V.

Der Taumel, in dem Berlin seit Monaten dahingelebt, hatte seinen Höhepunkt erreicht. Der Komet stand jetzt so nahe der Erde, daß man längst keines Fernrohres mehr bedurfte, ihn zu sehen. Man erblickte ihn allerdings nur des Nachts; allein nun gesellte sich zu dem intensiven roten Licht eine Hitze, die von Tag zu Tag größer wurde. Während das fabelhafte Licht die Nerven der Menschen immer mehr erregt hatte, daß überhaupt keine Norm mehr gegeben war für den Charakter, und alle sich in einem Zustand der Raserei befanden, brachte die intensive Wärme, welche von dem neuen Kometen ausstrahlte, das Blut zum Sieden und erweckte in allen Lebewesen neue Begierden, Leidenschaften und Laster.

Und doch behauptete Romulus Futurus, daß der rote Komet noch durch einen unendlichen Raum von der Erde getrennt sei.

„Es ist eine neue Sonne!“ sagte er, „ein gewaltiger Körper, der lange Zeit hindurch, vielleicht ungezählte Jahrmillionen und abermals Jahrmillionen am Ende des Weltalls gestanden hat!“

Bald aber zeigten sich neue Rätsel. Romulus Futurus mußte zugeben, daß der rote Komet der Erde nahe genug stand, daß seine Wärme den Zwischenraum bis zur Erde längst durchmessen haben mußte. In diesem Falle aber wäre bereits jetzt die ganze Erde in Flammen aufgegangen. Vorläufig jedoch hatte das Nahen des Kometen keine andere Folge, als daß mitten im Winter die Schneemassen schmolzen, so daß die Provinzen

unter ungeheuren Ueberschwemmungen litten. In den süddeutschen Staaten z. B. wurden ganze Städte unter Wasser gesetzt. Durch Austreten des Walchensees wurde die Stadt München an einem einzigen Tage vernichtet und die riesige bayrische Hochebene verwandelte sich in einen See, in ein neues Meer.

Das waren nun Angelegenheiten, die die Berliner nicht allzusehr aufregten. Dagegen sahen sie nicht ohne große Besorgnis nach der Nord- und Ostsee; denn Ausmessungen hatten ergeben, daß auch diese bedeutend gestiegen waren.

Man kannte keinen Unterschied zwischen Tag und Nacht als den, daß die Farbe des Lichtes wechselte. Am Tage regierte noch immer noch der weißglühende Körper der Sonne. Sie sandte ihr Licht über die Stadt, ein Licht, das die Augen kaum mehr vertrugen, so daß ihr Schein eine Reihe von Erblindungen hervorrief. So sehr hatten sich die Blicke an das Glühen des roten Kometen gewöhnt. Das Auge war nämlich ganz außerordentlich empfindsam gerade für das Purpurlicht, und es gab Menschen, die viele Stunden oft mit brennenden Blicken hinaufsahen zu dem roten Kometen, indem sie sein Leuchten förmlich in sich einsogen, um schließlich davonzustürzen wie wilde Tiere, irgendeine Schandtat zu begehen. Selbstverständlich traf die Regierung in Berlin die umfassendsten Maßnahmen, um dem Ueberhandnehmen der Verbrechen zu begegnen. Da die vorhandenen Polizeibehörden nicht mehr ausreichten, so zog man neue Beamte in den Dienst.

Die erste Macht wurde nun dem Kultusminister Romulus Futurus übertragen, weil die Regierung sehr richtig von der Ueberzeugung ausging, daß das Ressort dieses Ministers sehr enge mit den öffentlichen Sitten,

dem öffentlichen Wohle und der öffentlichen Sicherheit verwandt war.

Langsam kehrten die deutschen Heere aus dem Kriege zurück. Zwar war die deutsche Flotte im Kattegatt von der Uebermacht der englischen Riesenschiffe dezimiert worden. Die deutsche Landarmee aber war in einem unaufhaltsamen Ansturm in Frankreich eingedrungen, hatte die festen Plätze mit ihren furchtbaren Geschützen fast ohne Widerstand genommen und eine Schlacht geliefert, die sowohl in ihren Einzelheiten wie in ihrem Ausgang einzig in der Geschichte dastand.

