich kaum meine eignen Worte verstehe. Das Schenkmädchen bringt mir frischen Hummer und wünscht mir freundlich guten Appetit. Es freut mich auch wirklich, wie gut er riecht; aber was steht sie und wartet noch! Ich darf mir aber nichts anmerken lassen; vielleicht will sie blos ihr Geld bald haben. Ich bezahle; sie bleibt noch immer stehen. Es wird mir schwer, sie nicht anzuschreien; aber ich nicke ihr ruhig zu und greife rasch nach dem Hummerteller. Ich will mir sacht eine Schere abbrechen; aber was ist das, was ist das nur?! Ich fühle mich bis in die Lippen erbleichen: es ist eine kleine rote Hand, und ein Leichengeruch schlägt mir entgegen. Und alle Menschen blicken mich an, wohl hundert menschliche Augenpaare blicken mich unabwendbar an. Und alle sitzen so still wie Geister; kein Laut ist mehr in dem halbdunkeln Raum. Ich taste mich mühsam zur Tür und ins Freie; ein brausendes Lachen schallt mir nach.

Wo kann ich nur etwas zu essen bekommen! Wenn ich noch lange so schweigsam herumgehe, werde ich ohnmächtig vor Hunger. Es ist nicht, weil mein Geheimnis mich würgt; nur, es stachelt mich immer stärker, mir die herrlichsten Speisen auszumalen. Halt, ich werde mal wieder den Maler besuchen, der immer so köstliche Späße macht; der wird mich auf andre Gedanken bringen. Ich sehe, er malt an einem Fruchtstück; eine große goldgelbe Ananas steht auf der malachitgrünen Schüssel, ein paar rote Tomaten liegen daneben. „Darf ich mir eine Tomate nehmen?“ frage ich ihn ganz unbefangen; „Tomaten sind mein Leibgericht.“ Er malt schweigend weiter; was schweigt er nur? — „Machen Sie doch nicht solche Späße!“ stammle ich plötzlich und sehe entsetzt: er malt eine rote Kinderhand. „Lachen Sie nicht!“ beherrsche ich mich; „Tomaten sind wirklich mein Leibgericht!“ — Er lacht aber garnicht, er lächelt nur — er blickt mir nur sonderbar in die Augen und sagt mit teilnahmvoller Stimme: „Sie haben sich wohl in der Tür geirrt, die Tür zum Gerichtssaal ist nebenan.“

Ich bin einen Augenblick wie im Traum; ich fühle nur wieder wie durch Nebel, daß der Maler sanft den Arm um mich legt und meine tappenden Schritte leitet und die Tür des Saales hinter mir schließt. Ich möchte aufwachen aus diesem Traum; ich glaube mich doch genau zu erinnern, daß ich in Wirklichkeit Niemand umgebracht habe, weder die Eine noch die Andre; aber ist das auch wirklich die Wirklichkeit? Ich bin ja schon öfters im Traum erwacht, und dann wars trotzdem nur wieder geträumt. Ich will mich lieber zusammennehmen, daß ich nichts von meinem Geheimnis verrate; mit keinem Wörtchen, mit keiner Miene. Ich sehe mir meine Richter an.

Ob ich vor einem Vehmgericht stehe? Regungslos sitzen sie mir gegenüber, elf schwarzvermummte stille Gestalten, mit Augenlöchern in den Kapuzen. Es funkeln aber nicht Augen darin; es schauen mich aus den schwarzen Masken nur lauter noch schwärzere Löcher an. Ob es vielleicht lauter Schatten sind, die in den hohlen Gewändern sitzen? Ob es vielleicht doch Geister gibt? Denn in der Mitte sitzt Einer ohne Maske, mit geschlossenen Augen wie ein Toter, mit silberweißem Haupthaar und Bart, und mit ewig gebieterischer Stirn; vor dieser Stirn hat mir oftmals gebangt. Ich weiß nicht, ists meines Vaters Stirn? Ich weiß nicht, ists eines Gottes Stirn? Wenn lauter Geister da vor mir sind, muß dann nicht auch ein Obergeist sein?! Könnte ich nur seine Augen sehn! Vielleicht sind es doch meines Vaters Augen; meines Vaters herrliche stahlblaue Augen, die mich oftmals so hart und zornig anstrahlten, und doch so glutweich im hellsten Zorn, und dann so spöttisch verzeihungswarm. Aber er sitzt da so starr und kalt jetzt, als werde er die geschlossenen Augen nie wieder zu seinem Sohn hin öffnen; es sei denn, ich öffne ihm mein Gewissen. Sie sitzen alle so starr und kalt, als wollten sie ewig darauf warten. Ich fühle, ich muß wohl endlich sprechen.

