3.

Es kamen die Wochen, die der Chef vorausgesagt hatte. Wochen, die an die Arbeitskraft der Herren in seiner Abteilung Anforderungen stellten, denen man nur mit erhöhter Anspannung des Pflichtbewußtseins gewachsen war. Zu einer Maschine wurde man, die ihr Letztes herzugeben hatte. Nach Mitternacht vom Bureau ins Bett, ein paar Stunden Schlaf und wieder ins Bureau. Minuten für das Frühstück, eine Viertelstunde fürs Mittagessen ... ein rasendes Eilzugstempo in der Arbeit, die trotz aller Hetze bis aufs letzte Tüpfelchen stimmen mußte, und immer dabei das niederdrückende Gefühl, das Ganze wäre nicht viel anders als eine spielerische Schachpartie. Die Diplomaten schoben gut und schlecht Wetter wie ein Regisseur im Theater die hellen und dunklen Wolken auf der Leinwand. In der letzten Woche endlich sah es wieder so aus, als hätte die ganze Arbeit einen wirklichen Zweck gehabt. Der »politische Horizont« verfinsterte sich, »Krieg, es gibt Krieg,« lief es durch alle Gassen. Das große Haus am Königsplatze glich jedem Wissenden als eine rastlos im stillen arbeitende Maschine, deren aufgespeicherte Leistung sich in einem langhinzündenden Schlage entlud ... Da endlich ein Aufatmen, die Arbeit war fertig, es konnte losgehen. Wie bei einer schweren Mensur: »Herr Unparteiischer, wir von unserer Seite sind bereit ...« Der oberste Kriegsherr hatte nur das Wort zu sprechen, das ein ganzes Volk zu den Waffen rief, und der sorgsam vorbereitete Apparat funktionierte wie eine seit Jahren eingespielte Maschine ... Nirgends eine Stockung ... Die Hunderte sammelten sich in den kleinen Städten und Dörfern. Die Tausende flossen zusammen in größere Rinnsale, und schließlich schieden sie sich in zwei gewaltige Ströme nach Westen und Osten ...

Der Abteilungschef rief seine Untergebenen zusammen. Die Augen standen ihm hohl unter der Stirn, denn er hatte sich mehr zugemutet als all die übrigen.

»Ich danke Ihnen, meine Herren, ich glaube sagen zu dürfen, wir haben unsere Schuldigkeit getan. Wir sind fertig. Seine Majestät brauchen nur auf den Knopf zu drücken, um sich davon zu überzeugen. Na denn: Guten Abend allerseits ...«

Kein Hurra danach, keine chauvinistische Phrase, nur man trennte sich mit leuchtenden Augen. Es war mehr wert als ein Orden, daß der im Dienste sonst so wortkarge Chef sich zu dieser unerhört langen Rede aufgeschwungen hatte.

Gaston von Foucar hatte sich mit mehreren, gleich ihm unverheirateten Kameraden zu einem kleinen Zivilbummel verabredet. Erst in ein Weinrestaurant in der Französischen Straße, um dort einer guten Flasche den Hals zu brechen, endlich einmal etwas Ordentliches zu essen nach all den entbehrungsreichen Wochen, und dann wollte man weiter sehen ... Je nach der Stimmung. Ein bescheidenes Glas Bier oder schäumenden Sekt irgendwo, wo es Musik gab und fesche Mädel. Aus der einen Flasche wurden mehrere, man entschied sich für den »unsoliden Lebenswandel«. Wer mochte wissen, ob er in wenigen Wochen nicht schon ein toter Mann war! Da schlugen auch ernsthafte Leute mal über die Stränge ...

In dem eleganten Ballokal in der Jägerstraße war »großer Betrieb«. Alle verfügbaren Plätze besetzt, in dem Mittelraum ein Gewoge tanzender Paare, helle Toiletten und schwarze Fracks ... über den weißen Hemdbrüsten gebräunte Gesichter mit deutlich abgesetzter, heller Stirn ... ein reichliches Schock von Provinzleutnants, die das Boxer-, Schmirgel- oder sonstige Kommando für ein paar kurze Wochen nach Berlin geführt hatte. Die Musik spielte den neuesten Schlager aus einer Posse, ein Walzerlied, dessen Refrain unwillkürlich zum Mitsingen herausforderte. Sektpfropfen knallten dazwischen, sinnlose Schreie, Schwatzen und Lachen ... eine Welle von Licht, Lärm und überschäumender Tollheit schlug den Eintretenden entgegen.

Einer der Kameraden verhandelte mit dem »Herrn Direktor« über die Frage, für fünf Personen Platz zu schaffen. Gaston stand an dem Eingange zum Tanzsaal, ein schlankes blondes Mädel stieß ihn an.

»Du, dös' nich so! Da oben winkt Dir Eene egalwech zu, schon fast 'ne halbe Stunde.«

Er hob den Kopf, sein Blick folgte dem ausgestreckten Arm ... wahrhaftig, da oben aus einer Loge winkte ein Fächer, und ein paar Augen lachten ihm zu, an die er in diesen Zeiten kaum einmal ganz flüchtig zurückgedacht hatte ... Und jetzt hatte ihn auch der Gatte der schönen Frau Rheinthaler erspäht. Er legte die Hände an den Mund und rief etwas herunter, in dem Lärm jedoch war kein Wort zu verstehen. Da gab es kein Ausweichen mehr. Gaston entschuldigte sich für ein paar Minuten bei seinen Kameraden und stieg die breite Treppe empor, die zu den Logen führte. Mit Verwunderung und einigen Gewissensbissen. Wie, zum Teufel, kamen diese Leute hierher, wo doch nur die ganz unzweideutige Gesellschaft verkehrte? Und er entsann sich, eigentlich wäre es doch seine Pflicht gewesen, nach der ersten Einladung damals seine Karte abzugeben. Auch sonst hatte er sich an jenem Abend ein wenig rauh benommen. Aber Frau Josepha ließ es ihn nicht entgelten, streckte ihm mit aufrichtiger Freude die Hand entgegen.

»Grüß Gott, Herr von Foucar! Und ich glaubt' meinen Augen nicht trauen zu dürfen ... wie kommen Sie denn hierher? Der Gerechte unter die Gottlosen?«

Er beugte sich über die schmale Hand mit den funkelnden Ringen: »Ein Junggeselle hat ab und zu mal das Recht, sich eine Nacht um die Ohren zu schlagen, aber Sie, gnädige Frau?«

Frau Josepha zuckte mit den Achseln.

»Meinen's, ich tu's zu meinem Vergnügen? Die neueste Marotte meines Mannes. Aber, Fritz, möchtest Du nicht ...«

Herr Rheinthaler nannte ein paar Namen der Herren und Damen, die in der Loge saßen, es folgten einige Verbeugungen, dann fragte er laut: »Nicht wahr, Herr Hauptmann, wenn ich mich recht entsinne, Sie sind doch im Generalstab?«

»Zu dienen ...«

»Also, gibt's nu endlich Krieg oder Frieden? Man kommt aus den ewigen Beunruhigungen ja gar nicht mehr raus: soll man fixen oder kaufen?«

»Pardon, diese Ausdrücke sind mir unverständlich.«

Die herumsitzenden Herren lachten kurz auf, Herr Rheinthaler schnitt eine Grimasse.

»Beneidenswerter Mensch! Ich wollte, mir wären sie auch unverständlich geblieben, diese Ausdrücke – da hätte ich viel Geld erspart! Also ich wollte fragen, ob man jetzt an der Börse auf Hausse oder Baisse spekulieren soll. Wenn man einen sicheren Tip besitzen würde, könnte man einen hübschen Posten auf Gewinnkonto verbuchen.«

Gaston parierte die taktlose Anzapfung mit einem Scherz, der die Lacher auf seine Seite brachte.

»Ich glaube, Sie verwechseln mich mit Sr. Exzellenz dem Herrn Kriegsminister. Aber ich fürchte, auch der könnte Ihnen keine ganz sichere Auskunft geben.«

Ein Herr mit glattrasiertem Gesicht, der neben Frau Josepha gesessen hatte, stand auf.

»I muß eh' schon z' Haus, die verwaisten Kinder schreien nach ihren Vatter! Also, wenn's meinen Platz hab'n wolln, Herr Hauptmann ...« Er fühlte einen Widerwillen, klappte die Hacken zusammen.

»Bitte sehr, sich durch mich nicht stören zu lassen! Meine Kameraden, mit denen ich hierher gekommen bin, erwarten mich.«

Frau Josepha stand auf, drückte den glattrasierten Herrn auf seinen Platz zurück.

»Sie kommen noch früh genug in den Klub, Ihre paar Kreuzerln los zu werden ... und erlauben's mal ...« Sie trat aus der Loge, raffte ihr Kleid mit beiden Händen und machte vor Gaston einen leichten Knix.

»Für mich haben's vielleicht noch ein paar Minuten übrig. 'Damenwahl' hat der Maître unten ausgerufen ... darf ich bitten, Herr Hauptmann?«

Er trat unwillkürlich einen halben Schritt zurück.

»Um Gottes willen, gnädige Frau, das geht doch nicht ...«

»Ah was ...« Sie warf den Kopf in den Nacken. »Es geht schon in einem hin, und mir ist halt gerad' so zumut.«

Da verneigte er sich schweigend, bot ihr den Arm und führte sie die Treppe hinab. Die Musik spielte einen Wiener Walzer mit seltsam aufreizendem Rhythmus. Er mußte aus einer bekannten Operette stammen, die meisten der Tänzerinnen in phantastischen Hüten und fliegenden Seidenfähnchen sangen zu der Melodie den Text: »Wo steht denn das geschrieben, daß man soll einen lieben? Man liebt oft mehrere, bald Leichtere, bald Schwerere ...« Einen hellen Juchzer gab es jedesmal, die Herren schwenkten ihre Damen hoch in die Luft. Frau Josepha legte sich in seinen Arm, er führte sie die erste Runde, als wenn er auf dem Hofballe im Weißen Saal von einer Prinzessin befohlen gewesen wäre. Da spürte er einen leichten Druck, seine Tänzerin schmiegte sich näher an ihn, und er griff zu. Schließlich war er doch kein Säulenheiliger, und er hatte zwei Flaschen alten Rauenthaler im Leibe, das Blut ging ihm rascher als sonst durch die Adern. Da tanzte er wie all die anderen Paare ringsum ... wenn es ihr recht war, weshalb sollte er nicht? Und zum ersten Male sah er, wie schön die Frau eigentlich war, die, anscheinend dem Tanze ganz hingegeben, in seinem Arme dahinflog ... wie eine Feder so leicht. Den Kopf hatte sie ein wenig zurückgelegt, die Augen hielt sie halb geschlossen, unter den leicht geöffneten Lippen blitzten die weißen Zähne, und die feinen Nasenflügel zitterten. Da ging ihm das erhitzte Blut mit der kühlen Ueberlegung durch, mitten im dichtesten Gewühl beugte er sich nach vorn, preßte eine Sekunde lang seine Lippen auf den schneeweißen Hals, da wo er sich aus dem spitzenbesetzten Kleidersaum hob. Sie schauerte leicht zusammen, ließ die Arme sinken: »Bitte, führen Sie mich wieder nach oben!«

Auf der Treppe blieb er einen Augenblick lang stehen.

»Sind Sie mir böse, gnädige Frau?«

Sie strich sich mit einer müden Bewegung eine kleine Haarsträhne aus dem Gesicht.

»Wieso denn? In unseren Kreisen nimmt man das nicht so genau ... Nur ...« Sie brach ab und zog mit einer kurzen Bewegung das feine Batisttuch durch die geschlossene Hand.

»Na, was denn, wenn ich fragen darf?«

Sie schüttelte den Kopf mit den schweren Zöpfen, auf denen ein merkwürdiges Geflecht thronte aus gelbem Stroh und schwarzen Spitzen, mit einem kostbaren Marabou an der Rückseite, der wie ein Helmbusch in die Höhe ragte.

»Ah na! Nur so viel: das, jetzt eben, stimmt nicht zu dem Bild, das ich mir von Ihnen in all den Wochen zurechtgemacht hab'.«

Da fühlte er den Drang, sich zu rechtfertigen.

»Gnädige Frau, ich bin wie ein ausgehungerter Wolf. Vier Wochen lag ich an der Kette ... wie ein Kuli im Dienst. Heute hat man mich zum ersten Male ein bißchen wieder losgelassen, da heißt es, die Stunde genießen. Wer weiß, morgen ändern sich vielleicht die Dispositionen, und die Rechnerei fängt von neuem an. Oder es geht endlich los, die bösen Bleikugeln pfeifen, und man küßt keinen weißen Frauenhals mehr, sondern die kalte, schwarze Erde.«

Sie sah ihn aus erschreckten Augen an.

»Um Gottes willen, hören's auf! Aber haben Sie in dieser Zeit wenigstens ab und zu einmal an mich gedacht?«

Da antwortete er ehrlich: »Wie sollte ich wohl, gnädige Frau? An dem ersten Abend freilich nach dem Rennen im Grunewald, da habe ich mich viel mit Ihnen beschäftigt. Nachher hatte ich keine Zeit. Zu viel Dienst. Mein Abteilungschef hatte den sechzehnstündigen Normalarbeitstag eingeführt, und – Sie wissen vielleicht – bei den Militärsoldaten ist's noch nicht üblich, in solchen Fällen durch Streiken eine höhere Gewinnbeteiligung zu erzwingen.«

Sie nickte zufrieden.

»Jetzt sind Sie wieder wie damals ...« Und plötzlich lachte sie auf: »Gott, war das komisch an dem Abend! Wie schlecht Sie die verwöhnte Magda Neudecker behandelt haben!«

»Gnädige Frau, ich war an dem Abend in einer seltsamen Mißstimmung. Das Ungehörige meiner Antwort wurde mir erst später klar ...«

»Ungehörig? ...« Frau Josepha schüttelte den Kopf.

»Entweder sind Sie wirklich was Besonderes, oder ein ganz ein Raffinierter: Fräulein Neudecker brennt lichterloh. Endlich mal hat sie einen Mann entdeckt! Einen Mann, der nicht mit verdrehten Augen und Liebesgegirr an die Millionenerbin herantritt! Wenn Sie morgen in der Tiergartenstraße Besuch machen, können Sie in acht Tagen die hold errötende Magda um das Jawort befragen ... Und nehmen's das nicht auf die leichte Achsel! Vier Millionen sofort! Haben Sie eine Ahnung, was schon eine Million bedeutet?«

Er verneigte sich lächelnd.

»Vielleicht, gnädige Frau! Ich habe vierhundert Mark monatlichen Zuschuß! Den brauche ich bloß mit zehn zu multiplizieren – Sie werden mir zugeben, ein lächerlich kleiner Koeffizient – ja, und ich kriege einen Begriff von den mir winkenden Freuden. Auch ohne die reizvolle Zugabe von Fräulein Magda. Aber ich hege nicht die geringste Absicht, mein Leben als so eine Art von Prinzgemahl zu beschließen.«

Da lachte sie ihm zu, sie schüttelten sich die Hände wie ein paar gute Kameraden.

Der Platz von Frau Josepha in der Loge war besetzt. Neben dem Herrn mit dem glattrasierten Gesicht saß ein junges Mädchen in einer Balltoilette aus grellfarbener Seide. Brust und Nacken tief entblößt, auf dem gefärbten Haar ein großer Hut mit wallenden Federn. Sie wußte, daß man sie in eine sogenannte anständige Gesellschaft geladen hatte ... Das war neuerdings ja Mode geworden, daß die Damen aus dem Westen in Begleitung ihrer Herren die öffentlichen Ballsäle besuchten. Und damit nicht genug, bis in die schmutzigsten Nachtlokale kletterten sie hinab. Da brauchte man also kein Blatt vor den Mund zu nehmen; wer sich unter die Treber mengte, den fraßen die Schweine. Und sie sprach unflätige Gemeinheiten, Gemeinheiten, die man in ihrem gewohnten Kreise nicht geduldet hätte, weil man dort einen gewissen äußeren Anstand bewahrte ... hier aber die Damen wollten sich ausschütten vor Lachen! Nur die Herren sahen ein wenig verlegen drein bei den ungenierten Kraftausdrücken, die sie gebrauchte.

Frau Josepha hatte ein paar Augenblicke mit gerunzelter Stirn zugehört, jetzt zog sie ihren Begleiter in die hinter der Loge liegende Fensternische. Ein Kellner in weißer Jacke kaum herzugelaufen, säuberte eifrig mit der Serviette das Tuch auf dem kleinen Tisch.

»Bitt' schön, hier die Weinkarte.«

»Sekt,« entschied Frau Josepha, und, als der Kellner eingeschenkt hatte, hob sie ihr Glas. Sah ihr Gegenüber aus glitzernden Augen an.

»Prost, Herr Hauptmann, und machen's nicht so ein verteufelt ernstes Gesicht! Nehmen Sie sich ein Beispiel an meinem Herrn Ehegemahl, der legt sich nicht den geringsten Zwang auf.« Sie deutete auf den in der Loge sitzenden Gatten, und der Zufall fügte es, daß er sich gerade über den Nacken seiner Nachbarin beugte, sie mit einem himmelnden Ausdruck in den Augen zwischen die gebrannten Halslöckchen küßte. Ein paar feine Puderstäubchen waren ihm in den Hals gefahren, er bekam einen Hustenanfall, an dem er fast erstickte. Einer der Herren in der Loge sprang auf, flößte ihm ein paar Tropfen ein, Frau Josepha rührte sich nicht. Und feindselig sagte sie: »Recht geschieht ihm! Wenn er nur endlich a mal dabei bleiben tät ...«

Gaston sah sie erschreckt an, sie zuckte mit den Achseln.

»Was wollen Sie, vielleicht Mitleid mit ihm haben? Seit wir uns nicht mehr gesehen haben, hat sich vieles hier geändert. Das traurige Gestell da neben ihm soll meine Nachfolgerin werden. Ich bin ja nichts mehr, eine Größe von vorgestern, um mich wird er nicht mehr beneidet. Aber die da, die Lisa Sandori, ist die neueste Sensation. Wann sie abends im Theater die Röckeln hebt über die klapperdürren Knie und zu tanzen anfangt vor dem Einbrecher, der zum Fenster eingestiegen ist, lauft all die Trotteln im Parkett das Wasser im Mund zusammen. Jeden Abend seit zwei Wochen sitzt er mitten drunter, seine Pokerpartie ist deswegen auseinandergegangen. Und hinterher ladet er die Person zum Nachtmahl. Ich immer dabei, denn das wär ja kein Vergnügen für ihn, wann ich nicht dabei wär', die Demütigung nicht schlucken tät ...«

»Ah pfui Teufel!« Er stürzte ein Glas Sekt hinab und setzte es so heftig auf den Tisch, daß ihm der Stiel in der Hand zerbrach. »Und das lassen Sie sich gefallen?«

Sie nickte, ihre Augen wurden plötzlich ganz dunkel.

»Ich werd's ihm schon heimzahlen. Ich hab' mir was ausgedacht, und das wird für ihn schlimmer sein, als tät' ihn einer mit glühenden Zangen kneifen. Nur noch zwei kurze Wochen Geduld, dann geht's an. Lustig wird's werden ...«

Sie leerte durstig ihr Glas.

»So, und jetzt wollen wir von was anderem reden. Machen's mir ein bisserl den Hof, wenn Sie's auch eine Ueberwindung kostet. Bloß daß ich vor der Person da nicht so steh, als wär' ich auf einmal eine Bettlerin ... Kein Mensch tät mehr den Kopf nach mir wenden.«

Er zog die schmale Hand, die sie ihm über den Tisch entgegenstreckte, an die Lippen.

»Ueberwindung, gnädige Frau? Vielleicht wäre Furcht das Richtigere ... Furcht, daß aus dem Spiel Ernst werden könnte! Ich bin schließlich nicht bloß ein auf zwei Füßen gehendes Bündel von Grundsätzen, sondern daneben auch ein ganzes Ende lang ein junger Kerl mit Blut in den Adern. Damals, nach dem Rennen, gelang es mir, mich noch leidlich heil in Sicherheit zu bringen, ich möchte die Gefahr nicht zum zweiten Male herausfordern ...« Halb aus Mitleid sprach er so, halb unter dem Einflusse der Weingeisterchen, die ihm im Blute spukten. Und Frau Josepha beugte sich zu ihm über den schmalen Tisch, so daß er ihren Atem spürte.

»Ist ja alles nicht wahr, aber schön Dank! Wenn man die Gulden nicht kriegen kann, muß man mit die Kreuzeln vorlieb nehmen ... Und jetzt will ich Ihnen ein Geständnis machen, aber das dürfen Sie Wort für Wort glauben. Wie ich Sie damals auf der Rennbahn sah, spürte ich ein ganz seltsames Gefühl ... wie eine plötzliche Erkenntnis: den da hätt'st ein paar Jahre früher kennen lernen müssen, dann hätt' vielleicht aus dir was werden können! So aber, das Leben, das ich jetzt führ' ...« Sie brach ab und sah starr geradeaus, in ihren Augenwinkeln schimmerte es feucht.

Da stieg es ihm heiß im Herzen empor, und nicht nur seine Sinne entzündeten sich.

»Wenn ich mich nun wirklich in Sie verlieben würde, Frau Josepha?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Es wär' nicht gut! Nicht gut für uns beide.«

»Und wenn ich's nun schon wäre?«

»Dann ...« Sie atmete tief aus ... »Dann wär's halt unser Schicksal! Und vielleicht wär's auch noch Zeit, sich zu dem zurückzufinden, was man früher war.«

Sie legte ihm die Hand über den Arm, er erschauerte leicht unter der Berührung, sie blickten sich in die Augen.

»Frau Josepha, ich bin ein schwerfälliger Gesell. Ich kann keine schönen Worte machen ... ich gehör' Ihnen von dieser Stunde an.«

»Du lieber Bub' ...«

Er fuhr zusammen, einer jener klappernden bunten Bälle, mit denen man sich von Tisch zu Tisch bewarf, hatte seinen Kopf getroffen. Eine Frauenstimme, die seltsam blechern klang, wie eine geborstene Glocke, rief aus der Loge herüber: »Da sehen Sie nur, Rheinthalerchen! Und so was lassen Sie sich gefallen?«

Herr Rheinthaler wandte sich lässig um, seine Augen blickten schon ein wenig verglast vom reichlichen Trunk.

