VI.

Heino von Bergkem kam geschlagen aus dem Examen zurück. Wie zu einer überflüssigen und bedeutungslosen Feier war er in die Prüfung gegangen, und als ein schmählich Durchgefallener kehrte er heim: ganz als wenn’s ihm einer verwünscht und berufen hätte, war es gegangen. Gleich die erste Frage hatte er verfehlt, und da wurde er unsicher, die Ruhe verließ ihn und die Kaltblütigkeit; bei dem mündlichen Vortrage aber, der seinem Schicksal vielleicht noch eine günstige Wendung hätte geben können, passierte ihm das Mißgeschick, daß er in der Vorbereitung eine Entscheidung des Reichsgerichtes übersehen hatte. Und da half ihm alle Beredsamkeit nichts, keine noch so elegante Verteidigung seines Standpunktes, denn dieses Uebersehen war ein Verbrechen, für das es keine andere Sühne gab als einen glatten Durchfall. Ganz gleichmütig verkündete der Vorsitzende das Ergebnis der Prüfung, alle anderen hatten bestanden, nur der Freiherr Heino von Bergkem war durchgefallen. Auf sechs Monate zurückgestellt, um die bei dem mündlichen Examen zutage getretenen Lücken seines Wissens auszufüllen, denn die schriftlichen Arbeiten wären leidlich zufriedenstellend gewesen. Die anderen stürmten die breite Treppe hinab, begrüßten freudig die draußen wartenden Freunde. Er allein ging ganz langsam hinterdrein, es eilte ihm nicht ..

Auf der anderen Seite der Straße stand der kleine Brenitz, spähte mit besorgter Miene zu dem hohen Portal hinüber. Da blieb Heino im Hausgange stehen, bis er sah, daß der andere nach einer Erkundigung bei einem der glücklich durchgekommenen Kollegen langsam weiter ging. Mit betrübtem Gesichte und nachdem er noch einmal zögernd nach dem Ausgange des Ministeriums hinübergeblickt hatte. War ja sehr rührend, daß der Kleine für einen schließlich doch Fremden so viel Interesse zeigte, aber jetzt war es ihm wohl klar geworden, daß es nichts zum Gratulieren gab. Und Mitleid brauchte er nicht, auch keine gutgemeinten Predigten, wie bei einigem Wohlverhalten das betrübende Ereignis zu vermeiden gewesen wäre. Außerdem aber gab es in der plötzlich so veränderten Lage gar manches zu bedenken. Es war nicht gerade anzunehmen, daß die Wucherer, an die er sich zu wenden gedachte, sich zur Hergabe eines erheblichen Darlehns besonders willfährig zeigen sollten, und auch der Gang zu Onkel Reineke erschien ihm heute in anderem Lichte. Mit dem glücklich bestandenen Examen in der Tasche hätte er sich’s schon zugetraut, dem hartgesottenen alten Fuchs ein ordentliches Stück Geld abzujagen. Wenn er aber mit der demütigen Miene eines kläglich Durchgefallenen antreten mußte, war das Spiel schon von vornherein verloren, ganz abgesehen von dem schweren Zerwürfnisse, das ihm monatelang den Weg in das Haus seines nächsten Verwandten verlegt hatte ..

Einen hätte es ja gegeben, dem er nur ein Wort zu sagen brauchte, um aller Bedrängnis und Not ein Ende zu machen, aber ehe er dieses Wort sprach, hätte er sich lieber die Zunge abgebissen vor Stolz. Sich mal von einem Tag zum andern mit einer Kleinigkeit aushelfen zu lassen, ging an, aber sich vor dem Freunde bis aufs Hemd auszuziehen und zu sagen: „Da sieh her, so ein erbärmlicher Kerl bin ich, daß ich im Spielerwahnsinn mein Wort verpfände, ohne zu wissen, ob ich’s am andern Tag auch einlösen kann“ ... ah, pfui Deuwel, das war nicht zu machen! Und noch etwas anderes war dabei, was er mehr fühlte, als daß er dafür einen bündigen Beweis gehabt hätte; eine Art von Schuldbewußtsein, daß er mit derb zufassender, plumper Faust einst in zwei Menschenschicksale gegriffen hatte, die in voller Freiheit des Gewährlassens vielleicht zueinander gefunden hätten ....

Auf der roten Plüschdecke des Sofatisches in seiner Wohnung lag ein Brief. Die mit Bleistift geschriebene Adresse zeigte eine merkwürdig zittrige Hand, die er noch niemals gesehen zu haben glaubte, und fast achtlos erbrach er den zerknitterten Umschlag. Nachdem er den Brief aber gelesen hatte, brach er zusammen ...

„Mein lieber Junge, mein Einzigster!

Ich schreibe Dir von meinem Krankenbette aus und möchte Dir manches sagen, was ich sonst wohl nicht herausgebracht hätte. Du bist nach dem Hinscheiden Deines Vaters das Oberhaupt der Familie, ich habe Dir Respekt zu erweisen, obwohl ich Dich unter dem Herzen trug, und vielleicht ist es deshalb besser, ich schreibe Dir. Wenn Du vor mir stehst mit den blauen Augen Deines Vaters, die ich so sehr geliebt habe, würde ich mir wohl nicht die rechten Worte zutrauen. Worte der Ermahnung und des Vorwurfs.