Meine Herren Richter! beginne ich unverzagt: ich habe wirklich ein reines Gewissen. Denn gesetzt auch, ich hätte sie umgebracht, so hatten doch beide sich selbst umgebracht. Denn die Eine, die wirklich sich selbst umgebracht hat, die hat sich auch selbst dazu gebracht. Denn da sie kein Gewissen gehabt hat, so hat sie mir mein Gewissen genommen und hat es dann nicht ertragen können. Denn die Andre, der mein Gewissen gehörte, und die mir drum immer alles verzieh — denn sonst hätte ich mir’s nicht wegnehmen lassen —: die hat das nicht länger verzeihen können. Denn da ich kein Gewissen mehr hatte, und wenn sie deswegen — was ich nicht weiß — vor Gram zu Grunde gegangen ist, so ist auch sie im Grunde von selbst und an sich selbst zu Grunde gegangen. Denn wenn ich es auch gewollt haben sollte, so hat es, meine Herren Richter, doch im Grunde ein Anderer gewollt. Denn wenn ich jetzt hier vor Ihnen stehe — und wenn, wie ich sehe, mein Vater jetzt Gott ist — so bin ich im Grunde der Sohn meines Vaters, und mein Wille ist Gottes Wille gewesen. Wenn also ich, meine Herren Richter — nein, nicht ich, wenn ich Gottes Sohn bin —: wenn also Gott, meine Herren Richter, Eine von Beiden umgebracht hat — nein, die Andre — nein, Beide — nein, alle Andern — —

Ich stocke plötzlich und kann nur noch stottern; ich merke, ich habe mich verwirrt. Ich suche im Blick meiner Richter zu lesen und sehe nur lauter schwarze Löcher. Ich blicke hilflos den Einen an, der herrlich in ihrer Mitte sitzt, und erbange vor seiner klaren Stirn; mich befällt auf einmal dumpf ein Erinnern, als ob ich seit unvordenklichen Zeiten unzählige Seelen umgebracht habe. Und da endlich tut Gott mir die Augen auf: meines Vaters strahlende blaue Augen tut er aus ewiger Ruhe auf und fragt meine Seele: „bekennst du dich schuldig?“ — Ich höre mein Herz in seiner Stimme und sehe mein Leben in seinen Augen. Ich weiß, ich brauche nur Nein zu sagen, dann bin ich auf ewig freigesprochen. Ich fühle das Nein schon auf den Lippen; ich brauche nur den Mund aufzutun, dann bin ich von all der Mühsal erlöst. Und ich tue ihn auf und — sage „ja“.

Ein Schrecken befällt mich wie ein Schlag. Ich fühle betäubt mein Bewußtsein schwinden; mir ist, ich stürze endlos hinab, durch dunkle, bodenlose Räume. Oder stürze ich endlos empor? Ich höre von oben her singende Stimmen; sind’s Menschenstimmen? sind’s Geisterstimmen? Sie singen mich wieder zur Besinnung — von fern her singen zwei Frauenstimmen —: Von wannen, von wannen? — von wannen dein Träumen! — befreie dich, Seele — von Zeiten, von Räumen! — sie verklingen. Ich schlage mühsam die Augen auf; ich sehe mich durch ein Bogentor schreiten.

Es ist noch immer so weltschweres Licht, wie ich noch niemals erlebt habe; ein totengelbes Abendlicht. Nur vor mir her, da schreitet ein Mann in richterlichem schwarzem Talar, auf dessen Schritte ich horchen muß, dann wird das schwere Licht mir leichter. Sie tönen mir seltsam vertraut, diese Schritte; ich muß sie schon öfters vernommen haben und ihnen so Schritt für Schritt gefolgt sein, wie ich jetzt ihnen Schritt zu halten suche unter der dröhnenden Bogenhalle. Ist es mein Vater? mein Herz sagt nein. Und da höre ich hinter mir noch solche Schritte; nur ungewissere, haltlosere. Ich wende mich und stehe erstaunt; und auch der Mann vor mir wendet sich. Ich sehe, hinter mir geht der Jüngling, der ich vor Jahren gewesen bin; ich sehe, vor mir steht der Mann, der ich in Zukunft sein werde. Er winkt mir kurz, und es weht sein Talar, und wir schreiten im Gleichschritt zum Tor hinaus. Und es weht sein Talar, und mit lautlosem Schritt schreitet der Mann aus sich selbst heraus und entschwindet meinem gebannten Blick. Denn mein Blick hängt an einem väterlichen, ewig gebieterischen Greis, der an Stelle Jenes verblieben ist, und der mir weiterzufolgen winkt. So kommen wir an ein Hafenwasser.

Wohl unabsehbar dehnt sich das Wasser unter dem totengelben Himmel. Viele große Schiffe lagern darauf, mit hohen reichbewimpelten Masten; aber das Gelbe lastet so nachtschwer, daß keine Farben mehr dämmern können. Alles, die Schiffe, die Wimpel, das Wasser, scheint alles so schwarz aus Schatten geschaffen wie der Talar meines greisen Führers; nur sein weißes Haar schimmert silbern im Zwielicht. Was sind das für Schiffe? frage ich zweifelnd. „Wirkliche Schiffe“ — entgegnet er tonlos und weist auf ein Dock am westlichen Himmel. Kein Laut von Arbeit kommt aus den Werften her; der ganze Hafen scheint ausgestorben. Die schwarzen Stützpfosten um die Hellingen ragen starr am Horizont entlang wie ein auferstandener kahler Hain von ursintflutlichen Riesenstauden. Nur aus dem westlichen Saum des Haines taucht klumpenhaft etwas Graues hoch und regt sich in der schweren Stille; es regt sich wie das felsengraue, urschwere Haupt eines Elefanten. Ists eines spukhaften Götzen Haupt? ists eines Gottes heiliger Scheitel? Mein Führer aber winkt mir zu schauen.

