Kultur und Rasse
Ein Gespräch zwischen Künstlern
Ein deutscher Dichter und ein jüdischer Maler waren einander in Verehrung zugetan, trotz oder wegen ihrer sehr verschiedenen Begabung. Den Maler reizten simple Motive, die er mit räumlich packender Rhythmik in verwickeltem Lichtspiel zu zeigen verstand; der Dichter ließ sich umgekehrt meistens von komplizierten Impulsen anregen, die er bei rhythmisch lebhaftestem Tempo in unvermutet einfachen Zusammenklang zu setzen wußte. Gemeinsam war ihnen also nur, was allen vollkommenen Künstlern gemeinsam ist: ein stark beweglicher Scharfsinn bei gründlicher Gemütsruhe. Das gab dem persönlichen Charakter des Juden eine sprunghafte Schlagfertigkeit, die sich mit Vorliebe hinter der Maske berlinischer Fopperei versteckte; an dem Deutschen dagegen prägte es sich in einer hartnäckigen Spannkraft aus, die sich nach Art des märkischen Landvolkes gern etwas nückeboldig stellte.
Als Leute, deren Zeit kostbar war, sahen sie einander nur selten; aber jeder verfolgte des Andern Arbeiten mit angelegentlicher Aufmerksamkeit. Nun hatte der Maler ein Bild ausgestellt, dessen dramatisches Pathos beträchtlich von seiner sonst mehr lyrischen Verve abstach und infolgedessen viel Kopfschütteln erregte; da konnte der Dichter nicht unterlassen, ihn doch einmal wieder zu besuchen, um ihm für diesen neuen Beweis seiner rastlosen Entwicklungskraft ein respektvolles Kompliment zu sagen.
Das Gemälde zeigte ein nacktes Weib von mänadischer Gelenkigkeit, wie es sich auf verwühltem Lager über einem stiernackigen, wollustgeschwächten Kerl hochreckt, in der Rechten irgend etwas Blankes wie eine sieghafte Waffe hebend, bis zu den Hüften vom Zwielicht des Morgens und einer Kerzenflamme beglänzt, während sich der schlaftrunkene Mann an ihrem Schooß im Halbschatten wälzt. So nahm sich die Geberde des Weibes wie ein geschmeidiger Hohn auf die rohe Kraft aus, wie ein Sieg wachsamer Geistesgegenwart über plump verschlafene Sinnlichkeit, ein fleischgewordener Triumph der raffinierten Intelligenz über den brutalen Instinkt, mit einfachster Wucht in feinste Beleuchtung gerückt. Der Maler hatte das große Werk „Judith und Holofernes“ getauft, obwohl es lediglich durch die Idee auf die biblische Legende zurückwies. Kein orientalischer Teppich verliebreizte das Lager, und die Mänade konnte nach ihrem Typus irgendeine zigeunernde russische Fürstin oder deutsche Prinzessin sein, der Mann ein x-beliebiger braver Zirkusathlet. Der deutsche Dichter wollte jedoch von diesem Gesichtspunkt nichts merken lassen, sondern sprach vor allem seine Bewunderung über die schwungvolle Raumwirkung aus; worauf sich folgende Unterhaltung entspann.
Der Jüdische Maler: Na ja, sehr schön. Aber nicht wahr, die Hauptsache ist doch: das Ding hat Rasse von oben bis unten!
Der Deutsche Dichter: Wenn Sie also doch davon sprechen wollen, dann muß ich Ihnen offen gestehen, ich sehe eher etwas allgemein Menschliches.
D. J. M. Sie sind wohl allgemein übergeschnappt? So’was kann doch blos einer, der Jude ist, machen!
D. D. D. In der Tat blos Einer, nämlich Sie.
D. J. M. Na ja, weil ich eben noch Vollblut bin; die Andern sind meistenteils schon alle so ins allgemein Menschliche vermanscht.
D. D. D. Ich glaube nicht mehr an das Rassendogma; wenigstens nicht, soweit es seelische Werte und geistige Leistungen begründen soll. Bei den künstlichen Tierrassen ist das von selbst ausgeschlossen, denn die züchtet ja erst der menschliche Geist. Aber auch die natürliche Rasse kann höchstens für körperbauliche Eigenschaften eine Grundbedingung sein, eine neben mancherlei andern; vielleicht aber gar keine Grundbedingung, sondern immer nur ein Endergebnis aus langen seelischen Sonderbestrebungen einer Gemeinschaft beliebiger Einzelkörper gegen die gefährliche Umwelt, eine Art Schutzmarke auf Gegenseitigkeit, die dann wieder neue Arten herbeiführen kann, durch neue Anlässe zur Gemeinschaftsbildung. Wie soll denn durch Rasse, dies allerallgemeinste Merkmal oberflächlicher Unterscheidung, die künstlerische Begabung erklärt werden, die allereigentümlichste Sonderlichkeit, die nur von den gründlichsten Kennern geistiger Werte vollkommen erkannt und gewürdigt wird, gleichviel von welchem Rassekörper!
D. J. M. Sie haben sich da ’ne lange Strippe von Geist und Seele zusammengedreht. Aber ich will Ihnen mal was sagen, ganz einfach, ohne Textilapparat: Dumm muß der Künstler sein, dumm und geil! und das kann blos ein Rassekerl! Ich meine, so richtig dumm und geil; cum grano salis, wissen Sie.
D. D. D. Und wahnsinnig! Gleichfalls cum grano salis.
D. J. M. Und ein Frechdachs! Sie wollen mich wohl uzen, Verehrter?
D. D. D. Ich wollte Ihrer gesalzenen Weisheit blos einen rassepsychologischen Wink geben, aus welchem Pökelfaß sie stammt. Dumm, geil und verrückt — das ist der Künstler, wie er heute bei allen Professoren der höheren Zoologie im Buch steht.
D. J. M. Na, ich meinte natürlich nur: während er Kunst macht! Im Leben kann er der klügste Geschäftsmann und bravste Familienvater sein; je klüger und braver, umso besser für ihn.
D. D. D. Also während er Kunst macht, soll er gewissermaßen seine besseren menschlichen Qualitäten an den Nagel der Theoretik hängen. Ich fürchte nur, daß er dann zugleich seine besseren Rassequalitäten mit weghängt.
D. J. M. Nanu, so plötzlich? Sie haben doch eben ganz deutlich gesagt, Sie glauben an solche Qualitäten nicht!
D. D. D. Ich nicht; aber Rassetheoretiker glauben, daß Familiensinn und Lebensklugheit die besonderen jüdischen Tugenden sind.
D. J. M. Ja natürlich! Was blieb uns denn auch weiter übrig, solange wir im Ghetto hockten —
D. D. D. und nachdem in aller Herren Ländern aus einigen tollkühnen Nomadenstämmen, die wahrscheinlich auch bereits nur zur Hälfte echte Semiten gewesen sind, allmählich eine brave Sippschaft von allerlei Krethi und Plethi geworden war.
D. J. M. Also Karnickel- und Hasen-Hecke. Na ja, das stimmt, da haben die Antisemiten ganz Recht: das ist heute genau solche jüdische Spezialität, wie’s auch deutsches Vettermichelpack gibt. Aber was hat das speziell mit Kunst zu tun? Die verdolmetscht doch eben das Generelle! Da entpuppt sich das ursemitisch Rassige wieder.
D. D. D. Merkwürdig nur, daß das alte Volk Israel, solange sein Hauptstamm wirklich noch reinrassig war, d. h. längstens bis etwa zur Zeit Samuelis, fast gar keine Kunst hervorgebracht hat; die spärlichen religiösen Psalmen, die vielleicht in die Zeit vor David zurückreichen, sind doch wohl erst embryonische Dichtkunst.
D. J. M. Nebbich! Das war ihnen doch verboten! Siehe Moses: Ihr sollt euch kein Bildnis noch Gleichnis machen.
D. D. D. Mir deucht, in einem kunstfähigen Volk hätte solch Verbot garnicht erst laut werden können. Was meinen Sie wohl, was die Griechen gesagt hätten, wäre Solon ihnen mit so’was gekommen! Das haben sich nicht mal die Deutschen bieten lassen, die doch, solange sie reine Germanen waren, gleichfalls kein nennenswertes Kunstvolk gewesen sind; und dasselbe gilt von den alten Römern. Überhaupt: betrachten Sie’s mal historisch! Die sogenannte reine Kunst entsteht überall erst in Mischvölkern, also wo mehrere Rassen einander kreuzen und — mag man das nun einen günstigen Zufall oder „Ergänzung passender Anlagen“ nennen — eine neue zu bilden beginnen. Da tritt dann die Kunst gleichsam vorbildnerisch auf, aus Verlangen nach neuem Menschentum.
D. J. M. Meschugge ist Trumpf! Oder sind Sie wirklich verrückt?
D. D. D. Ja, ich will wirklich einmal so verrückt sein, die physische Rasse als Element für psychische Phänomene gelten zu lassen. Dann wüßte ich nicht, wodurch aus so einfacher Ursache ein so mannigfach lebensvolles Ding, wie es jedes starke Kunstwerk doch ist, auf natürliche Weise entspringen sollte, es müßten denn mehrere solche Elemente in dem Künstler verbunden sein. Der machtvollste Künstler wäre dann der, in dessen Familie sich nach und nach alle Kulturrassen abgelagert hätten. Aber Sie sehn mich ja weiß-Gott an, als ob Sie mich für irrsinnig hielten.
D. J. M. Nein, dichten Sie nur ruhig so weiter! Ich habe mir blos Ihr Gesicht angesehn. Ich werde mal fix ’ne Skizze von machen; Sie sehn ganz apart aus, wenn Sie so dichten. Und das mit der Rassenablagerung, das kann ja auf Ihr Gesicht ganz gut stimmen.
D. D. D. Ahah, Sie meinen, ich rede pro domo?
D. J. M. Na, ich habe neulich mal wo gelesen, Sie sollen ja so’ne Art Slawe sein, aus Wendisch-Buchholz oder so her.
D. D. D. Da könnte ich Ihnen nun leicht beweisen, daß ich ein waschechter Deutscher bin, bis ins 17. Jahrhundert zurück. Meine väterlichen Vorfahren waren niederschlesische Handwerker, ein paar Schmiede, ein Zimmermeister, ein Seiler, ein Tierarzt und ein Laborant; meine mütterlichen teils märkische Bauern, teils thüringische Beamten und Fabrikanten, mit einem rheinischen Nebenzweig. Die Familiennamen haben in allen Linien den sogenannten reinen Klang: außer meinem eignen deutschdämligen Namen noch Fließschmidt, Hillmann, Weidner, Zahn, Oehme, Eule und Eyle. Nur in dritter Linie, von Vaters Seite, kommt der slawisch klingende Name Tschorsch vor; doch ist er wahrscheinlich aus deutschem Georg oder Jörge vertschechisiert, oder vielleicht aus französischem George verdeutscht. Ich könnte mich also vor jedem Teutobold mindestens ebenso gut als Germanen aufspielen, wie man Luthers böhmakisches Gesicht oder Bismarcks wendischen Rundschädel ins Germanische umdichten will; bin aber trotzdem überzeugt, daß ich — wie mehr oder weniger jeder Deutsche seit der Völkerwanderung — nicht blos slawisches und keltisches, sondern wahrscheinlich auch romanisches und vielleicht sogar mongolisches Blut in meinen werten Adern beherberge.
D. J. M. Da säße ich also da „mit’s Talent“, als so’n kümmerliches semitisches Inzuchtgewächs.
D. D. D. Ja, wenn Sie wirklich ein echter Hebräer wären?
D. J. M. Na, hören Sie mal, erlauben Sie mal, ich soll Sie wohl wegen Verleumdung verklagen?! Wollen Sie etwa meine leiblichen Urgroßmütter für lauter Herodiäser erklären?
D. D. D. Oh, zwei bis dreie genügen wohl schon; und wenn ihre Gatten Herodesse waren, werden Sie’s ihnen wohl nicht verdenken.
D. J. M. Na, Spaß beiseite! Ihr Schädel wirkt propper; Sie sitzen faktisch briljant Modell. Sitzen Sie jetzt mal ein bißchen stille! Sehn Sie sich mal derweil meine Augenbrauen und Nasenwurzel und Stirnbogen an! Sehn Sie: so’was, das gibts nicht bei allgemeinem Menschmansch, das ist ganz apartes Rasseprodukt.
D. D. D. Mag schon sein; die Oberstirn scheint mir vlämische Rasse, die Augenknochen spanische. Ihre Familie ist ja wohl zum Teil aus Spanien über Holland gekommen; und der belgische Architekt Van de Velde hat einen ganz ähnlichen Gesichtsschnitt, obgleich er wahrhaftig kein Jude ist.
D. J. M. Nein, wahrhaftig nicht. Aber apart ist er auch. Faktisch ’n ganz famoses Kerlchen; rassig bis in die Fingerspitzen. Wer weiß, vielleicht ist er doch ’n Jude!
D. D. D. Sagen Sie mal, Sie Rassemensch: Sie haben doch englische Vollblutpferde gemalt. Halten Sie die etwa nicht für rassig?
D. J. M. Na, und ob! Ach so, Sie möchten mich wieder döppen?! Na aber, das hab ich doch gleich blos gemeint: da hat sich eben die angelsächsische mit arabisch-türkischer Zucht gekreuzt und schließlich ’ne neue Rasse gebildet. Aber sein Sie mal jetzt ’ne Sekunde lang stille; mir stimmt was nicht an Ihrer Stirn. Einen Moment blos, ich werds gleich haben. Faktisch ’ne ganz verflixte Stirne; von vorne breit wie’n heraldischer Bulle, und im Profil schlank retour wie’n Lämmergeier — Sie wollen gewiß auch ’ne neue Rasse gründen! — Bitte, blos’n Moment noch, dann bin ich so weit! — So: jetzt los auf die Weltgeschichte! Dichten Sie bitte ungeniert weiter!
D. D. D. Also — Tatsache ist doch Folgendes: Ob nun im alten Ägypten und Hellas, oder im mittelalterlichen China und Indien, oder im späteren Japan und Persien, oder in der europäischen Renaissance — eingerechnet die Vorstufen, byzantinische wie maurische, romanische wie gotische — überall sind die kurzen Epochen höchster künstlerischer Kultur erst dann reinlich hervorgetreten, wenn sich durch Kriegs- oder Handelszüge verschiedene Volksstämme oder Nationen innig miteinander befaßt und neue Staats- oder Standesformen, Herrschafts- oder Gesellschaftsklassen durch Mischheiraten angebahnt hatten. Sogar bei den verschollenen amerikanischen Kulturen ist von der Forschung festgestellt, daß die großen Tempel der Azteken und Inka erst nach langwierigen Eroberungskämpfen zwischen diversen indianischen Rassen entstanden. Und heute, wo sich in Nordamerika aus dem allgemeinen Menschmansch, wie Sie zu sagen belieben, eine neue weiße Rasse langsam herausschält: erst heute zeigen sich dort auch die Anfänge einer spezifischen Yankeekunst, recht respektabel bereits in der Poesie und in der profanen Architektur, passabel auch in der Malerei. Nun aber gar das moderne Europa! Woher denn auf einmal seit etwa 50 Jahren die Hochflut aller möglichen neuen oder doch neu-sein-wollenden Kunstrichtungen, von Skandinavien und Rußland bis Frankreich und Spanien?! Sollte es blos ein Zufall sein, was auch hier wieder unverkennbar vorausging: die Durcheinanderwürfelung aller Nationen durch die Napoleonischen Kriege, die Entfesselung internationaler Tendenzen durch Handel, Industrie und Technik, die enorme Steigerung des Völkerverkehrs durch die Eisenbahnen und andre Transportreformen, und zu alledem noch als wahrer Rassenextrakt eine Fülle nie dagewesener Mischungsversuche durch die Emanzipation der Juden!
D. J. M. Sieht ja ungeheuer verführerisch aus, Ihre Destille von Menschenblut. Aber wissen Sie: Kunstrichtungen, unter uns gesagt, das sind doch wohl eigentlich immer die Künstler. Na, und die Künstler, die Richtung machen, das sind eben die paar urigen Kerls, die sozusagen noch koscheres Blut genug haben. Sehn Sie sich doch mal selber im Spiegel! Haben ’ne richtige deutsche „Schusterneese“. Brauchen mir garkeine Flappe zu machen; Goethe hatte auch solchen Zinken.
D. D. D. Und hatte außerdem Augen und Lippen, wie man sie sonst nur an italiänischen Frauen sieht.
D. J. M. Sie, sagen Sie das blos nicht zu laut! Sonst steigen Ihnen die Deutschen aufs Dach.
D. D. D. Wie kommt es denn aber, daß die Deutschen, solange sie „sozusagen noch koscheres Blut genug“ hatten, also längstens bis etwa zur Zeit Karls des Großen, keinen einzigen namhaften Dichter gezeitigt haben, von anderen Künsten garnicht zu reden! Wo doch die Griechen schon vor der geschichtlichen Zeit mit Amphion, Eumolpos und Musäos, Orpheus, Homer und Hesiod paradieren. Sind das auch nur fingierte Namen, so beweisen sie doch das Volksbedürfnis nach vorbildlichen Kulturpersonen; nämlich die Griechen hatten sich damals schon mit allerhand fremdem Volk gemischt, von Illyrien bis Asien und Ägypten. Und wie kommt es, daß all die winzigen Rassen, die wir heute noch wirklich rein nennen dürfen, entweder weil sie von Hause aus keine Anlage zur Vermischung hatten, vielleicht auch blos keine Gelegenheit, oder weil sie erstarrte Mischrassen sind, also die sogenannten wilden Völker — vom Pescheräh bis zum Eskimo, vom Australneger bis zum kapländischen Buschmann, vom indischen Paria bis zum Sioux-Indianer — gar kein Kulturgenie im Leibe haben, geschweige hohe Kunstbegabung?
D. J. M. Na, Sie! das liegt doch klar auf der Hand. Wo alles die reine Unzucht ist, kann keine reine Zucht draus werden. Natürlich muß mal erst Mischung kommen, damit sich die bessere Rasse selbst auskennen lernt —
D. D. D. und dann dieselbe reine Unzucht weiter treibt?
D. J. M. Nein, Sie müssen mich nicht für’n Bählamm halten. Natürlich kapert sie dann allmählich auch die besseren Elemente der andern Rasse.
D. D. D. Sehr richtig! Was ich vorhin schon sagte.
D. J. M. Nanu? Das ist doch nichts allgemein Menschliches! Allgemein menschlich ist leider Gottes, daß sich auch schlechte Elemente mit einmischen.
D. D. D. Das würde ich lieber allgemein hündisch nennen.
D. J. M. Auch recht! Meinethalben! Sie müssen’s ja wissen. Sie sind ja wohl auf Erotik geaicht.
D. D. D. Ja; von den Rasseschweinen nämlich. Eigentlich kommt mirs auf bessere Leser an.
D. J. M. Na, sein Sie nur friedlich! Ich meinte ja grade: wenn der viehische Kuddelmuddel zu doll wird, dann gibts eben so’n paar bessere Menschen, wie die richtigen Künstler doch wohl sind, und in denen muckt was dagegen „uff“. Was muckt denn da uff, Sie Mann mit’s Talent? Doch wohl das Tröpfchen stärkere Rasse, das Sie noch irgendwo im Gemächte haben! Das nenne ich Reaktion der Persönlichkeit gegen das allgemein Menschliche! Da zeigt sich eben die reine Natur!
D. D. D. Schön; immerhin sind wir schon einig darüber, daß man mehrere Rassen im Blut haben muß, damit sich eine davon als die stärkere fühlen und mit ihrer „reinen Natur“ hervortun kann. Aber nun bitte, sagen Sie mal: es ist doch eine sehr seltsame „Reaktion“, daß z. B. Sie enragierter Jude die norddeutsche Landschaft samt ihrem Volksschlag, von Hamburg bis hinter Amsterdam, mit solcher natürlichen Kraft gemalt haben, wie bis jetzt noch kein holsteinscher oder friesischer Künstler. Warum hat denn Ihre Persönlichkeit, will sagen Ihre reine Natur, nicht lieber semitisch reagiert? Und warum hat z. B. der Holländer Rembrandt so wenig germanisch reagiert, daß er seine Motive und Modelle mit Vorliebe aus dem Judenviertel nahm?
D. J. M. Ja wissen Sie, wenn ich ehrlich sein soll: das hab ich mich auch schon manchmal gefragt. Auch warum ich blos blonde Weiber liebe.
D. D. D. Das ist nicht so sonderbar, wie es scheint; grade die sogenannten Kulturrassen sind seit jeher auf Weiberraub ausgegangen, offenbar weil eben nur durch Blutmischung Kultur entwickelt und fortgepflanzt werden kann. Übrigens ist Ihre Judith doch dunkelhaarig, wenn auch keineswegs von semitischem Typ.
D. J. M. Na, solch Biest, das soll man doch eben nicht lieben! das kann man meinthalben vor Haß bewundern!
D. D. D. Ja, und sehn Sie, mir gehts grade umgekehrt: Ich stamme aus durchweg blauäugigen und überwiegend blonden Familien und liebe die dunkeln jüdischen Frauen. Ich finde bei keiner andern Art Weib so viel hellen Geist mit seelischer Glut verbunden. Es gibt ja freilich auch da böse Kreuzottern und allerhand gute Gänse und Schäflein; aber die besseren sind doch geborene Heldinnen, Richterinnen und Priesterinnen, um nicht zu sagen Göttinnen.
D. J. M. Sie, jetzt schwärmen Sie aber, weiß der Herrgott, wie’n erotischer Muselmann!
D. D. D. Oder vielleicht, von christlichem Standpunkt betrachtet, wie ein heroischer Jesuit — blos daß ich keine himmlische Jungfrau, sondern möglichst viel irdische Musterweiber züchten möchte. Und da dürfte ein bißchen Menschenliebe doch vielleicht etwas fruchtbarer sein als der beliebte Rasseninstinkt, der sich meistens doch recht zuchtlos geberdet und in der Regel nur als Vorwand dient, um den gemeinen Menschlichkeiten des Hasses und Neides nach Willkür zu frönen.
D. J. M. Nun, bei Licht besehn, wird wohl jeder Künstler auf die Art Modelle versessen sein, die seinen Instinkt am kräftigsten auf sein Talent hindirigiert, also aufs rein Persönliche.
D. D. D. Und seine Phantasie aufs allgemein Menschliche; um nicht zu sagen Göttliche.
D. J. M. Ach was, Phantasie ist doch keine Kunst! Phantasie ist immer blos Notbehelf.
D. D. D. Sie wollen wohl sagen: noch keine Kunst, und auch blos immer ein Notbehelf! wie jeder naturelle Impuls bloßer Notbehelf zur Kunstschöpfung ist, z. B. auch der Rasseninstinkt. Kunst ist eben nur als Kulturprodukt schätzbar; und als solches will sie uns seelische Reize, die von Natur stets sehr mannichfaltig und herz-und-sinneverwirrend sind, in geistig beherrschter Einheit zeigen.
D. J. M. Na ja, das ist ja wohl selbstverständlich. Aber sein Sie mal wieder ’n Moment lang stille; Sie nickköppen immer, wenn Sie reden. Ihre Nase ist doch nicht ganz so einfach, wie sie von vorne besehen aussieht. Von links, das ist ja freilich wahr, ists ’ne richtige brave Schusterneese; aber von rechts, da könnte sie ebensogut einen spanischen Torero zieren, oder ’nen polnischen Insurgenten, oder sonst so’was Mannichfaltiges ..... So, bitte: phantasieren Sie weiter!
D. D. D. Mit der Nase, das wird wohl daran liegen, daß sie nicht mehr ihre natürliche Form hat; sie ist mir mehrmals in meiner Studentenzeit auf der Mensur zerhauen worden. Aber das soll ja wohl ebenfalls ein germanisches Rassemerkmal sein.
D. J. M. Sie, nun ulken Sie mal gefälligst nicht! Ich bin wirklich gespannt, ob Sie leugnen wollen, daß jedes Volk einen eignen Stil produziert; und den machen doch wohl die einzelnen Künstler, wenn auch jeder daneben noch seine aparte persönliche Manier kultiviert. Übrigens, unter uns gesagt, imponiert mir die primitive Kultur von irgend so’nem Kaffernstamm verhältnismäßig millionenmal mehr als unser europäischer Knaatsch; so’n Maori oder Botokude hat im kleinen Finger mehr Stilgefühl, als der ganze Michelangelo mitsamt der Sixtinischen Kapelle.
D. D. D. Verhältnismäßig ist das auch meine Meinung; nur taxiere ich, scheint’s, die Verhältnisse anders. Zunächst ist Volk und Rasse doch wohl Zweierlei. Jene Volkshorden, die noch reinrassig sind, haben’s leicht, einen reinen Stil zu bewahren, nicht wegen ihrer reinen Rasse, sondern bei ihren beschränkten Bedürfnissen, und weil wiegesagt in rein bleibenden Rassen die Nötigung zur Entwickelung ausbleibt. Lassen Sie solch ein simples Völkchen mit irgend einer Kulturnation in nähere Berührung kommen: was geschieht? Sofort entsagt es seinem natürlichen Stilgefühl und behängt sich mit importiertem Tand, genau wie der Bauer bei uns mit Stadtkram. Warum denn, trotz allem reinen Instinkt? Doch wohl nur aus der dumpfen Empfindung heraus, daß ihm da, im großen Ganzen genommen, etwas wesentlich Wertvolleres zuteil wird; blos vermag seine Unbildung nicht zu erkennen, daß es an ihm ein wertloses Einzelnes wird, zu seinem Wesen Unpassendes. Sehr Ähnliches aber vollzieht sich auch in den gebildeten Schichten der großen Völker, die wiegesagt durch Rassenmischung und andre natürliche Nötigungen in einer fortwährenden Entwickelung ihrer kulturellen Bedürfnisse leben. Da wird grade selbst das genialste Talent, weil es den geistigen Bedarf seiner Zeit bis in alle Seelengründe begreift, immerfort zwischen überlieferten und erst entstehenden Formtrieben pendeln, wird also wohl niemals im einzelnen Werk ein ganz vollkommenes Gleichgewicht zwischen traditionellem Stil und individueller Manier herstellen. Was soll uns da noch der Aberglaube, daß irgend ein besonderer Volksgeist diese fort und fort wechselnden Stile erzeugt, oder gar eine Extra-Rassenseele? Grade die Ornamentik der wilden Rassen zeigt ja sogar in getrennten Erdteilen eine oft auch Kenner täuschende Gleichförmigkeit; und die Stile der Kulturnationen sind nirgends blos in Einem Land, sondern jedesmal zu gleicher Zeit bei mehreren Völkern Brauch gewesen. Daraus folgt einerseits: Stil entsteht aus einem allgemein menschlichen Anpassungstrieb an bestimmte neue Lebensbedingungen, der sich am schnellsten, stärksten und deutlichsten eben immer in den Künstlern regt. Und andrerseits, mein verehrter Mitmensch: die stilistische Mißgeburt eines Michelangelo ist millionenmal wertvoller für die künftige Menschheit, d. h. geistvoller, seelenvoller, formvoller, als selbst die vollkommenste Tätowierung eines melanesischen Malermeisters.
D. J. M. Na ja selbstverständlich; alles was recht ist. Aber sagen Sie mal: hab ich Ihnen schon mal meine kleine Sammlung Nanking-Porzellan gezeigt?
D. D. D. Ja; es sind kostbare Stücke darunter.
D. J. M. Wunder! Hat auch ein kostbar Stück Geld gekostet. Aber was ich eigentlich sagen wollte: kennen Sie auch alte Delfter Fayencen?
D. D. D. Einigermaßen; und nun soll ich wohl eingestehen, der Holländer hab’s dem Chinesen nachmachen wollen und wegen seiner Rasse nicht fertig gekrigt?
D. J. M. Ach was, Blech! Fayence ist natürlich kein Porzellan. Aber daß er bei der Nachmacherei ganz was Anderes aus den Mustern gemacht hat, was in seiner Art ebenso kostbar ist, und daß nachher, als die Delfter Muster dann in Japan weiter nachgemacht wurden, ditto was Anderes draus geworden ist — was sagen Sie dazu, Sie deutscher Dichter?!
D. D. D. Darauf könnte ich erstens erwidern, daß es japanische Ornamente genug gibt, die man für holländische oder chinesische ansprechen würde, wenn man ihren örtlichen Ursprung nicht wüßte oder aus Nebenumständen erriete. Wie man z. B. auch das Buch Ruth, wenn es nicht in der Bibel stünde und hebräische Nomenklatur an sich trüge, für ein wahres Schatzkästlein altdeutscher Treuherzigkeit, Rechtschaffenheit und Innigkeit ausgeben dürfte. Und der im Schädelbau sehr germanische Schiller könnte nach seinem gesamten Sprachbau viel eher ein Landsmann von Racine, Rousseau und Victor Hugo sein, als von Hans Sachs, Grimmelshausen und Heinrich v. Kleist. Überhaupt: wenn man ohne Vorurteil nachprüft, beruht die ganze Beweismethode der rassendogmatischen Kunstgeschichte auf dem bekannten Fehlschluß post propter, oder sogar blos auf Tautologie. Eine konstant gewordene Verbindung gewisser Eigenschaften benamst man „Rasse“, und im Handumdrehn wird dann die Benamsung zur innersten Ursache dieser Konstanz und womöglich auch noch der Eigenschaften; also etwa wie nach Onkel Bräsig die große Armut der kleinen Leute von der großen Povertee herkommt.
D. J. M. Dadurch wird aber die Konstanz doch bestätigt, die Tatsache des Rassencharakters. Freilich gibts überall Ausnahmen; die beweisen aber bekanntlich die Regel.
D. D. D. Wenn sie nicht etwa auf anderweite, minder bekannte Regeln hinweisen! — Und deswegen möchte ich zweitens einwenden: weil Fayence „natürlich kein Porzellan“ ist, und weil der menschliche Kunstsinn aus zweierlei Stoff natürlich auch zweierlei Formen entwickelt, deswegen hat sich den Delfter Töpfermeistern trotz ihrer asiatischen Vorbilder schließlich von selbst ein neuer Stil aufgedrängt. Aber nicht blos deswegen allein, sondern jetzt will ich drittens gern zugeben: wenn ich auch nicht an einen beständigen Volksgeist auf Grund einer Rassenseele glaube, so doch an bestimmte zeitweilige Volksbedürfnisse, die sich auf die verschiedensten Ursachen, ideelle wie materielle, zurückführen lassen, z. B. moralische, religiöse, politische, ökonomische, klimatische, territoriale. Es wird noch viel zu wenig beachtet, und selbst Taine hat es nicht bis zu Ende gedacht, was Himmel und Erde, Luft und Licht, Landschaft und Witterung, Arbeit und Müßiggang, Reichtum und Armut, Freiheit und Knechtschaft aus der Menschenseele machen. Man verpflanze ein paar Millionen Britten nach Spanien und pferche sie in die katholische Kirche, und in 100 Jahren schon wird ihr Rassecharakter bis zur Unkenntlichkeit verwandelt sein; die Assyrer, Babylonier und Römer haben ja diese Art Politik an den Juden recht gründlich praktiziert. Aber auch im Gebiet seiner Heimat verändert der Mensch fortwährend den Erdboden, und der Boden rückwirkend ihn; wo einst Urwald war, ist heut Gartenland, oder wo Gärten waren, Wüste. Das geht freilich beträchtlich langsamer vor sich, als die seltene plötzliche Volksübersiedlung in ein ganz neues Wohngebiet; und da auf beständigem Heimatsboden auch die kulturelle Tradition beständiger bleibt, daher scheint das jeweilige Volksbedürfnis den Zeitgenossen so wunderbar urwüchsig, als stamme es von einem besondern, durchs Blut vererbten Rasseninstinkt. So mag denn mancher Stil in der Tat, obgleich auch er nur dem menschlichen Anpassungstrieb einiger weniger Künstler entsprang, einem alten Volksbedürfnis entsprechen. Ich sage absichtlich: mancher Stil, d. h. durchaus nicht all und jeder, der nachträglich eine populäre oder nationale Geltung erlangt. Denn in dem Kunstbedarf der Kulturnationen sind zwei sehr verschiedene Arten Kunst begehrt; da ist einerseits die große Masse — aber ich glaube, ich langweile Sie!
D. J. M. O bitte, wieso denn! Ich male ja. Und Ihr Mund sieht allemal sehr forsch aus, wenn Sie sich so für die Menschheit aufregen. Sie sollen mal sehn, Ihr Porträt wird gut.
D. D. D. Also einerseits, wollte ich sagen, die große Masse der allgemeinen Gebrauchsgegenstände, vom kleinsten Topf bis zum ganzen Wohnhaus: deren Formung unterliegt in der Tat mit ziemlicher Dauerhaftigkeit der populären Tradition. Und weil hier die Form ganz überwiegend von körperlichen Bedürfnissen abhängt, so mag dabei auch die physische Rasse einigermaßen merklich mitwirken, wenigstens in reinrassigen Völkern, oder wo vielleicht eine ältere Mischrasse noch die Oberhand hat über jüngeres Mischvolk, wie z. B. in Rußland und in Teilen von China. Ich freilich möchte auch das bezweifeln; denn wenn wirklich irgend eine Art Formtrieb auf spezifischem Rassetalent beruhte, dann wäre völlig unbegreiflich, wieso dieser Trieb in manchem Volk abstirbt, trotzdem die Rasse im Volke noch fortlebt. Wie kurzlebig war die Kultur der Hellenen, und doch gibt es heute noch griechische Bauern genug, deren Körperbau ganz den antiken Typ hat!
D. J. M. Blos leider mit türkischem Blut verkleistert! Und schließlich wird Jeder mal altersschwach.
D. D. D. Das sagt man ja freilich auch Völkern nach, und es würde vielleicht sogar ganz vernünftig sein, wenn wirklich jeder Grieche von heute schon als Greis aus dem Mutterleib käme. Aber dem Rassenelement soll doch seelische Urkraft innewohnen; und seit wann werden Urkräfte altersschwach? Der Kunsttrieb in einem Tizian ist erst zugleich mit ihm selber gestorben! Er hat mit 99 Jahren gewiß nicht mehr wie als Jüngling gemalt, aber gemalt hat er bis zuletzt.
D. J. M. Ja gewiß! Sehn Sie wohl! Was hab ich gesagt? Der war eben nicht vermuselmanscht!
D. D. D. Na, wer weiß! Venedig lag nicht so weit von den Harems. Und er soll ja, unter uns gesagt, ein halb Dutzend Gattinnen totgeliebt haben; mehr dürfte wohl auch kein Türke leisten! — Doch Spaß beiseite, und Schutt auf die Griechen! Aber die Araber und die Perser, die noch bis in die Renaissance hinein selbständige Kulturformen schufen und sich seitdem nicht mehr so reichlich wie früher mit anderen Rassen gekreuzt haben, sind heute gleichfalls barbarisiert. Es sind wirtschaftlich verlotterte Völker, infolge der Unzulänglichkeit ihrer humanen Ideale, denn die rächt sich stets auch sozialpolitisch. Solche Völker vermögen dann nicht einmal in den gewöhnlichsten Kunstgewerben ihre stilistische Tradition auf alter Höhe zu erhalten, geschweige daß sie die andre Art Kunst, die aus rein seelischen Bedürfnissen stammt, noch irgendwie schöpferisch betreiben. Und nun die Hauptsache: diese andre Art Kunst weist wiederum zwei durchaus verschiedene, zwar sinnlich vielfach verbundene, aber geistig ganz gesonderte Spielarten auf: die der Unterhaltung und die der Erhebung. Mag sein, daß die unterhaltenden Künste, die ja die eigentlich populären sind, noch Rückschlüsse auf die Rasse erlauben, zwar kaum des Künstlers, doch vielleicht seiner Kundschaft. Denn auch diese Künste wurzeln noch halb im Gewerbe, vom Volkslied der alten Bänkelsänger bis zum modernen Familienroman, vom Nationaltanz bis zur Salon-Akrobatik, vom Rüpelspiel bis zum ehrsamen Rührstück, vom ungeschlachten Jahrmarktsbild bis zum allerleckersten Eßzimmer-Stillleben. Sie hängen direkt vom Bedürfnis des Alltags ab, sie betreiben den Zeitvertreib als Geschäft, sie behandeln das sinnliche Leben als Selbstzweck, sie müssen gemeinverständlich sein, sie zielen mit einfachsten geistigen Reizen auf körperliche Erregungen, auf Augenweide und Ohrenschmaus, auf Zwerchfell- und Tränendrüsenkitzel, auf Herz- und Nieren- und Rückenmarksgruseln; also wird ihre Form wohl auch zum Teil von denselben Naturkräften mitbestimmt, die dem menschlichen Körper den groben Stempel einer beständigen Rasse aufdrücken.
D. J. M. Na, was Andres hab ich doch niemals behauptet!
D. D. D. Nun aber die freieren, reineren Künste, die ich vorhin die erhebenden nannte, weil sie höher hinauswollen als das sinnliche Dasein: was hat der Volkskörper damit zu schaffen? Er dient ihnen höchstens als Mittel zum Zweck; hier herrscht ganz und gar nur die Schöpfermacht der begeisterten und begeisternden Seele. Diese Künstler bewerben sich nicht um Volksgunst, sie betreiben das innere Wachstum der Menschheit. Da will der Geist die Nerven des Leibes nicht blos mit flüchtigen Reizen liebkosen, sondern innigst mit seinem Liebreiz befruchten, bis in die feinsten Gehirnzellenfasern, die kein Vivisektor je auskennen wird, weil immer noch welche nachwachsen werden. Da empfängt die Form kaum noch indirekt von der populären Tradition ihren Stil; denn das durch und durch Maßgebende ist da eben die befreiende Leidenschaft, die neues Menschentum schaffen will, dieselbe göttliche Leidenschaft, aus der auch die religiösen Visionen, die sozialen und nationalen Phantome, kurz alle Ideale entspringen. Sie tritt immer zuerst nur im Einzelgeist auf, ist nie und nirgends dem Volk gleich willkommen, muß überall erst im Kampf mit der Welt ihre rätselhafte Kraft erweisen, die an jedem Widerstand wächst und reift. Ja, sie stammt sogar aus dem Widerstand: aus dem Zwiespalt zwischen Mensch und Natur, den die Kultur überbrücken möchte, und der sich im schaffenden Einzelgeist als Konflikt mit den Masseninstinkten auftut. Oder meinen Sie etwa, daß Ihre Judith, an der Sie sich Jahrelang abgequält haben, sofort begeisterten Zuspruch fände, wenn Ihr verehrliches Publikum aus lauter koscheren Juden bestünde?
D. J. M. Gott der Gerechte! Dann doch schon lieber aus lauter gemischten ollen Hellenen.
D. D. D. Ja, die hättens Ihnen erst recht gesteckt; den Phidias wenigstens haben sie wegen Gottlosigkeit aus Athen weggegrault, und der Äschylos wurde so kujoniert, daß er ebenfalls ausgewandert ist. Die deutschen Schulmeister sind zwar der gütigen Meinung, daß jeder Spießbürger von Athen ein Zeitgenosse des Perikles war und begeistert in die Tragödie ging; er ging aber hin, weil’s Staatspflicht war, weil ihm das Eintrittsgeld ausgezahlt wurde, weil er den berühmten Obolus krigte, durch den ein paar raffinierte Patrizier die primitive Kirmeßbühne zur sozialpolitischen Anstalt entwickelten. Begeistert war man vielleicht für den Chortanz, für die bachantische Satyrposse, für die religiösen Prozessionen, und was sonst noch an festlichem Schaugepränge mit dem Drama seit Alters zusammenhing. Begeistert war man für alle Gymnastik, wie mans heute für Zirkus und Variété ist, oder in Spanien fürs Stiergefecht. Das Volk begeistert sich immer blos für panis et circenses von selbst; das war im antiken Athen und Rom ganz wie im modernen Paris und Madrid. Die Plebs will sich einfach delektieren; zwar möglichst variabel, doch immer simpel. Das Erhabene, wenn es nicht altersgrau war, beschmiß der athenische Bildungspöbel mit genau solchem kritischen Schnodderwitz, wie heute der berlinische; Beweis die Aristophanische Posse, die diesen Witz mit genialer Selbstironie in die poetische Sphäre erhob. Die Kunst des geläuterten Menschengeistes, die sich aus instinktiven Konflikten zu ästhetischen Harmonieen hinaufringt, liegt ursprünglich stets nur im Bedürfnis komplizierter Persönlichkeiten, schon dem Wesen der Motive nach; sie wird überall erst durch die Liebhaber dem Volksgeschmack allmählich vermittelt, und mit gründlichem Erfolg nur dann, wenn die Vermittler zur herrschenden Klasse gehören oder sonstwie in Amt und Würden sitzen, z. B. auf dem Schulmeisterthron. An Ihrer Judith hat sichs ja deutlich gezeigt; wer sieht denn da heute das geistige Pathos hinter der sinnlichen Attitüde? Selbst der gebildete Durchschnittskenner hat einstweilen noch keine leise Ahnung von dem allgemein menschlichen Wert dieser Geste; er besieht sich den naturalistischen Akt.
D. J. M. Ist mir ja ungemein schmeichelhaft alles; aber eigentlich muß ich ehrlich bekennen, ich hatte selber noch keine Ahnung davon. Ich denke beim Malen an nichts Allgemeines, ich will immer was ganz Besonderes machen. Sie sehn doch, ich zeichne hier Ihre Visage, und Sie reden das Blaue vom Himmel herunter. Kommt mir ja alles sehr gottvoll vor, und mein sogenannter Menschengeist denkt sich ja auch allerlei dabei; aber bilden Sie sich nun faktisch ein, davon soll was auf Ihr Porträt abfärben? Ich sage Ihnen, die Sorte Geist hat mir noch keinen Bleistiftstrich machen helfen!
D. D. D. Sie scheinen das sehr genau zu wissen. Aber Ihre Kohlenskizze da würde doch vielleicht etwas anders ausfallen, wenn ich hier stumm wie ein Fakir säße oder tragische Verse deklamierte.
