EINIGES AUS ANDREAS VON BALTHESSERS LEIDER NICHT GESAMMELTEN SINNSPRÜCHEN UND GLOSSEN

I

Ich nenne mich, wenn das große Wort erlaubt ist, — für große Worte sollte man immer um Verzeihung bitten und dazu lächeln — „stolz“ einen Dilettanten. Nur der Dilettant ist der Freie. Alles, was Uniform trägt (ich meine die unsichtbare; die sichtbare ist — eine Sichtbarkeit, eine Äußerlichkeit, im Grunde genommen eine Bequemlichkeit, oft sogar, was freilich so verallgemeinert als Ironie wirkt, — ein Zeichen der Freiheit), alles, was Uniform trägt, ist irgendwie eingeschworen. Über Eingeschworene und Eingeborene hat der Reisende das Übergewicht der Leichtigkeit. Eingeborene bleiben zurück.


Zu den Aufdringlichsten gehört ein Mensch, der sich rechtfertigt.


Das Geheimnis der guten Beziehungen ist das Vermögen, sich außer allem Bezug zu erhalten.


Der große Meßmer hat ein halbes Jahr lang ohne Worte gedacht. Die meisten Menschen behelfen sich ein Leben lang mit Worten ohne Gedanken.


Das Gesetz der Welt ist das Gleichgewicht. Im Körperlichen, Moralischen und Geistigen rührt alles Unbehagen von seinem Verluste her. Tragisch heißen Menschen, die ihn eintreten fühlen und vergeblich dagegen ankämpfen. Moralisch ist jedes Streben, es wieder zu gewinnen. Die japanischen Akrobaten erlösen die Seele des moralischen Zuschauers auf Augenblicke von ihrem Leiden. Auch die beseligende Wirkung der vollkommenen Schönheit beruht auf jenem Gesetze.


Es gibt Leute, die so selten wahre Affekte haben, daß sie ihre seltnen erst posieren müssen, um daran glauben zu können.


Verträglichkeit ist ein Zeichen der Gleichgültigkeit.


Gegensätze soll man nicht auszugleichen trachten, sondern produktiv gestalten.


Ein einheitlicher Mensch sein, heißt Gegensätze in sich zu erhalten wissen.


Viele Menschen lernt man auch in jahrelangem Verkehr nicht kennen, weil sie sich immer „geben“, niemals „sind“.


Der vornehme Mensch empfängt ohne Bedenklichkeit.


Geben kann man lernen, nehmen muß man können.


Rasse ist ein andres Wort für Gleichgewicht.


Man sieht den Menschen, wenn man ruhiger geworden ist, sich geistig-seelisch „gesetzt“ hat, gar so leicht hinter ihre Masken, und wenn man überdies nicht mehr jung genug ist, sich hinterdrein darüber zu ärgern, daß man immer wieder versucht gewesen war, sich täuschen zu lassen, wird eine Art von stillem Ekel das Ergebnis dieser unwillkürlichen Erfahrung abgeben. Auch ich habe, gesteh ich’s nur, einst geschwärmt für andre Menschen, andre Meinungen, für neue, noch nicht erhörte Dinge. Das war die Zeit der geistigen Pubertät, — die bei manchen Menschen niemals endet. Bei mir hat sich der Staub aufwirbelnde Frühlingssturm sehr bald, vielleicht zu bald gelegt. Die ironischen Mundwinkel sagen „zu bald“. Zwei, drei grobe Enttäuschungen — für mich grob, für robuster Fabrizierte wären sie vielleicht gar nicht in Betracht gekommen — haben genügt, mich zu ernüchtern. Enttäuschungen hinterlassen einen starken Schweißgeruch. (Wer beschämt wird, fühlt den Schweiß am ganzen Körper hervorbrechen.) Man schreitet schnell hindurch in reinere Atmosphären. Heute täusche ich mich so leicht nicht mehr. Auch bin ich mir meiner eigenen Schwächen und Unwahrheiten — jeder Mensch hat deren nur allzuviele; die wenigsten gestehen sie sich ein (andern sie einzugestehen, ist ganz und gar unnötig) — allzusehr bewußt, als daß mir die der andern entgehen könnten: sie gleichen einander alle ja auffallend. Anderseits gibt es Irrtümer, die man lieb hat, lieb behält. Man weiß, es sind Irrtümer, man hat sie auch längst von sich abgetan, aber man sieht sie noch immer gern — an andern.


