Am Steppenrand

Langsam schreitet der Wanderer von Norden kommend über die niedrigen Höhenwellen westlich Nyemsati, um das große Akidendorf Kikale zu erreichen, denn der schmale Negerpfad ist schlecht, vielfach gewunden und von den Güssen der Regenzeit ausgewaschen.

Wenn er den kleinen, halbabgeholzten Miombowald an dem sich sanft zur Küste neigenden schrägen Hang hinter sich hat, wo der gewundene Weg sich im hohen Steppengras verliert, bleibt sein Fuß wie angewurzelt stehen: Vor ihm breiten sich die gewaltigen Niederungen des Rufijideltas aus, dessen Umrisse im Süden im wogenden, zitternden Glast der Mittagssonne verschwinden. Rechter Hand, nach Südosten zu, erstrecken sich die blauen Matumbiberge, deren kantige Erhebungen zum Teil in weißgeballten Wolkenhauben stecken.

Zwischen ihnen und dem Delta dehnt sich die weite, gelbbraune Steppe, über die der Blick unbegrenzt nach Westen schweift.

Dort, wo das silberne Band des Rufiji die Grenzen des Mangrovengebiets verläßt, scheint es sich zweimal um sich selbst zu schlingen, bevor es im Steppengras verschwindet, und dort, kurz vor der ersten Windung, liegt seit gestern der graue schlanke Leib der »Königsberg«.

Einen ganzen Monat hindurch Hoch- und Niedrigwasser ausnutzend, ist es ihr gelungen, bis zum Steppenrand vorzudringen und sich dem übermächtigen Feinde zu entziehen.

An Steuerbord liegt eine große mit Holz beladene Dhau, auf der träge Schwarze sitzen, die Mangrovenscheit um Mangrovenscheit an Deck emporreichen.

Die Kohlen sind ausgegangen — der Kreuzer heizt seine Kessel mit Holz.

So entsteigt denn auch kaum ein leichter Qualm einem der drei Schornsteine, nur ein fast unsichtbares, weißgelbes Wölkchen schwebt ab und zu in den klaren Aether empor. — Weiß glänzen die Sonnensegel.

Noch einige Fahrzeuge sind neben ihr zu erkennen: Ein kleiner Küstendampfer der Deutsch-Ostafrika-Linie liegt stromaufwärts, ein größeres grüngestrichenes Fahrzeug mit der Kriegsflagge daneben. Es ist der kürzlich von uns zurückeroberte »Adjutant«, der, flink und beweglich, eben von einer Patrouillenfahrt nach den Mündungen zurückgekehrt ist.

Weiter unterhalb, fast am Heck der »Königsberg«, auf der Innenseite der Strombiegung, spiegelt sich in dem ruhigen Wasser ein eigenartiges, wie eine große, flache Zigarrenkiste aussehendes Fahrzeug: es ist der kleine Heckraddampfer »Tomondo«, der in Friedenszeiten den Verkehr mit der Küste und den paar im Innern gelegenen Pflanzungen vermittelte. Von einer schwarzen Schiffsmannschaft bedient, wird er von einem Weißen gesteuert, einem alten, groben, gelben Afrikaner mit abstoßenden Zahnlücken, und steht jetzt im Dienste der »Königsberg«, um Nahrung und Verpflegung herbeizuholen.

Weiter nach Osten, dort, wo die nickenden Palmen von Salale stehen, steigen dunkelbraune Rauchschwaden auf, vermischt mit schwärzlichen Wölkchen; dort ragen zwei Masten, der eine geknickt, der andere schief: es ist die »Somali«, unsere getreue Begleiterin, die sich jetzt für uns dort geopfert hat und im Sterben liegt.

Als Ablenkungsmittel und Zielscheibe für die englischen Kreuzer mußte sie bei Salale vor Anker liegend warten, bis die täglich sich wiederholenden Beschießungen ihr ein langsames, aber sicheres Ende brachten.

Seit Wochen schon brennt sie, sind ihre Bordwände durchglüht, ist ihre Farbe abgeschmolzen.

Treibt man in einem Einbaum, vorsichtig an den Mangroven entlang steuernd, an ihr vorbei, dröhnt ab und zu ein dumpfer Knall, erschallt ein krachendes Poltern. Irgendein Deck, ein Luk, dessen Tragepfeiler abgeschmort oder verbrannt sind, ist eingestürzt. Sie liegt stark auf der Backbordseite, ihre Bordwände leuchten knallrot, ihre Wanten hängen über Bord!

Und wendet der Wanderer auf seinem Hügel kurz vor Kikale den Blick noch weiter nach Osten, nach der breiten, glitzernden Einfahrt südlich der Simba-Uranga-Insel, dann sieht er dort, quer zum Fahrwasser, einen dunklen Strich liegen, der aber so klein und kurz ist wie ein Punkt auf einem Telegraphenstreifen: die von den Engländern versenkte »Newbridge«, deren Bug so unter Land liegt, daß er, von hier aus gesehen, die Mangroven fast zu berühren scheint.

Darüber hinaus, über die wehenden Palmen von Simba-Uranga, Saninga und Kiomboni hinweg schweift das Auge über die weite See und bleibt wiederum an einem grauen, schlanken Körper hängen, ganz ähnlich dem, der dort hinten am Steppenrand liegt — dem englischen Blockadekreuzer.