»Ist ja so egal! ... Die Hauptsache, hier ist's gleich Schluß – also gehen wir weiter!«

Frau Josepha erhob sich.

»Wenn's Dir recht ist, werden wir jetzt nach Hause fahren. Ich bin nicht in der Stimmung.«

»Das kommt schon noch! Kellner, zahlen! ... Nämlich, paß auf, die junge Dame, die da vorhin auf Deinem Platz saß, erzählte von einem Café in der Ackerstraße. Das soll zum Kugeln sein. Die Herren ohne Kragen und in gestickten Morgenschuhen, die Damen im Umschlagtuch. Für einen Taler tanzen sie 'ne neue Art von Apachentanz mit allen Schikanen – Fräulein Sandori will für ihren nächsten Sketch Studien machen. Sie kommen doch selbstverständlich mit, Herr Hauptmann?«

»Ich bedauere lebhaft!«

»Sind Sie vielleicht auch nicht in der Stimmung? Oder müssen Sie sich heute wieder Schlachtpläne ausdenken?«

»Keins von beiden. Mir ist es nur, selbst in Zivil, nicht möglich, ein derartiges Lokal zu besuchen.«

»Na, dann können wir ja auch wo anders hingehen?«

Frau Josepha schüttelte den Kopf.

»Ich fahre nach Hause!«

Herr Rheinthaler verbarg mühsam den aufsteigenden Aerger.

»Das ist doch nur 'ne Laune, liebes Kind! Und wir können unsere Gäste doch nicht einfach so stehen lassen.«

Fräulein Sandori zeigte hinter den tiefrot geschminkten Lippen zwei Reihen blendend weißer Perlenzähne, zu klein und zu regelmäßig, um echt zu sein.

»Aber, bitte, das macht doch nichts! Fahren Sie mit Ihrer Frau Gemahlin nur ruhig nach Hause, Rheinthaler. Ich bummel' inzwischen mit dem Herrn Rechtsanwalt weiter! Und wir beide werden schließlich auch nach der Ackerstraße hinfinden, nicht wahr, Doktorchen?« Sie hakte sich in den Arm eines schwarzbärtigen Herrn, der ebenfalls in der Loge gesessen hatte, und sah ihn mit kokettem Augenaufschlag an.

Herrn Rheinthaler stieg das Blut zu Kopfe.

»Also, Josepha, jetzt sei vernünftig! Ich kann Dich doch nicht allein fahren lassen, und was liegt schon an der einen Stunde?«

»Gar nichts liegt daran, da hast Du recht. Aber laß Dich durch mich nicht stören! Mein Auto steht unten, ich fahre nach Hause!«

Fräulein Sandori lachte kurz auf mit ihrer blechernen Stimme.

»Stellen Sie Ihre Frau Gemahlin doch unter den Schutz der bewaffneten Macht, Herr Rheinthaler! Und haben Sie 'ne lange Leitung! Darauf geht doch die ganze Reise, daß die beiden da uns versetzen wollen!«

Frau Josepha hob den Saum ihres Kleides und trat mit zornsprühenden Augen einen Schritt auf die andere zu.

»Sie! Daß i mi net vergeß'! Aber die Ehr' tu ich Ihnen nicht an, daß ich Ihnen darauf was antwort'. Ich tät' mich ja erniedrigen, wenn ich mich mit Ihnen auf eine Stuf' stellen wollt'!«

In den Nachbarlogen war man aufmerksam geworden, reckte die Köpfe. Das Mädel, das vorhin in der Loge auf Josephas Stuhl gesessen hatte, kam vorbei und blieb lachend stehen.

»Immer feste, meine Damen! Nur nich lang gefackelt – mit 'ne Sektpulle über'n Kopp, det schafft am besten.«

Gaston von Foucar biß die Zähne aufeinander. Ekelhaft war das ... Er bot Josepha den Arm.

»Darf ich Sie zu Ihrem Wagen führen, gnädige Frau?«

Sie gingen an den Logen vorüber, die breite Treppe hinunter, an der Garderobe holte sie Herr Rheinthaler, ein wenig außer Atem, ein.

»Also, Josepha, wie Du Dich wieder einmal benommen hast ... Fräulein Sandori ist außer sich! Und wenn Du sie nicht sofort um Entschuldigung bittest ...«

Gaston fühlte ein seltsames Zucken im Arm, aber die lange geübte Selbsterziehung erstickte die zornige Aufwallung im Keime.

»Verzeihen Sie, Herr Rheinthaler, wenn ich mich einmische, aber bis zu einem gewissen Grade bin ich an dem ärgerlichen Auftritt beteiligt. Ich habe keine Ahnung von dem sonstigen Umgangston bei diesen abendlichen Vergnügungen, aber die Bemerkung dieses Fräuleins Sandori war eine freche Verdächtigung. Die Dame müßte also wohl zuerst um Entschuldigung bitten, wenn Sie überhaupt eine solche Staatsaktion für notwendig halten sollten.«

In dem hageren Gesicht leuchtete es auf. Herr Rheinthaler sah eine Möglichkeit, mit leidlichem Anstande zu Fräulein Sandori zurückkehren zu können.

»Da haben Sie recht! So etwas muß man am besten mit Stillschweigen übergehen. Morgen sind die beiden Damen wieder die besten Freundinnen – verlassen Sie sich d'rauf! Ich werde jetzt der Gegenpartei gut zureden! Wenn Sie die Liebenswürdigkeit haben wollten, bei meiner Frau das gleiche zu versuchen, wenn Sie sie jetzt nach Hause bringen ...«

Mitten in aller Erregung mußte Gaston auflachen.

»Ich soll Ihre Frau Gemahlin nach Hause bringen?«

Herr Rheinthaler schien den geheimen Unterton der Frage nicht verstanden zu haben.

»Selbstverständlich, sie kann doch nicht allein fahren. Und ich muß die Sache mit der Sandori noch heute aus der Welt schaffen, sonst schwatzt morgen ganz Berlin davon. Sie versäumen nicht viel ... das Auto fährt rasch, in dreiviertel Stunden können Sie wieder zurück in der Stadt sein.«

Frau Josepha hatte sich von der Garderobenfrau in den Mantel helfen lassen.

»Kommen Sie, Herr Hauptmann!« Ihren Gatten sah sie mit einem merkwürdigen Blick an: »Na, alsdann adieu, Fritz.«

»Du bist mir doch nicht bös, Peperl?«

»I bewahre, komm nur nicht zu spät nach Haus.«

Herr Rheinthaler wandte sich, sichtlich erleichtert, der anderen Gruppe zu, die in erregter Unterhaltung von der Treppe her in den Garderobenraum trat: »Es ist alles in schönster Ordnung, meine Herrschaften! Wir fahren in die Ackerstraße, teuerste Freundin ...«

Das Auto bog durch das Brandenburger Tor in den Tiergarten, Frau Josepha saß mit zusammengezogenen Augenbrauen, plötzlich schluchzte sie auf, preßte das feine Batisttuch, das sie in der Hand knüllte, gegen den Mund.

»O, wie schimpflich ist das alles! Und wie müssen Sie mich verachten, daß ich mir das alles hab' gefallen lassen die ganze Zeit über ...«

Er ergriff ihre Linke, nahm sie in beide Hände.

»Das ist ein bißchen töricht, was Sie da sagen, Frau Josepha. Woher sollten Sie den Mut zum Widerstand nehmen? Aber jetzt ist das ja etwas anderes ... Ich stehe neben Ihnen.«

Sie rückte näher an ihn, sah ihm in die Augen.

»Das ist nicht bloß so im Augenblick und morgen ist alles wieder verflogen?«

»Im allgemeinen pflege ich zu halten, was ich verspreche.«

Sie brachte ihr Gesicht ganz nahe an das seinige.

»Du, überleg's Dir wohl! Noch kannst Du zurück. Auf der Antwort jetzt baut sich meine ganze Zukunft auf!«

Ein feiner Duft drang aus ihren Haaren, aufreizend leuchteten ihre Augen. Er schlang den Arm um ihren leicht erschauernden Rücken.

»Unsere Zukunft, wolltest Du wohl sagen, Liebstes! Ich bin doch kein Knabe, der morgen vergißt, was er heute geschworen hat?«

Da bot sie ihm durstig die Lippen ...

Das Auto passierte eine hell erleuchtete Straßenkreuzung, sie löste sich hastig aus der Umarmung.

»Sei nicht bös, aber ich muß vorsichtig sein. Er läßt mich beobachten, an jeder Ecke können seine Spione stehen. Die beiden Lackeln da vorn, der Chauffeur und der Diener, sind auch in seinem Sold.«

Ein häßlicher Gedanke sprang ihn unversehens an ... Daher also vielleicht die »unverbrüchliche Treue«, von der damals der Herr von Wodersen gesprochen hatte, als sie von der Grunewaldvilla heimgingen?

Frau Josepha hatte sich rückwärts gegen die Polster gelehnt, schlang ihren weichen Arm in den seinigen.

»Da komm her, Bubi, bring Dein liebes kleines Ohrwaschel näher 'ran, daß ich nicht so laut zu sprechen brauch' ... so ... und jetzt hör' fein zu ... Ich schwör' Dir bei der heiligen Mutter Gottes, ich hab' außer Dir noch nie einen lieb gehabt, Du bist der erste. Und ich kann ja nichts dafür, daß ich Dich so spät kennen gelernt hab' ... Als Du damals im Unwillen fortgingst, hab' ich hinterher geweint die ganze Nacht, aber meine alte Kinderfrau hat mich getröstet. In den Karten hat gestanden, ich würd' Dich wiederfinden ... Und jetzt, b'hüt Di Gott ... träum' von mir und schlaf' gut heute nacht, ich hab' noch viel zu tun ...«

So sprach sie halblaut, von Zeit zu Zeit berührten ihre weichen Lippen sein Ohr.

Das Auto hielt, der Diener öffnete den Schlag. Sie stieg aus.

»Schön Dank, Herr Hauptmann, für die liebenswürdige Begleitung. Karl, Sie fahren den Herrn Hauptmann jetzt nach seiner Wohnung und kommen zurück. Ich brauche Sie noch heute.«

»Zu Befehl, gnädige Frau.«

Gaston von Foucar wollte noch etwas sagen, aber Frau Josepha trat unter dem Geleit eines Dieners in die geöffnete Haustür, der Wagenschlag flog zu, und das Auto fuhr von der breiten Rampe wieder auf die Straße hinaus.

»Rankestraße hundertsechzehn!« rief er zum offenen Fenster hinaus und lehnte sich in die Polster zurück. Der Kopf war ihm benommen, er konnte keinen klaren Gedanken fassen, nur ein sehnsüchtiges Gefühl war in seiner Brust. Noch hundert Meilen hätte er so dahinfahren mögen wie vorhin, und durstig sog er den zarten Duft ein, der noch das Innere des Wagens füllte. Erst ganz allmählich wurde er nüchterner ...

Das also eben war die Entscheidung über sein Schicksal gewesen. Unauslöslich war er jetzt an die Frau gebunden, die er zweimal bisher gesehen hatte ... von der er nichts weiter wußte als das wenige, was sie selbst und der Landsberger Husar damals erzählt hatten. Wie ein Sturmwind war das gekommen, keinen Augenblick zu ruhiger Ueberlegung. Es reute ihn nicht, wahrhaftig nicht, aber schier unbegreiflich erschien es ihm jetzt, wie er bei seiner sonst so kühl abwägenden Art so rasche Entschlüsse hatte fassen können. Wenn er einmal in müßiger Stunde davon geträumt hatte, wie es sich wohl abspielen würde, wenn er sich den guten Kameraden fürs ganze Leben gewann, hatte ihm immer etwas Zartes, Feines vorgeschwebt, ein langsames scheues Annähern ... Irgendwo auf einem Fest im Grünen sollte es anfangen, und monatelang stimmte man sich hinterher aneinander ab, ehe man das entscheidende Wort sprach. Das war nun alles anders gekommen. Im heißen Atem einer jäh emporlodernden Leidenschaft ... Und recht so! Ein Narr nur schneiderte sich sein Leben nach Prinzipien zurecht, man mußte das Glück nehmen, wie man es fand. Und nun galt es, einige klare Entschlüsse zu fassen. Morgen vormittag depeschierte man an die kleine, alte Dame im Schwabenland: »Liebes Mutterle, in ein paar Tagen bring' ich Dir Deine zukünftige Tochter. Ich weiß, Du wirst ihr gut sein und sie freundlich bei Dir aufnehmen, bis ...« Ja, wie zum Teufel, wie faßte man das am besten in Worte? ... »Bis die unwürdige Fessel, die sie noch an einen anderen bindet, gelöst ist!« Und er stand in Gedanken dabei, wie das liebe Mütterchen die Depesche las. »So, so, mei Büble! Wo hast Du sie denn kennen gelernt?«

»Ganz zufällig in dem Restaurant einer Rennbahn.«

»Und wo habt Ihr Euch verlobt?«

Da stockte ihm zunächst die Zunge: »In einem öffentlichen Ballokal. Auch ganz zufällig ... noch eine Viertelstunde vorher hatte ich im Traum nicht daran gedacht. Das kam wie ein Gewittersturz.«

Das alte Frauchen nahm die Brille ab.

»So, so, mei Büble! Und darauf willst Du Dein Lebensglück aufbaue? Das ischt ungesund, aber i will Dir da nit dreinrede ... Du bischt ein ausgewachsener Mann, mußt selbscht am beschte wisse, was Dir frommt ... Und wenn Du ihr Dein Wort gegeben hast ...«

»Muß ich es selbstverständlich halten, da hast Du recht, Mutterle. Und, sieh mal, man muß an Außergewöhnliches nicht den Alltagsmaßstab legen. Es gibt Situationen, wo langes Ueberlegen vom Uebel ist. Mit beiden Füßen zugleich muß man hineinspringen wie in ein Abenteuer, nur daß hier eben alle Garantien vorhanden sind, daß es gut ausgeht. Sie ist von ganz besonderem Schlag, ich kann Dir das nicht so mit Worten ausschildern – Du mußt sie eben selbst kennen lernen! Und wenn wir erst die paar unumgänglichen Widerwärtigkeiten der Scheidung überwunden haben ...«

Das Auto hielt, er gab dem Diener, der ihm den Schlag öffnete, ein reichliches Trinkgeld und stieg langsam die drei Treppen zu seiner Wohnung empor. Er machte Licht, vor dem Lampenfuß lag eine Depesche. Er riß sie mit ungeduldiger Hand auf und las bei dem Scheine des verglimmenden Zündhölzchens: »Gratuliere zur fünften Schwadron Ordensburger Dragoner! Wegener.«

Eine ganze Weile saß er mit dem Blatte im Dunkeln. Mit einer gewissen, stumpfen Verwunderung, daß der Chef sein vor Wochen gegebenes Versprechen gehalten hatte. In der ganzen letzten Zeit war nicht mit einem Worte mehr davon die Rede gewesen. Und morgen mußte er sich dafür bedanken. Wie sehr er gejubelt hätte, daß sich ihm sein sehnlichster Wunsch so rasch erfüllte, und daß er bei dieser außerordentlichen Auszeichnung sich eines Gefühls der Beschämung nicht erwehren könnte, weil er nämlich einen Teil der Voraussetzungen, die damals vielleicht mit bestimmend gewesen, nicht mehr erfüllte. Er wäre heute nicht mehr frei, hätte sein Schicksal an das einer anderen gebunden, der er von jetzt an zur Seite stehen müßte. Da erwiderte der gütige Chef wohl mit einem Lachen: »Na, lieber Foucar, deswegen brauchen Sie sich keine grauen Haare wachsen zu lassen! Das war damals nur ein kleines Scherzchen von mir. Und ich schätze, Sie haben in Ihrer klugen Art mit Liebe, aber auch mit Vorsicht gewählt. Eine junge Dame, die Sie im Kreise des vornehmen alten Regiments mit Stolz präsentieren können ...« Und er mußte darauf sagen: »Verzeihung, Herr Oberst, das weiß ich noch nicht! Ich kenne von der Herkunft und Vergangenheit meiner Verlobten blutwenig, eigentlich so gut wie gar nichts. Ich weiß heute noch nicht einmal, ob ich nicht genötigt sein werde, meinen Abschied zu nehmen, wenn ich das ihr gegebene Versprechen einlösen soll.«

Da schrie es plötzlich in ihm auf, verrückt war das, was er in dieser letzten Stunde getan hatte! Ein sinnloser Karnevalsstreich war das gewesen, den ihm ein anderer gespielt hatte, der für eine kurze Weile in seine Haut geschlüpft war. Ein leichtfertiger Bursch, der halb im Trunke, halb unter dem Einflusse seiner aufgepeitschten Sinne mit Menschenschicksalen spielte ... dem ein bißchen Mitleid, ein plötzliches Begehren genug waren, die Worte zu sprechen, mit denen er sich für das ganze Leben verpflichtete. So sinnlos war das alles, daß er keinen Augenblick zögern durfte, sich aus dieser Verstrickung wieder zu lösen.

Er steckte die Lampe an und setzte sich, wie er ging und stand, in Hut und Ueberzieher, an den Schreibtisch. Aber schon nach den ersten Zeilen zerriß er den Bogen in tausend kleine Fetzen, warf sie in den Papierkorb. Wie und womit sollte er seine plötzliche Sinnesänderung erklären? Noch vor kaum einer Stunde hatte er gesagt: »Ich bin doch kein Knabe mehr, der morgen vergißt, was er heute geschworen hat.« Sollte er schreiben: »Gnädige Frau, als ich das sprach, war ich verrückt oder betrunken, und jetzt, nachdem ich wieder zur Besinnung gekommen bin, muß ich Sie bitten, mir mein Wort zurückzugeben?« Zorn und Scham trieben ihm das Blut ins Gesicht, allerhand wirre Gedanken und Bilder schossen ihm durchs Hirn. Wort war Wort, und wenn man es nicht einlösen konnte, hatte man es eben auf andere Weise zu zahlen. Solch ein haltloser Tropf, der für die Folgen seiner Handlungen nicht eintrat, hatte auf der Welt nichts mehr zu suchen! Und ein längst vergessenes Bild trat plötzlich vor seine Augen. Ein armes junges Kerlchen aus seinem alten Regiment lag da mit durchschossener Schläfe, weil es sein verpfändetes Wort nicht hatte halten können. Eine in der Trunkenheit eingegangene Spielschuld war es gewesen, und er selbst hatte damals unter den strengen Richtern gesessen.

Da stöhnte er auf wie ein weidwundes Tier und barg sein Gesicht in den Händen. Heute hätte er wohl nicht so unbarmherzig geurteilt wie damals vor acht oder neun Jahren. Und nur eine letzte leise Hoffnung hielt ihn vor dem jähen Schritte ins Dunkle zurück, daß die Frau, der er sein Wort gegeben, morgen vielleicht auch schon anders dachte ... Vielleicht als ein tändelndes Spiel ansah, was ihm in dem einen Augenblicke, da er die Zucht über sich verloren hatte, heiliger Ernst gewesen war. Als er sie während den Tanzes aus den Hals küßte, hatte sie ja selbst gesagt, in ihren Kreisen nähme man es nicht so genau, wenn ein Herr einer verheirateten Dame mit einer Huldigung nahte, die, bei Licht besehen, eine bodenlose Unverschämtheit war ...

Gegen Morgen mußte ihn wohl die Müdigkeit übermannt haben. Als Gaston von Foucar aus einem von wirren Träumen erfüllten Schlafe erwachte, schien die helle Sonne zum Fenster herein. Sein Bursche stand vor dem Bett, mit einem Briefe in der Hand.

»Herr Hauptmann werde gütigscht verzeihe, aber es ischt Zeit zum Dienscht, und zudem, das alt Weible, was den Brief da bracht hat, will sofort Antwort habe.«

Gaston richtete sich im Bett auf.

»Was für ein altes Weib?«

»Die wo ebe gekomme ischt, Herr Hauptmann. Sie hockt im Vorzimmer, schaut aus wie eine von dene Schpreewäldlerinne, und der Herr Hauptmann tät scho wisse, von wem daß das Briefle wär'.«

»Sagen Sie ihr, sie soll noch ein paar Minuten warten! Und legen Sie mir die erste Garnitur Ueberrock zurecht!«

»B'fehl, Herr Hauptmann!«

Als der Bursche das Schlafzimmer verlassen hatte, hielt Gaston eine ganze Weile lang den Brief unschlüssig in der Hand. Mit einem Schlage war ihm die Erinnerung zurückgekehrt, und ein Gefühl des Ekels vor sich selbst schnürte ihm die Kehle zusammen. Körperliches Unbehagen nach dem ungewohnten schweren Trunke und dazu ein ganzes Heer bohrender und nagender Vorwürfe. Wie ein Verbrecher erschien er sich, der nach einer im Rausche begangenen Freveltat erwachte. Der bleierne Schlaf hinterher hatte sie nicht ungeschehen gemacht, nur um so schreckhafter stand sie im klaren Tageslichte da! Und der Brief hier brachte ihm sein Urteil.

Mit zitternder Hand riß er ihn auf, das Herz schlug ihm bis in den Hals hinauf.

»Mein Liebstes!

In aller Eile ein paar Zeilen, weil ich Dich beim Erwachen nicht ohne Gruß lassen wollte. Ich habe die Nacht nicht geschlafen. Ich lag mit offenen Augen und konnte nicht fassen, was geschehen war. Immer hatte ich Angst, wenn es wieder Morgen würde, wäre es nicht wahr. Dann aber wiederholte ich mir alles, was Du gesprochen hattest, und die selige Gewißheit zog in mein Herz, daß Du mir gehörst und ich Dir, für immer! An Deiner Hand, Du Lieber, in ein neues Leben gehen zu dürfen, die Seligkeit ist so groß, daß ich sie kaum ertragen kann. In einem einzigen Lachen und Weinen gehe ich umher!

Mit dem Widerwärtigen, was heute nacht noch geschah, will ich Dich verschonen, auch all das Ueble und Häßliche soll Dir fernbleiben, was in dem Kampf um meine Freiheit nun mal nicht zu vermeiden ist. Er wird kurz sein, denn ich habe gute Waffen in der Hand.