Takt ist unhörbare Harmonie.


Takt ist richtige Empfindung, Regel erstarrte Übung.


Geist ist wenig, Tiefe ist alles.


Jede große Tiefe hat eine spiegelnde Oberfläche.


Erziehen ist eine Aufgabe für Musiker. Der Erzieher soll der Dirigent der Seele sein. Unmusikalische Menschen taugen nicht zu Erziehern. Bildung kann man einem Kaffer vermitteln, erziehen heißt Vorhandenes entwickeln.


Rasse ist Erziehung in Permanenz.


Es gibt viele „Wahrheiten“, die den Umgang mit der Vernunft als einen zu schlechten Verkehr ablehnen.


Wenn man sich über die Dummheit der andern nicht aufregt, sondern dazu lächelt, nennen sie einen herzlos.


Diplomat sein, heißt den andern nicht zum Bewußtsein kommen lassen, daß man sie getäuscht habe. Die meisten Diplomaten glauben ein Übriges getan zu haben, wenn sie „beobachten“ und über Beobachtungen berichten. Dann wäre, theoretisch gesprochen, eine Tarnkappe das unentbehrlichste Requisit des Diplomaten. Nach demselben Trugschluß könnte die vervollkommnete Photographie in Farben den — Maler ersetzen.


Man erzählt von einem erschrecklich raffinierten Kirchenfürsten, der dem Besucher im vollen Sonnenlicht seinen Platz angewiesen habe, während er selbst im Schatten verblieben sei, um unbeobachtet beobachten zu können. Ich vermag leider nur zu konstatieren, daß der schlaue Kirchenfürst keine Manieren besessen haben muß. Sicherlich hätte ich in dieser Situation meinen Fauteuil vom blendenden Licht gelassen abgerückt.


Etwas, was die „Gebildeten“ in ihrem gefrornen Dünkel nicht ahnen, ist die unsichtbare Gemeinschaft der Gläubigen an den heiligen Geist und ihre Hierarchie (Stufen und Grade der Nähe).


Wer kein Gehör hat, wird unfehlbar von Freiheit und Gleichheit deklamieren, sobald er sich zu Menschen einer höhern Tonart verirrt hat.


Auf dem Glatteis der schönen Sitte muß alle Prinzipienflegelei Arme und Beine brechen.


Wer sich bewegen kann, ist nicht verpflichtet, Meinungen zu widerlegen.


Meinungen sind ein Auskunftsmittel für Leute ohne Gehör.


Es gibt Leute, die sich dafür entschuldigen, daß sie auf der Welt sind. Und immer wieder findet man es wirklich — unverzeihlich.


Wer nicht fühlen kann, muß hören, was andre sagen.


Wer sprechen gelernt hat, glaubt schon reden zu können.


Man kann ein durchaus ehrlicher Mensch sein und doch ganz unmaßgeblich. Man kann Staubfäden zu klassifizieren imstande sein und braucht deshalb doch kein Gesicht zu haben.


Fülle des Herzens, der Goethesche „Mittelpunkt“ („Glüh’ entgegen...“). Die „Grenze“ zwischen der Albernheit des Enthusiasmus und seiner hinreißenden flammenden Schönheit ist keine Linie, sondern ein halber, ein Achtel-Ton.


Es sind nicht gerade die Verständigsten, die alles „verstehen“ wollen.


