Ras Hafun

Eine schweigende Tropennacht. — Im Norden, dort wo der nachtblaue Himmel und die schwarze Masse des Ozeans ineinander fließen, muß die Insel Sokotra liegen.

Langgestreckt von West nach Osten laufend, sieht sie wie ein abgebrochener Arm aus, mit der der gewaltige Kontinent Afrika nach dem kleineren Indien hinüber zu langen versucht. Weite Wasserwüsten trennen ihn aber von seinem Ziel. Unerreichbar fern liegt das sonnendurchglühte Reich Buddhas im Osten. Einsam und verloren, losgelöst von Afrika, dehnt sich dieser Streifen Land in der endlosen blauen Ebene des indischen Ozeans.

Selten steuert ein Schiff an seinen Küsten entlang, noch seltener stoppt es den Lauf und tritt mit seinen Bewohnern in Verbindung, die, abgeschieden von der Welt, ein Räuber-, Jäger- und Fischerdasein führen.

Die Nordküste scheint uns eine günstige Zuflucht zu bieten. In den ruhigen Wassern, geschützt vor den monsungepeitschten, von Süden anrollenden Seen, hätten wir dort unserem Begleitdampfer Somali, der uns endlich erreicht, die so nötigen Kohlen entnehmen können.

Da zeigen uns nächtliche Funksprüche, daß auch dort die Engländer auf uns lauern.

So versuchen wir denn nach Süden zu gehen, um den Äquator zu erreichen, in der Hoffnung, eine Zone der Kalmen vorzufinden, um dort Seite an Seite mit unserem treuen Gefolgsmann die Kohlen überzunehmen. —

Stunden um Stunden gegen die schwellende See dampfend, ging es nun nach Süden, aber auch Stunden um Stunden kaum ein paar Meilen vorrückend, da die Maschinenkräfte der schwachen Somali dem Druck des Monsuns, dem Strom der nach Norden gepeitschten Seen kaum Widerstand leisten können.

Auch der Rest der Kohlen beginnt bereits zu schwinden, in drei Tagen würden wir bewegungslos auf hoher See treiben, in drei Tagen würden wir aber auch nie mit dieser kriechenden Geschwindigkeit der Somali ruhigere Gewässer erreicht haben. —

Copyright Walther Dobbertin.

Die »Königsberg« verläßt am 29. Juli 1914 gefechtsklar Daressalam

Die Nordspitze der Sodainsel

Copyright Walther Dobbertin.

Kap Ras Hafun

Unguja-Sansibar

Also bleibt uns nur ein einziger Weg übrig: Wir müssen uns von unserem zu langsamen Genossen trennen, müssen mit dem letzten Rest unseres Brennstoffs an afrikanischer Küste eine geschützte Bucht zu erreichen suchen und dann dort auf die Somali warten.

Aber an der ganzen weiten Ostküste von Afrika, vom britischen Schutzgebiet bis zum Kap Guardafui, gibt es nur eine einzige solche Stelle, und das ist die Bucht, die durch das weit in die See vorragende Kap Ras Hafun gebildet wird.

Würden dort nicht auch Engländer sein? Wir wußten es nicht. Und wenn auch — es gab keinen anderen Ausweg mehr!

So steuern wir denn durch die nachtdunkle, rauschende See nach Westen. Allein — die Somali haben wir vorgestern schlingernd und stampfend im weißen Gischt verlassen.

Werden wir sie überhaupt wiedersehen?

Ihre Maschinen sind schlecht, kaum notdürftig repariert; also ist es höchst zweifelhaft, ob sie Ras Hafun überhaupt erreichen wird. Und dann — sie ist jetzt schutzlos, allein als einziger, noch fahrender deutscher Dampfer im Indischen Ozean, der von englischen Spürhunden nach allen Richtungen durchfurcht wird. Wird sie ihnen entgehen? — Und was soll werden, wenn sie verloren geht?

Was wird dann aus uns werden, die wir bewegungslos am verlassensten Teil der afrikanischen Küste verborgen warten?

Man denkt so viel, wenn man nachts — vor einer Stunde hat es Mitternacht geglast — den Kopf weit über die windgeschützte Reeling der Brücke gebeugt, halb aufmerksam, halb träumend in das nachtschwarze Dunkel und das Flimmern der Sterne blickt.