D. J. M. Alles was recht ist: Sie döppen mich wirklich gut.
D. D. D. Man weiß nämlich nachträglich nie so genau, was man bei jedem Bleistiftstrich denkt. Ich habe Sie übrigens im Verdacht, Sie legen’s drauf an, sich döppen zu lassen; dann wäre also Ich der Gedöppte.
D. J. M. Ja, eigentlich gehts ja auf keine Kuhhaut, was einem beim Malen so durch den Grips geht. Ich hab’s auch wahrhaftig schon immer gesagt: ich pfeiff aufs Geschäft, ich bin Idealist!
D. D. D. Das ist wohl schließlich jeder Künstler, und sogar jeder echte Kunsthandwerker, auch wenn er nicht so laut pfeifen kann. Und das allein schon beweist zur Genüge, wie wenig im Grunde das Talent mit einer bestimmten Rasse zu tun hat. Der Rasseninstinkt, wenn er ehrlich ist, hat ja nicht das mindeste Interesse an irgend einem Ideal, das über die Reinrassigkeit hinausgeht; das ist ihm ja gradezu gefährlich. Selbst schon das nationale Ideal, das sich vielleicht noch am ehesten auf primitive Instinkte stützt, muß seinem politischen Wesen nach von Hause aus darauf bedacht sein, sich mit mehreren Rassen abzufinden; denn es gibt kein einziges Staatsgebilde, dessen Volkskörper nicht aus wenigstens zwei verschiedenen Stammvölkern aufgebaut ist, aus Eroberern und Unterworfenen. Und nun gar die humaneren Ideale; die entstehen doch eben aus der Sehnsucht, uns über die rohen Zwangsgewalten der Naturinstinkte hinwegzusetzen, und diese Sehnsucht stak schon im simpelsten Schnörkel, mit dem der Urmensch an seinem Beilgriff oder am Rand seines Trinkgefäßes den Zweck der Notdurft verkleidete. Wenn man also unsern höchsten Kulturprodukten wirklich noch Rassenelemente als Formkräfte unterlegen wollte, dann könnten es immer nur Mischungsverhältnisse sein, die grade den harmonischen Stil in die originale Manier hineinbrächten. Denn nur aus vielfachen Blutmischungen ließe sich allenfalls die Zeugung jener komplizierten Temperamente erklären, die überhaupt das Bedürfnis empfinden, die Dissonanzen, Kontraste und Konflikte ihres persönlichen Seelenlebens um der Menschheit willen zu harmonisieren. Das gilt sogar von dem populärsten, dem ökonomischen Idealismus, den man heute speziell den sozialen nennt; auch dessen Formen und Reformen sind ursprünglich immer nur Hirngespinnste von einigen wenigen Menschenfreunden, die das Volk bekanntlich zu kreuzigen pflegt, bevor es sie vergöttern lernt. Und wer hat denn die nationale Idee, die von Bismarcks Gnaden realisiert und dann von seinen Kreaturen zur patriotischen Phrase verpöbelt wurde, dem deutschen Michel eingetrichtert? Etliche edle Brauseköpfe des europäischen Völkerfrühlings, ein paar Poeten, Philosophen und Legislatoren, durch den Tyrannen Bonaparte zu glühender Freiheitsliebe erregt, die von den hohen Obrigkeiten so rasch wie möglich abgekühlt wurde, während der sogenannte Volksgeist von selber kalte Füße krigte! Lesen Sie nur nach, wie die Kleist und Arndt, die Fichte und Schleiermacher, die Jahn und Görres ihre Hoffnungen auf Deutschland zu Grabe trugen, wie die Scharnhorst und Gneisenau Undank ernteten, wie selbst der Freiherr vom Stein und Blücher um den Sinn ihrer Taten betrogen wurden! Oder wenn Sie noch mehr Beweise wünschen —
D. J. M. Nein, Gott soll schützen, ich schwitze schon! — Und überhaupt: ich bin nämlich fertig. Die Skizze ist wirklich gut geworden. Wenn Sie erlauben, möcht ich jetzt einpacken.
D. D. D. Na, darf man sie denn nicht erst mal sehen?
D. J. M. Ja, wenn sie fertig ist, wissen Sie! Ich wollte blos sagen: für heut bin ich fertig. Wenn Sie wieder mal herkommen, mach ich sie weiter. Sie ist wirklich nicht schlecht; Sie können mirs glauben! — Na, wenns sein muß: bitte, treten Sie näher! —
D. D. D..... Da scheint unsre Disputation aber doch etwas heftig abgefärbt zu haben. Ich sehe ja aus wie’n Federvieh, das Ihr Teckel zwischen den Zähnen gehabt hat. Aber ich sag’s ja: schließlich bin Ich der Gedöppte.
D. J. M. Ja, nicht wahr? da merkt selbst ’n Kaffer die Rassenmischung! — Man kann’s auch von weiter weg besehn. „Is ’ne Nummer“, wie sie im Zirkus sagen; der reine „Kraftmélange-Akt“!
D. D. D. Mir deucht aber: mehr Mélange als Kraft. Sie wollen’s wohl in den Papierkorb packen?
D. J. M. Was? Wieso denn? Sie sind wohl nicht von hier, mein Herr?! Das verkauf ich an irgend ein Museum! Sie sollen mal sehn, Sie deutscher Dichter: wenn Sie erst in der Nationalgalerie hängen!
D. D. D. Nein, im Ernst: die Skizze scheint mir wirklich mißglückt. Sie haben zuviel an mein Geschwätz gedacht.
D. J. M. Ach ja richtig, Sie sind ja nicht fürs Nationale. Und nun denken Sie einfach, ich mache Spaß, weil Sie meinen, ich sei ein Franzosenschüler!
D. D. D. So einfach pflege ich nicht zu denken.
D. J. M. Na, oder ein allgemein menschlicher Jude! Ich habe doch ziemlich deutlich gehört, daß Sie aufs Nationale pfeifen.
D. D. D. Da haben Sie ziemlich vorbeigehört.
D. J. M. Nanu? Sie haben doch deutlich gesagt —
D. D. D. daß die Nation keine Kunst erzeugt. Damit ist doch aber durchaus nicht geleugnet, daß die Kunst nationalen Charakter annehmen kann. Selbst der weiseste Künstler bleibt der Narr seines Mitgefühls.
D. J. M. Die Logik ist mir etwas zu kringlig.
D. D. D. Nun, es ist doch dieselbe Leidenschaft, dieselbe schöpferische Begierde, derselbe göttliche Sinn oder Wahnsinn, woher die Menschennatur kulturelle Ideen und die Volksmasse nationale Tendenzen empfängt, überhaupt alle irgendwie universalen Illusionen und Phantasmen. Es ist immer wieder die ewig gleiche, Ungleiches einende Einbildungskraft, die auch im Kunstwerk dem Einzelwesen harmonischen Allgemeinwert verleiht; nur die Intressensphären liegen verschieden. Warum sollten sich die aber nicht berühren können und unter Umständen miteinander verbinden? Vielleicht ist sogar zu gewissen Zeiten die eine der andern Nothelferin. Wenigstens zeigt die Geschichte der Menschheit, daß immer, wenn in den rührigsten Völkern neue humane Ideale entstehen, daß dann zugleich auch die nationalen am ungestümsten aufbegehren; womit ich natürlich nicht sagen will, daß das nun ewig so bleiben muß.
D. J. M. Und da denken Sie also, die beiden Aale verwickeln sich so mit den Schwänzen zusammen, daß der Mensch die göttliche Sehnsucht krigt, einen einzigen Aal draus zu phantasieren?
D. D. D. Nein, so verwickelt denken wahrscheinlich blos Bandwürmer.
D. J. M. Na, wovon krigt man denn aber den dollen Gieper auf so’was allgemein Göttliches? Irgendwovon muß der doch kommen!
D. D. D. Ja, da müßten Sie mir schon wirklich erlauben „das Blaue vom Himmel herunter zu reden“. Von der Rasse kann doch wohl lediglich der Gieper auf allgemein Tierisches kommen; und von irgend sonstwelchen Formationen der irdischen Materie, ob’s nun klimatische Ortsumstände oder soziale Zeitumstände sind, werden Sie diese ewige Sehnsucht nach harmonischer Umformung der Natur erst recht nicht hinreichend ableiten können. Wenn sich die überhaupt noch logisch ergründen und mechanisch begreifen läßt, dann müssen wir schon den mystischen Äther der Herren Physiker psychisch ausdeuten: unsre Abstammung von der Sonnenmaterie, die rhythmodynamische Struktur der kosmischen Centralsysteme, die sogenannte Harmonie der Sphären, den Einfluß der schwingenden Sternenwelten auf unser eigenes kleines Gestirn, all die bewegten siderischen und planetarischen Konstellationen, die bis in den Erdball hinein vibrieren und sich als wechselnde Innervationspotenzen, als beseelende und begeisternde Kräfte, den Erdbewohnern einverleiben. Oder halten Sie’s etwa für Aberglauben, daß immer, wenn sich die Menschenwelt zu erhabenen Kraftanstrengungen aufrafft, zu Völkerwanderungen, Staatsumwälzungen, Befreiungskriegen, Entdeckungsfahrten, Glaubenskämpfen und andern Kulturekstasen, daß dann immer zugleich auch in der Naturwelt gewaltige Katastrophen ausbrechen, Erdbeben, Springfluten, Wirbelstürme, Heuschreckenschwärme, mikrobische Epidemieen, vulkanische Eruptionen und dergleichen, begleitet von seltsamen Himmelserscheinungen, ungewöhnlichen Meteoren, Kometen, Nordlichtern, Sonnenfinsternissen?!
D. J. M. Da’s faktisch so ist, wird’s wohl so sein. Es rumort ja auch jetzt wieder allenthalben.
D. D. D. Und also wird sich wohl auch kein Künstler, selbst wenn er’s mit stärkstem Eigensinn wollte, den jeweils zeitbewegenden Kräften, die sich als Ideale äußern, entziehen oder verschließen können. Und wenn in unserer ebenso stark nationalen wie internationalen Epoche ein schöpferischer Geist auf dem norddeutschen Weltteil mit seiner reichsdeutschen Staatsbürgerhand allgemein-menschliche Werte malt, und zwar aus rein malerischer Lust zur Sache: dann ist er nicht blos ein wertvoller Maler, sondern zugleich, auch wenn er ein Jude ist und in Paris auf die Schule ging, einer der reinsten deutschen Künstler, die sich je in der Nationalgalerie aufhängen ließen.
Der Jüdische Maler: Na sehn Sie, das freut mich! Und offen gesagt: das hab ich von Ihnen blos hören wollen!
Der Deutsche Dichter: Oh meine Ahnung! Ich Michel! Sie Schurke! — Das soll wohl heißen, der Mohr kann gehen?!
Der Maler: Blos, er muß versprechen wiederzukommen! Und das nächste Mal, da mal’ich ihn besser.
Der Dichter: Und ich singe ein Loblied aufs Rassige...
Die Menschenfreunde
Drama in drei Akten
Zweite Ausgabe
Copyright 1917 S. Fischer, Verlag.
Personen:
Christian Wach, ein Multimillionär.
Justus Wach, sein Vetter, Kriminalkommissar.
Die alte Anne, Wirtschafterin bei Christian.
Ein Geheimer Sanitätsrat.
Ein Oberbürgermeister.
Ein Oberregierungsrat.
Ein Regierungspräsident.
Ein Minister.
Alle männlichen Personen treten in schwarzem Gehrock auf, die Wirtschafterin in schwarz-und-weißer Schwesterntracht. Der Dialog hat langsames Tempo.
Zeit:
Sommer, Herbst, Winter 1913,
alle drei Akte vormittags.
Ort:
Empfangszimmer bei Christian Wach.
Sehr einfach ausgestattet, fast dürftig, mit altmodischen Möbeln. Nirgends Spiegel noch Bilder; nur in der Mitte der Hintergrundswand, über einem halbhohen Bücherbord, hängt das Porträt einer älteren Dame mit hageren Zügen und auffälligen Augen, lebensgroße verblaßte Photographie. Links im Hintergrund Eingangstür, vorn ein schlichter Kamin mit Standuhr. In der Seitenwand rechts ein Fenster mit verschossenen Vorhängen; daneben ein Lehnstuhl aus dunklem Korbgeflecht und ein kleiner Lesetisch. In der Mitte des Zimmers ein größerer runder Tisch mit drei Stühlen aus dunklem Holz. Rechts und links immer vom Zuschauer aus.
Erster Akt
Christian Wach
(sitzt lesend am Fenster, von der Vormittagssonne beglänzt)
— — Also auch der Galneggy hat seine Milliarde mit Menschenschinderei erworben — eh er Millionen verschenken konnte — (nickt vor sich hin und klappt das Buch zu) — schauerlich! — —
Die alte Anne
(tritt ins Zimmer, einen hellroten Rosenstrauß in der einen Hand, in der andern eine weiße Serviette und schlichte blaue Glasvase)
So, Herr Christian, wenn Sie auch schelten, ich gratuliere zum fünfzigsten Geburtstag. Kostet nur dreißig Penning bitte; der ganze Markt war voll Bauernrosen, ich konnt der Sommerfreude nit widerstehn, und dem erquickenden Geruch. (Sie legt die Serviette auf den Tisch, setzt die Vase mit dem Strauß darauf.) Nun machen Sie mal ein helles Gesicht, wie sich’s gehört zu den schönen Blumen und dem Geburtstagssonnenschein!
Christian
(ist aufgestanden und hat das Buch in den Wandbord gestellt)
Ich danke dir, Anne, du meinst es gut; aber du weißt, mich peinigt solche Verschwendung. Für die dreißig Pfennige hättest du besser einem Bettelkind etwas zu essen gekauft.
Anne
Ja, das hätt sich wohl mehr gefreut als Sie. Ach, Herr Christian, geb Ihnen Gott ein bißchen Kindersinn zurück! Dann würden Sie bald auch wieder gesund werden.
Christian
(unruhig hin und her, Kopf gesenkt, Hände auf dem Rücken, in der Erregtheit zuweilen stotternd, aber stets mit Zurückhaltung)
Lala-laß das Gerede, ich bin nicht krank; ich spüre blos, daß ich alt werde.
Anne
Weil Sie nicht auf mich hören, Sie junger Mann. Mich drücken meine Jahre nicht; und könnt doch fast Ihre Mutter sein, mit meinen beinah sechsundsechzig. Nehmen Sie sich ein Kind ins Haus, wenn Sie durchaus keine Frau nehmen wollen!
Christian
Bist doch auch ledig geblieben, alte Anne.
Anne
Ich — was wissen denn Sie davon? Blos daß mich leider keiner heiraten wollt, mit meinem Huckepack auf’m Rücken; da hab ich halt Kinder und Kranke gepflegt.
Christian
Dein Rücken ist nicht viel krummer als meiner. Was siehst du mich wieder so auffällig an?!
Anne
Ja, nehm Ihnen Gott Ihren Huckepack von der Seele —
Christian
(heftig)
Lala-laß mich in Ruhe mit deinem Gott! (sich bezwingend) sein Reich ist nicht von dieser Welt. — (Nach dem Porträt hinüberdeutend) Geh, stell den Strauß da auf den Sims.
Anne
Was! meine Rosen da unter das Bild?
Christian
Geh, tu mir die Liebe, ich bitte dich.
Anne
Neun Jahre liegt sie nun unter der Erde, und immer noch spukt sie Ihnen im Hirn, als hätten Sie Angst vor ihrem geizigen Blick. Das ist ja Narrheit, Herr Christian!
Christian
Nein, das ist Dankbarkeit, Anne, versteh doch! Du weißt, ich habe seit Tante Brigittens T-Tod über das menschliche Elend nachdenken lernen; und wenn ich nun die v-vielen Millionen, die sie mir hinterlassen hat, nicht grade in ihrem sparsamen Sinne verwende.
Anne
Gott sei Dank —
Christian
dann muß ich ihr doch tatsächlich im stillen gewissermaßen Abbitte leisten; sozusagen als ihr Scha-Schuldiger, wie’s im Vahaha-haterunser heißt.
Anne
Spotten Sie nicht, Herr Christian! Und meinen Rosenstrauß stell ich nicht da hinüber. Hab ihn auch garnit blos Ihnen zulieb gekauft. Wenn nachher die Herrn gratulieren kommen
Christian
Was soll das heißen! ich hab dir ausdrücklich gesagt, daß du niemand vorlassen sollst!
Anne
Doch nur die Herren von der Regierung; die kann man doch nit vor den Kopf stoßen. Und dann muß es hier doch ein bißchen freundlich aussehn. Auch ein Fläschchen Tokayer hab ich noch mitgebracht; man muß doch ein Gläschen Wein anbieten.
Christian
(mit dem Fuß aufstampfend)
Du wirst mich w-wirklich noch krank machen, Anne! Du trägst die Faffa-Falasche zum Krämer zurück! (Da Anne Miene zum Widerspruch macht) Du trägst sie zurück! ich will’s, sag ich dir!
Anne
Wenn ich Sie damit beruhigen kann —?
Christian
(wieder durchs Zimmer wandernd)
Wenn ich mir selber keinen W-Wein spendiere, bin ich dem Bürgermeister auch keinen schuldig! — Kannst die Flasche aber für Dich dabehalten. Hast wenig genug vom Leben bei mir.
Anne
Ihr gutes Herz in Ehren, Herr Christian; ich hab noch nichts entbehrt bei Ihnen. Aber trotz all Ihrer Wohltätigkeit: manchmal scheint’s fast, die selige Tante hat Ihnen auch was von ihrem Geiz vererbt.
Christian
Scheint’s fast? Ha-hat sie? Was scheint dir denn sonst noch?
Anne
Wenn ich denk, wie Sie früher mitteilsam waren! Der Herr Sanitätsrat ist auch der Meinung: wenn Sie ab und zu ein Gläschen sich gönnen wollten, das würd Sie wieder umgänglich machen. (Auf die Bibliothek weisend) Ihre Bücher machen Sie blos immer menschenscheuer; Sie sprechen ja manchmal Tagelang kein überflüssiges Wörtchen mehr.
Christian
Also meine einzige Freude gönnst du mir nicht; die l-letzte, die ich mir noch erlaube!
Anne
Aber nein, wie Sie reden — ich mein doch blos: Sie holen sich keine Freude draus. Über Büchern läßt man den Kopf hängen; man holt sich blos seine eignen Grillen draus.
Christian
(wieder aufstampfend)
Schweig! — Schweig, sag’ ich dir, ich hab genug! — Ich hab mir das l-l-längst schon selber gesagt; ich werde morgen die Bücher verkaufen.
Anne
Aber liebster bester Herr Christian!
Christian
Ich werd’s, sag ich dir!
Anne
Jaja doch, gewiß doch. Aber bitte, lieber Herr Christian, quälen Sie nicht mich dumme Person; nehmen Sie mir zuliebe Ruh an! Kommen Sie, setzen Sie sich in den Lehnstuhl; rennen Sie nicht so herum immerfort. Glauben Sie mir, ich kenn Ihre Nerven; wozu war ich denn Krankenschwester.
Christian
Du sollst mich nicht so a-ansehn, Anne!
Anne
Kommen Sie, sein Sie nit so verbiestert — der Herr Sanitätsrat hält’s auch nit für gut — (nötigt ihn währenddem in den Korbstuhl). So, jetzt hole ich Ihnen ein Buch — (draußen elektrisches Klingelzeichen). O schad, da sind die Herren wohl schon — nehmen Sie Ruh an, Herr Christian — (ab nach links) —
Christian
(allein)
— — Schauerliche Komödie — —
Anne
(läßt zwei Herren eintreten)
Bitte, Herr Oberbürgermeister — bitte, Herr Oberregierungsrat — (dann wieder ab.)
Christian Wach
(hat sich erhoben, weist auf die Stühle am Mitteltisch)
Willkommen, meine Herren, nehmen Sie Platz; was verschafft mir die ungewöhnliche Ehre?
Bürgermeister
(stehen bleibend)
Die Ehre liegt ganz auf unserer Seite, verehrter Herr Kommerzienrat.
Regierungsrat
(ebenso)
Heute tatsächlich auf unsrer Seite; tatsächlich, Herr Kommerzienrat.
Bürgermeister
Ich habe den angenehmen Auftrag, Ihnen im Namen der Bürgerschaft und der übergeordneten Ratspersonen die ergebensten aufrichtigsten Glückwünsche zu Ihrem fünfzigsten Jahrestag auszusprechen. In der festen Hoffnung, daß es Ihnen, hochzuverehrender Herr Kommerzienrat, noch Jahrzehnte lang beschieden sein werde, Ihre gemeinnützige Gesinnung mit unverminderter Kraft zu betätigen, und um die Dankbarkeit öffentlich kundzutun, mit der wir zu dem selbstlosen Menschenfreund aufblicken (Christian Wach zuckt merklich zusammen, stützt sich auf die Stuhllehne rechts des Tisches) — zu dem Stifter sovieler Wohlfahrts- und Bildungs-Anstalten —: haben wir einstimmig beschlossen, Sie am heutigen Tage zum Ehrenbürger unserer Haupt- und Residenzstadt zu ernennen. In Rücksicht aber auf Ihre bekannte Abneigung gegen persönliche Celebrationen, glaubten wir Abstand nehmen zu sollen von den üblichen Förmlichkeiten, und ich erlaube mir deshalb, die Ernennungsurkunde hiermit in denkbar einfachster Form zu Ihren Händen gelangen zu lassen. (Er überreicht ihm eine Rolle und schüttelt ihm gewichtig die Rechte.)
Regierungsrat
Im Namen nicht nur der Regierungsorgane, sondern auch Seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs, darf ich Sie, Herr Kommerzienrat, als Erster zu dieser Ernennung beglückwünschen. Seine Königliche Hoheit haben zugleich geruht, Ihnen in Anerkennung Ihrer Verdienste um das allgemeine Wohl den Kronenorden der obersten Klasse mit der Kette zu verleihen. Sie wissen, wieviel Aufmerksamkeit unser gnädiger Herr den sozialen Bestrebungen widmet, und daß es mehr als eine Förmlichkeit ist, wenn jemand in unserem Staatswesen einen solchen Ansporn zu weiterer Betätigung seiner Menschenfreundlichkeit empfängt. (Er überreicht ihm ein Kästchen und verneigt sich.)
Christian Wach
Meine Herren, ich danke untertänigst. Ich fühle mich in Wahrheit beschämt und b-bitte es als einen Beweis meiner Ergriffenheit anzusehen, wenn ich diese hu-hu-huldvollen Ehrenzeichen vor dem Bilde derjenigen Person niederlege, auf deren wirtschaftliche Tüchtigkeit ich meine sogenannten Verdienste zurückführen muß — (er legt beides auf den Bücherbord unter das Porträt). M-M-Menschenfreunde sind wir wohl alle nur, soweit es unsre Selbstsucht zuläßt; und was bedeutet ein bißchen Wohltäterei in der ungeheuren W-Wüste des menschlichen Elends! Sie hat höchstens den Wert eines Grashälmchens, an das sich die Hoffnung klammern kann, daß mehr Haha-Halme nachwachsen werden.
Regierungsrat
Also ein vorbildlicher Wert, der immer weiter und höher zunehmen kann, und somit der höchsten Beachtung aller Strebsamen würdig.
Christian Wach
(sich wieder auf die Stuhllehne stützend)
Ich verstehe, Herr Oberregierungsrat — und das wird mir ein Ansporn, wie Sie gütigst sagten, zu weiterer Betä-tä-tätigung sein; obgleich die unverminderte Kraft, von der Sie, Herr Oberbürgermeister, mit Ihrer bekannten Freundlichkeit sprachen, leider an die selbstsüchtigen Schranken meiner angegriffenen N-N-Nerven gebunden ist. Bitte, wollen wir uns nicht setzen?
Bürgermeister
In Rücksicht auf Ihre werte Gesundheit möchte ich meinerseits vorziehen, mich jetzt ergebenst zu empfehlen; nicht ohne dem herzlichen Wunsche Ausdruck zu geben, daß es Ihnen bald wieder vergönnt sein möge, an den geselligen Freuden Ihrer Mitbürger einigermaßen teilzunehmen. Ich habe im Anschluß an die Sitzung, in der wir Ihre Ehrung beschlossen, die Gelegenheit wahrgenommen, einen neuen Verein zu gründen, der alle wohlgesinnten Elemente unserer strebsamen Landeshauptstadt allmählich konsolidieren soll: die Gesellschaft der Menschenfreunde! Ich gebe mich der Hoffnung hin, auch Sie, verehrter Herr Ehrenbürger, demnächst als Mitglied begrüßen zu dürfen.
Christian Wach
Außerordentlich schmeichelhaft. Aber verzeihen Herr Oberbürgermeister: meine N-Nerven erlauben mir wirklich nicht, an solchen m-menschenfreundlichen Sitzungen mit der nötigen Ausdauer teilzunehmen.
Bürgermeister
Nun, wenn auch nicht im Augenblick, es wird uns jederzeit aufrichtig freuen, einen so würdigen Mitbürger in unserem Bunde willkommen zu heißen. Und deshalb bleibt es mein inniger Wunsch, der allseits mitempfunden wird, Ihre baldige Wiederherstellung im engeren Kreise feiern zu können. (Er schüttelt ihm abermals die Hand.)
Regierungsrat
Ich schließe mich diesem Wunsche an, unbeschadet der hohen Achtung, die Ihre stoischen Lebensgrundsätze jedem eifrigen Staatsbürger abnötigen. (Er verneigt sich.)
Christian Wach
(die Herren zur Tür geleitend)
Ich danke ebenso aufrichtig, meine Herren, und wiederhole die ehrer-b-bietige Bitte, auch bei den zuständigen Stellen meinen Dank auszurichten. Ich werde wiegesagt bestrebt sein, mich in der „allseits“ gewünschten Weise nach wie vor zu betä-hä-hä-hätigen. (Er verneigt sich gleichfalls und schließt die Tür hinter ihnen, setzt sich dann matt an den Mitteltisch) — — Grauenhaft — — (Er nickt vor sich hin, blickt zu dem Porträt empor) Du rächst dich gut — — (Es klopft, er schrickt auf) —
Die alte Anne
(behutsam näher tretend)
Es ist noch jemand draußen, Herr Christian.
Christian
Was soll das! Untersteh dich nicht —
Anne
(verhalten)
Der Herr Justus! Er wollt sich nicht abweisen lassen.
Christian
Was! Vetter Justus? der Leu-te-tenant?
Anne
(wie vorher)
Ja. Das heißt: er ist doch jetzt Polizeikommissar — (sie drehn sich beide prall um, da die Tür aufgeht) —
Justus Wach
(tritt gelassen ein, mit einer Aktenmappe unterm Arm)
Du mußt mir schon einmal erlauben —
Christian Wach
(während Anne beklommen hinausgeht und die noch offene Tür wieder schließt)
Du bist mir natürlich durchaus willkommen —
Justus
(lächelnd)
So? — Ich erhebe nicht den Anspruch.
Christian
Nun, dann ist deine Aufrichtigkeit mir willkommen. Offne Arme kannst du wohl nicht erwarten, nachdem du damals unsern Verkehr, unser verwandtschaftliches Band, um Geldes willen zerschnitten hast.
Justus
Meinst du? — Aber du erlaubst wohl, daß ich mich setze. (Er nimmt Platz auf dem linken Stuhl, legt die Mappe auf den Tisch.)
Christian
Aber natürlich; b-bitte höflichst. (Sich gleichfalls setzend) Fühle mich heute auch etwas matt; ein außerordentlich warmer Tag.
Justus
Und obendrein deine Ehrenlast. Alle Zeitungen sind ja wieder des Lobes voll. Wird dir allmählich wohl doch etwas drückend?
Christian
Darf ich lieber fragen, w-was dich zu mir führt?
Justus
O, traust du mir also garnicht zu, daß ich blos die uneigennützige Absicht habe, dir auch mal wieder zu gratulieren, dem musterhaften Menschenfreund, der mich Schuldenmacher dazu gebracht hat, den schrecklichen bunten Rock auszuziehen und ein nützlicher Mitmensch in Schwarzgrau zu werden? — (Seine Hand auf die Mappe legend) Wirklich, ich habe jetzt allen Grund, der rühmlichen Betätigung deiner Nächstenliebe dankbar zu sein.
Christian
Bitte, laß das; mir sind diese Phrasen peinlich.
Justus
Mein Lieber, ich kenne deine Art Ehrgeiz. Du hast schon als Schuljunge Äpfel gestohlen, obgleich du dir aus Äpfeln nichts machtest, blos um uns Freunde damit zu begönnern und dich an deiner Großmut zu weiden; vielleicht auch an deiner Kühnheit und Schlauheit, denn erwischen ließest du dich ja nie. Ich habe dich schon damals durchschaut.
Christian
So? — Meinst du? (Lächelnd) Nun, vielleicht hast du Recht. Aber inzwischen wirst du wohl auch ein A-A-Andrer geworden sein.
Justus
Ja, seit neun Jahren ungefähr; dank deiner Betätigung wiegesagt.
Christian
Und hast du dich wirklich nun ausgesöhnt mit deinem b-bürgerlichen Beruf?
Justus
(legt lächelnd wieder die Hand auf die Mappe)
Ja, seit einem Monat etwa vollkommen. Und einigermaßen auch früher schon. Was blieb mir schließlich denn andres übrig; Schulden konnt ich doch keine mehr machen, nachdem du die ganze Erbschaft mir weggefischt hattest, kurz bevor ich zum Hauptmann aufrücken sollte.
Christian
Nun, ich habe a-auch nicht das werden können, wonach ich als Jüngling Verlangen trug; Geld hatte ich ja von Hause aus noch weniger zu erwarten als du. (Auf seine Bücher hinüberweisend) Du weißt sehr gut, wie ich drauf brannte, die Sta-taatswissenschaften zu studieren, Sozialpolitik, Nationalökonomie, und es sogar ein paar Semester lang durchhielt; bis Tante Brigittens harter Kopf mich zwang, mir als B-Bankbeamter mein Brot zu verdienen.
Justus
Ja, du warst ihrer Begönnerung würdig. Ich hab ihr die Faust unters Kinn gehalten, als sie ihren Mann zu Tode gepeinigt hatte und ihn dann einscharren ließ wie einen Bettler, den reichsten Grubenbesitzer des Landes; du zogst es vor, ihr die Krallen zu streicheln.
Christian
Sie hat sich selbst noch viel mehr gepeinigt; du solltest nicht über Handlungen urteilen, für die dir jedes M-Mitgefühl mangelt. Und notabene: auf ihr Testament konntest du doch im Ernst wohl nicht rechnen, nach deiner Gleichgiltigkeit — ge-l-linde gesagt — bei ihrem lalala-langen Krankenlager.
Justus
Nein, zum Erbschleicher war ich mir allerdings zu schade. Seit wann stotterst du übrigens?
Christian
(ist vom Stuhl aufgefahren)
Ich ver-b-bitte mir deine Brutalitäten! — (Sich bezwingend) Denkst du, es war mir ein Vergnügen, die Launen der alten ge-l-lähmten Person zu ertragen? ihre Heftigkeit, ihre Wutanfälle? dreizehn Jahre lang, Tag für Tag!
Justus
(lächelnd)
Nein, das denke ich keineswegs — bei deiner Art Menschenfreundlichkeit.
Christian
(fängt wieder an durchs Zimmer zu wandern)
Und deine Schulden hätt ich dir gern bezahlt, wärst du damit zufrieden gewesen, statt mir Millionen abpressen zu wollen, für die ich b-bessere Anwendung wußte. Bin auch jetzt noch bereit dazu, falls du nicht blos gekommen bist, um mir aufs B-Butterbrot zu streichen, daß du dich selber seit einem Monat von deinen Gläubigern befreit hast; (lächelnd) das wolltest du doch wohl andeuten.
Justus
Nein. Aber ich danke für Gnadenbrocken von deinem Butterbrot, werter Vetter.
Christian
Ja, wozu reibst du dich dann an mir? Und worauf bist du eigentlich neidisch? — Was ha-habe ich denn von all meinem Reichtum? Hat er mich etwa davor bewahrt, v-vorzeitig graue Haare zu kriegen? Ich lebe wie ein Mönch in der Wüste, und trotzdem ist mein M-Magen krank, meine Milz beklommen, mein H-Herzschlag verhaspelt, meine Nerven von Schlaflosigkeit zerrüttet —
Justus
Dein Gehirn von Gewissensbissen zerfressen —
Christian
Deinetwegen? — (Stehen bleibend) Du dauerst mich —
Justus
(steht nun gleichfalls auf, tritt dicht an Christian heran)
Solltest du nie befürchtet haben, daß ein gewisser Brief entdeckt werden könnte? —
Christian
(weicht unwillkürlich etwas zurück — dann spottkalt)
Ah, Herr Polizeikommissar —
Justus
In der Tat — das ist mein Beruf — mit dem ich mich jetzt vollkommen ausgesöhnt habe — seit einem Monat wiegesagt, als ich in einer auswärtigen Chemikalienfabrik — (er unterbricht sich, greift nach der Mappe) — aber wollen wir uns nicht wieder setzen? an diesem „außerordentlich warmen Tag“? — (er nimmt Platz, während Christian stehen bleibt und sich fest auf eine Stuhllehne stützt, die er bei dem Wort „Chemikalienfabrik“ umklammert hat) — also als ich in einer Chemikalienfabrik einen ungetreuen Buchhalter festnehmen sollte und bei Durchsicht der Bureaupapiere zufällig einen Geschäftsbrief fand, worin ein gewisser Christian Wach, laut seiner aufgedruckten Adresse angeblich Apothekenbesitzer, eine Partie Medikamente bestellt hat, darunter auch einige heftige Gifte, etwa fünf Wochen vor dem Tode (auf das Porträt weisend) seiner teuren Erbtante Brigitte. (Wieder die Hand auf die Mappe legend) Hier hab ich das menschenfreundliche Schriftstück.
Christian
(lächelnd)
Sehr verbunden für dieses Geburtstagsvergnügen, auf das du dich also vier Wochen lang in aller Stille prä-pa-pariert hast.
Justus
Ja, zufällig ungefähr ebenso lange, wie du dich vor genau neun Jahren auf Dein Geburtstagsvergnügen „präpapariert“ hast.
Christian
Ja, es gibt spaßhafte Zufälle — (es klopft) —
Die alte Anne
(tritt ein und meldet)
Der Herr Geheime Sanitätsrat —
Sanitätsrat
(ihr ohne Umstände folgend)
Ja, Ihrem alten Hausfreund dürfen Sie nicht verwehren, Ihnen heute die Glückshand zu schütteln, verehrter Ehrenbürger und Ritter vom Kronenorden! — (Überrascht) Aber was seh ich? ist’s möglich? Herr Justus! — Pardon, Herr Leutnant, die alte Gewohnheit. Haben sich also zur Feier des Tages endlich ausgesöhnt mit dem reichen Herrn Vetter?
(Anne blickt forschend von einem zum andern.)
Justus
(ist aufgestanden, immer eine Hand auf der Mappe)
Schon möglich, Herr Geheimrat; zur Feier des Tages.
Sanitätsrat
(ihm die Rechte schüttelnd)
Na, das freut mich, freut mich; edel sei der Mensch! Haben schließlich doch wohl Respekt gekrigt (mit Verneigung zu Christian hin) vor der segensreichen Betätigung.
Christian
(aufstampfend)
Kommen Sie auch noch angequäkt mit dieser verfluchten (absichtlich) Be-täterä-tätigung? Das ist ja wirklich zum Krämpfekriegen! Wie kann ein Mensch mit etwas Geschmack dies Schandwort auf die Zunge nehmen! diesen A-Anschmierer-Ausdruck für alles Getue, das den Namen Tat nicht verdient!
Sanitätsrat
Aber mein lieber Kommerzienrat, was haben Sie denn, was erregen Sie sich? Denken Sie bitte an Ihre Nerven! Kommen Sie, setzen wir uns gemütlich, und geben Sie mir mal endlich die Hand! (Es geschieht, und auch Justus setzt sich.) So — ja aber, Sie zittern ja, als ständen Sie im Staatsexamen. Und was ist denn los mit Ihren Pupillen? Da muß ich doch gleich mal Reflexprobe machen. Schwester Anne, holen Sie mal einen Spiegel.
Anne
(hat inzwischen die Vase mit dem Rosenstrauß unter das Porträt gestellt)
Aber nein, Herr Geheimrat wissen doch: der Herr Kommerzienrat will keine Spiegel um sich.
Sanitätsrat
(sich an die Stirn tippend)
Ja so — jawohl — Moralpsychose; hypochondria stoica sozusagen. Na, werde mal morgen genauer vorsprechen, bringe dann meine Lupe mit; die wird Ihrem strengen Gewissen nicht wehtun, Sie geschworener Feind aller Eitelkeit! — Was sagen Sie denn zu der neuen Gesellschaft, die der Bürgermeister zusammentrommelt? Mich hat er natürlich auch breit geschlagen; na, ein bißchen Menschenfreund ist ja Jeder.
Christian
Ich meinesteils bin nicht für Trommelreklame.
Sanitätsrat
Ja, Sie können sich’s leisten, drauf zu pfeifen. (Aufstehend) Dann also bis morgen, werter Freund; muß jetzt weiter zu meinen andern Patienten. Bitte Platz zu behalten, Herr Leutnant; wünsche allerseits Frieden auf Erden — (winkt heiter mit beiden Händen Abschied, und Anne begleitet ihn hinaus, während die Vettern sitzen bleiben, Justus links am Tisch, Christian rechts) — —
Justus
Du scheinst dein Gesicht nicht gern zu betrachten —
Christian
(die Arme verschränkend)
Ich habe in der Tat Bessers zu tun.
Justus
Du kannst ja niemand mehr grad in die Augen sehn.
Christian
Glaubst du, Herr Untersuchungsbeamter? (Er fixiert ihn, bis Justus beiseite blickt) — — Durchschaust du die Menschen immer so?
Justus
Ja, deine Selbstbeherrschungskunst — man könnte auch sagen: Verstellungskunst — war von jeher bewundernswert.
Christian
Und einer besseren Sache würdig.
Justus
Der Spott wird dir bald vergehn, teurer Vetter.
Christian
Es scheint, du legst enormen Wert auf dein pa-papierenes Dokument. Das hältst du wohl für einen Indicienbeweis?
Justus
Nein, das allein würde nur beinahe genügen. Aber (auf seine Mappe tippend) ich habe hier noch ein andres Papier; nämlich deinen Empfangsschein, Herr Apotheker, über die eingetroffene Giftsendung —
Christian
Du hast dich tatsächlich gut präpariert —
Justus
Es freut mich, daß du nicht länger heuchelst. Du darfst die Maske ungeniert lüften.
Christian
(immer sehr gemessen)
Du freust dich etwas vorschnell, mein Lieber. Du scheinst meine „Schlauheit“ trotz aller Anerkennung noch immer für recht kindlich zu halten. Vor neun Jahren, werter Herr M-Menschenkenner, war ich wohl doch nicht mehr Schulbub genug, mich dem Spiel des Zufalls so plump auszusetzen, wenn ich kein reines Gewissen hatte.
Justus
O, das Spiel des Zufalls ist allemal plump. Damals konntest du ja nicht ahnen, also auch noch nicht damit rechnen, daß dein Edelmut mich veranlassen würde, (spitzig) Detektivoffizier zu werden, geschweige (an seine Mappe tippend) daß dies für jeden andern Finder unscheinbare Wertpapier gerade mir in die Hand fallen könnte. Nur Das trieb dein feines Spiel in den Plumpsack der sogenannten Schicksalshand.
Christian
Nenn’s lieber gleich den Finger Gottes, dann kommst du dir noch wichtiger vor. Hähähä-hältst du mich im Ernst für so närrisch, daß ich mir solche Tat auf die Seele geladen hätte, blos um die Millionen unsrer alten Tante etwas früher unter die Leute zu streuen? Denn ihr Testament lag ja schon da für mich.
Justus
Blos: sie hätte es doch vielleicht ändern können. Und am Krankenbett warten, wer weiß wie lange, vielleicht nochmals „dreizehn Jahre lang“, ist in der Tat kein vergnügliches Geschäft, selbst für die edelsten Wohltäter nicht. Tante Brigitte war damals nur fünf Jahre älter, als du heute geworden bist, und hatte trotz ihrer Lähmung recht zähe Nerven.
Christian
Und deshalb soll ich so sinnlos gewesen sein, so sinnlos und so ruchlos zugleich, mir einen M-Mord aufs Gewissen zu wälzen? Und das, denkst du, wird dir irgendwer glauben?
Justus
O, das Gewissen beißt immer erst nachträglich; deine Frage klang ziemlich wund. Auch glauben die Schwurgerichte gern, daß ein Bankbeamter sich nicht ohne Zweck falsche Briefbogen drucken läßt und Apothekerwaaren bestellt.
Christian
Du hast dich wohl nie mit — Selbstmordgedanken getragen?
Justus
(scharf)
Vor meiner Enterbung nicht, lieber Vetter! — Übrigens kannst du dir deine verblüffenden Fragen für die Gerichtsverhandlung aufsparen; für das Zeugenverhör zum Beispiel.
Christian
Du denkst dir also, ich habe es fertig gebracht, den Sanitätsrat sowohl wie die alte Anne über die Todesursache zu täuschen, meinem Opfer kaltblütig die Augen zuzudrücken, die L-Leiche hohnlächelnd einzusargen, und dann hier in dem Haus, wo sie aufgebahrt lag, mich triumphierend festzusetzen — (er steht auf, mit Erregtheit um sich weisend) hier! sieh dich um! zwischen diesen öden Wänden, wo sie einst geatmet hat! hier seit neun Jahren es auszuhalten! immer von ihren Möbeln umgeben! immer ihr B-Bild vor meinem Blick! ihre Pflegerin mir zur Seite, eigens dabehalten zur steten Erinnrung! — Das, meinst du, habe ich auf mich genommen, ich maskierter Schurke, um einer Erbschaft willen, von der ich mir keinen Genuß vergönne, keine Annehmlichkeit, nicht die kleinste Erholung, blos Nahrung für meinen Großmutsdünkel! — Du traust mir wirklich merkwürdige Kunststücke zu. (Er ist hinter seinen Stuhl getreten und stützt sich wieder auf die Lehne.)