Zwei graue Körper, beide sich ähnlich, beide zum selben Zweck gebaut — aber zwei Todfeinde, von denen jeder nur ein Ziel hat — — die Vernichtung des anderen.

Aber jetzt sind sie noch getrennt durch den weiten grünen Teppich der Mangrovenwälder, der vorläufig eine unüberwindliche Schranke bildet.

Wie lange noch?

Ganz dort hinten, am Horizont, nach Südosten zu, auf dem glitzernden Ozean hebt sich der dunklere Strich von Mafia ab, dessen wehende Palmen aus dieser weiten Entfernung wie vom Winde bewegte Haare eines Katzenpelzes aussehen.

Dort sitzt jetzt der Feind. Vor einigen Tagen hat er die Insel besetzt!

Dort, wo die der afrikanischen Küste zu gelegene Tirenebucht sich weitet, hat er seine Kreuzer, seine Geschwader liegen, von dort dröhnt das dumpfe Rollen seiner Schießübungen herüber, mit denen er sich auf den Endkampf, der einmal kommen muß, vorbereitet, von dort steigen seine Flieger auf, die wie große Vögel, weißen Reihern gleich, über die Rufijiwildnis flattern — äugend und spähend. —

Zitternd, flimmernd liegt der heiße Dunst des Mittags über der weiten Landschaft, einem Bild, das den Ozean, die Steppe, Flüsse, Sümpfe und Gebirge umfaßt, das als winzige Punkte zwei von der sengenden Sonne beschienene Todfeinde zeigt.

Ein helles Klingen geht durch die dampfende, glühende Luft. Millionen von Grillen und Zykaden zirpen, pfeifen und singen. —

Weiter stapft der Wanderer durch den tiefen Sand. — — —


Blauschwarze Nacht liegt über den weiten Mangrovenniederungen und der flachen Steppe — blauschwarze Nacht über dem dazwischen schimmernden Arm des Rufiji, der schlafenden »Königsberg«.

Schwüle Hitze lastet über dem Deck, noch schwülere in den Kammern.

Der Ventilator drückt gleichmäßig summend und surrend einen starken Luftstrom durch die Moskitonetze auf die nackten, schweißnassen Körper der Schlafenden.

Der Kreuzer, nur Blech, Eisen und Stahl, sammelt unter Tage zwölf Stunden lang die glühende Hitze der strahlenden Sonne, bis seine Decks so brennen, daß es durch Sohlen- und Stiefelleder geht. Nachts strahlt er zwölf Stunden lang diese Glut wieder aus.

Unruhig und stöhnend wälzen sich die Schläfer, ab und zu mit der Hand den rinnenden Schweiß aus der Stirne streichend. —

»Zehn Minuten vor zwölf Uhr!«

Ein Läufer kommt, weckt mich zur Mittelwache. Der Kopf taucht in das lauwarme Wasser und halberfrischt, immer im Strahl des luftdrückenden Ventilators, ist in wenigen Minuten das Ankleiden beendet.

Ich ziehe hohe Moskitostiefel und Lederhandschuhe an, denn wir liegen mitten in einer der übelsten Fiebergegenden Ostafrikas.

Die Schärpe in der Hand trete ich auf das nachtdunkle Deck. Die noch von der Lampe geblendeten Augen sehen erst nichts, nur das eintönige Summen und Surren von Moskitoschwärmen dringt an das Ohr. Knarrend und ächzend stöhnt von unten herauf irgendeine Pumpe.

Allmählich erkenne ich die drei mächtigen Schornsteine, die schwarzen Silhouetten der Masten, die in den glitzernden Sternenhimmel wie zwei dürre Finger ragen.

Das Kreuz des Südens wird gerade von dem vordersten Scheinwerfer verdeckt.

Ich gehe zum Fallreep. Da steht die weiße Gestalt meines Vorgängers. Es glast zwölf Uhr!

»Guten Morgen!«

»Gut geschlafen?«

»Danke — etwas los?«

»Nichts!«

Wir wechseln die Schärpe. — »Angenehme Ruhe!«

Ich stehe allein am Fallreep.

Abgelöste Wachen und Posten melden sich — ein kurzes Getrappel, dann liegt wieder tiefste Stille über den Decks.

Leise murmelt der Rufiji am Fallreep. Er fließt ab — ist schon sehr stark gefallen. Weiß leuchtend hebt sich dicht neben dem Bug eine helle Sandbank ab.

Nachtschwarz, geisterhaft mit Schatten und Spiegelbild verwoben, säumen die Mangrovenwälder den hier schon ziemlich engen Fluß.

Ich beuge mich über die Reeling und lausche den Stimmen der Wildnis dort drüben.

Ganz vorn, dort wo der Fluß in weißlich silbernen Nebeln zerfließt, dröhnt das Schnauben und Brüllen von Flußpferden, die die sternhelle Nacht benützen, das Wasser zu verlassen, trampelnd und stampfend querfeldein zu ziehen und Nahrung im dichten Schilf zu suchen.

Die Luft erzittert oft von dem gewaltigen Brüllen, das weitaus stärker als die Stimmen aller Tiere, selbst des Löwen, über die schweigende Mangrovenlandschaft hallt.

Prusten, Schnauben und ein Platschen folgt, wie wenn morsche Urwaldriesen zusammenbrechend ins Wasser stürzen.