Und was wie ein Haupt war, beginnt zu erglänzen, und entsteigt dem schwarz aufstarrenden Hain, und ist ein großer glanzvoller Mond. Er glänzt nicht so fahl wie ein nächtlicher Mond, er glänzt nicht so grell wie die tägliche Sonne; er glänzt wie ein Tautropfen in der Frühe, und alle Farben klären sich auf. Und nun wendet mein Führer sein greises Antlitz blauäugig nach dem östlichen Himmel, und mit langsam gebieterischer Hand entwinkt er der verklärten Nacht einen zweiten solchen glanzvollen Mond. „Wisse, du sollst an Geistermacht glauben“ — haucht er mir in mein schauerndes Herz und entschwebt dem einen der Monde zu. Bin ich erblindet von seinem Anhauch? ich sehe auf einmal nur lauter Licht. Ich fühle nur blindlings ein leuchtendes Schweben ins grenzenlose Blaue hinein. Ich ahne dunkel, ich selbst bin der Greis; er ist wohl dem andern Mond zugeschwebt? Ich schwebe mit ausgebreiteten Armen und raumentrückten Augen gleich ihm.

Das Leuchten wird immer feuriger; ich atme entzückt die zarte Glut. Ich höre von oben her singende Stimmen, zweistimmig aus unsichtbarer Ferne. Sind’s wieder die Seelen der Geistinnen beide? erwarten sie mich auf den strahlenden Monden? Sie singen mich weiter und weiter hinauf: Ins Weite, Seele — von wannen dein Träumen! — erwache ins Freie — von Zeiten, von Räumen! — sie nahen mir. Sie nahen wie schüchterne Lüfte so lind; sie küssen mir meine entbreiteten Hände. In meinen Handflächen ruhn ihre Lippen, mein Herzblut strömt ihren Küssen zu. Sie küssen immer herzinniger, und andere Geistinnen singen von oben. Wollen Sie mir mein Leben ausküssen? „befreie dich, Seele“, singen sie. Leben sie nur, wenn Ich sie belebe? „erwache, Seele“, verklingen sie. Ich raffe all meine Herzkraft zusammen; ein leeres Grausen stöhnt aus mir auf. Ich will mich den tötlichen Küssen entwinden; wie ein Gekreuzigter schwebe ich machtlos. Ich krümme mit letzter Gewalt meine Finger, und während ein herzzerreißender Klageschrei mir die glanzgebadeten Augen aufreißt, höre ich, daß es mein eigener Schrei ist, von dem ich unter Tränen erwacht bin.

Ich lag wirklich wie ein Gekreuzigter da, mit ausgebreiteten Armen im Dunkeln, die Handflächen über den Bettrand gestreckt, rechts und links in die schwarze Luft. Ich schob meine halb erstarrten Glieder langsam in eine andere Lage und machte die Augen wieder zu; die ruhige Finsternis tat mir wohl nach der tollen Seelenfeuersbrunst. Ich nahm mir vor: wenn ich wieder so träumte, sofort an meinen Körper zu denken.

Befreie dich, Seele,

von Zeiten, von Räumen,

erwache ins Weite,

von wannen dein Träumen;

von wannen, von wannen? —

Von Räumen, von Zeiten,

die ewig bleiben,

erwache, Seele,

du kannst sie vertreiben,

von dannen, von dannen,

ins Weite all dein Träumen bannen! —

Vierter Traum

Aber ich muß doch zu ihrer Beerdigung gehen. Oder wenigstens ihre Gräber besuchen. Denn beerdigt sind sie wohl nun schon lange; ich war ja bei ihrer Feuerbestattung. Könnte ich nur die richtige Grabkammer finden! ich muß mich hier unten verlaufen haben. Wo mag das Urnengewölbe denn sein! hier sind ja nur lauter Schädelkammern. Und die Gänge dazwischen so schlecht beleuchtet, daß man jeden Sinn für Richtung verliert. Wenn ich zurück auf den oberen Friedhof komme, werde ich den Verwaltungsrat anregen, bessere Wegweiser einzurichten. Aber wie komme ich endlich hinauf! Ich erinnere mich, gelesen zu haben, es sollen schon Leute umgekommen sein in diesen verwirrenden Katakomben.

Woher nur das Licht in den Schädelkammern kommt? Es ist nicht elektrisch angelegt; es wird wohl eine Art Oberlicht sein. Darum flimmern wohl auch die Gänge dazwischen so unterirdisch dumpf und trüb. Ich werde jetzt nicht mehr nach rechts noch links blicken, sondern immer den Gang gradaus verfolgen, nach der sonderbar hellen Öffnung da vorn. Sie steht wie ein weißes Rechteck im Düstern; da muß eine Tür ins Freie sein. Sie scheint auch allmählich noch heller zu werden; beinahe blendet sie mich schon. Das Weiße kann aber kein Luftweiß sein; es steht wie aus Stein so unbewegt. Es grenzt sich so grell ab, ich muß meine Augen schließen. Ich gehe aber doch grad drauflos; ich spüre, wie ich hindurchschreite. Es atmet sich auf einmal viel leichter; es muß also doch eine Luftöffnung sein. Ich schlage die Augen auf und sehe: hoch über mir blaut der freie Himmel.