In Pean war durch den deutschen Oberbefehlshaber der Friede diktiert worden. Inzwischen hatte General Treufest durch eine ausgezeichnete Verteidigungstaktik den Angriff englischer Kriegsschiffe in Kiel und Wilhelmshaven mit großem Erfolge zurückgewiesen, so daß die englische Flotte einen Viertteil ihrer Schiffe durch gewaltige Sprengminen verlor. —

Allein — obgleich in dieser Weise die deutschen Angelegenheiten aufs beste standen — mehrten sich doch die Stimmen derer, die eine furchtbare Katastrophe vorhersagten, und wirklich lag etwas wie ängstliche Beklemmung, wie ein düsterer Bann über Berlin.

Die Siege Deutschlands hatten nämlich die Revolution, die schon verschiedene Male ihr Haupt erhoben, nicht zur Ruhe bringen können. Wohl hatten bereits dreimal durch die Straßen der Welthauptstadt die Kanonen gedonnert, und die Fackel des Bürgerkrieges war entzündet worden.

Was aber jetzt kam, übertraf alle Befürchtungen.

Die Prophezeiungen, die man an den roten Kometen geknüpft hatte, erfüllten sich.

Die Nachrichten, die aus Paris einliefen, waren grauenvoll; die französische Hauptstadt schwamm im Blute ihrer Bürger, denn auf die Niederlagen hin, die die französische Armee erlitten, war dort wieder das Standrecht der Kommune erklärt worden. In England war ein Unabhängigkeitskrieg zwischen Irland und Großbritannien ausgebrochen, in Amerika wütete schon seit Wochen ein wahnwitziger Kampf zwischen der weißen und schwarzen Rasse, der mit unerhörter Brutalität geführt wurde, und von Osten her wälzte sich die gelbe Gefahr heran.

Der Stein kam in Berlin folgendermaßen ins Rollen:

Große Feste waren angesagt worden, um den Sieg der deutschen Truppen würdig zu feiern. Diese standen noch außerhalb der deutschen Grenze, denn der Mangel an Lebensmitteln machte sich sehr bedenklich bemerkbar, so daß man es den Besiegten überließ, teilweise die Verpflegung der deutschen Truppen zu tragen.

Inzwischen erlitt die französische Volksverteidigung ihre letzten Niederlagen und der Friede sollte festgesetzt werden.

Die französischen Diplomaten wußten eigentlich nicht recht, woran sie waren, denn sie kannten weder die Stellung Amerikas, noch die speziellen Absichten Deutschlands und Englands.

Ein Mensch kannte sie, und in seiner Hand liefen die geheimnisvollen Fäden der in Aussicht genommenen europäischen Alliancen zusammen: Dieser Mann war der Bevollmächtigte des mächtigsten Staates der Erde, Amerika: John Crofton.

Er kam in das phantastisch eingerichtete gemeinsame

Wohnzimmer seines Freundes Romulus Futurus und seiner Gattin.

„Hast du etwas vor für heute abend, Romulus?“ fragte er, seine dunkel umränderten Augen zu Frau Fabia erhebend, die ihn keines Blickes würdigte. Sie ging ganz auf in der Liebe zu ihrem Gatten, und dieser erwiderte ihre Zuneigung mit noch größerer Leidenschaft, ein Umstand, der bereits seit Wochen Berlin mit witzigen Gesprächen versorgte, denn man hatte vorher nur zu genau gewußt, wie es um die Ehe des Kultusministers stand.

„Ich habe nichts vor,“ entgegnete Romulus Futurus. „Wenn meine Gattin einverstanden ist, so wollen wir eine kleine Spazierfahrt im Flugschiff unternehmen, und zwar dem roten Kometen entgegen, den ich mir gern einmal näher ansehen würde.“

Frau Fabia klatschte in die Hände.

„Das ist eine Idee, Romulus,“ sagte sie und trat ans Fenster. Dort hob sie sehnsüchtig die weißen Arme dem Riesenstern entgegen, der purpurleuchtend am Himmel stand.

„Ich fühle Sehnsucht, unstillbare Sehnsucht,“ murmelte sie, „und weiß doch nicht wonach, warum! Mir ist als müßte ich wandern, nach irgend einem Orte, der meine Bestimmung einschließt!“

John Crofton fand eine Spazierfahrt gegen den roten Kometen nicht nach seinem Geschmack.