Justus
Ja, die Verbrecher halten sich gern für Helden, die ihrer Tat überlegen sind, und liebäugeln mit dem Erinnerungswurm. Manche brüsten sich so lange im stillen, bis sie sich schließlich laut verraten; fromme Leute nennen das Gottes Stimme. (Merkend, daß Christian nach dem Porträt starrt) Du redest wohl öfters mit dem Bild da? —
Christian
Du stellst starke Ansprüche an meine Geduld.
Justus
Das beruht wohl auf Gegenseitigkeit. Immerhin scheinst du so geneigt zum Verhandeln, daß du darüber das Stottern verlernt hast.
Christian
(lächelnd)
Nun, vielleicht war auch das nur Maske; man lernt dabei seine Zunge hüten. — Wie hoch taxierst du denn deine Entdeckung? —
Justus
(lächelt ebenso)
Möchtest du nicht etwas deutlicher fragen? —
Christian
Nun, mein gesamter Vermögensrest beträgt noch etwa zwanzig Millionen, nach Abzug der Reservedepots für meine letzten Stiftungen. Um mir die Plackerei vom Ha-Halse zu halten, die du als A-A-A-Amtsperson (er stampft auf, dann wieder gemessen) mit dem Plunder da anzetteln könntest, und um meine innerste Menschlichkeit nicht vor dem Pöbel entblößen zu müssen, biete ich dir den vierten Teil; das sind also rund zwei Millionen mehr, als du mir damals abverlangtest.
Justus
Deine Menschlichkeit ist seitdem — beträchtlich großmütiger geworden; ich erkenne das an, obgleich ich’s erwartet habe. Aber du mußt mir schon erlauben, deine bekannte Opferwilligkeit
Christian
Gut, ich lege noch eine Million zu. Sechs Millionen — das ist mein letztes Wort! —
Justus
Du hast mich mißverstanden, mein Teurer; du mußt nicht denken, ich sei deinesgleichen, weil ich jetzt im schwarzen Rock vor dir sitze. Du hast mich aus meiner Bahn gestoßen, du opferwilliger Ehrenbürger! Du erntest den Lohn deiner Heldentaten, wenn ich dir nun dazu verhelfe, in der Sträflingsjacke vor mir zu stehn! Jawohl, edler Vetter: Gerechtigkeit will ich! die Welt von deinesgleichen säubern! das ist meine Art Menschenfreundlichkeit!
Christian
Deine Gerechtigkeit braucht sich nicht zu ereifern; ich begreife, daß du dich rächen willst.
Justus
Sehr scharfsinnig, dein Begriffsvermögen.
Christian
Willst du mich trotzdem noch ruhig anhören? Nur eine kleine Weile noch?
Justus
Bitte; ich habe warten gelernt. Außerdem zappelst du sehr ergötzlich im Netz.
Christian
Ich könnte sagen, mein Anerbieten sei nur eine Maske gewesen, um dein Pflichtgefühl auf die Probe zu stellen. Aber gesetzt, ich hätte w-wirklich die ungewöhnliche Tat vollbracht, deren du mich für fähig hältst: ich hätte eine bejahrte Person, die nichts mehr konnte als sich und andere quälen, mit ihrer Krankheit, mit ihrer Ha-Hartherzigkeit, mit ihrer hähähä-hämischen Habgier (er ballt die Fäuste, dann wieder ruhig) — die hätte ich aus dem Wege geräumt nach jahrelangem Gewissenskampf — hä-hätte dann wie ein Asket versucht, meine heimliche Gewalttat zu sühnen — hätte sie hier in meiner Einsamkeit, in der Nacht meines Schweigens schwerer gebüßt, als sich’s ein Schuldloser träumen läßt, — hätte immer weiter diese Erblast geschleppt, die ich nur für ein Hirngespinnst verwalte — für eine M-Menschheit, die ich zu spät durchschaute, die nichts ist als ein marternder Schemen —: verlangst du noch mehr Gerechtigkeit?
Justus
Du vergißt, ich bin nicht mehr Leutnant genug, um deiner heroischen Märtyrer-Pose einiges Verständnis zu widmen.
Christian
Aber vielleicht verstehst du, daß ich inzwischen manches anders ansehen lernte. Vielleicht war mein Abscheu gegen dein früheres Handwerk — deinen Beruf, wenn du das lieber hörst — nur Verbohrtheit eines B-Büchermenschen. Vielleicht ist mir die Erkenntnis gekommen, daß auch Nächstenliebe zur Hartherzigkeit führt, wenn sie die Allernächsten vergißt über ihrem fernen Ziel. Ich bin dein Schuldner, ich weiß es lange; deshalb empört mich deine Beschuldigung nicht. Und deshalb — nur deshalb, Justus! hörst du? — wiederhole ich mein Anerbieten.
Justus
Zu spät, Euer Gnaden; einen Monat zu spät.
Christian
Du irrst. Ich habe schon letzte Weihnacht — denn dies (auf sein Herz deutend) W-Wrack wird nicht lange mehr Stand halten — mein Testament beim Notar hinterlegt; darin stehst du mit dem Betrag verzeichnet, den du einst von mir gefordert hast. Ich biete dir jetzt das Doppelte, weil ich dir mehr verdarb, als ich ahnte.
Justus
(auf seine Mappe schlagend)
Zum Teufel, alles verdarbst du mir! Willst du mich jetzt noch mit Großmut beschwindeln? Dein Testament, wenn’s wahr ist, ist mir ein Wisch! Ein Verbrecher wie du hat sein Erbrecht verwirkt! Kein Pfennig von deinem Mammon gehört dir! Wo nimmst du die Stirn her, mich beschwatzen zu wollen; du verrätst dich ja selber mit jedem Wort!
Christian
(tritt ihm langsam näher)
Ah — du hoffst auf den ganzen Rest meiner Erbschaft. Verrechne dich nicht; nimm Vernunft an, Justus! Vergiß nicht, ich sprach nur bedingungsweise! Es hat sich schon m-mancher die Hand verstaucht, der zu sehr auf die Gerechtigkeit pochte.
Justus
Ich poche nur auf die Mappe hier. (Er nimmt sie unter den Arm und steht auf.)
Christian
Du kannst dir also garnicht die Möglichkeit denken, daß ich jene Giftsendung für mich selbst kommen ließ? daß ich mich wand vor Scham und Verzweiflung unter den frevelhaften Wünschen, die ich — jawohl, ich bekenn es dir — unablässig in mir w-wuchern fühlte am Krankenbett meiner Quälerin?
Justus
Eine Möglichkeit zieht die andere nach.
Christian
Und wenn nun die Zeugen für mich aussagen? — Willst du nicht wenigstens die Anne erst hören?
Justus
Der kannst du viel vorgemunkelt haben. Aber wenn dir’s Vergnügen macht, dich in ihrem Beisein verhaften zu lassen —
Christian
(nähert sich der Tür)
Ich tu’s um Deinetwillen, Justus —
Justus
Ich warne nur vor Fluchtversuch! Das Haus ist auf beiden Seiten umstellt —
Christian
(ruft zur Tür hinaus)
Anne — (tritt dann neben den Bücherbord, lehnt sich an und verschränkt die Arme) —
Anne
(kommt, macht die Tür zu, beklommen)
Was ist, Herr Christian?
Justus
Der Herr Kommerzienrat will verreisen.
Christian
Ich bitte dich nochmals: nimm Vernunft an.
Anne
(beide Hände hebend)
Oh, Herr Justus, wie schauen Sie drein! — (Ihm näher tretend) Ich beschwör Sie, was wollen Sie tun! — (Von ihm wegweichend) Einen Blutsverwandten ins Elend stoßen?
Justus
Ah, Sie wissen, worum es sich handelt?!
Anne
(noch weiter wegtretend, bis vor den Tisch)
Ich? was soll ich wissen? ich seh nur Ihr Auge drohn. Ich kenn Sie ja beide von Jugend auf. Ich weiß nur, was ich als Kind gelernt hab: Mein ist die Rache, spricht der Herr!
Justus
Verzeihung, Schwester Anne, der Herr ist mir fremd. Und dem grauen Sünder da wohl erst recht. Mein Herr ist der Staat! mit seinen Gesetzen!
Anne
Einen Leidenden wollen Sie quälen? Spüren Sie’s nicht, wie er bebt bis ins Herz?!
Christian
Laß gut sein, Anne; es ist genug. Zum letzten Mal, Vetter: ich biet dir die Hand.
Justus
Ich verbitte mir deine — bestechenden Gesten!
Christian
(sich reckend)
Nun, dann Kampf! Hüt dich! Ich bin bereit.
Justus
Sehr gnädig. Im Namen des Gesetzes: ich verhafte dich, Christian Wach. (Die Tür öffnend) Wenn’s gefällig, du hast den Vortritt — (sie schreiten beide langsam hinaus) — —
Anne
(die Hände faltend, leise)
Herr, erbarme dich seiner Seele — —
(Vorhang)
Zweiter Akt
Christian Wach
(an die Stuhllehne rechts des Tisches gestützt, zu dem Porträt hinaufstarrend)
— — Jawohl, du hast dich in mir verrechnet — von jeher, du Vampyr — du zwingst mich nicht. (Sich die Hand auf den Kopf legend, schwer lächelnd) Hier diesen Geheimschrank öffnet keiner; jetzt weiß ich’s endlich, kein Mensch bezwingt mich. (Es klopft an die Tür, und Anne tritt ein, bringt einen bunten Asternstrauß) — — Also soll’s wieder losgehn mit der Verschwendung, du unverbesserliche Person?
Anne
(die Vase mit dem Strauß auf den Tisch stellend)
Ja, das hab ich mir gestern Abend schon vorgenommen, als Sie heimkamen aus der — der —
Christian
Untersuchungshaft meinst du; sag’s nur getrost.
Anne
Nein, solch häßlich Wort, das paßt heut nit; aus der Prüfungszeit wollt ich sagen.
Christian
Und siehst mich dabei schon wieder an, als müßt ich dem Himmel dafür auf den Knieen danken.
Anne
War’s nicht auch eine Segenszeit? Als Sie hinein mußten, blühten die Rosen; mögen die Herbstblumen noch mehr Segen bringen!
Christian
Du sollst mich nicht so ansehn, Anne. (Sich an den Tisch setzend, wie erschöpft) Aber lieb ist dein Strauß; und diesmal ohne Dornen.
Anne
Geb’s Gott, Herr Christian, geb’s Gott! Aber Sie schauen nit dornlos drein; Sie müssen jetzt wieder zu Kräften kommen. Gelt, ich darf Ihnen etwas Stärkendes bringen; ein Gläschen Wein! das macht Appetit!
Christian
Wein —? Kein Tropfen kommt mir ins Haus!
Anne
Nur ein Gläschen Tokayer; ich hab die Flasch noch.
Christian
So — also für mich — — (nimmt plötzlich ihre Hand) o Anne, Anne (und preßt seine Stirn hinein) —
Anne
Ja, sollt ich denn schwelgen, während Sie fasten mußten? (Behutsam über sein Haar streichend) Sie müssen Ihr Herz erleichtern, Herr Christian.
Christian
(schiebt sie sanft weg, steht auf)
Nein, mach mich nicht weich; es war nur ein Augenblick. Nichts wird an meinem Leben geändert! Wenn du dir etwa einbildest, die Haft habe mich mürbe gemacht —
Anne
O hätt sie nur! — Nein, ich bild mir nix ein.
Christian
Sie hat mich im Gegenteil ruhig gemacht — (er wendet sich ab, geht nach dem Fenster) innerst ruhig; das mußt du doch merken (läßt sich in den Korbstuhl nieder) —
Anne
(ihm folgend)
Das würd’ mich ja freuen, innerst freuen —
Christian
Warum hast du denn so geweint im Gerichtssaal, als ich das Geständnis ablegte, ich wollte (an das Porträt weisend) die da wirklich vergiften, wenn mich das Schicksal — du weißt, der Schlaganfall, der sie in ihrer Erregtheit hinraffte — nicht gnädig davor bewahrt hätte?
Anne
Ja, wie sollt ich denn da nit weinen, als Sie das so gewaltig aussagten, mit solchem Entsetzen vor sich selber! Sogar von den Herren Geschwornen und Richtern schneuzten sich welche vor großer Rührung. Und ich hab doch alles einst miterlebt; ich kenn doch Ihr Herz, Herr Christian!
Christian
(abermals aufstehend)
Nun, der Sanitätsrat war garnicht gerührt; der hat einfach den Schlaganfall bezeugt.
Anne
(ihm wieder durchs Zimmer folgend)
Ja freilich, natürlich; das tat ich ja auch!
Christian
Und konntest vor Schluchzen nicht weiter reden. (Plötzlich sich umdrehend, Auge in Auge) Du glaubst wohl nicht, daß es ein Schlaganfall war?
Anne
(zurückweichend)
O — wie fragen Sie frevelhaft! — Was ich beschworen hab, glaube ich auch. Und was ich außerdem glaube, o möchten Sie’s fühlen —: wir sind allesamt Werkzeuge Gottes — der eine so, der andre so —
Christian
(ist an den Kamin getreten)
Mich friert, Anne; im Gefängnis war’s wärmer. Von morgen an bitte mußt du heizen.
Anne
Aber ich kann doch natürlich gleich!
Christian
Nein, ich sagte: von morgen an. (Sich wieder an den Mitteltisch setzend) Ich bekomme Besuch heut, für den ich Kälte brauche.
Anne
Aber gelt, doch ein Gläschen Tokayer! Wirklich, Herr Christian, es wird Ihnen gut tun.
Christian
Ich bitte dich ernstlich, mach mich nicht wild! W-Wein macht schwatzhaft, ich hasse das! — Aber damit du deinen Willen krigst: Vetter Justus hat mich gestern nach der Freisprechung fragen lassen, ob er heute Vormittag herkommen dürfe — dann kannst du deine Flasche kredenzen.
Anne
O welche Fügung — sehn Sie, auch dem hat Ihre Prüfungsstunde das Herz gerührt! — O, und ich hab’s ja noch garnit bestellt: der Herr Regierungspräsident, der hat sich auch vorhin anmelden lassen. Sehn Sie, wie alle Menschen sich beugen, wenn sie den Finger Gottes spüren!
Christian
Du beurteilst die Menschen nach Dir, gute Anne. Sie kriechen zu Kreuz vor meinem Geld; und sind gerührt davon, wie’s mich drückt.
Anne
Nein, nein, das sagt nur Ihr Groll auf Herrn Justus. Man hat Sie doch einstimmig freigesprochen.
Christian
Ja, weil man keine Beweise hatte. Weil man auf Staatsunkosten mal gnädig sein konnte. Weil man dem berühmten Menschenfreund zeigen wollte: wir kennen zwar jetzt deine giftige Seele, aber wir sind keine Unmenschen deinesgleichen, wir zahlen dir deine Wohltaten heim. Ein Geächteter bin ich ihnen! Meinst du, ich habe das nicht gemerkt?
Anne
O, wenn Sie nicht alles so schwarz ansehn möchten! Die Menschen sind lieber gut als schlecht; will jeder nur abwälzen, was ihn drückt.
Christian
Mein Geld drückt mich; begreifst du das nicht? — Übrigens: vorgestern ist da eine Witwe wegen Diebstahls verurteilt worden, die kleine Kinder zu Hause hat. Du wirst dir ihre Adresse verschaffen, und wenn sie aus dem Gefängnis kommt, richtest du ihr einen Laden ein; irgend ein Geschäft, das ihr paßt. Inzwischen nimm dich der Kinder an, daß man sie nicht ins Armenhaus sperrt.
Anne
Gern, Herr Christian! O, wie gut Sie
Christian
Schwatz nicht, Anne; die Frau scheint mir tüchtig! Sie hat den Diebstahl ziemlich fein eingefädelt, erzählte mir mein Rechtsanwalt. Es macht mir Spaß, ihr Vertrauen zu schenken.
Anne
(sich zu ihm neigend)
Warum verhehlen Sie Ihr Herz? Warum schenken Sie nicht auch mir Vertrauen?
Christian
(abermals aufstehend)
Ich kann mich noch garnicht wieder hier eingewöhnen; bitte, hilf mir den Lehnstuhl herüber setzen. — (Während sie den Stuhl an den Mitteltisch tragen) Es scheint, du bist jetzt stärker als ich. — (Platz anweisend) Nein hierhin, den Rücken gegen die Wand; ich mag das Bild heut nicht immerfort sehn.
Anne
(den überschüssigen Holzstuhl ans Fenster stellend)
Ja, das hätt längst schon hinaus gemußt. Darf ich’s nicht endlich weghängen jetzt?
Christian
Was soll das wieder! l-laß dies Gepurre! Ich weiß besser, was ich ihr schuldig bin. (Sich setzend) Wenn sie auch unleidlich war, das ist vorbei. Daß du’s ihr immer noch nachträgst, ich versteh nicht, wie sich das mit deinem Christentum reimt; du hast sie doch früher bemitleidet.
Anne
Die Toten haben das nicht mehr nötig; mir ist nur um die Lebendigen bang.
Christian
Du sollst mich nicht so ansehn, Anne! — Wahrhaftig, manchmal machst du Augen, grad wie die Tante in ihrer Sterbestunde; so merkwürdig in die Ferne fragend. — (Wiederum aufstehend) Ich will mich doch lieber dorthin setzen; sonst denkst du wohl wirklich, ich fürcht mich vor ihr. (Er schiebt den Lehnstuhl rechts neben den Tisch, Anne stellt einen andern Stuhl nach hinten.) Nicht wahr, das hast du doch eben gedacht?
Anne
Ich glaub an keine Gespenstermärchen. Es hat sich jeder genug vor sich selber zu fürchten —
Christian
(sich setzend)
Ja, du hast Recht: Gespenstermärchen — —
Anne
Nun fangen Sie wieder zu grübeln an. Ach, wenn Sie doch dahinter kämen, daß alle Selbstbespiegelung eitel ist, nit blos im Spiegel an der Wand.
Christian
Laß, Anne; das verstehst du nicht. Ich muß mich erst wieder zurecht finden hier.
Anne
Ich fühl doch aber, wie Ihnen das schwer fällt; und möcht die Last doch tragen helfen.
Christian
Nein, geh jetzt; ich muß das allein überlegen. Ich habe schon selbst daran gedacht, du warst vielleicht die rechte Person, mir den Rest des Vermögens ver-p-pulvern zu helfen; ich werde das nächstens mit dir besprechen.
Anne
O, nicht das Geld, Herr Christian; fassen Sie doch Vertrauen zu mir! Erleichtern Sie Ihre bedrückte Seele! Wie eine Mutter bitt ich zu Gott darum; das wird Sie auch wieder gesund machen.
Christian
(aufstampfend)
Ich sag dir, l-laß das — geh — bring mich nicht auf! — (Ruhiger) Stell die Flasche für den Justus bereit; aber bring sie erst, wenn ich’s dir sage! — (Während Anne langsam zur Tür geht) Und ich dank dir für deinen Asternstrauß; ich dank dir für alles, alles — hörst du? (Da Anne an der Türschwelle zögert) Nun, laß gut sein, geh jetzt; was stehst du noch —
Anne
(mit feierlichem Ausdruck, gedämpft)
Und nähmest du Flügel der Morgenröte und flüchtetest übers äußerste Meer, so würde dich meine Hand doch erreichen, spricht der Herr, dein Erbarmer — (sie geht hinaus) — —
Christian
(sich erhebend, mit abwehrender Handbewegung)
Gespenstermärchen — — (Er nimmt den Strauß und stellt ihn unter das Bild.) Ihr zwingt mich nicht — ihr kennt mich nicht — niemand! — (Draußen elektrisches Klingelzeichen; er gibt sich Haltung, tritt neben den Lehnstuhl. Dann geht die Tür auf, und es erscheinen: der Regierungspräsident und der Oberbürgermeister) — —
Präsident
(nach gegenseitiger leichter Verbeugung)
Verzeihung, wenn ich stören sollte, und bitte doch Platz zu behalten, Herr Rat; Sie werden sich leider noch etwas erschöpft fühlen.
Christian Wach
Nicht sonderlich, Herr Regierungspräsident; ich müßte lügen, wenn ich Ja sagen wollte. In unsern Gefängnissen lebt sich’s bequemer, als es mancher bei sich zu Hause hat.
Präsident
(lächelnd)
Ich möchte es lieber doch nicht versuchen. Aber um zur Sache zu kommen: ich stehe vor Ihnen auf Befehl Seiner Königlichen Hoheit unsers gnädigsten Herrn, zugleich im Auftrag des Ministeriums, um Ihnen unverzüglich Ihre Ernennung zum Geheimen Kommerzienrat anzuzeigen. Die Regierung will damit ausdrücken und vor der Öffentlichkeit bekunden: erstens ihre Teilnahme an dem glücklichen Ausgang eines Prozesses, der soviel peinliches Aufsehn erregt hat, zweitens ihr unverkürztes Vertrauen in den gemeinnützigen Charakter eines Mannes, der für die Sache der Wahrheit und Gerechtigkeit seinen persönlichen Ruf gewagt hat. Nach der erschütternden Seelenbeichte, die Sie vor dem Gerichtshof abgelegt haben, soll Ihnen diese Anerkennung eine dauernde Aufrichtung geben (er verbeugt sich mit Gemessenheit) —
Christian Wach
(lächelnd)
Sie soll mir wohl auch, Herr Präsident, eine dauernde Richtung geben. Ich danke Ihnen ehrerbietigst und bitte diesen (sich verneigend) untertänigen Dank auch höheren Ortes zu vermelden, erstens für die Teilnahme, zweitens für das — „unverkürzte Vertrauen“. Ich werde mich, soweit es noch in meinen kurzen Kräften steht, dieses Vertrauens würdig zu machen versuchen.
Bürgermeister
Davon ist jedermann überzeugt, Herr Geheimrat. Ich habe mich nicht blos mit eingefunden, um Ihnen zu der neuen Würde meinen Glückwunsch darzubringen (er verbeugt sich gleichfalls gemessen) — ich komme zuvörderst in Vertretung des Ausschusses der Bürgerschaft, sodann noch besonders als erster Vorsitzender der Gesellschaft der Menschenfreunde, um Ihnen das allgemeine Bedauern über diese Anklage auszusprechen, die zwar amtlich genügend begründet war, aber deren augenscheinliche Unhaltbarkeit schließlich sogar der Herr Staatsanwalt zugab. Sie dürfen davon durchdrungen sein, daß niemand in den maßgebenden Kreisen bei Ihrer stets betätigten Menschenliebe einen anderen Ausgang erwartet hatte, und daß die Untersuchung der Leichenreste Ihrer verewigten Frau Tante lediglich als Formalität, wie sie die Rechtspflege unvermeidlich erfordert, vorgenommen werden mußte. Es stand wohl jedem von vornherein fest, wenigstens jedem Wohlgesinnten, daß das Gift nicht mehr entdeckt werden konnte — das heißt, ich wollte natürlich sagen: überhaupt nicht entdeckt werden konnte
Präsident
(sehr rasch)
Überhaupt natürlich —
Christian Wach
(sehr langsam)
Überhaupt — — Ich danke verbindlichst, Herr Oberbürgermeister. Darf ich nicht bitten, Platz zu nehmen?
Präsident
Es tut mir außerordentlich leid, aber meine Zeit ist heute gemessen. (Sich verbeugend) Ich empfehle mich, Herr Geheimer Rat.
Christian Wach
(ebenso)
Ich empfehle mich, Herr Präsident.
Präsident
Begleiten Sie mich, Herr Oberbürgermeister?
Bürgermeister
Ich habe noch eine Kleinigkeit mit dem Herrn Geheimrat zu erörtern.
Präsident
Also auf Wiedersehn, meine Herrn — (er verbeugt sich nochmals, geht ab) — —
Bürgermeister
Ich möchte mich nur in aller Kürze — doch ich bitte zunächst um Entschuldigung: Sie werden sich hoffentlich nicht verletzt gefühlt haben, weil ich vorhin ein wenig im Ausdruck fehlgriff —
Christian Wach
(lächelnd)
O, wie dürfte ich mich verletzt fühlen — nach allem, was geschehen ist — da Sie es doch so aufrichtig meinten —
Bürgermeister
Ja, dessen dürfen Sie sich versichert halten; aufrichtig, verehrter Herr Geheimrat! Und deshalb — (da Christian Wach auf die Stühle weist) nein danke, ich will mich wiegesagt nur in aller Kürze erkundigen —: Wenn es Ihnen etwa erwünscht sein sollte, daß Ihr mißliebiger Verwandter, der zwar in amtlicher Eigenschaft, aber offensichtlich nur aus Feindseligkeit gegen Sie vorgegangen ist, aus seinem Amte entfernt werde, dann will ich Ihnen diese Genugtuung gern bei dem Herrn Polizeidirektor erwirken.
Christian Wach
Sehr freundlich, Herr Oberbürgermeister. Aber ich bitte Sie „sich versichert zu halten“: mein Vetter handelte nur aus dem Pflichtgefühl, das eine Eigentümlichkeit unsrer (lächelnd) etwas starrköpfigen Familie ist.
Bürgermeister
Nun, ich meinte blos: wenn sein Aufenthalt hier, in unserer traulichen Residenzstadt, Ihnen jetzt vielleicht unliebsam aufstoßen sollte: eine zeitweilige Strafversetzung würde ihm ohnehin wohl gebühren für seinen fruchtlosen Übereifer.
Christian Wach
(lächelnd)
Also hätte er doch vielleicht fruchten können? — Nein, im Ernst, ich bitte sogar inständig, meinem Vetter jegliche Gunst zuzuwenden, die seine Vorgesetzten ihm zollen würden, wenn er nicht zufällig mich beamtseifert hätte. Es wäre mir wirklich sehr unliebsam, wenn man ihn grade mir zuliebe für eine Verdächtigung strafen wollte, die sein Beruf ihm aufnötigte, und die anfangs — nicht wahr, ich irre wohl nicht — auch andern eifrigen Amtspersonen und Menschenfreunden begründet erschien. Er ist gestraft genug durch den Mißerfolg; nicht zu reden von dem Erbschaftsverlust, den er einst durch mich erlitten hat, wenn auch nur wegen seines eigenen Starrsinns.
Bürgermeister
Ich bewundre die Selbstlosigkeit, Herr Geheimrat, mit der Sie nach dieser herben Erprobung Ihrer mitmenschlichen Gefühle die Angelegenheit ins Auge fassen. Und ich darf mich also der Hoffnung hingeben, Sie werden auch unserm Gemeinwesen gegenüber Ihre rühmlichst bekannte Gesinnung nach wie vor betätigen?
Christian Wach
In der Tat, ich werde nach Kräften versuchen, mich auch fernerhin zu betä-hähähätigen — (sich an die Kehle fassend) Verzeihung, mein Nervenübel meldet sich wieder. — Aber wollen wir uns nicht doch lieber setzen? Vielleicht ein Gläschen Wein gefällig? Denn Sie lieben doch die geselligen Freuden.
Bürgermeister
O danke, danke, bedaure aufrichtig; muß mich heute leider besonders beeilen. Aufrichtig, verehrter Herr Geheimrat! — Also wiegesagt, um mich kurz zu fassen: ich wünsche allseitige Wiederherstellung unseres guten Einvernehmens und Ihrer so wertvollen Gesundheit. (Er verbeugt sich würdevollst.)
Christian Wach
Ich werde wiegesagt bestrebt sein — (er verbeugt sich etwas weniger und läßt den Bürgermeister hinausgehn, ohne ihm das Geleit zu geben; sinkt dann in den Lehnstuhl und nickt vor sich hin) — — „Aufrichtig, verehrter Herr Geheimrat“ — — (es klopft, die alte Anne erscheint) —
Anne
Kann der Herr Justus jetzt eintreten?
Christian
Natürlich. Weshalb fragst du erst?
Anne
Soll ich den Wein gleich mitbringen?
Christian
Du sollst tun bitte, was ich dir sagte. Ich werde schon rufen, wenn’s an der Zeit ist. (Anne geht — Justus erscheint; tritt zögernd näher, bleibt halbwegs stehen) — — Nun? diesmal ohne Aktenmappe? — Sehr liebenswürdig; bitte setz dich. (Während Justus an den Tisch tritt) Willst dich wohl teilnehmend erkundigen, wie mir der Spaß bekommen ist?
Justus
Ich muß deinen Spott leider hinnehmen, Vetter; oder vielmehr, ich nehme ihn gern hin. Ich habe das ehrliche Bedürfnis, dich um Verzeihung zu bitten für die Kränkung, die ich dir leider antat in meinem blinden Haß. Die alte Anne hatte ganz Recht: schließlich sind wir doch Blutsverwandte.
Christian
Ich habe schon soviel Ehrlichkeit heut genossen, daß ich dir auch die deine verzeihe. Also nochmals: nimm endlich Platz.
Justus
(setzt sich links des Tisches)
Ich begreife deine mißtrauische Laune. Aber sie kann mich nicht hindern, dir zu bekennen, daß sich meine Meinung über deinen Charakter von innerstem Grund aus geändert hat. Du hast mich entwaffnet — ganz und gar — bis unter die nackte Haut sozusagen — sodaß ich mich vor mir selber schämte —
Christian
Armer Vetter, wie stockend du redest; du hast dich wieder mal gut präpariert. Beruhige dich: ich werde dir’s nicht vergessen, wenn ich nächstens mein Testament neu verfasse. Oder brauchst du gleich einen Vorschuß drauf?
Justus
Ich muß mir’s gefallen lassen, wenn du mich demütigst; aber du brauchst es nicht noch mehr zu tun, als ich es wahrlich selbst schon tat. Es ist mir nicht leicht geworden, Christian, mich dermaßen zu überwinden, daß ich einem Menschen Abbitte leiste, den ich glaubte verachten zu dürfen. Ich hab’s mir natürlich überlegt, und weiß alles, was du mir einwenden kannst; aber mir deucht, auch du könntest wissen, nach meinem ganzen Verhalten bei dieser Erbschaftsgeschichte, daß ich es nicht aus Berechnung tue.
Christian
Nein, du bist ja Justus, auf deutsch der Gerechte. Nun, es freut mich ehrlich, wenn du erkannt hast, daß die Rachsucht ein schlechtes Geschäft ist; man verrechnet sich leicht, wenn man gar zu eifrig ist.
Justus
Ich gebe zu, ich wollte mich rächen. Aber ich glaube, ein Mensch wie du wird es menschlich verstehen können, daß ich mich einigermaßen gereizt dazu fühlte. Und jedenfalls: ich bereue es jetzt.
Christian
Ja, das Lebensgeschäft macht uns alle mürbe, selbst den schneidigsten Rechenmeister.
Justus
Du legst mir wirklich falsche Beweggründe unter.
Christian
O, jeder rechnet auf seine Weise, auch wer die Erbschleicher glaubt „verachten zu dürfen“. Du stößt wohl jetzt auf allerlei Schwierigkeiten in deiner amtlichen Regeldetri?
Justus
Es schmerzt mich um Deinetwillen, Christian, daß du dich boshafter stellst, als du bist. Oder fühlst du mir’s in der Tat nicht an, daß auch ich aus reiner Wahrheitsliebe meine menschliche Schwachheit bekenne? Ich kann dich nicht für so fühllos halten; jetzt nicht mehr, du hast mich überwältigt. Dein letztes Bekenntnis vor Gericht hat mich ergriffen wie noch nichts im Leben.
Christian
Aber dann gönne mir doch den reinen Triumph, den meine Selbstbeherrschungskunst — „man könnte auch sagen: Verstellungskunst“ — über deine Schwachheit errungen hat. Nicht wahr, auf diesen ehrlichen Kunstgriff war deine Menschenkenntnis nicht vorbereitet? Ja ja, lieber Vetter, sie ist nicht so einfach, die Algebra der Verbrecherseele.
Justus
Du wirst mich nicht irre machen mit deinen Scherzen. Ich werde nicht aufstehn von diesem Stuhl, bis du mir die Hand zur Verzeihung reichst, meinethalben auf Nimmerwiedersehn. Ich traue dir nicht die kleinliche Rachsucht zu, daß du die einzige Genugtuung ablehnen wirst, die ich dir in meiner erbärmlichen Lage, der Besiegte dem Sieger, noch bieten kann.
Christian
O, du kannst noch allerlei von mir lernen, sogar im Satisfaktions-Comment. Ich gebe dir zum Beispiel den guten Rat, deine Rache nicht auf die lange Bank zu schieben; es ist dir schon einmal schlecht bekommen. Hättest du im Sommer nicht vier Wochen gewartet, um mir die scherzhafte Überraschung zu meinem Geburtstag zu bereiten: wer weiß, ob du jetzt der Besiegte wärest. Einem simpeln Kommerzienrat hätte man eher die Maske des Menschenfreunds abgerissen, als einem Ehrenbürger und Kronordensritter; die Behörden konnten es doch nicht wünschen, durch meine Verurteilung mit-ba-blamiert zu werden. Also lieber Justus, ich rate dir nochmals, deine geheimpolizeilichen Gerechtigkeitspläne nicht aus gar zu langer Hand weiter zu spinnen; du verwickelst dich sonst im eigenen Netz.
Justus
(aufstehend)
Wenn du mich durchaus wegjagen willst: nun gut, du kannst es, dann sind wir quitt! Dann bist du nicht der hochherzige Dulder, vor dem ich mich endlich beugen wollte! Dann bist du wirklich vom Fluch des Reichtums so bis ins Mark zuschanden gequält, daß du überall nur noch Schmarotzer witterst!
Christian
Dann bin ich der ehrlose Knecht meines Geldes, der nicht geduldig zum Pranger geschleift sein wollte! (Gleichfalls aufstehend) Dann bin ich der verworfene Heuchler, der nicht die gnädige Hand drücken will, die ihn dem Schandmaul des Pöbels p-preisgab! Dann bin ich der Schurke, der argwöhnische, der aus all die w-wohlfeilen Worte höhnt, womit wir unsre Untat beschönigen! Dann — ah: (taumelnd) hahahalt mich, Justus: das Herz!
Justus
(ihm beispringend)
Verdammt ja, was ist —?
Christian
Laß — es geht schon vorüber. — (Sich setzend) Es war nur ein kleines Erinnerungszeichen — (lächelnd) an meine Selbstbeherrschung, weißt du. Laß dich’s nicht kümmern, setz dich wieder. — (Da Justus zögert) Was äffst du uns beide mit Großmutsgrimassen. Du mußt doch merken, wie gern ich mich aussprechen möchte; du bist doch sonst ein witziger Mensch. Also setz dich; hier hast du meine Hand.
Justus
Ich dank dir — (gibt ihm die Rechte)
Christian
(ihn fixierend)
Ich trau dir! — Nun? Was zuckst du zurück? —
Justus
Du bist mir unheimlich, Christian —
Christian
Hahaherrlich! Siehst du, wie ich mich freue! das war doch endlich ein ehrliches Wort! — Aber im Ernst: hast du wirklich nicht gemerkt, wie ich brenne auf eine Aussprache, eine wirklich vertrauliche Aussprache, nach meiner unfreiwilligen Einsamkeit? Mit der alten Anne, so redlich sie ist, kann man doch blos das Einfachste reden; und andre Freunde hab ich ja nicht. — (Es klopft, und Anne tritt mit dem Sanitätsrat ein) — Ah, lieber Geheimrat, alter Freund, nett daß Sie auch auf den Busch klopfen kommen; ich fühle mich recht behaglich heute (er weist auf die Stühle neben sich).
Sanitätsrat
(hinter dem Tisch Platz nehmend)
Kann mir’s denken, verehrtester Herr Kollege von der finanziellen Fakultät; traf eben den Bürgermeister, gratuliere — (sich verneigend) zu der neuen Würde und Würdigung. Ist ja ein wahrer Triumph der Gerechtigkeit; schade, daß Sie keine Zeitungen lesen. Die ganze Presse singt Ihnen Hosianna; selbst die Sozi blasen ins Jubelhorn. (Zu Justus, der stehen geblieben ist) Ich genier Sie doch nicht, Herr (gedehnt) Polizeikommissar —?
Justus
Keineswegs, Herr Geheimer Sanitätsrat; ich wollte mich ohnehin empfehlen. Ich kam nur her, um meinem Vetter die gebührende Abbitte zu leisten.
Christian
Nein, Justus, das darfst du mir jetzt nicht antun; ich muß dich tatsächlich noch etwas fragen.
Sanitätsrat
Dann nichts für ungut, Herr Leutnant, Sie kennen mich ja; (ihm mit komischer Würde die Hand hinstreckend) es irrt der Mensch, solang es geht —
Christian
Also bitte, im Ernst: Versöhnungsfeier — (Justus gibt lässig dem Sanitätsrat die Hand und setzt sich wieder links des Tisches). Bitte, Anne, du weißt ja (sie nickt, geht hinaus) — ich danke dir, Justus.
Sanitätsrat
Aber Sie haben’s zu kalt hier im Zimmer; für Ihren Körper ist Kälte jetzt Gift! (Christian zuckt ein wenig zusammen.) Ah Pardon, das verflixte Prozeßwort; man wird es garnicht mehr los aus den Ohren, alle Zeitungen wimmeln von Vergiftungs-Wortspielen. Für einen Medizinmann recht amüsant; ich darf doch ruhig davon reden?
Christian
O bitte — (lächelnd) seh ich denn unruhig aus?
Sanitätsrat
Na, Verehrter, nur keine Fisimatenten; Ihre Ruhe ist mir nicht ganz geheuer. (Inzwischen ist Anne zurückgekommen, setzt eine Platte mit Gläsern und Weinflasche auf den Tisch.)
Christian
Nun, dann wollen wir heizen, meine Herrn. Bitte, Anne, schänk ein
Sanitätsrat und Justus
Nein danke — danke — (strecken gleichzeitig rasch die Hand zur Abwehr) —
Christian
So enthaltsam auf einmal? Nun, Anne, dann mir nur. (Lächelnd) Es ist wirklich kein Gift drin, meine Herrn.
Sanitätsrat
Aber Bester, empfindlich —? Na, Schwester Anne, dann sein Sie mal auch zu mir barmherzig (er läßt sich gleichfalls einschänken) —
Christian
Justus —?
Justus
Ich bin’s zwar nicht mehr gewohnt vormittags. Aber —
Anne
(nachdem sie auch ihm eingeschänkt)
Ist gern geschehen, Herr Justus.
Sanitätsrat
(während Anne hinausgeht)
Also dann, mein teuerster Herr Patient: wie gesagt, es lebe die Herzensbewegung! — (Sie stoßen gemessen an und trinken) — Denn wie gesagt: Ihre Ruhe gefällt mir nicht, kommt mir nach all dem Traraa etwas unheimlich vor. Hatte eigentlich von der vertrackten Affäre eine Art Nervenbelebung für Sie erwartet. Drückt Sie vielleicht ein geheimer Schmerz? Das heißt, verstehen Sie recht, ich meine: irgend ein Groll, ein verbissener Kummer? Nur nichts in sich fressen, Verehrter! Trinken Sie öfters ein Gläschen Champagner und sprechen Sie sich mit jemand aus, wenn die Geschichte Sie immer noch wurmt.
Christian
Ha-hörst du’s, Justus: ich soll mich gesund beichten! Vor Gericht, das genügte noch nicht! Also klopf mir mal gründlich aufs Gewissen!
Sanitätsrat
Spotten Sie nur, das ist gut gegen Blutstockung; der Herr Vetter wird’s Ihnen nicht verargen. Wir müssen uns hüten, Verehrter, vor Apoplexie! Und bei Neurosen, so rätselhaft wie die Ihre, kann Herzenserleichterung Wunder tun. War mir schon im Prozeß höchst intressant, daß Sie plötzlich nicht mehr zu stottern brauchten. Also nochmals: nur keine Mördergrube!
Christian
(Justus zutrinkend)
Haha-Heil dir also, du Wundertäter! — Aber, mein lieber Geheimrat, was reizt Sie blos, daß Sie mich durchaus gesund machen wollen? Meine Krankheit ist doch viel intressanter.
Sanitätsrat
Na, erlauben Sie, Bester, bedenken Sie: ich bin doch immerhin Vorstandsmitglied der Gesellschaft der Menschenfreunde! Jahresbeitrag fufzig M, ungerechnet die Liebesmähler! — (Er trinkt aus und steht eilfertig auf) Also wohl bekomm’s, meine Herrn; mehr als guten Rat kann ich leider nicht geben — (verbeugt sich lächelnd, geht händereibend ab) — —
Christian
Nun, so nachdenklich, Herr Gewissensrat? Trink doch, du sollst mich doch animieren!
Justus
Auf den neuen Charakter denn, Herr Geheimrat — (blickt ihn forschend an und trinkt aus) —
Christian
(ihm das Glas wieder füllend)
in der alten Mördergrube, nicht wahr? — Du dachtest wohl wirklich im ersten Augenblick, ich wollte uns alle zusammen vergiften?
Justus
Offen gesagt, Vetter, ich würde dir dankbar sein, wenn du einen andern Ton zu mir anschlagen könntest. Ich bin vielleicht doch nicht „witzig“ genug, um über derlei Scherze zu lachen.
Christian
Und wenn’s nun keine Scherze wären? Wenn ich nun doch vielleicht gemordet hätte, noch viel planmäßiger, als du dachtest? Wenn (nach dem Porträt weisend) der Schlaganfall meines Opfers kein Zufall war, sondern von mir herbeigeführt, um auf alle Fälle sicher zu gehn? Bist du noch garnicht auf den Einfall gekommen, daß man Wutanfälle künstlich bewirken kann?
Justus
Es scheint, du gefällst dir in der Rolle des skrupellosen Übermenschen. Du solltest mit solchen Gedanken nicht spielen in deinem überreizten Zustand. Du kannst dich doch unmöglich wohl dabei fühlen.