Ich seh es und seh es: hoch über mir — und über vier hohen weißblanken Mauern, die senkrecht um mich emporsteigen. Soll ich denn wirklich nie wieder herausfinden aus diesem sinnlosen Labyrinth? Ich will aber nicht die Fassung verlieren. Ich weiß ja seit lange aus Erfahrung: ich muß nur an meinen Körper denken, dann kommt auch die Seele wieder zu Sinnen. Ich werde mir also den Raum erst betrachten, ob er nicht doch eine Auffahrt hat. Er hat vier glatte kristallblanke Wände, aus lauter quadratischen Feldern gebildet. In der Mitte jedes Feldes ein Goldstern, entzückend in den Kristall eingeschliffen; aber nirgends ein Halt, um hinaufzukommen. Es ist ein weiter leerer Saal; es scheint nichts als eine Art Luftschacht zu sein. Aber sieh, er hat ja noch eine Tür: grad gegenüber der andern Tür, durch die ich hereingekommen bin. Und da ist ja ein Handgriff an der Kante, in den eine Schnur aus den Gängen her mündet; das soll gewiß eine Richtschnur sein. Ich fasse die Schnur, um weiterzugehen, mit einem letzten Blick zurück.

Aber was ist das? bin ich denn wirklich von Sinnen? Auch an der andern Tür drüben ist solch ein Handgriff, in den eine solche Richtschnur mündet. Die muß ich vorhin in den halbdunkeln Gängen beim Suchen übersehen haben. Aber die Türen sind völlig gleichgeformt, und ich habe mich in dem leeren Saal fortwährend um mich selbst gedreht; durch welche Tür bin ich nun gekommen? — Ich betaste die Schnur und betaste mich selbst; es ist alles vollkommen körperlich. Ich kann also ruhig weitergehn; wenn ich vorsichtig suche, wird sich schon zeigen, ob es die richtige Richtung ist. Ich taste mich immer die Schnur entlang, von Zeit zu Zeit einen Handgriff streifend; ich komme wieder an lauter Schädelkammern. Hier sieht das Licht aber bleicher aus; und der Gang scheint allmählich tiefer zu sinken. Dies Licht kann nicht von oben her kommen; es scheint aus dem Erdinnern aufgefangen. Die Schädel gleißen alle so weißblank wie die Kristallquadrate des leeren Saales vorhin, und doch ist ringsherum tiefer Schatten. Und in all diesen Schädeln haben einst Welten gespukt — mit Goldsternen drin und blauen Himmeln — und vielleicht auch mit einem ewigen Gott; ich fühle eine irrsinnige Lust, in diesen Schädeln nach Gott zu suchen. Ich lasse aber die Schnur nicht los; ich will nicht wieder die Richtung verlieren.

Jetzt kommen auch Kammern mit Tierschädeln; sie schimmern ebenso erdinnerlich. Was regt sich da auf einmal im Schatten? Ist es denn möglich, mein alter Getreuer?! Komm her, mein Teckel, was suchst du denn! Was blickst du mich so innerlich an? Jawohl, ich habe dich umgebracht; aber was hast du auch immer geknurrt, wenn die tote Dame mich küssen wollte! Da hab ich dich doch vergiften müssen! — Er blickt mich nur immer seelenvoll an, mit demselben Blick noch, den er mir zuwarf, als er im Todeskampf vor mir lag; ganz ohne Vorwurf, ganz treu ergeben. Aber was will er denn noch, er lebt doch noch! Er will mich wohl in die Kammern locken? Ich nehme die Richtschnur fester zur Hand und erinnere mich an meinen Körper; ich werde einfach weiterschreiten, der Hund ist gewiß nichts als ein Spuk.

Nein, er folgt mir; ich höre ihn hinter mir. Ich bleibe stehen; da steht er auch still. Ich drehe mich um; da legt er sich. Ich locke ihn nochmals; er rührt sich nicht. Er blickt mich nur immer inständig an mit seinen unendlich treuen Augen; und, kaum beginne ich wieder zu schreiten, folgt er mir wieder Schritt für Schritt. Ich höre seine leisen Zehen; ich spüre, wie sein Blick an mir hängt. Ganz ohne Rachsucht, ganz voller Liebe; als ob der liebe Gott mir folgt. Wie dieser Gottblick mich hinterrücks martert! Wenn er noch lange so anhänglich bleibt, bringe ich ihn zum zweiten Mal um! Aber ich darf doch die Richtschnur nicht loslassen; ich komme sonst schließlich selbst noch um, in diesem wahnwitzigen Labyrinth. Halt: schimmert da vorn nicht wieder ein Lichtloch? das ist wohl endlich die Urnenhalle. Jawohl, das Viereck wird immer heller; und die Schnur scheint grad draufhin zu leiten. Wenn ich nur rascher vorwärts käme; wie Grabeslast ist der Blick hinter mir! Ich zwinge meine Füße zu rennen. Ich keuche der leuchtenden Halle entgegen. Ich achte nicht den Schmerz meiner Augen. Ich taumle fast in dem blendenden Viereck; hindurch! und pralle entsetzt zurück: ich stehe abermals in dem Kristallsaal, den offenen Himmel über mir —: ich bin im Kreise herumgeirrt.

Und was stöhnt da, was rührt sich neben mir? Durch die Tür kommt der Teckel mir nachgeschlichen! Ich sehe jetzt deutlich, es ist nur ein Schatten; ein Schatten mit gottergebenen Augen. Ich stürze in rasendem Haß auf ihn los; ich werde den Spuk nun endlich zerreißen! Mit beiden Händen packe ich ihn, am Genick, am Kreuz, und zerre und zerre. Er windet sich unter meinem Griff; wie Kautschuk spannt er sich hin und her. Ich spüre verzweifelt, wie er mich lähmt: wie er nachgiebig meine Arme entmannt. Ich fühle bis innerst in Leib und Seele: wenn ich dies Gespenst nicht bewältigen kann, bin ich machtlos für Zeit und Ewigkeit. Ich spanne all meine Nervenkraft an; und wenn mir Gehirn und Adern zerbersten! Und ein Ruck, ein leises ersterbendes Winseln: o Wonne, ich habe den Schemen zerrissen! Mit einem letzten hingebenden Blick zerfließt er in die leere Luft.