Ich wollte Dich in den Vorbereitungen zum Examen nicht ablenken noch beunruhigen, aber jetzt, wo der schwere Tag hinter Dir liegt, möchte ich einiges mit Dir besprechen. Vielleicht, daß Du Veranlassung nimmst, manches zu ändern. Ich setze voraus, daß Du das Examen bestanden hast, denn Du hast mir ja immer gesagt, es würde Dir nicht schwer fallen, weil Du Dich gewissenhaft vorbereitet hättest. Und ich hätte gewartet, bis Deine Nachricht kam, aber seit Wochen liege ich zu Bett, ich weiß nicht, wie lange das kärgliche Flämmchen noch flackern wird. Außerdem muß ich heimlich schreiben, denn Brigitte ist eine strenge Aufpasserin. Sie teilt meine Furcht, aber sie will nicht, daß wir uns gegen Dich auflehnen. Das will ich ja auch nicht, nur bitten möchte ich Dich, Du sollst daran denken, daß Du eine Schwester hast. Du hast ihr Vermögen eingefordert, um es in nutzbringenden Spekulationen anzulegen, aber mir zog sich schon bei Deinem ersten Briefe das Herz zusammen. Es waren unwahre Worte darin, wie ich sie vor Zeiten schon einmal gehört hatte, wenn einen anderen die unselige Leidenschaft gefaßt hatte. Einen herrlichen Mann, der sonst mehr tat als seine Pflicht, der in allen Tugenden eines Herrn ein nacheifernswertes Beispiel sein durfte, mit sehenden Augen aber die Früchte einer Jahresarbeit vernichtete, wenn die Leidenschaft über ihn kam. Wieviel Nächte habe ich durchweint, wieviel Tage verhärmt, aber es half nichts, ich mußte ihn gewähren lassen. Jedesmal, wenn im Herbst die Treibjagden kamen, fing es an. Er selbst wehrte sich dagegen, drei-, viermal sagte er ab, aber es riß und zerrte an ihm, so daß ich schließlich ihm selbst zuredete: „Geh’ und versuch’ es!“ denn mit der Zeit hatte sich in mir ein Aberglaube gebildet. Wenn ich ihm gut war, kam er ungeschlagen zurück, wenn ich ihm aber zürnte, verlor er ...

Ihr Kinder habt ihn nicht anders gekannt als einen gewissenhaften und treu sorgenden Vater, und ich komme mir wie eine Verbrecherin vor, wenn ich sein Andenken vor Dir entblöße, aber Gott helfe mir, ich kann nicht anders, denn Du, mein Sohn, spielst auch!

Ich mache Dir keine Vorwürfe, denn ich habe gesehen, wie diese unselige Leidenschaft alle edlen Gefühle niederwerfen kann, wie ein verheerendes Unwetter, Unglück und Reue läßt sie auf ihrem Weg. Nur bitten möchte ich Dich, gib Deiner Schwester zurück, was ich ihr in einer glücklichen Stunde gerettet habe, Deinem und ihrem Vater abgeschmeichelt, als er eines Morgens mit großem Gewinn heimkehrte und frohlockend vor mir auf und ab ging. Ein paar Tage danach war das übrige wieder verloren, aber das einmal Hergegebene war ihm ein Heiligtum, er rührte nicht daran.

Du hast mich vor langen Jahren, als Du einmal in der Dämmerstunde zu meinen Füßen saßest, gefragt: Mutti, woher hast Du nur Deine grauen Haare? Jetzt weißt Du’s, mein Sohn, und es tut mir leid, daß ich’s Dir offenbaren mußte, aber die Angst um Deine Schwester frißt mir am Herzen: Ich möchte wenigstens den einen Trost mitnehmen, daß sie nicht in Sorgen und Entbehrungen zurückbleibt. Seit der Lösung ihres Verlöbnisses hat sie einen schweren Stand, man spottet über sie und verdreht ihren Entschluß, der doch aus einem reinen Herzen geboren war, ins Lächerliche. Die Freier meiden unser Haus, und was soll aus ihr werden, wenn sie keinen Schutz mehr hat?

Meine Kräfte gehen zu Ende, der Brief muß noch heute zur Post, wenn ich hoffen soll, Deine Antwort zu sehen. Ich küsse und umarme Dich in Liebe als Deine treue Mutter ...“

Ganz vernichtet starrte Heino auf die von den Tränen seiner Mutter verwischten Zeilen, unfähig einen Gedanken zu fassen. Nur von Zeit zu Zeit stöhnte er auf, wenn Reue und Scham gar zu heftig brannten. Hätte die Mutter gezürnt und gescholten, wäre es vielleicht nicht so schwer zu tragen gewesen, so aber fraß es wie ätzende Säure, und jedes Wort der nachsichtigen Liebe bohrte sich wie ein Stachel in schwärende Wunden. Seit Wochen lag sie krank, keine Klage kam über ihre Lippen, sie sorgte nur, daß er’s nicht erführe, um ihm nicht die Ruhe zur Arbeit zu rauben, zur Arbeit! Erst, als sie zu fürchten begann, sie könnte ihn vielleicht nicht mehr sehen, entschloß sie sich zu einer mahnenden Bitte. Bat ihn, die Schwester nicht zu verlassen, deren Vermögen er vertan hatte ...

Und jählings sprang ihn eine Erinnerung an: Er sah sich als halbwüchsigen Knaben vor einem Bette knien, eine schwere Hand lag auf seinem Scheitel und eine Stimme, der sich nur mühsam noch die Worte formten, kam wie aus der Ferne zu ihm. „Es hat Rest gegeben, Heino, ich muß von Euch gehen, viel zu früh. Halt’ Dich aufrecht, mein Junge, und werd’ ein ganzer Mann! Du sollst einmal Mutter und Schwester die einzige Stütze sein“ ... Er hatte aufgeschrien: „Vater, bleib’ bei uns, lieber Vater!“ und, als die Hand von seinem Scheitel sank, unter Schluchzen einen Eid geschworen, er würde der empfangenen Mahnung immerdar eingedenk sein ...