Heute nachmittag um fünf erwarte ich Dich. Da will ich noch einmal von Dir hören, daß Du mich lieb hast. Dann aber müssen wir für eine ganze Zeit Abschied voneinander nehmen. Sieh, mein liebster Bub, die Tränen fallen mir aus den Augen auf dieses Blatt, weil ich daran denke, daß wir uns vielleicht auf Monate nicht wiedersehen sollen, aber auf unseren zukünftigen Bund soll kein häßlicher Schatten fallen. Kein Gezischel und kein hämisches Gerede soll sich erheben dürfen. Daß wir uns heimlich versprochen haben, geht keinen Menschen was an!

Meine alte Ursel, die um mich ist, seit ich auf der Welt bin, überbringt Dir diesen Brief. Gib ihr mündlich Bescheid, ob ich Dich um fünf erwarten darf. Den Brief aber verbrenne, denn die Leute, mit denen ich's jetzt zu tun bekomme, schrecken auch vor einem verschlossenen Schreibtisch nicht zurück.

Ich umarme Dich und küsse Deine lieben, blauen Augen, die es mir zuerst angetan hatten bei Dir. Ich zähle die Minuten, bis Du bei mir bist.

Josepha.«

Unwillkürlich regte sich in Gastons Brust etwas von dem Gefühl, das er in der vergangenen Nacht empfunden hatte, als er die schöne Frau im Wagen heimgeleitete. In dem Briefe da war etwas, das ihn seltsam ans Herz rührte ... Und daß er sich mit Skrupeln plagte, wo andere, die das Leben leichter nahmen, mit beiden Händen zugegriffen hätten, lag vielleicht nur an seiner übergroßen Gewissenhaftigkeit. An einer schier schulmeisterlichen Strenge, mit der er noch immer sich selbst erzog. Der Landsberger Husar, Herr von Wodersen, war gewiß ein Offizier und Edelmann von untadeliger Gesinnung. Der aber würde ohne ein Wimperzucken sein Seelenheil verpfänden, wenn er in diesem Augenblick an seiner Stelle stehen dürfte! Und die Befürchtung, er müßte seine Karriere aufgeben, wenn er eine gewesene Schauspielerin heiratete, hielt bei näherem Ueberlegen nicht stand. Da ließ sich mit einigem guten Willen zu einer kleinen Vertuschung ein Ausweg finden. In dem kleinen ostpreußischen Städtchen da oben an der Grenze gab es wohl keinen Menschen, der Josepha auf der Bühne gesehen hatte. Da war sie nichts anderes als die geborene Baronesse Nadanyi, die nach schuldlos geschiedener Ehe den Rittmeister von Foucar heiratete. Wenn er sich aber in dem Regiment erst die gesellschaftliche und dienstliche Stellung geschaffen hatte, die ihm bei seinen Fähigkeiten sicher war, sollte wohl niemand auf den Gedanken kommen, daß bei seiner Verheiratung irgend etwas zu bemäkeln wäre. Na, und nachher richtete man sich miteinander ein, so gut es eben ging. Und was heute wie eine Art von Zwang aussah nach dem gegebenen Wort, wurde vielleicht eine ehrliche Zuneigung, auf der man sein Leben aufbauen konnte. Ein fester Entschluß aber mußte endlich gefaßt werden.

Er griff nach der Klingel, sein Bursche betrat das Zimmer.

»Herr Hauptmann befehle?«

»Sagen Sie der Alten draußen, ich laß mich ihrer gnädigen Frau bestens empfehlen. Ich werde heute nachmittag um fünf meine Aufwartung machen.«

Der Bursche schüttelte den Kopf.

»Sell geht nit, Herr Hauptmann! Das alt Weible will partout den Herrn Hauptmann persönlich schpreche.«

»Na, dann soll sie gefälligst warten, bis ich mich angezogen habe!«

»Befehl, Herr Hauptmann!«

Gaston sprang mit beiden Füßen aus dem Bett, wusch und kleidete sich rascher an als sonst. Als er aber den Rock zuknöpfte, überfiel ihn eine eigentümliche Beklommenheit. Als ginge er einem hochnotpeinlichen Examen entgegen, so war ihm plötzlich zumut.

Er öffnete die Tür zum Vorzimmer: »Darf ich bitten?«

Eine seltsam gekleidete alte Frau erhob sich, trat einen Schritt näher. Unter einem bunten Kopftuch stand ein schneeweißer Scheitel. Die Füße steckten in schwarzen Schnürschuhen, in der Rechten trug sie einen derben Schirm, auf den sie sich stützte, als wenn ihr das Stehen schwer fiele. Aus dunklen Augen sah sie Gaston prüfend an. Schließlich seufzte sie leicht auf und kam langsam ins Zimmer. Gaston schloß hinter ihr die Tür.

»Sie wollten mich persönlich sprechen?«

»Ja, Herr Hauptmann,« sagte sie, »und sehen! Damals als Sie zum ersten Male bei uns waren, hatte ich keine Gelegenheit.«

Sie sprach ein ganz korrektes Deutsch, nur in der harten Betonung gewisser Vokale verriet sich ein slawischer Anklang.

Gaston wurde es unter den musternden Blicken unbehaglich zumute.

»Sie stehen zu Frau Rheinthaler wohl in einem besonders vertrauten Verhältnis?«

»Ihre Mutter war zu eitel, da hab' ich sie genährt. Seit sie zum ersten Male in meinen Arm gelegt wurde, habe ich sie nicht mehr verlassen.«

»Na, das ist sehr nett von Ihnen!« Ihm fiel im Augenblick nichts anderes ein als diese banale Wendung. Und, mit einem Versuche zu scherzen, fügte er hinzu: »Sie sehen mich so prüfend an. Gefalle ich Ihnen nicht?«

Sie zuckte mit den Achseln.

»Darauf kommt es nicht an. Nur eins: Sie haben ihren Brief gelesen. Danach mußte ich fast eine halbe Stunde warten! Haben Sie so lange Zeit gebraucht, sich Ihre Antwort zu überlegen?«

Gaston fuhr mit gemachtem Unwillen auf.

»Hätte ich Sie vielleicht im Schlafzimmer empfangen sollen? Ich mußte mich doch erst anziehen!«

Sie schüttelte den Kopf, ohne die forschenden Augen von seinem Gesicht zu wenden.

»Ich bin ein altes Weib, vor mir brauchten Sie sich nicht zu genieren. Und es ist schon richtig. Sie sehen nicht aus wie einer, der sich vor Freude nicht zu lassen weiß! Aber ich werde ihr was vorlügen. Sie würde sterben, wenn ich ihr die Wahrheit sagen wollte! Seit dem ersten Tag, wo sie mir von Ihnen erzählte, ist sie krank. Erst als ich ausgekundschaftet hatte, daß Sie es mit keiner anderen hielten, daß Sie frühmorgens in das große rote Haus am Königsplatz fuhren und erst spät in der Nacht wieder heimkehrten, beruhigte sie sich.«

Gaston richtete sich auf. Es widerstrebte ihm, eine Unterhaltung weiterzuführen, bei der er wie auf einem Armesünderbänklein saß.

»Es ist genug. Empfehlen Sie mich Ihrer Herrin, ich werde mir erlauben, um fünf Uhr bei ihr zu sein!«

»Weiter soll ich ihr nichts ausrichten?«

»Nein!«

Die Alte trat näher, umklammerte seinen Arm.

»Lieber, guter Herr, seien Sie nicht böse. Ich müßte mich ja selbst verfluchen, wenn ich mir sagen müßte, ich hätte etwas bei Ihnen verfehlt. Nur, weil ich sie so sehr liebe, daß ich mein Herzblut verspritzen könnte für sie, meine ich immer, allen anderen müßte es ebenso gehen. Also, Herr, sagen Sie mir nur ein einziges Wort, damit ich mich vor meinem Kind nicht so zu verstellen brauch' ...«

Gaston machte sich unwillig los.

»Aber, meine Verehrteste, wer mutet Ihnen denn zu, daß Sie sich verstellen sollen! Richten Sie der gnädigen Frau einen schönen Gruß von mir aus! Alles, was unsere Zukunft angeht, werde ich heute nachmittag persönlich mit ihr besprechen.«

»Dazu wird vielleicht keine Gelegenheit sein. Heute nacht hatten wir alles gepackt, um fortzugehen. Da kam der Herr nach Hause, von der anderen. Wie er unsere Vorbereitungen sah, gab es einen schrecklichen Anfall. Ich glaubte, es ging schon zu Ende, aber er erholte sich wieder. Dann hat er geweint und gebettelt, sich die Haare gerissen und geschworen, er würde der anderen den Laufpaß geben. Die Josepha hat ihm nicht geantwortet, und jetzt läßt er sie nicht aus den Augen. Sitzt in seinem Stuhl und spricht kein Wort, bettelt nur immer mit den Augen.«

Gaston wandte sich ab, unsäglich widerwärtig war das alles.

»Na, dann sagen Sie Ihrer Herrin, es tut mir leid, aber unter diesen Umständen kann ich keinen Fuß in das Haus ihres Mannes setzen! Sie wird mir das nachfühlen.«

Die Alte hob die dürre Hand.

»Um Gottes willen, Herr, das geht nicht! Sie wartet auf Sie wie auf den Heiland. Um Sie noch einmal zu sehen und daraus Mut zu schöpfen für alles, was ihr noch bevorsteht. Wollen Sie ihr da dies kleine Opfer nicht bringen?«

»Es ist gut,« sagte er mit einem Aufatmen, »ich komme! Und da es unter all den Umständen wohl keinen anderen Weg gibt – richten Sie ihr etwas aus, was ich ihr sonst persönlich gesagt hätte. Ich setze allerdings dabei voraus, daß ich Ihnen vollkommen vertrauen darf.«

Die Alte reckte ihre hagere Gestalt, über ihr vertrocknetes Gesicht flog ein heller Schein.

»Sie vertraut mir, das muß Ihnen genug sein. Wie an einer Mutter hängt sie an mir.«

»Nun denn ... Also sagen Sie der gnädigen Frau, ich hätte heute meine Versetzung in die Front bekommen. In ein kleines Nest an der russischen Grenze. Ob ich nach Berlin zurückkehre, hängt nicht von mir allein ab. Ich hoffe es, aber ich weiß es nicht bestimmt. Es kann ebenso gut sein, daß ich dort unten für immer bleiben muß. Ich bitte die gnädige Frau daher, sie möchte es sich noch einmal reiflich überlegen. Ob sie mir dorthin folgen will, in die engen und beschränkten Verhältnisse ...«

Um die welken Lippen der Alten flog ein bitteres Lächeln.

»Ich verstehe! Sie möchten sich's noch einmal überlegen. Aber das geht nicht an, sie würde es nicht verwinden. Und nun hören Sie mir gut zu! Ich leide es nicht, daß Sie ihr wehe tun. Strafen wird die heilige Mutter Gottes Sie, wenn Sie Ihr Wort brechen, und ich werde ihr Werkzeug sein. Ich schwöre Ihnen, Sie können an das Ende der Welt fliehen, ich werde Sie erreichen!« Hochaufgerichtet stand sie da, die dunklen Augen in dem gelben Gesicht blitzten in fanatischem Glanz.

Gaston hatte ihr ärgerlich ins Wort fallen wollen, aber die Alte war nicht zu beirren. Da ließ er sie aussprechen. Ueber die Drohung zum Schluß mußte er lachen. Sie war auch überflüssig, er hatte sich ja längst schon entschieden. Nur es war etwas in ihm, was ihn trieb, genau so ehrlich zu sprechen wie die andere da, die ihrer Herrin in blinder Treue ergeben war.

»Sie haben richtig geraten, Frau ... Frau ...«

»Ursula heiß' ich,« fiel die Alte ein, »Ursula Blazitschek aus Deutsch-Brod in Böhmen.«

»Also, Frau Ursula, sagen Sie Ihrer Herrin, daß ich heute nacht noch gewissenhaft mit mir zu Rate gegangen bin. Daß ich auch heute noch überlegte, ob ich sie nicht bitten sollte, mir mein Wort wieder zurückzugeben. Das ist jetzt anders geworden. Nach dem Brief da ... nicht nach Ihren Drohungen. Die würden mich nicht einen Schritt weiter treiben, als ich zu gehen entschlossen wäre. Ich habe vieles zu überwinden, aber ich hoffe, es wird mir gelingen. Ich will ihr die Treue halten, mehr kann ich heute nicht versprechen. Wenn sie damit zufrieden ist, soll sie mir folgen. Gott gebe, daß es ihr und mir zum Guten ausschlägt.«

Die Alte beugte sich hinab. Ehe er es verhindern konnte, hatte sie den Schoß seines Ueberrockes an die Lippen gezogen.

»Dank, Herr! Jetzt wird sich alles zum besten wenden. Nur ihr werde ich nicht alles wiedersagen, was wir gesprochen haben. Wozu soll sie sich mit Zweifeln betrüben? Sie hat genug gelitten in dieser Zeit! Um Euer Glück aber ist mir nicht bange ... Und jetzt, Gott befohlen, Herr! Ich werde zusehen, ob es nicht möglich sein wird, daß Ihr Euch heute nachmittag für ein paar Minuten allein sehen könnt.«

Sie knixte und ging eilig hinaus, ohne sich umzublicken. Ein paar Augenblicke war ihm zumute, als ginge das alles nicht ihn an, sondern einen Fremden. Wie in einem Theater kam er sich vor, in dem sich allerhand seltsame Geschehnisse abspielten. Wenn der Vorhang fiel, war die Täuschung vorüber. Man zog sich den Paletot an und trat wieder in die Wirklichkeit hinaus. Er schüttelte den Kopf und begann nachzudenken. Ein Mann, der sich fest in der Hand zu halten glaubte, trieb willenlos in dem Strom des Schicksals, Zufälle bestimmten ihm den Weg, blinde und alberne Zufälle, die jählings einfielen, wie eine aus verkehrter Richtung in die Segel schießende Böe. Einen Tag später war die Arbeit fertig, und er hätte die Frau, die jetzt sein Schicksal wurde, vielleicht nie wiedergesehen. Oder der Hauptmann Sternheimb, der gestern die Arrangements des lustigen Abends besorgte, wäre auf die Idee gekommen, ein anderes Ballokal für den Nachtbummel vorzuschlagen. Verrückt konnte man werden, wenn man darüber nachdachte.

Der Bursche brachte das Frühstück herein, Gaston stürzte hastig eine Tasse Tee hinunter. Es war höchste Zeit, sich in den Dienst zu begeben. Und allmählich mußte er sich auch in eine Art von Freudengefühl hineinsteigern, damit seine Danksagung bei dem Oberst Wegener nicht der nötigen Wärme entbehrte. Aber es gelang nicht. Immer mußte er denken, daß er in den so heiß ersehnten neuen Wirkungskreis nicht eine lockende Hoffnung mitnahm, sondern eine drückende Last – – –

Der Oberst war sehr guter Laune, als er seinen Schützling empfing. Nur hatte er wenig Zeit, denn er war zum Vortrage befohlen worden, konnte jeden Augenblick abgerufen werden. Er ordnete Papiere und Akten, als Gaston in sein Zimmer trat.

»Na, lieber Foucar, wie ist Ihnen jetzt zumute?« rief er ihm entgegen. »Freuen Sie sich?«

»Außerordentlich! Und ich weiß gar nicht, wie ich Herrn Oberst für all die Güte und Fürsorge ...«

»Ist schon gut, ich freue mich mit, daß ich's hab' zurechtschieben können. Hauptsächlich für den Ordensburger Kommandeur. Der kann Leute wie Sie gebrauchen. Ich hab's Ihnen wohl schon neulich gesagt, er ist ein guter Freund von mir, der Oberstleutnant Harbrecht – noch von der Kriegsschule her. Ich hab' ihn um ein paar Nasenlängen überholt ... na schön. Grüßen Sie ihn von mir! Und sagen Sie ihm im Vertrauen, er soll den alten Säbel schleifen. Es liegt eine verdammt schwüle Spannung in der Atmosphäre.«

Gaston atmete tief auf. Und jetzt kam endlich die Freude über ihn. Das war vielleicht die Lösung aus all der Wirrsal, in die ihn diese vergangene Nacht gestürzt hatte.

»Glauben Herr Oberst wirklich?«

Der Chef zuckte mit den Achseln.

»Ich vermute nur! Ich habe mich in dieser Zeit schon so oft mit meinen Prophezeiungen blamiert. Vielleicht heißt's morgen, wieder 'rin in die Kartoffeln! Aber wo der Oberstleutnant Harbrecht mit seinen Dragonern an der Seite sozusagen am dransten ist, kann's nicht schaden, wenn er noch schärfer aufpaßt als sonst. Ich glaube, unsere Herren Nachbarn im Osten werden sich im Ernstfalle nicht lange mit der Vorrede aufhalten. Sie haben um Szuczin, Grajewo, und wie die Nester alle sonst heißen mögen, einen ganz anständigen Pulk Kosaken versammelt, und unsere Grenze bis zu dem masurischen Seendefilee ist offen. In einer Nacht können sie bis Lötzen reiten.«

»Ich danke Herrn Oberst für die Mitteilung. Ich werde es Herrn Oberstleutnant Harbrecht ausrichten.«

»Na, dem erzählen Sie mit dem letzten keine Neuigkeiten, der weiß in seinem Kram Bescheid. Das war mehr für Sie, damit Sie sich gleich zu Anfang bei ihm ein bißchen nett einführen können!«

»Herzlichen Dank, Herr Oberst. Ich hatte inzwischen auch schon Gelegenheit genommen, mich wenigstens oberflächlich über die dortigen Verhältnisse zu unterrichten. Herr Major Nahmacher hatte die Güte, mir auf meine Bitte das einschlägige Material in seinem Bureau für eine Stunde zur Einsicht zu überlassen.«

Der Chef nickte wohlgefällig.

»Um so besser! Aber jetzt einen kleinen Tropfen Wermut in den Becher der Freude: Urlaub is nich! Wenn die Zeiten wider Erwarten ruhig bleiben sollten, nach dem Manöver.«

»Sehr wohl, Herr Oberst. Ich hatte sowieso nicht darauf gerechnet. Jetzt natürlich erst recht nicht, ich müßte mich ja schämen. Und ich habe hier nicht viel zu besorgen. Ein paar Abschiedsbesuche. Die ärgste Zeitversäumnis wäre die neue Uniform. Sonst könnte ich schon heute abend reisen.«

Der Oberst Wegener lachte laut auf.

»So doll ist das Vaterland nun nicht in Gefahr! Die Russen werden ja nicht gleich morgen anfangen.«

Eine Ordonnanz betrat das Zimmer, stand an der Tür stramm.

»Was' los?«

»Exzellenz erwarten den Herrn Oberst.«

»Es ist gut, ich komme sofort!«

Der Chef griff nach seiner Mappe.

»Tut mir leid, lieber Foucar, ich hätte gerne noch ein Weilchen mit Ihnen geplaudert. Von meinem lieben Ostpreußen. Ich hab' da 'ne Masse Verwandte, denen können Sie Grüße bestellen! Die Leitners in Prawdowen, die Ahrens in Sarken, den Reichs- und Landtagsabgeordneten Gorski auf Kalinzinnen ... mit einem himmlischen Kerl von Tochter. Ich alter Esel, als ich das letzte Mal auf Urlaub war, verschoß mich in das Mädel, daß meine gute Alte beinahe eifersüchtig wurde ... Na, das soll natürlich kein Wink mit dem Zaunpfahl sein. Von diesen herrlichen Edelfohlen läuft da auf dem Lande noch eine ganze Masse herum. Also, jetzt Schluß, lieber Foucar, und adieu!« Er schüttelte seinem gewesenen Untergebenen kräftig die Hand: »Alles Gute auf den Weg, und schreiben Sie mir mal!«

Gaston fühlte es heiß im Herzen aufsteigen. Ganz unwillkürlich beugte er sich über die Hand, die seine Rechte hielt. Wie die Hand eines Vaters kam sie ihm vor.

Der Oberst machte eine rasche Bewegung.

»Unsinn,« sagte er, aber seine Stimme klang ein wenig rauh. »Ich hatte vom ersten Tage an ein Auge auf Sie geworfen, um Sie für mein geliebtes altes Regiment und die Heimat einzuheimsen. Und jetzt Schluß ... Gott befohlen!« Er wandte sich ab, ging eilig zur Tür hinaus. Gaston aber stand noch eine Weile allein, ehe er sich in sein Zimmer zurückbegab. Er fühlte sich bedrückt von diesem Vertrauen und kam sich nicht mehr so sauber vor wie früher.

Sein alter Stubenkamerad, Hauptmann von Sternheimb, hob bei seinem Eintritt den Kopf.

»Sie, Foucar, hier in der Abteilung hat sich eine seltsame Mär verbreitet. Die Herren im Nachbarzimmer haben es deutlich gehört: der Alte soll ein paarmal gelacht haben, während Sie Audienz bei ihm hatten. Richtig gelacht. Also das ist ein so merkwürdiges Vorkommnis ... Morgen haben wir entweder Erdbeben oder Krieg nach drei Fronten.«

»Vielleicht habe ich ihm einen guten Witz erzählt.«

Herr von Sternheimb lachte.

»So sehen Sie aus! Aber, wenn es nicht indiskret ist: Was wollten Sie eigentlich bei ihm? So feierlich im besten Ueberrock, mit Zylinderhut und Säbel?«

»Mich abmelden! Ich bin als Rittmeister zu den Ordensburger Dragonern versetzt worden.«

Hauptmann von Sternheimb sprang auf.

»Mann Gottes, und das sagen Sie mit so einer Leichenbittermiene? Sausen wieder mal über ein paar Dutzend Vordermänner weg – unter anderen auch über mich – kommen in die Front, während wir hier wie die Kulis im Schwitzkasten sitzen müssen. Die hohe Dame, die da unten in der kleinen süddeutschen Residenz Ihre Schicksale lenkt, scheint wieder einmal recht tätig gewesen zu sein.«

Gaston verfärbte sich.

»Wie meinen Sie das, Herr von Sternheimb?«

Der andere wurde ein wenig verlegen.