Wie ein Pferd bäumt sich der Bug, wenn ein dunkelglänzender Wellenberg unter ihm hinwegbraust, um dann mit einem schweren Rauschen tief in das Tal zu versinken. Er bäumt sich so hoch, daß die Sterne des westlichen Horizonts von ihm verdeckt werden und der Flaggenknopf des Göschstockes bis in das strahlende Lichtbild der Kasseopeia fährt. Blauschwarz liegt der weite Ozean, etwas heller wölbt sich darüber die sternenglitzernde Kuppel des Himmels.

Da bietet sich uns ein niegesehenes Schauspiel! Staunend stehe ich an der Brückennock und sehe eine Verwandlung seltenster Art vor meinen Augen vor sich gehen.

Der eben noch hellstrahlende Himmel verdunkelt sich. Die Sterne leuchten wie durch nebelhafte weiße Schleier, um allmählich ganz zu verschwinden. Wie eine ungeheuere, schwarze Glocke lastet das stockdunkle Himmelsgewölbe über uns, wuchtig, bedrückend, als wollte es alles ersticken.

Aber wie verwandelt sich da das Meer! Bis jetzt eine düster schwarze, wogende Masse, auf der man nur ab und zu schäumende, im Sternenlicht leuchtende Gischtkämme erkennen konnte, beginnt es überall zu phosphoreszieren, heller und heller zu werden, bis es allmählich die Farbe von durchsichtigem Milchglas erhalten hat.

Das Auge glaubt in niegeahnte Tiefen blicken zu können, wesenlos scheint man über ein wallendes, gläsernes Meer oder ein unendliches Schneefeld dahinzufliegen.

Staunend steht die nächtliche Schiffswache, staunend sieht sie um Mitternacht eine weißhelle See, einen sternen- und wolkenlosen, tiefschwarzen Himmel.

Scheinbar losgelöst von allen Gesetzen der Schwerkraft schwebt die dunkle »Königsberg« über die milchhellen Abgründe, deren tiefste Tiefen man zu erkennen glaubt.

Und zeigt auch die Seekarte hier Wassertiefen von vier- bis fünftausend Metern, gaukeln mir doch meine Augen vor, daß ich den sandigen Grund sehen müßte, mit seinen wehenden Algenwäldern, seinen nie erblickten, ja nie geahnten Geheimnissen!

Das Schauspiel dauerte mehrere Stunden, um dann eben so schnell zu verschwinden, wie es gekommen. Die weißen Nebel scheinen zu zerfließen, die Sterne blinken wieder durch den hellen Schleier und nehmen ihren alten Glanz an, das Milchglas des Wassers beginnt dunkler und dunkler zu werden, und in wenigen Minuten rauscht und braust die See wieder im tiefen Nachtschwarz mit weißschäumenden Wogenkämmen. —

Wir hatten allem Anschein nach einen schmalen Arm einer kalten Meeresströmung gekreuzt, die, aus den Tiefen des Ozeans an die Oberfläche gedrückt, die unmittelbar über ihr liegende Luftschicht zu Nebel verdichtet hatte.

Die aufgehende Sonne bestrahlt im Westen einen gelben Landstrich mit rötlichen, gewellten Höhenzügen: die afrikanische Küste.

Bald kann man ein vorspringendes Kap erkennen, dessen mächtige, gelbrote Sandberge grellfarben aus dem tiefen Azurblau des wogenden Ozeans hervorragen: das Kap Ras Hafun.

Langsam umsteuern wir die nördliche vorspringende Landzunge — Doppelgläser, Fernrohre und Entfernungsmeßgeräte suchen die sich ausdehnende Bucht ab. — Nichts. Kein Schiff, kein Kreuzer, keine Spur eines Lebewesens. In schwerlastender Einsamkeit dehnen sich dort Höhenzüge um Höhenzüge — kein Grün, kein Baum, kein Strauch, nur Sand — gelber, roter, der, vom Wind getrieben, die Linien dieser heißen Wüstenlandschaft sanft ineinander verfließen läßt. Ein glühender Hauch fegt ab und zu über das Schiff, wenn der Monsun, hier durch die Landmassen gehemmt, seinen frischsalzigen, starken Atem einstellt.

Das Brausen der See hat aufgehört, eine langwellige, hohe Dünung wälzt sich gleichmäßig, im Morgenlicht flimmernd, heran und mildert die stoßenden, starken Schlingerbewegungen in ein sanftes weiches Schwingen.

Am Westrand der Bucht, wegen der geringen Wassertiefe einige tausend Meter vom Land, rasselt der Anker nieder.

