3. Vom Sitz der Dame auf dem Damensattel.

Reiten kann man erst, wenn man auf dem Damensattel gut, richtig sitzen gelernt hat. Das ist nicht so einfach, – und es sind drei Punkte, welche dabei zur Erörterung gelangen müssen.

1. Warum ist ein guter Reitsitz durchaus erforderlich?

2. Worin besteht derselbe?

3. Wie erlangt man denselben?

Ein guter Reitsitz ist, wie auch schon aus dem vorigen Kapitel ersichtlich, erforderlich, weil derselbe der Reiterin das Gefühl der Sicherheit verleiht, mit welchem sie sich auf dem Pferde bewegt und ohne welches eine gute Reiterin gar nicht gedacht werden kann, – denn eine ängstliche Reiterin kann niemals eine gute werden.

So abhängig eine Dame auch relativ von ihrem Pferde ist, – auch der Reiter ist das – so unabhängig muß sie sich von demselben fühlen. Das Pferd muß ihr nur Mittel zum Zweck sein, sie muß es gleichsam nur mit den Gedanken leiten. Gewiß ist dafür auch ein relativ zuverlässiges Pferd erforderlich – absolut sichere gibt es nicht, denn das Pferd ist immer nur ein Tier, und von der sonstigen Beschaffenheit des Damenpferdes haben wir bereits gesprochen.

Dieses Gefühl der absoluten Sicherheit soll die Dame in allen Situationen haben, welche beim Reiten eintreten, sowohl bei den regulären – also z. B. bei allen Gangarten, die sie reitet, vom Schritt bis zur Karriere, beim Sprung, beim Jagdreiten, bei Tage und bei Nacht, bei Sonnenschein, Regen, Hagel und Gewitter – letztere beiden Eventualitäten sind allerdings schon bedenklicher – aber auch bei ungewöhnlichen Situationen, die beim Reiten jeden Augenblick eintreten können und auf die sie vorbereitet sein muß, z. B. beim Scheuen, Steigen, Bocken, Durchgehen des Pferdes, beim Verlieren des Bügels, Lockerwerden oder Reißen des Gurtes oder Zügels, ja selbst noch beim Stürzen usw. Das Gefühl ihres Könnens als Folge ihres guten Reitsitzes werden sie im gegebenen Augenblick die Haupteigenschaften der Reiterin – Ruhe, Kaltblütigkeit und Geistesgegenwart – nicht im Stich lassen. Im Augenblick einer außergewöhnlichen Situation den Kopf verloren – und alles ist verloren.

»Es will mir recht unsinnig erscheinen,« sagt Anna Bracket im »Rider and Driver« u. a., »wenn eine Dame ihren Seitsitz im Damensattel aus dem einzigen Grunde, daß der Herrensitz sicherer sei, aufgeben wollte. Solange ihr Kniehorn vorhält und sie ihre Kaltblütigkeit behält, ist es bei einem gewöhnlichen Ereignis fast unmöglich, daß sie aus dem Sattel geworfen wird, während sie aus einem Männersattel, in welchem sie sich nur durch Anklammern der Beine festhalten kann, viel leichter ihren Sitz verliert.