»Entschuldigen Sie, das ist mir so herausgefahren. Aber es geht hier unter uns eine Legende, Sie erfreuten sich da unten in Süddeutschland, noch von Ihrem seligen Herrn Vater her, ganz besonders guter Beziehungen.«

»Das ist ein Irrtum. Mein Papa ist gestorben, als ich kaum ein Jahr alt war. Ich habe mir mein bißchen Weg allein gemacht, ohne jede Protektion! Die Versetzung jetzt zu so ungewöhnlicher Zeit verdanke ich unserem Abteilungschef. Er hat sie mir selbst angetragen!«

Herr von Sternheimb lächelte vielsagend.

»Er schien Ihnen schon immer wohlgewogen zu sein. Na dann: gratuliere herzlichst!«

Gaston runzelte die Stirn. So wie der hier, dachten alle übrigen. Kameradschaft existierte doch nur dort, wo einer den anderen nicht zu beneiden hatte.

»Ich hatte die Absicht, die Herren in unserer Abteilung heute abend zu einem Abschiedstrunk zu laden. Bitte, empfehlen Sie mich ihnen! Ich muß früher in Ordensburg antreten, als ich gedacht hatte. Nach der Stichprobe hier eben zu schließen, wird man mir ja auch nicht allzu viel Tränen nachweinen.«

Herr von Sternheimb machte eine lässige Handbewegung.

»Ihre eigene Schuld, Herr von Foucar! Sie haben sich ja immer von uns zurückgezogen. Gestern kriegten wir eine Art von Erklärung und verziehen Ihnen mit schnödem Neid im Herzen. Minnedienst geht vor Kameradschaft.«

»Wie meinen Sie das?« fragte er, ein wenig unsicher.

»Na, das feuchte Weib, mit dem Sie allein im Auto nach Hause gondelten. Donnerwetter noch mal, war das 'ne pompöse Erscheinung! Und anscheinend eine Klasse für sich. Eigenes Auto mit Chauffeur und Diener.«

»Herr von Sternheimb, ich mache Sie darauf aufmerksam. Sie sprechen von einer Dame der Gesellschaft!«

»Ah, pardon! Der Ansicht war ich nämlich auch, als wir nachher noch bei einem Gläschen Pilsner beisammensaßen, aber der lange Bledow hatte zufällig neben Ihnen getanzt und ganz deutlich gesehen, wie Sie Ihrer Partnerin einen zärtlichen Kuß auf den schneeweißen Schwanenhals applizierten! Das gab er natürlich unter allgemeiner Heiterkeit zum besten.«

Gaston wandte sich ab und biß sich auf die Lippen. Herr von Sternheimb trat näher und legte ihm die Hand auf den Arm.

»Na, Foucar, nichts für ungut! Wollen nicht im Aerger auseinandergehen. Wir haben in der Zeit hier doch immer sehr brav zusammengehalten! Und soll ich vielleicht noch feierlich erklären, daß ich nicht die geringste Absicht hatte, der Dame zu nahe zu treten?«

»Ist nicht nötig,« erwiderte er mühsam. »Nach den Beobachtungen, die Herr von Bledow gemacht hatte, konnte es sehr wohl den Anschein haben ... also erledigt!«

Herr von Sternheimb sah ihn nicht ohne Teilnahme an.

»Es tut mir furchtbar leid, lieber Foucar, falls ich da an etwas gerührt haben sollte ... Ich habe mir nichts dabei gedacht! Aber Sie werden mir zugeben, es ist doch, gelinde gesagt, ein bißchen ungewöhnlich, daß eine Dame der Gesellschaft sich mitten unter diese kleinen Mädchen mischt.«

»Ist ja schon gut,« sagte Gaston gequält, »wollen die Sache nicht unnütz breittreten! Nur so viel noch: wenn sich jemand Vorwürfe zu machen hat, bin ich es, ganz allein. Ich habe die junge Frau, die sich in Begleitung ihres Mannes und noch einiger Herrschaften den Balltrubel aus Neugierde 'mal ansehen wollte ... dabei ist doch nichts, nicht wahr? ... Ja also, ich habe die Dame dazu verleitet, mit mir einmal herumzutanzen. Daß ich mir nachher diese unbegreifliche Unverschämtheit erlaubte, dafür kann sie nichts. Ich muß gestern nicht recht bei Sinnen gewesen sein. Sie würden mich zu Dank verpflichten, lieber Sternheimb, wenn Sie den Herren, die gestern mit von der Partie waren, in dieser Richtung – gelegentlich einmal – eine Aufklärung geben würden.«

»Aber natürlich! Herzlich gerne,« beeilte sich der andere zu versichern. »Wir hatten ja alle gestern ein bißchen scharf getrunken. Wenn man da einer schönen Frau ein wenig allzu keck huldigt, noch dazu in einer solchen Umgebung ... na, das läßt sich begreifen. Sie scheint es Ihnen ja auch nicht übelgenommen zu haben, stieg mit Ihnen ganz vergnügt in das Auto ... Der lange Below rief Ihnen noch zu: Viel Vergnügen! aber Sie hörten nicht mehr.«

»Nein, allerdings nicht ... ist mir ganz entgangen, sonst hätte ich dem Herrn wohl eine recht deutliche Zurechtweisung ... Na ist gut! ... Also dann adieu, Sternheimb.«

»Adieu, lieber Foucar, grüßen Sie mir das liebe alte Nest da an der Grenze. Wenn nichts dazwischen kommt, sehen wir uns zum Herbst vielleicht wieder. Ich habe da einen weitläufigen Vetter, der hebt mir immer ein paar gute Rehböcke auf. Sie kennen ihn übrigens auch. Vor 'nem Jahr ungefähr hat er mich hier besucht, und Sie waren so liebenswürdig, den endlosen Nachtbummel mitzumachen. Der junge Kersten war noch dabei, von den Königsberger Kürassieren.«

»Ganz recht, jetzt entsinne ich mich. Na dann nochmals adieu und hoffentlich auf Wiedersehen.«

»Auf Wiedersehen, lieber Foucar, und alles Gute.«

Als Gaston nach der Erledigung der üblichen Formalitäten und den notwendigen Abmeldungen das große Gebäude am Königsplatz verließ, würgte ihn etwas am Halse.

Ganz erbärmlich kam er sich vor, aber es ging nicht anders, er mußte die Fessel wieder abstreifen, in die er sich bei nicht ganz klaren Sinnen verstrickt hatte. Was er sich unter dem Eindruck des Briefes am frühen Morgen zurechtgelegt hatte, als könnte er mit Frau Josepha in dem kleinen Städtchen wie auf einer Insel leben, war frommer Selbstbetrug gewesen. Torheit war es doch, zu glauben, daß dort niemand hinkommen könnte, der Josephas Vergangenheit kannte. Das Gespräch eben mit dem Hauptmann von Sternheimb war lehrreich genug gewesen.

Zwei Dinge gab es nur, zwischen denen er zu wählen hatte: seine Karriere als Soldat oder die Frau. Da mußte man hart sein, alle sentimentalen Regungen über die linke Schulter werfen und sich frei machen!

Und schließlich, wenn man sich die ganze Angelegenheit jetzt einmal im klaren Tageslichte besah, was war denn Großes geschehen? Eines jener hysterischen Weibchen, die in Berlin zu Tausenden herumliefen, hatte sich in ihn verliebt. Sah in ihm den Retter aus aller Not und – mal das Ding beim richtigen Namen genannt – warf sich ihm an den Hals. Er hatte sich einfangen lassen in der seltsam gesteigerten Stimmung der Nacht. Jetzt war es wieder heller Tag, und da kam man zur Besinnung. Richtete seinen Weg nach vernünftigen Ueberlegungen, statt nach unklaren und halb trunkenen Empfindungen. Wenn es dabei auch nicht ohne eine gewisse Brutalität abging. Das war gesunder Selbsterhaltungstrieb!

Und unwillkürlich mußte er denken, ein anderer an seiner Stelle hätte vielleicht skrupellos die Gelegenheit benutzt, die schöne Frau zu seiner Mätresse zu machen. Er aber, in dem Respekt, den nur von einer Mutter erzogene Männer vor allem hegten, was Weib hieß, er hatte gleich sich selbst eingesetzt und seinen Namen. Da stand denn doch Gewinn zu Verlust in einem zu argen Mißverhältnis. Und wenn er wenigstens noch eine Spur von Liebe empfunden hätte! Aber nichts, rein gar nichts als ein bißchen Mitleid.

Er stöhnte auf und ballte im hastigen Dahinschreiten die Faust: Schwerenot noch einmal, das war nicht genug, um darauf ein Mannesschicksal aufzubauen! Er konnte sich an diesem Mitleid doch nicht einfangen lassen wie an einem Strick. Da mußte man sich losreißen mit ein paar kurzen Worten heute nachmittag und nach dem Abschied nicht rückwärts schauen. Auch nicht grübeln und sich selber Moralpauken halten. Eine dunkle Stunde, an die er nicht ohne eine gewisse Scham zurückdachte, hatte schließlich jeder in seinem Leben. Das mußte man nicht tragisch nehmen. Namentlich, wenn es um eine Frauenzimmerangelegenheit ging. Da gab es ein bißchen Geflenn und Geplärre, man plagte sich selbst eine Weile lang mit Gewissensbissen, schimpfte sich mal Schweinehund – wenn's gar zu arg wurde, betäubte man sich mit einer guten Flasche. Und dann kam die liebe Zeit, brachte allmählich Vergessenheit. Man mußte sich nur von gewissen altfränkischen Vorstellungen losmachen. Daß Wort Wort war! Ob man es nun einem Manne abgegeben hatte oder einem Weibe, in der Trunkenheit oder bei vollkommen klaren Sinnen.

4.

Als Gaston nach Hause kam, lag auf dem Tische die offizielle Bestätigung der privaten Nachricht, die er in der gestrigen Nacht erhalten hatte.

Er überlegte. Wenn er eine Depesche an seinen neuen Kommandeur schickte, hätte der ihm die paar Tage Urlaub wohl nicht abgeschlagen. Eigentlich brauchte er nicht viel mehr als sechsunddreißig Stunden, um zu seinem alten Mütterchen hin und zurück zu fahren. Und da hätte er sich in einer Aussprache wohl Klarheit und Trost holen können. Aber wie sollte er es anfangen, der schlichten alten Frau all das zu schildern, was in seinem besonderen Falle mitspielte? Sie hätte ihn vielleicht gar nicht verstanden, nach dem altüberkommenen Schema Schwarz oder Weiß geurteilt. Daß modern empfindende Menschen da allerhand Schattierungen und Zwischenstufen einschoben und danach ihr verständnisvolles Urteil einrichteten, hätte sie wohl nicht begriffen. Und danach wäre sie, wie immer, auf den eigenen Kummer gekommen, der ihr ganzes Leben zerstört hatte. Auf den allzufrühen Verlust des Gatten, der nach kaum zweijähriger Ehe in den sicheren Tod gegangen war. Als Kammerherr und Hofmarschall der Großfürstin Anna Feodorowna, die sich als Witwe an den heimatlichen kleinen Hof zurückgezogen hatte. Für den Ruf seiner Herrin hatte er sich geschlagen, den ein frecher Höfling in den Staub gezerrt. Aus glatter, blanker Vasallentreue hatte er sich geschlagen, wie ein Kavalier des Ancien régime, aber seine Frau witterte etwas anderes dahinter, ein Verhältnis mit der leichtlebigen Großfürstin. Und davon war sie nicht abzubringen, auch nicht, nachdem sie den Brief gelesen hatte, der ihrem Sohne von dem Vormunde eingehändigt wurde an dem Tage, als er Offizier wurde.

»Mein Junge, es wird etwas lange dauern, bis Du nach meiner Bestimmung diesen Brief zu lesen bekommst. Du sollst erst reif genug sein, Dir selbst ein Urteil über Deinen Vater zu bilden. Ich werde morgen früh im Zweikampfe erschossen werden, denn mein Gegner hat in der Handhabung der Pistole eine größere Fertigkeit. Ich weine bei dem Gedanken, Dich und Deine Mutter allein zurückzulassen, aber ich sterbe im Dienst. Im Dienst der Herrin, der ich mich gelobt habe. Sie ist ein Racker, ich weiß es, aber ihr Ruf wurde öffentlich beschimpft, und ich muß als der Cavaliere servente dafür eintreten. Getreu dem Wahlspruch unseres alten Geschlechts: mon âme à Dieu, mon épée au roi, mon coeur aux dames! Deine Mutter als reine Deutsche versteht das nicht. Sie glaubt, ich hätte ein sträfliches Verhältnis mit meiner Herrin. Dir gebe ich mein Wort, es war nicht der Fall, trotz öfterer Gelegenheit. Dazu hatte ich Deine Mutter viel zu lieb.

In den hundert Jahren, die unser Geschlecht jetzt in dem schwerfälligen Deutschland lebt, ist uns jene frohe und leichtblütige Galanterie abhanden gekommen, die an unverbindliche Zärtlichkeiten in schwüler Stunde nicht den Maßstab eines Wüstenpredigers legt. Da langweilte sich meine hohe Herrin mit mir, wählte für ihr loisir einen Burschen, der nicht luftdicht war, der im Trunk mit der genossenen Gnade großsprecherisch prahlte. Es tut mir leid, daß ich wegen mangelnder Fertigkeit diesen Lumpen nicht gebührend züchtigen kann. Der Schlag ins Gesicht war nicht genug.

Und nun leb' wohl, mein Junge. Es tut mir leid, daß ich Dich der Erziehung Deiner Mutter überlassen muß. Sie wird einen deutschen Pedanten aus Dir machen, der mal eine wohlerzogene Geheimratstochter heiratet. Das letzte Tröpfchen gallischen Abenteurersinnes wird verloren sein. Aber vielleicht ist es gut so – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Ich habe in dem Brief eine Pause gemacht, eine ganze Weile saß ich an Deinem Bettchen. Du schliefst ruhig, die kleinen, runden Fäuste gegen das Näschen gestemmt. Deutlich erkannte ich das Zeichen der Foucar, den leichtsinnigen kleinen Knick nach links, aber man wird ihn Dir schon austreiben. Danach bettelte ich noch einmal an einer verschlossenen Tür – sie tat sich mir nicht auf. Vielleicht wäre dann noch alles anders gekommen.

Also adieu, mein Junge! Einen Rat gebe ich Dir auf den Weg: bleibe ledig! Dann bleibst Du auch frei. Die Nation mit den langen Haaren ist von kurzem Sinn. Eine Beleidigung, die Du ihrer Eitelkeit angetan hast, verzeihen sie selbst auf dem Totenbette nicht. Du kannst sie schlagen, sie werden Dir verzeihen. Aber haben sie Dich im Verdacht, eine andere hätte mal Deine Sinne gereizt, bist Du ein Verbrecher, der am Allerheiligsten gefrevelt hat!

Unten fährt der Wagen vor, man holt mich zu meinem letzten Gange. Grüß Deine Mutter, denk von dieser Stunde über Deinen Vater anders, als man Dich bisher gelehrt hat!

Gaston Baron Foucar de Kerdesac.«

Den Brief hatte er damals so oft gelesen, daß er ihn auswendig konnte. Aber die Mutter war selbst durch dieses im Angesicht des Todes geschriebene Bekenntnis nicht umzustimmen gewesen, hatte daraus nur eine neue Kränkung gelesen. Und er konnte es begreifen, denn als ein verwöhntes reiches Mädchen hatte sie unter zahlreichen Bewerbern dem Einen den Vorzug gegeben, der sich – ihrer Meinung nach – nachher als ein Wortbrüchiger und Treuloser erwies. Und im Laufe der Jahre hatte sie sich immer mehr in ihrem Urteil verstockt, suchte bei allen ähnlichen Konflikten, von denen sie vernahm, die Schuld nur auf seiten des Mannes. Da hätte sie vielleicht auch in seinem Fall ohne Ansehung der besonderen Umstände entschieden, und damit war ihm nicht gedient. Er brauchte einen glatten Freispruch, sonst hätte sich die weite Reise nicht gelohnt.

Der Tag ging herum unter vielfältigen Besorgungen wie eine kurze Stunde. Die Uhr zeigte auf fünf, und da konnte er sich immer noch entschließen, ob er den kurzen Abschied mündlich besorgte oder durch ein paar Zeilen, die sein getreuer Bursche Häberle überbrachte. Aber das hätte vielleicht wie eine Art von Feigheit ausgesehen, als schämte er sich seines Rückzuges.

Das Auto hielt vor dem hohen schmiedeeisernen Gitter, das die prunkvolle Rheinthalersche Villa von der Straße schied.

Der Diener, den er mit seiner Karte hineingeschickt hatte, kam zurück: »Herr und Frau Rheinthaler lassen bitten.« Gaston folgte ihm durch die weite Halle in ein halbdunkles Zimmer, in dem sich das ans helle Tageslicht gewöhnte Auge erst allmählich zurechtfand. Eine Art von Boudoir schien es zu sein mit einem Stutzflügel in der Mitte ... Bilder in Goldrahmen an den Wänden.

Hinter einem mit Patiencekarten bedeckten Tische erhob sich mühsam eine hagere Gestalt, ein paar unruhige Augen flackerten in einem verfallenen Gesicht.

»Ei sieh da, Herr Baron, das ist sehr liebenswürdig von Ihnen, daß Sie sich nach uns umsehen!« Herr Rheinthaler streckte dem Eintretenden die Hand entgegen: »Sie bleiben selbstverständlich zum Abend da. Wir telephonieren rasch ein paar nette Leutchen zusammen.«

Gaston tat, als hätte er die Bewegung nicht gesehen. Erbärmlich wäre er sich vorgekommen, wenn er dem Manne da die Hand gereicht hätte. Er verneigte sich, den Helm in der Rechten.

»Ich bedauere lebhaft, Herr Rheinthaler, meine Zeit ist leider sehr knapp. Ich komme nur, um mich zu verabschieden. Gestern nacht, als ich nach Hause kam fand ich ein Telegramm vor, das mir meine Versetzung ankündigte. Nach Ordensburg in Ostpreußen, zu dem Dragonerregiment Graf von Schmettau.«

Frau Josepha, die mit einem Buche am Fenster gesessen hatte, kam näher. Sie sah blaß und übernächtig aus, um ihre Augen lagen tiefe Schatten. Als Gaston ihre von blitzenden Ringen bedeckte Hand an die Lippen zog, spürte er einen leisen, zärtlichen Druck, der ihm das Blut in die Wangen trieb. Sie machte eine zum Platznehmen einladende Bewegung, setzte sich selbst auf einen niedrigen Hocker ganz in seiner Nähe.

»Die Versetzung ist Ihnen wohl sehr überraschend gekommen?«

Er sah sie ein wenig unsicher an. In der anscheinend so harmlosen Frage hatte ein geheimer Unterton angeklungen, fast wie ein Vorwurf: »Weshalb hast Du mir das gestern verschwiegen?«

»Ueberraschend? Doch nicht so ganz, gnädige Frau! Mein Abteilungschef, der mir sehr gewogen ist, hatte sie mir schon vor Wochen angekündigt. Es ist eine große Auszeichnung, und ich freue mich sehr darüber.«

Herr Rheinthaler, der seine Patience wieder aufgenommen hatte, warf ein: »Daß Sie nach Ordensburg kommen? Ich kenne das Nest! Vor ein paar Jahren war mir da in der Nähe ein Jagdgut angeboten. Wenn ich im Hotel nicht einen Weinreisenden getroffen hätte, der mit mir um die halben Pfennige Piquet spielte – ich wäre umgekommen vor Langerweile. In zwei Tagen! Wie vernünftige Menschen es dort ein Leben lang aushalten, ist mir ein Rätsel!«

»Nun,« sagte Frau Josepha mit einer gewissen Schärfe, »dafür gibt es eine sehr einfache Lösung: sie arbeiten! Haben irgend eine Tätigkeit, die sie ganz ausfüllt. Nur die Leute, die dem lieben Gott den Tag abstehlen, langweilen sich.« Und zu Gaston gewandt, fuhr sie fort: »Ich kann es mir sehr gut vorstellen, das Leben in so einer kleinen Stadt. Auch für eine Frau ... Kein Theater, keine Bälle, keine rauschenden Vergnügungen, nur Ruhe und Stille. Einen Mann, den man von ganzem Herzen liebt, dem man genug ist. Man richtet ihm das Haus so behaglich, als es nur möglich ist, streicht ihm die Falten aus der Stirn, wenn er müde und verärgert vom ... von der Arbeit kommt ... und abends plauscht man, macht ein bisserl Musik oder liest ein gutes Buch. Wundervoll denk' ich mir das! Keine lästigen Menschen ringsum, nur zwei für sich ganz allein.«

Sie brach ab und sah mit sehnsüchtigen Augen durch das von dichtem Grün umrankte Fenster ins Weite, als erblickte sie dort ein fernes Glück.

Gaston spürte deutlich, all das war für ihn gesagt. Die Antwort war es auf die Frage, die er ihr durch die Alte am Vormittag gestellt hatte. Da dauerte es ihn fast, daß er diesen Glückstraum mit rauher Hand zerstören mußte.

Herr Rheinthaler lachte kurz auf und zwinkerte ihm vertraulich zu.

»Das sind so Stimmungen, mein verehrter Herr Hauptmann! Oder muß man schon Rittmeister sagen, weil Sie jetzt doch bei der Kavallerie sind? Ich kenne mich als gänzlicher Nichtsoldat da nicht aus.«

»Es ist ziemlich egal, Herr Rheinthaler.«

»Na dann, von dieser Schwärmerei eben für die kleine Stadt müssen Sie ein bißchen Jammer in Abrechnung bringen! Ehe wir in dem Ballokal landeten, hatten wir schon eine recht ausgiebige Sitzung hinter uns. Und meine teure Gattin hatte sich geärgert. Da trinkt sie noch mehr Sekt als gewöhnlich.«

»Ist nicht wahr,« fuhr Frau Josepha auf. Die Zornröte färbte ihr die Wangen.

»Aber Peperl, ich hab' Dir doch zugesehen! Du kannst ja einen ganz gehörigen Posten vertragen, aus langjähriger Uebung, aber gestern ... Und wie Du gegen das arme Wurm, die Sandori, losgingst, wußte ich Bescheid.«

Gaston fühlte einen Knäuel im Halse aufsteigen. Zwei Trunkene hatten gestern leichtfertige Liebesschwüre ausgetauscht. Und da hatte der Narr sich darum eine schlaflose Nacht gemacht, eine Nacht voll peinigender Selbstvorwürfe ... Er griff nach seinem Helm und erhob sich.