Christian
Meinst du, die menschenfreundlichen Milliardäre, die in Amerika Kirchen und Schulen stiften und Krankenhäuser und Volksküchen, die zögen ihre Gefühle zu Rate, wenn sie mit ihren Börsenmanövern andere Menschen zu Grunde richten? Oder um ein Beispiel zu wählen, das deinem Opfersinn näher liegt: hat sich etwa der General Bonaparte, oder irgend ein andrer Schlachtenlenker, jemals mit Gewissensskrupeln über M-Massenmord abgegeben? Und doch bewundert ihn die christliche Menschheit; genau wie den großen Kaiser Karl, der zum höheren Ruhm seines Hahaha-Heilands ein ganzes Heer Heiden abschlachtete, oder den edlen Bürger Robespierre, der zu Ehren der Freiheit Tausende Mitbürger in den Kerker und aufs Schaffott spedierte. Ja, die menschliche Bestie ist sehr beflissen, heilige Zwecke zu erfinden, unter deren Nimbus sie sich austoben kann. (Sein Glas hebend) Trink, lieber Justus, und lerne l-lachen! —
Justus
(während Christian trinkt und sich hastig das Glas wieder füllt)
Du könntest dich auch auf Nero berufen, an dessen irrsinnigen Greueltaten sich der Pöbel im Kino noch heute entzückt. Trotzdem hält jeder anständige Mensch solchen großspurigen Bösewicht im Grunde für einen armen Teufel, der in die Besserungsanstalt gehörte.
Christian
(auflachend)
Hahahimmlisch! du bist ja ungemein witzig! Wahrhaftig, das Alleranständigste wäre, wir gingen alle in die Besserungsanstalt; es ist für Hans Jedermann immer noch leichter, ein Engel in Menschengestalt zu werden als ein Teufel von Übermenschengröße. Aber du trinkst ja garnicht, du M-Menschheitsretter; zum Wohl, mein gütiger Beichtvater! (Er trinkt mit sichtlicher Erregtheit.)
Justus
(nur kurz Bescheid tuend)
Zum Wohl — wenn dich die Beichte nicht reut. Vielleicht ist es dir in Wahrheit lieber, dich nicht weiter auszusprechen.
Christian
Was weißt du von meiner Wahrheit, Mensch! (Sich mäßigend, starr vor sich hin) Was weiß ich schließlich selber davon.
Justus
Beruhige dich; ich will sie nicht wissen.
Christian
Wer kann denn die Wahrheit über sich sagen? Das Wahre ist immer nur, was man tut!
Justus
Ich will auch von deinen Taten nichts wissen. Ich bin durchaus nicht darauf versessen, mich in dein Vertrauen zu drängen.
Christian
(lächelnd)
Aber du bleibst mit Vergnügen sitzen, weil meine Worte dein M-Mißtrauen ködern. Vergiß nicht, es sind blos — „Gedankenspiele“. (Er trinkt wieder mit merklicher Hast.)
Justus
Ich bin geblieben, Christian, weil du mich etwas fragen wolltest. Wenn’s dir leid geworden ist, gehe ich gern.
Christian
Aber nein, das wirst du mir doch nicht antun, du reuevoller Blutsverwandter! Du mußt doch anstandshalber ein bißchen Mitleid haben mit meinem „überreizten Zustand“! Natürlich will ich dich etwas fragen, sehr viel sogar, du wirst dich wundern! Du mußt doch auch von Berufswegen einigen Anteil daran nehmen, wie der verfolgten Unschuld zumute ist! Nicht wahr, lieber Vetter, das mußt du doch?
Justus
Also —?
Christian
Du scheinst es ja garnicht erwarten zu können — (er will wieder trinken, beherrscht sich aber). Also: gesetzt zum Beispiel den Fall, dir kämen jetzt, nachdem sich dein Urteil über meinen Charakter geändert hat — von Grund aus geändert hat, wie du sagtest, — da käme dir nun ein D-Dokument in die Hand, womit du dem ho-hohohohen Gerichtshof den vollen Beweis erbringen könntest, daß ich mich in der Tat vor Jahren als Unmensch (absichtlich) betäterätätigt habe: was würdest du da tun, lieber Justus?
Justus
Du wirst doch nicht im Ernst erwarten, daß ich auf solche wahnwitzige Frage eine vernünftige Antwort geben soll.
Christian
Du meinst, ich würde jetzt nicht mehr ins Zuchthaus, sondern ins Irrenhaus gehören? Sehr freundlich, aber das scheint mir falsch; ich halte meine Vernunft für recht klar. Doch gesetzt, ich war wirklich so irrsinnig, aus allgemeiner M-Menschenliebe einen einzelnen Menschen zu morden, dann ist doch Irrsinn noch kein triftiger Grund, einen M-Mörder freizusprechen. Das wäre wohl höchstens dann vernünftig, wenn alle Irren Mörder wären. Du bist doch jedenfalls der Ansicht, mindestens doch von Amtswegen, daß man verbrecherische Gelüste aus der Menschheit ausrotten müsse, und daß sich das nur durchsetzen läßt, wenn man die Verbrecher bestraft. Warum also einen M-Mörder schonen, der zufällig auch noch irrsinnig ist; den müßte man doch erst recht bestrafen, damit sich nicht etwa andre Irre ein reizendes Beispiel an ihm nehmen. Ja, wär’s noch ein Mammama-Massenmörder, vor dem sich die vernünftige Menschheit mit Staunen und Grauen verkriechen könnte! Aber ein ganz gewöhnlicher Gelegenheitsmörder: wozu denn den unter die Glasglocke setzen? — Ich glaube, du wirst mir zugeben müssen, daß meine überreizten Gedankenspiele ziemlich folgerichtig sind.
Justus
Unheimlich richtig — wie ich gleichfalls schon sagte.
Christian
(lächelnd)
Ja, es ist schwer, sich verstehen zu lernen. (Das Glas hebend) Zum Wohl! so trink doch endlich aus!
Justus
(sein Glas mit der Hand bedeckend)
Nein, danke; keinen Tropfen mehr.
Christian
Du fürchtest wohl, du lernst mich zu gut verstehen? — (Das Glas hinsetzend, ohne getrunken zu haben) Soll ich dich lieber nicht weiter fragen?
Justus
(lächelnd)
Ich fürchte, du wirst es nicht lassen können.
Christian
Sehr wahr! Du fängst wirklich an zu verstehen! — Also gesetzt, du fändest irgend ein Schriftstück, das mein Verbrechen unwiderleglich bewiese — zum Beispiel ein Tagebuch von mir, das ich damals geschrieben hätte — in das ich alles verzeichnet hätte, was mich zu der Untat verführte — in dem ich mir Rechenschaft ablegte, über meine Gedanken und Gefühle, vor der Tat und nach der Tat — wie ich mit meinem Gewissen kämpfte, jahraus jahrein, von W-Woche zu Woche — wie ich mich prüfte und mich quälte mit meiner scha-hauderhaft klaren Vernunft — wie ich l-langsam die Feigheit überwand, die in unsern sittlichen Grundsätzen nistet — wie ich in allen Gründen und Abgründen meiner Seele herumstocherte, um die Gewürme der Angst und Reue, des E-Ekels und Dünkels zu zerquetschen — (er hat sich krampfig ans Herz gegriffen) —: würdest du jetzt noch w-willens sein, mich auf Grund eines solchen Bekenntnisses öffentlich zu brandmarken? —
Justus
Aber lieber Christian, nimm’s nicht übel, verzeih mir meine Offenheit: das sind ja leere Hirngespinnste. Solch Tagebuch ist doch nicht vorhanden, also kann ich es auch nicht finden, also auch zu der Frage nicht Stellung nehmen.
Christian
Du meinst, weil du’s nicht gefunden hast bei deiner amtlichen Haussuchung hier? (Lächelnd) Hast wohl gründlichst an den Wänden geklopft? zum Beispiel (nach dem Porträt weisend) hinter dem Erbstück da! — Nun, vielleicht gibt es doch Verstecke, die selbst einem Detektivoffizier ein Buch mit sieben Siegeln sind.
Justus
(lachend)
Da kann ich dich gründlichst beruhigen! In der alten Bude, die wir von Kindheit an kennen, ist mir kein Blättchen verborgen geblieben, geschweige ein ganzes Tagebuch.
Christian
Nun, die Mühe hättest du sparen können. Es wäre doch gar zu gewöhnlich gewesen, ein solches Beweisstück hier aufzubewahren, wo jeder Schnüffler es finden konnte; für einen so harmlosen Bösewicht wirst du mich jetzt wohl nicht mehr halten. Aber gesetzt, ich hätte es anderswo, an ganz sicherer Stelle, hinterlegt, unter unantastbarem Siegel — zum Beispiel bei irgend einem Notar, oder in der Stahlkammer einer Bank, etwa als Anhang zu meinem T-Testament, das erst nach meinem seligen Tod gerichtlich geöffnet werden darf —: gesetzt, ich hätte meine Erben, zum Beispiel einen gewissen Justus, oder vielleicht auch die alte Anne, mit der Erlaubnis betrauen wollen, die Menschheit darüber aufzuklären, welch Scheusal dieser M-Menschenfreund war — mit welcher kaltblütigen Hihihi-Hinterlist er ein gebrechliches Weib umgarnte, wie er ihre Krankheit mit langsamen Reizmitteln nährte, ihren zügellos gewordenen Jähzorn bis zur Selbstzerrüttung aufpäppelte — wie er ihr schließlich seinen M-Mordplan enthüllte, daß sie vor ohn-m-m-mächtiger Wut
Justus
(brüsk aufstehend und sich reckend)
Genug! jetzt hab ich genug gehört! — Ich bedauere meine Gutgläubigkeit, ich speie auf deinen frechen Hohn. Du denkst, du bist jetzt sicher vor mir; du wirst dich irren, du kennst mich noch nicht! Ich werde nicht ruhen, bis du entlarvt bist; keinen Schritt mehr sollst du im Leben tun, hinter dem du nicht meine Augen spürst! Bei Tag und Nacht, ich werde dir nah sein: dein Doppelgänger, dein Alb, dein Gespenst —
Christian
(hat sich gleichfalls erhoben, ihm fiebrig in die Augen starrend)
Du wirst mir „von Grund aus“ willkommen sein. Du wirst mir das höchste Vergnügen bereiten, nach dem ich im Leben getrachtet habe. Du wirst mir tagtäglich den vollen Genuß meiner M-Menschenwürde verschaffen! Du wirst mir der Hund sein, der bis zum Irrsinn nach meiner Gewissenspfeife tanzt! Du wirst
Justus
Ich werde dein Spiegel sein! Du bist ja der bodenloseste Teufel, der sich jemals vor sich selber versteckt hat! Ich werde dir endlich einmal zeigen
Christian
dein wahres Antlitz! nicht wahr? ha-ha-hah! — Ist das deine Reue, du „anständiger Mensch“?! Kenn ich dich jetzt, du ehrlicher Vetter?! Ich kann dir noch mehr Verbrechen vorlügen, um dein M-Mitgefühl zu befriedigen! Ich sollte wohl gleich vor Rührung zerschmelzen ob deiner edlen „Gutgläubigkeit“? Hahahimmlisch, du entlarvter Engel, du Cherub der Gerechtigkeit! Hab ich dir „endlich einmal“ ins Herz geleuchtet? in die M-Mördergrube — hha-ha-ha — ah — (sein Gelächter schlägt um in einen Wehlaut, er greift in die Luft und bricht zusammen) —
Justus
(beugt sich über den Tisch vor, mit beiden Fäusten aufgestemmt, betrachtet kalt den Ohnmächtigen)
— Diesmal scheint’s echt; — du traust dir zuviel zu, Bursche. — (Er geht langsam zur Tür, öffnet, ruft) Schwester Anne! — (Er zieht seine Taschenuhr, überlegt) —
Anne
Was ist? (Erschreckend) Um Gottes willen — (sie eilt an den Lehnstuhl, nimmt Christians Kopf in den Arm, lockert ihm Kragen und Halsbinde)
Justus
(an der Tür bleibend)
Dem Herrn ist der Wein wohl zu stark gewesen; ich werde den Sanitätsrat holen. Und den Notar; wie heißt er doch gleich?
Anne
Welcher Notar? Ich weiß ihn nicht. Der Herr sagt mir nichts von seinen Geschäften.
Justus
Nun, dann nachher; auf bald, Schwester Anne. Wir müssen dem Herrn jetzt ein bißchen beistehn; wir wollen nachher darüber sprechen.
Anne
Gewiß, Herr Justus, das wollen wir.
Justus
Also auf bald!
Anne
Auf bald, Herr Justus. — (Nachdem Justus gegangen ist, leise) Vater, hilf deinen schwachen Kindern — —
(Vorhang)
Dritter Akt
Christian Wach
(sitzt im Lehnstuhl hinter dem Mitteltisch, den Unterkörper in schwarze Decken gehüllt. Vor ihm liegen Geschäftspapiere, in denen er blättert und Zahlen nachrechnet, in der linken Hand einen Bleistift haltend. Man sieht, sein rechter Arm ist gelähmt, hängt in einer schwarzen Binde. Seine Stimme klingt untergraben.)
— — Also noch knappe neun Millionen — (den Bleistift hinlegend) es geht zu Ende, Christian Wach. — (Sich mühsam nach dem Porträt umwendend) Deine Schatzgrube ist bald leer, alter Drachen! — (Hand aufs Herz legend, schwer vor sich hin) Und die Mördergrube wird immer voller — —
Die alte Anne
(tritt in die Tür, ein winziges, aber sorgsam geschmücktes Weihnachtsbäumchen auftragend)
So, Herr Christian, damit Sie doch merken, daß uns heute der Heiland geboren ist — (vor ihn hintretend) der Erlöser, lieber Herr Christian! — (Das Bäumchen auf den Tisch stellend) Gelt, ich darf es heut Abend uns anzünden; zu Heilig-Abend ist das keine Verschwendung.
Christian
Das hast du doch früher nicht getan. (Lächelnd) Du denkst wohl, jetzt bin ich hilflos genug, daß du mir neue Lichter aufstecken kannst?
Anne
Ja, ich hätt mir schon eher ein Herz fassen solln. Wir sind allesamt hilflos genug.
Christian
Besonders wenn wir’s uns einreden lassen. Ich halte mich lieber an das Sprichwort: hilf dir selbst, dann hilft dir Gott. Das ist auch für die Gottlosen brauchbar.
Anne
Es gibt noch ein ander Sprichwort, Herr Christian: Gott verläßt die Seinen nicht. Und mancher ist sein, der’s nicht wahr haben will.
Christian
Wenn ich nicht wüßte, wie gut du’s meinst, könnt ich glauben, du dankst deinem Gott im stillen, daß er mich damals nach meiner Freisprechung (auf seinen rechten Arm deutend) mit dem Schlaganfall begnadet hat.
Anne
Seine Wege sind nicht die unsern.
Christian
Schon recht, schon recht; ich kenn deine Standreden. (Auf den Stuhl zu seiner Linken weisend) Komm, setz dich lieber, ich muß dir was sagen. Aber stell erst das Bäumchen einstweilen beiseite, sonst vergeht mir bis Abend die Freude daran. (Während Anne es auf den Bücherbord trägt) Ich habe gestern mit dem Notar mein Testament ins Reine gebracht (er berührt die Papiere, schüttelt sich unwillkürlich) — aber leg noch bitte etwas Holz aufs Feuer. Und wenn nachher der Minister kommt, legst du nochmals ein bißchen nach. Hat er nicht m-melden lassen, worum sich’s handelt?
Anne
(ein paar Scheite in den Kamin legend)
Es wird halt wegen der neuen Stiftung sein; die Grundsteinlegung der Radioklinik.
Christian
Nein, das hab ich mir schon verbeten, daß sie auf meinen Namen getauft wird. Also komm jetzt, wir wollen uns aussprechen.
Anne
(sich setzend, ihm in die Augen blickend)
Ja, wenn Sie das wollten, Herr Christian —
Christian
Willst du mich wieder aufregen, Anne? Das kannst du dem Justus überlassen! — Er hat sich wohl jetzt mit dir verschworen, meine werte S-Seele zu retten? Seitdem er hier mit im Hause wohnt, wird er von Tag zu Tag christlicher.
Anne
Auch der Herr Justus meint’s gut auf seine Weise.
Christian
Gewiß, versteht sich; und ich lohn’s ihm auf meine. Das eben will ich mit dir besprechen.
Anne
Wenn Sie’s aber doch aufregt! grad immer das! Immer wieder diese unselige Erbschaft, diese Sorge um den morgigen Tag. Und grad zum Christfest; es hat doch Zeit.
Christian
Nein, Anne, mit meiner Zeit ist’s bald aus; kannst ruhig darüber reden mit mir. Meinst du, ich fürchte mich vor dem T-Tod? Was tut’s denn, ein bißchen früher zu sterben, als es ohne die Sorge vielleicht geschähe. Was heißt denn sterben? keine Sorgen mehr haben! Kann man sich davor fürchten im Leben? Kann man das überhaupt begreifen? Ich kann meinen Tod mir nicht vorstellen.
Anne
Ja: sie will nit sterben, die ewige Seel —
Christian
Kommst du schon wieder mit deiner Gottesfurcht? Versteh doch, ich habe andere Sorgen!
Anne
(seine Linke streichelnd)
Nicht Furcht, nicht Furcht: Gott will Vertrauen. Furchtbar ist blos die menschliche Selbstsucht.
Christian
(lächelnd)
Dann sei also selbstlos und hör mir zu. (Ein Schriftstück aus den Papieren nehmend) Hier ist mein Vermögen drin verzeichnet. Es sind, nach Abzug aller Unterhaltsgelder für die bestehenden Stiftungen, noch etwa neun Millionen Mark. Davon habe ich drei dem Justus vermacht; den Rest, wenn du nichts dagegen hast, Dir.
Anne
Aber —
Christian
Laß mich erst ausreden, bitte. Du kannst damit machen, was du willst; kannst den Plunder verschenken, an wen du willst, meinethalben an den verkommensten Strolch. Nur die eine Bedingung ist dir gestellt: keinen Pfennig mehr darfst du für irgend eine dieser öffentlichen A-Anstalten stiften, die unter der Maske des Samariterdienstes eine Gesellschaft von Pharisäern züchten. Denn daß du’s nur weißt, liebe alte Anne: ich will dich nicht in Versuchung führen, ob deine Barmherzigkeit auch am Ende in die allgemeine Herzlosigkeit umschlägt, die sich M-Menschenfreundlichkeit nennt. Selbst das größte Gefühl wird klein, wenn es sich aufputzt mit großen Begriffen; ein bißchen Güte von Mensch zu Mensch ist besser als alle Liebe zur Menschheit.
Anne
Das sagen Sie blos wieder, um sich zu quälen. Der gute Wille ist allzeit heilig.
Christian
Wenn du also einverstanden bist, dann liegt es auch in deiner Hand, das Vermächtnis an Justus größer zu machen. Ich möchte mit ihm nicht darüber sprechen, und ich bitte auch dich inständig, es nicht vor meinem T-Tode zu tun; er denkt sonst, ich wolle ihn bestechen, und das würde die Versöhnung erschweren, die ich noch von ihm zu erlangen hoffe. Also nicht wahr, du schweigst darüber!
Anne
Ja gewiß, Herr Christian, gern.
Christian
Du kannst dir ja immer überlegen, ob es vielleicht ein christliches Werk ist, ihm mehr als die drei Millionen zu geben, die er vor Jahren von mir verlangt hat; meinethalben das Doppelte.
Anne
Was ist da groß zu überlegen? Was braucht ein einzelner Mensch soviel Geld? Es lädt ihm blos Ängste auf die Seele. Sie, Herr Christian, hätten’s auch leichter gehabt, wär nit die große Erbschaft gewesen.
Christian
(lächelnd)
Du fühlst dich wohl nicht als „einzelner Mensch“?
Anne
(lachend)
O, ich leichte Person! bei mir bleibt’s nit lang! Hier in der Näh gibts ’ne ganze Straße, da konnt man in einer Nacht die Millionen los werden, damit das geschminkte Elend mal ein rechtschaffen Christfest feiern kann.
Christian
Du hast’s ja gut vor; gib nur Acht, daß dir die Lichter nicht den Baum verbrennen. Glaub mir: was der Mensch auch tun mag aus Mitleid, es ist nie genug und immer zuviel. Du wirst vielleicht noch zufrieden sein, daß du dem Justus die Sorge aufpacken kannst, wie man das Geld am besten los wird.
Anne
Davor ist mir nit bang, dafür sorgt unser Herrgott; ist eitel Dunst um jegliche Guttat, die seine Welt verbessern will. Einfach wohltun, soviel man kann, aus Freud am Wohltun, mehr kann man nit. Was würd denn der stolze Herr Justus sagen, wollt ich vor ihn hintreten und ihm was schenken? Nein, das geht nit; dem kann ich das nicht antun.
Christian
(langsam nach ihrer Hand tastend)
Verzeih mir, Anne — ich hab dich zu spät erkannt — —
Anne
Und wenn’s noch Zeit wär, Herr Christian — die andere Sorge auch los zu werden —?
Christian
(sich aufraffend, rauh)
Was soll das! Laß das! Ich sagte: zu spät!
Anne
(seine Linke mit beiden Händen ergreifend)
Ich hab geschwiegen so viele Jahr lang, ich werd schweigen darüber bis ans Grab: sprechen Sie aus, was Ihnen das Herz abdrückt!
Christian
Sei vernünftig, Anne, reg mich nicht auf! (Lächelnd) Du weißt, das verträgt der Geheimrat nicht.
Anne
Ich bitt Sie, Herr Christian, liebster Herr: spotten Sie nicht, ich fleh Sie an! (Zu ihm hinknieend) Ich hab noch nie vor einem Menschen gekniet — ich beschwör Sie bei Ihrer Qual — (mit beiden Händen nach dem Porträt weisend) bei den Augen, die Sie verfolgen —: nehmen Sie nicht das Geheimnis mit hinüber!
Christian
Steh auf! du beschämst mich! Ich d-dulde das nicht! Der Justus hat dich ganz wirr gemacht! Steh auf, sag ich dir, du machst mich zuschanden! Willst du mir noch einen Schlaganfall einjagen?
Anne
Ich will Ihrer armen Seele beistehn! Die macht’s ja nur, daß der Körper büßt!
Christian
(wild seine Linke gen Himmel spreizend)
Ist denn selbst die Barmherzigkeit eine Furie?! — (Die Hand auf Annens Kopf senkend, sanft) Was weißt du von meiner Buße, du Engel. Steh auf, du überhebst dich vor Demut. (Die Hand an seine Stirn legend) In dies Geheimfach dringt nur der Tod. (Draußen elektrisches Klingelzeichen, während Anne sich erhebt) — Geh, öffne; (matt ihre Hand ergreifend) du hast mir wohlgetan —
Anne
(küßt seine Stirn, dann mit traumhaftem Ausdruck)
Denn uns ist heute der Heiland erschienen — (legt beglückt ihre Hände vor die Brust und geht so leise nickend hinaus) — —
Christian
(wendet sich langsam nach dem Porträt um)
Verfolgst du mich wirklich noch?! — (Wendet sich langsam zurück, schließt die Augen; dann mit verklärtem Gesicht) Bald nicht mehr — — (Die Tür geht auf, Anne läßt den Minister und den Oberbürgermeister eintreten) —
Der Minister
(mit einer Verbeugung, der sich der Bürgermeister anschließt, während Anne Holz in den Kamin legt)
Guten Tag, Herr Geheimer Rat; es tut mir leid, Sie stören zu müssen.
Christian Wach
Nicht im geringsten, Euer Excellenz. Wollen Sie nur entschuldigen, daß mein Zustand mir nicht erlaubt, den Herren geziemend entgegenzukommen. Darf ich bitten, Platz zu nehmen.
Minister
(während Anne hinausgeht)
Die Ehrerbietung erfordert zunächst, meinen Auftrag stehend zu erstatten. Auf Befehl Seiner Königlichen Hoheit, unsers gnädigsten Landesherrn, habe ich Ihnen, Herr Geheimer Rat, die persönliche Eröffnung zu machen: So sehr die Gesinnung zu würdigen ist, aus der Sie Ihre Namensverknüpfung mit dem von Ihnen gestifteten radioklinischen Institut ablehnen, kann doch des guten Beispiels wegen ein solches Geschenk nicht angenommen werden, ohne es durch ein rühmliches Zeichen der allgemeinen Erkenntlichkeit zu erwidern. Seine Königliche Hoheit haben daher geruht, in der Annahme, daß es Ihnen eine Weihnachtsfreude bereiten wird, Sie in den Adelsstand zu erheben; die Urkunde folgt heute Nachmittag. (Sich auf den Stuhl links des Tisches setzend, mit lächelnder Unamtlichkeit) Ich erlaube mir, Herr von Wach, Ihnen ohne Phrase zu sagen, daß ich Ihren Dank richtig ausrichten werde.
Christian von Wach
Es liegt meinem Selbstgefühl fern, Excellenz, mich gegen ein gütiges Wort zu wehren — (sie reichen einander unwillkürlich die Hand).
Der Bürgermeister
(ist stehen geblieben, räuspert sich)
Ich bin nicht blos erschienen, Herr Geheimrat von Wach, um Ihnen meinen aufrichtigen Glückwunsch zu der soeben vernommenen hohen Auszeichnung darzubringen; ich stehe hier zugleich in Vertretung der behördlichen Körperschaften unserer Haupt- und Residenzstadt, die auf mein sachliches Betreiben, trotz der persönlichen Widerstände gewisser starrköpfiger Mitbürger, den weitherzigen Beschluß gefaßt haben, zur dauernden Erinnerung an die gemeinnützige Betätigung Ihrer unentwegten Menschenliebe ein bedeutsames Merkmal zu errichten, sowohl um Ihnen selbst im Gedächtnis künftiger Zeiten und Geschlechter Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, als auch um andere Menschenfreunde zu gleicher Betätigung anzuleiten. In diesem überpersönlichen Sinne, hochzuverehrender Herr Geheimrat, soll Ihr in Öl gemaltes Porträt, und zwar von der Hand des bewährten Direktors unserer Kunstakademie, in unserem Rathause aufgehängt werden; und in Rücksicht auf Ihre so werte Gesundheit, deren baldige Wiederherstellung jeder Wohlgesinnte wünschen muß, bitte ich Sie, ihm mitzuteilen, zu welchen Stunden Sie ihm in der Festwoche die leider aus künstlerischen Gründen unumgänglich erforderlichen Modellsitzungen gewähren wollen.
Christian von Wach
Sie dürfen überzeugt sein, Herr Oberbürgermeister, daß ich Ihren „weitherzigen Beschluß“ im vollen Umfang zu schätzen weiß, sowohl die überpersönliche Gerechtigkeit wie die persönlichen Widerstände. Ich meinesteils würde zwar am liebsten ebenso starrköpfigen Widerstand leisten; aber da ich nicht mehr kräftig genug zu dieser (absichtlich) Betäterätätigung bin, so bitte ich dem Herrn Akademiedirektor mit einem verbindlichen Gruß zu bestellen, daß er seine Staffelei wohl bald vor meiner L-Leiche wird aufschlagen können.
Bürgermeister
Ich hoffe, verehrter Herr Geheimrat, Sie werden damit nicht sagen wollen
Christian von Wach
(erregt)
Ich will damit sagen, verehrter Herr Ober-b-bürgermeister, daß ich nach meinem Tod nicht verhindern kann, der M-Menschheit in Öl serviert zu werden; zu meinen L-Lebzeiten bin ich lalala-leider — (sich zusammennehmend) für diese „sachliche“ Behandlung meiner nebensächlichen Person nicht ganz menschenfreundlich genug.
Bürgermeister
(sich in die Brust werfend)
Ich hätte es kaum für möglich gehalten, daß eine so wohlerwogene Ehrung auf solche Verkennung stoßen würde. Zu meinem tiefsten Bedauern bleibt mir nur übrig, dies der Bürgerschaft zur Kenntnis zu bringen; und wenn ich mich jetzt hier verabschieden muß, so geschieht es mit dem Bewußtsein, mit dem erhebenden Bewußtsein, daß ich des Beifalls der weitesten Kreise in diesem Falle gewiß sein darf. Ich empfehle mich Euer Excellenz — (der Minister steht auf) oder falls Sie mich zu begleiten gedenken
Christian von Wach
Darf ich wohl bitten, Excellenz, noch einen Augenblick zu verweilen?
Minister
Gern, Herr Geheimrat. Verzeihung, Herr Oberbürgermeister.
Bürgermeister
So empfehle ich mich denn wiegesagt — (man verbeugt sich gemessen — er geht gewichtig ab) — —
Minister
(indem er sich wieder setzt)
Ich bin zu jeder Vermittlung bereit.
Christian von Wach
Es tut keine mehr not, (lächelnd) ich bin erledigt. (Ernsthaft) Ich wollte nur fragen, Excellenz: würden Sie wohl einem Sterbenden eine unumwundene Antwort geben?
Minister
Soweit das menschenmöglich ist —
Christian von Wach
Warum häuft man Ehren auf eine Person, die man doch für schändlich hält? Warum p-peinigt man mich mit Gnadenmienen, hinter denen der Abscheu grinst?
Minister
Die Ehre gilt niemals der Person, stets nur der Sache, der man dient. (Lächelnd) Das entschuldigt auch die Person, die uns soeben verlassen hat.
Christian von Wach
Also wir sind alle dazu verdammt, einander Böses zu tun im Kampf um das Gute?!
Minister
Wenn’s die Sache verlangt — jeder Sieg kostet Opfer —
Christian von Wach
Wo bleibt dann die Grenze zwischen Tat und Untat, Heldentum und Verbrechertum? Was berechtigt uns, Andre zu opfern?
Minister
(diskret ihm huldigend)
Wohl was uns verpflichtet, uns selbst zu opfern. (Aufstehend) Wem es die innere Stimme sagt, der fragt wohl nicht nach dem Urteil der Welt.
Christian von Wach
Ich danke Euer Excellenz.
Minister
(ihm die Hand hinstreckend)
Ich wünsche Ihnen ein frohes Fest!
Christian von Wach
Ihnen noch viele, Excellenz! — — (Minister ab, an der Tür sich nochmals verneigend; Christian erwidert den Gruß, schließt dann die Augen und raunt vor sich hin) Wem es die innere Stimme sagt —? — (Es klopft, und Justus Wach tritt ein) — — Nun, Justus, mein Spiegel, bist du schön blank heut?
Justus
(sich rechts des Tisches setzend)
Macht es dir wirklich noch immer Vergnügen, mir das unbedachte Wort nachzutragen, das ich damals in der Erregtheit hinwarf?
Christian
Wie sollte es nicht? Du bist doch noch immer bestrebt, mir mein wahres Gesicht zu zeigen. Das macht mir wirklich ein ungemeines Vergnügen; das einzige, das mir die Welt noch bietet. Ich bin dir auch wirklich dankbar dafür.
Justus
Also dazu hast du mich in dein Haus gelockt: dem Herrn Geheimrat als Hofnarr zu dienen. Und ich war einfältig genug, mir von der guten Anne aufschwatzen zu lassen, es sei dir ernstlich um eine Versöhnung zu tun.
Christian
Außerordentlich rührend bei deinem Beruf, dies Selbstbekenntnis deiner Einfalt. Seit wann bist du denn so versöhnlich gestimmt?
Justus
Du weißt sehr gut, daß es mich reut, deinen Schlaganfall veranlaßt zu haben; wenn es auch ohne Absicht geschah.
Christian
Ja, das hast du mir schon mehrmals gesagt. Aber nicht wahr: mein Tagebuch, das hast du noch immer nicht aufgespürt —
Justus
Hältst du es denn in der Tat für möglich, ich hätte bei einiger Überlegung nur eine Minute lang geglaubt, daß ein solches Geständnis vorhanden sei? Wenn du es je geschrieben hättest, wär es doch längst von dir vernichtet.
Christian
(wie zufällig die Hand auf seine Papiere legend)
Und wenn es nun doch noch irgendwo läge?
Justus
Ich lasse mich nicht mehr zum Narren halten!
Christian
Wenn es mir nun eine Wollust wäre, mit der Entdeckungsgefahr zu spielen? Wenn mich immerfort die L-Lust stachelte, die unersättlich marternde Lust, mein Geheimnis der Welt ins Gesicht zu schreien? und dabei die W-Wonne der Selbstbeherrschung, der Welt nicht den Gefallen zu tun! mich nicht knechten zu lassen von dieser B-Beichtsucht! diesem schamlosen Mitteilungstrieb, der uns alle zu armen Sündern macht! — Hast du dir das noch nie überlegt? —
Justus
Wenn du mich etwa nötigen willst, Weihnachten anderswo zu feiern, dann bitte sage es mir doch offen! Die Anspielungen auf meinen Beruf werden mir nachgerade lästig.
Christian
Du kannst dir also garnicht denken, daß ein M-Mörder ein ehrlicher Mensch sein kann?
Justus
Ich denke mir, daß du durch deinen Reichtum, weil du keine andre Beschäftigung hattest, zum Grillenfänger geworden bist. Nun tüftelst du dir aus allerlei Zufällen ein neunmalkluges Verbrechen zusammen, blos um dir nicht einzugestehen, daß dir glücklicherweise der Mut dazu fehlte.
Christian
Deine Menschenkenntnis ist fast so gründlich wie deine gute Meinung von mir. In der Tat, Vetter: es ist tief beschämend, so als elender Mitmensch dazusitzen, wo man Teufel und Engel zugleich sein wollte.
Justus
Nun, die Märtyrer-Rolle hat auch ihre Glorie. Sonst hättest du wohl die Selbstquälerei nicht so lange ausgehalten.
Christian
Und wenn ich nun all die Jahre lang gegen die Versuchung angekämpft hätte, diese Qual mit eigner Hand abzu-b-brechen? (Krampfhaft die Hand aufs Herz drückend) Wenn’s mir nun zu erbärmlich gewesen wäre, so vor mir selbst in die B-Binsen zu gehn? Wenn ich lieber die Buße ertragen hätte, vor jedem unbe-bedachten Wörtchen zu beben, als diese B-Babbala — (sich bezwingend, da Justus ihm Hilfe leisten will) laß — ich danke — — ich wollte sagen: Blamage des Selbstmords.
Justus
Ich muß es wohl aufgeben, Christian, dein Gewissen zu beruhigen.
Christian
(lächelnd)
Ja, wir haben beide unsern Beruf verfehlt; du als Mitmensch, und ich als Unmensch.
Justus
Ich will dich wahrhaftig nicht aufregen, aber du zwingst mich ja dazu. Warum bringst du das Unrecht, das ich dir antat, trotz meiner Abbitte immer wieder zur Sprache?
Christian
Vielleicht weil es mein „Gewissen beruhigt“, deine Gerechtigkeit wanken zu sehen. Wenn du sicher wüßtest, ich hatte gemordet, würdest du dann wohl noch geneigt sein, mir die Hand zur Versöhnung zu bieten? —
Justus
Es gibt doch Morde, die sogar das Gericht verzeiht.
Christian
In der Tat; du bist sehr entgegenkommend. Und die M-Massenmorde fürs Vaterland, daß heißt für Thron und Altar und Kapital, oder für Freiheit, Gleichheit, L-Lüderlichkeit oder sonstige große Rosinen: die verherrlicht sogar die W-Weltgeschichte. Blos, das sind alles Morde aus Leidenschaft, aus Eifersucht, Rachsucht, Ehrgefühl, Pflichtgefühl; die freilich entschuldigt man edelmütig.
Justus
Nun, wenn auch nicht grade vor Gericht, aber unter vier Augen betrachtet, ist wohl auch deine Art Menschenliebe eine entschuldbare Leidenschaft.
Christian
(lächelnd)
Aber Justus, ich werde irre an dir! Sollte ich endlich dein Herz erweicht haben?
Justus
(schroff)
Wenn du mir keinen Glauben schenkst, beweisen läßt sich dergleichen nicht.
Christian
(die Hand auf seine Papiere legend)
Wer weiß; ich könnte mich doch vielleicht „unter vier Augen“ überzeugen, wie weit du mein Vertrauen ehrst.
Justus
So? Könntest du das?
Christian
Wenn ich wüßte, Justus, wie weit du dir selber trauen darfst? (Da Justus Miene macht aufzufahren) Bitte bleib sitzen, ich will dich nicht kränken. An deinen guten Willen glaube ich gern. Ich wollte dich sogar zum Christfest um einen kleinen L-Liebesdienst bitten.
Justus
Wenn es dir wirklich ernst darum ist —?
Christian
(nimmt aus seinen Papieren ein mit fünf roten Siegeln verschlossenes Heft)
Ich habe gestern mein Testament neu verfaßt; ich wollte dich bitten, hier das alte — (draußen elektrisches Klingelzeichen) ah, der Sanitätsrat; nun, dann nachher. — (Das Heft wieder unter die Schriftstücke schiebend) Ich bin sein besuchtester Patient, seitdem er mich nicht mehr retten kann. (Anne läßt den Sanitätsrat eintreten) — Willkommen, mein werter L-Lebensretter!
Sanitätsrat
(während Anne an den Kamin geht und wieder Holz aufs Feuer legt)
Danke, danke, mein teuerster Todeskandidat. (Zu Justus, der aufgestanden ist) Aber bitte doch Platz zu behalten. (Sich gleichfalls setzend, links des Tisches) Und bitte mich nicht mißzuverstehen. Todeskandidaten sind wir ja alle; Sie können mich noch gut überleben! — (Christians linkes Handgelenk nehmend, sich nach Anne umdrehend) Gelt, Schwester: der reine Methusalems-Puls! Sie messen den Blutdruck doch noch regelmäßig?
Anne
Gewiß, Herr Geheimrat; er ist etwas niedriger.
Sanitätsrat
(während Anne hinausgeht)
Natürlich! Blos Aufregung vermeiden! Bei Ihrer zähen Konstitution: wir werden schon wieder Lebensmut fassen! In der letzten Sitzung der Menschenfreunde hat man sogar darauf gewettet, Sie würden doch noch Mitglied werden.
Christian
Sehr gütig; aber einstweilen scheint mir, der ehrlichste Menschenfreund ist der T-Tod.
Sanitätsrat
Ja, der Mensch bleibt ewig ein Grillenfänger.
Christian
Haha-hörst du’s, Vetter? Jetzt muß ich’s wohl glauben.
Justus
(lachend)
Die Diagnose stellt dir Jeder!
Sanitätsrat
„Jeder Wohlgesinnte!“ sagt der Herr Bürgermeister. (Zu Christian) Aber was hat denn der Biedermann? Begegnete mir bei der neuen Klinik und machte ein Gesicht wie ein Truthahn, als ich Ihren Namen nannte.
Christian
Ist Ihnen vielleicht auch der Akademie-D-Direktor bei der neuen Klinik begegnet?
Sanitätsrat
Aber Verehrtester, ruhig Blut! Sie werden sich doch nicht einbilden, ich hätte den Kitsch mit ausgeheckt?
Christian
Nein; aber jeder P-Pinsel bildet sich ein, er dürfe mich mit Berühmtheit beschmaddern, weil ich das selber schon reichlich besorgt habe.
Sanitätsrat
Ja, der Mensch ist von Natur größenwahnsinnig. Aber wiegesagt: nur nichts tragisch nehmen! (Zu Justus) Nicht wahr, Herr Leutnant, Sie werden das Ihre tun, uns die Grillen vertreiben zu helfen.
Justus
Ja selbstverständlich! nach Kräften! mein Möglichstes!
Sanitätsrat
(aufstehend)
Also dann: gesundes Fest allerseits! Und nicht wahr: wenn das Herzchen doch wieder muckt: sind ja nur drei Schritte zu mir hinüber.
Christian
(lächelnd, die Hand ins Leere schwenkend)
Mancher geht auch ohne Schritte hinüber —
Sanitätsrat
Ohoh! solche Witze darf ich blos machen. (Beiden Herren die Hand schüttelnd) Na wiegesagt: gesegnete Mahlzeit — (geht händereibend eilends ab) — —
Christian
Es scheint, die M-Menschenfreunde wollen mich jetzt zum eingebildeten Kranken stempeln.
Justus
Das könnte dir doch nur angenehm sein.
Christian
Und wenn es mir nun — entsetzlich wäre?
Justus
Über diese Annahme darf ich wohl lächeln.
Christian
Wenn ich dir aber nun eingestände, wie es mich manchmal ekelt und reut, daß ich mich nicht verurteilen ließ? wie es mich damals b-bohrend drängte, öffentlich für die Tat einzutreten, zu der mir, wie du jetzt gütigst meinst, g-glücklicherweise der Mut gefehlt hat?
Justus
Dann müßtest du mir schon erlauben, auch diese Einbildung zu belächeln.
Christian
Auch wenn ich w-wirklich gemordet hätte?
Justus
Dann doch erst recht, bei deiner Gemütsart.
Christian
Bei meiner Feigheit, willst du wohl sagen.
Justus
Nein, in diesem Falle: bei deiner Verstocktheit.
Christian
Sehr schmeichelhaft, daß du die für so stark hältst. Aber die Reue kann ebenso stark sein, selbst im verstocktesten Missetäter. Dein bewunderter Bonaparte zum Beispiel: Haha-Hunderttausende hat er skrupellos auf seinen Schlachtfeldern umgebracht, aber der eine Duc d’Enghien, den er hi-hinterlistig hinrichten ließ, der wurmte ihn noch auf Sankt-Helena, trotz aller staatsklugen Entschuldigungsgründe. Die Vernunft mag noch so zielbewußt über das Gewissen hinwegschreiten, das Gemüt l-läßt sich nicht hintergehen.
Justus
Nun, du merkst wohl, ich sprach dir blos zu Munde. Da es dir Spaß macht, dich selbst zu narren, will ich kein Spielverderber sein.
Christian
Also du hältst mich nicht für verstockt?
Justus
Sonst hättest du doch wohl kaum die Absicht, grade mir einen Liebesdienst anzuvertrauen.
Christian
(lächelnd)
Sehr freundlich, daß du mich erinnerst. (Das versiegelte Heft wieder vorholend) Aber darf ich dich erst noch bitten, mir mit deiner m-möglichsten Offenheit eine Frage zu beantworten?
Justus
Und —?