Das kollernde Bleistück der Bürgerlichkeit läßt einen der eigenen Genialität vertrauen.


Constantin Somoffs Theaterzettel für das kaiserlich russische Hoftheater: russisches Rokoko, das entzückendste. Puschkins Novellen. Sein eleganter Tod. Und die plumpe Komödie der „modernen“ Konstitution. Druckerschwärze, Petroleumlampen, Schnaps, staubige Röhrenstiefel über Fußlappen.


Die geniale „Idee“ der katholischen Kirche. Ihre erlauchten Symbole. Die göttliche Gnade und ihre geadelten Träger. Dagegen Pastorenliberalismus, Kompromißlerschweifklemmerei.


Choderlos de Laclos, Fragonard, Boucher, Miniaturporträts, Lawrence, Beardsley — reimt das auf fraternité, égalité usw.? Sumpfgegend der modernen „Kultur“. Hügelzüge von Abfall und Scherben. Garküchengeruch. Und „unentwegte“ Dickhäuter in numerierten Tümpeln watend.


Ein glücklicher Bräutigam ist dem „Nächsten“ ebenso langweilig wie ein verzweifelter Witwer. — Zwischen zwei „Nächsten“ dehnt sich die unabsehbare Fremde.


Takt ist im Grund nur ein andres Wort für — Herz.


Gutmütigkeit ist nicht mit Herz zu verwechseln.


Es kann einer das Herz „auf dem rechten Fleck“, aber eben nur dort, nicht — überall haben.


Gourmandise ist ein Zeichen von feinen Sinnen. Der Gourmand ist nichts weniger als ein Schlemmer. Er ist der „Eßkünstler“. Ich kenne Leute, die in ihrem langen Fresserleben noch niemals den Genuß des Essens empfunden haben.


Es gibt Menschen, die sich selbst verhöhnen, um ganz zu bleiben oder vielmehr um sich selbst ein Ganzes vorzustellen.


Bornierte Menschen soll man nicht widerlegen wollen. Widerspruch ist immerhin ein Zeichen von Anerkennung.


Man erkennt den Philister daran, daß er niemals um Gründe verlegen ist und immer Zwecke fordert. Der Dilettant ist der unbegründet Zwecklose.


Das (unausgesprochene) Ideal des „modernen“ Menschen ist seine „Steigerung“ zur Maschine. Man teilt die nützlichen Mitglieder der Gesellschaft — in Funktionäre ein.


Es klingt heute schon wie ein Märchen, daß es Völker, Kulturen gegeben habe, die Organismen vorstellten.


Symptomatisch für die Kultur der Gegenwart ist die Vervollkommnung der Surrogate.


Wenige Menschen wüßten sich anders denn durch ein Legitimationspapier zu legitimieren.


Visitenkarten sind oft das Einzige, was von einem Menschen „aussagt“.


Nimm dem Menschen die Pose (wie man, als Vorsehung auf den Wolken thronend, dem Ahnungslosen zum Beispiel — ein Lieblingsgedanke des unter dem Geschwätz der Nachbarn Leidenden — einen bestimmten Vorrat an Worten abgezählt zumessen könnte: plötzlich ginge ihm, wenn er nicht haushälterisch mit seinem Besitz umgegangen wäre, das letzte Wort aus: er schnappte wie ein Fisch und klapperte im Leeren wie die Schatten Homers), nimm dem Menschen die Pose: er wird verwelken, verkümmern, eingehen, absterben. Was ist Alexander, der Asien Tribut auferlegt, gegen einen Bureauchef, der seinen Hilfsarbeitern den Urlaub mit der großen Papierschere beschneidet! Ratsch! Zwei Tage ringeln sich im Staube. Diesem Machtbewußtsein gegenüber kann nur — der Riese Prokrustes standhalten oder sonst etwas Mythisches.

Das erste Gesetz der Sozietät lautet: Du mußt dir in irgend einer Hinsicht wichtig dünken!


