Siebentes Kapitel.
„Sie waren so liebenswürdig, mir Ihre Ansichten über die jetzige Gesellschaftsordnung vorzutragen,“ begann ich meine nächste Unterredung mit Herrn Forest; „Sie haben aber auch gelegentlich die Meinung geäußert, daß die Gesellschaft am Schlusse des neunzehnten Jahrhunderts mancherlei Verbesserungen bedurfte. Würden Sie mir wohl jetzt mitteilen, durch welche Maßregeln Sie den Übeln meines Zeitalters entgegen gewirkt hätten?“
Forest lächelte. „Ich halte mich nicht für einen Weltverbesserer, der die Menschheit Und deren Einrichtungen vollkommen machen kann. Vergessen Sie niemals, daß wir alle mit Wasser kochen müssen, d. h. daß alles, was wir unvollkommenen Menschen leisten können, den Stempel menschlicher Unvollkommenheit an sich tragen muß. Wie jeder denkende Mensch habe auch ich meine Ansichten über die gesellschaftlichen Einrichtungen, und wenn Sie diese Ansichten hören wollen, will ich sie Ihnen gern mitteilen.“
„Ich bitte darum.“
„Was viele Leute die sociale Frage nennen, ist unlösbar,“ begann Forest. „Die von der Natur begründete Verschiedenartigkeit wird sich bei den Menschen stets fühlbar machen. Jeder Versuch zur Gleichmacherei muß fehlschlagen. Es wird stets kluge und dumme, fleißige und faule Leute geben. Tüchtige Frauen und Männer werden nie damit zufrieden sein, daß man die Arbeitsergebnisse gleichmäßig verteilt und ihnen dadurch einen Teil der Frucht ihrer Thätigkeit raubt. Werden aber die Arbeitserzeugnisse nach Verdienst verteilt, so werden viele derjenigen, welche weniger erhalten, unzufrieden sein. Deshalb ist es unmöglich, alle Menschen zufrieden zu stellen, gleichviel, wie die Früchte der Arbeit verteilt werden. Aber die Unmöglichkeit, jeden ganz zufrieden und glücklich zu machen, entbindet uns nicht von der Verpflichtung, mit allen Kräften eine Verbesserung unserer Zustände zu erstreben.“
„Ich begreife Ihre Stellung. Aber lassen Sie mich hören, welche Verbesserungen Sie vorgeschlagen haben würden, wenn Sie am Schlusse des letzten Jahrhunderts gelebt hätten.“
„Die Gesellschaft Ihrer Tage krankte vornehmlich an der planlosen Arbeitsweise, an der Monopolwirtschaft, welche die Anhäufung riesiger Reichtümer ermöglichte, und an einem einsichtslosen Arbeiterstande, der sich lieber der Ausbeutung unterwarf, oder die Thätigkeit ganz einstellte, anstatt einfach durch Begründung von Arbeitergenossenschaften nach und nach alle Zweige menschlicher Thätigkeit auf Gegenseitigkeit zum besten der Arbeitenden zu übernehmen. Ein großer Übelstand war auch die Ungerechtigkeit Ihrer Besteuerung.
„Auf fast allen Gebieten menschlicher Thätigkeit wurden Werte erzeugt, ohne daß jemand eine klare Vorstellung von dem wirklichen Verbrauche hatte. Die Landwirtschaft lieferte alljährlich einen großen Überschuß ihrer Erzeugnisse und letztere waren daher meist so billig, daß die Bauern ein ziemlich kümmerliches Leben führen mußten. Viele Fabriken arbeiteten Tag und Nacht, bis der Markt mit ihren Waren überfüllt war. Dann wurden diese zu jedem Preise losgeschlagen, manchmal unter den Herstellungskosten, zahlreiche Bankerotte folgten, die Fabriken wurden geschlossen und die Fabrikanten, wie Ihre Arbeiter, erlitten schwere Verluste durch ihre unfreiwillige Unthätigkeit, bis der Überschuß an Waren aufgebracht war. Dann begann aufs neue eine fieberhafte Thätigkeit.“
„Wie würden Sie diese Übelstände bekämpft haben?“ fragte ich.
„Ein Bundesamt hätte feststellen müssen, wie groß der durchschnittliche Jahresverbrauch der verschiedenen Lebensbedürfnisse war und wie sich die Leistungsfähigkeit der betreffenden Berufszweige zur Erzeugung solcher Waren zum Verbrauch verhielt.“
„Und was dann? Hätte dann die Regierung den verschiedenen Berufszweigen einen Auftrag zur Herstellung gewisser Erzeugnisse geben sollen? Und wie hätten diese Aufträge so verteilt werden können, daß die Arbeiter damit zufrieden gewesen wären?“
„Die Bundesregierung hätte einfach den Jahresverbrauch der verschiedenen Waren und die Leistungsfähigkeit der Berufszweige zur Erzeugung der erforderlichen Waren feststellen sollen. Sache der Berufsgenossenschaften wäre es dann gewesen, die Produktion zu regeln. Solche Ermittelungen der Regierung, welche den ungefähren Bedarf feststellten, hätten der arbeitenden Menschheit eine ziemlich klare Vorstellung von ihren Aufgaben gegeben. Jeder Berufszweig hätte sich organisieren, Vertreter zu einer Nationalkonvention wählen und auf dieser die Arbeit verteilen können. Die Arbeit ins Blaue hinein, die Überfüllung der Märkte mit ins Massenhafte erzeugten Waren, hätte so vermieden werden können; und doch wäre der Wettbewerb, sowohl zwischen den verschiedenen Fabriken, wie zwischen den einzelnen Arbeitern aufrecht erhalten worden, der Wettbewerb, durch den allein tüchtige und reichliche Arbeitsleistungen erzielt werden.“
„Wenn aber trotzdem mehr Waren hergestellt worden wären, als verbraucht wurden,“ wandte ich ein.