Also irgend etwas mußte geschehen, nur durfte er natürlich hier nicht so untätig herumsitzen und jammern. Für sechs kurze Monate galt es Rat zu schaffen, sechs Monate nur, in denen er sich gewissenhaft vorbereiten mußte, um das Examen zu bestehen und Geld zu verdienen ...

Er hatte sich in fieberhafter Hast umgezogen. Als er auf die Straße trat, kam ein leeres Auto vorüber. Er sprang hinein: „Joachimsthaler 39“, und während der Chauffeur in kurzem Bogen wandte, um den Weg übers Schöneberger Ufer zu nehmen, überlegte er, was Onkel Reineke wohl sagen würde, wenn er nach mehr als einem Vierteljahr so plötzlich vor ihn hinträte. Damals nämlich hatte es einen vollkommenen Bruch gegeben, und heftige Worte waren gefallen zwischen ihm und dem Stiefbruder seiner Mutter, dem Oberverwaltungsgerichtsrate von Hegelingen, dem der Familienwitz den Beinamen Onkel Reineke angehängt hatte. Wegen der fuchsigen Perücke und seines hinterhältig-schlauen Wesens, das ihn überall seinen Vorteil finden ließ, bei seinen Vorgesetzten sowohl wie bei kleinen Spekulationen an der Börse oder auf dem Grundstücksmarkte, mit denen er sein Vermögen im Laufe der Jahre recht ansehnlich vergrößert hatte.

Und der Grund zu dem Zerwürfnisse hatte rein äußerlich darin gelegen, daß Heino sich eines Tages die salbungsvollen Vorwürfe verbat, zu denen Onkel Reineke sich jedesmal verpflichtet fühlte, wenn er dem Neffen mit einem kleinen Darlehen aushelfen mußte. Der wirkliche Grund aber lag tiefer, und zwar in der einfachen Tatsache, daß Heino keine Lust verspürte, sich von seiner Kusine Adelheid an den Traualtar führen zu lassen. Die nicht mehr ganz jugendliche Dame nämlich, die ungefähr im fünfzehnten Lawn-Tennis-Semester stand und seit ebensovielen Wintern jedes Wohltätigkeitsfest unsicher machte, hatte sich’s in den Kopf gesetzt, ihren Vetter Bergkem zu heiraten. Und als Heino ihren deutlichen Annäherungsversuchen hartnäckig auswich, hatte es eine wenig erquickliche Szene gegeben. Onkel Reineke sprach von schnödem Undank und dergleichen. Heino fragte, ob er’s von seinen anderen Geschäften her gewöhnt wäre, so hohe Wucherzinsen zu nehmen. Der Onkel gab zur Antwort, ein derartig verbummelter Mensch müßte überhaupt froh sein, in einer anständigen Familie unterzukommen, und der Bruch war fertig. Ein Bruch, wie er nur unter nahen Verwandten eintreten konnte. Denn fremde Menschen sagen einander die letzten Wahrheiten nicht so schonungslos ins Gesicht ...

Danach kostete es also ein großes Stück Selbstüberwindung, den Weg nach der Joachimsthaler Straße noch einmal einzuschlagen, aber es ging nicht anders, und auch Onkel Reineke mußte einsehen, daß in diesem Falle jeder kleinliche Groll zu schweigen hatte. So rachsüchtig war er denn doch wohl nicht, daß er ihn in der Not ein paar scharfe Worte entgelten ließ, die in der Erregung gefallen waren ...

Und zu Anfang ging es ganz leidlich. Die Kusine Adelheid war allein zu Hause, erzählte von ihren Balltriumphen in den letzten Monaten und machte ihre süßesten Augen, und nach einigen Minuten kam der Onkel aus dem Nebenzimmer. Verzog das faltige Gesicht mit den leicht geäderten Rotweinäuglein zu einer erstaunten Grimasse.

„Ei, sieh da, der Herr Neffe!“

Und als Heino aufstand, er bäte um die Erlaubnis, ihn ein paar Minuten lang allein sprechen zu dürfen, rieb er sich die Hände.

„So, so, ganz allein? Na, denn geh’ nur, mein Töchterchen, und hast Du dem Vetter schon Dein Geheimnis verraten?“ ...

„Noch nicht, Papa,“ erwiderte Fräulein Adelheid und verließ mit verschämtem Erröten das Zimmer.

Onkel Reineke aber ging erst ein Weilchen auf und ab und blieb schließlich stehen, die Hände auf dem sanft gerundeten Bäuchlein gefaltet.

„Also, lieber Heino, falls Du nach Deinem Mißgeschick im Examen — der Kollege Breidtschwert hat’s mir schon vor mehr als ’ner Stunde telephonisch nach dem Amte gemeldet, und Du erinnerst Dich vielleicht, daß er in Deiner Prüfungskommission saß — ja also, wenn Du vielleicht jetzt bezüglich meiner Tochter Deinen Sinn plötzlich geändert haben solltest, so bedaure ich, Dir mitteilen zu müssen, daß es dafür zu spät ist. Ein jüngerer, in mein Amt versetzter Kollege bewirbt sich ernsthaft um ihre Hand. Ich bin geneigt, diesem Liebesbunde meinen väterlichen Segen zu geben.“

Heino griff sich nach dem Halse, ein Ekel stieg ihm auf, aber er bezwang sich.