Es gibt Leute, die sich geehrt fühlen, wenn man sie verkennt, in schmeichelhafter Weise verwechselt.


Es gibt Leute, die gern „leutselig“ danken. Sie danken oft, ehe sie gegrüßt werden.


Die Menschen sind so leicht zufrieden gestellt. Sie müssen nur wissen, was einer ist, z. B. er ist ein Staatsanwalt, ein Millionär, ein Dramatiker. Das genügt.

Und ist es denn im allgemeinen anders? Begnügen sich die Menschen nicht überhaupt mit Benennungen? Sind die Worte, mit denen wir uns „verständigen“, nicht auch nur „Benennungen“ „abgekürztes Verfahren“?


Der Wahnsinn des „Fortschritts“ zertrampelt die nährenden Wurzeln der Vergangenheiten.


Unter „Fortschritt“ verstehen die meisten — unbewußt — die Unfähigkeit, Wurzel zu fassen.


Das Vorhandensein unwürdiger Repräsentanten erweist die Lebensfähigkeit einer Organisation.


Man hört heute immer wieder von Festversammlungen. Und doch kennt diese Zeit nur — angesagte.


Nicht alle, die Bücher schreiben, haben Bücher — gelesen.


Wer ein Buch gemacht hat, meint, über — Menschen urteilen zu können.


Der Kabarettist, der seine ernsthaften dichterischen Erzeugnisse vorn Podium herab vorträgt, fühlt sich mir überlegen, der ich ihm, Sekt trinkend, zuhöre (oder mit meinem Nachbar plaudere). Mein Nachbar fühlt sich dem Kabarettisten überlegen, der seine ernsthaften dichterischen Erzeugnisse vom Podium herab vorträgt, während er, der Nachbar, Sekt trinkt und ihm zuhört (oder mit mir plaudert). Ich fühle mich meinem Nachbar überlegen, weil er sich dem Kabarettisten überlegen fühlt, und fühle mich dem Kabarettisten überlegen, weil er sich mir und meinem Nachbar überlegen fühlt... Eine Frage: Würde ich mich als Kabarettist einem überlegen fühlen, der mir, Sekt trinkend, zuhörte, während ich meine ernsthaften dichterischen Erzeugnisse usw.?


Kostümierte Affekte sind Snobismen der Seele.


Der unrettbare Kleinstädter als „Weltmann“: es gibt kaum etwas Kläglicheres. Aber immer wieder finden sich Leute, denen auch er imponiert. Und Literaten schreiben auf Grund solcher Eindrücke „Bilder aus der Gesellschaft“.


Der Bauchredner, der seine Puppen auf den Knieen hält und mit peinlich wirkender Gewaltsamkeit den Verblüffer spielt — für Unteroffiziere und Kindermädchen: ein Bild für manchen großen Mann unter den heutigen Literaten.


Es gibt eine Übergangsperiode im Leben, die man mit dem Wort altklug nicht übel bezeichnet. Ein großer Teil unsrer Literaten kommt über dieses kindische Stadium niemals hinaus.


Nur der Leser und Hörer heißt mir ein mit Urteil begabter, der keinerlei Doktrinarismus, auch nicht dem — revolutionären huldigt.


Wir leiden heute an Autoren, die mehr können, als sie — sind.


Es ist ein großer Mangel der deutschen Literatur, daß ihr das Weltmännische abgeht.

Der deutsche Schriftsteller „übt den schriftstellerischen Beruf aus“.


Unsre bessere Literatur riecht nach ungelüfteten Stuben, die schlechtere nach dem Kaffeehaus.


Unter literarischen Snobs muß man den Dandy hervorkehren. Das ist die einzige Rettung gegen die üble Ausdünstung dieses Milieus. Man macht sich gleichsam durch eine Schlangenhaut unempfindlich.


Nur der heißt mir ein Redender, ein Schreibender, der jedem Wort neues Leben einflößt, sein Leben.