Ich stehe und zittre am ganzen Körper, vor Glück und Ermattung und neuer Verzweiflung. Ich starre hinauf in den blauen Himmel: ist kein Entrinnen aus diesem kristallenen Grab? — Ich betaste meine erschöpften Glieder — warum muß ich nur immer an meinen Körper denken! — Es ist doch garnicht mehr nötig jetzt; wer hat mir das eigentlich eingeredet? — Wie schön könnt ich schlafen in diesem lautlosen Schacht. Ich bin so müde, ich höre mein Seelenspiel klingen. Es rauschen wohl Flügel oben im Blauen? Nein, ich glaube nicht; es ist nichts zu sehen. Doch: eine weiße Feder schwebt nieder. Wie eine Schneeflocke kommt sie gewirbelt. Noch eine, noch eine, Flaum auf Flaum; grad in die Mitte des Saals herab. Immer mehr, immer mehr, weiße Flaumfederflocken; der ganze Boden liegt schon bedeckt. Ich muß zurück an die Wandfläche treten; es ist schon ein Hügel, es wird ein Berg. O Seligkeit, das ist ja die Rettung: der Berg wächst immer höher hinauf! Schon steht er fast so hoch wie der Schachtrand, und immer dichter häuft sich das Flockengewimmel. Ich springe mit beiden Füßen hinein; ich versinke in dem bettweichen Schwall. Aber er ballt sich unter mir; ich stampfe und stampfe, und es glückt. Ich stampfe mich höher und höher hinan; es ist, als federn mich Bälle empor. Ich kann kaum sehen, so stiebt es um mich; und brennender Schweiß verschließt mir die Augen.

Da: ein frischer Lufthauch kühlt mir die Stirn: ich fühle entzückt, ich bin oben, oben! Meine Augen wagen wieder zu blinzeln, durch die feuchten, flaumverschleierten Wimpern. Kein Federchen stiebt mehr, der Himmel blaut; es ist eine überirdische Stille. Ich stehe auf steilem, schwankendem Gipfel; tief unter mir klafft der weiße Abgrund des labyrinthischen Schachtes herauf. O Seele, Seele, wie komm ich hinüber?! Sieh: rings um den Schacht, wie ein Garten Eden, liegt der blühende frühlingsgrüne Friedhof! — Und die Seele erklingt: Ich seh es, o Geist! Ich seh es durch Tränen, o göttlicher Geist, durch regenbogenfarbene Tränen! Ja, dein Gipfel schwankt, und ein Wind kommt gebraust, und du Schwankender weinst und ich breite die Arme: wenn du jetzt, o Gottgeist, mich Seele erhörst, will ich deiner Kraft trauen ewiglich! —

Horch: braust nicht der Wind beflügelnd, o Seele? und der Gipfel löst sich und schwebt und wird Wolke! Sieh, mit beiden Armen umspanne ich sie und schwebe über den Abgrund dahin. O, wie weich sichs fliegt in dem leichten Flaum: ich fühle nicht Höhen, nicht Tiefen mehr. Ich fühle nur, wie mich die Windwolke schaukelt und mir süß alle Kräfte stachelt und kitzelt. Will sie mir etwa mein Leben wegschaukeln? Dann wisse, Seele: mein Körper lacht! Ich kann sie loslassen, wenn ich will; ich bin ja befiedert über und über! Ich kann mit dir fliegen, wohin ich will; ich brauche ja nur den Flaum wegzublasen! Ich blase und blase; was ist denn das? ich blase mir ja in die eigne Nase! Ich mache wohl selbst den Wind, der so kitzelt? Ich niese, ich lache — lache — erwache.

Ich lag noch immer im dunkeln Bett, und ich hielt mein Kopfkissen in den Armen. Ich fühlte, daß eine kleine Feder aus dem zerknüllten Kissen herausstak; sie berührte noch meine Nasenspitze. Ich entfernte die Feder und legte das Kissen glatt; ein Stündchen hoffte ich doch noch zu schlafen. Der Morgen schien zwar bereits zu grauen; aber ich war noch müde genug.

Wenn über unsern tiefsten Verzweiflungen,

wo wir vor lauter geöffneten Not-Türen

nicht aus noch ein zu finden wissen,

stets eines Gottes Blick wachte —

Wenn unter unsern höchsten Entzückungen,

wo wir verstummend vor Triumph

mit zitterndem Fußtritt

jede Gefahr zerstampft zu haben meinen,

stets eines Gottes Ohr weilte —

Wenn zwischen unsern erhabensten Gleichgiltigkeiten,

wo wir mit Adlerruhe

alle Verfolgung

Todes wie Lebens

in leere Luft verflogen wähnen,

stets eines Gottes herzliche Teilnahme schwebte —

ich glaube, er würde vor Lachen sterben ...