Die Maschinen machen Feuer aus, die Kohlen sind zu Ende, kaum können wir noch einige Tage aus Seewasser Trinkwasser kondensieren.

Da wir doch nicht fahren können, werden die Maschinen auseinandergenommen, um sie gründlich zu überholen, und so liegen wir denn bewegungslos!

Sein oder Nichtsein hängt von dem Eintreffen der Somali ab. Und dieses Eintreffen ist zweifelhaft! — Was dann, wenn sie nicht kommt? —

An Land gehen und das Schiff sprengen? — — Unmöglich!

Bis zu den nächsten Europäeransiedelungen ist es sowohl nach Norden wie nach Süden über tausend Kilometer weit.

Noch keiner Dampferbesatzung, die hier Schiffbruch gelitten, ist dies geglückt, keine hat man je wieder gesehen.

Und wie vielen schon ist das Kap Ras Hafun zum Verhängnis geworden!

Sie alle haben es — von Osten kommend, nach langen Sturmtagen im Indischen Ozean — für das Löwenkap, das Kap Guardafui gehalten, mit dem es große Ähnlichkeit hat, sie umsteuerten es und fuhren ahnungslos, frischgemut nach Westen, glaubend, den weiten Golf von Aden vor sich zu haben. In Wirklichkeit steuerten sie in die Bucht von Ras Hafun, und, ohne im Dunkel der Nacht die drohende Küste zu sehen, liefen sie in voller Fahrt auf den Strand.

Dort wurden sie ein Opfer der Eingeborenen, die dahinten in den gelbroten Bergen — kein Mensch weiß wo oder wie — hausen, wurden erschlagen oder ins Innere verschleppt.

Ein langer Absatz in dem Leitfaden für Seefahrer erzählt davon. Gar vielen ist dieses Schicksal hier geworden; eine lange Reihe von Segel- und Dampffahrzeugen nennt das Handbuch, denen diese Bucht zum Verhängnis geworden.

Diese Länder — von Mogadischu bis zum Golf von Aden — sind noch die einzigen der ganzen Welt, wo Verhältnisse herrschen wie in Zeiten früher Geschichte, im Zeitalter der Entdeckung Amerikas, der ersten Besiedelung Australiens und Neuguineas.

Und selbst wenn die schlanken hohen Somalis, die Eingeborenen dieses Landes, uns aus Achtung vor unseren Maschinengewehren nicht belästigen würden, selbst dann würde die Vernichtung unserer Besatzung nur eine Frage von Tagen sein. Wir kennen dieses Land nicht, Karten gibt es nicht — Wasser und Lebensmittel wären in Kürze ausgegangen, verdurstend, verhungernd hätten unsere Leute hier ihr Ende gefunden! Von den tausend Kilometern wären kaum hundert zurückgelegt worden.

Also — an Land gehen — unmöglich!

Weiterfahren, wenn unser Dampfer nicht kommt — unmöglich!

Warten? — Unmöglich! — Wir haben nur für einige Tage Wasser.

Um Unterstützung funken? — Unmöglich! — Auf Tausende von Meilen im Umkreis nur Feinde, die uns suchen.

Was tun? — —

Selten wird ein Kriegsschiffkommandant in einer ähnlich düsteren Lage gewesen sein! — — —


Die Mittagssonne strahlt erbarmungslos herab, die Decksplanken glühen, matt liegen die Mannschaften im spärlichen Schatten der Aufbauten.

Die Luft über den gelbsandigen Riesendünen zittert und verwischt ihre Linien. Starke Wirbelwinde treiben urplötzlich auf dem Kamm der Dünen, schwefelfarbene Säulen aus dem Boden lassen sie zerstäuben und verwehen, wie der Wasserstrahl eines Geisers plötzlich versiegt und zusammensinkt.

Die flachwellige Dünung schiebt sich unter dem Schiff wie flüssiges Öl dahin, hält es in sanften, weiten, gleichmäßigen Schwingungen. Weit im Osten, nur mit dem Glase erkennbar, jagen die monsungepeitschten Wogen des Indischen Ozeans dahin, deren spritzende Schaumkronen in der wie weißglühendes Eisen glänzenden Luft im Winde wirbelnden Schneeflocken gleichen. — —

Die Sorge um den drohenden Wassermangel läßt den Kommandanten nicht ruhen. Es muß alles versucht werden — ein Boot soll an Land fahren — es soll in den staubigen, trockenen, ausgeglühten Sanddünen nach Wasser gegraben werden.