„Das würde natürlich der betreffende Berufszweig verschuldet haben und die übeln Folgen würden auf ihn gefallen sein,“ entgegnete Forest.
„Angenommen aber, daß sämtliche Angehörige eines Gewerbes sich zu dem Zwecke verständigt hätten, für ihre Erzeugnisse einen unverhältnismäßig hohen Preis zu verlangen und das zu bilden, was man zu meiner Zeit einen ‚Trust‘ nannte,“ fragte ich. „Wie wären Sie einer solchen Ausbeutung des Volkes begegnet?“
„Ein Bundesgesetz hätte das Volk gegen jeden solchen Raubversuch schützen können, welches verordnete, daß alles Eigentum der an solchen Raubplänen beteiligten Leute, Genossenschaften und Gesellschaften von den Ver. Staaten beschlagnahmt und an den Meistbietenden verkauft werden solle, sobald ein annehmbares Gebot erfolge. Bis dahin hätte die Regierung durch Verwalter den Betrieb besorgen lassen oder letzteren einstellen können. Die Einfuhr hätte unter Umständen den Bedarf gedeckt, bis der volle Betrieb wieder aufgenommen worden wäre.“
„Und wie würden Sie die vielen Arbeitseinstellungen gehindert haben, welche die Erwerbsthätigkeit unserer Tage so oft störten?“ fragte ich weiter.
„Durch Ermutigung der Arbeiter zur Begründung von Produktivgenossenschaften,“ antwortete Forest. „Ich habe bereits auseinander gesetzt, wie leicht solche Teilhaberschaften begründet werden konnten. Ein Dutzend Schneider oder Schuhmacher konnten einen Flur mit Dampfkraft mieten, einige Näh- und sonstige Maschinen anschaffen und ihre Arbeitserzeugnisse dann unmittelbar an andere Arbeiter verkaufen. Dadurch hätten sie sich den Gewinn der Fabrikanten, Großhändler, Kleinhändler und Arbeiter gesichert, d. h. allen Gewinn, der überhaupt in ihren Erzeugnissen steckte. Und es gab im Jahre 1887 kein Gesetz, welches die Arbeiter hinderte, derartige Produktivgenossenschaften zu begründen, oder ihre Bedürfnisse an Kleidern, Schuhwerk, Möbeln u. s. w. nur von Produktivgenossenschaften zu kaufen. Die Fabrikanten würden, sobald es offenbar geworden, daß die Arbeiter nur von Produktivgenossenschaften kaufen wollten, sehr gern bereit gewesen sein, ihre Einrichtungen billig herzugeben, billiger, als die neuen Gesellschaften sie hätten einrichten können. Ich meine, es müsse kein Vergnügen gewesen sein, zu ihrer Zeit ein Geschäft zu leiten, in welchem viele Leute arbeiteten. Denn die vielen Arbeitseinstellungen müssen es den Geschäftsleitern fast unmöglich gemacht haben, Voranschläge für das nächste Jahr zu berechnen, oder Kontrakte abzuschließen. Deshalb würden, wie ich mir vorstelle, die Eigentümer von Fabriken froh gewesen sein, wenn sie ihre Einrichtungen zu einigermaßen günstigen Preisen hätten verkaufen können. Und die Arbeiter hätten nichts [Gescheiteres] thun können, als die Fabrikanten zu veranlassen, die Leitung der Geschäfte gegen eine angemessene Bezahlung weiter zu führen. Dies würde den ferneren erfolgreichen Geschäftsbetrieb wesentlich erleichtert haben. Bei einem solchen Abkommen würden die Arbeiter durch monatliche Abschlagszahlungen Eigentümer geworden sein, sie würden sich dadurch die volle Bezahlung für ihre Arbeit gesichert haben, der frühere Eigentümer hätte für seine Einrichtungen einen angemessenen Preis erhalten, wäre aller Sorgen ledig und erhielte für seine Arbeit auch eine angemessene Bezahlung.“
„Ich glaube, daß den meisten Fabrikanten und Geschäftsleuten meiner Zeit durch die unaufhörlichen neuen Forderungen und Streiks ihrer Leute die Leitung großer Unternehmungen so verekelt war, daß sie ihren Besitz gern verkauft hätten,“ bemerkte ich. „Aber was wäre aus den Groß- und Kleinhändlern geworden?“
„Sie hätten ihre Waren verkaufen und sich dann entweder einer Genossenschaft anschließen oder den Laden einer solchen verwalten können. Auch stand es ihnen frei, sich eine andere Berufsthätigkeit zu suchen,“ entgegnete Forest. „Die Arbeiter Ihrer Tage hätten in der angedeuteten Weise einen Berufszweig nach dem andern auf genossenschaftlicher Grundlage organisieren können, bis die gesamte Industrie durch große, in Nationalverbände vereinte, Genossenschaften betrieben worden wäre.“
„Aber unsere Arbeiter wollten die Verantwortlichkeit, die Sorgen und Wagnisse nicht übernehmen, welche von der Führung eines eigenen Geschäftes unzertrennlich sind. Sie zogen es vor, für Lohn zu arbeiten und versuchten es, diesen von Zeit zu Zeit zu erhöhen, indem sie die Arbeit einstellten und andere Leute verhinderten, die Plätze der Streiker einzunehmen,“ sagte ich. „Ihnen sind diese Verhältnisse jedenfalls bekannt.“