Schreiben ist Unterwerfung des Wortes. Die größten Schöpfungen sind die, deren Dasein das Wort überhaupt vergessen macht, Schöpfungen gegen das Wort.


Die meisten Schriftsteller schreiben im Taglohn des Wortes, eines Chefs, den sie niemals zu Gesicht bekommen.


Stil im Schreiben (wie Geschmack im Leben) ist nur Vorläufigkeit, nicht Erfüllung. Größe bedarf keines Erkennungszeichens.


Er ist wahrhaftig schrecklich, dieser gute Ton, der es einem verbietet, das jeweils einzig richtige Wort anzuwenden. Bin ich wirklich verpflichtet, bis ans Grab die Komödie der Höflichkeit mitzumachen?

Wie unerhört ist die Anmaßung eines Herrn X-Y, der „auch“ Bücher schreibt (hätt’ ich es doch nie getan!), einen Menschen, der wahrlich nichts dafür kann, um deswillen als „Gleichgesinnten“ zu begrüßen. Sie halten’s für Pose, diese Armseligen, wenn ich verlauten lasse, daß mich Hundeausstellungen weitaus mehr interessierten als die „Anschauungen“ des „gleich“- oder andersgesinnten Herrn Y-Z über Ibsen oder Meunier.


Schlechte Manieren werden nur Leuten verziehen, die sie nicht nötig hätten.


Wer „fürstliche“ Trinkgelder gibt, bekundet ein ängstliches Bewußtsein mangelnder Selbstachtung.


Es gibt ernsthafte Männer, die ihre „geistigen Interessen“ nicht mit ihrer Frau teilen, wohl aber — mit dem „Stammtisch“.


Es gibt naive Gemüter, die von Zeit zu Zeit ausspucken und sich immer wieder dafür entschuldigen, — daß sie keine Manieren haben.


Damen soll man nur dann voll anschauen, wenn sie lächeln. Dann verlangen sie es.


Ich empfinde es immer als Anmaßung, wenn ein Jemand zu mir „auf Wiedersehen“ sagt. Es ist ein Wunsch, der mit der Gegenseitigkeit rechnet.


Der Gesellschaftston legt den Zwang auf, zwanglos zu erscheinen. Wer das Bewußtsein der Tatsache verloren hat, daß dieser Zwanglosigkeit Zwang zum Grunde liegt, heißt ein Gesellschaftsmensch.


Eine Frau, die weiße Wollstrümpfe und dazu — Zugstiefeletten trägt, sollte man um einen Fuß kürzer machen dürfen.


Germania in Zwirnhandschuhen und Konfektions-„Nouveautés“: ein Vorwurf für einen naturalistischen Bildner. Nicht zu vergessen die höchst praktischen, „der Touristin unentbehrlichen“ mechanischen Klapp-Rockschürzer.


Wenn einer eine Reise tut, glaubt er davon erzählen zu dürfen!


Zu rechter Zeit aufhören, heißt genußfähig sein. Armer Teufel, der ein bezahltes Gericht, eine halbgeleerte Flasche Sekt nicht — stehen lassen kann, ohne Reue zu empfinden.


Fortschritt, Kulturkampf, Freimaurertum, Emanzipation der Frau usw.: armselige Selbstgefälligkeit taubstummer „Weltbürger“, die sich nur durch eine konventionelle Gebärdensprache miteinander „verständigen“ können.


„Von vornherein“ miteinander per Du sind bei uns in Österreich die Aristokraten und — anderseits — die Fiakerkutscher, „Wasserer“, Taglöhner. Oben und unten die — Selbstverständlichen. Die Mittelklasse: Professoren, Beamte, Kaufleute sind auf konventionellem Fuß miteinander. Sie haben einander immer nur etwas zu sagen, können nie auf freiem Fuß miteinander verkehren wie die Aristokraten und — die Fiakerkutscher.