„Lieber Onkel, ich gratuliere. Aber Du irrst Dich, ich bin nicht hergekommen, um mir bei Adelheid einen Korb zu holen, ich brauche Deine Hilfe. Für heute handelt sich’s nur um eine verhältnismäßig geringfügige Summe, aber ich habe eine schwere Zeit vor mir, in der ich selbst noch nichts verdienen kann, und da wäre es mir eine rechte Beruhigung, wenn ich auf Deinen Beistand zählen könnte.“

Onkel Reineke zog die Augenbrauen in die Höhe, so daß die fuchsige Perücke sich an der Stirn leicht anhob.

„Ach, sieh mal an! Und ich hatte immer geglaubt, Du machtest in den Spekulationen mit dem Vermögen Deiner Schwester geradezu glänzende Geschäfte?!“

Da stöhnte Heino auf. Jetzt wußte er, wer bei seiner Mutter den heimtückischen Angeber gespielt hatte, aber er bekämpfte wacker den aufsteigenden Zorn.

„Onkel, höhn’ mich nicht noch dazu, Du weißt nicht, wie es in mir aussieht! Und sag’ ja oder nein. Mit Vorwürfen bin ich von mir selbst aus schon reichlich versehen!“

„Also denn nein!“ Der Oberverwaltungsgerichtsrat von Hegelingen richtete sich auf und schob den Zeigefinger mit dem Wappenring in die Weste. „Wer so ruchlos und freventlich ...“

Weiter kam er nicht, denn Heino fiel ihm mit einem bittern Auflachen ins Wort.

„Lieber Onkel, laß sein! Zum Wüstenprediger fehlt Dir jeder Beruf! Spielen tust Du auch, Deine patentierte Frömmigkeit hält Dich nicht davon ab, zuweilen ein leckeres Früchtchen von dem verruchten Giftbaum der Börse zu pflücken, und das übrige, der sogenannte lasterhafte Lebenswandel? Lieber Onkel Reineke, mancher treibt ihn noch in seinem hohen Alter, aber selbstredend nur zu Studienzwecken und um sich hinterher sittlich über das wohlgefällig Gesehene zu entrüsten! Und nun gehab’ Dich wohl, mehr haben wir uns in diesem Leben wohl nicht zu sagen!“

Onkel Reineke sprang erst zur Tür des Nebenzimmers, um sich zu vergewissern, daß seine Tochter wieder einmal gelauscht hatte, dann hob er die Hand mit dem Wappenring und donnerte so laut wie es sein Asthma zuließ: „Hinaus! Hinaus! Du schnöder Verleumder, der sich nicht entblödet, ernsten Männern unsittliche Motive unterzuschieben, wenn sie in den Höhlen des Lasters ...“

„Sich auch mal amüsieren wollen,“ vollendete Heino, als dem andern der Luftmangel die Stimme abschnitt, „und streng Dich nicht an! Pathos unter zweien, die sich gut kennen, ist unnütze Kraftverschwendung. Ich wünsche Dir herzlich, Du sollst auch mal irgendwo eine Viertelstunde lang um Dein Leben betteln, aber hab’ keine Angst, dieser Wunsch geht, wie alle frommen Wünsche, nicht in Erfüllung. Du bist ein braver Mann und wirst mal im Herrn sterben!“

Draußen vor der Tür spie er heftig aus, und es war ihm ordentlich leicht zumute, daß er nach der heimtückisch vorbereiteten Ablehnung sich nicht noch weiter in nutzlosen Bitten gedemütigt hatte. Lieber zu einem Wucherer gehen und Blutzinsen zahlen, als jeden Hundertmarkschein mit einer Erniedrigung zu erkaufen ...

Es dunkelte schon, als Heino die Treppe zu seiner Wohnung emporstieg. Müde und zerschlagen und in einer Art gleichgültigen Stumpfsinns, denn alle Versuche, wenigstens die Summe aufzutreiben, die er am Abend zurückerstatten mußte, waren vergebens gewesen. Den einen der in der Lebewelt bekannten Wucherer hatte er nicht zu Hause getroffen, der zweite mußte erst Erkundigungen einziehen, und der dritte wollte das Geld in emaillierten Kochgeschirren und einem fehlerfreien Damenreitpferd beschaffen, falls der Herr Baron für den Wechsel noch eine zweite, einigermaßen sichere Unterschrift beibrächte.

Damit war ihm nicht gedient, denn der Klubkassierer hatte ihm ja keine Kochgeschirre geliehen, sondern bare zweitausend Mark, und die waren gegen zehn Uhr abends, der üblichen Klubstunde, fällig auf Ehrenwort. Also blieb nichts anderes übrig, als mit einer plausiblen Ausrede einen Aufschub zu erbitten, um morgen früh die Jagd nach den paar tausend Mark von neuem zu beginnen. Der bequeme Weg aus allen Sorgen und Nöten, an den er noch vor wenigen Stunden leichtfertig gedacht hatte, war jetzt ja, nach dem Briefe der Mutter, verriegelt für alle Zeiten ...

In dem halbdunkeln Zimmer stand einer vom Sofa auf, der dort wohl auf ihn gewartet hatte. Er mußte erst näher hinzutreten, um das Gesicht zu erkennen: der Kollege Brenitz! Er drehte das Licht auf und sagte in einem Tone, der scherzhaft klingen sollte: „Na, Kollege, wollen Sie mir kondolieren? Und entschuldigen Sie mich gütigst, daß ich Ihnen die dreihundert Mark nicht zurückgeben kann, aber ich bin nach meinem Desastre vor der hohen Prüfungskommission noch nicht recht zu mir gekommen.“

Peter trat ein wenig näher.

„Verzeihen Sie, ich hätte Sie heute nicht mehr belästigt, aber ich habe einen Auftrag.“

Heino hob den Kopf.