Angespannt lausche ich dem Treiben der Tiere, die da vorne ihr Wesen treiben. Weit kann es nicht sein, aber ich kann keines sehen. Hier in dieser verlassenen Urwaldabgeschiedenheit, die selten von Europäern betreten wird, freuen sie sich noch vollkommen ungestört ihres Daseins. In vielen anderen afrikanischen Flüssen sind sie schon fast ausgestorben, im Rufiji aber habe ich noch Herden von 50 und mehr Stück aus nächster Nähe gezählt.

Weiß wallen die Nebel dort vorn.

Das Brüllen und Prusten hört plötzlich auf — anscheinend haben die Tiere den Fluß verlassen.

Ein paar Minuten herrscht tiefste Stille, die nur von den Traumlauten eines schlafenden Regenpfeifers unterbrochen wird. Da jaulen plötzlich dicht an Land zwei Hyänen auf. Eine heller, die andere mit tiefer Stimme. In weitem Bogen umschleichen sie die wenigen hohen Bäume, die dort in schwarzer Gruppe beisammen stehen. Wunderlich klingt ihre heisere Stimme in dem tiefen Schweigen der majestätischen Flußlandschaft.

Fast eine halbe Stunde lang stehe ich lauschend an die Reeling gelehnt. — Gleichmäßig hallt über Deck der feste Schritt des Bootsmannsmaaten der Wache. Stumpfsinnig und verschlafen steht der »Läufer Deck«, ein junger Bursche aus dem Bayerland, in einer Ecke und träumt, auf einen Lukendeckel gestützt, wohl von seiner fernen Heimat, aus der schon lange keine Nachricht mehr eintrifft.

Langsam gehe ich nach vorn. Hier liegt im schwarzen Schlagschatten der hohen Bordwände eine alte arabische Dhau. Ihr abgebrochener Maststumpf ragt kaum einen halben Meter über Deck. Sie ist voll von rötlichen Mangrovenscheiten, die Stück für Stück durch die faulen Hände dreier verschlafener Schwarzer an Bord wandern und von dort ihren Weg in die Kesselräume nehmen. Unangenehm störend klingt ihr Poltern über Deck.

Auf Bug und Heck der Dhau liegt zu schwarzen Klumpen geballt die Ablösung, meist kräftige, sehnige Neger aus dem Warufijistamm, deren gleichmäßig tiefe Schnarchtöne die Luft durchsägen. Ab und zu schlägt einer mit der flachen Hand auf die Haut. Irgendein Moskito, der die unendliche Langmut, Gleichgültigkeit und Dickfelligkeit des Schwarzen überschätzt und sich allzulange mit rotem Blut vollgesogen hat, muß sein Leben lassen und klebt nun als roter Blutfleck an der Stelle seiner Gier.

Aber keiner der Mohren läßt sich dadurch stören, gleichmäßig schnarchen sie weiter um die Wette mit dem Summen der Moskitoschwärme.

Anders vorn auf der Back! Ich steige die Steuerbordtreppe empor. Mann an Mann liegen dort unsere Leute halb nackt an Deck, mit offenen Augen mich anstarrend. Sie können nicht schlafen! Unter Deck ist die Hitze zu groß, hängen sie doch dort, einer dicht am andern, in ihren Hängematten. So gehen sie eben nach oben, um dort die Kühle der Nachtluft zu atmen, wohl wissend, daß der Schlaf sie fliehen wird — denn überall singen Moskitos!

Unwillkürlich knöpfe ich meine Lederhandschuhe fester zu und qualme stärker aus der Pfeife. Von allen Seiten ertönt Stöhnen, Murmeln, halblautes Fluchen, das Klatschen von Händen auf nackten Fleischteilen.

Dort richtet sich einer wütend halb auf, hier stampft einer mit den Beinen, wälzt sich an Deck.

Wie viele von ihnen werden morgen wieder ins Lazarett wandern, — vom Fieber geschüttelt?

Fast zwei Drittel von allen liegen schon dort! —

Ich steige auf die Brücke, da erscheint über der dunklen Mangrovenwand die halbe Sichel des Mondes, alles in bleiches Licht tauchend.

Die weißen wallenden Nebelstreifen werden noch weißer, das helle Band des Stromes wird zu flüssigem Silber.

Die Hyänen dort drüben verstummen. Dafür hebt weiter vorn das Fauchen, Schnauben und Dröhnen der Flußpferde wieder an.

Schweigend liegt im hellen Mondlicht unter mir das Schiff. Hierher, bis auf die hochgelegene Brücke herauf, dringt kein Stöhnen, kein Schnarchen, kein halblautes Wort.

Nur die Schritte des wachhabenden Bootsmannsmaaten und das Schluchzen der Pumpen.

Wie drei schwarze Riesen ragen die mächtigen Schornsteine, an ihrer Backbordseite grell vom Mond beschienen.

Reeling, Geschütze, Aufbauten gleichen in der gespenstischen Beleuchtung unwesentlichen kleinen Spielzeugen.

Weit schweift der Blick von hier über die im silbernen Licht liegende Mangrovenwildnis, die sich unendlich nach Osten und Norden ausdehnt. Im Westen verschwindet die weite, breite Steppe. —

Riesengroß in ihrer Einsamkeit lastet die Urwaldabgeschiedenheit! —

Und mitten darin, wie ein Fremdkörper in den Eingeweiden eines Menschen, dieses komplizierte Erzeugnis ausgeklügelter Technik, diese Sammlung von Maschinen und Maschinchen, bevölkert von einer zusammengedrängten Masse von Menschen — ein moderner Kreuzer! Er paßt nicht hierher in diese Jahrtausende alte Wildnis, deren geheimnisvolles Leben ihn umspielt.