„Allerdings,“ erwiderte Forest, „und es muß auf den unbeteiligten Beobachter einen trübseligen Eindruck gemacht haben, daß tüchtige Arbeiter, die ihr Geschäft gründlich verstanden, anstatt auf gemeinschaftliche Kosten eigene Geschäfte zu begründen, Lohnarbeiter blieben und aus ihren Arbeitgebern mehr Geld zu erpressen versuchten, als diese zahlen wollten oder konnten, dabei andere Leute gewaltsam verhindernd, für den vom Fabrikanten bewilligten Lohn zu arbeiten. Der Umstand, daß die Arbeiter am Ende des neunzehnten Jahrhunderts nicht Unternehmungsmut, geistige Befähigung und Unabhängigkeitssinn genug besaßen, für eigene Rechnung zu arbeiten, hat die menschliche Gesellschaft in den Kommunismus gestürzt. Daß diese fluchwürdige Staatsform ein kläglicher Fehlschlag werden mußte, war eine aus der menschlichen Natur erwachsende Notwendigkeit. Ein Geschlecht, welches noch auf einem so niedrigen Standpunkte der Entwicklung stand, daß die Schuhmacher nicht einmal thatkräftig und klug genug waren, für eigene gemeinschaftliche Rechnung Schuhe und Stiefel zu machen, sondern viel lieber ‚Lohnsklaven‘ blieben, streikten und andere Arbeiter prügelten, welche für den gebotenen Lohn arbeiten wollten; ein so kümmerliches Geschlecht war natürlich geistig durchaus unfähig, ein Staatswesen zu bilden, welches alle menschliche Thätigkeit und den Verbrauch aller Arbeitserzeugnisse regelt.“
„Jedenfalls ist die Thätigkeit der Arbeiter auf gemeinschaftliche Rechnung die vernünftigste Lösung dessen, was viele Arbeiter auch heut noch die sociale Frage nennen,“ fuhr Forest fort, nachdem er eine kurze Pause gemacht hatte. „Solche Genossenschaften sichern den Arbeitern den vollen Lohn für ihre Thätigkeit und erhalten den Wettbewerb aufrecht, die mächtige Triebkraft zur Entwicklung der Menschheit. Ob wir aber diese Lösung der Arbeiterfrage erleben werden, erscheint sehr zweifelhaft.“
„So weit die in Fabriken und Werkstätten beschäftigten Arbeiter in Frage kommen, erscheint mir Ihr Vorschlag in der That recht gut,“ gab ich zu. „Wie würden Sie aber die Arbeit auf dem Lande geregelt haben, die Thätigkeit der Ärzte und Rechtsanwälte, der Eisenbahnbeamten und -Arbeiter, der Angestellten an den Straßenbahnen, der Kaufleute, Bankiers und vieler anderer Berufszweige?“
„Lassen Sie uns schrittweise vorgehen,“ entgegnete Forest lächelnd. „Beschäftigen wir uns zunächst mit der agrarischen Frage, welche seit Menschengedenken jeder Umgestaltung der Gesellschaft die größten Schwierigkeiten bereitet hat. Unter der jetzigen kommunistischen Wirtschaft hegen die Ackerbauer nur wenig Liebe für den Boden, den sie bewirtschaften. Das Land gehört ihnen ebenso wenig, wie das, was sie demselben abgewinnen. Sie glauben, daß sie für die Städter arbeiten müssen, welche auf Kosten der Landbevölkerung bevorzugt werden. — Hätte man mich am Ende des neunzehnten Jahrhunderts gefragt, wie ich die Landfrage behandeln wolle, so würde ich ein Gesetz befürwortet haben, nach welchem niemand mehr als 40 Acker besitzen dürfte. Diejenigen Bauern, welche damals mehr Land besaßen, hätten dasselbe behalten, aber nach ihrem Tode hätte niemand mehr als 40 Acker erben dürfen. Auf einem ‚Vierzig-Ackerstück‘ kann ein Bauer sehr gut leben und obschon in Ihren Tagen die Ackerbauer unter der Zuvielerzeugung von Vieh, Getreide und Früchten aller Art schwer zu leiden hatten, so entschädigte die Farmer doch die Aussicht auf die beständige Vermehrung der Bevölkerung, verstärkt durch Einwanderung, für die kümmerliche Gegenwart; denn die Bevölkerungsvermehrung steigerte natürlich den Wert der Farmländereien.“
„Aber wie hätten Sie der Überproduktion landwirtschaftlicher Erzeugnisse Einhalt thun können, wodurch die Landbevölkerung im Jahre 1887 so schwer litt?“ fragte ich.
„Das Bundesamt für Ermittelungen, auch statistisches Bureau geheißen, würde den Bauern ebenso gedient haben, wie dem übrigen arbeitenden Volke,“ versetzte Forest. „Die Bauern hätten einen Nationalverein bilden und dieser hätte die Produktion regeln sollen nach der Leistungsfähigkeit der Ackergüter des ganzen Landes. Und wenn es sich herausstellte, daß die Farmer ungleich mehr Ackerbauerzeugnisse hervorbringen konnten, als der Bedarf erforderte, dann hätten die Bauern einen Teil ihres Landes zum Anbau neuer Nutzpflanzen verwenden können, für welche sich vielleicht ein Markt gefunden hätte; oder sie hätten einfach Arbeit sparen können, indem sie einen Teil des Bodens brach liegen ließen.“
„Nach Ihrer Ordnung der Dinge hätte nicht jedermann ein Anrecht an den Grund und Boden gehabt?“ warf ich ein.