Fünfter Traum

Ja, meine Verfolger, ich lache euer! Denn ich kann fliegen, wenn ich will; ich kann aus eigener Willenskraft fliegen! Sie rasen hinter mir her wie gehetzt, eine Meute tobsüchtiger Jäger und Hunde. Aber hier, ich spanne nur meinen Mantel, dann bin ich ihrem Wahnsinn entrückt. Schon schwebe ich über den Eichenwipfeln und lache Halalî auf sie nieder. Ich höre sie brüllen: du Mörder, Mörder! und würden mich alle doch selbst gern morden. Nackt sind sie auf die Jagd ausgezogen, aber dennoch war ich schneller als sie. Wie sie rachekeuchend mir nachstarren, durch die kahlen Eichen die fahlen Gesichter, während ich höher und höher entschwinde! Halalî Hallelûja lache ich nieder und werfe ihnen Handgrüße zu: Ja, ihr seid auferstanden zum jüngsten Gericht, ich aber fliege ins ewige Leben! —

Wie sie kleiner und kleiner schrumpfen, die schreckbefallenen bleichen Leiber: wie Würmer wimmeln sie durcheinander zwischen dem welkbraunen Laubwerk unten, wie ausgegrabene Engerlinge. Ich lasse breit meinen Mantel fallen, um ihre klägliche Blöße zu decken. Schwer schwebt er hinab, denn ich schwebe hinan; mit schwimmenden Armen zerteil ich die Wolken. Was glänzt da her aus dem stahlblauen Äther? ist es ein unbekannter Stern? — Halalî Hallelûja jauchzt mein erkennendes Herz: es ist eine weltbestrahlende Stirn! Sei mir gegrüßt, pfadkundiger Wildrer, du Jagdherr der Frevler, Shakespear, Erhabener! — Er schlägt die entschlafenen Augen nicht auf; traumselig lächelt sein Geisthaupt nur und grüßt mich stumm und bestrahlt meine Bahn. Es grüßen noch manche entschlafene Geister mit sternengleich aufstrahlenden Stirnen und beleuchten meine erhabene Bahn. Es grüßen Rembrandt und Lionardo, und Dante und Goethe, Beethoven, Bach. Es grüßt auch mein Vater und meine Mutter; und fern strahlt ein dornenkranztragendes Haupt.

Wo hab ich dies rührende Haupt schon gesehen? dies schmerzverklärend verzeihende Antlitz? in meiner Kindheit war es wohl. Ich möchte vorüber an diesem Antlitz jetzt; aber dahinter ist alles schwarz. Ich möchte dennoch vorüberschweben; aber es zieht mich näher und näher. Es zieht mich mit seinem Dornenkranz an, der noch heller strahlt als die träumende Stirn. Er strahlt wie ein großes verzweigtes Nest; das Gezweig wächst immer größer ins Weite. Ich möchte dies wachsende Lichtnest umkreisen; aber es weitet sich kreisend um mich. Es wirbelt mich hoch wie einen Funken ins schwarze Unermeßliche. Ich blicke hinab, ich will’s überschauen: ich sehe ein unermeßliches Helles. Ich sehe ein grenzenlos schwebendes Lichtreich: ein tiefes, ringshin ruhendes Nest von unzähligen kreisenden Sternenreihen, endlos verzweigt durch den schwarzen Raum. Mich weht ein Grausen an, ich erkenne: ich bin in einer anderen Welt.

Das Grausen weht inniger, es beseligt; ich fühle, es will mich zur Ruhe wehen. Es weht mich hinab auf das träumende Haupt; wer bist du, wer bist du, entschlafener Geist, auf dessen Haupt mich ein Lichtreich wiegt? — Ich lasse mich willig niederbewegen zu dem leuchtenden Scheitelpunkt in der Mitte; ich sinke mit heller Heimatswonne immer tiefer hinein in das weltweite Nest. Und was wie ein Punkt schien, ist eine Wölbung, eine milchweiß gestirnte unendliche Kuppel, auf deren Scheitelfläche der Nestkranz ruht. Ich staune hinab in den traumstillen Kuppelraum, hinab durch das schimmernde Scheitelgewölbe: das ist wohl Das, du erhabenes Haupt, was wir auf Erden die Milchstraße nannten? Ja, ich sehe sie kreisen in deinem Innern, die Sterne, die Sonnen und jene Erde, wie Blutzellkörperchen deiner Adern, du strahlendes, dornenkranztragendes Haupt! Wie sie zittern, die kleinen Seelchen alle, die sich Welten dünken in ihrem Dunstkreis: ich sehe sie deutlich erbeben im Nebel, vor Deiner weltbegrenzenden Stirn. Und sind meinem Blick doch alle so fern, so grenzenlos fern wie jener Erdball, dem ich durch Wolken entronnen bin in diese verklärte andere Welt. Die Augen fallen mir zu vor Bangen: wer bist du, wer bist du, verklärender Geist? —

Ein silberhell klingendes Lachen weckt mich; hab ich’s geträumt oder leben hier Menschen? Nein, eine Lichtgestalt weilt vor mir; ich schnelle auf, eine Geistin umschwebt mich. Hab ich sie schon auf Erden gekannt? Ihre Augen ermuntern mein Herz so vertraut, als hätten sie schon in früher Kindheit über meinen Spielen gewacht. Ihr Blick ist so innig silbergrau, nein lichtschwarz, nein tief von Herzen goldklar, ganz silber-und-gold-herzinnig klar; ist es die Göttin Barmherzigkeit? — Sie lächelt, sie läßt den Kopf etwas hängen; o süße Schelmin Barmherzigkeit! Sie nickt mir nochmals von Herzen zu; ich lausche, ich höre ihr Seelenspiel klingen.

Die Erde schläft in Nebelschleierschein;

doch kann ihr Atem nicht ihr Leid verdecken.

Ihr träumt, sie würde wach viel freier sein;

es ist wohl Zeit, daß wir sie wecken?!