Indessen ist es für sie von ungeheurem Vorteil, wenn sie abwechselnd auf beiden Seiten ihres Pferdes zu reiten in der Lage ist. Wenn sie sich einen sogenannten Linkssattel beschaffen kann, so soll sie stets einmal rechts, einmal links reiten. Sie sollte dies nicht nur zu ihrem Vergnügen, welches ihr dieses Verfahren ohne Zweifel verschaffen wird, tun, sondern besonders im Interesse ihres Pferdes. So gut sie auch zu reiten vermag, sie kann es nicht verhindern, daß die Seite des Pferdes, auf welcher sich die beiden Beine befinden, etwas stärker belastet wird. Diese stärkere einseitige Belastung des Pferdes führt aber vielfach zu Druckschäden, welche um so gefährlicher sind, je mehr sie dem Widerrist nahe liegen. Die Damen lernen daher am besten auf beiden Seiten des Pferdes reiten. Bei heranwachsenden Mädchen ist dieses Verfahren wegen der wenn auch sehr geringen Verdrehung des Körpers, die der Reitsitz mit sich bringt, sogar geboten. Aber auch die erwachsene Dame wird ein großes körperliches Wohlbehagen durch die Inanspruchnahme der am Tage vorher nicht gebrauchten Muskeln empfinden. Diese gleichmäßige Übung der Muskellagen beider Seiten wird sich übrigens auch in einem elastischeren, stolzeren Gange und einem viel graziöserem Reitsitz bemerkbar machen.«

James Fillis allerdings, der berühmte Reitmeister, befürwortet diese Reitmethode nicht. Er sagt in seinen »Principes de Dressage et d'Équitation«, daß – unter einem guten Lehrer – die nach links gesetzte Reiterin (weit entfernt, ihr Rückgrat aus seiner Lage zu bringen) an Anmut und Geschmeidigkeit nur gewinnen kann. »Fahren wir doch fort, die Reiterin nur auf ein und derselben Seite reiten zu lassen und zwar auf der linken. Sonst müßte man ihr ja die Peitsche in die linke Hand geben, welche doch weniger bestimmt und geschickt ist. Das wäre eine grobe Unzuträglichkeit, da doch gerade die Peitsche den fehlenden Schenkel ersetzen soll.«

Der Reitsitz der Dame muß – um damit auf die zweite Frage überzugehen – aufrecht, gerade und geschlossen sein.

Fig. 33.
Der gute und der schlechte Reitsitz.

Um aufrecht zu sitzen, darf man sich weder vorwärts noch rückwärts lehnen. Jeder Anwesende, in erster Linie natürlich der Reitlehrer oder ihr Kavalier, kann der Dame sagen, ob sie aufrecht sitzt, und wenn sie so sitzt, kann sie lange ohne Ermüdung reiten. Anfangs wird sie wegen des ungewohnten Sitzes und der ungewohnten Körperhaltung dieses nur schwer selbst bestimmen können. Es ist aber von höchster Wichtigkeit, daß ihr der aufrechte Sitz von Anfang an zur Gewohnheit wird. Und dieser aufrechte Sitz – also ganz perpendikulär zum Pferderücken – muß so eingenommen werden, daß die Perpendikulärlinie auch genau auf die Wirbelsäule des Pferdes fällt, daß also die Dame auf der Mitte des Sattels sitzt, und nicht etwa seitwärts und nicht an derselben hängt. (Fig. 33 der gute und der schlechte Reitsitz.) Ein solcher falscher Reitsitz führt in erster Linie zur Beschädigung des Pferdes durch Satteldruck. Ebensowenig dürfen sich die Schultern der Dame aus der Frontlinie hinaus verschieben, zu welchem Fehler die führende Zügelhand leicht Veranlassung gibt.

Sitz und Zügelführung müssen vollständig unabhängig voneinander sein.

Um geschlossen zu sitzen, muß sich die Dame mit den Muskeln des einen Schenkels allein an den Sattel halten, denn das andere Bein kommt mit demselben gar nicht in Berührung. Allerdings kann diese Kunst erst allmählich erlernt werden. Ich kannte einst eine junge Dame auf dem Lande, welche keinen Damensattel besaß und auf der englischen Pritsche im Seitsitz ritt. Ich bin oft mit derselben geritten, in jeder Gangart – das rechte Bein hatte sie über den Sattelknopf gelegt – und habe sie bewundert, mit welcher Sicherheit, ja Grazie sie auf dem Pferde saß und dasselbe führte. Sicher erfordert das eine sehr große Übung der Muskeln und ein außerordentlich feines Gefühl für das Gleichgewicht. Eine sehr gute Übung besteht darin, sich auf die Kante eines Geländers, einer Barriere oder dergleichen zu setzen, das eine Bein herabhängen zu lassen und sich mit den Muskeln des anderen Schenkels festzuhalten. Das wird dieselben stärken und sie gewissermaßen lehren, was sie zu tun haben, anstatt, wie auf dem Stuhl, einfach im Sattel zu ruhen. Des Ferneren ist es außerordentlich wichtig, daß die Ferse des im Steigbügel ruhenden Fußes gegen den Boden gedrückt wird. Dann nimmt das Bein seine richtige Lage von selbst an. Die Zehen des anderen, hängenden Fußes werden dagegen nach unten gedrückt.