„Nanu? Sollte ich vielleicht unwissentlich einen gekränkt haben, und Sie wollen’s wieder einrenken?“

Peter Brenitz faßte nach seinem ins Rutschen geratenen Klemmer.

„Es handelt sich nicht um solche Unbeträchtlichkeiten. Vielleicht entsinnen Sie sich, daß Sie einmal vor Wochen aus meiner Wohnung und auf einem meiner Briefbogen nach Hause schrieben. Daher hat Ihr Fräulein Schwester wohl meine Adresse, und daher mag der Auftrag stammen, mit Ihnen ein paar Worte zu sprechen.“

Heino griff in die Tasche und steckte sich eine Zigarette an.

„Verbindlichsten Dank, lieber Kollege, aber haben Sie Gnade! Mir ist schon ganz elend vor lauter Selbstvorwürfen, und alle irgendwie erdenklichen Beleidigungen habe ich mir bereits eigenhändig zugefügt. Wenn Sie mir also nichts anderes zu sagen haben?!“

„O doch! Nur sollte ich Sie meinem Auftrage gemäß erst schonend vorbereiten. Und jetzt nehmen Sie Ihr Herz in beide Hände, Heino ...“

Er schrie auf: „Meine Mutter?“

„Ja, Ihre Frau Mutter ist heute mittag gegen zwei Uhr sanft eingeschlafen. Wenn es Ihnen ein Trost ist, mit Ihrem Namen auf den Lippen. Vorne an der Freitreppe erklang die Glocke, und da richtete sie sich freudig auf: Horch, Brigitte, die Nachricht. Er hat’s bestanden, der Heino ...“

„Ah, pfui Teufel über mich!“

Der lange Heino griff in die leere Luft, schwankte einen Augenblick und stürzte wie ein gefällter Baumstamm zu Boden. Eine Weile lag er regungslos, dann schrie er auf und stoßweises Schluchzen erschütterte seinen mächtigen Körper. „Ich Lump, ich Vieh, und speit mich an, alle, die Ihr herumsteht, ich habe meine Mutter gemordet. Wie ein brünstiges Tier rannte ich hinter meiner Leidenschaft her, ihr aber brach langsam das Herz ...“

Wie von Sinnen gebärdete er sich, riß die Haare und krallte die Nägel in den Teppich. Peter Brenitz aber kniete ratlos daneben, streichelte ihm den Kopf und sprach allerhand Worte, von denen er annahm, daß sie dem andern ein Trost sein könnten. Er trocknete ihm die Augen, wischte ihm den Schaum vom Munde, tröstete und barmte, bis er den Verzweifelten allmählich vom Boden in einen Stuhl brachte. Dann aber rüttelte er ihn an der Schulter.

„Jetzt nehmen Sie sich zusammen, Heino, in anderthalb Stunden geht Ihr Zug. Ihre Schwester steht ganz allein da und hat außer Ihnen keine Hilfe!“

Heino stöhnte ratlos auf: „Ich ... ich ...“

„Ja, ich weiß. Sie haben mir’s schon vorhin gesagt, daß Sie in all dem Wirrwarr keine Zeit hatten, auf die Bank zu gehen, aber was liegt daran? Wenn Sie zurückkommen, geben Sie’s mir wieder. Die Geschichte mit dem Klubkassierer bringe ich gleich nachher in Ordnung, und hier sind zweitausend Mark — Sie müssen entschuldigen, aber mehr habe ich nicht bei mir. Ich schicke morgen einen Kranz, vielleicht haben Sie die Güte, ihn auf das Grab Ihrer Frau Mutter zu legen. Sie war gut und freundlich zu mir, und es tat mir damals von Herzen leid, daß die Verhältnisse mich nötigten, nach so kurzer Bekanntschaft wieder fortzugehen.“

Heino hatte mit einer mechanischen Bewegung das Geld in die Tasche geschoben, eine ganze Weile saß er schweigend, nur seine Brust hob und senkte sich in mächtiger Bewegung.

„Womit verdiene ich das alles bloß?“ Es klang fast wie ein Aufschrei. Peter Brenitz aber lächelte nur trübe.

„Das haben Sie mich, wenn ich mich recht erinnere, schon einmal gefragt, als ich mich wie ein Pharisäer über Sie erhob. Und da ist mir nachher eingefallen, es wäre vielleicht manches besser auf der Welt, wenn die Menschen einander nicht immer so viel nachrechnen wollten. Im guten nicht und nicht im bösen ...“

Der lange Heino atmete tief auf und zog den andern in seine Arme, sah ihm fest in die Augen.

„Es ist gut, Peter Brenitz, wollen nicht rechnen, sonst ständ’ ich vielleicht noch kläglicher da. Aber der Teufel hol’ mich, wenn ich Dir diese Stunde jemals im Leben vergesse!“ — — —

Peter hatte den Freund zur Bahn gebracht und, während sie in der weiten Halle auf und nieder schritten, um den Zug zu erwarten, manches mit ihm besprochen, was die nächste Zukunft anging. Heino, wie immer rasch von Entschluß, hegte die Absicht, den ihm ohnedies wenig zusagenden Beruf des Juristen an den Nagel zu hängen und sich der Bewirtschaftung des heimatlichen Gutes zu widmen. Diesen Entschluß hielt er in seiner Lage für den einzigen Weg, sich und der Schwester eine bescheidene Existenz zu gründen, während ein schleuniger Verkauf bei der Lage der Verhältnisse zu einem gänzlichen Zusammenbruche führen mußte. Peter jedoch widersprach eifrig und führte allerhand Gründe ins Feld, die diesen Plan wenig aussichtsvoll und verlockend erscheinen ließen. Zum ersten verstände Heino doch wohl nicht genug von der Landwirtschaft, um sich an eine so schwierige Aufgabe zu wagen, zum zweiten aber wäre er nicht der Mann, bei so mühseliger und wenig Ertrag verheißender Arbeit auszuharren. Anlage und Begabung wiesen ihm vielmehr den Weg zu einer anders gearteten Tätigkeit, zu irgendeinem freien Berufe, mitten im modernen, großzügigen Erwerbsleben, in dem er all seine reichen Gaben und Fähigkeiten voll entfalten könnte.

