ANDREAS VON BALTHESSER ÜBER DIE BETRACHTUNG VON GEMÄLDEN

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Vor Gemälde vermeide ich mit Bekannten zu treten. Es wird dann immer höchst überflüssigerweise „geredet“. Und sobald man vor Gemälden über sie redet, entziehen sie sich einem. Es ist, als ob es sie verdrösse. Sie verhüllen sich gleichsam von innen heraus. Man kann über Gemälde nur in ihrer Abwesenheit sprechen. (Das Gegenteil hat bei Menschen statt. Ich finde, daß man über Menschen nur mit ihnen selbst sprechen kann. Natürlich auch brieflich, denn der richtige Briefschreiber spricht zu einem Anwesenden. Es gibt wohl auch Briefschreiber, die zu Abwesenden sprechen, solche aber werden immer schlechte Briefe schreiben, uninteressante, unpersönliche.)

Gemälde soll man nur in Stimmung betrachten. Es ist nicht wahr, daß sich die Stimmung einstelle. Man muß Sehnsucht nach Gemälden empfinden, sogar Sehnsucht nach bestimmten Gemälden. Spürt man unbestimmte Sehnsucht nach Gemälden, dann mag man es versuchen, sich gleichsam magnetisch mit dem in Rapport zu setzen, das sein Antlitz im Nebel dieser unbestimmten Sehnsucht verschleiert hält. Will es sich nicht entschleiern, dann unterlasse man es, an dem Schleier zu zupfen. Es schneidet sonst plötzlich eine Grimasse, die lange nachwirkt. Aber jede unbestimmte Sehnsucht birgt einen bestimmten Gegenstand. Unbestimmte Sehnsucht ist nur ein vorläufiger, ein Verlegenheitsausdruck.

Etwas anders ist gemeint, wenn ich hinzufüge, daß man sich in der Betrachtung von Gemälden reinigen kann. Das soll nicht heißen, daß man ohne Stimmung sei. Im Gegenteil: man hat gerade dann, wenn man dieses Reinigungsbedürfnis empfindet, eine sehr starke Stimmung zu künstlerischen Eindrücken. Eben ihre Stärke bedingt die Unlust, die einem das „andre“ bereitet. Man wäre aber zum Beispiel nicht in der Stimmung zu künstlerischer Betrachtung, wenn man sich in sinnlicher Erregung befände. Wer von der Dame seiner Sinne endlich die verheißende Andeutung erhalten hat, der darf nicht vor Gemälde treten. Er wird geneigt sein, eine Nudität von Allegri über Reitergruppen von Mollyn zu stellen, beziehungsweise, was noch schlimmer ist, vor Rubens an die zu gewärtigenden Alkovenbewegungen seiner Dame denken.

Ich habe es ferner immer äußerst uninteressant gefunden, mit Malern vor Bildern zusammenzutreffen. Fachsimpelei ist der Tod der künstlerischen Empfindung, die unmittelbar in der Seele wirksam ist und so von seelischer Wirkung zeugt. Die Seele eines Künstlers spricht durch ein Bild zu meiner Seele. Ihr muß ich mit meiner Seele zu begegnen trachten. Da hält technische Kennerschaft nur auf. Man mag ihre Betätigung geruhig den nur allzu häufigen Stunden der künstlerischen Ernüchterung überlassen.

Damit will ich durchaus nicht gesagt haben, daß die Erfassung des Technischen, die restlose Bewältigung des Technischen durch die Anschauung, nicht nötig wäre, als Basis gleichsam jener Seelenzwiesprache. Man lernt die Seele eines Bildes erst allmählich und auf vielen technischen Umwegen kennen, wenn sie auch beim ersten Zusammentreffen ihre Anwesenheit der verwandten noch so deutlich verrät. Ich meine nur, daß das Reden über technische Dinge am besten hinterm Rücken eines Bildes geschehen sollte. „Hinterm Rücken eines Bildes“, das kann sich sehr gut vertragen mit dem vollsten Betrachten. Aber es ist ein andres Betrachten als das, bei dem alle Vernunft schweigt, abstirbt sozusagen, erlischt wie ein Licht in einer Lampe, das noch eben eine leuchtende und wärmende Flamme war und alle entfernten Ecken eines Raumes erhellte und — mit eins fort, aus der Welt ist, niemals da war.

Bilder sind der schwierigste Umgang. Sie sind voll Launen und äußerst empfindlich. Manchmal kommen sie einem entgegen mit einer Offenheit, einer Freundlichkeit, daß man nicht weiß, wie man sich zu fassen hat. Manchmal gehen sie von einem so schnell und weit fort, daß man ihnen nicht zu folgen imstande ist. Auch haben sie sehr wechselnde Stimmen. Bald sind sie überlaut, bald so leise, daß man sie kaum versteht und immer „wie“ fragen möchte.

Nebenbei gesagt: Bilder sind ein gefährlicher Umgang. Sie können einen geradezu verzaubern. Es gibt Bilder, die man niemals mehr aus seinem Leben bringt. Sie können das Schicksal eines Lebens werden... Man besucht eine Stadt zum erstenmal, man begibt sich unter andern Fremden in eine ihrer öffentlichen Sammlungen. Man tritt in einen Saal. Milde Oktobersonne liegt darin oder ein warmer Frühlingschein, eine Dame in grünem Reiseschleier steht über ein rot gebundenes Buch geneigt. Ein Aufseher wandelt auf knarrenden Sohlen an dir vorbei... Du siehst auf. Ein Bild. Noch kaum ein Name, hat es plötzlich Gewalt über dich bekommen, deine Weltauffassung, ohne daß du es noch ahnst, im Kerne geändert. Vielleicht hat es der Zukunft deines von einer fremden Frau noch ungeborenen Kindes die Bahn gewiesen.