Jeder weiß — ein vergebliches Beginnen.

Aber der Selbsterhaltungstrieb verlangt auch die unmöglichsten Möglichkeiten zu erkunden.

Als Führer des an Steuerbord in den Davids hängenden Rettungskutters bekomme ich den Auftrag, an Land zu fahren und Wasserlöcher schaufeln zu lassen.

Wir sollen uns alle gut bewaffnen. Jeder meiner Kuttergäste — einer ist stämmiger und stärker wie der andere, sollten sie doch wie geplant in Colombo und Kapstadt mit den Engländern wettrudern —, schnallt eine große Mauserpistole um. Die Gewehre werden nach der Vorschrift unter den Duchten festgebunden, die Schaufeln in die Cockpitt gelegt. Im letzten Augenblick springt noch der erste Offizier ins Boot, um sich selbst von den Verhältnissen an Land zu überzeugen.

Erst im Kutter ist die Höhe der Dünung zu erkennen. Wir fliegen von der Reeling bis zu dem grünbewachsenen Schiffsboden auf und nieder. Die Bedienungsmannschaften der Vorleine haben ihre schwere Not, das Boot in der richtigen Lage zu halten.

Alles ist fertig!

»Absetzen — Riemen bei — Ruder an!«

Im Takt klettert der Kutter die See hinan, schlingert auf der anderen Seite wieder hinunter. Zuweilen verschwinden hinter dem breiten, flachen Rücken einer langhinrollenden See sogar die Masten der langsam immer kleiner und kleiner werdenden »Königsberg«.

Trotzdem wir die Dünung mit uns haben, kommen wir nur langsam vorwärts, denn der Wind kommt uns entgegen.

Glühend heißer, feiner Flugsand setzt sich überall in Mund, Augen und Ohren fest. Mächtiger und mächtiger türmen sich vor uns die gelben Sandriesen mit ihren roten Schluchten und Steilabfällen. Nach fast einer Stunde haben wir die weißschäumende Brandung dicht vor uns, die weit an den flachen Sandufern emporleckt.

Wir spähen nach einer Landungsmöglichkeit. — Aber hier ist guter Rat teuer! Denn der Wind steht von Land, die schwere Dünung von See.

Alle Künste der Seemannschaft werden angewendet — Anker geworfen, durch Rückwärtsrudern mit dem Bug nach See zu versucht durch die Brandung zu kommen. Vergeblich! Unsere Kriegsschiffskutter sind schlechte Brandungsboote.

Von einer mächtigen heranwallenden See werden wir gefaßt, schlagen quer und werden wie ein Kinderspielzeug — der schwere zehnriemige Kutter mit seiner ganzen Besatzung — in hohem Bogen auf den Sand geworfen, daß Spanten und Planken krachen.

Gewehre, Schaufeln, Bootsausrüstung werden hier und dort an Land gespült, hier und dort klettert einer triefend und prustend ans Ufer, seine Knochen prüfend und betastend.

Hoch und trocken liegt der Kutter auf der Seite zwischen zwei Sandwellen — ein Teil seines Dollbords ist eingedrückt. —

Staunend stehe ich in dieser glühenden Wüstenlandschaft erhabenster Eintönigkeit. Wie winzige Eintagsfliegen krabbeln hilflos und unsicher die paar Menschlein in dieser gewaltigen Sandeinöde herum, dicht am Fuß von gelbroten, zum Teil steilabfallenden Riesendünen.

Ich denke an meinen Befehl, dessen Ausführung mir hier geradezu lächerlich erscheint: Wasser graben! — Hier in diesem Sandmeer, dem Wahrzeichen absolutester Trockenheit!

Aber ich lasse graben!

Schweigend greifen meine Leute zu den Schaufeln, erdrückt von der Großartigkeit dieser heißen Wüstenberge, von der Aussichtslosigkeit ihrer Mühe überzeugt.

Das Loch wird größer und größer. Schon ist es mehrere Meter tief, aber der Sand da unten ist genau so trocken, genau so heiß wie an der Oberfläche. An Feuchtigkeit, geschweige denn Wasser ist nicht zu denken.

Wir hören auf!

Da zeigt einer nach Westen, nach einem tiefen Einschnitt der sich dort im Sonnenflimmern verlierenden Wüstenberge.

»Da kommen Eingeborene!«

Eine lange, immer länger werdende Reihe schwarzer Punkte bewegt sich dort anscheinend schneller und schneller auf uns zu.