Die geschmackvolle Geselligkeit als unbewußte Äußerung kulturgesättigter Organisationen ist heutzutage fast gänzlich ausgestorben. Es gibt einen traditionellen Stil der großen Welt, der eine gewisse natürliche Grazie hat, aber leeres Arabeskenspiel bleibt, wenn er nicht mit Unsittlichkeit gewürzt ist. Es gibt ferner einen Kompromißstil der verschiedenen Zwischenreiche, der sogenannten „zweiten Gesellschaften“, in denen man sich relativ am besten unterhält, weil viel „Abwechslung geboten“ und — meist recht gut gegessen wird. In diesen Kreisen findet man auch hin und wieder versprengt einen harmlosen Menschen, dem diese mühsamen Lustbarkeiten wirklich noch ein Vergnügen zu bereiten imstande sind.

Die große Welt hat ihre eigenen Gesetze, hinter denen der Mensch verschwindet. Aber wenn diese Bande einigermaßen nachlassen — in der intimen Häuslichkeit —, weiß ich überhaupt nichts, das reizender wäre. Hier herrscht Freiheit, Maß, Sicherheit, Ruhe. Die bürgerlichen Kreise sind sehr mannigfacher Art, aber fast durchaus unerfreulich. Entweder wird ein Stil kopiert, oder es ist ein Stil im Begriffe, verlustig zu gehen.

Die größte gesellschaftliche Roheit herrscht in den Kreisen der „ausübenden“ Künstler aller Art; vor allem mangelt das, was jeder höhern Geselligkeit den anmutigsten Reiz verleiht: Achtung vor dem Alter und den Kindern und Ritterlichkeit und Dezenz gegen die Frau.


Die Prüderie der hohen Gesellschaftskreise, die Heuchelei ist, kann man sehr leicht parieren: man vermeide Verstöße. Meist klagt der über Prüderie, der es an Takt ermangeln läßt.


Ein Blick in den Zuschauerraum eines modernen Varietétheaters, der dann zur Bühne gleitet, wo Neger brüllend Cake-walk tanzen oder ein bunt gekleideter Radfahrer, auf einer elektrisch bewegten Drehscheibe gegen die Drehrichtung tretend, seine Lunge vor biertrinkenden Handlungsreisenden aufbraucht, sollte den Schwärmern für die Kultur des konstitutionellen Europa Erleuchtung zu verleihen imstande sein über die unrettbare Barbarei dieser ordinärsten aller „geschichtlichen Epochen“.


Es ist ein großer Unterschied zwischen schäbiger Eleganz und eleganter Schäbigkeit. Diese ist ein rührendes, Hochachtung einflößendes Zeichen des Widerstandes der Rasse gegen das herbe Schicksal, jene der unwiderlegliche Beweis abenteuerlicher Gemeinheit.


Der gesellschaftliche Snob ist ein Held von großer Bravour. Er erleidet täglich Demütigungen seiner Eitelkeit, die bis aufs Blut gehen. Aber er verschmerzt sie immer wieder und erklimmt auf Händen und Füßen die nächste Etappe.


Es gibt Menschen, die ihre unerbetenen Einladungen so lange zurückweisen lassen, bis man neugierig wird, den Träger einer derart jedes erlaubte Maß übersteigenden Schamlosigkeit zwischen seinen vier Wänden kennen zu lernen: dann ist ihr Zweck erreicht.


Wenn sich junge Leute aus guter Familie in einem Hause, wo sie zu Gast sind, ungezogen benehmen, ist immer das Haus daran schuld. Der besterzogene Mensch, gar ein junger, wird übermütig, wenn er sieht, daß er sich alles erlauben darf, und versucht aus Trotz gegen diese hündische Observanz immer von neuem, ob er in seiner Unart nicht noch weiter gehen könne. Es sollte zu denken geben, daß in den Häusern der Snobs und Parvenus gerade die jungen Leute sich am ungezogensten geben, die in ihren Kreisen auf das sorgfältigste den Anstand wahren.