In Heinos blauen Augen leuchtete es auf, er sah sich schon an der Spitze eines riesenhaften Unternehmens, in dem er mit zäher Arbeit und frisch zupackender Energie ungemessene Werte schuf.

„Das wär’ schon was für mich, aber wo herkriegen und nicht stehlen?“

„Man müßte eben danach suchen,“ erwiderte Peter, „und wenn es zu Anfang vielleicht auch nur ein bescheidener Platz ist, so bietet er doch die Gelegenheit zu raschem Aufsteigen. Da geht’s danach, was einer leistet, nicht aber nach der Ochsentour der sogenannten Anciennität.“

Er hatte schon seinen Plan für die Zukunft des Freundes, nicht erst seit heute und gestern, ehe er aber seiner Sache selbst noch nicht sicher war, mochte er sich nicht näher darüber auslassen.

„Schön,“ sagte Heino, „aber meine Schwester? Ich kann das arme Ding mit seinem Kummer doch nicht in ein Pensionat sperren, wenn ich hier irgendwo als Lehrling anfange?“

Peter griff nach seinem Klemmer und sah ein wenig verlegen zur Seite, denn er wußte jetzt ganz genau, daß er in diesem Augenblicke höchst eigensüchtigen Zielen nachging.

„Fräulein Brigitte? Nun, was hindert Sie — entschuldige — was hindert Dich daran, mit ihr hier eine gemeinschaftliche Wohnung zu beziehen? Wenn ich mich recht erinnere, sprachst Du vor einiger Zeit davon, sie hätte die Absicht, sich der Krankenpflege zu widmen. Wo könnte sie diese Absicht besser verwirklichen als in Berlin? Niemand kennt sie hier, niemand fragt nach ihren Gründen, und falls ihr der Beruf eines Tages vielleicht nicht mehr zusagen sollte, wird’s ihr niemand verargen, wenn sie ihn wieder aufgibt.“

Und Heino hatte den Freund verstanden. Trotz allen schweren Kummers flog über sein Gesicht ein Lächeln.

„Das klingt nicht dumm und hat was für sich. Jedenfalls will ich’s ernsthaft mit ihr besprechen!“

Und unwillkürlich flogen seine Gedanken zu einer Stunde zurück, da er mit einer jetzt Dahingegangenen andere Pläne für Brigittes Zukunft geschmiedet hatte. Seither hatten sich die Zeiten gewandelt und sein Sinn mit ihnen. Was er damals mit schroffem Hochmute von sich gewiesen, erschien ihm heute als ein erstrebenswertes Ziel, denn der Kleine da neben ihm war ein herrlicher Mensch, ein besserer Edelmann vielleicht als mancher, der sich stolz mit den Verdiensten seiner Ahnen brüstete ...

Der Zug, der nach dem Osten führte, rollte donnernd in die weite Halle. Weißlicher Dampf erfüllte den hochgespannten Bogen. Gepäckträger und hastende Reisende drängten eilig zu den geöffneten Türen. Heino schlang dem Freunde den Arm um den Hals und küßte ihn auf den Mund.

„Leb wohl, kleiner Peter, Dank für alles! Und, wenn ich heimkomm’, darf ich grüßen?“

Er schwang sich auf das Trittbrett. Der andere aber suchte nach der passenden Erwiderung, bis der Zug sich schnaufend und fauchend in Bewegung setzte. Eine jäh aufsteigende Hoffnung war ihm ins Herz gedrungen und hatte ihm ein paar Augenblicke lang die Rede verschlagen. Nachdem er aber endlich die richtigen Worte gefunden hatte, war der Zug längst schon zur Halle hinaus, nur ein paar rote Laternen leuchteten noch im Dunkel auf, um bei der nächsten Biegung zu verschwinden. Der Bahnsteigbeamte zog an dem Signalmaste eine neue Tafel, neue Fahrgäste drängten sich in der Halle, jeder seinem Ziele zu. Peter aber stand noch geraume Zeit auf der Stelle, an der er von dem Freunde Abschied genommen hatte. Und seine Gedanken flogen dem eilenden Zuge voraus, an dem Ufer des Sees entlang, über kahle Hügel mit dürftigem Wacholdergestrüpp und schweigendem Tannenwald zu einem alten Hause unter ragenden Linden. Dort saß eine, lauschte dem Wehen des Frühlingswindes, der hier sein heimliches Werben trieb wie dort, und hielt mit bangem Herzen die Totenwacht am Bette der Mutter. Grämte sich und barmte in ihrer Verlassenheit und wußte vielleicht nicht, daß fern von ihr einer sich in Sehnsucht verzehrte, bereit, sein Leben hinzugeben, um auf das Gesicht der armen Prinzessin wieder ein Lächeln zu locken ...

Hinter einem der vergitterten Erdgeschoßfenster des Hauses Brenitz in der Behrenstraße war Licht. Der alte Herr Geheimrat saß einsam in seinem Privatkontor und sann irgendeinem weitausschauenden Plane nach. Aber die sonst so schaffensbereiten Gedanken fügten sich nur mühsam dem zwingenden Willen, ganz als wären sie müde geworden. Sie blieben schließlich an einem leeren Platze haften, zu dem einer trotz aller Mahnungen nicht den Weg finden wollte ..