Ob sich sein Schicksal hier erfüllt, er in dieser Einöde zugrunde gehen wird, mit allem was auf ihm lebt?

Dann wird man nach Jahrzehnten, wenn der Fluß in seinem ewigen Auf und Nieder diesen Arm versandet hat, wenn der Wind die Samen der Mangroven darüber hingestreut und die Zeit sie zu Bäumen hat anwachsen lassen, aus dem grünen Dickicht der verästelten Mangroven wirres, zerschossenes Eisenzeug, geknickte Masten, zerfetztes Blech hervorragen sehen.

Braune, zähe Stämme mit Luftwurzeln werden aus verrosteten Luken wachsen, in den verschlickten Kammern, Heiz- und Maschinenräumen werden zwischen vom Wasser zerfressenen Kolben und Pleuelstangen gelbgraue und schmutziggrüne Krokodile hausen. — — —

Die Schritte des Wachhabenden sind verklungen. — Ich sehe im hellen Mondschein, wie ein Geschütz gerichtet wird.

Da steige ich an Deck nieder.

Die Mündung zeigt auf die helle Sandbank. Bootsmannsmaat der Wache und Läufer Deck sehen abwechselnd angestrengt durch das Zielfernrohr.

»Was ist da zu sehen?«

»Auf der Sandbank sind zwei Flußpferde, ein großes und ein kleines! Da — jetzt tanzen sie im Kreise!«

Mit dem Nachtglase erkenne ich ein mächtiges, altes Tier — keine vierhundert Meter vor dem Bug des Kreuzers hopst es auf dem weißen Sande auf und ab, dazwischen macht ein kleines, halb ausgewachsenes, seine Sprünge. Sie jagen im Kreise mit einer bei ihrem riesenhaft plumpen Körperbau in Erstaunen setzenden Gewandtheit und Schnelligkeit.

Mit einem Satz wirft sich das große Tier hin — das kleine kann seinen hopsenden Galopp nicht stoppen und purzelt darüber hinweg.

Dann beschnuppern sie sich, traben noch einmal herum und springen prustend, spritzend und schnaubend ins Wasser.

Eine Minute lang sieht man nur die Kreise auf der hellen Fläche, da wird im glitzernden Mondlicht erst ein kleiner schwarzer, dann ein dicker plumper Kopf sichtbar. Sie rudern beide flußauf, ab und zu gurgelnd und fauchend.

Das kleine steuert jetzt mehr nach dem Ufer zu und verschwindet im dunkeln Spiegelbild der Mangroven.

Schnaubend dreht sich das alte im Kreise und taucht unter. — —

An der Reeling haben sich mehrere Gestalten angesammelt, die nicht schlafen können, und betrachten voll Staunen dieses von Bord eines modernen Kreuzers sicher noch nie gesehene Schauspiel.

Über den Mond zieht eine lange Wolkenfahne, ihn fast ganz verhüllend. Ihr dunkler Schatten taucht Sandbank und Fluß in lastende Finsternis.

Da oben muß eine starke Brise wehen, denn mit großer Schnelligkeit segelt die Wolke weiter! Sie wird lichter und lichter, schon kann man das helle Gesicht des Mondes wie durch einen Schleier wieder erkennen. Die letzten Fetzen ziehen vorbei. — — — Das bleiche Licht fällt wieder auf die Landschaft.

Ein allgemeiner Ruf des Staunens! — Keine zehn Meter vom Fallreep erscheint eine mächtige, breite, wassersprudelnde Schnauze — — gleich folgt der riesige schwarzbraune, pferdekopfähnliche Schädel mit den wackelnden Öhrchen. Ein verwundertes Glotzen der kleinen Äuglein — ein Schnauben — — — weg ist er. —

Es ist jetzt Niedrigwasser. Spiegelnd liegt die Fläche — bewegungslos.

Lange Zeit sehen wir nichts. Plötzlich teilt sich am Rande der Sandbank das Wasser — schwarz und plump schiebt sich langsam der wuchtige Flußpferdkörper empor, dann mit einem Satz, sich schüttelnd, steht er auf den kurzen, dicken Stummelbeinchen.

Blick in die Offiziersmesse der »Königsberg« vor

Copyright Walther Dobbertin.

und nach der Vernichtung

Copyright Walther Dobbertin.

Granattrichter in der Sandbank neben dem Wrack,

Copyright Walther Dobbertin.

in denen ein Teil der Gefallenen bestattet wurde

Den klotzigen Kopf am Boden, trabt er im Kreise über den weißen Sand, wirft sich mit einem Schwung auf den Boden, wälzt sich einige Male und bleibt dann mit einem tiefen, behaglichen Grunzen auf der Seite liegen. —

»Ein riesiger Bulle!« — sagt hinter mir jemand.

Mein Vorgänger, der ebenfalls nicht schlafen konnte, ist in weißer Hose und Hemd an Deck getreten und sieht durch sein vorzügliches Nachtglas auf die Sandbank hinüber.

»Ob ich ihn schieße?« meint er.

»Das Licht ist sehr unsicher — auf jeden Fall müssen Sie auf die Bank hinüber fahren!«

»Läufer, Dingi klar!«

Das kleine Boot setzt ab und steuert schräg auf das Ufer, um sich im Schatten der Mangroven an die Sandbank heranzupirschen.