„Doch! Jedermann, welcher den Preis zahlen wollte und konnte, den der Eigentümer dafür forderte,“ entgegnete Forest. „Es kann nicht jedermann ein Landgut besitzen. Besaßen Sie eins?“
„Nein.“
„Nun wohl! Unter der kommunistischen Wirtschaft besitzt niemand auch nur so viel Land, daß man einen Stock hinein stecken könnte.“
„Wie würden Sie die Thätigkeit der Ärzte und Rechtsanwälte geregelt haben?“
„Durch gesetzmäßige Feststellung einer Gebührentaxe. Und die Gesetze selbst würde ich sehr vereinfacht haben durch Beseitigung des schauderhaften Wirrwarrs, welcher aus einer [sogenannten] Rechtspflege entstand, die aus der Entscheidung zahlloser früherer Fälle hergeleitet wurde. Lange habe ich es nicht glauben wollen, bis ich ganz unzweifelhafte Angaben darüber fand, daß eine so viel Handel treibende Nation, wie die amerikanische es gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts war, weder ein einheitliches Kriminalgesetz, noch ein einheitliches Handelsgesetz besaß. Diese Thatsache und der Wirrwarr, welcher aus den einander widersprechenden Entscheidungen ähnlicher Fälle in früheren Prozessen folgte (Entscheidungen, welche stets von den Rechtsanwälten beider Parteien in einem Rechtsstreite vorgeführt werden konnten), müssen die Ver. Staaten am Ende des neunzehnten Jahrhunderts zu einem Paradiese für Schwindler und für solche Advokaten gemacht haben, welchen es weniger um die Feststellung des Rechts zu thun war, als um einen möglichst hohen „Ehrensold“; oder, besser gesagt, Sündenlohn.“
„Solche Anklagen wurden zu meiner Zeit vielfach gegen die Rechtspflege und gegen die Rechtsanwälte erhoben,“ schaltete ich ein. „Aber nun sagen Sie mir, was Sie mit den Angestellten der Eisenbahn- und Telegraphenlinien gethan hätten; mit ....“
„Fragen Sie gefälligst etwas langsamer,“ ersuchte mich Herr Forest. „Ich würde alle Eisenbahn- und Telegraphenlinien des Landes zu einem angemessenen Preise aufgekauft und Bundesschuldscheine zur Bezahlung ausgegeben haben. Die Einnahmen der Eisenbahnen- und Telegraphenlinien würde ich zur Zahlung der laufenden Ausgaben und zur Verzinsung der ausgegebenen Schuldscheine benutzt haben, die Überschüsse im Bundesschatzamte aber zur Bezahlung der ausgegebenen Bonds.“
„Mir scheint, als stände dieser Vorschlag im Widerspruche mit dem, was Sie in Bezug auf die schauderhaften Zustände sagten, die eine Folge der Ansammlung zu großer Macht in den Händen der Regierung sein sollen,“ fragte ich.
„Nein,“ antwortete Forest. „Zur Herbeiführung solcher Zustände, wie die jetzigen, wären die Eisenbahn- und [Telegraphenämter] nicht zahlreich genug, abgesehen davon, daß jetzt alle Arbeiter von der Regierung ganz abhängig sind, keine Stimme bei der Erwählung der Beamten haben, und ihre Arbeitgeber nicht wechseln können, weil der Staat der einzige Arbeitgeber ist; während zu Ihrer Zeit alle Beamten das Wahlrecht hatten und ihre Stellungen mit andern vertauschen konnten, wenn sie unzufrieden wurden. Auch erinnere ich mich, daß man zu Ihrer Zeit mit der Reformierung des Beamtenwesens begonnen hatte. Ich habe darüber widersprechende Urteile gelesen. In manchen Aufsätzen wurde behauptet, daß die Sicherheit der republikanischen Einrichtungen einen häufigen Wechsel der Beamten erfordere; während in andern Schichten diese Ansicht als lächerlich verspottet wurde. Jeder vernünftige Mensch würde einen Mann, der ihm treu und umsichtig diene, so lange wie möglich behalten. Das Volk solle dasselbe thun, und seine Angestellten so lange behalten, wie sie ihre Schuldigkeit thäten; gleichviel welcher politischen Partei sie angehörten. Nur dadurch könnte eine gute Verwaltung der öffentlichen Angelegenheiten erzielt werden. Ich entsinne mich gelesen zu haben, daß Briefträger und andere im Postdienst Angestellte nicht entlassen werden durften, wenn man ihnen keine Pflichtverletzung nachweisen konnte. Wenn diese Grundsätze auf alle Angestellten des Eisenbahn- und Telegraphenwesens angewendet worden wären, von dem Augenblick an, da diese Einrichtungen in die Verwaltung der Ver. Staaten übergingen; wenn alle Angestellten mit denselben Gehältern, die sie früher bezogen, beibehalten worden wären, so lange sie ihre Schuldigkeit thaten, so hätte die Übernahme des Eisenbahn- und Telegraphenwesens und die Vereinigung dieser beiden Verkehrsanstalten mit dem Postdienste nur geringe Schwierigkeiten veranlaßt. „Uncle Sam“ hätte natürlich ebenso gute, wenn nicht bessere Gehalte zahlen können, als die Aktiengesellschaften, welche früher den Eisenbahn- und Telegraphendienst leiteten.“
„Das klingt ganz annehmbar.“