Draußen im Flur erklang die Glocke. Der alte Herr hob überrascht den Kopf, und eine kurze Weile danach trat der auf die Schwelle, dem seine sehnenden Gedanken gegolten hatten. Und er nahm die plötzliche Erscheinung als ein gutes Zeichen für die Erfüllung seiner heimlichen Wünsche, aber er verbarg die unwillkürlich aufsteigende Bewegung hinter einem Scherzwort.

„Nanu, Peter? Wo brennt’s denn, daß Du so spät noch Deinen alten Onkel aufsuchst?“

Peter folgte nicht der einladenden Handbewegung, sondern blieb stehen. Und in einem Atem sprudelte er das Anliegen heraus, das ihn in das väterliche Stammhaus geführt hatte.

„Lieber Onkel, Du hast mich oft gefragt, ob ich nicht hier in diesem Kontor den Platz einnehmen wollte, an dem einmal vor Zeiten mein Vater gesessen hat. Ich selbst kann ihn nicht ausfüllen, denn mir fehlt alles, was dazu nötig wäre, aber ich wüßte Dir einen, der an meine Stelle treten könnte. Ein prächtiger Mensch, den der liebe Gott in einer besonders guten Stunde erschaffen hat, treu, offen und bieder, dabei aber von erlesener Klugheit. Wenn andere sich mühsam den Kopf zerbrechen, hat er längst schon die Lösung. Er war bisher Jurist, aber der eng umschlossene Beruf gewährt ihm wenig Befriedigung. Er sucht etwas anderes, wo er seine großen Fähigkeiten besser verwerten könnte.“

„So, so,“ sagte der alte Herr. „Das klingt ja sehr verlockend und kommt meinen Wünschen recht entgegen. Ich suche auch schon lange nach einem, auf dessen Schultern ich ein Teilchen von meinen Lasten abladen könnte. Nur vertrauen müßte ich ihm können wie Dir, denn hier in diesem Hause spinnt sich manches an, was verfehlt wäre, wenn man’s vorzeitig auf die Gasse tragen würde.“

„Vertrauen?“ Ueber Peters schmales Gesicht flog ein Lächeln. „Würde ich wohl für ihn eintreten, wenn ich für ihn nicht bürgen könnte, wie für mich selbst?“

Der Geheimrat Brenitz stand auf, der Fall fing an ihn zu interessieren.

„Wie heißt denn der Freund, für den Du Dich so ins Zeug legst?“

„Heino Freiherr von Bergkem!“

„Sieh mal an! Die Traditionen der Väter setzen sich also in den Söhnen fort! Der Name ist immerhin eine gewisse Empfehlung. Aber, verzeih, wenn ich in einer so wichtigen Frage ein wenig vorsichtig bin. Ein junger Herr aus altadligem Hause, der sein Fortkommen in einem Bankgeschäft sucht, ist eine etwas ungewöhnliche Erscheinung, Du wirst es mir also wohl nachsehen, wenn ich nach den Gründen forsche.“

Da senkte Peter, ein wenig beklommen, den Kopf.

„Er ist heute im Assessorexamen durchgefallen und hat gestern im Klub sein letztes Geld verspielt.“

Der alte Herr lachte belustigt auf.

„Das ist allerdings eine seltsame Empfehlung! Und wenn ich sie in einer trockenen Auskunft lesen würde, glaube ich nicht, daß ich mich mit diesem Herrn von Bergkem noch lange beschäftigen würde. Aber ich schätze, Du wirst nicht bloß in blinder Freundschaft gehandelt haben, sondern aus dem Gefühl heraus, Deinem alten Oheim und der väterlichen Firma einen Dienst zu erweisen?“

„Lieber Onkel,“ sagte Peter mit einem tiefen Aufatmen, „das ist das rechte Wort. Und wer weiß, ob mein Freund Heino ohne dieses doppelte Unglück sich bereit finden lassen würde, in irgend jemandes Dienste zu treten. Trotz seines Durchfalles ist er vielleicht ein besserer Jurist als alle, die neben ihm das Examen bestanden haben. Was aber seine Leidenschaft für das Kartenspiel anlangt, so glaube ich aus ganz besonderen Gründen, er ist geheilt für alle Zeiten. Seine Mutter hat sich’s so zu Herzen genommen, daß sie darüber vor Kummer und Gram gestorben ist.“

„Tut mir leid,“ erwiderte der Geheimrat Brenitz, aber es war ungewiß, was er damit meinte. Den Tod der alten Dame oder die Heilung des Freiherrn von Bergkem von seiner Leidenschaft. In der Schilderung des Neffen war manches, was ihn lockte, diesen jungen, so vielfältig begabten Menschen einmal anzusehen; wie es aber seine Art war, lenkte er das Gespräch in eine andere Bahn, um unterdessen Zeit zu reiflicher Ueberlegung zu finden. Und was hätte ihm wohl näher gelegen als die Ereignisse in der eigenen Familie?

„Apropos, hast Du in der letzten Zeit mal die geborene Guggenheimer gesehen? Nicht? ... Das tut mir leid, so klein ist sie nach der Scheidung geworden!“ Und er deutete mit der Rechten eine ganz unwahrscheinlich niedrige Entfernung vom Boden.