Für ein paar Minuten verschwindet es im Dunkel, dann sieht man es sich aus den Bäumen herausschieben, die kurze glitzernde Wasserfläche durchmessen, am Rande der Sandbank anlegen. —

Das Flußpferd liegt noch ruhig auf der Seite, ab und zu stampft es mit einem Hinterfuß kurz in die Luft.

Eine weiße Gestalt verläßt das Boot und schreitet gebückt über die helle Fläche.

Sie kniet nieder — keine fünfzig Meter entfernt — legt an.

Ein Wolkenschleier segelt über den Mond, lange Schatten fliegen über den Fluß.

Ein Blitz — — — ein Krach!

Deutlich hört man den Aufschlag in dem massigen Körper.

Mit einem Satz fährt das Flußpferd in die Höhe, hopst einmal auf und nieder und galoppiert dann in langen Sprüngen rund um die Sandbank.

Die Wolken sind vorüber, es wird wieder hell, lange Schlagschatten werfen Schornsteine und Masten auf das Wasser.

An allen Zielfernrohren der Geschütze stehen erwachte Schläfer und sehen zu.

Die weiße Gestalt da drüben steht auf, legt an. — Das Ziel ist unsicher — in nie gedachter Schnelligkeit springt es abwechselnd im Kreise und im Zickzack, neue Wolkenfetzen verschleiern den Mond.

Noch zweimal krachen die Schüsse — zweimal hört man den Aufklatsch der Kugel auf der brettharten Haut.

Da rast das getroffene Tier mit einer plötzlichen Kehrtwendung in das aufspritzende Wasser und verschwindet fauchend und schnaubend.

Es hat wohl drei tödliche Kugeln, aber — — es ist dem Schützen entgangen! —

Gespannt sehen wir auf die helle Wasserfläche, ob der Kopf nochmals auftaucht.

Minuten vergehen. — Eben will das Dingi abstoßen und zurückkehren, da erscheint am entgegengesetzten Rande der Sandbank wieder der mächtige Schädel — mit einem kurzen Ruck steht ein schwarzer Körper auf den Beinen, und von neuem trabt das Flußpferd auf dem weißen Sande.

Wieder kracht ein Schuß, dann noch einer. Es knickt kurz in den Hinterbeinen ein und setzt dann ruhig, als sei nichts geschehen, seine Sprünge fort, ohne auf den Gedanken zu kommen, im schützenden Strom zu verschwinden.

Da stößt das Dingi ab — in wenigen Minuten ist es an Bord.

Dem Schützen sind die Patronen ausgegangen, er holt neue.

Unbegreiflich! — — Ruhig erwartet das Flußpferd, abwechselnd hin- und herspringend, dann wieder stehen bleibend, seinen zurückkehrenden Todfeind.

Der kommt an der Sandbank an, steigt aus, da legt sich wieder eine dunkle Wolkenwand vor den Mond.

Sekundenlange Dunkelheit, dann wird es wieder heller, — da stehen Mensch und Tier keine zehn Schritt weit auseinander!

Ein Blitz, ein Knall — mit einem dumpfen Krach bricht der riesige Leib zusammen und bleibt regungslos liegen! —

Die beiden drüben binden ihn an den zunächst stehenden Mangroven fest, damit der auflaufende Fluß ihn nicht forttreibt, dann kehren sie zurück.

Es war ein mächtiger alter Flußpferdbulle, der in unglaublicher Zähigkeit erst dem aus nächster Nähe gefallenen Gehirnschuß erlegen ist.

Als großer, schwarzer Fleck liegt er jetzt da drüben auf dem weißen Flußsande.

Die Hyänen, die bis jetzt geschwiegen, beginnen wieder zu heulen — das Dröhnen der Flußpferde aus dem südlichen Nebelstreifen nimmt zu.

Die aufgescheuchten Schläfer ziehen sich wieder zurück.

Schweigend und ruhig liegt das Deck, klar scheint der Mond, gespensterhaft ragen Masten und Aufbauten.

Der Strom ist gekentert — in murmelndem Zuge gleiten die Wasser flußaufwärts.

Kleiner und kleiner wird der weiße Fleck der Sandbank um den schwarzen Körper herum.

Gleichmäßig hallen die Schritte des Bootsmaaten der Wache, — Scharen von Moskiten summen.

Der Läufer Deck nimmt die flackernde Handlaterne — er geht die Ablösung wecken.

Die Wasser haben die Sandbank jetzt vollkommen überflutet, den schwarzen Körper langsam gehoben und gedreht.

Vier dunkle, massige kurze Beine ragen aus dem im Mondlicht glitzernden Spiegel.

Verschlafen kommt die Ablösung — verschlafen, schweigend, müde ziehen die neuen Posten auf.

Von der weiten Steppe her weht jetzt der frische Frühwind. Der tiefe, ruhige Morgenschlaf der Tropen sinkt über Besatzung und Schiff.

Die Hyänen hören auf zu klagen, das Brüllen und Dröhnen dort vorn verstummt, nur noch Schnauben und tiefes Gurgeln ist einigemale zu hören. Die Dickhäuter suchen den Fluß auf.

Ein Tippu-tipp beginnt schüchtern zu flöten, halb im Schlaf — halb erwachend schluchzt ein Regenpfeifer, — zwei weiße Reiher flattern in schiefen Kurven über die schweigenden Mangrovenwipfel.