»Verzeihen Sie gütigst, gnädige Frau, ich möchte um die Erlaubnis bitten ...«

Frau Josepha sah ihn erschreckt an. »Um Gottes willen,« sagte sie unwillkürlich. Und Herr Rheinthaler legte seine Patiencekarten hin und trat auf ihn zu.

»Aber, mein bester Herr Baron, weshalb denn? Weil meine Frau sich mit mir ein bißchen gekabbelt hat? Das kommt in den besten Ehen vor! Und wir sind schon auf dem Wege, uns wieder zu vertragen – sie schmollt nur noch ein wenig!«

»Herr Rheinthaler, ich möchte wirklich nicht länger ...«

»Ne, ne,« sagte der Hausherr und drückte ihn auf den Stuhl zurück. »Es wäre mir sehr unangenehm, wenn Sie in Ihr kleines Nest da oben eine schlechte Erinnerung an uns mitnehmen würden. Außerordentlich peinlich wäre mir das! Und wo der Zufall Sie dazugeführt hat, wie wir uns gestern verzankten, müssen Sie jetzt auch hören ... Also, das sah alles schlimmer aus, als es in Wirklichkeit war! Ich hatte auch ein bißchen mehr Sekt im Leibe, als mir der Doktor erlaubt hat, und dann – sehen Sie – das kommt ja vor, daß man sich mal in eine andere vergafft. Nur äußerlich! Das sind so temporäre Verrücktheiten ... man besinnt sich wieder. Kehrt zu dem allein seligmachenden Hausaltar zurück, vor dem man in überirdischem Glück geopfert hat. Das Bild, das darauf thront, wird ja nicht immer unerbittlich bleiben, sich dem reumütigen Sünder wieder in Gnade neigen.«

Er sprach an seinem Gaste vorbei, seine Augen hingen bettelnd an der Frau, die sich zum Fenster gewandt hatte.

Ein glattrasierter Kammerdiener mit der Vornehmheit eines englischen Lords kam aus der zum Nebenzimmer führenden Tür, räusperte sich leicht und blieb schweigend stehen. Herr Rheinthaler wandte ärgerlich den Kopf.

»What is the matter?«

»Excuse Sir, the Professor Abner is waiting for you!«

Herr Rheinthaler sah seine Gattin mit einem gewissen Mißtrauen an: »Wer hat denn den um diese Zeit bestellt? Mitten aus seiner Sprechstunde?«

Frau Josepha zuckte die Achseln: »Vielleicht Du selbst? Ich kümmere mich doch nicht um Deine Kuren.«

Gaston blickte zu Boden. Das Herz schlug ihm bis in den Hals. In wenigen Augenblicken war er allein mit der Frau da drüben, und dann mußte er allerhand unbarmherzige Worte sprechen.

Herr Rheinthaler hatte dem Diener Bescheid gesagt, jetzt wandte er sich zu seinem Besucher.

»Entschuldigen Sie mich, lieber Herr Baron, aber ich kann den Professor nicht warten lassen. Jede Minute bei so einer Kapazität kostet ein kleines Vermögen, und ich möchte meiner Frau doch nach meinem Tode noch einiges hinterlassen. Der Abner wird mich ein bißchen trösten, ein bißchen massieren und wieder trösten. Was wirklich mit mir los ist, weiß ich doch bloß allein. In spätestens vier Wochen schwimm' ich ab.« Wieder richteten seine Augen sich bettelnd zum Fenster, ein leichter Hustenanfall erschütterte seine Brust. Er unterdrückte ihn mühsam, um seine schmalen Lippen flog ein verzerrtes Lächeln. »Eins ist jedenfalls vorläufig noch sicher: in einer Viertelstunde bin ich wieder hier! Ich hoffe Sie dann zu sehen.«

»Ich muß lebhaft bedauern, Herr Rheinthaler ...«

»Sie sind ein komischer Mensch. Immer, wenn man Sie einladet, bedauern Sie! Na schön, dann glückliche Reise und – auf Wiedersehen kann ich armer Hund leider nicht mehr sagen! Aber wenn Sie mal auf Urlaub nach Berlin kommen, besuchen Sie meine 'lustige Witwe'. Sehen mal nach, mit wem sie sich getröstet hat.« Er streckte seine Hand aus, und diesmal konnte Gaston nicht ausweichen. Die Hand war kalt und feucht, umspannte seine Rechte mit kraftlosem Druck. Ein fröstelndes Gefühl flog ihm über den Rücken. Der Mann konnte nichts dafür. Das lag wohl an seiner Krankheit, aber er konnte sich nicht überwinden, den Händedruck zu erwidern.

In der Tür wandte sich Herr Rheinthaler noch einmal um.

»Du, Peperl, wirf mir um Himmels willen die Karten nicht durcheinander! Die Patience da habe ich auf einen ganz besonderen Herzenswunsch gelegt, und es scheint fast, als sollte sie diesmal aufgehen.«

Die Portiere schloß sich hinter ihm, die beiden waren allein. So still wurde es in dem halbdunklen Zimmer, daß man das leise Ticken der kleinen Uhr hörte, die in der Ecke auf einem zierlichen Schreibtische stand.

Frau Josepha blieb am Fenster und sah in die grünen Ranken hinaus, die es von außen fast ganz überspannten. Sie neigte den Kopf mit den schweren Flechten nach vorn, ein lautloses Schluchzen erschütterte ihren Körper. Nur an dem Zucken der Schultern war es zu merken. Gaston stand regungslos. Das Mitleid riß ihn am Herzen, aber er konnte sich nicht überwinden, näher zu treten. Nichts anderes konnte er denken, als daß die Frau da, deren schlanke und doch üppige Gestalt in dem lang herabfließenden Kleid sich prachtvoll von dem hellen Hintergrunde hob, in diesen ekeln Händen gewesen war, deren feuchten Druck er noch zu spüren glaubte. Er richtete sich auf, es mußte ein Ende gemacht werden! Seine Stimme klang heiser vor Erregung.

»Gnädige Frau, es ist wohl am besten, wenn ich mich jetzt entferne?«

Sie flog herum und auf ihn zu, warf ihm die Arme um den Hals. Ganz nahe hob sie ihr tränenüberströmtes Gesicht zu dem seinigen.

»Was denn? Jetzt willst fort, wo wir endlich ein paar kostbare Minuten für uns allein haben?«

Er stöhnte auf, versuchte, sich sanft loszumachen.

»Also das hier ... das alles ist so fürchterlich.«

Sie umklammerte ihn fester, schmiegte sich ganz an ihn, so daß er ihren bebenden Körper spürte.

»Um Jesu Barmherzigkeit willen, laß mich jetzt nicht allein. Geh nicht so von mir! Ich kann das begreifen, aber Du mußt darüber hinwegsehen. Ich konnte es ja unmöglich wissen, daß Du ihm noch einmal begegnen würdest! Wie eine Klette hängt er sich an mich, bettelt und bettelt. Weil er sah, daß ich Ernst gemacht hatte mit dem Davongehen, hat er plötzlich seinen Sinn gewandelt. Vielleicht erschien ich ihm dadurch wieder begehrenswert, aber ich schwöre Dir, er wird mich nicht mit einer Fingerspitze berühren. Und übermorgen lauft er doch wieder der anderen nach, ich kenn' ihn ja. Also da darfst kein Mitleid mit ihm haben! Und, geh', sag', daß Du so kalt dastehst, das ist doch nur, weil wir hier in seinem Haus sind, gelt? Mußt nicht so arg verfroren sein, lieber Bub' ... ich hätt' halt dran denken sollen, wie Du bist, Dich gar nicht erst herkommen lassen! Aber, schau, seit sechs Uhr in der Früh, wie er heimgekommen ist, geht das schon so. Da war ich halt ein bisserl verwirrt! Und der Doktor sagte mir: 'Wenn Sie jetzt von ihm gehen, ist es sein Tod! Sein Zustand ist schlimmer, als er ahnt. Das viele Morphium hält ihn nur noch aufrecht. Jede Minute kann es den Zusammenbruch geben, wieso wollen Sie sich da erst scheiden lassen?' Da bin ich geblieben. Und jetzt sag mir ein liebes Wort! Nur ein einziges kleines Wort, aus dem ich wieder Hoffnung schöpfen kann. Die Zweifel zerreißen mir das Herz. Die Ursel hat mir zwar erzählt, wie glücklich Du gewesen wärst über meinen Brief, aber jetzt sprich das einzige kleine Wörtel: Willst mein sein und mir treu bleiben?« Sie umklammerte ihn fester, starrte ihm angstvoll in die Augen.

Da atmete er auf. Das ging über Menschenkraft, jetzt auszusprechen, was er sich vorgenommen hatte. Er beugte sich hinab, küßte ihre Stirn, und dann fanden sich ihre Lippen.

»Du bleibst mir treu?« stammelte sie zwischen zwei Küssen.

»Ich werde mein Wort halten!«

»Ah na, ob mich lieb hast, will ich wissen?«

Von ihrem warmen Körper, der eng an den seinen geschmiegt war, zog ein heißer Strom durch seine Adern.

»Ja, ich habe Dich lieb!«

»So arg, daß Du nie an eine andere denken wirst? Und wär' sie noch tausendmal schöner als ich?«

Da flüsterte er trunken: »Schöner als Du? Du bist für mich die Schönste, Herrlichste und Reinste auf der Welt.«

Sie hob sich auf den Zehenspitzen, biß ihn in die Wange, daß er einen jähen Schmerz verspürte: »Da, daß Du dieses letzte Wort nimmer vergißt! Und jetzt geh', daß ich mich ein wenig beruhigen kann, bis er wiederkommt.« – – –

Er stand draußen im grellen Sonnenlicht des heißen Sommernachmittags und ging langsam die Straße zurück, die zur Stadt führte. Ein großes Gefühl weitete ihm die Brust, wie ein Sieger kam er sich vor, wie ein Sieger über kleinliche Fürchte und Bedenken. Mochte sie nun aus den entzündeten Sinnen stammen oder aus dem übergewaltigen Mitleid – die Liebe war gekommen, erfüllte ihn ganz und gar! Und war er nicht etwa Manns genug, sich über alles hämische Gezischel und Geraune hinwegzusetzen, das sich vielleicht erheben konnte? Er brauchte sich nur herauszurecken mit allem, was er war, und die bösen Zungen verstummten! ...

Vor ihm auf der Straße ging einer dahin, der es ebensowenig eilig zu haben schien, nach der Stadt zurückzukommen, wie er. Ein untersetzter kleiner Herr in modischem Jackett und Strohhütchen, der ihm bekannt vorkam. Gaston verlangsamte unwillkürlich seinen Schritt und gedachte, die andere Seite zu gewinnen. Es wäre ihm unangenehm gewesen, jetzt, in dieser Stimmung irgend einem Schwätzer Rede und Antwort stehen zu müssen.

Da blieb der Voranschreitende plötzlich stehen, wandte sich um: »Guten Tag, Herr von Foucar!« In einem aschfahlen Gesicht flackerten ein paar Augen in irrem Glanz.

»Wodersen!« sagte er überrascht. »Wie kommen Sie hierher?«

»Ich hatte vor Ihnen in der Villa Rheinthaler einen Besuch machen wollen, wurde aber nicht angenommen. Da sah ich Sie stolz im Auto anfahren und, weil ich mir dachte, Sie werden doch nicht ewig drinbleiben, hab' ich auf Sie gewartet.«

»Na, das ist nett von Ihnen. Da kann ich Ihnen gleich Adieu sagen.«

»Sie verreisen?«

»Nee, ich bin versetzt worden. Zu den Ordensburger Dragonern.«

»Donnerwetter, so mitten aus der Tour? Wem haben Sie denn das zu verdanken?«

Gaston lachte bitter auf. So dachten sie alle, die mal mit ihm Schulter an Schulter ihren Dienst getan hatten. Und seine Antwort klang schärfer, als es der im Grunde unbeträchtliche Anlaß erfordert hätte.

»Natürlich allem anderen, nur nicht mir selbst. Der unbekannten hohen Dame, die angeblich meine Schicksale überwacht, oder meiner Fähigkeit, mich bei meinen Vorgesetzten zu schustern und in den Vordergrund zu drängen ... na dann Adieu, Herr von Wodersen! Ich habe es ein bißchen eilig.«

Der andere achtete gar nicht darauf und ging rasch neben ihm her in gleichem Schritt.

»Meinen Sie vielleicht, ich hätte deshalb hier drei Stunden auf Sie im Sonnenbrand gelauert, um mich so abspeisen zu lassen?«

»Wie? Sie haben ...«

»Auf Sie gewartet! Schon heute vormittag hatte ich natürlich telephonisch ausführlichen Bericht, was gestern passiert war. In dem Ballokal, und daß Sie nachher Frau Josepha im Auto allein nach Hause gebracht haben. Nachmittags war ich dienstfrei, da bin ich ohne Urlaub fortgefahren. Das übrige konnte ich mir ungefähr denken. Sie hatte mich in diesen Wochen ja fast ein dutzendmal gequält, ich sollte Sie endlich heranschleifen. Daß ich es nicht tat, werden Sie nach dem, was wir neulich mal gesprochen hatten, begreiflich finden.«

»Allerdings! Und was steht jetzt zu Diensten?«

Der kleine Husar blickte zornig zu ihm auf.

»Erst klopfen Sie sich mal den Puder von Brust und Kragen! Sonst sieht es womöglich noch einer von den bezahlten Aufpassern, daß Sie eben Abschied genommen haben. Von einer schönen Frau, die die Gepflogenheit hat, sich Gesicht und Arme zu pudern.«

Gaston schielte auf seinen Ueberrock hinab und wurde unwillkürlich rot. Wahrhaftig, man sah es ganz deutlich! Und jetzt wußte er plötzlich, weshalb der glattrasierte Kerl, der ihm in der Rheinthalerschen Villa beim Hinausgehen die Tür öffnete, so süffisant gelächelt hatte. Er zog das Taschentuch und wischte heftig über das dunkle Tuch, aber der feine weiße Staub drang nur um so tiefer ein, war nicht fortzubringen. Da gab er's ärgerlich auf.

»Nun also, was wünschen Sie von mir, Herr von Wodersen?«

»Nur eine kurze Auskunft. Wie Sie sich von jetzt an zu Frau Josepha verhalten werden.«

»Und wenn ich das zurückweisen müßte? Als einen unangemessenen Eingriff in meine ganz persönlichen Angelegenheiten?«

Der Landsberger Husar schüttelte den Kopf.

»Das werden Sie nicht tun! Wenn einer den Anspruch hat, es zu erfahren, bin ich es. Das wissen Sie!«

»Also, wo wir mal schon so weit sind, meinetwegen! Es wird auch dazu beitragen, diese Unterredung, die uns beiden ja nur peinlich sein kann, abzukürzen. Ich habe – also ich bin mit Frau Josepha übereingekommen ... wenn sie die Trennung von ihrem Manne vollzogen hat, werde ich sie heiraten.«

»Dann ist's gut ... und danken Sie Gott!«

»Herr von Wodersen, ich muß doch sehr bitten ...«

»Danken Sie Gott,« wiederholte der andere hartnäckig. »Im anderen Falle, wenn's Ihnen nur ein Spiel gewesen wäre, hätte ich Sie provoziert und abgeschossen. Es geht nicht an, daß einer umkommt vor Durst und Hunger, während der andere in frivolem Spiel ... also es ist gut! Adieu, Herr von Foucar.« Er sah starr geradeaus mit schwimmenden Augen, und plötzlich kam ein lautes Aufschluchzen aus seiner Brust, er wandte sich ab. Gaston aber stand ratlos dabei und wußte nicht, wie er sich in dieser seltsamen Situation zu benehmen hatte. Trösten ging nicht an, das beste war, sich still zu entfernen.

»Adieu, Wodersen,« sagte er leise und schritt langsam weiter.

Der arme Kerl tat ihm leid, schrecklich war es, wie es den zusammengerissen hatte, daß er von jetzt an nichts mehr zu hoffen hatte. Zugleich aber schwellte ihm selbst ein gewisses Stolzgefühl die Brust. Daß er die Liebe dieser herrlichen Frau errungen hatte, für die ein anderer ohne Zaudern sein Leben eingesetzt hätte. Fast eine Steigerung des eigenen Glückes war es ihm.

Eine heisere Stimme erklang neben ihm.

»Entschuldigen Sie, Foucar, wenn Sie mich eben als altes Weib gesehen haben ...«

»Ach Sie noch mal, Wodersen? Wäre es nicht besser, wir hätten eben Schluß gemacht?«

»Vielleicht! Nur, Sie werden begreifen, man steht da neben einem frisch zugeschütteten Grab, kann nicht sogleich weggehen. Eigentlich aber hätte ich's voraussehen müssen, die Frau war ja krank nach Ihnen! Gab mir hundert Aufträge für Sie. Immer sollte ich Ihnen bestellen, wo Sie sie abends treffen würden. Ich hab's natürlich nie ausgerichtet. Sie werden das begreifen.«

»Selbstverständlich! Und nun wollen wir wirklich Schluß machen! ... Sie werden einsehen, daß es mir einigermaßen peinlich ist.«

Herr von Wodersen lachte plötzlich schrill auf.

»Ihnen? Wo Sie im Glück sitzen!«

»Na ja, aber peinlich natürlich auch für Sie.«

»Das braucht Sie nicht zu bekümmern! Und ich müßte ersticken oder verrückt werden, wenn ich jetzt nicht – ich weiß überhaupt noch nicht, ob ich drüber wegkomme. Also, Foucar, Sie schwören mir, Sie werden sie gut behandeln!«

»Aber das ist doch selbstverständlich!«

»Na ja! Und ich werde natürlich weiter aufpassen.«

Gaston blieb stehen.

»Herr von Wodersen, alles hat seine Grenzen.«

»Ach Gott, wollen doch jetzt nicht zimperlich sein wie kleine Pensionsmädchen! Ich bin ja halb verrückt, ich hatte doch immer noch gehofft, sie würde mich kleinen unansehnlichen Kerl ...« Er brach ab und sah in angestrengtem Nachdenken vor sich hin. »Also, was wollte ich doch gleich ... ja richtig! Noch vor etwas anderem müssen Sie sich in acht nehmen, vor Josepha selbst! Wissen Sie, was sie ihrem Mann antun wollte, jetzt wegen dieser Geschichte mit der Sandori? Kein Teufel kann sich Aergeres ausdenken, denn das ist so auf die ganze Art dieses Menschen zugeschnitten, mußte ihn gerade aufs tödlichste verwunden. Sie hat sich eine Szene schreiben lassen, einen Sketch, wie man das im Theaterjargon nennt. Mit einem Dutzend raffinierter Tricks ... ich war bei einer Probe dabei im Apollotheater – es war doll! Hinreißend ... zum Wahnsinnigwerden. Eine große Menschendarstellerin, die ihre ganze Kunst in eine einzige Szene preßt ... Alles, was sie kann, zeigt sie da ... und dann war da ein Tanz, wo sie sich aus einem Schleier nach dem andern löst, bis sie mit ihrem herrlichen Körper dasteht in einem ganz leichten Gewand ... also ich sage Ihnen, ganz Berlin wäre verrückt geworden bei dieser Darstellung. Ich ging wie ein Betrunkener aus der Probe.«

Der Kleine schwieg und sah mit verzückten Augen geradeaus. Gaston spürte ein widerwärtiges Gefühl, zugleich aber stachelte ihn die Neugierde. »Weiter,« sagte er heiser.

Herr von Wodersen blickte verwirrt auf, als müßte er sich erst besinnen, wovon er eben gesprochen hatte.

»Ach so ... ja! Wer das nicht gesehen hat, kann nicht begreifen, daß ich von der Stunde an noch verrückter war als vorher ... total verrückt! Ich schlafe seit dem Tag nicht mehr ... und ja, verstehen Sie denn nicht, was das alles bedeutete? Josepha hätte an dem Abend doch nur für einen gespielt und getanzt, für ihren Mann! Dann aber, wenn seine aufgestachelte Begierde wieder lichterloh brannte, hätt' sie ihn verdursten lassen. Hätte ihn vor aller Welt lächerlich gemacht mit irgend einem häßlichen, hirnlosen Halbaffen – so einem vielleicht wie ich ...«

»Wodersen, hören Sie auf!«

Der andere lachte höhnisch.

»Das ist Ihnen peinlich, was? Ja, meinen Sie vielleicht, ich habe vor Freude getanzt, als ich heute früh die Nachricht bekam, für mich ist es aus? Nichts mehr zu hoffen, rein gar nichts ...« Er dämpfte plötzlich seine Stimme zu einem geheimnisvollen Flüstern: »Das dürfen Sie aber niemandem weiter sagen, ich kam mit einer ganz andern Absicht hierher ... Daß Sie noch leben, verdanken Sie ihr! Der Josepha! Sie hätte sich ja die schönen Augen blind geweint um Sie ...«

»Herr von Wodersen, ich nehme Rücksicht, daß Sie sich offenbar in einer Gemütsverfassung befinden ...«

Der Kleine nickte.

»Ja, nehmen Sie nur ... ist auch ganz recht! Heute früh hat sich mir da oben im Kopf was 'rumgedreht, ich hab's ganz deutlich gespürt. Von dem Augenblick an habe ich Mühe, meine Gedanken zu sammeln. Und das weiß kein Mensch, was das heißt, sich vor Qualen winden und schreien, während andere mit sattem Bauch ruhig schlafen. Aber ich hab' etwas für Sie, da werden Sie auch nicht schlafen. Ich hätte mich darüber hinweggesetzt, denn ich bin ja längst schon ein kleiner Lump geworden, innerlich. Von außen, wenn ich meine Uniform anhabe, merkt man es nicht so. Ja, also, Ihre zukünftige Frau Gemahlin, wie sie noch in Brünn am Stadttheater war, zusammen mit so einem nichtswürdigen Kerl von Schauspieler, da hat sie einen Selbstmordversuch gemacht.«

Gaston schritt schneller aus, um sich von der Gesellschaft des offenbar plötzlich Irrgewordenen zu befreien. Aber weit und breit war keine Fahrgelegenheit zu erblicken auf der sonnenbeschienenen Straße, und der andere neben ihm hielt gleichen Schritt.