„Man gibt heute abend den Tannhäuser,“ meinte er. „Happy Head-Divina singt die Elisabeth. Ihrer persönlichen Liebenswürdigkeit habe ich drei Plätze zu verdanken, denn die Oper ist ausverkauft, wie immer. Ich hatte sicher darauf gerechnet, daß ihr mitkommen würdet!“

Frau Fabia war eine große Musikfreundin. Sie änderte daher sofort ihren Plan und gab ihre Zustimmung, die Oper zu besuchen. Eine halbe Stunde später fuhren die beiden Herren mit der Dame in die große Oper . . .

Die Vorstellung begann pünktlich. Frau Fabia vergaß alles um sich her, während sie der Musik Richard Wagners lauschte, der im dritten Jahrtausend wieder Mode geworden war, nachdem man diese Liebhaberei Jahrhunderte begraben gehabt.

Romulus Futurus aber konnte den Blick nicht von seiner Gattin wenden. Etwas Gequältes lag in seinen Mienen, denn zu seinem eigenen Entsetzen mußte er bemerken, daß die rasende Liebe, die er für sie empfunden, immer mehr nachließ, in dem Bewußtsein, daß er wiederum nicht das gefunden hatte, was er suchte. Inzwischen verließ John Crofton die Loge und begab sich hinter die Kulissen.

Happy Head-Divina hatte gerade nichts zu tun. Sie war bezaubernd schön in dem weißen Gewande der Elisabeth, das ihrem Antlitz einen göttlichen Schimmer verlieh und ihre Gestalt wie in flüssiges Silber tauchte.

„Sie haben mich rufen lassen, Happy,“ begann John Crofton und trat in ihren Ankleideraum, der aus zwei luxeriös eingerichteten Zimmern bestand. Auf einen Wink von ihr entfernte sich schweigend die Kammerzofe und der kleine schwarze Groom.

„Ich wollte gern wieder einmal ein paar Augenblicke mit dir verplaudern,“ entgegnete die Sängerin. „Du machst dich so selten bei mir, und man spricht in unseren Kreisen davon, deine Liebe für Frau Fabia habe immer noch nicht nachgelassen!“

Sie lachte dabei spöttisch und bog den schönen Hals zurück. John Crofton entgegnete ärgerlich:

„Mag sein! Was gehen andere Leute meine Interessen an?“

„Mein Gott, man spricht darüber! Du bist doch immerhin eine interessante Figur, nachdem ganz Berlin weiß, daß Frau Fabia dich nie erhören wird!“

Er kniff die Lippen zusammen und zwischen seine Brauen grub sich eine Falte.

„Das kommt darauf an!“ murmelte er.

Die Sängerin trat auf ihn zu, schlang ihre Arme, die nach feinem Puder dufteten, um seinen Hals und flüsterte:

„Und für mich, John, hast du gar nichts mehr übrig? Liebst du mich wirklich nicht mehr? Hast du mich ganz vergessen?“

John Crofton log nicht, als er sie auf seine Knie niederzog und mit verschleierter Stimme entgegnete:

„Nein, nein! Gewiß nicht! Ich liebe dich immer noch so wie früher! Aber die Leidenschaft für Frau Fabia hat mich, ich will es nicht leugnen, ganz verwirrt. Ich liebe dich anders als jene, und es wird die Stunde kommen, wo ich wieder ganz und gar zu dir zurückkehre!“

Miß Happy Head-Divina bedeckte sein Antlitz mit glühenden Küssen, dann drückte sie auf die elektrische Klingel und befahl, Sekt zu bringen . . .

Während der Inspizient verzweifelt auf dem Gange hin und her lief, voll Befürchtung, die Sängerin möchte im nächsten Auftritt versagen, wenn sie sich während der Vorstellung einem Gelage hingab, soupierte Happy Head-Divina mit ihrem Freunde.

Sie selbst nippte nur von dem Sekt, während sie John Crofton immer von neuem einschenkte. Und der trank. In ihm war ein glühendes Feuer, das er löschen mußte. Und so goß er ein Glas nach dem andern hinunter und bemerkte nicht, wie seine schöne Freundin plötzlich aus einem kleinen Fläschchen einige Tropfen in sein Glas gleiten ließ. —

„Wie steht es denn eigentlich mit dem Friedensschluß?“ fragte sie plötzlich scheinbar gleichgültig, eine Zigarette anzündend; der Rauch ringelte sich zur Decke empor.