„Und es ist annehmbar. Deutschland hatte mit der Vereinigung des Post-, Eisenbahn- und Telegraphendienstes unter Staatsleitung bereits eine erfolgreiche Probe zu der Zeit gemacht, da man 1887 schrieb. — Es ist in der That höchst bemerkenswert, daß ein so weltkluges, thatkräftiges und handeltreibendes Volk, wie das der Ver. Staaten am Ende des neunzehnten Jahrhunderts, die Hauptverkehrsmittel in den Händen von Körperschaften ließ, welche dieselben natürlich zu dem Zwecke verwalteten, möglichst großen Gewinn herauszuwirtschaften; mitunter auch einen Nebengewinn für einen Direktorenring.“
„In manchen Geschichtswerken Ihrer Zeit,“ fuhr Forest fort, „begegnet man Äußerungen des Erstaunens und des Zorns darüber, daß im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert in manchen europäischen Ländern sogenannte Raubritter ihr Unwesen treiben durften. Diese Biedermänner hielten die unter ihren Schlössern vorbeiziehenden Kaufleute und Reisenden an, forderten einen Zoll und lieferten ihnen unter Umständen dafür Schutz innerhalb gewisser Grenzen. Dies waren die „Geschäftsgrundsätze“ der „anständigen“ Raubritter. Die „unanständigen“ plünderten die Reisenden einfach aus, unterschieden sich also in keiner Weise von gewöhnlichen Straßenräubern. Wir haben es hier nur mit den Rittern zu thun, welche für die Benutzung der über ihr Gebiet führenden Straßen eigenmächtig einen Zoll erhoben. Diese Herren wagten ihre gesunden Gliedmaßen, ja ihr Leben an die Eintreibung eines Wegezolles; denn die Kaufleute wußten mit Schwert und Lanze umzugehen, hatten oft bewaffnete Knechte mit sich und leisteten häufig erfolgreichen Widerstand. Mehr als ein Ritter fiel bei seinem Versuche, Zoll zu erheben, im Kampf auf der Landstraße, manches „Raubschloß“, dessen Insassen den benachbarten Städten besonders beschwerlich geworden waren, wurde von den Bürgern gestürmt, und der Herr Raubritter büßte seine Gelüste nach Zöllen mit dem Tode. Anders war es zu Ihrer Zeit. Die Herren, welche damals Zölle von den Reisenden und von den Waren erhoben, die über die Hauptverkehrsstraßen befördert wurden, konnten das ohne alle Gefahr thun. Sie durften diese Zölle auch fast nach Belieben steigern. Alles, was sie zu diesem Zweck zu thun hatten, war die Veranstaltung einer Zusammenkunft der Eisenbahnpräsidenten da oder dort und die Annahme des Beschlusses, daß sie die Preise für die Beförderung von Reisenden und Frachtgütern erhöhen wollten. Solche Zusammenkünfte hatten nur dann üble Folgen, wenn der Champagner schlecht war, welcher bei diesen Gelegenheiten getrunken wurde. Es war ein fast lächerlicher Zustand, daß ein handeltreibendes Volk den gesamten riesigen Personen- und Frachtverkehr des Landes der Willkür von Dividenden machenden Gesellschaften preisgab, und es legt ein gutes Zeugnis für das Billigkeitsgefühl der Eisenbahnbeherrscher im Jahre 1887 ab, daß dieselben das Volk so gut behandelten, wie es geschah; da sie ja eigentlich thun und lassen konnte, was ihnen beliebte.“
„Die Gas- und Wasserwerke, sowie die Straßenbahnlinien hätten Sie vermutlich unter die Leitung der Stadtverwaltungen gestellt,“ fragte ich.
„Allerdings,“ antwortete Forest. „Aber ehe ich mich mit städtischen Angelegenheiten befaßt hätte, würde ich unter die Bundesverwaltung auch noch diejenigen Wald- und Bergwerksländereien gestellt haben, welche damals den Ver. Staaten noch gehörten, d. h. ich würde eine geordnete Forst- und Bergwerkswirtschaft eingeführt haben. Wenn das Volk der Ver. Staaten einigermaßen vernünftig mit den ungeheuren Wäldern gewirtschaftet hätte, welche früher weite Gebiete dieses großen Landes bedeckten, so würden wir jetzt, im Jahre 2000, nicht an Holzmangel leiden.“
„Was würden Sie mit den Bankiers und mit den Kaufleuten angefangen haben?“
„Nichts,“ entgegnete Forest. „Die zahlreichen Produktivgenossenschaften hätten nicht nur Männer gebraucht, welche den Betrieb der Fabrik leiten konnten, sondern auch Geschäftsführer und Buchhalter. Denn die Arbeiter würden sehr bald die Entdeckung gemacht haben, daß die Handarbeit allein nicht genügt, um ein großes Unternehmen mit Erfolg und zum Nutzen aller Beteiligten zu betreiben. Als Geschäftsleiter und Buchhalter hätten viele Bankiers und Buchführer wieder Anstellung gefunden. Die Eigentümer von Läden aller Art hätten, falls von den Produktivgenossenschaften Verbrauchsvereine begründet worden wären, die alle Waren hielten, wie zu Ihrer Zeit die sogenannten „Country Stores“, sehr leicht Anstellung finden können, nachdem sie ihren Warenvorrat verkauft hatten.“
„Ich glaube, daß unter Ihrem System alle Läden gezwungen worden wären, ihre Thüren zu schließen,“ bemerkte ich. „Denn die verschiedenen Gewerkschaften hätten ganz sicher eigne Läden eingerichtet, alle Waren im großen gekauft und den Mitgliedern der Genossenschaften mit kleinem Gewinn wieder verkauft. Mit solchen Geschäften hätten die Kaufleute natürlich nicht konkurrieren können. Diejenigen Ladenbesitzer, welche nicht imstande gewesen wären, Anstellungen in den Geschäften der Genossenschaften zu erlangen, hätten sich nach anderer Arbeit umsehen müssen — für viele derselben ein hartes Los!“