Christian
Gesetzt, ich hä-hätte den Mut gehabt, den du mir ehrlicherweise absprichst, — gesetzt, ich hätte t-trotzdem die Reue, die du mir anstandshalber nicht zutraust, — (schwer die Hand auf das Heft legend) gesetzt, ich würde es dir beweisen — unter vier Augen, lieber Vetter — nicht vor Zeugen, Herr Ki-Kriminalkommissar —: wärest du dann noch bereit zu dem Liebesdienst?
Justus
Wie kann ich das wissen — ohne Beweis —
Christian
Ist mein Anblick dir nicht Beweis genug?! —
Justus
Ich muß wohl verstummen, wenn du so fragst.
Christian
Du meinst, ein Verbrecher verdient kein Vertrauen?
Justus
Wenn er bereut, vertraut ihm sogar der Richter.
Christian
Und wenn dich nun ein solcher Verbrecher, dem die Reue aus jeder Grimasse stiert, den sie t-tausendfältig härter gestraft hat, als irgend ein Richter strafen kann — wenn dich der nun unter vier Augen bäte: (wieder die Hand auf das Heft legend) hier ist mein Geständnis, vernichte es! du hältst meine Seele in der Hand! du kannst sie aus der Verzweiflung retten! du siehst, es foltert mich stückweis zu T-Tode, daß ich ein einzig Mal unmenschlich war! du gibst mir den Glauben ans L-Leben zurück, ans Ewige Leben, an Gott und die Menschheit, wenn du m-menschlicher handelst als ich —
Justus
(die Hand nach dem Heft ausstreckend)
Ich soll es also — ins Feuer werfen —
Christian
(überläßt es ihm lächelnd)
Ja, Justus — zum Christfest wiegesagt — —
Justus
(steht auf, macht einige Schritte nach dem Kamin hin, wendet sich plötzlich ruckhaft um)
Und du denkst, so lasse ich mich begimpeln? Du bildest dir ein, ich durchschau nicht dein Lächeln? Du glaubst, du kannst mich (nach dem Porträt weisend) beschwatzen wie die da und dann mich auslachen wie noch nie? Du Narr, der Andre zu narren meint! — (Den Umschlag von den Heftblättern reißend und ihn vor Christians Füße schleudernd) Hier: so behandle ich dein Geständnis! kraft meines Amtes, du Auswurf der Menschheit! — (Hastig die Blätter musternd) Was? — wa — (steht in sprachloser Verblüfftheit da) —
Christian
Nun? Was sagt dir das leere Papier? —
Justus
(die Blätter zerfetzend und wegschmeißend)
Ah, du Jammergestalt, du schandschnäuzige! (Mit geballten Fäusten auf Christian los) Du bist ja die raffinierteste Viper, die je den Erdball begeifert hat! (Vor Christians Blick zurückzuckend) Wenn mir nicht graute, dich anzurühren, ich schlüg dir die Zähne aus dem Giftmaul! (Die Fäuste in die Hüften stemmend) Ist denn kein Funken Scham in dir, so mein heiligstes Pflichtgefühl zu verhöhnen?
Christian
(endlich gell loslachend)
Ha-ha-ha-hei — dein hei — hahahei — (plötzlich krampfhaft nach Luft ringend, lallend) heili — ha-heili — ha-hilf — hilf!
Justus
Dir —?
Christian
(röchelnd)
Hilf, Justus! ich dank dir’s! ich sterbe! ich fühl’s!
Justus
Dann stirb, Giftmischer!
Christian
(mit brechender Stimme, unsäglich lächelnd)
Hab Dank, du — M-Mörder! (er sinkt zusammen) —
Justus
(sich an die Brust fassend)
Ich —? — (Hart, mit abwälzender Handbewegung) Lächerlich! — (Er geht erhobenen Hauptes zur Tür; öffnet, ruft) Anne! Schwester Anne! — (Sie kommt, er zeigt auf Christian) Sehen Sie nach, ob noch zu helfen ist; ich möchte den Arzt nicht unnütz bemühen.
Anne
(auf die Papierfetzen deutend)
Was ist geschehen? War das die Versöhnung?
Justus
Rasch! helfen Sie lieber! Mir scheint, er regt sich —
Anne
(rechts des Tisches sich über Christian beugend, während Justus sich links auf die Stuhllehne stützt)
Das Herz, das klopft noch — —
Christian
(traumhaft)
Anne, bist Du’s —?
Anne
Ja, Herr Christian, ich; — nur still — nur nit bang —
Christian
Sie sollen mich nicht so ansehn alle!
Anne
Nein, Herr Christian, niemand — nur ich! — (Sich aufrichtend, mit unabweisbarer Frage) Herr Justus —?
Justus
(von ihrem Blick bezwungen)
Ja, dann ist’s meine Pflicht, den Arzt zu rufen — (geht gesenkten Hauptes hinaus) — —
Christian
Sind wir allein, Anne?
Anne
Ganz allein — (sie legt ihren Arm um seine Schultern) —
Christian
Ich seh noch immer die Augen alle — — nicht M-Menschenaugen —
Anne
Engelaugen — —
Christian
Sie wollen alle, ich soll es s-sagen — — nur einmal sagen —
Anne
Dann ist’s gesühnt — —
Christian
Ich — hörst du, Anne?
Anne
Gott will es hören — —
Christian
Ich — hilf doch, Anne!
Anne
Nur Gott kann helfen — —
Christian
Ich — ich — haha-habe — — (jäh sich aufbäumend, schreiend) Nein, Gott — (sich ans Herz greifend, selig lächelnd) ich nicht! — (er stürzt mit dem Gesicht auf den Tisch) — —
Anne
(faßt ihn bang bei der Schulter)
Herr Christian — lieber Herr Christian — — (neigt ihr Ohr an seine linke Seite, kniet dann ehrfürchtig neben ihm nieder, faltet die Hände zu stillem Gebet) — —
Justus
(öffnet horchend die Tür, läßt sie offen, tritt leise ein, nähert sich verhalten dem Tisch, wartet bis Anne sich erhebt; dann mit heiser drängender Stimme)
Hat er gebeichtet? was hat er gesagt? — (Da Anne zurückweicht, barsch auf sie los) Was hat er gesagt? ich treib Sie zum Zeugeneid!
Anne
(noch einen Schritt zurücktretend, hoheitsvoll nach der Tür weisend)
Gehen Sie endlich, Sie armer Mensch! — (Justus, langsam sich an die Brust fassend, starrt auf den Toten) —
(Vorhang)
Michel Michael
Komödie in Versen
Zweite Ausgabe
Personen:
Michel Michael, ein deutscher Bergarbeiter.
Lise Lied, sein Mündel.
Die Frau Venus.
Tyll Eulenspiegel.
Der getreue Eckart.
Der Kaiser Rotbart.
Der rote Karl, ein Sozialdemokrat.
Der schwarze Karl, ein Ultramontaner.
Der Bergrat.
Der Landrat.
Der Bürgermeister.
Die Frau Bürgermeisterin.
Ein Kaplan.
Ein Pastor.
Drei Maschinenheizer.
Polizisten. Kobolde. Leute in Masken.
Zeit und Ort:
Eine Johannisnacht in einer mitteldeutschen Kreisstadt.
(Rechts und links immer vom Zuschauer aus.)
Eulenspiegel als Vorredner
(von rechts kommend, in roter Gugeltracht mit Pritsche):
Meine allergnädigsten Damen und sehr verehrlichen Herrn!
Sie werden mirs wohl glauben: ich gefiele Ihnen gern.
Aber mein Herr, der Dichter, hat mich leider ausersehn,
Jedem eine Nase zu drehn.
Wer weiß, vielleicht dreh ich ihm selber auch eine;
indessen diese Nase hat — lange Beine.
Zunächst nämlich soll ich mich erfrechen,
über den Gang der Handlung im Voraus mit Ihnen zu sprechen.
Sie sehn’s schon an mir, und merken mit Gruseln: huh,
hier gehts offenbar geheimnisvoll zu.
Meine Maske hat weder Haut noch Haar,
blos ein unverschämtes Allerweltsspiegellöcherpaar
(er weist auf seine Augen)
und einen Schlitz für diese meine Zunge
(er streckt sie heraus) —
und darunter, ganz im Dunkeln, hängt mein Herz und meine Lunge.
Damit mach ich meistens nichts weiter als den Wind,
in den meine Worte gesprochen sind.
Denn mit Worten, da die Worte im Kopf entstehn,
kann der Mensch zwar herrlich andern Menschen den Kopf verdrehn;
aber da es in der Welt, die sich um uns dreht,
dennoch nicht nach unserm Kopf zugeht,
so verläuft der Gang der Handlung auf den 2 mal 5 Beinen
der Hauptpersonen, ausschließlich der meinen.
Ich bin also kein großschnäuziger Tugendschweinigel,
sondern heiße Tyll — mit Ypsilon bitte — Eulenspiegel;
das heißt, ich husche als närrischer Kauz durch die Welt,
der sich und andre närrische Käuze mit seinem Doppelspiegel prellt —
(er weist wieder auf seine Augen).
Was für Nebenpersonen noch drin herumlaufen,
das ist ein kaum zu zählender Haufen;
denn zu den Nebenpersonen um jede Menschenseele herum
gehört bekanntlich das ganze p. p. Publikum —
(er verbeugt sich).
Manche Person ist übrigens eigentlich keine;
und zwei der Hauptpersonen sind im Grunde nur eine.
Manche andre zählt mindestens fürn paar Schock;
und die hauptpersönlichste natürlich steckt in Jedermanns Rock.
Kurz, jegliche Seele tut alles, was sie kann;
aha! es scheint, sie fangen schon an.
Vierstimmiger Gesang mit Lautenspiel
(hinterm Vorhang):
Wir tragen alle ein Licht durch die Nacht,
unter Tag.
Eulenspiegel
(horcht und spricht parodierend nach):
Sie tragen alle ein Licht durch die Nacht.
Gesang:
Wir träumen von unerschöpflicher Pracht,
über Tag.
Eulenspiegel
(wie vorher):
Sie träumen von unerschöpflicher Pracht.
Gesang:
Wir helfen ein Werk tun, ist keins ihm gleich;
Glückauf!
Eulenspiegel:
Sie helfen ein Werk tun, ist keins ihm gleich.
Gesang:
Wir machen das Erdreich zum Himmelreich;
Glückauf!
Eulenspiegel:
Sie machen das Erdreich zum Himmelreich.
Da verkriech ich mich schleunigst, ich armer Schuft;
sonst sprengen sie mich am End in die Luft.
(Er dreht eine Nase, wickelt sich in den Vorhang, und diesen mit wegziehend verschwindet er rechts).
Erster Aufzug
(Bild: Altes kleines Landhaus mit Obstgärtchen. Rechts Wald und Gartenzaun. Links hinten das Haus. Vorn entlang Landstraße. An der Hauswand links ein Wegweiser, dessen drei Arme folgende Aufschriften tragen: Zur Stadt, Zur Grube, Feldweg. Am Gartentisch sitzen Michel Michael, der rote Karl und der schwarze Karl; daneben steht Lise Lied mit der Laute, in hellgrünem Sommerkleid und weißer Schürze.)
Lise Lied
(singt bei offener Bühne weiter, während die Andern nur den Kehrreim mitsummen):
Einst fiel alles Leben vom Himmel herab,
über Tag.
Wir Bergleute schürfen’s aus dem Grab,
unter Tag.
Wir fördern’s herauf, das tote Gestein;
Glückauf!
Wir machen’s wieder zu Sonnenschein;
Glückauf!
(Die Männer stoßen mit ihren großen Schnapsgläsern an und trinken sie leer).
Michel Michael
(in schwarzer Gamaschenhose und weißem Hemd mit offenem Halskragen):
So, Lise, nun hol uns noch jedem so ein Glas;
denn die Bergmannskehle
Lise:
Weiß schon: ist mehr trocken als naß.
O Michel! —
Michel:
Blos heut mal so’n kleinen Seelenwärmer;
morgen fließt wieder Milch und Sauerbrunn durch die Därmer.
Man muß sich doch für das nächtliche Fest vorbereiten.
Ja, und dann stöhnt ihr über die schweren Zeiten.
(Sie geht mit den Gläsern und der Laute ins Haus.)
Der rote Karl
(trägt gewöhnlichen schwarzen Jackettanzug, schwarzen Schlapphut und rote Krawatte):
Also willst du wirklich nachher aufs Johannisfest?
Michel:
Warum nicht?
Der rote Karl:
O blos: weil der Michel sonst sich zehnmal bitten läßt,
eh er einmal kommt. Aber ja: der Herr Bergrat hat’s gewunschen,
da ists freilich ratsam, sich untertänigst mitzubepunschen.
Sicher wittert man’s da oben so gut wie ich:
manche Stimme in der Knappschaft schwört auf dich.
Hast ein eigen Haus, bist bald Vorhäuer, kannst Leute dingen,
möchtest dich gewiß gar zum Steiger aufschwingen;
wirst morgen für ’ne Stütze von Thron und Altar gelten,
und der Bergrat
Michel:
Hör mal, roter Karl: den lass ich nicht schelten.
Er meint’s leutselig mit uns Arbeitern allzumal.
Er bezahlt auch heute Nacht wieder Musik und Saal.
Der rote Karl:
Sehr wahr! und in vier Wochen ist Reichstagswahl.
Du Schäfersohn läßt dir leicht was vormusizieren.
Der schwarze Karl
(trägt gleichfalls schwarzen Jackettanzug, aber steifen Hut, schwarze Krawatte und eine auffällig große Hornbrille mit dunkelblauen Gläsern):
Ja, ich meine auch: man muß sich doch wohl etwas salvieren.
Ich sage nichts gegen den Regierungskandidaten,
aber der Herr Bergrat privatim ist doch sozusagen ein Teufelsbraten.
Nicht etwa weil er — obzwar: auch das ist bedeutungsvoll —
’ne jüdische Urgroßmutter gehabt haben soll.
Aber was man so im stillen von seinem Lebenswandel hört —
Der rote Karl:
Du, hörst du’s, Michel? der Schwarze ist christlich empört!
Fraglos ist er einzig drum aus der Stadt gekommen,
um hier dem Heil deiner armen Seele zu frommen.
(Lise kommt mit den gefüllten Schnapsgläsern wieder.)
Der schwarze Karl:
Hoffte allerdings, Sie, Herr Namensvetter, nicht anzutreffen.
Der rote Karl
(sein Glas nehmend):
Ja, gottvoll, wie sich die Menschen äffen.
Der schwarze Karl
(ebenso):
Nun, Gevatter Michael weiß, welche Tiere am lautesten kläffen.
Michel
(mit ihnen anstoßend):
Holla! Frieden, ihr Karle! Gäste solln sich vertragen!
Muß ich junger Kerl das euch beiden alten sagen?
Hie Knappschaft! Glückauf! Jeder Knappe im Schacht
nehm sich vor falschen Wettern in Acht!
Der schwarze Karl:
Glückauf, Jungfer Lise! auf das schöne Lied vom Himmel.
Lise
(während die Männer trinken):
O, das ist am schönsten ohne euer Kümmelgebimmel.
Michel:
Sieh mal, roter Karl: deine Zukunftsrepublik,
das ist doch auch ’ne Art Rattenfängermusik.
Und sehn Sie, schwarzer Karl: Ihr Ewigkeitsparadies
lockt wohl erst recht die liebe Maus zur Mies.
Und derweil ihr Pfiffikusse so die Gegenwart vexiert,
hat der dumme Michel sie längst sehre anderst kapiert.
Denkt ihr, ich will blos drum heut aufs Maskenfest,
weil der Bergrat da ein paar Sektproppen tanzen läßt?
dann tät ich mich lieber mit euch hier draußen besaufen.
Nein, ich will mein Haus an die Grubengesellschaft verkaufen
und in die Stadt ziehn, werte Zeitgenossen!
Lise:
Michel, nein!
Michel:
Ja, Lise; das ist nun mal beschlossen.
(Er langt ein paar Schriftstücke aus der Brusttasche.)
Hier, ich hab schon alles mit dem Rechtsanwalt aufgesetzt,
und der Bergrat ist kein Knicker; besonders jetzt,
wo sie doch die Vorstadtzeche weiter austeufen wollen
und Platz brauchen für den neuen Wetterstollen,
da wird er heut Nacht bei’ner Buddel Wein
gern zu sprechen sein
und mir die werte Unterschrift geben.
Potz Taler, Lise! sollst sehn, das wird ein Leben!
Na, was machst du denn fürn Sechsdreiergesicht?
Lise:
Mir ist bang um dich, Michel. O bitte, tu’s nicht!
Michel:
Achgottedoch! daß dir’s Herzchen nur nicht bricht!
Brennst doch sonst drauf, mit in die Stadt zu fluttschen.
Lise:
Aber für immer?
Michel:
Für immer tut kein Weibsbild muckschen.
(Er nimmt ihre Hand.)
Weißt du: wenn wir Abends hier manchmal so einsam sitzen
und ich seh da drüben im Tal den großen Lichterknäul blitzen,
die Bahnkörperlampen, die Schaufenster, die Straßenlaternen,
wie sie wetteifern mit den Sternen,
und was hinter den erleuchteten Scheiben
all die tausend Menschenköpfe wohl sinnen und treiben,
was für Strahlen hin-und-herzucken zwischen ihnen
aus den wunderlichen Instrumenten, Apparaten, Maschinen,
elektrischen Drähten — (er erhebt sich)
ich kann’s garnicht ganz sagen,
wie das strahlt — und mittendurch rollen funkelnd die Wagen,
wodrin Hoch und Niedrig zusammen übers Pflaster jagen,
zu Festsälen, Theatern, Bibliotheken, Klubs, Volkshallen,
kann sich jedermann immer höher bilden mit Allen —
ja, dann fühl ichs wild: da bewegt sich die Welt!
so wild, du, daß mirs manchmal die Stirnadern schwellt!
(Er setzt sich und nimmt einen großen Schluck.)
Der rote Karl:
Ja, Fräulein Lise: Sie können’s noch nicht ermessen:
in der Stadt, da erwacht der Mensch zu edlern Interessen.
(Er nimmt gleichfalls einen großen Schluck.)
Der schwarze Karl:
Ja —! Nämlich auch die Kirchen nicht zu vergessen!
(Er trinkt sein Glas leer.)
Michel
(auf die Schriftstücke hauend):
Kurzum, ich will mehr, als mein väterlich Erbteil begaffen,
ich will mir auf eigne Faust meinen Fußboden schaffen;
das ist mein Intresse! Jawohl! Wirst es auch noch kapieren;
wirst vielleicht dereinst noch in seidnen Kleidern stolzieren,
in Glaßeehandschuhen und Diamanten und ausländischen Spitzen,
und an Einer Tafel mit dem Bergrat sitzen.
Also Kopf hoch, Lise! maul nicht! du übertreibst es.
Lise:
O Michel, du bist ein Träumer — und bleibst es.
Michel:
Hat noch niemand unter meinen Träumen gelitten.
(Er trinkt Rest mit dem roten Karl.)
Komm, bring uns lieber noch solchen lütten dritten
und sing eins!
Der schwarze Karl:
Darum allerdings möcht ich gleichfalls schön bitten.
Das heißt, ums Singen mein’ich.
Lise:
Meinen Sie! ums Singen!
O, euch sollt alle miteinander der Hörselberg verschlingen! —
(Sie stampft mit dem Fuß auf und rennt ins Haus.)
Der rote Karl:
Hast sie doch wohl ein bißchen gar zu herrisch überrascht.
Mich auch, muß ich sagen. Wer erst am Kapitalismus nascht —
Michel
(nochmals auf die Schriftstücke hauend):
Ach was, Redensarten! Ich tue, was sich verintressiert.
Ihr lauert blos immer und lamentiert.
(Er steckt die Papiere wieder in die Tasche.)
Der rote Karl:
Michel, Michel —: jeder Knappe im Schacht
nehm sich vor falschen Wettern in Acht!
Der schwarze Karl:
Deren gibts allerdings manche auch über Tag.
Michel:
Ja, wenns eure Trinksprüche täten, dann ging’s Schlag auf Schlag.
Schwerenot! ihr macht einem wirklich den Feiertag schwül;
und dabei ists ein Abend, wie feucht Moos so schön kühl.
Hee, Lise! Racker! gleich kommst du! auf der Stelle!
Der schwarze Karl:
Ich hol sie —
(er begibt sich durch die Gartenpforte vors Haus zur Tür) —
Lise
(mit einer sehr großen Schnapsflasche ihm entgegen):
Da habt ihr eure Intressenquelle!
(Sie drückt ihm die Flasche in den Arm.)
Der schwarze Karl
(heimlich, während der rote mit Michel gestikuliert):
Pst, Jungfer Lise, im Vertrauen! ich mein’s wirklich gut.
Wenn der Michel nun, und sein Sie froh, daß ers tut,
in die Stadt zieht: dann drängen sie ihn so Schritt für Schritt,
daß er in das Kränzchen zur heiligen Elisabeth tritt!
und Sie, Jungfer Lise, natürlich mit!
Es ist vergnüglich, und lohnt sich, wie jede Christenpflicht.
Lise:
Ja, wenn Sie Eins mir versprechen als Christ; sonst nicht.
Der schwarze Karl:
Gern! Und?
Lise:
Daß er nicht in die Stadt zieht, Sie Kirchenlicht!
(Sie macht ihm einen Knix und verschwindet.)
Der schwarze Karl:
Verflixte Hexe! —
Michel:
Also wirklich, Roter: gib dich endlich zufrieden:
die hohen Herrn, die dienen mir blos, um vorerst mein Eisen zu schmieden.
Nachher — — Was! die ganze Flasche schickt sie uns her?
Der schwarze Karl
(die Flasche auf den Tisch stellend):
Ja, die Jungfer scheint sehr entgegenkommend; sehr.
Michel:
Aha! sie will ihren Vormund mal wieder im stillen beschämen.
Jetzt soll sie’s aber merken: ich kann mich bezähmen!
Kein Schluck jetzt wird getrunken!
Der schwarze Karl:
Hm —
Der rote Karl:
Nu ja —
Der schwarze Karl:
Ja, im Grunde
soll der Mensch sich beherrschen —
Der rote Karl:
Besonders mit dem Munde.
Michel:
Sie denkt gewiß, weil ich manchmal Händel anfange;
und da ist ihr vor den fremden Stadtmenschen bange.
Der schwarze Karl:
Oder vielleicht auch — hm — vor den Menschern.
Michel:
Wie?
Ach so! Nein, Schwarzer: ich bin kein solches Vieh.
Und sie kennt mich; wie Bruder und Schwester sich kennen.
Der rote Karl:
Könnt drum doch wohl so’n Fünkchen Eifersucht brennen.
Woher hast du sie eigentlich so als Mündel genommen?
Michel:
Ja, woher? — Aus fernem Süden wohl ist sie gekommen.
Es war ein Abend wie heute. Da im Wald.
Ich suchte Vogelnester, war so zwölf dreizehn Jahre alt,
da hör ich auf einmal ein fremdländisch Lied erklingen;
rein als wollt mich ein Bergquell tief aus der Erde durchdringen.
Und wie ich mich leise im Moose näher stehle,
sitzt da ein klein braun Mädel in einer Höhle,
so klein noch, und barfuß, gewiß kaum sechs Jahr,
einen Kranz wilde Efeuranken im Haar,
und mit Augen, wie der Kuckuck fürwahr —
ja, so saß sie unter dem Felsenhang
und sang — und sang — —
Konnte anfangs kein deutsches Wörtchen sagen,
ließ sich nur ihren Namen, der hieß Lilith, abfragen,
aber weil sie sang, wo sie ging und stand,
haben wir sie Lise Lied genannt;
bis sie schließlich ganz unsre Sprache angenommen
und vergessen hat, woher sie gekommen.
Und da mein Vater starb, eh daß sie großjährig war,
bin eben Ich jetzt ihr Vormund; bis zum neuen Jahr.
Der schwarze Karl:
Wird wahrscheinlich irgend ein verlaufen Zigeunerkind sein.
Ward sie denn getauft?
Michel:
O! reichlich! mit Wasser und mit Wein.
Der rote Karl:
Da sollt man doch eigentlich eins drauf trinken.
Der schwarze Karl:
Hm. Ist Alles Gottesgabe.
Michel:
Jawoll! pros’t Schinken:
jetzt wird gefastet! und wenn ihr noch so druckst!
(Leise:)
Sie steht nämlich hinter der Gardine und luchst;
ich kenn sie.
Der schwarze Karl:
Scheint ja indertat recht schwesterlich aufzupassen.
Michel:
Je nun, ich muß sie doch im Haus schalten lassen;
hütet auch heute Nacht wieder allein das Nest.
Der rote Karl:
So — sie geht nicht mit aufs Johannisfest?
Michel:
Nein; sonst würd sie mir doch vielleicht das Geschäft verleiden.
Der rote Karl:
So, so —
Der schwarze Karl
(an der Flasche fingernd):
jo, jo —
Der rote Karl:
Und wie willst denn Du dich verkleiden?
Michel:
Ich geh einfach in Vaters Schäferhut-und-rock
und mit seinem langen Hirtenstock.
Hat nun manch Jahr schon still in der Ecke gestanden,
und strich früher wie’n Feldherrnstab hier herum in den Landen.
Ja: kannst mirs glauben: gern zieh ich auch nicht heraus
aus dem lieben alten Haus,
wo ich von Kind auf jeden Holzpflock drin kenne.
Aber wenn ich Morgen für Morgen zur Schicht auf die Zeche renne
und ich denk mir, wir solln hier ewig so hocken,
uns immer wieder denselben Alltagsbrei einbrocken —
denn ihr, was wollt ihr denn? blos lüstern aufmucken
und euch dann untern öffentlichen Suppenlöffel ducken,
zu dem schon jetzt alle Ja und Amen nicken,
bis selbst die Bettelleute schließlich im Fett mitersticken —
hrr, dann fühl ich’s heiß mir durch jede Pore toben:
Luft!!! schenkt uns einen Krieg, ihr Herrn da oben!
(Er greift nach der Flasche, gießt sich das Glas voll und trinkt.)
Der schwarze Karl
(sich bekreuzend):
Josef-Maria, Krieg! Gevatter, das heißt Gott versuchen!
Mit Verlaub — (er gießt sich gleichfalls ein) —
Der rote Karl:
Ja, erlaube, Michel: du hast leicht fluchen.
Du bist noch jung, und kennst den Krieg nicht, und meinst voll Feuer,
er sei ’ne Art Welteroberungsabenteuer.
Ist er auch; und tät heute die Sturmtrommel schlagen
ich würd meine Knochen wieder mit auf die Schanze tragen;
das steckt uns im Blut, uns Bestien. Ja, ’ne Wollust ist der Krieg,
verhilft unsern Raubtiergelüsten zum Sieg;
aber Glück, Michel, menschlich Glück schafft er keins.
Michel:
Papperlapapp, Karl; ist dein Glück etwa meins?
Halt keine Volksreden, Roter! trink lieber eins!
(Ihm einschänkend und dann mit Beiden anstoßend:)
Glück, das ist ein Wort wie’ne Fliegenfalle;
Glückauf! es lebe der Sirup für Alle!
(Sie trinken.)
Lise
(tritt lachend aus der Tür an die Hausecke):
Wohl bekomm’s! — Ihr beherrscht euch aber lustig.
Michel:
O, du Kobold du! Seht ihr’s, da habt ihr’s, das wußt’ich.
Lise
(tritt an den Gartentisch und nimmt die Flasche):
Will sie aber doch vor euch Selbstbeherrschern lieber verstecken.
Gute Nacht, ihr Herrn! und laßt’s euch schön langsam schmecken!
(Sie geht wieder ins Haus.)
Der schwarze Karl:
Potz Kuckuck —
Der rote Karl:
Glaub mirs, Michel: du kennst die Kriegswut schlecht.
Höchstens aus Notwehr ist sie ein Menschenrecht;
das sollte man nicht als ein Glücksspiel verkündigen.
Der schwarze Karl:
Nein, bei den heiligen Nothelfern allen: das heißt sich versündigen.
Der rote Karl:
Verspielst blos deine Kraft, wenn du immer so überschäumst
Michel:
und dabei den Zukunftsstaat versäumst —
Der rote Karl:
Auch die Gegenwart, Michel. Glaub mirs: du träumst! —
Der schwarze Karl:
Das kommt, wenn man sich dem ewigen Heil verschließt
und zuviel in den neuen Büchern liest.
(Er nippt behutsam an seinem Glas.)
Michel:
O, auch in den alten. Ich könnt euch manche Historie sagen,
wie sichs hier in Wahrheit einstmals hat zugetragen,
als unsre Väter im Herzgau von allen deutschen Landen
hier zwischen der Wartburg und dem Blocksberg ihr Seelenheil fanden,
zwischen dem Kyffhäuser und dem Hörselberg.
Damals ging’s Handeln noch nicht so überzwerch
mit Flausen und Klauseln und Staatsrücksichten wie heute;
damals vermochten noch stracks die aufstrebsamen Leute,
mit der Faust oder Stirn ihren Hochsinn durchzudrücken,
sich selbst und allen Nachkommen zum Entzücken.
O, ich sag euch: hier so lesen von den glorreichen Zeiten,
und die Dämmrung beginnt aus den Schatten der Zweige zu gleiten,
daß die Buchstaben flimmern auf den vergilbten Seiten:
schier leibhaftig seh ich sie dann Gestalt annehmen
und einherschreiten, die gewaltigen Schemen,
die gewappneten Herren aus trutzigem Bauerngeschlechte,
die frommen Einsiedler, die klugen Schalksknechte,
mit ihren blinkenden Schwertern, Kruzifixen, Helmzierden, Drommeten,
gleich als wollten sie da aus dem Wald zu mir treten
und mit mir beten — —
Der schwarze Karl:
Was! Hier? Gestalten? hier unter diesen Bäumen?
Nein, Gevatter Michael: es scheint wirklich, Sie träumen.
(Er nippt wieder ein Schlückchen.)
Michel:
Na! dann seid ihr Beiden ja endlich einmal einig.
Und könnt austrinken! Es wird dunkel, mein’ich.
Der rote Karl:
Ist freilich Mondschein. Erstes Viertel, wie du siehst.
Aber wenn du meinst — und dich unsre Gesellschaft verdrießt —
(Er trinkt aus.)
Der schwarze Karl:
Ja, dann wollen wir wahrlich keine Zeit verlieren.
(Er trinkt ebenfalls aus.)
Michel:
Na, ich mein blos: ich muß mich doch zum Fest ausstaffieren.
Lise Lied
(singt im Innern des Hauses, durchs Dachfenster sichtbar):
Willkommen, weißer Mond im Blauen,
allein!
Laß mich in Deine Heimat schauen,
sei mein!
Ich sitz im Dunkeln voll Geduld,
du scheinst!
O leuchte Jedem heim voll Huld,
dereinst!
(Sie schließt das Fenster.)
Der schwarze Karl:
Meiner Seel! wenn sie singt, dann ist sie der reine Engel.
Der rote Karl
(aufstehend):
Ja, und winkt uns heim mit dem Tulpenstengel.
(Im Haus wird Licht angesteckt, hinterm Dachfenster.)
Also, Michel, Glückauf; vielleicht siehst du mich noch um Mitternacht.
Michel
(gleichfalls aufstehend):
Wie?
Der rote Karl:
Nu, es ist doch Maskenfreiheit angesagt
und jeder wahlberechtigte Bürger nebst Familie eingeladen;
da wirds ’nem alten Kriegsveteranen, denk ich, wohl auch nicht schaden.
Michel:
Siehst du, Roter: das ist wacker! Wahrhaftig, das freut mich.
Der rote Karl:
Trotz dem Bergrat? — Na! ich will nicht hoffen, es reut dich.
(Er schüttelt ihm die Hand und geht langsam links ab.)
Der schwarze Karl:
Ich denk, ich komm auch.
Michel:
So.
Der schwarze Karl:
Ja. Ich denk, es bringt Segen,
unsre alte ehrwürdige Knappentracht wieder mal anzulegen.
Michel:
Schön; stolper nur niemand nicht übern Degen!
Glückauf, Gevatter! —
(Er winkt ihm Abschied und geht ins Haus; der schwarze Karl folgt verdutzt dem roten.)
Tyll Eulenspiegel
(kommt von rechts aus dem Wald geschlichen, steigt über den Zaun auf die Gartenbank und ruft gedämpft):
Immer vorwärts, gnädiger Herr! die Luft ist jetzt rein.
Nur das Jungfräulein wäscht sich im Kämmerlein.
(Auch unten im Haus wird ein Fenster hell.)
Der Kaiser Rotbart
(tritt aus dem Wald, in goldner Rüstung, mit geschlossnem Visier, sodaß nur sein langer Bart sichtbar ist):
Hüt dich, Schalk: sie hat Augen, hurtig wie Eidechsen.
Der getreue Eckart
(in schwarzer Kutte mit hohem Kreuzstab, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, sodaß nur sein weißer Bart hervorguckt):
Und könnt dich leicht wie den braven Michael behexen.
Eulenspiegel:
O, der Michel, der ist gänzlich in sich selber versunken.
Seht: er hat nicht mal sein Glas ausgetrunken.
Der Rotbart
(zu Eckart):
Wie stellen wirs an, Getreuer, ihm zu erscheinen?
Eulenspiegel
(von der Bank springend):
Hopp! wir erscheinen eben. Das genügt, sollt ich meinen.
Eckart:
Mir deucht, gnädiger Herr, der Schalk rät gut.
Eulenspiegel
(nach dem unteren Fenster deutend):
Seht: er ist ganz behext von — dem alten Schäferhut.
Ach, er küßt ihn — (ahmt den Kuß ulkig nach) —
Eckart:
Darüber soll man nicht lachen!
Eulenspiegel:
Nun, dann werd ich uns mal ernstlich bemerkbar machen.
(Er klappt mit der Pritsche an die Scheibe und klingelt dazu mit einer Schelle, die am linken Zipfel seiner Gugelkappe hängt; dieser Zipfel ist so lang, daß Eulenspiegel die Schelle in die Gürteltasche stecken kann, damit sie nicht von selbst klingelt, sondern nur wenn er sie herausnimmt.)
Michel Michael
(tritt in Schäfertracht auf die Schwelle, in blauem Rock und grauem Mantel, eine brennende Kerze in der Hand, sodaß die Scheibe nun dunkel ist):
Wer klopft so spät und dringlich an meinem Fenster?
Wer sind die Herren —
Der Rotbart
(wie ein Standbild aufs Schwert gestemmt):
Gestalten —
Eckart:
Gestalten —
Eulenspiegel
(mit Verbeugung): sozusagen Gespenster.
Michel:
Die Herren scheinen sehr spaßhaft gelaunt. Ich vermute,
Sie wollen in die Stadt
Eulenspiegel:
mit dir auf die Maskenredute;
wenn du uns den Weg zeigen willst. Denn merke dir:
mit Gespenstern spricht man per Du und Ihr.
Eckart:
Wir kommen, Michel Michael, um dich aus deinem Unmut zu reißen;
ich vom Hörselberg, der getreue Eckart geheißen.
Der Rotbart:
Ich habe bislang im Kyffhäuser meinen Rotbart beglotzt;
nun hat mich dein Wagmut endlich heraufgetrotzt.
Eulenspiegel:
Ich brauch mich, Vetter Michel, wohl nicht vorzustelln.
Ich bin überallher und starb bekanntlich in Mölln.
(Das Dachfenster wird plötzlich dunkel.)
Weiß also nirgends mehr auf dieser Erde Bescheid,
aber desto gründlicher in der Ewigkeit.
(Lise kommt die Flurtreppe herab, wie früher gekleidet, doch ohne Schürze; tritt unbemerkt hinter Michel.)
Eckart:
Willst du uns nun, hier wo sich die Wege verzweigen,
die rechte Richtung durchs nächtliche Vaterland zeigen —
Der Rotbart:
so wollen wir’s lohnen und dir zum guten Gelingen
deines gewagten Geschäftes beispringen —
Eulenspiegel:
zum Verkauf deines Hauses —
Michel:
Wie?? Ihr wißt??
Eulenspiegel:
Daß der Herr Michael heute durchaus kein Träumer mehr ist.
Eckart:
Brauchst nicht starrstehn, als stünd hier der Antichrist;
wir haben nur im Wald da vorhin ein wenig gelauscht.
Lise:
Michel, tu’s nicht! Stehst ja jetzt schon wie ausgetauscht!
Michel:
Was! du bist noch auf, Lise?
Lise:
Soll wohl mit dir um die Wette träumen?
Ich muß doch noch euer Teufelsgeschirr da beiseite räumen.
(Sie will an ihm vorbei in den Garten.)
Eulenspiegel
(ihr zuvorkommend):
Auf Ihr Wohl, mein frommes Fräulein, den teuflischen Rest!
(Er spritzt ihn hoch in die Luft und überreicht ihr die Gläser.)
Dürfen wir hoffen, Sie wallfahrten auch mit aufs Fest?
Lise:
Danke. Hab keine Lust. (Leise) Ich bitt dich, Michel, tu’s nicht!
Was sind das für Leute?
Eulenspiegel
(durch die hohle Hand):
Lockspitzel fürs Jüngste Gericht!
Michel
(noch leiser):
Sind wohl Grubenbesitzer aus dem Nachbarkreis.
Sei friedlich, Lise!
Lise
(ihm den Leuchter abnehmend):
Ist mancher friedloser, als er weiß — —
(Sie geht mit den Gläsern und dem Licht ins Haus; ein andres Fenster als vorher wird hell.)
Michel:
Entschuldigen die Herrn: sie kommt wenig unter Leute,
mein Mündel. Und ist voller Unruh heute.
Der Rotbart
(nach links zeigend):
Das dort unten, der Lichterhaufen, das ist wohl die Stadt?
Michel:
Ja, Herr. Nicht wahr: was das einen Andrang nach oben hat!
Wie die Glanzpunkte einander immer übersteigen,
überflügeln, und doch sich zusammentun zum Reigen;
rein als möcht sich der Erdkreis da selber von Grund aus beschwingen,
immer heller hinauf in den dunkeln Weltkreis zu dringen
Eulenspiegel
(pathetisch):
und nachher kopfüber wieder herunter zu springen.
Michel:
Wie?
Eckart:
Der Eulenspiegel hat dir nur andeuten wollen —
Der Rotbart:
daß es nun wohl Zeit sei, uns langsam hinunter zu trollen.
Michel:
Ja so! Ja. (Ins Haus rufend) Lise! bring mir mal Vaters Stock,
den langen! — Ich hoffe, mein schlichter alter Rock
paßt zu den Herren Gespenstern nicht schlecht amende?
Eulenspiegel:
Vortrefflich, Vetter! Besonders (leise) zu meinem nagelneuen Hemde.
Lise:
Hier, Michel.
Michel
(den Stock nehmend):
So! — Jetzt, ihr Herrn, sollt ihr sehn,
ob der Michel versteht, durchs nächtliche Deutschland zu gehn
und bis Tagesanbruch sein festlich Geschäft zu vollbringen
und auch ohne euern Beistand
Lise:
einen Rausch zu erringen.
Der Rotbart:
Ei, gestrenges Fräulein, im Rausch wird die Herzenslust rege.
Gute Nacht! Ich gönn euch ein rauschend Herz allerwege.
(Er verneigt sich und schreitet linkshin davon.)
Eulenspiegel
(ihm folgend):
Ich schenk euch alles Rauschgold droben im Blauen.
Eckart
(ebenso):
Ich wünsch euch, allen himmlischen Festrausch zu schauen.
Lise
(ihnen nachrufend):
Und ich euch ein höllisches Morgengrauen! —
Ach, Michel!
Michel:
Gute Nacht, du ewige Unruh du.
Geh schön schlafen. Und schließ die Haustür hübsch zu.
Wirst schon sehn, ich sorge für dich aufs väterlich beste;
und übers Jahr kannst du auch mit auf solche Feste.
Lise:
Wirklich?
Michel:
Ja wirklich, du. Aber jetzt laß mich gehn;
horch, man hört schon Musik herüberwehn —
(eine ferne leise Walzermusik tönt bis zum Schluß des Aktes fort) —
und die Herren da warten, es ist höchste Zeit.
Also leg dich aufs Ohr und träum dir ein fein neu Kleid.
(Indem er den Andern nacheilt):
Und schick deine Mucken heim, du! da auf die Mondsichel,
du dumme Lise — (er verschwindet) —
Lise
(ihm mit beiden Händen einen Kuß nachwerfend):
Du dummer Michel! —
(Sie huscht ins Haus, löscht das Licht, kommt gleich darauf wieder, in einen langen schwarzen Schleier gehüllt, ein silbernes Diadem mit flimmerndem Stern auf dem Haar, einen langen silbernen Stab in der Hand, der oben wie eine Wünschelrute gespalten ist, und verschließt die vom Mond beglänzte Tür. Dann sich reckend:)
O ja, ich schließ zu. Und den Schlüssel, (ihn hebend) den sollst du erst finden,
(ihn ins Mieder steckend)
wenn dir die Sinne vor Unruh um mich schwinden,
du Väterlicher! — Ja: berausch dich nur gut,
du Lieber! Ich fühl’s, was dir braust im Blut.
Ich folg dir, ich halt dich im Heimatland —
O, er weiß noch, wie er sein Findelkind fand!
wie’s ihn durchdrang, durchdrang, Herz, als er mich sah:
wie ein Bergquell tief aus der Erde —
(in Gesang ausbrechend) ja —:
so saß ich unter dem Felsenhang —
(linkshin davonschreitend, während der Vorhang sich schließt)
und sang — und sang — —
*
Eulenspiegel als Zwischenredner
(tritt aus dem Mittelspalt des Vorhangs, klingelt mit seinem Schellenzipfel):
Meine Herrschaften, das Fest ist in vollem Schwung;
selbstverständlich mit polizeilicher Genehmigung.
Die ganze Stadt schwebt auf dem Gipfel der Seligkeit;
einschließlich der beiderseitigen Geistlichkeit.
Jeder darf sich also, ohne irgend eine Pflicht zu entheiligen,
an der allgemeinen Begeisterung voll-und-ganz beteiligen.
Das soll nicht etwa heißen, ich buhle um Ihre Gunst;
sondern blos mein Herr, der Dichter, betreibt diese schändliche Kunst.