»Rennen Sie doch nicht so, Foucar! Das muß Sie doch auch interessieren, daß Josepha damals sich umzubringen versuchte, weil der Kerl sie nicht wieder ehrlich machen wollte ... so ein gemeiner Hund! Sie kennen ihn auch ... er war gestern auch in der Loge, der glattrasierte Schuft ... er hat mir auch die Zeitungen gegeben, wo alles drinstand ... Sie müssen natürlich jetzt Ihren Abschied nehmen ... ich hätte ihn ja auch genommen.«

Gaston fühlte, wie es ihm rot vor den Augen wurde. Ob der da neben ihm nun klar im Kopfe war oder nicht – dafür gab es nur eins: niederschlagen! Er hob den Arm, aber der Kleine sprang wie eine Katze zur Seite, rannte ein paar Dutzend Schritte zurück und lachte gellend auf.

»Ach, Sie haben sich wohl eingebildet, ich wär' so leicht zu kriegen? Und die Zeitungen schick ich Ihnen zu – nach Ordensburg.«

Gaston wandte sich ab. Grauenhaft war das. Wie in einer Betäubung ging er weiter, zur Stadt zurück. Was sollte er jetzt tun? Einen Irrsinnigen zur Rechenschaft ziehen? Das erledigte sich von selbst, da war kein Wort darüber zu verlieren. Aber das, was dieser Irre zuletzt gesprochen hatte, das blieb hängen, wie ein Pfeil, der mit dem Widerhaken in die Weichen gedrungen war. Das alles war Lüge, eine Ausgeburt krankhafter Phantasie, sicherlich, aber woher sollte er sich Gewißheit holen? Noch einmal in die Rheinthalersche Villa zurückkehren, den Mann beiseite schieben: »Erlauben Sie mal, ich habe mit Ihrer Frau Gemahlin ein paar Worte unter vier Augen zu sprechen?« Oder einen Brief schreiben, den man zu Händen der alten Hexe sicher an die eigentliche Adresse beförderte? Vielleicht hätte Josepha in ihrem stolzen, jede Lüge verabscheuenden Sinn die Wahrheit geantwortet!

Aber darauf kam es ja nicht an. Es war schon genug, daß gegen die Frau, die er heimzuführen gedachte, sich überhaupt ein so schmählicher Verdacht erheben konnte. Daß es einen Menschen geben konnte auf der Welt, der sich brüsten durfte, mit Recht oder Unrecht, sie wäre sein gewesen. Da konnte er nicht drüber hinweg, dafür konnte er seinen Namen nicht einsetzen, das ging nicht an! Es war schon genug, daß er sich damit abgefunden hatte, daß er sie aus den eklen Händen ihres Gatten nehmen mußte ... Nur, wenn man weiter dachte, wo war da ein Unterschied? Weshalb sollte er ihr gerade den ersten verübeln? Dem hatte sie sich vielleicht in heißer Leidenschaft geschenkt, oder sie war in törichter Unerfahrenheit seinen ruchlosen Künsten erlegen, den zweiten aber ... er konnte nicht weiter. Da verwirrten sich auch ihm die Gedanken. Schluß mußte es sein, oder er verlor sich selbst! Und keine Auseinandersetzung mehr. Wie die enden würde, wußte er. Vor ein paar Wochen hatte er über den angeblichen Zauber gelacht. Heute hatten ein paar Augenblicke, in denen diese Frau an seinem Halse hing, hingereicht, damit er sich selbst und sein Schicksal verschwor.

Er hatte vormittags im Fahrplan nachgesehen, gegen neun Uhr ging ein Zug nach dem Osten. Den konnte er noch erreichen, einen Tag in Königsberg verbringen, ehe er weiter nach Ordensburg fuhr. Nur fort und hinaus ...

Nur das Notwendigste wurde eingepackt, alles übrige besorgte der Spediteur. Jedesmal, wenn die Klingel ging, fuhr Gaston zusammen. Als könnte sich noch irgend ein Zwischenfall ereignen, der ihn an der Abreise hinderte. Oder es könnte noch eine Auseinandersetzung geben. Davon hatte er genug. Nur fort und hinaus ...

Erst als der Zug sich in Bewegung setzte, atmete er auf. Ein blödes Wort, das er einmal an der Biertafel gehört hatte, ging ihm nicht aus dem Sinn. »Ein Kavalier reißt nicht aus. Nur, wenn er in Gefahr befindlich ist. Dann aber schnell.« Das paßte auf ihn. Auch er riß aus. Vor einer, der seine Sinne erlagen, wenn sie in seiner Nähe war. Je weiter er eilte, desto weniger konnte sie ihn erreichen. Nur eins beunruhigte ihn ... dort, weit hinten, von wo er kam, blieb sein Wort. Immer länger und dünner wurde der Faden, an dem es hing, aber er riß nicht ab. Noch tausend Meilen konnte er fahren, er riß nicht ab. Freiheit konnte es nur geben, wenn die, die den Faden am anderen Ende hielt, in gutem Willen ihre Hand öffnete. Wort war Wort.

5.

Der nachmittags von Königsberg abgegangene Personenzug bummelte gemächlich nach Südosten, der russischen Grenze zu. Eintönig klang das Läutewerk der Lokomotive, die mit Aechzen und Stöhnen etwa vier Meilen in der Stunde zurücklegen mochte. Ein schnelleres Tempo hätte zu viel Kohlen gekostet bei dem wenig lohnenden Betrieb.

Die brütende Julihitze ließ den sechs oder sieben Reisenden, die am Südbahnhofe eingestiegen waren, die Fahrt noch langsamer erscheinen, als sie in Wirklichkeit war. Der leichte Sommerwind, der ein wenig Kühlung gebracht hatte, war drückender Gewitterschwüle gewichen. Die Schwalben flogen dicht über dem Boden beim Nahrungsfang für die ewig hungrige Brut, und flimmernd, gleich durcheinanderschwingenden Silberfäden, zitterte die sonnendurchglühte Luft über der erntebereiten Erde.

Gaston von Foucar hatte die am Bahnhofe gekauften Berliner Zeitungen gelesen, es stand nichts Neues darin. Eine Erörterung darüber, ob auch Deutschland fechten müßte, wenn sein österreichischer Bundesgenosse von Rußland angegriffen würde. Das war doch selbstverständlich. Alles übrige, wie weit in diesem Falle die Bündnisklausel zuträfe, leeres Geschwätz. Es ging dabei ums eigene Leben. Und töricht wäre es doch gewesen, die äußersten Bastionen aufzugeben, wenn sie mit verhältnismäßig geringen Opfern zu halten waren. Viel wichtiger erschien ihm, daß man auch hier, im Osten des Vaterlandes, auf Posten war. An jeder kleinen Brücke standen Wachen. Das war sehr verständig. Bei dem mangelhaften, noch aus der Zeit der »ewigen russischen Freundschaft« stammenden Ausbau der zur Grenze führenden Bahnen hätten ein paar Sprengpatronen genügt, um den strategischen Aufmarsch um Tage zu verzögern ...

Der Vormittag in der alten Handelsstadt hatte Gaston wohlgetan. Es gab vieles zu sehen, was ihm neu war. Das Leben am Hafen, in dem neben leichten Segelschiffen auch stattliche Dampfer lagen. Krane schwenkten sich mit schwerer Last vom steinernen Kai zu den Schiffen, Ketten rasselten, und Maschinen stöhnten. Dazwischen ein emsiges Getriebe von Menschen, die in allerhand Sprachen durcheinanderschrien, Deutsch, Russisch, Englisch. Ueber dem allen ein undefinierbarer Duft von Wasser und Teer, der unwillkürlich in die Ferne lockte.

Lange hatte er gestanden und dem Treiben zugesehen. Die Menschen hasteten an ihm vorüber, keiner kannte ihn, keiner gab auf ihn acht, alle rannten sie emsig hinter ihrer Arbeit her, die einem einzigen Ganzen diente. Einen Unfall sah er mit an. Ein Arbeiter mit dem schweren Getreidesack auf der Schulter glitt auf schmaler Planke aus, stürzte rücklings ins Wasser. Es gab eine kurze Stockung, bis der Mann, der mit einem Notizbuch in der Hand die Zahl der in den Schiffsbauch wandernden Säcke zählte, sich durch einen flüchtigen Blick überzeugt hatte, daß man dem ins Wasser Gestürzten von Bord aus ein Tau zuwarf. Danach schloß sich wieder die Kette der lasttragenden Arbeiter, zog in ständiger Reihe von dem hohen Speicher ins Schiff, von dem Schiff auf schmaler Planke zurück in den Speicher.

Etwas von der Unbeträchtlichkeit eines Einzelschicksals verspürte er. So wäre es auch ihm gegangen, wenn er in diesen letzten Tagen gestrauchelt wäre. Das Leben ringsum ging seinen Gang, nur wenige hätten den Kopf nach ihm gewandt, wenn er in Gewissensbedrängnis den kurzen Schritt ins Dunkle getan hätte. Ein Mann über Bord ... Geschah ihm recht, das Schiff ging weiter.

Und merkwürdig, wie anders die Dinge aussahen, wenn man sie aus einiger Entfernung betrachtete. Wie geringfügig da die ungeheuren Wichtigkeiten erschienen, mit denen man sich geplagt hatte.

Eine kurze Episode war das, die hinter ihm lag. Er hatte jetzt an anderes zu denken, an Pflichten, die einen ganzen Mann erforderten.

Eine Melodie summte ihm im Kopfe, die er am frühen Morgen gehört hatte, als er zum Hotelfenster hinausblickte. Die Königsberger Kürassiere kamen in langer Schlangenlinie zu vieren nebeneinander die krumme Straße entlanggeritten. Grell schien die Sonne auf die schwarz-weißen Fähnlein und die blanken Helme. Die Trompeten bliesen die Melodie, und ein paar halbwüchsige Jungen, die mitmarschierten, sangen mit heller Stimme den Text:

»An der Grenze fern im Osten
Hält ein Reiter still auf Posten,
Späht hinaus ins weite Feld.
Drüben fahren auf Kanonen,
Sammeln sich Schwadronen,
In dem weiten, weiten Feld.«

Ein Zwischenspiel kam danach, Musik und Gesang zogen weiter, aber die Worte waren ihm haften geblieben: »An der Grenze fern im Osten hält ein Reiter still auf Posten.« Zu dem Dienst war er berufen neben vielen anderen, und hoffentlich blieb es nicht nur bei dem Postenstehen. Hier, näher an der Grenze, war auch die Erregung größer als in dem gleichgültigen Berlin. Ueberall auf der Straße, wenn er still hinhörte, klangen zwei Worte an sein Ohr: Rußland und Krieg. Aber eine gewisse Entschlossenheit lag in diesen Menschen, die einen seltsam breiten Dialekt sprachen. Es sollte endlich einmal losgehen! Das ewige »Hin- und Hergezodder« hatte man satt.

Gaston blickte zum Fenster hinaus. Zwischen goldgelb leuchtenden Roggen- und Weizenfeldern führte der Zug dahin, an schier endlosen Kartoffelschlägen vorüber, auf denen das Kraut noch üppig im Safte stand, und nur in weiten Zwischenräumen lugten die roten Ziegeldächer der Gutshöfe hinter grünen Baumgruppen hervor. Das typische Landschaftsbild des Großgrundbesitzes. Wenig Menschen auf den Feldern, dafür um so mehr Vieh aller Art. Wimmelnde Schafherden auf vorjährigem Brachland, weidende Edelfohlen in eingezäunten Koppeln und gewaltige Scharen weißbunter Kühe, die auf grünen Triften in träger Verdauungsruhe lagerten. Und dann wieder, so weit das Auge reichte, ein in starrer Ruhe stehendes Heer von gelben Halmen, die auf die Sense des Schnitters warteten. In ein paar Wochen vielleicht schon schwang hier ein anderer die Sense, aber nicht Halme lagen auf seinem Schwad ...

Der alte Herr in grauem Spitzbart, der Gaston am Fenster gegenüber saß, schien die Gegend sehr genau zu kennen. Aufmerksamen Auges musterte er Felder und Herden und äußerte von Zeit zu Zeit eine wohlgefällige oder kritische Bemerkung, aus der hervorging, daß er sogar mit den Namen der an der Bahnstrecke liegenden Güter und ihrer Besitzer vertraut war.

Die neben ihm sitzende Tochter, ein schlankes junges Mädchen in geschmackvollem Reisekleid aus hellblauem Leinen, gab nur einsilbige Antworten. Sie las in einem durch sein großes Format recht unhandlichen Buche und schien so vereifert, daß sich ihre Stirn über dem geraden Näschen in krause Falten legte. Da flog um die bärtigen Lippen des alten Herrn ein schalkhaftes Lächeln.

»Annemarie,« rief er plötzlich, »da in der Wiesenschlenke am Haferschlag steht ein kapitaler Rehbock!«

Das Buch fiel zu Boden, das junge Mädchen sprang auf und beugte sich hastig zum offenen Fenster hinaus.

»Wo, wo?«

»Ja, jetzt ist er wieder weg. Bist eben zu spät gekommen!«

»Ach, Unsinn! Hast mich bloß angeführt, Papa!«

Sie setzte sich mit enttäuschtem Gesicht auf ihren Platz zurück. Der alte Herr aber lachte herzlich auf. Ein seltsam innerliches Lachen war es, das seinen ganzen gewaltigen Körper und mit ihm die Polster des Wagens erschütterte.

»Na ja, mein Kind! Wenn Dein Vater Worte der Weisheit spricht und Du ihm nur mit halbem Ohr zuhörst!«

Gaston hatte das zu Boden geglittene Buch aufgehoben und überreichte es Annemarie mit leichter Verneigung. Während des Niederbeugens hatte er unwillkürlich den Titel gelesen. Ueber sein Gesicht huschte ein verwundertes Lächeln.

»Bismarcks 'Gedanken und Erinnerungen'? Für eine junge Dame eine etwas ungewöhnliche Lektüre.«

Annemarie nahm mit leichtem Erröten das Buch, sperrte es in die neben ihr auf dem Sitze stehende Handtasche und dankte mit kurzem Kopfnicken. Ihre Antwort klang feindseliger, als sie beabsichtigt hatte.

»Jeder liest, was ihn am meisten interessiert.«

Ihr Vater hob begütigend die Hand.

»Na, na, Annemiechen, der Herr hat's doch nicht böse gemeint! Und gewiß ist es für ein junges Mädchen heutzutage ungewöhnlich, wenn es so ernste Bücher liest!« Zur Erklärung aber für den Mitreisenden fügte er hinzu: »Nämlich sie schwärmt für unseren Bismarck wie für einen Heiligen. Ihr ganzes Zimmer hat sie mit Bildern von ihm austapeziert, und das Buch da nebst seinen Briefen an Johanna führt sie auf allen Reisen bei sich. Wie fromme Leute das Gesangbuch oder die Bibel.«

Gaston verneigte sich höflich.

»Es ist wohl überflüssig zu versichern, daß mir eine Respektlosigkeit vollkommen ferngelegen hat. Im übrigen stimme ich Ihnen aufrichtig bei. Das sind für jeden guten Deutschen ein paar wahre Erbauungsbücher. Sie müßten nur noch mehr gelesen werden.«

Das kaum begonnene Gespräch geriet wieder ins Stocken, Annemarie hatte dabei aber Gelegenheit gefunden, den dem Vater gegenübersitzenden Herrn unauffällig ein wenig genauer anzusehen. Daß er über ihre beiden Lieblingsbücher so vernünftig urteilte, war ihr sympathisch. Und auch sonst gefiel er ihr wohl. Ueber breiten Schultern saß ein kluger Kopf, unter scharf gezeichneten Brauen sprang eine kräftige Nase hervor, die in ihrer Mitte einen ganz kleinen lustigen Knick nach links hatte. Darüber ein paar kluge blaue Augen ... Augen, die klar und lauter schienen und Vertrauen einflößten auf den ersten Blick. Nach der blassen Gesichtsfarbe zu schließen, war er vielleicht ein Gelehrter, aber dazu stimmte nicht sein sonstiges Auftreten. Kurze, fast militärische Bewegungen, und seinen eleganten Reiseanzug hatte sicherlich auch kein Zivilschneider gefertigt. Dafür hatte sie ein untrügliches Auge.

Die Hitze in dem sonnenbestrahlten Wagen fing an, unerträglich zu werden. Der alte Herr fuhr sich mit dem Finger zwischen Hals und Hemdkragen und stöhnte auf.

»Herrgott, himmlischer Vater, dieses Blindschleichentempo ist ja kaum noch auszuhalten! Wenn ich ein paar Ackergäule vorspanne und hau' sie ordentlich über den Zagel, geht's rascher vorwärts. Und dieses ewige Angehalte an den kleinen Nestern – steigt ja doch kein Mensch ein oder aus!«

Annemarie öffnete eilig ihre Reisetasche, netzte ein frisches Tuch mit Kölnischem Wasser und kühlte ihrem Vater die Stirn. Und, während er ihr mit zärtlichem Händedruck dankte, flog ein schelmisches Lächeln um ihren hübsch geschnittenen Mund. »Wie würdest Du aber erst schimpfen, Papa, wenn er an unserer Station vorüberfahren wollte?«

Gaston nahm die Gelegenheit wahr, sich die junge Reisegefährtin unauffällig ein wenig genauer anzusehen. Herrgott, war das Mädel schön gewachsen! Eine gertenschlanke Figur voll unbewußter Anmut in jeder Bewegung, ein zierliches Köpfchen auf biegsamem Halse. Fast zu wuchtig erschien dazu der dicke, in einem straffen Neste zusammengesteckte blonde Zopf. Zwei Reihen gesunder weißer Zähne zeigte sie beim Lachen und in der linken Wange ein Grübchen, das dem vorhin so abweisend strengen Gesicht einen Zug hinreißender Liebenswürdigkeit verlieh. Ueber allem aber ein Hauch unberührter Reinheit wie der leichte Schimmer auf der Haut einer reifenden Frucht, die noch niemand in begehrlicher Hand gehalten hatte. Wer das liebe Mädel mal heimführte, trug etwas Sauberes in sein Haus ... Ein schmerzhafter Stich flog ihm durchs Herz. Auf sonnenbeschienener Straße gingen zwei dahin, und der eine sprach in plötzlich ausbrechendem Irrsinn häßliche Worte, und diese Worte krochen wie ekelhafte Kröten über das Bild einer bemitleidenswerten Frau.

Die Wagenbremsen zogen kreischend an, es gab einen Ruck, und der Zug hielt wieder einmal an einer der zahlreichen kleinen Stationen. Neben dem rotbemützten Stationsvorsteher stand ein dicker kleiner Herr in weißem Staubmantel, das volle Gesicht schier rostrot verbrannt, und mit bläulich schimmernder Nase unter weinfrohen Aeugelein.

Der alte Herr öffnete die Coupétür und winkte lebhaft mit der Hand.

»Tag, Lindemann! Erwarten Sie wen?«

Der Dicke blickte überrascht auf und setzte sich in der Richtung des Wagens erster Klasse in Bewegung.

»Tag, Herr von Gorski! Das ist ja 'ne Riesenfreude, daß Sie wieder zuwege sind! Und ob ich wen erwarte? Dieses nu weniger, ich wollt' bloß mal ein bißchen Großstadtluft schnappen. Da bin ich nach der Station gefahren, in dem Aberglauben, der Zug bringt 'was davon aus Königsberg mit. In meinem Dachsbau ist's jetzt, kurz vor der Ernte, zum Auswachsen langweilig!«

»Sie sollten heiraten,« sagte Annemarie und zeigte lachend die weißen Zähne. »Ich wüßte Ihnen eine, da würden Sie sich in Ihrem Ritterschloß keine Minute mehr langweilen!«

Der Dicke kniff listig das linke Aeuglein ein.

»Nachtigall, ich hör' Dir trapsen! Na dann grüßen Sie man das gnädige Fräulein in Marczinowen recht schön, und ich hätt' noch nich genug gesündigt, um so hart gestraft zu werden!« Er schüttelte sich in komischem Entsetzen und wandte sich zu Annemaries Vater.

»Aber es ist mir lieb, daß ich Sie treffe, mein verehrter Herr von Gorski. Ich wollte als Ihr Stellvertreter schon eine Sitzung des Parteivorstandes einberufen. Dazu müssen wir unbedingt Stellung nehmen.«

»Was' denn passiert?«

»Der Heidereuter in Sucholasken will verkaufen. An einen Polen.«

Dem alten Herrn stieg die Zornröte ins Gesicht.

»Schwerenot noch mal! Schämt der Mensch sich nicht in den Grund seiner Seele hinein?«

Herr von Lindemann zuckte mit den Achseln.

»Ich habe ihm zugeredet wie 'nem kranken Schimmel – alles umsonst! Er sitzt in Schulden bis an den Hals. Der Besitzer der letzten Hypothek schnürt ihm die Gurgel zu – auch natürlich auf Betreiben der Polen! Das Hemd ist ihm näher als der Rock, sagt er, und das polnische Angebot gibt ihm wenigstens die Möglichkeit, irgendwo mit einer kleinen Pachtung wieder von vorn anzufangen. Bei 'ner Subhastation müßte er mit 'nem Prachersack 'rausgehen und einem weißen Stock in der Hand. Ich wollte ihm zum Abschied 'ne rechte Niederträchtigkeit sagen, aber ich kriegte sie nicht über die Lippen. Der Mann hat 'ne kranke Frau und sechs Kinder.«

Herr von Gorski zog die buschigen Augenbrauen zusammen.

»Das ist in zwei Jahren hier in unserem engeren Kreise schon das zehnte Gut, das aus deutschen Händen in polnische übergeht. Soviel Geld haben wir nicht, um dieser andringenden Flut standzuhalten!«

Der Stationsvorsteher hob die Hand, das Zeichen zur Abfahrt zu geben, aber Herr von Lindemann winkte ihm energisch ab. Er hatte den dritten Mitreisenden im Wagen erspäht, der zu Beginn der Unterhaltung diskret auf die andere Seite getreten war. Dem Stationsvorsteher rief er zu: »Lassen Sie die alte Lokomotive man ruhig sich noch ein Weilchen verpusten! Wird ihr nichts schaden bei der Hitze, und ich bin hier noch nicht fertig!« Und, wieder zu dem Wagen gewandt, fuhr er lebhaft fort: »Herr von Foucar! Wie in drei Deuwels Namen kommen Sie hierher? Nach unserem geliebten Ostpreußen, wo es am tiefsten ist?«

Der Angeredete machte ein befremdetes Gesicht.