Trocken, glühend heiß liegt die Luft des Spätnachmittags noch über der »Königsberg«. Die Bootsmannsmaatenpfeifen schrillen »Klar Deck«. Die selbst gefertigten Duschen spritzen auf. Vergnügt kühlen sich unter ihnen die Leute.

Eine lange Reihe Schwarzer steht an Deck, beladen mit Bananen, Apfelsinen, Mangos. Staunend und lachend stehen sie auf dem Mitteldeck in ihrer Verwunderung über das Leben und Treiben auf dem so riesengroßen »manowari« — Kriegsschiff — hier mitten im Rufijifluß, den sie doch schon seit Jahren kennen, auf dem sie aber nur ihre schmalen schlanken Einbäume, bestenfalls eine abgetakelte Dhau gesehen.

Noch mehr wundern sie sich über die noch nie auf einem Fleck gesehene Menge von Europäern, die hier — sie können es gar nicht begreifen — richtig wie sie selbst arbeiten müssen — rudern, Deck und Geschirr reinigen und an langen Kutterläufern große Boote hochholen.

Alle Europäer, die sie bis jetzt kannten, kamen nur in Begleitung von vielen Schwarzen, ließen sich tragen, Stiefel, Kleider an- und ausziehen.


Die Sonne steht schräg am Himmel, ich rufe meine zwei schwarzen Begleiter, um mit ihnen auf die Jagd zu gehen.

Zum ersten Male liegen wir jetzt am Rande der Steppe mit ihren Busch- und Bauminseln — das Gras ist großenteils niedergebrannt, also kann ein Pirschgang Erfolg versprechen. —

Die »Königsberg« liegt keine dreißig Meter von Land ab — eine kleine Bootsfähre verbindet das Fallreep mit einem von uns angelegten Landungssteg.

Holperig und vertrocknet dehnt sich dann nach Westen zu der ebene Steppenboden aus. —

Bald verschwinden die hellbestrahlten Bordwände und Schornsteine hinter den hohen Baumgruppen des Ufers. Einige hundert Meter weit hört man noch die Geräusche und den Lärm des Bordbetriebes, die Signalpfeifen, trappelnde Schritte. Dann umfängt uns die Stille des afrikanischen Busches.

Wir biegen nach Westen zu in das hohe Gras ab, denn nach Süden windet sich ein schmaler Negerpfad, nach einem nicht sehr weit abliegenden Dorf Mitschi-gitschi zu. Wir wollen ihn vermeiden, da er jetzt häufiger begangen wird, sei es von Trägerkarawanen mit Verpflegung, Eilboten oder auch neugierigen Eingeborenen, die das deutsche Kriegsschiff hier mitten im Herz ihres Landes sehen wollen.

An einer Gruppe von Dum- und Borassuspalmen vorbei schlagen wir uns in den Busch. Hier steht noch hohes Gras. Der Steppenbrand des Vorjahres hat anscheinend dieses Dickicht nicht durchdringen können, das mit niedrigem Dornbusch und unentwirrbarem Gestrüpp verwachsen und verfilzt ist.

Schritt für Schritt dringen wir vorwärts. Wilde Tauben gurren. Eine Schar kleiner grüner Papageien flattert auf. Ein winziger, gelber Webervogel hüpft von Halm zu Halm.

Dann wird das Gras niedriger, vereinzelte Grüppchen von Aschenresten zeigen an, daß hier das Feuer durchgeprasselt sein muß. Wir kommen schneller vorwärts.

Es ist mein erster Pirschgang auf afrikanischem Boden. Eigenartig mutet der Gegensatz zwischen dem neuzeitlichen lärmenden Bordbetrieb eines gefechtsklaren Kriegsschiffes und dieser verlassenen, träumenden Urwaldstille an.

Zwei Welten — kaum einige Kilometer auseinander — und dennoch durch Entwicklungsstufen von Jahrtausenden getrennt. —

Tiefer und tiefer führt uns unser Weg. Breite Schilfstreifen wechseln wieder mit dürren, mannshohen Grashalden, dichtes Unterholz mit freistehenden Baumgruppen, aus denen je ein bis zwei stachelige Palmen herausragen.

Wild ist nicht zu sehen.

Wir folgen der tiefeingetretenen Spur eines Flußpferdes, die von der Sonne ausgetrocknet als eine Reihe von mächtigen Löchern mit harten Rändern über den ebenen Boden läuft.

Manchmal kreuzt sie sich mit anderen Spuren dieser wuchtigen Dickhäuter, oft laufen drei bis vier nebeneinander und durcheinander. Der Boden ist so zerwühlt, daß ich nur langsam vorwärts komme.

Dort vorn werden die Bäume etwas höher — die Flußpferdspuren mehren sich — sie werden zu einer breiten Straße.

Die Äste auseinanderbiegend oder mit dem Buschmesser durchhauend, stehen wir vor einem schmalen, anscheinend seichten Kreek.

Keine Liane, kein umgestürzter Baum, auf dem man hinüber könnte. — Dann müssen wir eben so hindurch!

Mein Gewehrträger zeigt auf eine breite, ziemlich tiefe Rinne im Mutt des Ufers — daneben läuft noch eine und noch eine schmälere. Weiter unten sehe ich noch mehrere. Sie alle verlieren sich unter dem Ufergebüsch.