„Geht herum mit ’nem Gesicht, als wenn sie immer um Entschuldigung bitten wollte, und interessiert sich neuerdings für die Liste der unverheirateten Rechtsanwälte, was meiner Ansicht von vornherein das Richtige gewesen wäre. Leider um einiges zu spät, denn meine arme Aelteste hat erst den verfehlten Umweg über diesen adligen Herrn von Krotthelm nehmen müssen, um einzusehen, daß sie eine närrische Mutter hat, und ich bitte Dich — was ist das schon für ’ne Sorte Rechtsanwalt, unter der sie als Geschiedene jetzt noch die Auswahl hat? Keiner aus dem Tiergartenviertel und aus den alten Familien, denn die haben’s nicht nötig, ihre Frauen second hand zu kaufen. Also irgendeinen jungen Mann aus Breslau oder Posen oder noch weiter her. Und ich, der Geheimrat Brenitz, muß tief in den Geldschrank steigen, um seine Liebe zu wecken! ... Seit heute früh aber hat die geborene Guggenheimer einen neuen Sport. Sie sucht nach ’nem Lebensretter für meine Zweite, die Frida.“

„Verzeih,“ sagte Peter,„ aber das ist mir unverständlich.“

„Mir auch,“ erwiderte der Geheimrat, „aber sie sucht nach ihm und setzt mir zu, mich an diesen Recherchen zu beteiligen. Am liebsten hätte sie schon eine Annonce in ihrem Leiborgan losgelassen, aber ich hab’s ihr begreiflich gemacht, der, den’s angehen könnte, schiene mir seinem ganzen Verhalten nach kein gewerbsmäßiger Leser des Heiratsmarktes zu sein.“

„Nimm’s mir nicht übel, lieber Onkel, aber das Ganze ist mir ein Rätsel. Ist denn Frida irgendwie in Gefahr gewesen, daß Du von einem Lebensretter sprichst?“

„Mein Söhnchen,“ erwiderte der alte Herr, „die Gefahr — Gott behüte — würde vielleicht erst anfangen, wenn sie diesen sogenannten Lebensretter persönlich kennen lernte. Ganz trocken aber erzählt, liegt die Sache so. Meine Frau ist gestern nacht gegen zwei Uhr von einem Wohltätigkeitsfest bei Kroll durch den Tiergarten nach Hause gefahren. Unterwegs in der Lichtenstein-Allee hatten sie eine Panne, und allerhand Gesindel sammelte sich um den Wagen. Da kam mit einem Male ein elegant gekleideter junger Mann aus dem Dunkel, verdrosch das Gesindel und entfernte sich nach getaner Arbeit wie der Ritter im „Handschuh“ von Schiller. „Den Dank, Dame, begehr’ ich nicht!“ Das, muß ich sagen, hat mir sehr gefallen, denn sonst sind solche Herren meistens schnell bei der Hand, an der zuständigen Stelle die Quittung zu präsentieren.“

„Hm,“ sagte Peter nachdenklich, „wie sah denn dieser Lebensretter aus?“ Eine gewisse Uebereinstimmung in der Zeit hatte ihn stutzig gemacht und die nachträgliche Feststellung, daß der lange Heino ebenfalls gegen zwei Uhr nachts den Weg nach dem Tiergarten eingeschlagen.

„Wie er aussah?“ erwiderte der Geheimrat, „nun, da gehen die Schilderungen ziemlich weit auseinander. Meine Tochter Frida sagt einfach, wie ein „Held“, in der Erzählung der geborenen Guggenheimer ist’s ’ne Art Kreuzung des Apoll von Belvedere mit unserem Landsmann Simson, der seinerzeit die Philister schlug. Mein Chauffeur aber sagt, es wäre ein eleganter junger Mann gewesen in Zylinderhut und langem Paletot, und er hätte mit der Rotte Korah erst sein lustiges Späßchen getrieben, ehe er sich daran machte, sie zu verdreschen.“

Da lächelte Peter still vor sich hin, denn jetzt glaubte er’s ganz genau zu wissen, wer dieser geheimnisvolle Lebensretter war, aber er empfand fast ein Gefühl des Neides gegen den Bruder Leichtfuß, der sich wieder einmal, vielleicht ohne es zu wollen, für seine zukünftige Laufbahn das beste Bett bereitet hatte ...

Nach einer Weile fragte er: „Lieber Onkel, verzeih, aber Du bist mir noch immer die Antwort auf meine Frage schuldig. Würdest Du also vielleicht geneigt sein, den Herrn von Bergkem in Dein Geschäft aufzunehmen? In irgendeiner Stellung, in der er nach angemessener Vorbereitung seine besonderen Fähigkeiten zeigen könnte, als Volontär etwa oder meinetwegen als Dein Privatsekretär?“

Der alte Herr Geheimrat hob den klugen Kopf mit dem mächtigen Schädel.

„Ich denke, darüber waren wir uns doch schon einig? Also schick’ ihn her, Deinen Freund, und ich will ihn mir ’mal ansehen. Aber — verzeih, im Augenblick nämlich hab’ ich’s wieder vergessen — wie hieß die Schwester dieses Herrn von Bergkem mit Vornamen?“

„Brigitte,“ antwortete Peter rasch, und zu spät erst merkte er mit jähem Erröten, daß er in eine geschickt gelegte Falle getreten war.

„So, so,“ sagte der alte Herr, „Brigitte! Ein sympathischer Name, und ich erinnere mich jetzt, ihn mal vor Zeiten, ehe Du krank aus Ostpreußen zurückkamst, in einer Auskunft gelesen zu haben. Du aber, mein Söhnchen, nimm Dich in acht, daß er Dir nicht etwa auch hier das Klima verleidet. Vielleicht ist’s nicht gesund für Dich, mit diesem Fräulein Brigitte ein und dieselbe Luft zu atmen.“ — — —