Der typische Vertreter des neunzehnten Jahrhunderts — des Jahrhunderts der Lüge — ist der geadelte „Bürger“. Die Söhne spielen bereits die Aristokraten, und den Enkeln glaubt man es — aus Bequemlichkeit.


Man kann die Menschen nach ihrem sichtbaren Wesen, dem, was ihren natürlichen Stil ausmacht, in zwei Klassen scheiden: die einen und die andern. Die einen sind die von der Natur begünstigten, die andern die nichtbegünstigten. Es ist nur ein Glück, daß die Nichtbegünstigten es nicht merken. (Im Grunde gefällt sich eigentlich jeder Mensch, täuscht sich jeder gern über sich selbst, wenn er auch Momente der Selbstbesinnung und Selbstverachtung hat.)

Das „Geistige“ freilich ist ein ganz andrer Einteilungsgrund und scheidet die Menschen in ganz andre Lager.


Wenn man Fragen des gesellschaftlichen Anstands ernsthaft traitiert, rumoren „Freigeister“ gleich über Engherzigkeit. Als ob solche Nadelköpfchen mit der Schlosserzange anzufassen wären! Wer wird sich mit diesen Nichtigkeiten abgeben, deklamiert ein „Großzügiger“.... „Abgeben“? Mit nichten. Sobald derlei Niaiserien mit Gewicht behandelt werden, sind sie auch schon erdrückt. Man kann sie nicht in Paragraphen „erschöpfen“, kann keine Normalien für Anstand herausgeben. Alle solchen Wegweiser und Handbüchlein sind von niederschmetternder Lächerlichkeit.

Überhaupt hat die Vernunft in solchen Dingen nichts dreinzureden. Sie wird sich da immer sehr schwerfällig, plump und abgeschmackt gebärden. Und ebensowenig hat die Ethik mit den zierlichen Sächelchen zu schaffen. Beileibe auch nicht das berühmte „Gemüt“. Empfindsamkeit in seinem Achtzehnten-Jahrhundert-Sinn schon viel eher. Es führt eine vielfach verschnörkelte Linie vom Pretieusentum über die Empfindsamkeit zum Chik. Der Chik aber ist nicht wie ein Stück Skulptur aus einer Barockdeckenmalerei „täuschend“ hervorgezerrt (sehr handgreiflich „gezerrt“), sondern eine Arabeske im Material des gesellschaftlichen Anstandes, einer Welt der „andern“ Dimensionen, ebensowenig an der Ethik wie die Ethik am Dienst-Reglement zu messen. (Die Gerade und die Kugel — zwei „Welten“.)


Unverkennbar ist die Gleichmäßigkeit der Temperatur im gesellschaftlichen Verkehr der mehr als „Wohlgeborenen“ nicht eine „Geschmacks“frage der leeren „Zeichen“, sondern ein musikalisches Aufeinandergestimmtsein. Ein fremdes Element muß dem Musikalischen sofort auffallen. Stufenweise Fortgeschrittene behalten immer etwas beamtenhaft Rangsklassenhaftes, dessen „ärarischer“ Geruch unaustilgbar scheint.


Gibt es wohl etwas Geschmackloseres als ein Festmahl, veranstaltet von Frauen zu Ehren eines Sexualethikers?


Das „arrogante Gesicht“ vor Portiers und Kammerdienern. Man weiß darum, lächelt, höhnt sogar darüber, spielt aber doch immer wieder die mediokre Komödie. Und die Leute brauchen das. Das „liebe Gesicht“ des jungen unter ältern Kollegen. Die charmante Bereitwilligkeit. Alles Humbug natürlich, aber sowohl erzieherisch als wirksam ... Das gerührte Gesicht, das ergriffene Gesicht, das nachdenkliche, das blasierte, das unbefangene, naive Gesicht (dieses übrigens äußerst wohlfeil), das dämonische, das faszinierende Gesicht.