»Mamba« meint er — »Krokodile!« »Piga« — »schießen mit der Pistole ins Wasser — dann können wir hindurch — dann gehen sie weg.«

Zwei bis drei Schuß knallen.

Wir steigen hinein, versinken bis an die Hüften in dem weichen Schlamm und waten durch das grünlich-braune Wasser hindurch.

Es ist der letzte schmale Kreek, der hier die Steppe durchschneidet. Von nun an haben wir offenes, freies Gelände vor uns.

Hier zeigen sich Wildspuren.

Ich lasse mir die Abdrücke von Wasserböcken, Ried- und Buschböcken zeigen.

Eindrücke von Warzenschweinen — hier von einem ziemlich kleinen Leoparden kreuzen unsern Weg.

Auf dem weißen feinen Flugsand, auf dem nur spärliche Grashalme wachsen, sehe ich wie in einem Bilderbuch die Tiere, die hier vorübergewechselt sind.

Da sich vor uns eine weite, freie Steppe ohne Baum und Strauch hinzieht, wenden wir uns mehr nördlich, wo hohe Bäume eine Biegung des eben verlassenen Kreeks anzeigen.

Dichtes Schilf raschelt, verdorrte Halme und Blätter knacken unter unsern Schritten.

Vor mir geht der Gewehrträger, jedesmal hoch seine nackten Beine emporhebend, um das Schilf niederzutreten.

Plötzlich stockt er — stößt einen kurzen Kehllaut der Verwunderung aus und bückt sich.

Grinsend dreht er sich um, er hält in der Hand ein großes weißes Ei — fast doppelt so groß wie ein Hühnerei, nur etwas länglicher.

»Maiai ya mamba!« — ein Krokodilsei!

Dort unten liegen noch mehrere — zwanzig bis dreißig, alle auf einem Haufen!

Es sieht in dem grünen dichten Schilf aus wie das Nest eines riesigen Osterhasen.

Auf einem alten, vertrockneten Ast klopft Musa — der Gewehrträger — ein Ei auf.

Vorsichtig öffnet er die beiden Schalen genau in der Mitte.

Mit Staunen sehe ich zwei, durch eine zarte weiße Scheidewand geteilte Hälften, in deren jeder, bräunlich und zu einer Spirale zusammengerollt ein Krokodilsembryo liegt.

Fast sieht es aus wie ein um den Finger gedrehtes Seepferdchen.

Wir markieren den Platz, um auf dem Rückweg wieder hier vorbeizukommen, schlagen einen kleinen Bogen und tauchen im hohen Gras unter, das nach einigen hundert Metern niedriger und niedriger wird, um in die busch- und baumbesetzte Steppe überzugehen.

Durch eine boskettartige Gebüschgruppe zwängen wir uns, Dornen reißen an Armen und Beinen, stachlige Blüten streifen das Gesicht.

Tief gebückt stecke ich auf der andern Seite aufatmend den Kopf ins Freie — — da stehen dicht vor mir drei von der Sonne hell beschienene, plumpe schwarze Tiere, — »pangos« — Warzenschweine, wie Musa meint.

Das größte von ihnen steht mir am nächsten. Ich kann jetzt, da es sich halb nach mir herumdreht, seine riesigen weißen Gewehre erkennen.

Langsam gehe ich kniend in den Anschlag und sehe Kimme, Korn, Blatt.

Ich freue mich aber so, schon heute — gleich beim erstenmal — auf afrikanisches Wild zum Schuß zu kommen, daß ich wieder absetze, um das Bild da vorn noch länger zu genießen. Im Bewußtsein der Sicherheit des Besitzes der Beute, die mir auf diese kurze Entfernung nicht mehr entgehen kann.

Von seltener Plumpheit der Formen — wie kann man bei einem Naturwesen von Häßlichkeit oder Unschönheit sprechen? — mit großen Warzen vorne am Kopfe, die wie zwei Kartoffeln lose hin und her baumeln, steht der große Keiler breitbeinig im niederen Gras und äugt blinzelnd in die Sonne.

Plötzlich scharrt er kurz mit den Hinterbeinen, dreht sich zweimal um sich selbst, schleudert wie einen Strahl die Erde nach allen Seiten, knickt hinten und vorn ein und bleibt, ein paarmal tiefschnaufend, liegen.

Die andern beiden Schweine schnuppern derweilen weiter auf dem Boden herum, ihre plumpen Nasen mit der hauerbewehrten Schnauze ins Gras steckend, das kleine mit senkrecht gehobenem Schwänzchen grunzend hin und her trabend. —

Wieder hebe ich die Büchse — ein scharfer Knall — der Keiler legt sich langsam auf die Seite und bleibt regungslos liegen. — Blattschuß!

Grunzend, im Schweinsgalopp, gehen die beiden andern ab.

Ein mächtiger alter Eber liegt da vor mir, schwarz, borstig, mit runzeliger Haut, den Bauch mit Erde beschmiert. Morgen wird es an Bord der »Königsberg« Schweinebraten geben!

Seine beiden Gewehre umwachsen in einem fast geschlossenen Halbkreis den Vorderteil seines Schädels und sind an der Außenkante vollkommen abgeschliffen.

Die Sonne hat sich inzwischen tiefer und tiefer gesenkt, schräg fallen ihre Strahlen durch die dampfende, über der langsam abkühlenden Erde liegenden Luft.