„Der Übergang von dem Betrieb der Industrie auf Rechnung einzelner Leute oder Aktiengesellschaften zu dem Betrieb durch Produktivgenossenschaften wäre sicher kein plötzlicher gewesen, sondern allmählich geschehen,“ erklärte Forest. „Dadurch hätten die Kaufleute vielleicht dreißig oder fünfzig Jahre Zeit gefunden, sich in die neue Ordnung der Dinge zu schicken. Ihre Kinder hätten sich, anstatt Kaufleute zu werden, den Gewerkschaften anschließen können. Außerdem liegt kein Grund zu der Annahme vor, daß aller kaufmännischen Thätigkeit einzelner durch die Läden der Verbrauchsgenossenschaften ein Ende gemacht werden müßte. Die Billigkeit einer Ware allein sichert ihr nicht unter allen Umständen die Käufer. Der Geschmack beim Einkaufe hat sehr viel damit zu thun und viele Leute zahlen lieber für einen Gegenstand, der ihnen gefällt, etwas mehr, als für einen andern, der eben so zweckentsprechend, aber nicht so hübsch ist. Deshalb hätten Kaufleute, die beim Einkauf ihrer Waren feinen Geschmack entwickelten, immer auf Kundschaft zählen können, allen Genossenschaftsläden zum Trotz. — Auch in vielen Landbezirken hätten sich Läden einzelner Kaufleute wohl halten können.“
„Sie sagten, Sie würden ein Bundesgesetz erlassen haben, demzufolge niemand mehr als 40 Äcker Land besitzen sollte,“ sagte ich. „Hätten Sie auch das Recht der Städter auf Besitz von Grundeigentum beschränkt?“
„Der Besitz eines Hauses hätte jeden billig denkenden Menschen befriedigen sollen,“ entgegnete Forest. „Niemand kann in Abrede stellen, daß die Ansammlung von Reichtümern, die sich in die Millionen beliefen, in den Händen einzelner, während andererseits viele nicht die nötigsten Lebensbedürfnisse hatten, diesem verdammenswerten Kommunismus vorarbeitete, ihn ermöglichte.“
„Wie hätten Sie aber die Ansammlung von großen Reichtümern verhindern wollen?“ fragte ich neugierig.
„Durch Änderung des Steuerwesens,“ antwortete Forest. „An Stelle mancher Steuern, welche Sie erhoben, und welche großenteils den Unbemittelten mehr belasteten als den Reichen, hätte ich eine Erbschaftssteuer eingeführt, die zur Aufrechterhaltung der Bundes-, Staats- und Gemeinderegierungen beigetragen hätte. Ich würde eine Steuer von einem Prozent auf jede Erbschaft vorgeschlagen haben, welche jemandem zufiel und sich auf nicht mehr als 10 000 Dollars belief. Eine Erbschaft von 20 000 Dollars würde ich mit zwei Prozent besteuert haben, 30 000 Dollars mit drei Prozent, 100 000 Dollars mit zehn Prozent, 200 000 Dollars mit zwanzig Prozent, 500 000 Dollars mit fünfzig Prozent. Hätte jemand ein so großes Vermögen hinterlassen, daß auf jeden Erben mehr als 500 000 Dollars (d. h. nach Abzug der Erbschaftssteuer 250 000 Dollars) entfallen wären, so würde der Überschuß als ein Erbteil der Menschheit angesehen zur Bestreitung der Bundes-, Staats- und Gemeindeausgaben verwendet worden sein.“
„Würde ein solches Gesetz nicht als ein Abkühlungsmittel auf den Unternehmungsgeist gewirkt und den Wettbewerb gelähmt haben, den Sie stets als den Urquell alles menschlichen Fortschritts preisen?“ fragte ich.
„Es hätte nur die Ansammlung ungeheurer Vermögen verhindert und den Wettbewerb nicht gehindert, sondern im Gegenteile geschützt,“ gab Forest zur Antwort. „Leute, welche zwanzig, oder fünfzig Millionen Dollars besaßen und diese großen Geldmittel rücksichtslos im „Kampfe um das Dasein“ verwendeten, waren gefährlicher, als Diebe und Einbrecher. Sie konnten jede Konkurrenz weniger bemittelter Bewerber vernichten und oft bedienten sie sich erbarmungslos ihrer Macht. Sie traten den Wettbewerb tot, vermehrten ihre Millionen und bahnten dem fluchwürdigen Kommunismus den Weg. War es nicht ein großes Unrecht, daß ein Mensch, welcher durch allerlei Mittel ein großes Vermögen angesammelt hatte, dieses unverkürzt einem Sohne hinterlassen konnte, letzteren in den Stand setzend, die Abschlachtung der Konkurrenten und die Vermehrung der Millionen fortzusetzen? Was konnte der tüchtigste Mensch in vielen Berufszweigen erzielen, wenn er auf einen anderen Menschen stieß, der vielleicht geringere Fähigkeiten, aber viel Geld und kein Gewissen besaß und seine Millionen in der rücksichtslosesten Weise zum Verderben seiner Konkurrenten benützte. — Nein! Reiche Eltern mögen immer für ihre Kinder ein ansehnliches Vermögen hinterlassen, welches ihre Lieblinge gegen Nahrungssorgen sicher stellt; aber sie sollten ihre Kinder nicht in den Stand setzen, die Kinder ärmerer Eltern im Kampfe ums Dasein an die Wand zu drücken und im Wettbewerb töten.“
„Eine solche Erbschaftssteuer würde in meiner Zeit erbitterten Widerstand gefunden haben,“ bemerkte ich.