»Verzeihung, ich erinnere mich im Augenblick wirklich nicht ...«

»Aber, Mannchen! Blättern Sie mal ein bißchen in dem Buch Ihrer Erinnerungen an den Stellen, die junge Mädchen aus guter Familie nicht lesen dürfen – entschuldigen Sie gütigst, Fräulein Annemarie –, ja, besinnen Sie sich da nicht auf einen gewissen dicken Lindemann? Freiherr von Lindemann auf Borzymmen? Mein Vetter Sternheimb hat uns bekannt gemacht, der lange Kersien von den Königsberger Kürassieren war der dritte im Bunde. Und wissen Sie nicht, wie ich damals in der Jägerstraße den ganzen Bums unter Sekt gesetzt habe? Drei Morgen Weizen hat der Spaß gekostet, aber war doch fidel, was?«

Gaston lachte auf. Jetzt entsann er sich wirklich der lustigen Nacht, und wie sehr er sich damals über den dicken Agrarier amüsiert hatte, der in absichtlich vergröbertem ostpreußischen Dialekt allerhand komische Schnurren erzählt hatte.

»Wahrhaftig, Herr von Lindemann, jetzt fällt's mir wieder ein! Und ich bitte recht sehr um Entschuldigung ...«

»Nitschewo – ich bin nicht so übelnehmerisch! Aber der lange Kersien prophezeite Ihnen damals eine Springerkarriere, wie sie seit Erschaffung der Welt noch nicht dagewesen. Also was sind Sie inzwischen geworden? Generalfeldmarschall?«

»Vorläufig mal erst Rittmeister bei den Ordensburger Dragonern!«

»Na, für den Anfang auch ganz schön! Jedenfalls begrüße ich Sie als schätzenswerte Akquisition unseres Kreises, und man wird sich doch jetzt öfter sehen.«

Der Stationsvorsteher hatte zu seinem lebhaften Bedauern auf den Wunsch seines prominentesten Nachbarn nicht länger Rücksicht nehmen können. Der Aufenthalt auf der kleinen Station hatte schon fünf Minuten über die vorgeschriebene Zeit gedauert. Er gab hinter dem Rücken des Herrn von Lindemann heimlich das Abfahrtszeichen. Der Zug setzte sich ächzend und stöhnend in Bewegung, die Lokomotive stieß pfauchend ein paar weiße Dampfwolken aus. Der Dicke aber war noch nicht fertig. Erst warf er dem Beamten in der roten Mütze einen zornigen Blick zu, dann setzte er sich mit den kurzen Beinen ebenfalls in Bewegung und lief neben dem Wagen her.

»Entschuldigen Sie nur, daß ich vergessen habe, die Herrschaften miteinander bekannt zu machen! Herr Landschaftsdirektor und Reichstagsabgeordneter von Gorski auf Kalinzinnen nebst Fräulein Tochter – Herr Rittmeister Baron Foucar von Kerdesac! Und noch eins, mein verehrter Herr von Gorski« – er erhob seine Stimme – »in der Klinik alles gut abgelaufen? Keine Beschwerden mehr in dem kaputten Fuß?«

Herr von Gorski winkte mit der Hand.

»Danke, lieber Lindemann, alles im Lot! Ich laufe, Gott sei Dank, wieder wie 'n alter Fasanenhahn!«

Der Zug fuhr rascher, der Dicke im weißen Staubmantel mußte zurückbleiben. Dem Stationsvorsteher aber hielt er eine ärgerliche Standpauke. Was es wohl groß geschadet hätte, wenn der Zug sich noch ein paar Minuten länger verschnauft hätte? Und wieso er ihn nicht auf die gute Idee gebracht hätte, ein Billett zu lösen und in angenehmer Gesellschaft nach Ordensburg mitzufahren? Jetzt könnte er den ganzen langen Abend allein sitzen mit seinen spärlichen Gedanken und sich zum Sterben langweilen.

Der Stationsvorsteher legte die Hand an den Mützenschirm.

»Nich immer gleich schimpfen, trautester Herr Baron! Ich hab' nämlich 'ne Idee. Wenn Sie Ihren hochbeinigen Trakehner Kraggen man ein bißchen den Kopp freigeben, holen Sie den Zug zehnmal ein, sind noch vor ihm in Ordensburg! Und da is heute mächtig 'was los ... eine Damenkapelle fiddelt im Hotel zum Kronprinzen! Wenn ich nich Dienst hätt', wär' ich, warraftigen Gott, heute abend auch 'rübergefahren. Man versauert ja sonst ganz hier in der Einsamkeit, und e bißche 'was Höheres muß der Mensch doch von Zeit zu Zeit haben, so was Ideales von Kunst und so! Nich wahr, Herr Baron?«

Der dicke Herr von Lindemann klopfte ihm die Schulter.

»Kunst ist gut, Vorsteherchen, namentlich wenn sie wie in diesem Falle von holder Weiblichkeit ausgeübt wird. Na, die Idee ist wirklich glänzend – lassen Sie sich dafür morgen bei meinem Oberinspektor einen Sack Kartoffeln abholen als Erfinderprämie! Guten Abend, Herr Stationsvorsteher.«

Er hob grüßend die Hand und ging nach der Rückseite des Stationsgebäudes, wo sein Jagdwagen im Schatten von ein paar breitästigen Linden hielt.

»Ludwig, wir fahren zur Abwechslung mal nach Ordensburg. Aber sanftes Reisetempo bitt' ich mir aus, damit die Gäule nicht zu warm werden!«

»Befehl, Herr Baron!«

Ein leises Zungenschnalzen, und die beiden hochgezogenen Trakehner Halbblüter trabten an, daß hinter dem davonrollenden leichten Gefährt der Straßenkies spritzte ...

Herr von Lindemann wandte sich um, rief dem dienernden Stationsvorsteher zu: »Telephonieren Sie, bitte, nach dem Schloß hinüber, die Mamsell möcht' nicht mit dem Abendbrot auf mich warten ... verstanden?« Und während er sich zu der raschen Fahrt die Mütze fester ins Gesicht zog, zankte er schon mit sich selber: eigentlich war diese plötzliche Eskapade für einen ausgewachsenen Menschen reichlich töricht! Die Nachbarn mokierten sich auch über den lästerlichen Lebenswandel ... Aber die hatten gut reden! Waren alle verheiratet und wußten nichts von der Einsamkeit, die einen in dem großen Haus an den langen Abenden wie ein Alp überfiel. Mit seiner Nachbarin wollte sie ihn verheiraten, die blonde Annemarie von Gorski! Mit dem abstinenzlerischen Fräulein von Streit auf Marczinowen ... Hopfenstange war noch ein Euphemismus für ihre mangelnden Reize! Sie selbst aber? Was sie wohl für ein Gesicht machen würde, wenn er mit einem Male in Frack und Claque in Kalinzinnen antreten wollte: »Also, wie wär's nu mit uns beiden, Fräulein Annemarie? Könnten Sie sich entschließen, mit Ihren weichen Patschhändchen über einen blanken Kahlkopp zu streicheln und 'lieber Gottfried' zu mir zu sagen? Sie können's nicht? Na schön, dann brauchen Sie sich auch nicht zu wundern, wenn der Freiherr von Lindemann lustige Gesellschaft sucht und sich einen Ordentlichen einschwenkt. Und na, überhaupt ...«

Er richtete sich auf seinem Sitze auf: »Kerl, zieh den beiden faulen Kraggen eins ordentlich über den Puckel! Bei dem Tempo kommen wir nach Ordensburg, wenn der Kunstgenuß im Hotel Kronprinz längst schon zu Ende ist.«

Das kurze Intermezzo auf der Station Borzymmen hatte den drei Reisenden die Müdigkeit verscheucht. Etwas von der lustigen Laune des dicken Herrn von Lindemann war hängen geblieben, die Hitze erschien nicht mehr so drückend wie noch kurz zuvor. Sogar Herr von Gorski schien für den Augenblick seine politischen Sorgen vergessen zu haben. Er sah sein Gegenüber mit lebhaftem Interesse an: »Sie kommen in unser Regiment, Herr Rittmeister?«

»Zu dienen! Und wenn mich mein Gedächtnis nicht trügt, habe ich Ihnen Grüße zu bestellen. Ich hatte doch vorhin recht verstanden: Herr Reichstagsabgeordneter von Gorski auf Kalinzinnen?«

»Allerdings.«

»Dann stimmt es! Ich soll Sie von meinem verehrten Abteilungschef grüßen. Von Herrn Oberst Wegener im Großen Generalstab.«

Annemarie schlug vor Ueberraschung die Hände zusammen.

»Von Onkel Franz? Ist das eine Freude! Und wie geht's ihm denn?«

»Soweit ich's beurteilen kann, sehr gut. Ein bißchen abgearbeitet natürlich, denn wir haben saure Wochen hinter uns, kamen aus unseren Schreibstuben kaum noch heraus.«

Annemarie lachte herzlich auf und rückte vertraulich ein wenig näher.

»Daher Ihre blasse Gesichtsfarbe! Wissen Sie, wofür ich Sie zuerst gehalten habe?«

»Na?«

»Für einen Professor oder Oberlehrer. Unsere Offiziere in Ordensburg sehen jetzt, Ende Juli, wie die Neger aus! Na, und hat Onkel Franz nicht auch von mir gesprochen? Ihnen für mich keine Grüße aufgetragen?«

»Dazu war wohl die Zeit zu knapp, als ich mich vorgestern von ihm verabschiedete. Er mußte zum Vortrag. Aber gesprochen hat er von Ihnen, mein gnädiges Fräulein.«

»Was denn?«

»Dazu müßte ich wohl erst seine Erlaubnis einholen, um Ihnen das wiederzusagen.« Und kecker, als es Damen gegenüber sonst seine Art war, fügte er hinzu: »Aber er hatte recht! Jetzt, nachdem ich Sie persönlich kennen gelernt habe, unterschreibe ich's Wort für Wort!«

Annemarie errötete ein wenig und verzog schmollend den Mund.

»Das ist nun eklig von Ihnen! Erst einen neugierig machen und dann nichts sagen!«

Herr von Gorski hatte schmunzelnd zugehört.

»Ich kann's mir denken! Haben Sie auch seine Frau kennen gelernt?«

»Nur flüchtig bei einem Essen, das der Herr Oberst den Herren seiner Abteilung gab. Auch mit ihm bin ich sonst bloß dienstlich zusammengekommen. Da hat's mich eigentlich gewundert, daß er sich für mich so ins Zeug gelegt hat. Die Auszeichnung, daß ich vor dem Manöver schon in die Front hinauskam, verdanke ich nur ihm.«

Der alte Herr sah sein Gegenüber prüfend an. War das nun falsche oder echte Bescheidenheit? Aber die Musterung schien zu seiner Zufriedenheit ausgefallen zu sein, er nickte.

»Mein Vetter Wegener weiß, was er tut! Und Sie kommen gern zu uns nach Ostpreußen?«

»Jetzt noch lieber als früher.«

»Na, das ist recht! Welche Schwadron kriegen Sie denn?«

»Herr Oberst Wegener sprach von der fünften ...«

»So, so ... ich bin durch die sechs Wochen Stilliegen ein bißchen 'raus ... Na, und hat mein Vetter Wegener mir nicht noch irgend etwas Besonderes sagen lassen? Wie's so im allgemeinen aussieht?«

»Nein, Herr von Gorski. Unsere Unterredung dauerte ja auch bloß ein paar Minuten.«

»Na, mir gegenüber können Sie ruhig und ganz offen sprechen. Ich bin alter Herr des Regiments, das Offizierkorps geht in meinem Hause aus und ein, namentlich das unverheiratete,« – ein lächelnder Seitenblick streifte die neben ihm sitzende Tochter – »ja, also da brauchen Sie sich nicht zu genieren. Auch nicht vor Annemarie. Sie ist der heimliche Beichtvater und Vertrauensmann von allen jungen Dächsen im Regiment. Etliche hab' ich sogar im Verdacht, daß sie bei ihr ein bißchen in der Kreide sitzen!«

Annemarie wurde rot bis unter die blonden Stirnhaare und protestierte entrüstet.

Gaston aber spürte eine seltsame Regung, als müßte er ihr über das blonde Köpfchen streicheln und irgend etwas Liebes sagen. So stark war diese vermessene Regung, daß er sich ordentlich zusammennehmen mußte. »Himmlischer Kerl von Mädel«, hatte sie der Oberst von Wegener genannt. Das stimmte, und zu beneiden war der Mann, der sich das mal zum guten Kameraden gewann. Unwillkürlich flogen seine Gedanken weit fort zu einer anderen, stellten allerhand Vergleiche an ...

Gaston schreckte zusammen. Der alte Herr da drüben hatte eine Frage an ihn gerichtet.

»Wie befehlen? Ach so, ja, ganz recht. Es sieht wieder einmal bedrohlicher aus als sonst. Ich persönlich habe natürlich kein Urteil, aber mein verehrter Chef gab mir ein privates Avis an meinen neuen Kommandeur mit. Daraus schließe ich, daß jeder Tag vielleicht die Katastrophe bringen kann. Oder – wie man's nehmen will – die Erlösung aus einer immer unerträglicher werdenden Spannung.«

Herr von Gorski schüttelte den grauen Kopf. »Ich glaube nicht daran. Die Verantwortung ist zu ungeheuerlich! Da überlegen sich's die, in deren Hand die Entscheidung liegt, eher zehnmal als einmal. Namentlich bei unseren Nachbarn im Osten. Da spielen für die Dynastie im Falle eines unglücklichen Krieges noch ganz besondere Interessen mit. Ich habe livländische Verwandte in hohen Hofchargen. Einer von ihnen schrieb mir erst unlängst, die Truppenansammlungen an unserer Grenze sind nur befohlen worden, pour montrer la bonne volonté. Um den Bundesgenossen mit dem großen Sparstrumpf bei guter Laune zu halten.«

»Mag sein, Herr von Gorski. Dafür sieht's an unserer Westgrenze um so bedrohlicher aus. Dort geht's leider nach Stimmungen, nicht nach Erwägungen. Das ganze Volk schreit nach dem Revanchekrieg. Wie ein langsam angestautes Wasser ist es, das jeden Augenblick den Damm zerreißen kann. Mir persönlich wäre es recht. Nichts sehnlicher wünsche ich mir, als meine Schwadron gleich an den Feind zu führen!«

»Bravo!« sagte Annemarie, und Herr von Gorski lächelte.

»Sie ist nämlich mit ihren jungen Freunden vom Regiment unbedingt fürs Einhauen. Sie geht dann als Rote-Kreuz-Schwester mit! Aber was ich schon vorhin fragen wollte, lieber Rittmeister, wo standen Sie eigentlich früher?«

»Bei den Karlsburger Ulanen. Von dort kam ich auf Akademie und nachher in den Generalstab.«

»Ein glänzendes Regiment und eine angenehme Garnison,« sagte der alte Herr. »Und da sind Sie nicht wieder hingegangen?« Die Frage klang ein wenig argwöhnisch.

»Ich hatte meine besonderen Gründe!« sagte Gaston. Damit sollte es genug sein, aber er fühlte, daß Annemaries Augen an ihm hingen. Wie ihm scheinen wollte, mit ganz besonders gespanntem Interesse, und da sprach er offen und ohne Rückhalt. Als wenn das liebe Mädel ein Anrecht hätte, genau zu erfahren, was er fühlte und dachte.

»Also einmal, weil ich gerade Ostpreußen kennen lernen wollte, und dann ... in meiner Heimat nicht nur geht eine Legende, die mir jedesmal, wenn ich auf sie stoße, die Zornröte ins Gesicht treibt. Eine sehr hohe Dame soll angeblich mit besonderer Fürsorge über meine Karriere wachen. Ich habe auch sonst genug gelitten unter diesem törichten Gerede. Mein Vater war Kammerherr dieser hohen Dame an einem der süddeutschen Duodezhöfe. Er starb, als ich ein Jahr alt war, ich habe ihn nicht gekannt. Als ich Offizier wurde, gab mir mein Vormund einen Brief von ihm und klärte mich auf. Mein Vater war im Duell gefallen für die von einem Unwürdigen angegriffene Ehre dieser hohen Dame, war gestorben wie ein Kavalier und Held. Aber meine liebe Mutter faßte das anders auf. Glaubte an eine Schuld, wo nichts weiter gewesen war als die Pflicht eines seiner Herrin dienenden Kavaliers. Sie ging nach ihrer schwäbischen Heimat zurück und erzog mich dort auf ihre Art. Es steht einem Sohne nicht zu, mit der geliebten Mutter zu rechten, aber es wäre vielleicht manches in meinem Leben anders gekommen, wenn ich eine Jugend hätte haben dürfen wie andere. Wie ein junges Mädchen verpimpelte sie mich. Aber da gab es einen Umschwung. Eines Tages hatte ich mal wieder was ausgefressen, aber kam gerade noch mit blauem Auge davon. Wie und wieso weiß ich nicht mehr, aber einer meiner Coëtanen meinte: 'Na ja, wenn man eine Schutzheilige hat – eine richtige, lebendige Großfürstinwitwe, die ihre Gefühle vom Vater auf den Sohn überträgt.' Ich fuhr ihm an den Hals, wir schlugen uns auf schwere Säbel, und in der Festungshaft danach wurde ich ein ernsthafter Mensch. Ein Streber schlimmster Sorte ... Kommandierender General zum mindesten wollte ich werden! Aber ohne weibliche Protektion!«

Annemarie hatte mit aufgeregten Augen zugehört. Ehe ihr Vater etwas sagen konnte, streckte sie impulsiv dem Rittmeister von Foucar die Hand entgegen.

»Furchtbar interessant ist das! Und überhaupt, wo Onkel Franz so große Stücke auf Sie hält. Sind Sie Jäger?«

Gaston blickte ein wenig verwundert auf.

»Sogar mit Passion. Aber bisher hatte ich, zu meinem Bedauern, nur wenige Male Gelegenheit.«

»Na ja, in Berlin!« sagte sie geringschätzig. »Aber das wird hier anders werden. Sie sollen bei mir in Kalinzinnen den besten Bock schießen, den es im Kreise je gegeben hat. Mindestens dreißig Zentimeter Stangenhöhe und geperlt bis in die Enden hinein ... ein ganz alter Bursche, schlau wie ein Fuchs, aber in der Brunst werden wir ihn schon kriegen!«

Der alte Herr hatte zum Fenster hinausgesehen. Hallo, was war das? Hatte sein sonst so zurückhaltender Blondkopf an diesem Rittmeister Feuer gefangen? Und daß das Mädel mit den Kalinzinner Rehböcken so freigebig umging, war allein schon ein bedenkliches Zeichen. Sonst war sie damit sehr knauserig.

»Annemarie,« sagte er, »freust Du Dich, daß wir endlich wieder nach Hause kommen?«

»Aber natürlich, Papa, riesig!«

»Und was Hermann wohl sagen wird, wenn wir endlich wieder da sind? Wahrscheinlich wird er an der Bahn sein.«

Annemarie runzelte die Stirn.

»Natürlich wird er da sein. Du hast ihm doch sicherlich geschrieben, wann wir ankommen. Er ist überhaupt immer da.«

»Bitte sehr, diesmal habe ihm nicht geschrieben!«

»Er wird doch da sein!« sagte sie hartnäckig und legte sich abweisend in die Wagenpolster zurück. Gaston aber merkte die Absicht des alten Herrn und griff nach einer der schon längst gelesenen Zeitungen. Eigentlich war es ja schon deutlich genug gewesen, daß Herr von Gorski die Jagdeinladung der Tochter nicht bestätigt hatte. Und dieser Hermann, der auf der Station warten würde, war ein Wink für ihn: »Gib Dich nicht unnützen Hoffnungen hin.« Der Wink war überflüssig. Wer sich selbst eine Kette um den Fuß gelegt hatte, durfte seine Augen nicht aufheben zu einem stolzen und freien Herrenkind.

Annemarie hatte ein paar Minuten schweigend gesessen, jetzt schob sie in leichtem Trotz die Unterlippe vor.

»Ach, entschuldigen Sie, Herr Rittmeister ...«

»Bitte sehr, mein gnädiges Fräulein.«

»Sie müssen so freundlich sein, mir noch einmal recht deutlich Ihren Namen zu sagen. Vorhin, als Herr von Lindemann vorstellte ...«

»Aber mit Vergnügen! Gaston Baron Foucar von Kerdesac!«

Annemarie blickte überrascht auf: »Aber das ist ja ein rein französischer Name!«

»Zu dienen! Mein – einen Augenblick, ich muß nur nachrechnen – ja, also, mein Ururgroßvater kam als achtjähriger Knabe nach Deutschland. Seine Eltern waren auf die Guillotine geschleppt worden, ihm gelang es, als die Schergen des Konvents das Schloß durchsuchten, sich zu verstecken. In einer Regentonne. Dann wanderte er nach Osten, bis er an andere Flüchtlinge Anschluß fand. Mit zweiundzwanzig Jahren focht er unter Blücher gegen Napoleon.«

»Merkwürdig,« sagte Herr von Gorski, und aus dem Tone seiner Bemerkung war starke Mißbilligung herauszuhören, »ja, also merkwürdig, wie eine Familie mit Traditionen in so kurzer Zeit ihren vaterländischen Standpunkt verändern kann! Das Vaterland ist doch immer das Primäre! Und ich frage mich manchmal ... Die Abkömmlinge der französischen Refugiéfamilien ... ja, mit welchen Gefühlen werden die wohl einmal satteln, wenn es gegen ihr altes Vaterland Frankreich geht?«

Gaston verneigte sich leicht, Kampflust in den blauen Augen.

»Das haben sie schon einmal bewiesen, jetzt vor mehr als vierzig Jahren! Und ich darf wohl dagegen fragen, mit welchen Empfindungen werden Sie sich tragen, Herr von Gorski, wenn es morgen nach der anderen Seite losgehen sollte? Gegen Rußland?«

Der alte Herr steckte sich in einer gewissen Erregung eine Zigarette an.