Ich starre hinab, mir bangt aufs neue. Nein, steht mein Blick, laß die Erdseele ruhn! sie ist voll Rachsucht, sie will nur morden; laß uns den Geist dieses Lichtreiches wecken! — Die Geistin lächelt; weshalb nur wieder? aber ihr Lächeln ermutigt mich. Laß uns ihn wecken! verlangt mein Blick; Ihn, dessen Haupt diese andre Welt trägt, doch unter dessen träumender Stirn jene Erde uns noch immer bannt! Laß seine Augensterne erst leuchten, das wird uns erheben aus diesem Bann! —

Sie lächelt und nickt, ist nickend verschwunden; ich greife verdutzt in leeren Glanz. Ich schwebe wieder allein in den Weiten; nur ihr silberhelles Gelächter klingt noch. Nein, auch ihr Blick ist zurückgeblieben; wie ein goldenes Sternchen schwebt er vor mir, inmitten des silberweiß kreisenden Nestes. Oder nein, es ist ja ein Doppelsternchen! Ja, ein goldklar flimmerndes Zwillingssternchen! ein kleines wirbelndes Sternseelenpärchen! zwei kleine glitzernde Seelensternzellchen, die in eins zusammenzusprießen streben. Ich greife danach, ich schrecke zurück: das eine spiegelt deutlich mein Bild. Ich seh mich hinauf in den Nestkranz greifen, in das kreisende Spiel des Sternengezweiges; — und spielt nicht im andern das Bild der Geistin? — Nein, schon sind beide zusammengesprossen; ich weiß nicht, spielt da mein oder ihr Bild? Es spielt mit den kreisenden Neststernbällen, mit unzähligen, reihenweis wirbelnden, unendlich zellkleinen Zweigsternbällchen; und in jedem Zellstern spielt wieder solch Bildchen. Ich will es fassen; ich greife ins Unfaßbare. Ich merke, es schwebt weit über mir, unermeßlich weit, und sprießt weiter im Schweben, immer weiter in wirbelnden Sternbilderspielen; es scheint nur so klein, weil’s so grenzenlos fern ist. Es wirbelt mich hoch, schon entwirbelt’s dem Nestkranz; und sprießt immer wirbelnder über mir fort, und ein silberhelles Gelächter umstürmt mich.

Ich muß mitlachen, ich blicke hinab; ganz zusammengeschnurrt in schwarzer Tiefe schwebt das weltweite Dornennest unter mir, nur wie ein flaches Korbflechtwerk noch, eine tellerförmige milchweiße Scheibe, auf der sich ein riesenhaft sprudelnder, goldklar von Sternzellen strudelnder, fort und fort wachsender Kreisel dreht. Er schleudert mich mit im sausenden Umschwung, immer höher den schwellenden Rand hinan; ich kann kaum noch das winzige Urzellbild ahnen, das in der Kreiselspitze da unten mit andern solchen Urbildern Ball spielt. Ich ahne nur, wie sich aus jedem Bildstrahl, den es hochsprudelt in den silbrigen Nebel, eine neue Schaar Goldstrahlenbilder entpuppt, aus jedem Weltsternchen eine Sternenwelt, immer riesenhafter emporgegliedert, ein unendlicher Springbrunn von Lichtpuppengliedern, und jedes Glied schon ein ganzes Wesen, ein ganzes Weltpuppengliederspiel, das andere spielende Weltgliederpuppen nach allen Seiten entspringen läßt. Ich möchte eins dieser Wesen betrachten; ich schwebe so nahe an seiner Seite, ich kann seinen Atemkreis brausen fühlen. Ich möchte erkennen, ob’s Mann ist, ob Weib; aber es dehnt seinen riesigen Lichtnebelkörper, den Sterne um Sterne wie Flugsaat durchwirbeln, so stürmisch ins Unermeßliche, daß ich wieder nichts weiter wahrnehmen kann als ein seelenvoll brausendes Gelächter. Und wieder muß ich voll Bangen mitlachen, denn in all meinem Bangen ahne ich jetzt: vielleicht ist dies unabsehbare Glanzspiel, dieser ganze erhabene Sternpuppenkreisel auch wieder nur ein kleines Glied, vielleicht nur die unterste Zehenspitze von einer noch größeren Spielgestalt, die wieder noch größere ausspielen kann — o laß dich erkennen, erhabenstes Wesen! —