Sie haben wohl die »Königsberg« gesehen und geglaubt, ein gestrandetes Schiff vor sich zu haben — wittern Beute!

»Kutter klar!«

Schneller gesagt als getan. Der liegt hoch und trocken auf dem heißen Sand.

Mit vereinten Kräften stemmen wir ihn hinunter, schieben ihn in die Brandung. — — Ein Schwung — ein Krachen — — hoch liegt er wieder auf dem Strand!

Die schwarzen Punkte kommen näher und näher — werden zu Strichen! Nochmals mit aller Kraft — die zurücklaufende Dünung abwartend, dann hinein mit ihm in die brausende Brandung.

Wieder ein Schäumen, Brausen — der Kutter schlägt quer, kentert. —

Die schwarzen Striche kommen näher und näher — werden zu schwarzen, schlanken Menschenkörpern. — Da braust eine gelbe Sandwolke auf uns zu, mit Wucht trifft der Wind auf das Wasser, stemmt sich der Dünung entgegen — ein paar Sekunden wird sie niedergehalten — die genügen: der Kutter schwimmt.

Aber wie! Die Hälfte der Riemen fehlt, ein Teil der Bemannung ist noch außenbords, klammert sich am Dollbord fest.

Der erste Offizier hängt am Steuerruder im Wasser. Sehnige Arme helfen — alles ist geborgen, und mit sechs Riemen statt zehn beginnen wir gegen die Dünung anzukämpfen.

Die schwarzen Gestalten sind heran, haben das Ufer erreicht! — — —

Die Königsberg taucht auf, wir gehen längsseit, die Blöcke werden eingepickt — ein schrilles, anhaltendes Pfeifen. Hoch fliegt der Kutter. Wir klettern an Deck.

An Bord hat man alles mit Spannung aufs genaueste beobachtet.

An der Stelle, wo wir nach Wasser gegraben, sitzen jetzt die Eingeborenen — sie haben eine mächtige rote Fahne aufgepflanzt, in deren Mitte ein weißer Halbmond leuchtet. —

In der zitternden Luft der westlichen Wüstenberge senkt sich glühendrot, in Purpurschleier gehüllt, mit verschwimmenden Konturen die Sonne, blauviolette Schatten fallen über die gelben Sandflächen, ein wildes Durcheinander von grünblauen, karmin- und zinnoberfarbenen und tiefvioletten Lichtern, und die blauschwarze Wüstennacht hat sich hernieder gesenkt.

Die Schiffsbesatzung lehnt an der Reeling und starrt auf das wunderbare Schauspiel. Unter der Back vorne klingen die Töne eines deutschen Seemannsliedes auf.


Schwer mag diese Nacht dem Kommandanten geworden sein, dessen gleichmäßiger Schritt noch spät vom Achterdeck herüber hallt.

Er hat einen Entschluß gefaßt — eines deutschen Seemanns würdig, nur der erste Offizier wird eingeweiht:

Sollte sich unsere schwache Hoffnung auf ein Kommen der Somali, unseres Begleitdampfers, nicht erfüllen, so will er die Mannschaft retten — durch den Funken die Engländer herbeirufen, die Besatzung in die Boote gehen lassen, sich selbst und sein Schiff in die Luft sprengen. — —

Die Nacht geht vorüber und die Morgennebel heben sich. Grell bestrahlt die aufgehende Sonne die kahlen Sandflächen. Wimmelndes Leben beginnt an Bord — die langen Feuerlöschschläuche schießen hellblinkende Wasserstrahlen über das Deck, fegen Staub und Schmutz der Nacht weg. Eifrige Hände säubern Planken und Bordwände.

Da stürzt der Zahlmeister in die Messe: »Ein Kriegsschiff am Horizont!«

Alles rennt an Deck! — Ein Kriegsschiff? Dann kann es nur ein feindliches, ein englisches sein. Andere Nationen fahren hier nicht mehr zur See.

Und wir liegen hier bewegungslos — mit auseinandergenommenen Maschinen! Nicht einmal verteidigen werden wir uns können, wehrlos, aus sicherer Entfernung werden wir zusammengeschossen. Denn der Engländer wird sich mit seinen weitertragenden Geschützen hüten, in unseren Feuerbereich zu kommen!

Dutzende von Doppelgläsern, von Augenpaaren suchen den Horizont ab.

Da — hinter der östlichen Kimm ragen zwei Masten empor!

Ein Kriegsschiff? Kaum anzunehmen, denn die Masten sind kurz, stehen schräg, haben keinen Scheinwerfermarse und keine Funkenrahen.