Der schon mehrfach zitierte Reitmeister James Fillis sagt vom Reitsitz der Dame: »Die Reiterin soll – abgesehen von den Beinen – genau so zu Pferde sitzen, wie der Reiter. Die Schultern und die ganze Haltung des Oberkörpers sollen parallel zu den Pferdeohren sein. Das ist aber nicht möglich, wenn nicht auch die Hüften diese Stellung einnehmen – also ist es die Stellung der Hüften, von welcher die ganze Haltung der Reiterin abhängt. Indem beide Beine nach links liegen, umfaßt das rechte Bein die Gabel und liegt höher und weiter noch als das linke. Dieses wieder lehnt sich leicht mit dem Teil des Beines über dem Knie an die linke Gabel. Der Fuß ruht im Bügel. Aus dieser Lage der Beine ergibt sich, daß die Reiterin eine ganz erklärliche Neigung dazu hat, fast das ganze Körpergewicht nach der rechten Seite hin zu verlegen, während die linke fast nichts zu tragen hat, und hieraus folgt wieder, daß die linke Hälfte gegen die rechte zurücktritt – und das muß vermieden werden. Das Körpergewicht muß auf beiden Seiten des Pferdes gleichmäßig verteilt sein – die Reiterin muß auf ihrem Sattel genau so sitzen, wie auf einem Stuhle – die Hüften und Schultern parallel den Pferdeohren. Es ist das ein Haupterfordernis für die Sicherheit.

Selten ist eine Reiterin nach links aus dem Sattel geworfen, denn auf dieser Seite findet sie Halt an der Gabel und im Notfall am Bügel. Die ganze Gefahr, heruntergeworfen zu werden, liegt rechts und ist um so mehr vorhanden, je mehr die linke Schulter gegen die rechte zurücksteht. Das, was der Reiterin die Sicherheit gibt, verleiht ihr gleichzeitig die elegante Haltung. Sie braucht mithin nicht zu besorgen, die eine etwa der anderen aufopfern zu müssen.«

Dies sind nur wenige Fingerzeige für den Damensitz im Sattel, und wir werden demnächst sehen, auf welche Weise er spielend gelernt werden kann, wenn man, um damit zur Beantwortung der dritten Frage überzugehen, das Reitsystem des Grafen Dénès Széchényi dabei zur Anwendung bringt. Ist erst ein wirklich guter Sitz erreicht, dann kann die Reiterin der Zügelführung bezw. ihrem Pferde Aufmerksamkeit schenken. Ohne einen guten Sitz wird sie aber niemals wirklich reiten können.

Unter der Zugrundelegung des schon mehrfach ausgesprochenen Grundsatzes, daß Sitz und Zügelführung gänzlich unabhängig voneinander sein müssen, wenn man gut reiten lernen will, führt die genannte Reitmethode des Grafen Széchényi am leichtesten und schnellsten zum Ziele. Ich will dieselbe hier kurz beschreiben, indem ich dabei bemerke, daß sie von gleichem Werte für Herren wie für Damen und für Kinder ist.

Die Methode besteht in Ballwerfen zu Pferde und in systematischem und frühen Barrierespringen.