„Er ist ein Schwein.“ Schlagende, totschlagende Kürze. Ein Spruch, gegen den es keine Einrede mehr gibt. Wenn einmal jemand irgend wen vor andern so gekennzeichnet hat, dann ist kein Beschönigen mehr möglich, kein Abmildern, geschweige denn ein Zurücknehmen. Das „Schwein“ deckt ihn ein für alle Male zu. Den Unglückseligen, der uns einmal irgendwo als „Schwein“ vorgestellt worden ist — in absentia natürlich —, kann jedermann als „Schwein“ weitergeben.

Wer ist ein „Schwein“? Besser: wie wird man ein „Schwein“? Nicht der Zotenjäger ist gemeint, nicht aus Studentenbierkneipen stammt das Wort, das wie ein Peitschenhieb über einer moralischen Physiognomie sitzt, diese „soziale“ Bezeichnung hat hochgebornen Ursprung und verliert sofort an Gewicht, wenn sie außerhalb ihrer Sphäre angewendet wird. Es gibt Leute, die einfach niemals „Schweine“ werden können. Das verächtliche Wort will unter Gentlemen besagen: Der und der ist gänzlich „unmöglich“.

Es ist mancher längst ein „Schwein“, ohne es zu wissen, wenn er’s auch — ahnt. Aber erst der erfüllt den Begriff „voll und ganz“, wie die Festredner mit Vereinsabzeichen sagen, der genau weiß, daß er durch diese Handlung, jene Unterlassung ein „Schwein“ geworden ist. Manchmal versucht er es noch, sich wieder an die Oberfläche zu bringen. Es geschieht zitternd. Der Anblick eines einzigen Menschen, bei dem er „Wissen“ voraussetzt, macht seine Kräfte schwinden. Endlich gibt er es auf, flieht in die böhmischen Wälder der Vogelfreien, außerhalb der Gesellschaft, fristet unter Masseusen und Revolverblattreportern ein gasflammenübergossenes scheues Dasein, wird etwa, wenn er noch Ehrgeiz besitzt, eine — Nachtkaffeegröße. Aber sein Herz ist gebrochen. Oder er avanciert zum Lumpen, wird frech, selbstbewußt-schamlos. Und vielleicht kommt er noch als „Idealist“ wieder ans Tageslicht und eifert gegen Klassenvorrechte.


Warum schlagen mich die Kohlenträger nicht tot, denen ich auf der Treppe begegne, wenn ich in Lackschuhen mit der Zigarette um halb elf in mein Bureau im Auswärtigen Amt spaziere? Ich könnte es ihnen nicht verdenken. Vorher aber würde ich mich doch wahrscheinlich noch zu rechtfertigen versuchen: Meine sehr geehrten Herren Totschläger, wir haben nämlich wirklich so späte Bureaustunden im auswärtigen Amt.


Die sozialen Differenzen äußern sich vorzüglich in manuellen Verrichtungen, die der eine Teil ebenso selbstverständlich von dem andern beansprucht, wie dieser sie ihm ohne Bedenken leistet. Die Utopisten einer Sozialisierung der Gesellschaft meinen diese Differenzen — die das Unbewußte in der Organisation der menschlichen Verbände ausmachen — dadurch auszugleichen, daß jeder jeweils sein eigener Herr und Diener zugleich, wenn auch nicht gleichzeitig zu sein hätte. Es soll also alles bewußt, alles Fundament Oberfläche werden. Als ob ein Bau ohne verdeckte Basis möglich wäre.


Kriege haben nur zwischen Rassen Sinn. Kriege zwischen „Begriffen“ sind sinnlos. Verständlich sind auch Sprachen- und Religionskämpfe, aber auch sie sind nicht so tief organisch begründet wie Rassenkämpfe, Rassenverfolgungen, Rassenkriege.