Er betreibt sie leider mit höchst wohlgeziemenden Mitteln
(das Gestampf einer Maschine wird hörbar)
und ist fest überzeugt, Sie finden nichts dran zu kritteln;
wie Sie hören, sogar mit Dampfkraft und Elektrizität,
weils ohne diese Errungenschaften heut nicht mehr geht.
Dennoch muß ich sagen
(eine laut schnarrende Stimme hinterm Vorhang wird hörbar)
— na aber! das wird denn doch zu kräftig;
ich bitte um Ruhe dadrinne! Hee! Sie begeistern sich zu heftig!
Heda, Ruhe! oder ich ruf die Regie!
Ich bin ein Gespenst, ich kann nicht so schrein wie Sie,
(er schreit immer stärker)
Sie rattern ja lauter als die Dynamomaschine;
bitte schließen Sie gefälligst Ihre Phrasenterrine! —
Sie! hören Sie nicht? jetzt habe Ich das Wort! —
Er hört nicht. Er rattert ruhig fort.
Ich fürchte, über solchen voll-und-ganzen Begeisterungston
verfügt nur eine wirkliche neuhochdeutsche Regierungsperson;
jeder andre Geist krigte davon den Schlucken.
Da muß ich braves altdeutsches Gespenst mich wohl ducken
(er tut es)
und ehrerbietigst das Mundwerk der hohen Behörde enthüllen,
damit Sie auch lernen, so begeistert zu brüllen.
(Er schiebt geduckt den Vorhang linkshin auf und verkriecht sich im Vordergrund der Bühne.)
Zweiter Aufzug
(Bild: Eine Gartenwirtschaft mit elektrischen Ampeln, bunt voller Leute in Maskenkostümen, doch herrscht die schwarze Farbe vor. Im Hintergrund ein erleuchteter Tanzsaal. Rechts ein Laubengang mit Tischen und Stühlen, die grün und weiß gestrichen sind; auf dem vordersten Tisch ein weißes Tischtuch und ein Schild mit der Aufschrift „Reserviert!“ Links unter Bäumen ein langer Tisch, an dessen hinterem Ende der schnarrende Landrat steht, mit aufgedrehten Schnauzbartspitzen, in schwarzer Halbmaske, Frack und Domino. An den Seiten dieses Tisches sitzen der Bergrat und der Bürgermeister, ähnlich maskiert, nur mit anderen Bärten, der Bergrat mit dunkelm spanischen Spitzbart, der Bürgermeister mit grauem Tintenwischer-Schnurrbart; dann die Frau Bürgermeisterin und andre Damen in farbigen Masken, ein Kaplan und ein Pastor unmaskiert, der schwarze Karl in Bergknappentracht mit Hornbrille, ihm gegenüber Michel Michael ohne Maske, an der linken Ecke vorn. Die Honoratioren tragen Zylinderhüte; nur der Kaplan hat flachen Seidenhut. Hinter Michel stehen wie Wachtposten der Kaiser Rotbart und der getreue Eckart, immer mit geschlossnem Visier und Kapuze; und Eulenspiegel hat sich zu seinen Füßen unter die Tischplatte gehockt. In der Mitte der Bühne ein Lindenbaum, hinter dessen Stamm Lise Lied verborgen steht; davor eine grün und weiß gestrichene grade Bank ohne Lehne. Ringsherum maskiertes Volk; darunter auch Kinder.)
Der Landrat
(immer lauter schnarrend, um das Gestampf der Maschine zu übertönen):
Und demnach, da Sie merken -ä- bin zwar in Maske erschienen,
aber -ä- unverkennbar: Ihr Landrat redet zu Ihnen —
demnach, sag’ich, will ich hier -ä- in Ihrer festlichen Mitte,
wo uns Alle nach guter, echter, alter Sitte
sozusagen die brüderlichsten -äh- Gefühle beseelen,
will ich, sag’ich, Jedem väterlichst anempfehlen,
trotz allen, wie Schiller sagt, feindlichen Gewalten
unentwegt unsre heiligsten Güter -ä- hochzuhalten.
Und diese -ä- Gefühle — Gefühle, sag’ich — sollen uns auch geleiten,
wenn wir in diesen unverzeihlich vaterlandslosen Zeiten
demnächst, meine Herrn, wie Sie wissen, zur Wahlurne schreiten.
Also, meine Herrn -äh- und Damen, wolln wir uns jetzt von den Stühlen
zum Zeichen von unsern -ä- unsern -äh-
Eulenspiegel
(über den Tischrand weg):
Hochgefühlen —
Der Landrat:
jawohl: von unsern vaterländischen Hochgefühlen —
wollen wir uns, sag’ich, jetzt mit unsern Gläsern erheben:
unser allverehrter Reichstagskandidat, der Herr Bergrat, er soll leben! hoch!
Chorgesang mit Musik
(während der Landrat dem Bergrat die Hand schüttelt und Alle anstoßen):
Hoch soll er leben, hoch soll er leben, dreimal hoch!
(Dann noch immer das Geräusch der Maschine.)
Der Landrat:
Himmelkreizrudiment! da muß ja’s Trommelfell reißen!
(Nach hinten schreiend:)
Die Kerls, die Heizer, sollen die Tür zuschmeißen!
Heda!!! Tür zu, sag’ ich! Sofort den Kesselraum schließen! —
(Man hört eine eiserne Tür zuklappen; das stampfende Geräusch verstummt.)
Bande! Frechheit! Da soll man nu Volksfest genießen.
Unerhört! verstand kaum mein eigen Wort.
Tun’s selbstredend extra, diese Sozi, uns hier zum Tort.
Mußte schrein, daß mir jetzt noch’s Trommelfell klirrt.
Der Bergrat:
Ach bitte, Herr Bürgermeister, Sie sorgen wohl gütigst beim Wirt,
daß uns die Lichtmaschine, bitte, nicht wieder stört.
Der Bürgermeister:
Mit Vergnügen, Herr Bergrat.
Der Landrat:
Ja! bin wirklich empört!
Der Bergrat:
Er soll den Heizern ein Achtel Pilsner auflegen.
Der Bürgermeister:
Gern, Herr Bergrat.
(Er entfernt sich mit der Volksmenge nach dem Tanzsaal.)
Der Landrat:
Pros’t, Herr Corpsbruder! meinen volksfreundlichsten Segen!
(Er trinkt dem Bergrat zu.)
Diese Rasselbande! diese roten Radaugesellen!
Michel
(hat wieder Platz genommen, stampft seine Weinflasche auf den Tisch):
Mit Verlaub! Indessen: von wegen den Trommelfellen —
Der Landrat
(etwas schwerhörig):
Äh —?
Eulenspiegel
(unterm Tisch hervor):
Trommelfellen —
Michel:
so im Kesselraum schuften, ist auch kein Volksvergnügen.
Der Rotbart:
Volksvergnügen.
Eckart:
Volksvergnügen.
Der Bergrat:
Bravo, Michel!
Die Frau Bürgermeisterin
(auffällig bunt kostümiert, lorgnettierend):
Entzückende Gruppe!
Der Landrat:
Gottvoll!
Michel:
Verfluchtige Lügen!!!
Eulenspiegel (Fistel) und Eckart (Baß):
Lügen! Lügen!
Der Rotbart
(Baryton):
Man soll nicht meinen, ihr Leute, man könne den Michel betrügen.
Die Bürgermeisterin
(während die Andern lachen):
Nein, wie reizend!
Der Landrat:
Köstlich!
Die Bürgermeisterin:
Wie echt gemacht! So natürlich!
so romantisch! so richtig sagenfigürlich!
nicht wahr, Herr Pastor?
Der Pastor
(in schwarzem Gehrock, zugeknöpft, wohlbeleibt):
In der Tat, Frau Bürgermeisterin;
ein Maskenscherz mit tiefem evangelischen Sinn.
Der Kaplan
(in schwarzer Sutane, noch beleibter):
Man könnte, Herr Amtsbruder, eher wohl katholischen sagen.
Der Bergrat:
Also, meine Damen und Herrn, erlaub’ich mir vorzuschlagen,
weil der biedre Zecher da Michel Michael heißt
und offenbar erfüllt ist von wahrhaft volkstümlichem Geist:
wir erteilen nachher dem deutschen Michel nebst Geisterbegleitung
den Maskenpreis!
Alle:
Bravo!
Eulenspiegel
(aufstehend und klingelnd):
Und setzen’s in die Zeitung!
Der Landrat:
Selbstredend!
Eulenspiegel
(sich vor ihm verbeugend und weiterklingelnd):
Es lebe die hochwohlweisliche Volksfestleitung! —
(Im Saal fängt gedämpfte Tanzmusik an.)
Michel
(ist gleichfalls aufgestanden):
Herr Bergrat spaßen sehr gütig; ja; und ich danke auch sehr.
Aber, wie Herr Bergrat wissen, kam ich eigentlich her,
um mein Haus —
Der Rotbart und Eckart:
(während Lise Lied hinter dem Baum hervorschaut)
Haus — Haus —
Michel:
(die Vertragspapiere aus der Brusttasche holend)
Hier — ich bin so frei —
Der Bergrat:
Schon gut, lieber Michel; gewiß, kommt auch an die Reih.
Jetzt muß ich erst tanzen gehn.
(Zur Bürgermeisterin:)
Gnädige Frau, darf ich bitten! —
(Verschiedene Paare, auch der Landrat mit einer Dame, ab nach dem Saal.)
Michel
(die Papiere einsteckend und sich wieder setzend):
Verdammte, verquere, katzenfreundliche Sitten!
(Er stürzt ein Glas Wein hinunter.)
Eulenspiegel:
Ja, Sitten!
Der Rotbart und Eckart:
Sitten! —
Der schwarze Karl
(hat bis dahin mit dem Kaplan getuschelt):
Gratuliere, Freund Gevatter; scheinst hier recht wohlgelitten.
Michel:
Halt’s Maul!!!
Lise Lied
(ganz hervortretend, dicht verschleiert, mit verstellter Stimme):
Michel Michael, laß dich zum ersten Mal warnen!
schon beginnt der Stadtrausch deinen Geist zu umgarnen.
Ich bin deine Glücksfee; bang von fern komm ich her,
von den Sternen, durch die Nacht, übers gründunkle Meer,
meinen Wünschelstab in bebender Hand,
flüchtigen Fußes von Land zu Land,
durch den Wald deiner Kindheit bin ich gegangen,
in den Schooß der Berge trieb mich dein Glückverlangen,
bis zum Hörselgrund tief, wo Frau Venus wacht
und den feurigen Quell der Jugendträume entfacht —
Michel Michael, jetzt durch meinen Mund
tut dir die ewige Göttin kund:
du sollst deiner lieben Heimat nicht untreu werden,
damit du kein Flüchtling wirst auf Erden.
Lebe wohl!
Der Rotbart:
Halt, Flüchtling!
Eulenspiegel:
Halt, edle Fee! Nicht so schnell!
(Er läuft ihr nach; sie verschwinden im Hintergrund rechts.)
Der Rotbart:
Du scheinst wahrlich kein Flüchtling, Glücksvogel Michael!
Michel:
Ach was, Maskenschnack! Lachhaft! Lauter Alfanzerein!
Hee, Bedienung!
(Ein altdeutsch gekleideter Kellner erscheint und bringt auf seinen Wink eine neue Flasche.)
Der schwarze Karl:
Wer mag’s wohl gewesen sein?
Die Jungfer Lise?
Michel:
Schnack, sag’ich! Die liegt zu Hause im Bett!
Verstanden?! — Höchstens etwa, daß sie ’ne Freundin hätt
und läßt ihrem Vormund heimlich so’n kleinen Stupps aufschwenken;
braucht drum Niemand nichts Schlechtes von ihr zu denken!
Eckart:
Michel Michael, hüt dich vor des Hörselbergs Ränken!
Der schwarze Karl:
Ja, ich meine auch —
Michel:
wie??
Der schwarze Karl:
das heißt, natürlich nur so im Allgemeinen;
die bösesten Weibsbilder sind, die die besten scheinen.
So zum Beispiel der Bergrat und die Frau Bürgermeistern.
Da hilft kein Vertuschen mehr, kein Verkleistern;
rein schon öffentlich tut sie’s ja mit ihm treiben.
Michel:
Meinethalben! Man soll mir mit Stadtklatsch vom Halse bleiben!
Der Kaplan:
Wohlgesprochen, mein Sohn. Jedoch, in dem städtischen Sündenschwarm
braucht der Mensch eines Schutzpatrons starken Arm;
du hast ihn schon lange nicht mehr im Beichtstuhl erprobt.
Wirst hoffentlich trotzdem, wenn nun die Wahlschlacht tobt,
wissen den rechten Schild hochzuhalten.
Michel
(aufstehend):
Zu Gnaden, Ehrwürden; ich lass den alten Gott walten.
Obgleich ich, verzeihn Sie, in meinem einfältigen Sinn
eigentlich mehr für die Protestanten bin.
Der Pastor
(gleichfalls aufstehend):
Ein männliches Wort, lieber Freund! Und ich darf wohl hoffen,
Sie wissen, auch unser Arm steht der christlichen Einfalt offen.
Michel:
Viel Ehre, Herr Pfarrer. Indeß, um Sie nicht zu vexieren:
ich bin überhaupt fürs Protestieren.
Wenn ich wählen müßt zwischen Pastor und Kaplan,
wär ich doch wohl lieber dem — Stärkeren untertan.
(Er verbeugt sich schwerfällig, dreht ihnen den Rücken und setzt sich ans andre Ende des Tisches; der Rotbart und Eckart folgen ihm, seine Flasche und sein Glas nachtragend.)
Der Pastor
(zum Kaplan, der ebenfalls aufgestanden ist):
Hm. Wer ist nun der Stärkere von uns Beiden?
Der Kaplan
(die Hände über den Bauch faltend):
Ich schätze, Herr Collega, wir lassen’s vom Publiko entscheiden.
(Die Tanzmusik im Saal hört auf.)
Eulenspiegel
(zurückkommend):
Vetter Michel, ich habe den ganzen Stadtpark durch-und-durchgekuckt:
deine Glücksfee scheint von der Hölle verschluckt.
Michel:
Glückauf!
Der Rotbart:
Wahr dich, Schalk! daß der Michel nicht Flammen spuckt! —
(Währenddem kommt Maskengewühl aus dem Saal. Voran der Bergrat und der Landrat, hinter ihnen her der Kellner mit Sektkübel und Würfelbecher, zu dem reservierten Tisch hin im Vordergrund rechts.)
Der Landrat
(sich mit dem Taschentuch fächelnd):
Himmelkreiz! Doller Fez! Bewundre Sie. Ohne zu schmeicheln.
Der Bergrat:
Ja, man lernt allmählich die Volkstatze streicheln.
Der Landrat:
Na, ich danke!
Michel
(hat sich durch die Leute nach vorn gedrängt):
Herr Bergrat — wenn Sie jetzt — ich will nicht behelligen —
aber solche Unterschrift ist doch leicht zu bewerkstelligen —
da Sie doch geneigt —
Der Bergrat:
Aber bester Michael,
Sie benehmen sich wirklich etwas auffällig schnell.
Hat doch Zeit bis morgen.
Michel:
Morgen muß ich arbeiten gehn!
Der Bergrat
(den Würfelbecher nehmend):
Na, dann nachher! Jetzt bin ich beschäftigt, wie Sie sehn.
Michel:
Ich — seh — —
Lise Lied
(erscheint im Hintergrund):
Michel Michael, ich warn dich zum zweiten Mal —
horch: schon singen die Bergleut ein Spottlied im Saal —
Sprechgesang
(auch Kinderstimmen):
Der deutsche Michel, der hat sich verlaufen;
Glückauf!
Er will sein Haus an die Stadtleut verkaufen;
Glückauf!
Ein Zug maskierter Bergknappen
(kommt weitersingend aus dem Saal, geführt vom roten Karl, der als Militär-Invalide maskiert ist, und begleitet von Kindern in blaugrauen Koboldtrachten mit Zippelmützen und weißen Bärten):
O Michel, die Stadt hat ein Herz von Stein,
bald wirst du ein steinreiches Schindluder sein;
Glückauf!
Lise Lied:
Drum, aus der Berge feurigem Herzensgrund,
tut die Herrin der Zukunftsträume dir kund:
Du sollst deine herzwarmen Augen heller aufmachen,
dann wirst du zum goldensten Traum erwachen.
Glückauf!
(Sie verschwindet.)
Der rote Karl
(seine Mütze abziehend):
Ein alter Kriegsveteran, der um ein Almosen bettelt —
Michel:
Ah, roter Karl! Du hast das angezettelt?!
Ich sag dir: hüt dich! ich kenn dich! scher dich um Deine Sachen!
der Michel läßt sich von niemand zum Popanz machen!
Merk dirs! Sonst: hier: bei meines Vaters Stock —
(Die Maschine stampft plötzlich wieder los)
Der Landrat
(den Würfelbecher aufstampfend und sich die Ohren zuhaltend):
Kreizrudiment —
Der rote Karl:
man stopp —
Dumpfe Stimmen im Hintergrund:
man stopp! man stopp! man stopp!
Eulenspiegel:
Platz da, Michel!
Der rote Karl:
Platz! sonst gibts Flecke am Rock!
(Drei Maschinenheizer, rußgeschwärzt, kommen mit geschulterten Schaufeln im Marschtritt nach vorn; Eulenspiegel klappt mit der Pritsche den Takt dazu.)
Der Oberheizer:
Stopp! — (Zum Bergrat:) Euer Hochwohlgeboren haben die Gnade gehabt
und uns mit einer Erfrischung
Der rote Karl
(soufflierend): kleinen Erfrischung
Der Oberheizer:
kleinen Erfrischung gelabt.
Euer Hochwohlgeboren, wir danken Ihnen sehr
und melden
Der rote Karl
(wie vorher): gehorsamst
Der Oberheizer:
gehorsamst: das Achtel ist bald leer.
Euer Hochwohlgeboren wissen, die Nacht ist noch lang,
und wir halten
Der rote Karl:
ergebenst
Der Oberheizer:
ergebenst die Beleuchtung in Gang.
Euer Hochwohlgeboren, wir möchten
Der rote Karl:
mit unter
Der Oberheizer:
mit untertänigstem Respekt
Der rote Karl:
mal probieren
Alle drei Heizer:
mal probieren, ob auch Sekt uns schmeckt!!!
Der Landrat
(vor sich hin):
Kreuzschwerebrett —
Der Bergrat
(aufstehend, räuspernd):
Leute! Hört mal —
Eulenspiegel
(steigt hinten auf einen Stuhl und klingelt):
Hört, hört!
Der Bergrat:
Ich bitte doch dringend, daß man den Geist des Festes nicht stört!
Eulenspiegel
(nochmals klingelnd):
Ich schließe mich dringend dem verehrten Herrn Vorredner an
und verordne somit strengstens, so geisterhaft ich kann,
auf Geheiß Seiner Allerhöchstgeistigen Majestät
des weiland Kaisers Rotbart, weil er hier auf Gebet
des annoch deutschen Michels auferstanden steht
im Zeitalter des Dampfes und der Elektrizität,
und weils ohne diese Errungenschaften nicht geht
Eckart
(mit Grabesstimme):
in euerm erleuchteten Jahrhundert —
Der Rotbart
(mit Donnerstimme):
über das er sich ungeheuer wundert —
Eulenspiegel:
so verordnet er hiermit den Anstiftern der Beleuchtung
zur weiteren nächtlichen Kesselraumbefeuchtung
aus seiner johannisfestlichen Kellerei
unter Aufsicht der hochwohlwürdigen Geisterpolizei
einen Korb Henkell-trocken —
Die Heizer und Bergknappen:
Ha! Hurra! Bravo! Hei!
Eulenspiegel:
Wir werden unverzüglich die nötigen Amtsbefehle geben.
(Er springt vom Stuhl und läuft nach dem Saal.)
Die Heizer und Bergknappen
(während Michel sich auf den leeren Stuhl setzt):
Hurra! hoch! der deutsche Michel soll leben!
leben! leben! und Kaiser Rotbart daneben! —
Der Landrat
(während die Heizer und Knappen mit dem roten Karl nach links abmarschieren):
Schwerebrett, Herr Corpsbruder! war ja ’ne nette Bescherung.
Na, pros’t! Immerhin sozusagen ’ne soziale Belehrung.
(Sie stoßen an und trinken Rest; zugleich klappt wieder die eiserne Tür, und das Geräusch der Maschine hört auf.)
Wird der Michelspaß nicht amende bedenklich?
Der Bergrat:
Unbesorgt. Der Mann ist absolut unverfänglich;
hat sicher mit dem kleinen Putsch nichts zu tun.
Etwas Dickkopf, aber sonst ein gemütliches Huhn;
will mir blos partout sein bißchen Grundstück beibiegen.
Ist auch preiswert; und wie die Chancen liegen,
müßt ich ihn sowieso bald aus seiner Waldbude schassen.
Wollt ihn blos noch ’ne Zeitlang zappeln lassen;
Sie verstehn.
Der Landrat:
Vollkommen. Blos diese -ä- Geistergestalten,
die uns da eben die noble -ä- Abfuhr aufknallten —
Der Bergrat:
Ja, sonderbarer Scherz.
Der Landrat:
Schon mehr Impertinenz.
Der Bergrat
(während die Tanzmusik wieder anfängt):
Vermutlich Herren von der linksseitigen Konkurrenz;
scheint mir ratsam, hier niemand zur Entlarvung zu zwingen: —
(Sie stehen auf, um sich nach dem Saal zu begeben.)
Eulenspiegel
(vom Maschinenhaus zurückkommend):
Gnädiger Herr, ich habe zu hinterbringen:
(mit Trinkgeberde)
der kaiserliche Geist beginnt schon ins Volk zu dringen.
Held Michel, halt dich zum Hurraschrein bereit!
Michel
(steht brüsk auf, ein wenig schwankend, und steuert zu dem Bergrat hin):
Um Verzeihung, Herr Rat — in aller Bescheidenheit —
aber es könnt sonst sein, Herr Rat, das Geschäft wird mir leid; —
den Bittsteller machen, fällt mir von Hause aus schwer —
Der Rotbart und Eckart
(sind ihm nachgeschritten):
schwer — schwer —
Der Bergrat:
So! Seh einer! — Na! Dann geben Sie mal her.
Pardon, Herr Corpsbruder.
Der Landrat:
Bitte. (Ab zum Saal.)
Michel
(die Vertragspapiere überreichend):
Hier — zu dienen, Herr Rat —
Lise Lied
(aus dem Laubengang tretend):
Michel Michael, hör mich! Zum dritten Mal naht
Michel:
Ruhe!!!
Eulenspiegel:
Holla, die Glücksfee! Halt, Göttin, halt!
(Er setzt ihr nach; sie verschwinden beide.)
Michel:
Verzeihung, Herr Bergrat; sie drängt sich mit Gewalt
Der Bergrat:
Wohl ein Schatz?
Michel:
Gott bewahre, Herr Bergrat; nein, keine Spur.
Der Bergrat
(sich wieder an den reservierten Tisch setzend):
Wär doch keine Schande, Mann; delikate Figur! —
Na, nehmen Sie Platz —
(die Papiere aufmachend und seinen Füllfederhalter herauslangend)
aber Eins, mein Lieber, schick ich voraus:
Sie müssen nicht denken, Sie wären der Herr im Haus.
Ihre Scholle ist uns auf alle Fälle verfallen.
Michel:
Wie??
Der Bergrat:
Nun: wenn wir den Luftschacht etwas mehr seitwärts verstallen
und legen ’ne Schutthalde vor Ihre Tür,
dann gibt kein Mensch mehr ’ne Schippe Kooks dafür.
Michel:
Ja, aber —
Der Rotbart und Eckart
(wieder hinter ihm Wache stehend):
aber! — aber! —
Der Bergrat:
Da gibt’s nichts zu abern leider.
Im Übrigen bin ich kein Halsabschneider.
Kellner, noch’n Glas! — Wollte blos meinen Standpunkt klarmachen — —
(Den Vertrag durchsehend:)
Nein — aber — Bester — das ist ja rein zum Lachen:
ich nannte Ihnen fünfzehntausend als unsern äußersten Preis,
und hier stehn achtzehn?!
Michel:
Ja, Herr Bergrat, weil —: ich weiß nicht, ob der Herr Bergrat weiß:
mein Großahn war Grobschmied — und — und —
Der Bergrat
(während der Kellner das Glas bringt): Na? Und?
Michel:
Es geht eine alte Sage von Mund zu Mund —:
Der Rotbart:
Des Michel Michaels Haus steht auf eisernem Grund —
Eckart:
könnte mancheiner Silber und Gold draus schlagen — —
Michel:
Ja! — Das heißt, Herr Rat, ich wollte damit nur sagen —
(da der Bergrat ihm einschänkt)
sehr gütig, Herr Rat —
Der Bergrat:
Na, Michel: viel ist nicht zu profitieren.
Aber — na gut: Lufthalber wollen wir’s mal riskieren.
Also (ihm zutrinkend) Glückauf!
Michel:
Glückauf! (er leert sein Glas.)
Der Bergrat
(unterschreibt): So. Abgemacht. Hier:
nun Sie! Nein, hier: auf dem andern Papier.
Michel
(nachdem er das Duplikat unterschrieben hat):
Uff. Heiß!
Der Bergrat
(hat das erste Schriftstück gefaltet und gibt es ihm zurück):
So; bitte. Nun? sind Sie nun zufrieden?
Michel
(während jeder sein Schriftstück sorgfältig einsteckt):
Hoh, Herr Bergrat, schon? Jetzt geht’s doch erst los, das Schmieden!
das Glückschmieden mein’ ich. Hier die paar tausend Mark Geldeswert,
die sind doch blos erst das erste Roheisen auf dem Herd;
hoffe dereinst die Welt noch als Feinschmied untern Hammer zu kriegen.
Der Rotbart:
Michel Michael, laß nur das Feuer nicht verfliegen!
Eckart:
Ist schon manche Glut zu Asche zerstoben auf Erden.
Der Bergrat
(Michels Glas wieder füllend):
Ja, ich rate auch, lieber Michel: nicht übermütig werden!
Michel:
Oh, Herr Rat — das sind blos so Volksfestgeberden.
(Sein Glas abermals leerend)
Auf Ihr Wohl, Herr Rat! — Ich muß schon den ganzen Abend denken:
wie wir hier so sitzen auf den schönen Stühlen und Bänken,
Hoch und Niedrig zusammen bei den guten Getränken,
und fühlt sich jeder so recht mitbeglückt im Gewühl —
das ist doch ein sehr erhebendes Gefühl!
nicht wahr?
Der Bergrat
(aufstehend):
Hm. Ja. Sehr erhebend. Ja. Aber jetzt —
Eulenspiegel
(kommt mit Lise Lied Arm in Arm angetanzt):
Hurra, Vetter Michel, hier kommt dein Glück angesetzt!
Hat sich endlich von mir am Schlafittchen kriegen lassen.
(Die Tanzmusik hört auf.)
Eckart:
Schalk, Schalk! des Michels Glück, das kann nur er selber fassen.
Michel
(seine Brusttasche befühlend):
Ja, wahrhaftig! —
Lise Lied:
Michel —! —
Michel
(unwillkürlich): Lise —! — (Sich besinnend) Ach nein; dumm Zeuch;
was rührt dich, Michel?! — (Auffahrend) Schockschwerenot, ihr: was kümmert’s euch?
schert euch zum Teufel! (setzt sich wieder und stiert ins Glas.)
Eulenspiegel:
Ha! Hörst du’s, Göttin? Verschmäht!
Das fordert Rache! Rache! (Den Würfelbecher nehmend:)
Soll ich mit diesem Gerät,
kraft meiner spiritistischen Wupptizität,
hehre Fee, ihn zerschmettern? — Nein? — Ach! das ist bitter.
Der Bergrat:
O: eine Fee, die findet wohl zartere Ritter.
Aber eine Glücksfee, die sollte sich eigentlich entschleiern;
darf ich’s wagen?
Lise Lied
(während die Tanzpaare aus dem Saal kommen):
Vielleicht, Herr Ritter — doch müssen wir ihn erst feiern,
der da selig in seiner Selbstherrlichkeit thront
und die Dienste der Geister mit eitel Nichtachtung lohnt.
Versteht Ihr, Ritter?
Der Bergrat:
Stolze Fee, ich beuge in Demut das Knie (er tut es)
und verstehe.
Die Bürgermeisterin
(dazwischentretend): Aber Bergrat, was treiben Sie!
Man ist sehr erstaunt —
Der Bergrat
(knieen bleibend): Oh, gnädigste Frau, ich desgleichen!
In der Johannisnacht
Eulenspiegel:
erlebt man Wunder und Zeichen!
Der Rotbart und Eckart:
Wunder und Zeichen!
Der Bergrat:
Eine holde Fee stieg die Himmelsleiter herab
Die Bürgermeisterin:
shocking!
Der Bergrat
(sich erhebend): und gebeut uns mit ihrem Zauberstab,
damit wir die Geister der Vor- und Nachwelt versöhnen,
den deutschen Michel zum Weltherrn von ihren Gnaden zu krönen.
Die Bürgermeisterin:
Empörend!
Der Landrat:
Gottvoll, Bergrat!
Eulenspiegel:
Hurra, Michel! Jetzt heißt es erscheinen!
Kopf hoch, Brust raus!
Der Rotbart:
Stehst du auch fest auf den Beinen?
Michel
(aufstehend):
Hoh! Ich? (er stolpert.)
Die Bürgermeisterin:
Huch!
Michel
(brüllend): Bombenfest, sollt ich meinen!!!
(Er stellt sich breitbeinig vor die Bank in der Mitte, während der Rotbart und Eckart hinter sie treten.)
Der Bergrat:
Also — vielwerte Gäste!
Etliche Bengel in Koboldtracht:
hurrra!
Der Bergrat:
und Zaungäste!
Die Kobolde:
hurrra!
Eulenspiegel:
und Geister, bitte!
Der Bergrat:
Bitte!
Eulenspiegel:
Danke.
Der Bergrat:
Hier steht er —
Kobolde:
steht er —
Der Bergrat:
in unsrer beglückten Mitte —
Kobolde:
Mitte —
Eulenspiegel:
leibhaftig —
Kobolde:
leibhaftig —
Der Bergrat:
unter dem Lindenbaum —
Kobolde:
Lindenbaum —
Der Bergrat:
unser teurer deutscher Michel —
Kobolde:
hurrra —
Eulenspiegel:
es ist kein Traum!
Der Rotbart und Eckart:
Kein Traum.
Der Landrat:
Himmelkreizrudiment zum Donner! Silenzium jetzt!!!
Ruhe, Bengels! sonst werdt ihr rausgesetzt!
(Er nimmt einem der Kobolde seine Zippelmütze weg und treibt die Schreihälse nach hinten.)
Weiter, Bergrat!
Der Bergrat
(Lisens Arm nehmend):
Also — bezaubert von dieser Himmelserscheinung
Die Bürgermeisterin:
unglaublich!
Der Landrat:
pßt —!
Eulenspiegel:
und nach der offenbar völlig einstimmigen Meinung
Der Bergrat:
aller Freunde und Freundinnen der höheren Sphären
Lise Lied:
wollen wir ihn jetzt zum Beherrscher der — Lüfte erklären!
Der Bergrat:
zum Alleinherrscher sämtlicher Zukunftsflugmaschinen!
Eulenspiegel:
Glücksgondeln, Traumschiffe und sonstiger Zeppelinen!
Der Bergrat:
Möge er immer flügger, lenkbarer
Eulenspiegel:
und bombenfester werden!
Lise Lied:
und selig enden als Luftschloßbesitzer auf Erden! —
Der Landrat
(die Zippelmütze schwenkend):
Hurrra, deutscher Michel!
Alle durcheinander
(während Michel auf die Bank gehoben wird und ein Glas Wein in die Hand bekommt):
Hurra! Hurra!
Michel
(an den Baumstamm gelehnt):
Halt!!! Jetzt komm Ich an die Reih!
Der Bergrat:
Glückauf, Michel! (trinkt ihm zu.)
Michel:
Schön Dank, Herr Bergrat! (trinkt.) Ja! Schön Dank fürs Geschrei!
Denn der Michel nämlich — ja — kann viel Spaß vertragen.
Der Landrat:
Bravo, Michel! (trinkt ihm zu.)
Michel
(immer wieder Bescheid trinkend, worauf ihm unter Gelächter immer wieder das Glas gefüllt wird, bald mit weißem, bald mit rotem Wein):
Schön Dank, Herr Landrat! — Ja! — Aber — wollt ich sagen:
kann auch Ernst machen! kann — kann sich lange ducken —
Der Kaplan:
Wohl ihm, Michel!
Michel:
Schön Dank, Ehrwürden (trinkt) — Kann seine dummen Mucken
— ja — vor euch Stadtleuten — ja — auch sein Heimweh verschlucken —
Der Bürgermeister:
Hoch, Michel!
Michel:
Schön Dank, Herr Bürgermeister (trinkt) — Ja —: kann sich recken —
kann auf einmal — ja: kann er — seine Hand ausstrecken —
kann vielleicht dereinst noch — hupp — die ganze Welt in die Tasche stecken —
Der Pastor:
Heil, Michel!
Michel:
Schön Dank, Herr Pfarrer (trinkt) — Jawohl —: Luft — Erde — hupp — Meer —
den ganzen Himmel — hupp — (er fällt von der Bank herunter)
Lise Lied
(wirft sich aufschreiend über ihn):
Michel!!!
Eulenspiegel
(sehr laut): Kellner! den Eiskübel her! —
Der Bergrat
(während der Kellner Eiskübel und Tischtuch bringt):
Aber teuerste Göttin, er hat sich ja nichts zerbrochen!
Der Landrat
(während man Michel auf die Bank setzt und an den Baum lehnt):
Kein Bein! Der fällt einfach auf seine gesunden Knochen!
Eulenspiegel:
aus der Zippel- der Zappel- der Zeppeline!
Der Bergrat:
Da! er macht eine ganz majestätische Miene!
Der Landrat:
Na, dann kann man ja endlich sozusagen die Krönung vollziehn!
(Er setzt Micheln die Zippelmütze auf, sodaß die Troddel ihm über die Nase herabbaumelt.)
Hoch lebe unser Michel!
Alle:
(während man ihm das Tischtuch wie einen Mantel umhängt)
Hoch! Hoch! Hoch!
Eckart
(ernst): Der Himmel erhalte ihn!
Der Rotbart:
Er mache ihm jede Bank zum Throne —
Die Kobolde:
Throne —
Eulenspiegel:
jede deutsche Zippelmütze zur Siegeskrone —
Kobolde:
Siegeskrone —
Eckart:
jedes deutsche Stück Leinwand zum Hermelin —
Kobolde:
Hermelin —
Der Rotbart:
jeder deutsche Baum sei ein Baldachin —
Kobolde:
Baldachin —
Eulenspiegel
(während man Michel lang auf die Bank streckt und das Tischtuch über ihn breitet):
für den allerhöchsten, allerstärksten, allerlängsten, allergrößten
Die Bürgermeisterin
(hinter dem Bergrat her, der die halb lachende halb schluchzende Lise nach rechts beiseite führt):
Nein, Sie Wüstling, Sie sollen das arme Kind nicht trösten!
Der Landrat:
Pßßt!
Eulenspiegel:
und allerreichsten unter den Potentaten
Michel
(halb erwachend):
wie —?
Eulenspiegel:
still, Michel — mit und ohne Staaten.
Seht, hier ruht er —
Der Rotbart:
daheim im Weltgebrause; —
Eulenspiegel:
jetzt kann er selig —
Michel
(wie vorher): Lise —
Eulenspiegel:
ja, Michel —
Michel:
ich — will — nach Hause —
Eulenspiegel:
ja, Michel —
Eckart:
daheim im unendlichen Hafen —
Eulenspiegel:
zwischen Himmel und Erde und Hölle schlafen —
Der Rotbart:
jenseits von euern Zeiten und Räumen —
Eulenspiegel
(mit wild phantastischer Geste):
und träumen —
Eckart
(ruhig, während der Vorhang sich schließt):
träumen — —
*
Eulenspiegel als Zwischenredner
(von links kommend, anfangs mit verhaltener Stimme):
Ssst —: er träumt! — Eine Menschenseele im Traum
ist ein schaurig Ding, ist ein Unding, ist verflochtner als ein Baum
in alle Wurzelwirren und Wipfelwehen aus Staub und aus Licht,
ist Feuer, Wasser, Luft, was sie will, und — ists nicht:
verschlafnes Tier, wacher Gott, urweltvoller Stern, hohler Ball,
allmächtig bis zur Ohnmacht, spielt sich auf als All.
Wahrlich: einen Menschen im Traum belauschen, das heißt
mitspielen mit einem höllisch lebenslustigen Geist.
Ich und wir andern längst verstorbenen Geistergestalten,
wir würden uns gern solcher spukhaften Tätigkeit enthalten —
(allmählich lauter)
aber wir müssen uns, ach, noch immer zum Dienst der Menschheit hergeben;
denn unser Herr, der Dichter, dieser Auchmensch, will davon leben.
Dieser Teufel! Nicht genug, daß wir wirklich leibhaftig erschienen,
er läßt uns sogar noch als Hirngespinste nun dienen;
oh, wär ich ein Mensch, ich glaube, mir graute vor mir.
Aber da ich ganz Geist bin, und jetzt ein Doppelgeist schier,
so kann ich Sie nicht mit derlei Halbgottsgefühlen beglücken,
sondern drehe ihnen — den Gefühlen nämlich — im Geiste den Rücken.
(Er dreht sich mit hoch erhobenen Armen um und teilt mit beiden Händen den Vorhang.)
Dritter Aufzug
(Bild: Große Höhle aus Bergkristall in weiß-und-grüner Flackerbeleuchtung. Rechts und links durcheinandergetürmte Pfeiler. In der Mitte des Hintergrundes, auf einer phantastischen Pyramide, thront Frau Venus, ebenso vermummt wie Lise Lied; nur trägt sie lange weiße Glaßeehandschuhe, und ihr grünes Kleid ist aus funkelnder Seide, ihr schwarzer Schleier mit Diamanten besetzt. Zu Füßen des Throns, in Gesteinspalten, hocken schlafende Kobolde, wieder blaugrau mit Zippelmützen und weißen Bärten. Zu beiden Seiten des Throns zerklüftete Grotten, mit Schnüren aus Bruchkristallen verhängt, hinter denen ein rotgelb glühender Glanz bald aufwärts bald abwärts quillt und strudelt, sodaß sie wie feuriges Netzgeflecht aussehn; hin und wieder zieht rötlicher Rauch durch die Höhle.)
Eulenspiegel
(sofort, noch während der Vorhang sich öffnet, ins Knie sinkend):
Verzeiht, Göttin Venus: ich weiß zwar, Ihr glaubt es kaum:
aber wirklich, wir sind Beide jetzt nichts als Traum —
also entschuldigt den frechen Possenreißerstreich!
Frau Venus
(zögernd):
Wer dringt hier ein in mein heimlich Reich?
Eulenspiegel:
Nur ein armer Schalk namens Tyll, aber abgesandt
(er erhebt sich)
von Euerm mächtigsten Nachbarn im ganzen deutschen Land,
von des Kaiser Rotbarts verewigter Majestät,
der voll Unruh, Schönste, hinab in den Hörselberg späht,
denn auch ihn treibt des Michels Traumblick her.
Frau Venus:
So vermelde des hohen Herrn Begehr,
der so mächtig ist, daß ein stiller schlaftrunkner Mann
seinen ewig wachen Willen verunruhen kann.
Eulenspiegel:
Oh, Frau Venus, Zaubrin, sehr gewaltig ist dein Bann,
aber nimm in Gnaden die zarte Gewissensfrage hin:
Traumschöpferin,
warst du niemals von deinen Geschöpfen gebannt?
Frau Venus:
O Schalk! —
Eulenspiegel:
So erfahre: des Michels Seele ist unauslöschlich entbrannt
von all und jeder Machtsehnsucht Himmels und der Erden,
heute Nacht soll sein Hauptwunsch entschieden werden.
Du hast eine Flamme in seinem Blut angefacht,
die hat all sein junges Hirn in Rausch und Aufruhr gebracht;
nun kennt er sich selbst kaum vor lauter hochfliegenden Brünsten.
Drum, erlauchte Göttin, dank deinen Zauberkünsten,
sind die andern unsterblichen Hauptpersonen,
die seit Alters in seiner Geisterwelt wohnen,
aus ihrer gottseligen Ruhe (klappt mit der Pritsche) jählings mitaufgeschreckt ——
und als der stärkste von seinen Schutzgeistern streckt
der Kyffhäuserherr die gepanzerte Faust dir entgegen:
Wenn du ebenso mächtig bist wie verwegen,
mögest du ehrlichen Wettstreit mit ihm pflegen
um des Michel Michaels wahres Seelenheil.
Desgleichen mit mir für mein bescheiden Teil;
du wirst es nicht weigern, erlauben wir uns zu hoffen.
Frau Venus:
Mein Reich steht allen Geistern, starken und schwachen, offen.
Eulenspiegel:
Ja, Gnädigste: offen wie ein Grab.
Und dein zauberkräftiger Wünschelstab
glänzt empor über deine dunkeln Schleierfalten
wie ein Irrsternschweif nach zwei Seiten gespalten,
indessen die Weltküglein an den beiden Spitzen
gar nach jeglicher Windrichtung drehbar blitzen.
Ich seh’s, Vielgewandte, trotz unsern verhüllten Mienen;
denn auch ich verstehe, Herrin, zweeen Welten zu dienen.
Frau Venus:
So schwör ich bei diesem einen unlöslichen Ringe,
kraft dessen mein Szepter die zwiegespaltene Schwinge
der immer wieder sich verjüngenden Welt
in der Schwebe hält:
du nahst ungefährdet meinen vulkanischen Quellen.
Eulenspiegel:
Und meine Begleitung?
Frau Venus:
Ist gefeit wie du vor den feuerbrünstigen Wellen.
Eulenspiegel
(tritt dem Thron etwas näher und klappt mit der Pritsche):
Wohlan, edle Hexe! du siehst, wie stracks wir uns stellen.