„Wohl möglich,“ entgegnete Forest. „Wahrscheinlich hätten jene kurzsichtigen Millionäre, welche durch ihr Treiben den Kommunismus heraufbeschworen, Einwand dagegen erhoben. Ich bin nichts destoweniger der Meinung, daß solch ein Gesetz nicht nur der Menschheit im allgemeinen, sondern auch den Kindern der Millionäre genützt haben würde. Nur ein Gesetz dieser Art, welches die Zertrümmerung der Riesenvermögen bewirkt haben würde, hätte den Ansturm des Kommunismus und der Anarchie zurückwerfen können. Jemand, der 250 000 Dollars erbte, hätte mit dieser Summe wohl zufrieden sein und den Überschuß der Erbschaft dem Gemeinwesen willig abgeben können. Durch Aufopferung eines Teiles der Erbschaft hätten die Erben jener Riesenvermögen den Rest gerettet und den Kommunismus geschwächt. Außerdem erscheint es mir sehr zweifelhaft, daß der Besitz großer Reichtümer deren Eigentümer gut, oder glücklich machte.“
„Wenn im Jahre 1887 in den Ver. Staaten ein solches Gesetz erlassen worden wäre, würden die meisten Millionäre ihren Besitz zu Gelde gemacht haben und nach Europa ausgewandert sein,“ wendete ich den Auseinandersetzungen Forests gegenüber ein.
Dieser erwiderte: „Das glaube ich auch. Aber derjenige, der einen großen Besitz antritt, den er nicht erworben hat, kann sehr wohl eine hohe Abgabe an die Gemeinde entrichten und die durch eine derartige Erbschaftssteuer bewirkte Zerstücklung der großen Vermögen hätte den kommunistischen Wühlereien die Spitze abgebrochen. Selbstverständlich hätte eine solche Steuer nach vorangegangenen internationalen Verhandlungen in allen größeren Kulturstaaten gleichzeitig eingeführt werden müssen.“
„Die Versuchung, die hohe Abgabe zu vermeiden, würde sehr groß gewesen sein,“ machte ich geltend. „Viele Leute würden es versucht haben, die Steuer teilweise zu umgehen, indem sie die Erbschaften den Behörden gegenüber kleiner angaben, als sie wirklich waren; oder indem sie schon bei Lebzeiten ihren Kindern und Verwandten einen Teil der Erbschaft schenkten.“
„Der Versuch der Steuerbetrügerei hätte mit Wegnahme des gesamten Eigentums bestraft werden können,“ sagte Forest, „die Geschenke dagegen hätten ebenso besteuert werden können, wie die Erbschaften. Angesichts der Gerechtigkeit und der wohlthätigen Wirkungen eines solchen Gesetzes hätte man einige Beschwerlichkeiten in der Durchführung schon mit in den Kauf nehmen können; zumal diese Schwierigkeiten sich nur anfangs schroff geltend gemacht haben würden. Sobald der Betrieb der Eisenbahn- und Telegraphenlinien an die Ver. Staaten, der Betrieb der Industrie und der Handel mit Lebensbedürfnissen dagegen an die Genossenschaften übergegangen wäre, würden Vermögen im Betrage von 50 oder 100 Millionen Dollars zu den gewesenen Dingen gehört haben; denn alle diese Einrichtungen hätten ebenso wohl der Verarmung wie der Anhäufung großer Reichtümer entgegen gewirkt. Die Zahl der Agenten und Zwischenhändler würde bedeutend vermindert worden sein, jeder Mann wäre zu einer nutzbringenden Thätigkeit ermutigt worden und würde einen Lohn empfangen haben, welcher der Güte und Menge seiner Leistungen entsprochen hätte.“
„Würden nicht solche Cliquen und Sippen sich gebildet haben, wie diejenigen, welche nach Ihrer Behauptung Ihre Regierung beeinflussen?“ fragte ich. „Und würden diese Sippen nicht die Leitung der Fabrikations- und Verbrauchsgenossenschaften an sich gerissen haben? Hätten nicht Cliquen den guten Arbeiter zu gering, den begünstigten schlechten Arbeiter zu hoch bezahlen können?“
„Solche Fälle hätten wohl eintreten können, würden aber zur Folge gehabt haben, daß die tüchtigen Arbeiter eine Genossenschaft verlassen hätten, in welcher sie zu Gunsten der Faulenzer und Pfuscher betrogen wurden. Sie hätten leicht Aufnahme in einer andern Genossenschaft gefunden; denn gute Arbeiter werden überall da gewürdigt, wo der Wettbewerb herrscht. Dagegen würde eine Genossenschaft, welche ihre tüchtigsten Arbeiter vertrieben hätte, in ihren Leistungen zurückgegangen und unfähig geworden sein, den Wettbewerb ferner auszuhalten. Derartige Schwierigkeiten würden sich also sehr leicht ausgeglichen haben.“
„Natürlich müssen Sie auf Gegenseitigkeit beruhende Versicherungsgesellschaften unter den Berufsgenossenschaften befürworten, Gesellschaften, welche alle Beteiligten gegen Unfälle, Krankheiten, Arbeitsunfähigkeit jeder Art sicher stellten und in einem gewissen Alter eine Pension gewährten,“ sagte ich. „Und wahrscheinlich würden diese Versicherungsgesellschaften auch Feuer- und Lebenspolicen ausgestellt haben.“
„Dies würde allerdings eine Folge des Systems gewesen sein, welches die wenigen Vorteile, die der Kommunismus bietet, mit den Wohlthaten vereint, die aus dem Wettbewerbe erwachsen,“ antwortete Forest.