Die Zügel werden erst in die Hand genommen, wenn der Sitz durch die angeführten Übungen zu einem vollkommen sicheren geworden ist, so daß die Zügel in der Folge nur zur Führung des Pferdes, nicht aber zum Festhalten, wie üblich, gebraucht werden.

Zur Erreichung dieses Zweckes bedient man sich eines auf einem Zirkel an der Longe gehenden Pferdes, dessen Zügel eingeschnallt sind. Das Ballwerfen hat den Zweck, den Oberkörper biegsam und geschmeidig, unabhängig von den Bewegungen des Pferdes und von den später die Zügel führenden Armen zu machen, während die Mittelpositur des Körpers von den Hüften bis zu den Knieen unentwegt in der Perpendikularlinie auf dem Sattel bleiben müssen. Der herabfallende Ball, welcher nach rechts und nach links, nach vorn und nach hinten fällt, zwingt den Oberkörper, zum Wiederauffangen desselben seiner Richtung zu folgen, wodurch eine stete Verlegung des Schwerpunkts und folgerichtig eine enorme Sicherheit des Sitzes entsteht. Die Dame eignet sich dadurch gleichsam mechanisch in ca. vier Wochen den unabhängigen Sitz und die Balance an, zu deren gründlicher Erlernung sonst Jahre gehören.

Das Barrierespringen dient dem gleichen Zwecke. Hat beim Ballwerfen der Körper der Reiterin seine Haltung verändert, während das Pferd in gleichmäßiger Bewegung blieb, so ist es hier umgekehrt. Der Körper lernt den Sitz behalten, indes das Pferd eine heftigere und sozusagen anormale Bewegung macht. Nach kurzer Übung kann auch hierbei wieder Ball geworfen werden, und durch dieses Zusammenwirken bildet sich eine solche Sicherheit des Sitzes aus, daß die Reiterin nach wenigen Lektionen sich bereits auf dem Pferde zuhause fühlen wird. Nicht zuletzt wird man finden, wie auf diese Weise auch das moralische Element gehoben wird, ohne welches doch alles Reiten nur ein Unding ist. Ist nun die Reiterin solchergestalt vorgebildet, dann bekommt sie die Zügel in die Hand und lernt ihr Pferd selbst führen, und ich glaube mit Bestimmtheit sagen zu dürfen, daß die Amazone nach solchen Vorstudien nur noch recht selten die Zügel als Regulatoren ihres Sitzes benutzen wird, und daß dementsprechend das Damenpferd stets ein frisches Maul behalten wird. Das ganze Geheimnis beruht eben in der Unabhängigkeit der Zügelführung vom Sitz.

Lassen wir uns an diesen kurzen Anführungen genügen, die auch der Anfängerin einleuchten müssen, – die praktische Anwendung werden wir später kennen lernen.

Gleichzeitig aber sei hier noch angeführt, daß für diese Lektionen ein Pferd vorhanden sein muß, welches tadellos das Gehen an der Longe auf dem Zirkel gewohnt ist, und welches auch die Kommandos für die betreffenden Gangarten kennt. Der Herr, welcher der Dame den Reitunterricht erteilt, muß daher, falls er nach dieser sehr empfehlenswerten Methode unterrichtet, das Pferd vorher dafür dressieren, was einem zum Damenpferd bestimmten Tiere sehr nützlich ist und was seitens desselben auch in sehr kurzer Zeit erlernt wird.

Der gute Reitsitz dient aber nicht allein zur Sicherung der Dame in allen Gangarten und bei allerhand Zufällen, sondern er ist das wichtigste Hilfsmittel, um das Pferd im Gehorsam und im Gleichgewicht zu erhalten. Ohne diese beiden Eigenschaften gibt es kein Damenpferd. Im guten Reitsitz, wie er beschrieben worden ist, vereinigt sich daher die Sicherheit der Reiterin mit der Beherrschung des Pferdes.