(Zugleich sind der Rotbart von links und Eckart von rechts aus den Pfeilergängen getreten, Beide noch immer mit vermummten Gesichtern.)
Frau Venus
(auffahrend):
Ah, Schalk! du verkündetest mir der Wettkämpen zwei!
jetzt seid ihr drei? — (Wieder ruhig sich setzend:)
Nun, Eckart: du warst von jeher ein Schleichwegverfechter.
Eckart:
Ich war von jeher, Frau Venus, dein treuster Torwächter.
Ich tue nichts wider dich, als am Eingang des Hörselbergs warnen;
wer der Warnung trotzt, den magst du getrost umgarnen.
Eulenspiegel:
Und selbst für Göttinnen bleibt’s doch ein Akt der Huldigung immer,
wenn sich drei Mannsleute mühn um ein Frauenzimmer.
Sieh da, du lächelst! dein ganzer Schleier lacht!
Frau Venus:
Vor Dir, Eulenspiegel, hat wohl mein Ernst keine Macht.
Und auch den Rotbart wird schwerlich ein trauerndes Weibsbild rühren.
Der Rotbart:
Hoh, Huldin, wir hoffen noch innigst Eure Trauer zu spüren,
wenn erst der Michel von uns Selbstbeherrschung annimmt.
Inzwischen freilich sind wir herzlich wenig gestimmt,
christliche Stufen zu Euerm heidnischen Thronsitz zu hobeln.
Eulenspiegel:
Also kurz und gut: ich schlage vor, sein Seelenheil auszuknobeln.
(Er holt den Würfelbecher aus der Tasche und schüttelt ihn.)
Bester Wurf: Alles Eins! —
(Er stülpt die Würfel auf einen Kristallblock.)
Hier —: dreimal der nackte Spatz!
Frau Venus:
In der Tat: ein unwiderleglicher Satz.
Gib her!
Eckart:
Halt, Hexe! leg erst den Zauberstab nieder!
Frau Venus:
Das versprach ich nie wem.
Eckart:
Dann, Schalk, nimm den Becher wieder!
Rasch! nimm ihn! rasch! —
Die Unholdin wirft dir Pasch auf Pasch;
so bliebe das Wettspiel in alle Ewigkeit gleich.
Frau Venus:
Ich hätt ihn heimzahlen können, den schnöden Gauklerstreich;
aber, Tyll, des Michels Seele gilt mir zu viel
für ein Würfelspiel!
Ich sehe, Rotbart, zu meiner Freude: du nickst.
Der Rotbart:
Ich fühle, Feindin, wie ehrlich du um dich blickst.
Frau Venus:
So hört meinen rückhaltlosen Bescheid:
der Michel Michael selber löse im Traum unsern Streit!
Wenn du Herrscher in seinem dir zugeweihten Land,
du Wächter an deinem ihm geheiligten Stand,
du Landstreicher da aus vogelfreien Bezirken,
wenn ihr vermögt seiner Sehnsucht ein habhaftes Ziel zu erwirken,
das ihm wettmacht den einen einzigen unruhvollen Bann,
den meine Inbrunst, die verwunschne, ihm antun kann:
so sei er hinfort, in Zeit und Ewigkeit,
von mir befreit! —
Seid ihrs zufrieden?
Der Rotbart und Eulenspiegel:
Zufrieden! Zufrieden!
Eckart:
Nur unter der Sicherheit,
daß dein Szepter, solange der Streit dich drängt,
sein träumendes Haupt nicht berührt noch umkreist noch sonstwie lenkt.
Frau Venus:
Die Sicherheit geb ich.
Eckart:
Dann ruf ihn! die Wette hängt.
Frau Venus
(berührt die Kobolde mit dem Szepter):
Aufgewacht, Klopfgeister, aufgewacht!
der Wunschquell sprudelt; öffnet den Schacht!
Feuerfluß werde kristallene Flut!
Erde, enthölle dein Himmelsblut!
verschlinge das Trübe, beschwinge das Reine!
Erscheine, Michael, erscheine! —
(Die Kobolde haben die Kristallschnurgeflechte der rechten Grotte inzwischen geöffnet und eine ferne langsame Tanzmusik ertönt. Aus rötlichem Qualm auftauchend erscheint ein Zug schwarzgekleideter Gestalten. Voran fünf Kaplane, im Gänsemarsch mit Polkaschritt. Dann je fünf Landräte und Bürgermeister, die den schlafenden Michel Michael auf seiner Bank einhertragen; er hat noch immer die Zippelmütze auf dem Kopf und ist mit dem Tischtuch an die Bank festgebunden, mit dickem Knoten auf der Brust, doch so, daß seine Arme frei sind. Hinterdrein fünf Pastoren, wieder im Polkaschritt. Jeder Kaplan, Landrat, Bürgermeister, Pastor ist den vier übrigen zum Verwechseln ähnlich, in den gleichen Kostümen und Masken wie früher.)
Chor der Landräte und Bürgermeister:
Hier naht er, hier naht er,
der Weltpotentater.
Chor der Kaplane und Pastoren:
Da liegt er im Wickel,
das Hochmutskarnickel.
Die Landräte und Bürgermeister:
Du Großmaul! du Saufsack! du Raufbold! du Strolch!
Die Kaplane und Pastoren:
Jetzt kommt die Vergeltung, du Sündenmolch!
Rache! —
(Der Zug macht ruckhaft in vier Kolonnen Halt und stellt die Bank in der Mitte der Höhle nieder, Michels Füße dem Venusthron zugekehrt; zugleich wird die Grotte wieder verhängt, sodaß die Tanzmusik verstummt, und die Kobolde eilen auf ihre Sitze zurück. Michel liegt immerfort regungslos.)
Frau Venus:
Erhebt ihn!
Die Landräte:
Äh —?
Der Rotbart:
Erhebt ihn!!!
Eulenspiegel:
Ja ja! hier pariert man aufs Wort!
Immer artig, werte Herrn! hübsch kusch und apport!
(Halblaut:)
Held Michel, hier braucht dich blos das geheimste Lüstchen zu jucken,
und wir sind allesamt deine tiefst leibeignen Haiducken.
(Die Amtspersonen haben inzwischen, unter schreckhaften Bücklingen, die Bank mit Michel hochgekippt, sodaß sein ganzer Körper verdeckt steht; so dem Venusthron zugewandt, an die aufgerichtete Bank gebunden, bleibt er stehen, bis sich der Vorhang schließt, und nur ab und zu wird Arm oder Hand von ihm sichtbar.)
Der Rotbart:
Hier schützt dich mein Schwert, es ist allzeit unbestechlich.
Eckart:
Hier stützt dich mein Kreuz, es ist unzerbrechlich.
Eulenspiegel:
Hier nützt dir meine Pritsche, sie ist unüberwindlich;
und deine Schlafmütze, sie ist unergründlich.
Michel
(immer mit schlafbefangener Stimme):
Wo — bin — ich?
Frau Venus:
Im Reich deiner reinsten Kräfte.
Hier siehst du im Glanz kristallklarer Säulenschäfte
deine stärksten Schutzgeister tausendfältig sich spiegeln
und dir ihre innerste Strahlenfülle entriegeln.
Hier hast du für immer die Wahl zwischen ihnen und mir;
hier bist du Alleinherr. (Zu den Amtspersonen:) Kniet nieder, ihr!
Die Kaplane
(gehorchend):
Herr, erbarme!
Die Pastoren und Bürgermeister
(ebenso):
dich unser!
Die Landräte
(aufmuckend):
Himmelkreizrudiment!
Eulenspiegel
(sie einzeln rasch mit der Pritsche duckend):
Nieder! nieder! nieder! nieder! nieder! Blitzelement!
Der Rotbart
(Michels Kopf mit dem Schwert berührend):
Ich, Michel, kröne dein Haupt mit dem herrlichsten Mut,
dem zu dir selbst; bewahre ihn gut!
Eckart
(desgleichen mit dem Kreuzstab):
Ich, Michael, mit der heiligsten Macht,
der über dich selbst; nimm sie wohl in Acht!
Eulenspiegel:
Ich verhalte mich selbstverständlich ergebenst stille,
denn die Hauptsache bleibt: es geschehe dein Wille!
(Ihm ins Ohr:)
Wenn du willst, ist der ganze Weltrummel nichts als ’ne Flause.
Michel:
Ich — will — nach Hause!
Der Rotbart:
Hier bist du’s!
Eckart:
Ewig!
Frau Venus:
Dies Haus kannst du nie verkaufen.
Michel Michael, bald ist die Zeit abgelaufen,
in der du den Raum der Geister heimlich erleuchtet siehst;
wenn du willst, daß dein innerstes Heim sich erschließt,
ich zeig dir’s!
Michel:
Wer — bist — du?
Frau Venus
(von feurigem Rauch verhüllt):
Ich weiß nicht mehr.
Wohl aus tiefem Süden kam ich einst her,
wohl aus höchstem Norden: aus allen Zonen,
wo Urvater Schmerz und Allmutter Wonne wohnen.
Wohl der einsamen Glut seines Geistes bin ich entsprossen,
wohl vom willigen Feuer ihrer Seele durchflossen
in des Erdgrunds kreisenden Leib getropft,
aus dem nun mein Himmelsblut flammt und flackert und drängt und klopft,
aufbegehrlich durch deine, auch deine irdischen Adern hin —
Eckart:
Hüt dich, hüt dich, Michael, vor der Teufelin!
Die Kaplane
(sich bekreuzend): Teufelin!
Der Rotbart:
Schweigt, ihr Winsler!
Frau Venus:
Hab Dank! Ja, Gebieter, ich bin
nur die Stimme, die aus dir selber lacht,
wenn dein Mutwille hochlodert aus dem Kyffhäuserschacht.
Ich, Eckart, brauche des Michels Haupt nicht mit wirren
Machtsprüchen ewigen Heils zu kirren,
nicht wie du, Freund Tyll, mit gleißenden Freiheitsblicken
sein Hirn bestricken:
ich rühre nur leise an sein Herz —
(sie senkt ihren Stab auf Michels Brust)
seht, wie er aufzuckt! — Sag, Michel: Ist’s Schmerz?
Michel:
Schmerz —
Frau Venus:
Ist’s Wonne?
Michel:
Wonne —
Frau Venus:
Ist’s Heimweh nach dem Licht?
Michel:
Licht!
Frau Venus
(ihren Stab wieder hebend):
Fühlst du nun des Blutes selige Unruhpflicht?
Oder willst du leben — sprich — wie diese Machtstreber hier,
ein Ruhestifter voll furchtsamer Gier?
Michel
(die Arme breitend):
O Göttin! —
Die Pastoren:
Gnade!
Eulenspiegel
(mit der Pritsche klappend): Ruhe!
Die Bürgermeister
(während sich die Kaplane bekreuzen):
Gnade, Göttin!
Eulenspiegel:
Ruhe!!!
Die Landräte:
Göttlichste Göttin!!
Frau Venus:
Ihr??
Ihr meint eine Andre! Ihr meint die teuflische Fratze,
die jene Diener des Heils da (auf die Kaplane weisend) mit plump geiler Tatze
an die Wand euch malten; drum sitz ich im Trauerschleier.
Aber auch euch treibt heimlich — wißt es! — mein mißgunstfreier
Hauch, eure Ängste auszurasen
und euren unreinen Atem irgendwie von euch zu blasen;
drum habt ihr den Erdball zum Höllenkessel gemacht.
(Die Kobolde mit dem Szepter streifend:)
Auf, Klopfgeister! öffnet den Wetterschacht,
durch den der Qualm ihrer Süchte zur Läuterung niederquillt!
Jetzt, ihr Herrn, beseht, beseht euch das Ebenbild
eurer knechtischen Notdurft und krampfhaften Mühseligkeit,
eurer zielbewußten Wohlfahrtsbeflissenheit,
eurer mammonstollen Stoffwechselpracherei,
eurer jammervollen Naturgesetzschacherei,
des zivilisierten Barbaren würdigste Konkubine:
da steht eure Göttin: die Maschine! —
(Die Kobolde haben währenddem das kristallene Flechtwerk der linken Grotte geöffnet, und schwarzgrauer Dampf ist herausgequollen. Nun wird ein feuriges Ofenloch sichtbar, neben dem der rote Karl in seiner militärischen Maske zwischen maskierten Bergleuten und rußschwarzen Heizern hockt, und darüber eine Schwungradmaschine; zugleich hört man wieder das dumpfe Kolbengestampf, aber weniger laut als früher.)
Die Landräte
(sich die Ohren zuhaltend):
Himmelkreizru —
Der rote Karl
(tritt drohend vor): man stopp!
Chor der Heizer und Bergleute
(dumpf): man stopp, man stopp, man stopp!
Der rote Karl:
Jetzt kommt die Vergeltung! los, Genossen! hopp hopp!
Rache!
Die Heizer und Bergleute
(Schaufeln und Spitzhacken schwingend, bilden mit hoppsenden Tanzschritten einen Halbkreis um die Amtspersonen, die sich mit flehenden Geberden knierutschend um Michel zusammendrängen):
Wir sind nicht mehr Menschen; wir dienen, wir dienen,
lebend’ge Maschinen, den toten Maschinen.
Jetzt wolln wir mal herrschen, mit Gewalt, mit Gewalt,
wir armen Teufel in Menschengestalt.
Rache!
Die Kaplane und Landräte:
Wir flehn ehrerbietigst um Gnade, um Gnade.
Die Pastoren und Bürgermeister:
Es wäre doch schade, jammerschade, jammerschade
Die Kaplane und Landräte:
um unsre christlich-germanische Staatskultur, Staatskultur.
Die Pastoren und Bürgermeister:
O Michel, o Michel, besinne dich nur! —
Eulenspiegel
(klopft laut mit dem Finger an die Rückseite von Michels Bank):
Michel, hörst du??
Michel:
Ich höre.
Der Rotbart:
So verschließ dir einstweilen die Ohren!
Eckart:
Und verwechsle nicht Uns mit diesen vom Zeitgeist besessenen Toren!
Frau Venus:
Nein, hör sie nur betteln, die dich mit städtischer Hoffahrt benebeln,
um hinterrücks deinen bäurischen Waghals zu knebeln;
seht, ihr Kriecher, jetzt schlägt sie über die Schnur,
die tückische Glut eurer Unnatur!
(Eine grelle Flamme pufft aus dem Ofenloch; die Amtspersonen fahren entsetzt in die Höhe und taumeln geblendet durcheinander.)
Sie macht alles so hell,
sie macht alles so schnell,
daß eure lichtscheuen Sinne sich dran verbrennen,
bis ihr nichts mehr könnt als blindwütig hasten und rennen:
nun, ich will euch erlösen, ihr armen Irrlichtschürer.
Los, ihr Hetzteufel alle, packt eure Verführer!
Die Heizer und Bergleute
(hinter den flüchtenden Amtspersonen her):
Hetz hetz, ins Feuer!
Die Kaplane und Landräte:
Erbarmen, Erbarmen!
Die Heizer und Bergleute:
Ihr Fettungeheuer!
Die Pastoren und Bürgermeister:
Wir Armen, wir Armen!
Die Heizer und Bergleute
(nehmen einen Landrat und einen Kaplan am Kragen, während die übrigen in den Pfeilergängen verschwinden):
Ihr Schweinepriester, ihr Rindviehmagnaten,
jetzt singt Halleluja, jetzt werdt ihr gebraten!
marsch!
Der Kaplan:
O Sankt Michael, hilf uns!
Der Landrat:
Inhibieren Sie diesen Radau!
Der Kaplan:
O Sankt Eckart, bitt für uns bei der gnädigen Frau!
Eckart:
Fahr zur Hölle, Memme!
Der rote Karl:
Höllaluja! marsch, marsch!
Die Heizer:
Ins Feuer!
Der Kaplan
(wird ins Ofenloch geschoben): Au! au!! —
Der Landrat:
Sackerment — (plötzlich sich losreißend) Herr Corpsbruder!!!
Der Bergrat
(kommt sofort durch das Flechtwerk der rechten Grotte gehopst, maskiert wie früher):
— wünschen? —
Der Landrat
(während er wieder gepackt wird): Na Hilfe, kreuzsackerment!
Der Bergrat
(nach der linken Grotte hinübergaloppierend):
Bedaure! bin beschäftigt! im Dienst der Herrin! es brennt!
Die Bürgermeisterin
(kommt plötzlich aus der rechten Grotte ihm nachgaloppiert):
Ach bitte, bitte, bitte! Na warte, ich werd dich schon kriegen!
Der rote Karl:
Jawollja! marsch marsch! immer ran, verehrliche Fliegen!
Die Heizer
(den Bergrat gleichfalls ins Feuer schiebend und die Bürgermeisterin hinterdrein):
Immer rin, immer rin, immer rin ins Vergniegen! —
Der rote Karl
(zum Landrat):
Marsch marsch! immer schneidig!
Der Landrat:
Na, wenn’s sein muß, dann los!
Platz da — (er stürzt sich selbst in das Ofenloch) —
Der rote Karl:
Allerhand Achtung!
Die Heizer und Bergleute:
So’n Schubbiak! so’n Gernegroß!
Der rote Karl:
Still, Genossen!
Die Bergleute:
Ohoh!
Der rote Karl:
Ich sag euch: der Kerl hatte Schneid für drei!
Die drei Heizer:
Hoh!!!
Eulenspiegel
(ihm mit der Pritsche auf die Schulter klopfend):
Nimm dir’n Beispiel dran, Roter! jetzt kommst Du an die Reih!
Der rote Karl:
Wa —?
Eulenspiegel:
Zu dienen, Herr Volksbefreier! jetzt ist man so frei.
Der rote Karl:
Zu Hilfe, Genossen!
Die Heizer und Bergleute:
Hoh! ohoh!
Eulenspiegel:
Die Zeit ist vorbei!
Der Oberheizer:
Vorbei, du Schreihals! jetzt wird nicht mehr schwadroniert.
Der rote Karl:
Aber Kameraden!
Ein Bergmann:
Jawollja! hast uns lange genug kommandiert!
Marsch ins Feuer!
Die ganze Bande:
Marsch marsch, du Freiheitsverräter!
du Rädelsführer! du Erzschuft! du Hauptattentäter!
Der rote Karl:
Zu Hilfe, Michel!
Eulenspiegel:
Der läßt sich erst recht nicht drillen.
Der Rotbart
(mit besonders wuchtigem Tonfall):
Hier ist Jeder nur Bruchstück von Seinem Willen.
Frau Venus:
Und sein Wille ist, ihr Schächer: ich soll euch ein bißchen läutern!
euch Alle!
Eulenspiegel:
Nachher könnt ihr säuberlich weitermeutern —
Eckart:
und einer den andern mit reinem Gewissen regieren —
Eulenspiegel:
und euch gegenseitig immer reiner kuli-kultivieren.
Was meinst Du, Michel?
Michel
(die Hand nach dem Feuerloch hebend):
Marsch, marsch!
Frau Venus:
Hinein, ihr Teufel, hinweg!
Klopfgeister, schließt den Sündenversteck!
Erde, enthölle dein Himmelsblut!
Feuerfluß werde kristallene Flut,
beschwinge die Zeiten, durchdringe die Räume,
bringe Klarheit ins Reich der Träume!
(Der rote Karl wird inzwischen samt seinen Genossen von den Kobolden an das Ofenloch gedrängt, und das Flechtwerk der Grotte schließt sich hinter ihnen, auch die Kobolde mitverbergend; zugleich verstummt das Geräusch der Maschine.)
Sag, Kyffhäuserherr, ist nun zur Genüge gestritten?
Der Rotbart:
Frag den Michel, edle Feindin! du kennst die Geistersitten.
Frau Venus:
Ja, du Herrlicher du, werd’s endlich inne:
ich bin nur den Armsünderseelen die Teufelinne.
Aus dem Samen, den ich Verschwenderin streue,
keimt alles Künftige, alles Junge und Neue,
jeder Traum von Schönheit und Kühnheit, von Freude und Ruhm,
jeder Glaube an wahrhaftes Heiligtum.
Wahrlich, Eckart, unser Wettstreit bleibt ewig gleich;
denn dein wie mein ist das Erd- wie das Himmelreich.
Also, Eulenspiegel, schür sie nur immer fort,
die Hölle der Freiheit zwischen hier und dort!
und sorge dafür, daß deine Schelle
selbst in die verschlafensten Ohren gelle!
Eulenspiegel:
Zu Befehl, gnädige Frau!
(Er hockt sich ans Fußende von Michels Bank.)
Frau Venus:
Ich nehm dich beim Wort auf der Stelle.
Sprich, Michel: glaubst du an unsre Schutz- und Trutz-Einigkeit?
und willst du ihr treu sein, treu sein in Lust und Leid?
Michel:
Lust — und — Leid!
Frau Venus:
Und willst du mir, was dein Mund so im Traum verspricht,
auch beschwören von Augen- zu Augenlicht?
Michel:
Augenlicht!
Frau Venus:
O, erkenne mich erst, du! — Weißt du nicht mehr:
Fremd aus fernem Süden wohl kam ich einst her,
so fremd, daß ein Schreck dein nordisches Blut durchlief,
wie ein Bergquell wohl aus der Erde tief,
eines Abends im Wald, war kaum sechs Jahr,
einen Kranz wilde Efeuranken im Haar —
(sie lüftet lächelnd ihren Schleier)
und mit Augen, wie der Kuckuk fürwahr —
Michel
(jäh emporgreifend):
Lise!! —
Frau Venus:
Ja, so saß ich unter dem Felsenhang
und sang —
Michel:
und sang — —
Frau Venus
(nickt und verhüllt sich wieder):
Und nun siehst du mich hier, wie du wünschtest, in seidnen Kleidern sitzen,
mit Glaßeehandschuhen und Diamanten und ausländischen Spitzen;
und gilt dir doch alldas in Wahrheit nicht einen Niet
gegen ein einziges kleines heimatliches Lied
von Herzensgrund
aus meinem Mund —
Michel:
deinem Mund —
Frau Venus
(sich erhebend):
Hört’s, Geister, hört’s! schlingt den Zauberreigen!
(Die Kobolde eilen von rechts wie links durch das Flechtwerk aus den Grotten herbei; eine leise Walzermusik beginnt von fern.)
Raunt mein Gebet ihm ein in sein innigstes Eigen:
in Fleisch und Blut,
in Mark und Mut:
Körperrausch werde Seelenglut!
(Sie senkt ihr Szepter wieder auf Michels Brust, während der Rotbart mit dem Schwert und Eckart mit dem Kreuzstab sein Haupt berühren; zugleich beginnen die Kobolde ringelreih um die Bank zu schreiten, während Eulenspiegel am Fußende kauern bleibt.)
Frau Venus:
Michel Michael! Mehr kann kein menschlicher Geist erwerben
Die Kobolde
(gedämpft): Geist erwerben
Frau Venus:
als ein Haus, das er heiligt für seine Erben!
Die Kobolde
(wie vorher): seine Erben!
Frau Venus:
als einen Hof, wo er spielt mit Weib und Kind!
Die Kobolde:
Weib und Kind!
Eckart:
als einen Herd, an dem er Frieden findt!
Die Kobolde:
Frieden findt!
Der Rotbart:
eine Schwelle zum Himmel, wenn er den Kampf bestand
für seine Muttererde, sein Vaterland!
Die Kobolde
(allmählich lauter):
seine Muttererde, sein Vaterland.
Eulenspiegel
(alle zehn Finger hochspreizend):
Dieser Traum der Menschheit, Michel, hat vielerlei Enden!
Die Kobolde:
vielerlei Enden!
Frau Venus:
laß dich nicht von Träumen, die eitel sind, blenden!
Die Kobolde
(plötzlich niederknieend, Hände vors Gesicht): blenden!
(Die ferne Tanzmusik hört auf.)
Eckart:
Bei dem Gott, dem der Geist deiner Väter entsprang —
Der Rotbart:
bei deines Namens hellem Erzengelklang —
Eulenspiegel
(den Schellenzipfel gen Himmel hebend, doch noch nicht klingelnd):
bei der dunkeln Macht, über die ich weine und lache —
Frau Venus:
erwache, Michael —
Die Kobolde und Eulenspiegel
(aufspringend, Zippelmützen und Schellenzipfel schwenkend,
während der Vorhang sich schließt): erwache! — —
*
Eulenspiegel als Zwischenredner
(aus dem Mittelspalt des Vorhangs tretend, mit verlegenem Achselzucken):
Er schläft immer noch. Was tun? — (Aufhorchend) Jetzt schnarcht er sogar.
Das ist höchst bedenklich; denn wir laufen alle miteinander Gefahr,
noch geisterhafter von ihm geträumt zu werden,
und das könnte doch vielleicht unsern leiblichen Zustand gefährden.
Ich würde ihn wecken; aber wer weiß, was passiert,
wenn er unversehens seine Zippelmütze verliert
und ernstlich nachdenkt über dies nächtliche Abenteuer.
Auch unserm Herrn Dichter übrigens scheint das durchaus nicht geheuer;
ich glaube, er fragt sich lieber schon garnicht mehr,
wer jetzt wirklich Herr ist, wir oder er.
(Hinterm Vorhang beginnt leise Tanzmusik.)
Aha! da läßt er gleich wieder den Fidelbogen schwingen;
vermutlich, um den Gang der Handlung besser in Trab zu bringen.
Seit wir dem Michel klarmachen mußten, was er im Grunde will,
steht dem Herrn sein Wille ebenso gründlich still
vor den unberechenbaren Folgen dieser Geisterstunde.
Ich hör ihn bereits mit sperrangelweitem Munde
um unsern Beistand gegen seinen schnarchenden Helden flehn;
ja, so dreht sich der Weltlauf im Handumdrehn.
Wenn nun der Michel träumen will bis zum Jüngsten Tage,
was wird dann aus der ganzen tatsächlichen Lage?
Sein Haus fällt der Grubengesellschaft in die Hände,
und seine Glücksfee nimmt womöglich als alte Jungfer ein Ende;
ich muß doch mal nachsehn, was sich da machen läßt.
(Er steckt einen Augenblick den Kopf in den Vorhangspalt.)
Halt! er schnarcht nicht mehr. Er liegt bombenfest;
nicht einmal seine Krone ist verschoben,
und man hat ihn inzwischen sogar auf den Thron gehoben.
Da heißt’s doppelt Vorsicht. Ich warne nochmals Jeden vor Schaden;
denn Sie wissen, er ist reichlich mit allerlei Sprengstoff geladen,
und wie leicht kann der plötzlich ganz von selber loskrachen!
Also werd ich ihm mal Platz für den Explosionsfall machen.
(Er schiebt den Vorhang nach rechts beiseite.)
Vierter Aufzug
(Bild: wie beim zweiten Aufzug. Doch ist jetzt die Bank mit dem angebundenen Michel quer auf zwei zusammengerückte Tische gesetzt, die rechts unter dem Laubengang stehn; und überhaupt sieht alles ziemlich verrattert aus. Hinter Michel, auf Stühlen zu ebner Erde, sitzen der Rotbart und Eckart, ebenfalls schlafend; und an dem langen Tisch links schläft der schwarze Karl, mit einer leeren Flasche im Arm. Vorn, unten vor Michel, sitzt und wacht Lise Lied, noch immer als verschleierte Glücksfee; neben ihr steht der maskierte Bergrat, mit zwei Sektgläsern in der Hand. Die leise Musik im Saal dauert fort; man sieht, es wird eine Cotillontour getanzt, und ab und zu huscht ein Pärchen heraus in die Büsche.)
Eulenspiegel
(prallt mit dem Vorhang an den Bergrat, sodaß dieser die Sektgläser fallen läßt):
Oh Pardon, Herr Rat!
Der Bergrat:
O zum Teufel, Sie Tr —
Eulenspiegel:
Tr —?
Der Bergrat:
Sie — Traumspuk mein’ ich!
Eulenspiegel:
Ah, danke höflichst, Sie Rr —
Sie Raumspuk mein’ich — und werde sofort das Glas neu erscheinen lassen;
unterdeß dürften Scherben nicht schlecht zu dem Fräulein Glücksfee passen.
Der Bergrat:
Also zwei Gläser, bitte.
Lise Lied:
Nein, danke! Nichts mehr! nicht einen Tropfen!
(Halblaut zum Bergrat, etwas kokett):
Ach, ich fühle mein Herz schon rasch genug klopfen.
Eulenspiegel:
Also eins, Herr Glücksrat?
Der Bergrat:
Nein, danke gleichfalls! danke!
Eulenspiegel:
Also keins. Glückauf, Spuk! (Ab nach dem Saal.)
Der Bergrat
(Lisens Schleier fassend): O diese schwarze Schranke,
wann wird sie endlich von dem klopfenden Herzchen weichen?!
O wüßt ich den Preis, spröde Fee, für dies Glück ohnegleichen!
Lise:
Nicht so stürmisch, Herr Ritter; Ihr werdet sogleich erschrecken.
Ihr habt den Preis nämlich in der Tasche stecken.
Ja ja! Und er ist nur ein Blatt Papier.
Der Bergrat
(seine Brieftasche herauslangend):
Aber Herz, natürlich! Wie hoch soll der Check sein? Hier!
Lise:
Check? was ist das? — Ach so! Hahahah! Nein, danke recht sehr;
ich meinte — (zupft an dem Vertragspapier; — plötzlich schreckhaft) ogott! er hat sich gerührt!
Der Bergrat
(den Vertrag rasch wieder einsteckend): Was! Wer!
Lise:
Na, Er! Wenn er aufwacht! Ach bitte, Herr Bergrat: schnell:
bringen Sie mich heim!
Der Bergrat:
Ja natürlich, Schatz! In welches Hotel?
Lise:
Hotel? Nein, nach Hause!
Der Bergrat:
Hause?
Lise:
Ja bitte! geschwind!
Der Bergrat:
Hm — wer bist du denn?
Lise:
Ach, Herr Rat — blos dem Michel sein Pflegekind.
(Die Tanzmusik setzt ab.)
Der Bergrat:
Ach so —! Hahahah! — Süßer Racker!
Lise:
Er darf mich hier nicht finden!
Will ihn blos noch rasch von der Bank losbinden.
(Sie tut es.)
Eulenspiegel
(erscheint im Hintergrund mit der noch immer maskierten Bürgermeisterin):
Bitte dort, schöne Frau; Sie sehn, man will schon verschwinden.
Der Bergrat
(Lisens Arm nehmend):
Also los!
Die Bürgermeisterin
(nach vorn eilend, während Eulenspiegel zurück in den Saal geht):
Ah, monsieur, Sie treiben’s ja rein schon zum Skandal!
Der Bergrat:
Oui, madame! drum verlass ich auch das Lokal.
Ihr Diener!
Lise:
Empfehl mich, Madam!
Die Bürgermeisterin
(während die Beiden nach rechts verschwinden):
Sie Dirne! Sie freches Stück!
O, meine Nerven! — O Theodor, komm zurück!!! —
(Sie ist dabei auf den Stuhl gesunken, auf dem vorher Lise gesessen hat. Die Tanzmusik setzt wieder ein.)
Eulenspiegel
(erscheint mit dem etwas schwankenden Bürgermeister):
Bitte dort, Herr Bürgermeister — (entfernt sich wieder) —
Der Bürgermeister
(gleichfalls noch immer maskiert, mit einigen Cotillon-Orden am Domino):
Aber Wally, was sollen die Leute denken!
so mitten aus dem Cotillon abzuschwenken!
ich bitt dich!
Die Bürgermeisterin
(schluchzend): Ach, Männe!
Der Bürgermeister:
Ach, laß das Getu!
Die Bürgermeisterin:
Was?! — (Kreischend:) Pfui, du Flaps! du elender Fatzke du!
Geh!!!
Der Bürgermeister:
Aber Frauchen!
Die Bürgermeisterin:
Geh, sag ich! oder ich schrei!!!
Der Bürgermeister:
Um Gottes willen — (er schlägt sich nach rechts in die Büsche) —
Die Bürgermeisterin
(schluchzend): So’n Stiesel! Und riecht noch nach Bier dabei! —
Eulenspiegel
(erscheint im Hintergrund mit dem Kaplan):
Bitte dort, Ehrwürden — (dann wieder ab in den Saal) —
Der Kaplan
(auch schon ein bißchen schwankend, zur Bürgermeisterin):
Ei, teuerstes Beichtkind, ei:
so vereinsamt inmitten der Fröhlichkeit?
(Er nimmt einen Stuhl und setzt sich dicht neben sie.)
Die Bürgermeisterin:
Ach, Ehrwürden, es gibt soviel Herzeleid!
Der Kaplan
(ihre Hand nehmend):
Ei, ei —
Die Bürgermeisterin:
O fühlen Sie, wie ich zittre und bebe —
(sie drückt seine Hand an ihren Busen, während Michel oben hinter ihnen erwacht und unbemerkt sich allmählich auf seiner Bank zurechtsetzt)
Ach —
Der Kaplan:
Ach —
Die Bürgermeisterin:
O hätt ich etwas, wofür ich lebe!
mir ist manchmal so schwach, so unbeschreiblich schwach!
Der Kaplan:
Ja, ich fühl es —
Die Bürgermeisterin:
Ach, wie das wohltut — ach —
wie das wonnig klang, als Sie sagten: Ei, ei —
Der Kaplan
(weiterfühlend):
Ei, ei —
Die Bürgermeisterin:
Ach, mir wird auf einmal so anders, so frei!
wie das himmlisch ist, so getröstet zu werden!
Der Kaplan:
Ja, da fühlt man das Paradies auf Erden —
Die Bürgermeisterin:
Ach — wenn ich auch etwas abgehärmt scheine —
Der Kaplan:
O — das sind ja gottgesegnete Beine —
Eulenspiegel
(erscheint im Hintergrund mit dem Pastor):
Bitte dort, Herr Pastor —
Michel
(breit von oben herab zu dem Pärchen):
Ihr Schweine —
Die Bürgermeisterin:
Huch — (läuft nach rechts davon) —
Der Kaplan
(ruhig aufstehend):
Was! Er Säufer erfrecht sich, hier fromme Gespräche zu stören?
Michel
(über die Stühle vom Tisch niedersteigend):
Platz da, Pfaff!
Der Rotbart und Eckart
(von Eulenspiegel wachgemacht, treten aus dem Laubengang):
Platz! Platz!
Der Kaplan
(vor Michel zurückprallend): Ah! Er soll von mir hören!
Wart, Bursch! (Ab in den Saal mit dem Pastor zusammen, der im Hintergrund gewartet hat.)
Eulenspiegel:
Nun, hehrer Helde? zurück aus dem Geisterland?
wie steht’s?
Michel
(ganz mit sich beschäftigt, schlägt nach der Troddel der Zippelmütze):
Verdammtes Gebammel! (und reißt sie sich vom Kopf.)
Eulenspiegel:
O aber! Solch Ehrenpfand,
das schlägt man doch nicht!
Michel
(die Mütze anstarrend): Was ist das? was soll das? — Hee:
wer tat das, Schwarzer?!
Der schwarze Karl
(von Michel gerüttelt): Hilfe! mein Portepee!
Josef-Maria — (ist aufstehend über seinen Degen gestolpert, fällt unter den Tisch und schläft weiter) —
Michel:
Viehklumpen! — Und Ich?? — O Vieh, Vieh, Vieh!!!
(Die Mütze zerfetzend und zu Boden schleudernd:)
Schandlappen verfluchter! da lieg, du Infamie!
O, ich Narr! ich Stadtnarr!!! (Er faßt seinen Kopf mit beiden Händen;
die Tanzmusik setzt wieder ab) Halt, Michel, halt!
besinn dich, Mensch! — (Er blickt scheu nach dem Rotbart und Eckart hinüber, tastet an seiner Brust herum, holt das Vertragspapier aus der Tasche, entfaltet es, starrt es kopfschüttelnd an.)
Eulenspiegel
(nimmt unterdessen Eckart beiseite):
Excellenz —
(und da dieser ihm rasch den Mund zuhält)
ah, Pardon — aber gehn wir nicht bald?
wir könnten leicht den rechten Moment verpassen.
Der Rotbart
(ist zu ihnen getreten):
Nein, wir dürfen den Mann nicht in seinem Zorn verlassen.
Eulenspiegel:
Wie’s beliebt, gnädiger Herr — —
Michel:
Wo ist er? Er soll mir heraus!
Der Rotbart:
Wer, Michel, wer?!
Michel:
Dem ich hier mein Haus
vorhin verschrieb ohne Sinn und Verstand!
(Er zerknautscht das Papier, will es wegwerfen, hält plötzlich inne und steckt’s in die Brusttasche.)
Eulenspiegel:
Der, Herr Vetter, ist leider inzwischen kurzerhand
mit deiner Glücksfee durchgebrannt.
(Die Tanzmusik setzt wieder ein.)
Michel
(nimmt seinen Hut und Stock von dem Tisch unter der Bank):
Ihr Herren! Ich bin nur ein Mann in geringem Kleid
und mit Ehrfurcht im Leibe; aber was ihr auch seid,
ich schätz mich zu wert, euern Schabernack einzustecken!
Ich bin kein Hanswurst für naseweise Gecken,
und im Wirtshaus ist jedermann nichts als Zechkumpan!
(Auf die zerrissene Mütze deutend:)
Wer hat mir den Schimpf da angetan?!
Eulenspiegel:
Da mußt du den dort fragen, Freund Grobian.
(Er zeigt nach hinten, wo eben der maskierte Landrat erscheint, ganz mit Cotillon-Orden bepflastert, begleitet vom Kaplan und vom Pastor, alle drei den Hut auf dem Kopf und nicht mehr vollkommen fest auf den Beinen.)
Michel
(sich gleichfalls den Hut aufstülpend):
Ahh, Herr!
Der Landrat
(sich mit dem Taschentuch fächelnd):
Ä —: Ah —? was Ah?!
Michel:
Ich fordre Aufklärung, Herr!
Der Landrat:
Pahahäh! Ist ja gottvoll! — Na also, Sie Aufklärererr:
erst mal Hut ab, wenn Sie hier um was bitten!
Michel:
Mit Verlaub: mein Hut kehrt sich ganz nach Anderleuts Sitten!
Eulenspiegel
(mit Fistelton): ja Sitten!
Der Rotbart und Eckart
(tief und schwer): Sitten!
Der Landrat:
Himmelkreiz, Ruhe! — Das ist ja -äh- unerhört!
Der Kaplan und der Pastor:
Unerhört! Unerhört!
Der Landrat:
Er besoffner Flegel, merk er sich: Wenn er das Fest weiterstört
Michel
(den Hut kurz lüftend):
Um Verzeihung, Herr Landrat: Wer ist hier besoffen?
Ich für mein Teil hab meinen Rausch ausgeschloffen.
Der Landrat
(immer heftiger fächelnd):
Ruhe!!!
Michel
(wie vorher): Sehr gern, Herr Landrat. Nur bitt ich noch diese Nacht
um Antwort: Wer hat mich besoffen gemacht?!
Und im Übrigen bitte: hier leg ich hin,
was ich etwa irgendwem dafür schuldig bin!
(Er langt eine Handvoll Geld aus der Hosentasche und wirft sie dem Landrat vor die Füße.)
Der Landrat
(etwas zurückweichend):
Aber das ist ja ein ganz -ä- ganz unglaubliches Vieh!
Der Kaplan:
Ja, ein Vieh!
Michel:
Ahh!!! (hebt in heller Wut seinen Stock.)
Der Rotbart und Eckart:
Halt, Michel! Halt!
Michel
(bezwingt sich): Ja, wahrhaftig: für die,
die Biester da, ist mein Stock zu gut.
Aber eh ich ihn heimtrag, ihr Kröten-und-Unkenbrut,
soll euch doch mal erst, und müßt ich den Hals drum wagen,
eine Menschenstimme ans Trommelfell schlagen!
(Der Landrat holt Notizbuch und Bleistift heraus.)
Ja, notieren Sie’s nur! ich stell’s gerne auch noch unter Eid!
O, mit welchem Brustkorb voll Feiertagsgläubigkeit
kam ich heut auf dies Fest, dies Volksfest, her in die Stadt!
Wie hatt ich mein einsames altes Waldnest satt!
wie sah ich die Welt hier von neuen Lichtern leuchten,
die mir alles Leben weiter und größer zu entfalten deuchten!
(halb zum Rotbart und Eckart hingewendet:)
wie war ich willens — die Herren da sind mir Zeugen —
jedem überlegnen Geist mich mit Kopf und Kragen zu beugen!
wie glaubt ich, daß hier, wo Männer zum Wahlkampf rüsten,
die rechten, aufrechten Vorbilder ragen müßten,
einen Kerl wie mich zu vornehmer Art anzuleiten!
Und was fand ich? (Zornschluchzend:) Lauter Gemeinheiten!
Eckart
(dumpf): Gemeinheiten.
Eulenspiegel:
Na heul nicht, Michel!
Der Rotbart:
hast höhere Obrigkeiten!
Der Landrat:
Was?! Schwerebrett ja, was unterstehn Sie sich!
Ich verbitt mir, meine Herrn da — wer sind Sie eigentlich?!
wie heißen Sie?! (Inzwischen hat sich im Hintergrund ein Haufen maskierter Leute versammelt, darunter das Bürgermeisterpaar Arm in Arm, und ein lärmender Wirrwarr drängt gegen den Rücken des Landrats.)
Drei Bengelstimmen
(plärren aus dem Gedränge):
(weinerlich) Fritze! (dreist) Peter Paul! (ruppig) Ludewich! —
Der Landrat:
Himmelkreizrudiment, Herr Kaplan, da soll man nicht fluchen?!
(Drei Kobolde kommen plötzlich zum Vorschein, der erste ohne Mütze und mit flennender Miene.)
Michel (für sich):
Träum ich?
Der Landrat:
Verflixte Bengels, was habt ihr hier noch zu suchen!
Ehrwürden hat euch doch extra vorhin zu Bett gejagt!
Der Pastor:
Ich auch, Herr Landrat!
Erster Kobold
(weinerlich): Ich will meine Mütze!
Der Landrat:
Waas?
Zweiter und dritter Kobold:
Mütze!
Erster:
Ja —! Mutter hat gesagt:
Fritze, hat sie gesagt —
Zweiter und dritter:
Dusselfritze!