Also ein Dampfer — ein englischer Dampfer, der nach Norden steuert. — An die Somali denkt keiner, die kann ja unmöglich schon hier sein!

Wut packt uns — könnten wir jetzt fahren, vielleicht hätten wir eine gute Prise vor uns mit Kohlen! — so hätten wir vielleicht alles, was wir zum Leben und Kriegführen nötig haben. Der Dampfer muß uns sehen! —

So müssen wir ihn schweigend vorüber fahren lassen, müssen hilflos dulden, daß er uns verrät, daß sein Funken den feindlichen Spürhunden unseren Schlupfwinkel angibt.

Der Dampfer kommt näher. Sein Schornstein taucht über die Kimm!

Eigenartig — er steuert Westkurs — in die Bucht von Ras Hafun hinein! — Was sucht er dort? Hat er Maschinenschaden?

Minuten verfließen. Seine Aufbauten werden sichtbar, sind jedoch in dem dunstigen flimmernden Morgenlicht nicht klar zu erkennen.

Sollte er hier nichts ahnend in unserer Nähe vor Anker gehen? Uns für einen Engländer halten?

»Da könnte man ja ein Boot hinüberschicken und ihn kapern,« werden Stimmen laut!

»Könnte man nicht versuchen, so schnell als möglich wenigstens eine Maschine klar zu machen und mit dem letzten Rest von Kohlen zu versuchen in seine Nähe zu kommen?« — — —

»Das ist ja die Somali!« sagt einer. — »Ausgeschlossen, sie kann frühestens morgen abend hier sein!« — —

Oder doch? Angestrengt starrt alles nach Osten. — Näher und näher hat sich der schwarze Punkt geschoben.

Da — er dreht etwas — zeigt seine Seitenansicht. — Es ist die Somali!!

Eine Entspannung geht durch alle, freudig drückt man sich die Hände. In wenigen Minuten haben wir die Skala von dumpfer Ergebung in ein unabwendbares Schicksal, von knirschender, machtloser Wut, von Hoffnung auf den Schimmer einer Rettungsmöglichkeit bis zur vollkommenen, für unmöglich gehaltenen Erfüllung aller Wünsche durchlaufen! —

Die Sonne steigt höher und höher, brennend streichen ihre Strahlen über die Wüstenberge. Im frischen Winde flattert dort auf dem gelben Sande die rote Fahne, zwei schwarze Gestalten stehen in erzener Ruhe zu Statuen erstarrt, anscheinend als Posten daneben.

Die »Somali« kommt näher und näher, Megaphonrufe werden ausgetauscht, Leinen fliegen herüber und hinüber — beide Schiffe liegen Bord an Bord festgemacht.

Ihr Kapitän hat, mit allen Verhältnissen im Indischen Ozean aufs genaueste vertraut, die schnellen nördlichen Monsunströmungen längs der Küste zu fassen gewußt und es so möglich gemacht, viel früher, als nach unserer Berechnung nur denkbar, das Kap Ras Hafun zu erreichen. —

Die Luken werden geöffnet, die Winden kreischen, die Spills klappern, Kohlenkörbe fliegen herüber — den ganzen Nachmittag, die ganze Nacht, den nächsten Tag, die nächste Nacht! Am Vormittag des dritten Tages sind wir fertig. — Selbst an Deck stehen die Kohlen zu Bergen getürmt.

Wir legen von der Somali ab. — Gegen Mittag lichtet auch die Somali die Anker. Sie steuert nach den Komoren, wo wir sie wieder treffen wollen.

Glühend heiß fegt der Wind feinen, gelben Sand über Deck, die Augen schmerzen im weißgrellen Sonnenlicht. Wie glitzernde Schleier liegt die flimmernde Luft über den gelbroten Sandbergen. Einsam flattert die rote Fahne, regungslos stehen daneben die schwarzen Gestalten. Diesmal sind sie um ihre Beute betrogen.


Wir richten den Kurs nach Osten, umsegeln das Kap und steuern nach Süden. — Nach Madagaskar! —

Brausend empfängt uns der blaue schäumende Ozean, weithin flattert vom peitschenden Monsun zerrissen unsere schwarze Rauchfahne.

Kleiner und kleiner werden die roten Wüstenberge, heller und heller die gelben Sandstreifen, greller und greller wird das Flimmern der Luft und verwischt die letzten Farbenspiele des Kaps Ras Hafun.