Ich starre hinauf zu dem äußersten Lichtsaum: könnt ich nur Einmal ein einziges Leuchten seiner Augensterne aufschimmern sehn! Ich mühe mich, jäher emporzukreisen, dem Bannkreis des Strudels noch näher zu steuern; mir ist, ich tu’s schon seit Ewigkeiten. Ich blicke zurück auf meine Flugbahn; das Sternennest unten ist garnicht mehr sichtbar, es scheint nur die allerunterste Spitze dieses schwebenden Weltenkreisels zu sein. Mir wird so hinschwindend seelenweit, ich kann kaum mehr meine Bewegungen fühlen. Ich kann in dem wachsenden Lichtseelennebel auch nichts mehr von meinem Körper sehen; ich bin wohl selbst eine Lichtwelt geworden. O könnt ich nur endlich das Augenlicht sehen, dem all diese seligen Weltspielpuppen aus ihren Kreisen entgegenlachen! — Ich muß auf einmal auch selig lachen: ich sehe urplötzlich im Innern des Kreisels, rings unter mir, überallher aus den Nebeln, ganze Schwärme von Augenlichtern aufschimmern: alle die hohen entschlafenen Geister, die meine Bahn einst beleuchtet haben, sie erwachen aus ihren träumenden Tiefen und folgen mir höher mit lachenden Blicken. Es erwachen und lachen Rembrandt und Shakespear, Cervantes und Swift, Aristophanes, Nietzsche. Es lacht auch mein Vater, auch unsre Mütter, und jenes dornenumspielte Haupt. Ich will es begrüßen, mein Gruß erstarrt: aus seinem Blick lacht die Göttin Barmherzigkeit. Ich starre hinab von Blick zu Blick: in allen den schwärmenden Augensternen, selbst in Euern Gestirnen, Nietzsche, Rabelais, Shakespear, ihr wildesten Schwärmer, ihr Freunde der Frevler, spielt das Bild der Göttin Barmherzigkeit. Mir schwindelt; ich muß wieder aufwärts blicken! O erwache auch Du, erhabenstes Wesen, erwache aus deiner Gleichgiltigkeit! Erhebe mich endlich zu Deinem Blick! Entreiß mich all diesen wachsamen Augen: sie mahnen noch immer an jene Erde, die doch seit Ewigkeiten dahin ist! Entpuppe dich endlich: wer bist du, Du —

Ich horche erschrocken: was lacht da „Du!“? Und ein Echo lacht stürmisch abermals „Du!“ Will das erhabenste Wesen mich höhnen? O, nur höher! mir bangt nicht mehr! nur zu! — Ich steure noch jäher hinein in den Kreisel, ich lache stürmisch mit „Du, du, du!“ Ich lasse mich ganz in den Lachstrudel reißen: vielleicht kann selbst das erhabenste Wesen mich nur in seinem Innern erhören, da in der innersten Achse da! — Ja, ich höre, nun lacht es „Da, da, da“ —: und siehe, das ganze Weltpuppenspiel beginnt zu nicken, wild, fern und nah. Und immer wilder, mir stockt das Herz: will es mich aus dem Gleichgewicht nicken? Nein, in ganz gleichwilden Weltkreisen nickt es, kreisunter kreisüber mir — da, da, da — mit sternklar barmherzigen Geisteraugen — und lacht ganz gleichgiltig „Ha-ha-hah.“ Es will mich gewiß nur in Sicherheit lachen; ja, die Achse des Kreisels ist schon ganz nah. Ob sich’s da endlich entpuppen wird? Ja! All die Geister da lachen „Ja“ und nicken. Aber was ist das? Ah —: die Achse! — Sie dreht uns immer noch höher! aber mir stockt das Herz immer jäher: verliert sie nicht doch jetzt das Gleichgewicht? — Nein, sie verdreht wohl ihr Seelenlicht? Hahahah, sie verdreht uns die Übersicht! Sie beginnt zu wackeln! o all ihr Geister: das erhabenste Wesen scheint kopfstehn zu wollen! —

Ich höre entsetzt: Alles lacht wieder „Ja!“ — Ha-ha-halt! Barmherzigkeit! Wenn wir fallen: wir fallen ins Bodenlose da! — Da, was seh ich: allmächtiger Himmel, ja: es steht ja schon kopf! — es entpuppt sich! — Ah — —: himmelhoch über mir steht etwas da: mittenauf aus den wackelnden Seelenwelten steht die Kreiselkrone in Gloria — und ist eine — was? — eine Sohle?? — ja: eine riesige wacklige Weltseelensohle, von unzähligen Zehenspitzen umzappelt. Ich erkenne, sie will uns noch höher zappeln: sie beschirmt unsre Welt wie ein maßloser Fallhut: wir zappeln in einer ungeheuren, allweltenhütenden Urweltpuppe, die auf ihrer Hutspitze bodenlos kopfsteht, und deren Bauch sich vor Lachen schüttelt. Er schüttelt uns mit, immer mit, hahahah! Macht Halt, ihr Geister, sonst platzt er! Da —: er platzt — ich muß mich vor Lachen umdrehn. Hahahah, all die Weltgeister drehn sich mit um! Hahahah, sie verdrehn mir Hören und Sehen! Hahahah, das erhabenste Wesen rächt sich! Hahahah, es läßt mich vor Lachen sterben — mir gehn alle Augen über, nein auf! — ja auf! endlich auf! — Was? — bin ich denn wach? —

Ja, ich saß mit offenen Augen im Bett; und mittenher durch mein halbdunkles Zimmer langte ein goldheller Morgenstrahl, voll unzähliger wirbelnder Sonnenstäubchen. Es war also doch ein Spalt in dem Fenstervorhang. Ich stand auf, machte vollends hell und besann mich; dann warf ich die abends empfangene Todesnachricht aus meinem Shakespear in den Papierkorb. Ich wußte nicht: sollte ich wie ein Kind ein dankbares Morgengebet verrichten? oder Gott, Welt und Leben zum Teufel wünschen? Ich weiß es noch heut nicht, du himmlischer Quälgeist, o allbarmherzige Phantasie!

Wer bist du? „Wer du willst!“

Wo wohnst du? „Wo du’s fühlst!“

Lebst wohl im Lichtstrahl still?

„Wohl auch im Staubgewühl!

Bürst mein Hütlein,

klopf dein Kittlein,

so kannst du merken, wer ich bin,

wieviel goldne Wunderwelten in uns glühn!“

Betrachtungen
über Kunst, Gott und die Welt
Auswahl