Erster
(weinerlich): Dusselfritze —
Zweiter:
erst gehst du und holst deine Zippelmütze!
Erster:
Zippelmütze —
Dritter:
Da liegt sie!
Der Landrat
(verlegen sich wegdrehend): Ä — bitte, Herr Bürgermeister!
(Er nimmt ihn beiseite, gestikuliert mit ihm.)
Erster Kobold
(hat die Mütze vom Boden genommen):
Kaputt — (und läßt sie wieder fallen) —
Michel:
Na heul nicht, Fritze. Kuckt, kleine Geister,
was hier liegt!
Die Kobolde:
Geld! richt’ges Geld!
Michel:
und’n ganzer Haufen!
Da grappscht! da könnt ihr zehn neue für kaufen.
(Während sie aufsammeln)
Und sagt eurer Mutter: der deutsche Michel läßt grüßen,
und die alte Schlafmütz, die hat er heut Nacht zerrissen.
So; nu geht zu Bette!
Erster Kobold:
Dank schön.
Zweiter:
Hurrra!
Dritter:
der deutsche Michel soll leben!
Erster und zweiter:
leben! leben!
Eulenspiegel
(während die Kobolde verschwinden):
So, Herr Vetter; nun könnten wir uns auch wohl ins Nest begeben!
(Die Tanzmusik macht wieder Pause.)
Michel:
Wir? — Ich hab meine Rechnung hier noch nicht klapp!
Der Landrat:
Ist geschenkt! Er kann jetzt abschwirren. Ab!
Man kennt ihn!
Michel:
Man soll ihn noch mehr kennen lernen!
Der Pastor:
Ein Diener des Friedens rät Ihnen, sich zu entfernen,
Herr Michael. Wahrlich, Sie mißbrauchen
Der Landrat:
Schon gut, Herr Pastor; den muß man anders anhauchen.
Marsch nach Hause, Bursche! (Michel zuckt auf.)
Und sollt er sich weiter erfrechen,
dann — (er gibt dem Bürgermeister ein Zeichen) —
Der Bürgermeister:
Sofort, Herr Landrat! (geht eilends ab.)
Michel
(den Hut lüftend):
Herr Pastor, ich will den Herrn Bergrat sprechen;
wo ist er?
Der Landrat:
Er hat hier garnichts zu wollen!
Michel:
Wo ist er?!
Der Landrat
(zurückweichend, etwas torkelnd):
Kreuzschwerebrettnochmal, er soll sich nach Hause trollen!
verstanden?!
Der Rotbart:
Michel Michael, halt deine Hand im Zaum!
Eckart:
Bleib deiner mächtig, Mann; alles Andre ist Traum.
Michel:
Wo ist der Bergrat?! Er wird mir Rede stehn;
er versteht mit uns Volk menschlich umzugehn.
(Die Tanzmusik setzt wieder ein.)
Der Landrat:
Meine Herren und Damen! ich rufe Sie sämtlich zu Zeugen:
ich habe -ä- Alles getan, um Exzessen vorzubeugen.
Hab ich, meine Herren?
Chor der Herren:
Jawohl, Herr Landrat! Alles!
Der Kaplan:
fast übergebührlich!
Der Landrat:
Meine Damen?
Chor der Damen:
Jawohl, Herr Landrat!
Die Bürgermeisterin:
schon beinah unnatürlich!
Der Landrat:
Demnach -ä- warn’ich den Delinquenten zum letzten Mal:
derselbe hüte sich hierorts, in diesem -ä- städtischen Festlokal,
vor Widerstand gegen die Staatsgewalt!
Michel:
Wie? — Ich seh hier nur Leute in allerhand Maskengestalt.
Der Landrat:
Ruhe!!!
Der Kaplan:
Wenn Sie wünschen, Herr Landrat, bin ich im Amtskleid erbötig
Michel:
Ja: Euresgleichen hat keine Maske erst nötig!
Eine Dame:
Hihihi —
Einige Herren:
hähähä — hahahah —
Der Kaplan:
Un-er-hört!!
Der Pastor:
Es scheint, Herr Collega, der Ärmste ist geistig gestört.
Der Landrat:
Ja! Sag er mal, Wertster: ihm brennt’s wohl im Kopp, das Stroh?!
Michel:
Darauf, Allerwertster, darauf antwort ich so — —
(er kehrt ihm den Rücken und schlägt sich aufs Hinterteil; die Tanzmusik bricht quietschend ab, und ein langer starker Baßton erfolgt) — —
Die Herren:
Hă!!
Die Damen:
Ohh — — (man fährt mit den Taschentüchern zur Nase und wendet sich ruckhaft von Michel weg.)
Der Landrat:
Aber das schreit ja zum Himmel mit dem Rüpel da!
Ist denn kein Gummiknüppel da?!
Herr Bürgermeister!!!
Der Bürgermeister
(vom Hintergrund her): Sofort, Herr Landrat!
Der Landrat:
Ja bitte, fix!!
Platz da, meine Damen!
Der Bürgermeister:
Vorwärts, Leute! da steht der Taugenix.
(Drei Polizisten marschieren auf.)
Eulenspiegel
(mit der Pritsche klappend):
Halt! Vorsicht! hier riecht’s nach Dynamit!
Der Landrat:
Ruhe!!! Vorwärts, Kerls! Losungswort: Moabit!
Los!
Der Bürgermeister:
Los, Leute!
Michel
(mit beiden Händen seinen Stock aufstemmend):
Halt!! Noch steh ich Gewehr bei Fuß;
aber wer den Michel anrührt, den haut er zu Mus!
Der Landrat:
Also Achtung! Plempen raus! Hoch das Bein! Immer druff!
Die Polizisten
(blank ziehend und vorrückend):
Immer druff! immer druff! immer druff —
Michel:
druff! knuff!!
(rennt sie mit quergenommenem Stock übern Haufen.)
Die Damen:
Huch — (flüchten samt den Herren nach hinten; zugleich aber kommen drei andre Polizisten von rechts aus dem Laubengang gestürzt, fallen Michel in den Rücken und nehmen ihn fest) —
Die Polizisten:
Du Luder! du Mistvieh! du Aas! Lumpenhund!
Uff, Kanalje! Uff jetzt! Na warte: wir drehn dir die Knochen schon rund!
(Sie zerren Michel vom Boden und drücken ihn in die Kniee; zwei Mann halten seine Füße gepackt, je zwei seinen rechten und linken Arm.)
Der Landrat
(wieder nähertretend):
Stillgestanden! — So, Bursche: jetzt wird er wohl kirre sein.
Legt ihm Handschellen an!
Michel
(aufbrüllend): Nein!!! Nein, schrei ich! Nein!
Beim ewigen Gott: lieber hackt mir die Arme vom Rumpf!
Der Landrat:
Ruhe!!!
Michel:
Ich will Alles, was ich habe, mein Haus, Stiel und Stumpf,
der Staatskasse schenken!
Der Landrat:
Schluß jetzt! (Zu den Polizisten) Tut eure Pflicht!
Der Rotbart:
Halt! Das wird nicht geschehen! dem Mann da nicht!
Eckart:
Trage Jeder, der richtet, Scheu vor höherm Gericht!
Der Landrat:
Waas! — Ja zum Teufel, da soll doch — das ist ja wahrhaftigen Gott
das reine Anarchistenkomplott!
Herr Bürgermeister!!
Der Bürgermeister:
Herr Landrat? —
Eulenspiegel
(während die Beiden erregt zusammen tuscheln und der knieende Michel stumm mit den Polizisten ringt, zum Rotbart):
Gnädiger Herr, ists erlaubt,
die Narrheit loszulassen gegen ein närrisches Haupt?
Der Rotbart:
Tu, Schalk, was dein Witz und — dein Herz dir erlaubt!
Eulenspiegel:
Dank, Herr — (er verneigt sich und eilt nach links davon) —
Der Bürgermeister
(vor Michel und seine Häscher tretend):
Halt, Leute! — Arrestant Michel Michael,
wir wollen Rücksicht nehmen auf Ihren submissen Gnaden-Apell
und Sie einfach abführen lassen, ohne Verwendung von Handschellen,
unter der Bedingung: Sie nennen Ihre Spießgesellen.
Michel:
Wie —?
Der Bürgermeister
(auf den Rotbart und Eckart hinüberweisend):
Wer sind diese Herren, mit denen Sie sich nicht scheuten,
unsre vaterländische Feststimmung unziemlich auszubeuten?
Michel
(immer noch knieend, stier vor sich hin):
O Deutschland — —
Der Landrat:
Na wirds bald?!
Stimme des roten Karls:
man stopp!!!
Immer mehr Stimmen von draußen her:
man stopp! man stopp! man stopp!
(Zugleich wird wieder das dumpfe Geräusch der stampfenden Maschine hörbar.)
Der Landrat
(sich die Ohren zuhaltend):
Himmelkreizsackerment, tanzt denn heute der Deibel Galopp?!
(Von links erscheinen Eulenspiegel, der rote Karl in seiner Militär-Uniform, jetzt aber mit Schlapphut und ohne Gesichtsmaske, und die maskierten Bergknappen; die meisten etwas angezecht, alle mit leeren Sektflaschen, die sie bedrohlich wie Keulen schwingen.)
Der rote Karl
(während Eulenspiegel mit der Pritsche den Takt dazu klopft):
Stopp! Hie Knappschaft!
Die Bergknappen:
Knappschaft!
Der rote Karl:
Glückauf!
Die Bergknappen:
Glückauf!
Der rote Karl:
Jeder Knappe im Schacht
nehm sich vor falschen Wettern in Acht!
Licht aus!!! (Er haut seine beiden Flaschen aneinander zu Scherben; sofort erlöschen die elektrischen Ampeln. In der Dunkelheit geben jetzt nur die Laternchen an den Tschackos der Bergknappen spärliches Licht. Man sieht, wie sich Michel von seinen Häschern losreißt, seinen Stock ergreift und um sich schlägt. Dazu Gerassel von Säbeln und zerschmissenen Flaschen, Geschrei der flüchtenden Damen und Herren, und Eulenspiegels Pritschengeknalle.)
Die Bergknappen
(durch den Tumult hin und her trottend):
Aus das Licht! Aus das Licht!
Irrwischfunken zünden nicht!
(Michel stimmt ein):
Sumpfgesindel! Unkenbrut!
fang mal Feuer, faules Blut!
Der Rotbart:
Aber Michel! Kerl! du verbläust ja mein Schwert!
Michel:
Immer druff! Meines Vaters Stock ist zehn Schwerter wert!!!
Die Bergknappen:
Wert oder nicht, wert oder nicht,
schlagt in Stücken, was zerbricht!
Michel:
Sind zerbrochen alle Klingen,
kann man noch den Knüppel schwingen!
Sieg!!!
(Man sieht im Hintergrund durch den Saal die letzten fliehenden Amtspersonen mit flüchtig aufflammenden Zündhölzchen rennen.)
Die Bergknappen:
Sieg! Hurra, Sieg!!!
Der rote Karl:
Glückauf, Genossen!
Die Bergknappen:
Glückauf!!!
Eulenspiegel
(mit Schellengebimmel):
Es lebe der ganze, allbeglückende Volksfestverlauf! —
Nun, Held Michel, wie steht’s? vollständig heil und gesund?
Laßt mal sehn! (Die Bergknappen nehmen die Tschackos ab und beleuchten ihn mit den Grubenlichtern.)
Michel:
Mir fehlt blos ein guter Trunk zur Stund.
Eulenspiegel:
Ih! — Na, dann mal her den Rest von der Kesselbefeuchtung!
Michel:
Nein, Wasser!
Eulenspiegel:
Ah, Wasser!
Die Bergknappen:
Hahahah! Pros’t!
Eulenspiegel
(nochmals bimmelnd und nach draußen gewendet):
Heeda! Beleuchtung!
wo gibts hier Wasser?! Licht an!!! (Die elektrischen Ampeln flammen zum Teil wieder auf; man sieht am Boden zerbrochene Flaschen, zertrampelte Zylinderhüte und zerrissene Maskenstücke liegen.)
Michel:
Aber erst sag ich Dank!
Roter Karl, ich werd’s dir mein Lebenlang
nicht vergessen! (er schüttelt ihm die Hand.)
Der rote Karl:
Genossen, seht ihr?! was hab ich gesagt!
jetzt ist er Unser! (klopft ihm gnädig die Schulter.)
Die Bergknappen:
Hurrra!
Michel
(zurücktretend): Wie??
Der rote Karl:
Na, man unverzagt!
Hurra schrein wir blos noch so aus alter Gewöhnung.
Michel:
So —: Das also ist eure Menschenbrüderversöhnung:
(draußen klappt plötzlich die eiserne Tür zu, und das Geräusch der Maschine verstummt)
einen Mann aus den Klauen der Überzahl glücklich rauszukloppen,
um ihn dann in euern Mehrheitsrachen zu stoppen —:
die Sorte Brüderlichkeit, die ist mir zu gleich und frei!
(Ein Maschinenheizer, unmaskiert, bringt ein Bierglas voll Wasser; Michel schiebt ihn unsanft beiseite.)
Weg da! Bleibt mir vom Leibe mit eurer Nothelferei!
die könnt ich besser bei der Bergratsgesellschaft finden.
Die Bergknappen:
Hoh! Frechheit! Haut ihn!
Michel:
Ja, haut ihn, den Plumpsackblinden!
Ihr habt viel gelernt von denen, die euch schinden,
aber eins, darin sind sie euch doch noch voran:
sie sehn blanke Pfennige nicht für Goldstücke an,
sie wissen Bescheid über ihre eigne erbärmliche Kleinheit —
(zu Boden starrend, halb für sich:)
O Menschheit, dein Erbteil heißt Gemeinheit! —
Die Bergknappen
(zumteil vom Leder ziehend):
Was?! Lyncht ihn! spießt ihn! Du Scheißkerl! Schuft! Lausejunge!
Der Rotbart
(sein Schwert aus der Scheide reißend):
Zurück!!!
Eckart
(einen großen Revolver aus der Kutte langend):
Sonst ertönt hier eine noch lautere Zunge!
Eulenspiegel:
Und, meine Herren, Sektproppen knallen doch angenehmer.
Auch läßt sich der Rest der Ladung viel sicherer und bequemer
ohne Bratspießgefuchtel fürs Allgemeinwohl verwenden,
zumal da sich Spieße leicht umdrehn unter Geisterhänden.
Einige Bergknappen:
Hahahah!
Eulenspiegel:
Ja, die Welt ist seit Alters voll scharfer Plempen;
und wie bald, wie bald kann das Häuflein Gemeinheitskämpen,
das vor Unserm Gemeinsinn ausriß mit Hasenbeinen,
verstärkt als Werwolfshaufen wieder erscheinen!
Also, meine Herren, verzeihn Sie: ich möchte meinen —
Die Bergknappen:
Hm — ja — verdammt ja — sehr wahr! — Weg!! Kommt, Kinder! Weg!
Nach Hause!!
Der rote Karl:
Still, Genossen!
Die Bergknappen:
Hoh! ohoh!
Der rote Karl:
Aber Schwerenotdonnerblech,
so hört doch!
Die Bergknappen
(ihre Degen einsteckend und torkelbeinig nach links abziehend):
Blech! marsch! halt die Schnauze! sonst gibts’n Tritt!
komm unsern Sekt aussaufen! marsch! nach Hause! komm mit!
Der rote Karl:
Dann sauft, Viecher — (lauter) Michel, wir sind noch nicht quitt! — —
(Er schreitet langsam den Andern nach.)
Eulenspiegel
(da Michel mit seinem Stock am Boden herumbohrt):
Nun, Gevatter Helde? du schaust ja so tiefsinnig nieder.
Es scheint, deine Zippelmütze bezaubert dich wieder.
(Indem er sie auflangt:)
Sie ist zwar ein bißchen stark ramponiert;
aber vielleicht hast du jemand, der sie dir repariert? —
Bitte — (er überreicht sie ihm) —
Michel
(in sich gekehrt):
Ja —: zur Erinnrung an diese Geisternacht —
und zum Zeichen: der Michel ist aufgewacht! —
Eulenspiegel:
Ist er? —
Der Rotbart und Eckart
(während der Vorhang sich schließt):
aufgewacht — —
*
Eulenspiegel als Zwischenredner
(von links kommend, klappt mit der Pritsche):
Hochgesinnte Gönner! (bimmelt mit der Schelle) sinnige Gönnerinnen!
der Akt der Rache kann jetzt beginnen.
Sie suchen wahrscheinlich bereits mit dem Opernglase
nach der wohlverdienten, gespenstisch langen Nase,
die ich unserm Dichter untertänigst in Aussicht stellte.
Jedoch ich frage Sie: wäre er dann der Geprellte?
Nein, diesen Kopfverdreher müssen wir noch verdrehter anfassen.
Er hat sich ohnehin zu Anfang gewiß nicht träumen lassen,
hier als Nachtmützenhüter für Michels Haushalt zu enden;
ich bitte ihm also Ihren wärmsten staatsbürgerlichen Beifall zu spenden,
das wird seinen Weltbürger-Größenwahn gründlich vernichten.
Er wollte drum — im Vertrauen gesagt — garnicht weiterdichten,
aber da kennt er die Traumweltgesetzgebung schlecht:
unser Herr und Meister, jetzt ist er unser Knecht!
Soll uns etwa, ihm zu Gefallen, der Weltgeist spurlos verschlingen
und die deutsche Geheimpolizei immer mehr in Mißkredit bringen?
Noch ahnt ja keine Seele, was wir in Wirklichkeit sind;
an Geistererscheinungen glaubt doch kaum noch ein Kind.
Vor allem sind wir — auf den Ausgang der Handlung gespannt;
denn es ist doch für den Fortbestand
der christlich-germanischen Menschheit die unumgänglichste Pflicht,
daß der Michel seine Lise krigt.
(Hinterm Vorhang rhythmisches Händegeklatsch.)
Da! man klatscht schon! — Heiliger Pritschenschall,
das klappt ja, als wär bereits Hochzeitsball.
Lise Lied
(singt hinterm Vorhang, und Eulenspiegel spricht horchend Zeile auf Zeile nach):
Tapp tapp, wer kommt da querfeldein?
Nur rasch, nur rasch, Herr Morgenschein,
Trab Trab!
Die Jungfer Tauduft putzt sich hier;
sie schlägt den Schleier auf vor dir,
klapp klapp!
Eulenspiegel
(nachdem er die letzte Zeile wiederholt hat):
Sie schlägt vielleicht noch mehr auf, klapp;
da geh ich diskreterweise ab.
(Er verschwindet nach links, den Vorhang mit wegziehend.)
Fünfter Aufzug
(Bild: wie beim ersten Aufzug. Am Gartentisch sitzt Lise mit dem noch immer maskierten Bergrat; Beide klatschen mit den Händen den Takt des Liedes. Sie hat den Schleier zurückgeschlagen, und ihr Wünschelstab steht an die Haustür gelehnt. Es ist noch erstes Morgengrauen; später wird der Himmel hinter den Bäumen heller und färbt sich schließlich mit goldner Röte.)
Lise
(singt weiter):
Klapp klapp, sie lädt dich ein zum Tanz;
nur hol erst deinen goldnen Kranz,
Trab Trab!
Wer zu ihr will, muß früh aufstehn;
wer’s tut, dem patscht sie auf die Zehn,
schwapp!
Der Bergrat
(ihre Hände fassend):
Schwapp, gefangen! Jetzt fordr’ich Lösegeld.
Lise:
Das kann doch keiner zahlen, dem man die Hand festhält?
Der Bergrat
(sie freigebend):
Ach, Fräulein Lise: wirklich: Sie machen mich rein zum Kind.
Sie tun ja viel stachliger, als Sie sind.
Lise:
So? Wie bin ich denn?
Der Bergrat:
Sie sind so zum küssen nett,
so wie Dornröschen in ihrem moosgrünen Bett,
als endlich der Ritter kam und sie nannten sich Du —
Lise:
Halt, Herr Ritter: so spornstreichs gehts nur im Märchen zu.
Der Bergrat:
Aber ich bitte doch schon die ganze Nacht so heiß
wie ein Glühwurm, Schatz!
Lise:
Herr Glühwurm, erst für den Schatz den Preis!
Der Bergrat:
Aber Kind, du liegst ja wie’n Füchslein danach auf der Lauer.
Lise:
Ja, Herr Fuchs; sonst bleiben die Trauben sauer.
Der Bergrat:
Liebes Fräulein Lise: hier, bitte, sehn Sie mein ehrlich Gesicht!
(Er will sich die Maske abnehmen.)
Lise
(ihn nasenstübernd):
Nein, lieber nicht.
Ich finde die meisten Herren maskiert viel netter.
Der Bergrat:
Alle Wetter! —
Ja aber, du Satansmädel:
was spukt dir im Schädel!
solch Grundstück ist doch kein Puppenlappen!
Lise:
Ja aber, Herr Satan, ich bin doch auch ein recht schmucker Happen.
Der Bergrat:
Und blos, weil der — Vormund das Haus behalten soll?
Lise:
Was dachten Sie denn?
Der Bergrat:
Mädel, mach mich nicht toll!
Sag, wo hast du den Schlüssel?!
Lise:
Nein wahrhaftig, den haben die Raben;
ich muß ihn im Stadtpark verloren haben.
Der Bergrat:
Liebes goldnes Mädel, ich hüll dich in Sammt und Seide!
Lise:
Lieber toller Herr Bergrat: bitte, drei Schritt vom Kleide!
Sonst zieh ich gleich wieder den schwarzen Schleier vor
und stopf mir moosgrüne Watte ins Ohr.
Der Bergrat
(das Vertragspapier aus der Brusttasche nehmend und entfaltend):
Nun — dann hier, Fräulein Lise. Der Fuchs ist zwar manchmal ein Dieb,
aber immer ein Ritter.
Lise:
O, das — nein, ist das aber lieb!
Nein wirklich: das ist einfach lieb von Ihnen!
Der Bergrat:
Und die Trauben?
Lise:
Oh — die werden vielleicht noch Rosinen.
Hier schenk ich Ihnen meinen aller-aller-unsauersten Kuß.
(Sie küßt ihm die Hand und springt rasch weg; steckt das Vertragspapier dann ins Mieder.)
Der Bergrat:
Das war aber ein sehr, sehr vormundhafter Genuß.
(Auf ihr Mieder deutend):
Darf ich nicht wenigstens beim Verschluß der Schatzkammer helfen?
Lise:
Nein, das dürfen vorläufig nur im Mondschein die Elfen.
Der Bergrat:
Ach, liebstes Fräulein Lise, sein Sie doch gut zu mir!
Lise:
Ach, liebstes Herrlein Bergrat —
Der Bergrat:
Racker, ich sage dir:
mach mich nicht wild, ich hau dich!
Lise:
Erst kriegen! erst kriegen!
Der Bergrat
(ihr nachsetzend):
Na wart du! ich werd dir die Hexenbeinchen schon biegen!
(Zugleich erscheint von links Michel Michael; hinter ihm Eulenspiegel, der Rotbart und Eckart. Lise sieht es und läßt sich vom Bergrat fangen.)
Michel
(kraß auflachend):
Hahahah, ich — heut lern ich noch blocksberghoch fliegen — —
(Dumpf) O Lise — (Zum Bergrat, wild:) Weg jetzt!!! Marsch aus dem Garten, Sie —
Der Bergrat
(ihm ruhig nähertretend):
Sie —?
Michel:
Scheren Sie sich! Hier bin Ich Herr!!
Der Bergrat:
Wie —?
Michel
(zusammenzuckend, sich abwendend):
Ja so! — Verflucht ja —
Der Bergrat:
Ja — jetzt bin Ich es —
Lise
(spöttisch, halblaut): So —?
Der Bergrat:
Ach so; verdammt ja — (wendet sich gleichfalls ab) —
Michel
(reckt sich wieder): Ich sag Ihnen, Mensch, sein Sie froh,
daß mein Stock schon Arbeit gehabt hat heut Nacht!
Aber nehmen Sie trotzdem, rat’ich, Ihr Corpus juris in Acht:
bis zum Räumungstermin ist das Haus noch Mein!
Also Marsch jetzt!!
Lise:
Aber Michel!
Michel:
Schweig jetzt! Pack dich hinein!
Wo ist der Schlüssel?!
Lise:
Futsch.
Michel:
Quatsch nicht!!
Lise:
Verloren.
Michel:
Lüg nicht noch obendrein!!
Lise:
Wie werd ich denn das dem Herrn Vormund zu bieten wagen?
Michel
(an der Türklinke rüttelnd):
Himmelkreuz — (will Lisens Stab zerschmeißen) —
Lise:
Nicht, Michel! nicht meinen Glücksstab zerschlagen!
o bitte, nicht wüst sein — (entwindet ihm den Stab) —
Der Bergrat
(den Hut lüftend): Fräulein Lise, ich will jetzt gehn;
aber ich hoffe
Michel:
auf Nimmerwiedersehn!!!
Der Bergrat:
Das dürfte wohl nicht von Ihnen abhängen, denke ich.
Lise
(halblaut):
Wer weiß, Herr Traubenräuber —
Der Bergrat:
Ah! — Hüten Sie sich!
Der Ritter Fuchs könnte leicht seine Zähne demaskieren.
Eulenspiegel
(kitzelt ihn hinterrücks mit dem Gugelzipfel am Ohr):
Dürft ich bitten, Herr Ritter, das mal dort drüben zu probieren?!
(Er weist höflichst zum Rotbart und Eckart hinüber, die sich nach rechts begeben haben.)
Inzwischen, schönste Glücksfee, gratulier ich zum Luftschloßbefund;
vielleicht, Herr Vetter, paßt mein Geheimschlüsselbund.
(Sie machen vergebliche Versuche, die Tür aufzuschließen; Lise schneidet dem wütenden Michel Gesichter dabei.)
Der Bergrat
(hat seinen Spazierstock vom Gartentisch geholt, tritt nun sehr förmlich vor die beiden Vermummten):
Die Herren wünschen? Und mit wem hab ich die Ehre?
Der Rotbart
(gedämpft, aber wuchtig):
Wir wünschen, daß Niemand des Michel Michaels Hausstand versehre.
Der Bergrat:
Aber ich muß doch sehr bitten —
Eckart:
Wir wünschen zum zweiten,
daß Niemand uns nötige, unverhüllt einzuschreiten.
Hier bitte — zur steten Erinnerung —
(er überreicht ihm zwei Visitenkarten und hebt einen Augenblick die Kapuze) —
Der Bergrat
(jetzt gleichfalls die Stimme dämpfend und vollkommen seine Haltung ändernd):
O bitte tausendmal um Entschuldigung! —
(Mit tiefer Verbeugung, erst vorm Rotbart, dann etwas knapper auch vor Eckart):
Hätten Hoheit ahnen lassen, oder Excellenz,
dies bescheidne Volksfest werde Sie aus der Residenz
an unsern aufblühenden Industrieplatz locken —
Der Rotbart:
Nein, wir wünschen wiegesagt keine großen Glocken.
Der Bergrat:
Zu Befehl, Hoheit.
Eckart:
Und wünschen, daß aus dem Wetterschacht
dieser spaßhaften Nacht
keinerlei ernsthafte Schläge übertag entstehn;
Sie lassen, Herr Bergrat, mir darüber Bericht zugehn!
Der Bergrat:
Zu dienen, Excellenz.
Eckart:
Dann auf glückhaftes Wiedersehn — —
(Er gibt dem Bergrat gemessen die Hand; dieser verneigt sich zweimal zum Abschied, zieht dann auch vor der Haustürgruppe den Hut, wofür Lise ihm eine Kußhand zuwirft, und verschwindet mit saurem Lächeln nach links.)
Eulenspiegel
(seinen Schlüsselbund einsteckend):
Ja, Gevatter, es scheint, du mußt bis zum Räumungstermin
in dein Luftschloß entweder durch den Rauchfang ziehn,
oder du nimmst hier den Garten als Himmelbett.
Lise:
Oder
Michel:
Still, du Maulaff!
Lise:
Gern, Herr Vormund; mein Maul ist nämlich sehr nett.
(Sie geht und setzt sich an den Gartentisch, während Michel dem Bergrat nachstarrt.)
Der Rotbart
(hat sich mit Eckart wieder dem Haus genähert):
Oder, Michel, stimmt dich die Stadt da so tief beschaulich?
Eulenspiegel:
Sie deucht dir heute wohl ziemlich morgengraulich?
Eckart
(über den Garten zum Himmel hinweisend, eindringlich):
Schau lieber dorthin, wo sich aus höhern Gründen
reinere Lichter aufs neue entzünden!
Michel:
Ja, ihr Herren! Und Nein! Euch will ichs gerne verkünden.
Ihr habt mir beigestanden in dieser Sommerwendnacht,
und die hat mein Grünjungengetreide reifer gemacht.
Ja, ich sehe ein neues Frührot entbrennen;
aber drum, grad drum will ich nicht mehr ins Blaue rennen.
(Sein zerknautschtes Vertragspapier einen Augenblick herauslangend):
Ich will mich mit meiner papiernen Habe aufmachen
und nicht ruhn, bis auch Andre aus ihrem Papiertraum erwachen.
Ich werde uns erdwüchsig Volk zusammenraffen,
wir werden uns jeder Haus und Hof wieder schaffen,
Erde, auf der wir mit Lust arbeiten
und unsern Kindern ein greifbar Stück Vaterland bereiten;
bis in die Städte hinein wird Garten an Garten einst prangen,
wird aller Schöpfergeist edleren Boden empfangen,
Frucht gegen Frucht tauschen, Saat gegen Saat,
Tat für Tat.
Und will er dazu sein Handlangervolk befrein,
dann soll auch der rote Karl mir willkommen sein:
jeder, der ankommt mit einer lichtfrohen Kraft,
bis wir das ganze Erdreich erleuchten, wir Neubauernschaft!
Eulenspiegel:
die den alten Dunst aus der Pfeife pafft!
Michel:
Wie??
Eulenspiegel:
O Vetter! dein Luftschloß wird immer — hm — allgemeiner.
Du redst ja wie’n Buch von Hertzka oder Oppenheimer.
Lise
(vom Gartentisch her):
Ja — solch Mundwerk wie der Herr Vormund hat Keiner.
Der Rotbart:
Michel Michael! willst du plötzlich auf Andre bauen?
Eckart:
Wo blieb heut um Mitternacht dein Menschenvertrauen?
Es war so zerfetzt wie dein Mützenflaus.
Michel:
O, ihr Herren, ihr kennt mich noch lange nicht aus!
Hab ich nicht Euch, ihr Unbekannten, vertraut?
Ich sag euch: Hundert Menschheiten stecken in jeder Haut! —
Seht dort: noch deutet der Himmel erst schüchtern mit Funken an,
daß da eine Sonne auflodern will und kann!
Horcht hier: noch rührt sich kein Vogelruf im Wald:
in einer Stunde schmettert alles und schallt!
So wird, wenn Einer erst wagt, Haupt und Herz zu erheben,
dieser Eine viel Andre mitbeleben,
bis Alle aufglühn zu immer hellerem Geist,
wie’s im Liede heißt:
Auf Erden ist immerfort jüngstes Gericht —
Lise
(singt halblaut, in derselben Melodie wie zu Anfang des Spiels):
jüngstes Gericht —
unter Tag.
Michel:
Aus Schutt wird Feuer, wird Wärme, wird Licht —
Lise
(etwas lauter):
wird Wärme, wird Licht —
über Tag.
Michel:
Weiter!!!
Lise
(mit immer vollerer Stimme):
Wir schlagen aus jeglicher Schlacke noch Glut;
Glückauf!
Wir ruhn erst, wenn Gottes Tagwerk ruht;
Glückauf! —
Michel:
Ja, Herren! —
Eulenspiegel:
Ja, laß dir nur gründlich die Ohren vollsingen!
Das wird dich auf immer gottvollere Sprünge bringen;
(durch die hohle Hand)
man opfert fürn Nachthäubchen schließlich den rosigsten Morgen.
Michel:
Dafür, Herr Haubenmatz, laß mich nur selber sorgen!
Ich weiß jetzt mein Tag- und Nacht-Gebet,
das keine Lichtmaschine mir mehr verdreht.
So wird’s auch manch ander Manns- und Weibs-Herze wissen,
das heut emporbegehrt aus den Zwielicht-Dämmernissen.
(Nach der Stadt weisend):
Und wenn da unten die Herrschaften etwa dagegenfackeln,
dann solln schließlich ihnen die Zippelmützen wackeln!
Eulenspiegel:
Dann wirds wohl Zeit, edler Helde, dir endlich Lebwohl zu sagen;
sonst gehts womöglich erst mal Uns an den Kragen.
Lise:
O, der Herr Vormund kann sich manchmal auch artig betragen.
Michel
(nach einer Drohgeberde zu ihr hinüber):
Freilich wüßt ich gerne: wem bin ich zu Dank verpflichtet?
Ihr Herren habt mich aus schwerer Schmach aufgerichtet.
Der Rotbart:
Dann mag deine Glücksfee dich weiter so dankbereit halten.
Eckart:
Schutzgeister müssen geheimnisvoll walten.
(Von rechts her ein Schnurr-und-Knattergeräusch.)
Eulenspiegel:
Auch lockt uns plötzlich ein Zaubermaschinenduft:
unser Kraftwagen verdirbt deine Morgenluft.
Also, hehre Fee, bitte segne den Schicksalslauf!
Lise:
Glückauf, ihr Geister!
Die Drei
(sind inzwischen nach rechts geschritten):
Glückauf! Glückauf! Glückauf!
(Sie verschwinden nacheinander im Wald.)
Stimme Eulenspiegels:
Ich wünsch dir, Michel, noch manche erbauliche Luftschloßbestrebung!
Stimme Eckarts:
Nur zerstör nicht den Himmel mit deiner Erdreichbelebung!
Stimme des Rotbarts:
Denn, Michel: das Erbgut der Menschheit heißt Erhebung! — —
(Nochmals das Kraftwagen-Geräusch.)
Michel
(ist an der Gartenpforte stehen geblieben, nähert sich nun dem Gartentisch):
Na, du Grasaff?
Lise:
Na, Herr Vormund?
Michel:
Dir fällt wohl’s Stehn heute schwer?
Lise:
Nein, Herr Vormund — (erhebt sich) —
Michel:
So — (Aufstampfend) Schockwetter, laß das Gesperr,
du dumme Lise! — Was hast du dir denn gedacht
mit deinem Gejachter, so in der Nacht?!
Lise:
Ich hab mir gedacht, so in der Nacht,
ob der dumme Michel wohl endlich einmal aufwacht
und alldas still mit nach Hause bringt,
wovon die dumme Lise Lied immer singt.
Und weil er so lange ist wer-weiß-wo geblieben,
hab ich mir eben derweil ein bißchen die Zeit vertrieben.
Michel:
Mit solchem unstatthaften Patron!
Lise:
Ist doch eine ganz stattliche Mannsperson.
Michel:
Der — getaufte Jud!
Lise:
Ist doch ein sehr altmächtig, erdstark, auserwählt Blut.
(Mit bebender Frage:)
Weißt du nicht mehr:
ich kam ja auch wohl aus fernem Süden einst her —
Michel
(indem sein Stock ihm entfällt):
Lise!!!
Lise:
Michel — — (unsägliche Umarmung) — —
Michel
(stammelnd): O, du all mein einziges, ewiges Herzbegehr —
O, wie lange hast du mich nach dir suchen lassen —
Lise:
O, wie lange konnt ichs selber nicht fassen —
Michel:
Und nun stehn wir, wie’s einst am Anfang war:
im Garten Eden, das erste Menschenpaar.
Du meine Welt, du liebe Unruh du!
Lise:
Du meine Heimat — meine Ruh — —
Michel:
Ach, Lise, ich hab so wundervoll heute von dir geträumt!
Lise
(sich halb aus seinen Armen lösend):
Und hast beinahe dabei dein wirkliches Wunder versäumt.
(Sie schreiten allmählich aus dem Garten vors Haus.)
Aber vielleicht ist’s wahr, das Sprichwort —
Michel:
ach, sei kein Schaf —
Lise
(küßt ihn):
ja: den Schafen gibt’s der Himmel im Schlaf.
Weißt du, wo jetzt die Schwelle zu unserm Luftschloß steckt?
Michel:
Na sag’s mal!
Lise
(auf ihre Brust tippend): Hier!
Michel:
Ja, Herze! das hab ich eben entdeckt.
Lise:
Nein, wirklich!
Michel:
Wirklich?
Lise
(am mittelsten Miederknopf drehend):
Ja, hier!
Michel:
Da? — (scheu) in deinem Mieder?
Lise:
Ja —! Vielleicht findst du da — auch den Schlüssel wieder.
Such mal!
Michel:
Ach, Lise —
Lise:
Sieh mal, das macht man so —:
(sie nimmt seine Finger und öffnet damit zwei Knöpfe) —
Siehst du, da ist er — ganz warm —
(sie drückt ihm den Schlüssel in die Hand)
Michel
(an ihr niedersinkend): O Lise! — Oh! —
Lise:
Na, darum fällt man doch nicht gleich um in der Welt?!
(Auf das Vertragspapier deuten, das zu Boden geflogen ist:)
Sieh: das Beste hast du noch garnicht gesehn, du Held!
Komm, steh auf! (Sie bückt sich und gibt ihm das aufgeschlagene Papier.)
Michel
(sich erhebend): Was?! Wie?! Ja, wie hast denn Du das erfuchst?!
Lise:
Ja, das hat der Grasaff dem Traubenfuchs abgeluchst.
Michel:
Du, Du —!
Lise
(fast streng): Nein, Michel; gut sein! (küßt ihn) —
Michel:
Du unbezahlbarer Racker!
Lise:
Nicht wahr: mein „Maul“ versteht sich aufs Gold-im-Munde-Gegacker?!
Michel:
Dann wolln wir aber das Teufelspapier gleich in tausend Stücke zerreißen
und die Fetzen allen guten Geistern zuschmeißen!
(Er tut es; sie klatscht in die Hände dazu.)
Und meins hier auch! (Er holt sein zerknautschtes Papier aus der Tasche und reißt die Zippelmütze dabei mir heraus.)
Lise
(nimmt sie vom Boden auf, während Michel das Papier zerreißt):
Nanu, du: was ist denn daas?
Michel:
O — das ist blos so’n kleiner Traumgeisterspaß —
Lise:
Na, dann schließ mal auf, du; ich werd sie dir flicken!
Michel
(den Schlüssel ans Türschloß setzend):
In Unserm Haus, Du —
Lise:
Du —! nicht wieder gleich in die Kniee knicken!
Michel
(die Tür breit aufsperrend):
Aber den Trauerschleier erst ab!
(Er tritt von der Schwelle zurück zu ihr, nimmt ihr hastig Diadem und Schleier vom Haar, will beides auf die Erde werfen)
Der soll heute Morgen für immer ins Grab!
Lise:
Aber der Stern, der muß in mein Kämmerlein!
(Sie wirft lachend das Diadem in den Hausflur.)
Und mein Glücksstab, Michel, hinterdrein!
(Sie schleudert den Stab, den sie bis jetzt immer festhielt, in hohem Bogen durch die Tür; man hört ihn auf der Treppe poltern.)
So! — (Sie hebt winkend die Zippelmütze —: läßt plötzlich schreckhaft den Arm wieder sinken, da Michel wie entgeistert zurückweicht, die eine Hand aufs Herz pressend, die andre vor die Stirn schlagend.)
Aber was denn, Michel?! Was träumt dir?!
Michel:
Nein —
Nein! — Sehr wirklich! — Dieses Haus ist nicht mein!
Du sollst mich nicht zu Unehr mit deinem Gewinke verführen;
lieber will ich nie wieder ein Glied von dir berühren!
Ich habe mein Wort, du, meinen Handschlag dem Mann da verpfändet;
das wird nicht durch Weiberfingerspiel umgewendet!
(Auf die Papierfetzen weisend):
Da, die Schrift da, die kann der Wind verwehn;
hier das Wort in mir, das bleibt ewig stehn!
Und will mich der Bergrat noch heute aufs Straßenpflaster jagen,
ich werde gehn, und müßt ich den ganzen Kram drin zerschlagen!
Das ist einfach meine verfluchte Pflicht,
schlicht und richt;
ich hab sie mir selber zuzuschreiben.
Lise:
Aber
Michel:
Nichts „aber“! Willst du ’nen Hundsfott beweiben??
Und gesetzt selbst, wir wollten’s so hündisch treiben:
ich sag dir: macht sich der Mensch mal gemein,
die Welt wird noch x-mal gemeiner dann sein.
Heute Nacht der Bergrat gab mirs sehr dürr zu kauen:
die Grubengesellschaft hat Alles hier sowieso in den Klauen.
Lise
(für sich):
O Fuchs —
Michel
(sich reckend):
Also bleibts dabei: Neu Land wird beschafft,
wo keine Maulwurfshand uns die Wurzeln wegrafft!
wo wir Kraft haben dürfen wie unsre Erdschollen
und Luft und Licht schöpfen, soviel wir wollen!
Und gibt die Heimat kein solches Land mehr her,
(wild und weh:)
dann, Lise, dann tragen wir Deutschland übers Meer!
Verstanden?!
Lise:
Dann, Michel, dann will ich nur beten,
daß unsre Schutzgeister gnädigst dazwischentreten,
du lieber, einziger, grenzenloser Mann!
Denn wenn sie’s nichttun: (beklommen) wo soll denn dann
unsre — Hochzeitsfeier sein? und wann?
Michel:
Wann? — Wann?? —
(nimmt sie stürmisch auf beide Arme hoch)
Lise:
Nein, Michel, nicht!!!
Michel:
Nein?? —
(macht grimmig Miene, sie niederzusetzen)
Lise
(ihn bang umhalsend): Ja, Michel, schnell — —
(Er trägt sie über den schwarzen Schleier hinweg ins Haus; auf seinem Rücken baumelt in ihrer Hand die zerrissene Zippelmütze.)
Eulenspiegel
(taucht aus dem Souffleurkasten auf, seinen Schellenzipfel schwingend):
Es lebe dein Stammhalter, Michel Michael!!!
(Vorhang)
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Druck der
Spamerschen Buchdruckerei
in Leipzig
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