»Sie verstehen zu fechten, Herr von Foucar! Aber es ist ein Irrtum dabei. Mein Geschlecht ist von Anbeginn an rein deutsch gewesen – trotz seines polnischen Namens. Darüber existieren unanfechtbare Urkunden. Mein erster nachweislicher Vorfahr ist als Gefolgsmann des Großmeisters Heinrich von Plauen urkundlich aufgeführt, Berger hieß er. Als nach dem Niedergange des Ordens die slawische Welle wiederkam, wurde sein guter deutscher Name ins Polnische übersetzt. Gorski heißt nämlich auf deutsch Berger, und das Schicksal, das ihn ereilte, traf auch all die anderen, ursprünglich deutschen Familien. Nicht nur aus dem Stande der Ritterbürtigen. Auch unter der bäuerlichen Bevölkerung können Sie noch heute herauskennen mit einiger Sicherheit, was ursprünglich mal deutsch war. Schon an der Körperlänge. Der slawische Masur ist klein, kaum daß mal einer über Mittelgröße hinauswächst.«

»Aehnlich wie in meiner Heimat,« versetzte Gaston. »Nur daß man da zwischen Normannen mit Wikingerblut unterscheidet und den kleineren Abkömmlingen der Römer. Aber ich meine, der ganze Streit ist unfruchtbar. Jeder hält zu dem Lande, dem er sich verbunden fühlt. Der alte Name ist nur eine Erinnerung. Das Nationalgefühl entscheiden die Mütter.«

»Haben Sie Ihre alte Heimat einmal besucht?« warf Annemarie ein.

Gaston wiederholte die Frage.

»Meine alte Heimat? Nein, aber im vorigen Jahre machte ich eine Reise durch Nordfrankreich. Ich sage das absichtlich, um von vornherein meine Empfindungen bei dieser Reise zu kennzeichnen. Nichts sprach zu mir, was irgendeinen sentimentalen Widerhall in mir geweckt hätte ... oder vielmehr einmal mußte ich an mich halten, um als preußischer Offizier nicht eine Unbesonnenheit zu begehen. Am zweiten September war es, in Havre. Zu Hause bei uns feierte man den Gedenktag von Sedan, hier schleifte ein Haufe halbtrunkener Gassenjungen eine Strohpuppe im Straßenkot, die wie ein deutscher Soldat ausstaffiert war mit ein paar bunten Fetzen. An der Spitze schritt ein Bengel, der ein freches Spottlied auf die 'sales Prussiens' sang. Die andern grölten den Refrain. Da mußte ich mich mit Gewalt zusammenreißen, um dem Lümmel an der Spitze das Maul nicht mit einer Ohrfeige zu stopfen ... Und ein paar Tage später war ich in dem Städtchen Kerdesac. Auf einem Hügel in der Nähe lag eine verfallene Ruine ... ein Rest des alten Gemäuers war wohnlich eingerichtet, ein weißbärtiges Männchen hauste darin ... Der Letzte der Foucar der französischen Linie. Ich machte ihm meine Aufwartung, ohne meinen Namen zu nennen, und fragte so nebenher, ob nicht ein Zweig des Geschlechts in Deutschland lebte. Da richtete der alte Herr sich auf und spie aus. 'Verflucht sei er und verdorren möge er! Meine Arme sind vertrocknet, aber wenn wir morgen marschieren sollten, marschiere ich mit. Und Gott wird mir helfen, die zu züchtigen, die ihr Vaterland vergessen konnten ...' Ich empfahl mich und ging. War nicht im geringsten betroffen, hatte nur das Gefühl einer Seltsamkeit ... einen fast schnurrigen Gedanken: daß nämlich anscheinend in jedem Lande der liebe Gott eine andere Nationalität hat. Und daß er jedesmal helfen soll, die Leute jenseits der Grenze totzuschlagen ...«

Das Gespräch verstummte. Annemarie holte mit einem leichten Seufzer die »Gedanken und Erinnerungen« hervor, die sie vorhin beiseite gelegt hatte, Herr von Foucar griff nach einer Zeitung, und nach einer Weile schien es so, als wären die drei, die der Zufall für eine kurze Reise zusammengeführt hatte, einander so fremd wie zu der Zeit, als der lustige Herr von Lindemann sie noch nicht vorgestellt hatte. Nur ein kleiner Unterschied war dabei. Nach kurzer Pause hob Annemarie den Kopf von der Lektüre, Herr von Foucar tat desgleichen, ihre Blicke begegneten sich und hielten stumme Zwiesprache miteinander. Der eine sagte: »Ist das nicht ärgerlich, daß unser erstes Beisammensein mit solch einem Mißklang enden soll?« Und der andere meinte: »Es wäre doch jammerschade, wenn nun aus der so freundlich gebotenen Jagdeinladung nichts werden sollte!« Da huschte über das feingeschnittene Gesichtchen ein schalkhaftes Lächeln. Sie legte das dicke Buch wieder beiseite und wandte sich besorgt zu dem neben ihr sitzenden Vater.

»Willst Du es Dir nicht lieber ein bißchen bequemer machen, Papa? Ich kann mich ja ganz in die andere Ecke setzen, Du aber streckst das Bein auf das Polster.« Und wie zur Erklärung für Herrn von Foucar fügte sie hinzu: »Nämlich mein Papa hat vor sechs Wochen einen schweren Sturz mit dem Pferde getan, weil er noch immer so verwegen drauflos reitet, als sprengte er an der Spitze seiner alten Schwadron. Das ganze Schienbein war gesplittert, und ich fürchte beinahe, bei aller Kunst des Königsberger Professors, ganz so wie früher wird es wohl nicht mehr werden.«

»Unsinn,« brummte Herr von Gorski in seinen kurzgeschnittenen grauen Spitzbart, »der Mann hat sein Handwerk verstanden! Ist alles wieder in Ordnung, und, wenn ich ehrlich sein soll, ich muß mich immer erst besinnen, welcher Fuß eigentlich kaput war, der rechte oder linke!«

Sein Gegenüber pflichtete ihm bei, um ihn bei guter Laune zu erhalten.

»Ja, es ist erstaunlich, was heutzutage die Herren Chirurgen alles leisten! Einer meiner Kameraden beim alten Regiment hatte von einem schweren Sturze eine Gehirnerschütterung gekriegt, Schlüsselbein kaput und das ganze rechte Bein ein einziger schlotternder Lappen ... vier Wochen Klinik in Tübingen, und er konnte wieder in den Sattel steigen! Zwei Monate danach aber gewann er sein erstes Rennen.« Die Geschichte war frei erfunden, aber was tat man nicht einem Paar blauer Mädchenaugen zuliebe, die einen lustig anlachten?

Der alte Herr sprang prompt auf die kleine Kriegslist ein und nahm die abgebrochene Unterhaltung wieder auf.

»Siehst Du, da hast Du's! Morgen laß ich mir meinen alten 'Perkuhn' an die Rampe führen, probier' mal, ob's nicht schon wieder geht!« Und nach einer kleinen Pause fuhr er fort: »Was aber unseren vorhin angeschnittenen Hammel anlangt, Herr von Foucar – also ich möchte da kein Mißverständnis aufkommen lassen. Ich habe inzwischen nachgedacht. Ich verstehe zwar immer noch nicht, wie geborene Franzosen in ein paar Menschenaltern reine Deutsche werden können, aber da ich ein überzeugendes Beispiel vor mir sehe, muß ich die Tatsache anerkennen. Und sie interessiert mich sehr, denn vielleicht liegt in ihr irgendein Fingerzeig verborgen für unsere Arbeit in den Grenzprovinzen, den Kampf gegen das Polentum. Wenn Sie unsere Parlamentsverhandlungen der letzten Jahre ein wenig verfolgt haben, werden Sie wissen, daß ich bisher immer einer der Hauptvertreter der gemäßigten Richtung gewesen bin in der Behandlung unserer polnischen Mitbürger. Während meiner unfreiwilligen Muße aber, jetzt in der Klinik, habe ich eine Art von Inventur gemacht über die Ergebnisse meiner Tätigkeit. Und, wenn man so losgelöst daliegt von allen verwirrenden Eindrücken der kleinen Tageskämpfe, sieht man wohl schärfer als sonst. Ja also, da hat sich mir die niederschmetternde Erkenntnis aufgedrängt, daß all unsere Arbeit bis zur Stunde vergeblich war. Statt vorwärts zu kommen, haben wir Boden verloren, und da fragt man sich unwillkürlich, ob die bisherige Methode die richtige war.«

»Verzeihen Sie, Herr von Gorski,« sagte der Rittmeister, »ich habe mich bisher mit diesen Dingen zu wenig beschäftigt, um ein eigenes Urteil zu haben. Aber was ich von Ihnen, einem berufenen Sachverständigen, höre, macht mich stutzig.«

Der alte Herr lächelte trübe.

»In unseren Industriegebieten finden Sie ganze Stadtteile und Niederlassungen, in denen kaum noch ein Wort Deutsch gesprochen wird. Und gehen Sie in die Mark, nach Sachsen, Pommern oder Mecklenburg – die Leute, die dort auf den Feldern arbeiten, sprechen Polnisch! Das hängt ja nun mit der wirtschaftlichen Entwicklung der letzten Jahrzehnte zusammen, aber muß doch mit in Rechnung gebracht werden, wenn man sich das Gesamtbild vergegenwärtigen will. Und das übrige ... das Ende ...« Er brach ab und sah sinnend vor sich hin.

Herr von Foucar hatte gespannt und achtungsvoll zugehört. Als der alte Herr plötzlich schwieg, erlaubte er sich in bescheidenem Tone die Frage: »Nun und? Wenn all diese Polen den deutschen Gesetzen gehorchen, ihre Steuern bezahlen und als Soldaten ihre Pflicht und Schuldigkeit tun? Unsere Armee ist doch noch intakt. Und gerade unsere polnischen Regimenter haben sich im letzten Feldzuge doch mit Auszeichnung geschlagen. Geben wir den Polen vollkommene politische Freiheit und wirtschaftliche Vorteile, die ihnen die Ueberzeugung wachrufen müssen, unter keiner Herrschaft der Welt könnte es ihnen besser gehen als unter der preußischen oder deutschen, und sie werden – unter dem Zwange dieser Einsicht – treue und gute Staatsbürger werden.«

Um den bärtigen Mund des alten Herrn flog ein nachsichtiges Lächeln.

»Sehr schön und sehr nobel gedacht, aber das Mittel ist schon längst versucht worden – bisher ohne Erfolg! Zu keiner Zeit wurde wohl in polnischen Kreisen mehr komplottiert, das alte Königreich wieder auszurichten, als in jenen Jahren, in denen die Polen verhätschelt und mit Zuckerbrot gefüttert wurden. Das ermutigte die Herrschaften nur, die bisher im stillen betriebene großpolnische Agitation auf die Gasse zu tragen! Wie Pilze schossen allenthalben die nationalen Hetzblätter empor, und ganz unversehens war ein neues Moment in die Bewegung gekommen: Der bisher indifferente kleine Mann in den Städten und auf dem Lande war zum Bewußtsein seiner polnischen – wie heißt doch das neugeprägte Wort? – ja richtig, zum Bewußtsein seiner polnischen 'Volkheit' gelangt! ... Aus solchen geschichtlichen Prozessen muß man lernen, solange es noch Zeit ist. Alles auf dieser Welt verläuft in Wellenlinien, nicht einmal der Strahl des Lichts fährt in schnurstracks gerader Bahn dahin, also muß es auch wohl in der politischen Bewegung der Völker ein Auf und Nieder geben. Es muß nur die gewaltige Persönlichkeit kommen, die stark genug ist, die Hand zu heben: Halt!«

Der alte Herr schwieg erschöpft, wischte sich den Schweiß von der Stirn. Herr von Foucar wollte etwas erwidern, aber Annemarie gab ihm ein heimliches Zeichen, das Gespräch abzubrechen. In dem Coupé war es plötzlich so finster geworden, daß man Mühe hatte, das Gesicht des Gegenübersitzenden zu erkennen, eine jäh aufgestiegene dunkle Wolkenwand hatte sich vor die Sonne geschoben. Die drückende Schwüle wurde schier unerträglich, da, mit einem Male gleißende Helle, vor der sich unwillkürlich die Augen schlossen ... in derselben Sekunde ein schmetternder, kurzer Schlag, ein Reißen und Krachen, daß die Wagenfenster klirrten. Einen zuckenden leichten Schmerz gab es in den Gelenken, ein schwefliger Geruch drang zu den Fenstern herein, Annemarie hob die Hand und deutete nach außen: »Da ... sieh nur, Papa, sieh.« Eine rank aufgeschossene Kiefer, die mitten in einer abgeholzten Lichtung etwa hundert Schritt vom Bahndamme stand, leuchtete rot auf, züngelnde Flammen leckten an dem Stamme in die Höhe, und um die grüne Krone breitete sich eine weißliche Wolke. Ueber das Gesicht des alten Herrn aber flog ein heller Schein, seine Augen blitzten auf.

»Das sei ein Zeichen,« sagte er laut, »und so möge sich erfüllen, was ich eben vorausgesagt habe.«

Die Bremsen an den Rädern zogen kreischend an, der Zug hielt vor einer Art von ziegelgedecktem Schuppen, neben dem ein Wärterhäuschen aus Wellblech stand. Und plötzlich kam mit Rauschen und Brausen der Regen gezogen wie eine graue Wand. Hagelschlossen prasselten dazwischen, der gelbe Sand des Bahnsteiges spritzte auf, und unablässig schmetterte und krachte der Donner. Ein triefend nasser Schaffner kam gelaufen, riß die Tür auf: »Kalinzinnen, eine Minute!«

»Um Gottes willen, schon?«

Annemarie sprang auf, stopfte Buch und Zeitungen eilig in die krokodillederne Handtasche, der Rittmeister half dem alten Herrn in einen Gummimantel, ohne für seinen Dienst mehr als ein kurzes »Danke!« zu ernten. Aus der grauen Regenwand trat ein Diener, einen großen, aufgespannten Leinenschirm in der Hand: »Willkomm zu Hause, gnäd'ger Herr,« sagte er respektvoll. »Und der gnä'ge Herr müssen schon so gut sein, ein paar Minutchen unter die Wartehalle zu treten. Die beiden alten Kobbeln vor dem Kutschwagen sind von dem großen Blitz rein wie verrückt geworden. Der Gottlieb mußt sie laufen lassen, aber er is wohl gleich wieder 'ran.«

Der alte Herr verabschiedete sich von dem Reisegefährten mit kurzem Gruße, kletterte ein wenig schwerfällig den Wagentritt hinab. Annemarie rief ihm nach: »Papa, Du hast wohl nur vergessen ...?« Er hörte nicht, oder vielleicht tat er auch nur so, denn der Zuruf war laut genug gewesen, und in dem Rollen des Donners hatte es gerade eine kurze Pause gegeben. Da flog über ihr Gesicht ein trotziger Zug, sie streckte dem Rittmeister die Hand entgegen: »Entschuldigen Sie, mein Papa ist nur durch die plötzliche Ankunft ein bißchen durcheinander, sonst hätte er sicherlich ... jedenfalls sind Sie uns in Kalinzinnen herzlich willkommen!« Und mit einem Lächeln fügte sie hinzu: »Seien Sie ein bißchen nett mit meinen beiden Vettern, sie stehen bei Ihrer Schwadron!«

Der Schaffner an der offenen Tür, dem das Wasser vom Mützenschirm über die Nase rann, hob mahnend die Hand.

»Trautstes Freileinchen, beeilen Sie sich, der Zug hat sowieso all Verspätung.«

Da gab es noch einen kurzen Händedruck. »Also gut, und auf bald.« Hastig sprang sie von dem Tritte, der Diener, der den alten Herrn schon nach der Wartehalle geleitet hatte, eilte mit dem großen Regendache herbei. Eine Pfeife schrillte, der Zug setzte sich wieder in Bewegung. Gaston trat ans Fenster, um vielleicht noch einen Blick oder Gruß zu erhaschen, aber Annemarie stapfte eilig dahin, zwischen den vom Boden schnellenden Spritzern. Der über die Knöchel gehobene Rock zeigte ein paar schlanke Fesseln über schmalen Füßen. Der alte Herr unter der Wartehalle schien ungeduldig geworden zu sein, sprach lebhaft auf die Tochter ein, nach dem abfahrenden Zuge sah er nicht mehr hinüber. Die graue Wand schob sich dazwischen, der ziegelgedeckte, offene Schuppen und ein heranfahrender Wagen waren noch wie durch einen Schleier zu erkennen. Dann nichts als unablässig strömender Regen, nach jedem der rollenden Donnerschläge schien er nur noch stärker zu fallen, als wenn da oben an irgendeiner himmlischen Talsperre ein Staudamm gebrochen wäre, so schüttete es hinab.

Gaston hatte das Fenster hochgezogen und setzte sich auf seinen Platz zurück. Trocknete sich Gesicht und Hände von den durch die offene Tür gespritzten Regentropfen, und ihm war seltsam lustig und aufgeräumt zumute. Mit dem alten Herrn schien er's ja gründlich verdorben zu haben, nach anfänglichem Wohlgefallen hatte es ein ziemlich unverhohlenes Mißvergnügen gegeben. Aber was lag daran – dafür hatte die Tochter einen um so freundlicheren Abschied genommen. Wie hatte sie gesagt? »Auf Wiedersehen, recht bald.« Na, das konnte ja besorgt werden! Und ein Vorwand war gar leicht gefunden. Da drüben, zwischen Rückwand und Wagenpolster blitzte etwas auf, als hätte es spitzbübisch bloß auf den rechten Augenblick gewartet, sich bemerkbar zu machen. Eine kleine goldene Zigarettendose, mit einem Saphir als Druckknopf und einem, aus funkelnden Brillanten gefügten »A« auf dem Deckel. Eine siebenzinkige Krone darüber, deren Zacken in hellem Rubinrot leuchteten. Und allerhand Widmungen daneben, in Schrift oder figürlicher Darstellung. Ein blau-weiß-roter Emailschild mit der Umschrift: »Masovia sei's Panier! Der holden Korpsschwester die Füchse des Sommersemesters 1911.« Viele, sauber ausgeführte Wappen mit Jahreszahl und Datum, und endlich auf der Rückseite ein Emailbild der beiden »bösen Buben«, Max und Moritz. Eine Inschrift besagte, daß unter dieser allegorischen Darstellung die beiden Vettern Hans und Karl von Gorski zu verstehen wären. Nur eine Ecke auf dem goldenen Untergrunde war noch frei. Gaston schob mit einem Lächeln die Dose in die Brusttasche: da war er ja, der gute Vorwand! In ein paar Tagen überbrachte man das kostbare Fundstück persönlich, und inzwischen war auf der letzten freien Ecke von einem geschickten Goldschmied ein Kleinod ganz besonderer Art eingefügt worden zur Erinnerung an die Stunde der ersten Begegnung. Ein tiefblauer kleiner Saphir von altertümlich flachem Schliff, der ein winziges Zeichen trug. Man mußte eine Lupe zu Hilfe nehmen, um es zu erkennen: der gefiederte Sarazenenpfeil war es aus dem Wappenbilde der Foucar, mit dem sie zeichneten, was ihnen gehörte. Nach einer alten Familiensage stammte der Stein von einem Ringe, den ein Ahnherr am heiligen Grabe geweiht hätte, und sollte seinem Besitzer Glück bringen, ihn vor jeder Art von Gefahr bewahren. Wem aber wünschte er wohl von Herzen mehr Glück als dem blonden Mädel, das ihm ein gütiges Geschick hier in den Weg geführt hatte.

Er brauchte nur die Augen zu schließen, und er sah es wieder vor sich auf dem Platze da drüben ... die biegsame, schlanke Gestalt, das feine Gesichtchen mit dem lustigen Grübchen in der Wange und den klaren, blauen Augen. Ganz dunkel schienen sie in der Abwehr und leuchteten hell auf, wenn sie lachte. Allmählich aber verwischte sich das Bild. Es hing eine an seinem Halse, drängte sich ganz nahe an ihn und biß ihn in bitterem Trennungsweh, daß er sie nie mehr vergessen sollte und immer an ein Wort denken, das er selbst gesprochen hatte. Sie wäre für ihn die Herrlichste und Reinste auf der ganzen Welt. In einer Art von Trunkenheit hatte er es gesprochen, aber es stand da. Wahnsinn war es doch, zu denken, mit seiner raschen Flucht wäre alles zu Ende. Die Wirrsal fing jetzt erst an ... die Wirrsal für einen, den die Natur mit mancherlei Gaben ausgestattet hatte, nur nicht mit einem robusten Gewissen ...

Das Gewitter war vorübergezogen, kaum eine Viertelstunde hatte es gedauert. Nur im Westen stand noch eine dunkle Wolkenwand, von der untergehenden Sonne wie mit Blut und Feuer übergossen. Der Zug hielt im freien Felde. In der Ferne blaute ein See mit spärlich bewaldeten Ufern, ein schlanker Kirchturm, dessen Kreuz im Sonnenlicht blitzte, ragte zwischen roten Ziegeldächern in die Höhe.

Auf dem anderen Gleise rollte ein langer Zug vorüber. Mehr als fünfzig Wagen zählte Gaston, alle mit Menschen dicht besetzt. An den Oeffnungen der Türen und Fenster drängten sie sich Kopf an Kopf, schauten mit einer Art stumpfer Neugierde heraus. Gesichter von fremdartigem Schnitt ... kleine blaue Augen über breiten Backenknochen, stumpfe Nasen und blondes Haar. Die Frauen in bunten Tüchern, die Männer in grauen Röcken, breitschirmige Mützen tief in die Stirn gezogen.

Der aus seinem Bremserhäuschen gestiegene Schaffner gab unaufgefordert die Erklärung: »Polnische Auswanderer. Jeden Tag kommen vier solcher Züge von der Grenz'. Alles wegen dem Krieg. Da drüben haben se, scheint's, noch mehr Angst wie bei uns. Möcht's man endlich losgehen, sonst reißen se uns noch alle aus.«

Gaston nickte.

Ja, wenn's nur endlich losgehen wollte!

Dann wäre er mit einem Schlage aus aller Wirrsal heraus gewesen – – –