Ich lasse einen meiner Begleiter hier zurück, um Wache zu halten, bis von Bord geschickte Träger die Beute abholen, und mache mich mit Musa auf den Heimweg.

Wir wählen die direkte Richtung, umschreiten den nahen Busch und schieben uns gemächlich durch die dahinterliegende hohe Grassteppe.

Viel Gestrüpp, Lianen und Unterholz. Wir kommen nur langsam vorwärts. Musa muß fleißig von dem Buschmesser Gebrauch machen.

Um ihm seine Arbeit zu erleichtern, trage ich mein Gewehr selbst und trotte Schritt für Schritt hinter ihm drein.

Wir steigen in eine kleine Geländefalte nieder, mit Händen und Füßen Zweige, Äste und Schlingpflanzen auseinanderbiegend und niedertretend.

Plötzlich bleibt Musa wie angewurzelt stehen, duckt sich, dreht sich nach mir um und sagt mit entgeistertem Gesicht nach vorn zeigend:

»Simba — ein Löwe!«

Nun war es auch an mir, meine Ruhe zu verlieren. Dieser Zufall, dieses Glück — gleich am ersten Tage einen Löwen vor die Büchse zu bekommen.

»Wo?«

»Da vorn neben dem Busch, man sieht nur seine Hinterschenkel!«

Aufgeregt nehme ich mein Glas. Richtig — dort vorn sehe ich einen mächtigen, gelben Hinterschenkel und eine lange Rute, die gerade mit einem Schlage das Gras peitscht. Alles andere ist vom Busch verdeckt.

Kein Zweifel — ein Löwe!

Ich habe nur einen Gedanken: den muß ich haben!

Aber wie?

Wenn ich mich rühre, er mich windet — — ein Schritt genügt und der Busch hat ihn verschlungen. Aber so schießen? — Aufs Geratewohl? — Höchst unweidmännisch und wahrscheinlich auch gefährlich, ihm hinten eine Kugel hineinzujagen. —

Ich denke aber den Gedanken kaum zu Ende — alles gleichgültig, ich muß schießen! — Kimme, Korn, gelber Fleck.

Krach!

Ein bunter Wirbel dort vorn, — Äste fliegen, ein gelbes Etwas bäumt sich, wirft sich in die Höhe, wälzt sich. — Heiseres Gebrüll ertönt.

»Piga, piga« — er ist getroffen, ruft Musa, »aber noch nicht tot!«

Langsam gehe ich vor — nichts zu erkennen — nur ein gelbes Knäuel rast dort auf und nieder.

Ich komme näher und näher. Da zeigt sich plötzlich zwischen dem Gewirr von herumfliegenden Ästen und Gras ein braun-graues, langhaariges Fell.

Ich halte darauf — der Schuß kracht! Ein kurzes Gebrüll, dann Ruhe, nur die Rute peitscht in zuckenden Schlägen den Boden.

Jetzt habe ich ihn! — Ein Hochgefühl überkommt mich, ein namenloser Stolz — — ein Löwe! — Auf dem ersten Pirschgang den König der Tiere! Was werden die an Bord sagen!

Mit einigen Sprüngen bin ich an der Stelle, vorsichtig das entsicherte Gewehr in der Hand.

Da glotzen mich zwei wütende Augen an. Von ohnmächtigem Haß geschüttelt liegt vor mir ein riesenhafter — — Hundsaffe, ein Pavian!

Stolz, Hochgefühl, Siegerbewußtsein stürzen mit einem Krach zusammen!

Der König der Tiere — — ein Affe!!

Allerdings ein so selten großer, daß unser beider Irrtum wohl verständlich ist.

Ein schneller Fangschuß erlöst ihn von seinen Schmerzen. Um wenigstens meinen Fehlschuß zu entschuldigen, nehme ich als Beute den menschenkopfgroßen Schädel mit den beiden mächtigen Hauzähnen mit.

Etwas kleinlaut treten wir den Rückmarsch an. — —

Es ist kühler geworden! Die Strahlen der afrikanischen Januarsonne fahren noch in feurigen Blitzen über das Himmelsgewölbe, tauchen alles in rotes Licht, haben aber keine Gewalt mehr.

Schnell durch den raschelnden Busch schreitend, eilen wir nach Hause. —

Schweigend liegt die Wildnis da, nur das Rucksen und Gurren einer wilden Taube ertönt in kurzen Abständen. Ein aufgestörtes Volk Perlhühner durchflattert schwirrend die Wipfel. —

Plötzlich ein anderer Laut! Ganz da vorn schrillt eine Pfeife! — S. M. S. »Königsberg«! — Die Bootsmannsmaatenpfeife ruft zur Flaggenparade.

Wir treten auf eine freie Lichtung. — Karminrot beleuchtet liegt unser Kreuzer vor uns, feurige Lichter blitzen aus den Seitenfenstern und dem blanken Messing.

Es ist der letzte Gruß der untergehenden Sonne.

»Hol nieder Flagge!«

Langsam senkt sich die Kriegsflagge — — es ist Januar 1915! —

Die letzte, die noch im Ausland weht! Alle andern liegen zerschossen in den Weltmeeren.

Einsam und verlassen flattert sie hier in der afrikanischen Mangrovenwildnis.

Wie lange noch?

Schnell fallen die tiefen Schatten der Mangrovennacht auf das Rufijidelta. Schräg über dem Fockmast leuchtet das Kreuz des Südens auf.