„Würden Sie die Einwanderung ermutigt haben?“ fragte ich weiter. „Am Ende des neunzehnten Jahrhunderts waren viele ehrliche, wohlmeinende, durchaus nicht engherzige Leute, die niemand des Fremdenhasses beschuldigen durfte, der Ansicht, daß die Ver. Staaten alle fremden Elemente aufgenommen hätten, welche sie allenfalls verdauen konnten und daß der Rest der Bundesländereien für die Kinder der Bewohner der Ver. Staaten aufgehoben werden sollte. Die Abneigung gegen weitere Einwanderung war großenteils durch die deutschen und irischen ‚Dynamiteriche‘ verschuldet worden.“
„Ich kann mir vorstellen,“ entgegnete Forest, „daß manche Sitten und Schrullen der Einwanderer Ihrer Zeit den eingeborenen Amerikanern anstößig erschienen, und daß die Verbrechen der Dynamitwüteriche gegen die Gesetze des Landes, das sie gastfrei aufgenommen hatte, eine tiefe Entrüstung bei den Angloamerikanern hervorgerufen haben mußten. Nichts destoweniger glaube ich, daß Ihre Zeitgenossen alle Ursache hatten, die Einwanderung zu ermutigen. Strenge Handhabung der Gesetze gegen alle Übertreter derselben, gegen die eingeborenen sowohl, wie gegen die eingewanderten, würde dem Lande sehr wohl gethan und alle Versuche überflüssig gemacht haben, die Einwanderung zu beschränken. Die wirklich anstößigen Einwanderer hätte man doch nicht aus dem Lande halten können, wenn sie hinein wollten; denn diese Leute wären, falls man ihnen die Häfen der Ver. Staaten verschlossen hätte, über Mexico oder Canada eingewandert.“
„Dieselben Gründe wurden zu meiner Zeit vielfach geltend gemacht,“ bemerkte ich zustimmend.
„Das vergleichsweise geringe Unheil, welches die Einwanderer anrichteten, wurde ganz in den Schatten gestellt durch den großen Nutzen, welcher dem Volke der Ver. Staaten aus dem europäischen Menschenstrom erwuchs,“ fuhr Forest fort. „Die einfache Thatsache, daß Hunderttausende gesunder Menschen, deren Aufzucht und Erziehung den europäischen Ländern mehrere hundert Millionen Dollars gekostet hatte, den amerikanischen Boden betraten, war ein großer Gewinn für die Ver. Staaten. Die bloße Anwesenheit dieser Männer und Frauen erhöhte den Wert des Landes da, wo sie sich niederließen; so die Grundeigentümer bereichernd. Viele der Einwanderer waren geschulte Arbeiter und Handwerker, andere Künstler und Gelehrte. Alle diese Männer und Frauen waren aber mit den Sitten, den Geschäftsgebräuchen, den Landesverhältnissen und oft auch mit der englischen Sprache nicht vertraut. Sie mußten daher fast ausnahmslos beim Beginn ihrer amerikanischen Thätigkeit die untersten Plätze im amerikanischen Erwerbsleben einnehmen. Dadurch erhoben sie naturgemäß alle diejenigen, welche schon in den Ver. Staaten wohnten, zu mehr oder weniger höheren Stellungen im Leben.“
„Viele dieser Leute, welche aus allen Teilen Europas hierher kamen, waren befähigte und gebildete Menschen, welche mit der Zeit erfolgreiche Mitbewerber der älteren Ansiedler wurden. Aber der beständige Menschenstrom, welcher sich aus den europäischen Ländern nach den Ver. Staaten ergoß, bereicherte und erhob doch beständig das amerikanische Volk und alle die Schläge, welche gegen die Einwanderung gerichtet wurden, waren deshalb unklug. Die Gesetzgeber, welche solche Maßregeln befürworteten, erinnern mich an den Mann, welcher eine Gans schlachten wollte, die jeden Tag ein goldenes Ei legte.“
Nach einer kurzen Pause schloß Forest seine Auseinandersetzungen folgendermaßen: „Es ist natürlich ganz unmöglich, irgend welche Vorschläge zur Umgestaltung der Gesellschaft zu entwickeln, welche sich allgemeiner Zustimmung erfreuen könnten. Ich behaupte indes, daß alle solche Vorschläge zwei leitende Grundsätze verkörpern müssen. Alle Verbesserungsvorschläge sollten den Zweck haben, aus der menschlichen Gesellschaft die unverschuldete Armut zu verbannen, indem sie die Furcht vor derselben durch zweckmäßige Versicherungseinrichtungen beseitigen und sie sollten den Wettbewerb erhalten, die gewaltige Kraft, welche beständig jedermann anspornt, seine besten Kräfte einzusetzen, um sich selbst und die Menschheit auf einen höheren Standpunkt zu erheben.“