John Crofton, seiner Stimme kaum mehr mächtig, entgegnete:

„Der Friede steht bevor, kleine Katze! Die Franzosen werden allerdings übel abschneiden. Ja, wenn sie wüßten, daß Deutschland von Amerika vollständig im Stich gelassen wird! Wenn sie wüßten, daß Deutschland finanziell und ökonomisch durch diesen Krieg vollständig ruiniert ist, so würden sie allerdings kaum die Bedingungen eingehen, die man ihnen gemacht hat!“

„Die Sache steht also für Frankreich weit besser, als man annimmt?“ entgegnete Happy Head-Divina hastig, indem sie ihrem Freunde von neuem das Sektglas füllte. Der Inhalt sah diesmal etwas trüber aus als sonst. —

„So ist es! Auch Englands Chancen sind weit größer, als die Briten annehmen!“

„Und du kennst bereits alle näheren Pläne?“

Er lachte.

„Ich habe die Entwürfe in meiner Tasche, göttliche Happy! Sprach ich doch erst heute in langer Audienz mit dem deutschen Minister des Auswärtigen! Ja, wenn man es so nimmt — das Schicksal Frankreichs liegt

jetzt eigentlich ebenso in meiner Hand wie das der Briten!“

Er sah nicht, daß die Augen der Sängerin sich geweitet hatten. Sah nicht, daß sie ihn mit den Blicken förmlich verschlang! Er setzte das Sektglas an die Lippen und trank es aus auf einen einzigen Zug . . .

Miß Happy begann ein anderes Thema. Sie sprach von dem und jenem, bis John Crofton sich endlich erheben wollte. Aber es ging nicht. Seine Glieder waren wie Blei, sein Atem ging schwer, und so krampfhaft er auch die Augen zu öffnen versuchte, ebenso unwiderstehlich fielen sie ihm zu.

„Also du trägst die Entwürfe bei dir!“ meinte Miß Happy plötzlich, indem sie wieder auf das alte Thema zurückkam. Mit einem Blick, in dem sich nicht die geringste Teilnahme spiegelte, der so kalt war wie Eis, beobachtete sie die vergeblichen Anstrengungen ihres Freundes, der Betäubung zu entgehen.

Die Worte der Sängerin drangen wie aus weiter Ferne an sein Ohr. Ohne bei klarer Besinnung zu sein, entgegnete er dumpf:

„Ja, ja, so ist es! Aber ich möchte mich jetzt — ich möchte mich — entfern —“

Er konnte das Wort nicht aussprechen. Die Hände, die sich gegen einen Stuhl gestützt hatten, fielen schlaff herab, und John sank in das große Eisbärenfell.

In diesem Augenblick tönte hastiges Klopfen an der Tür. Der Inspizient steckte den Kopf herein und rief:

„Schnell, es ist die höchste Zeit, Miß Head-Divina! Ihr Stichwort fällt in einer Minute!“

Sie nickte lächelnd und drückte auf eine zweite Klingel. Augenblicklich stürzte der Groom herbei.

„Laufe in die Kanzlei, mein Junge, und benachrichtige Dr. Diabel, der sich zufällig dort aufhält. Sage ihm, er möchte auf der Stelle kommen. Sir Crofton wurde von einem Unwohlsein befallen und liegt in meiner Garderobe.“

Dann ging sie hinaus, betrat im nächsten Augenblick die Bühne und sang ihre Partie mit so bezaubernden Wohlklang, mit solcher Kraft und Frische, daß mitten in die Szene hinein ein Beifallssturm des Publikums brauste. — —

Der Groom hatte inzwischen den Befehl der Herrin ausgerichtet. Er traf Dr. Diabel tatsächlich in der Kanzlei, wo er mit dem Direktor des Theaters gerade eine Unterredung hatte, und führte ihn, der bei der Nachricht nicht sonderlich erstaunt gewesen war, in die Garderobe seiner Herrin.

Dr. Diabel trat ein.

„Du kannst gehen,“ wandte er sich an den Groom. „Laß mich allein!“

Der Schwarze kreuzte die Arme über der Brust, verneigte sich und verließ die Garderobe.

Dr. Diabel war allein mit dem bewußtlosen John Crofton, dessen Antlitz gelb war wie die Schale einer Zitrone. Das Gesicht des Arztes erschien in diesem Augenblick noch unsympathischer, als es sonst schon wirkte. Die bleichen Züge waren förmlich durchsichtig geworden; die großen, dunklen Augen lagen tief in den Höhlen, und schwarze Schatten ringelten sich um seine Schläfen, während das Gesicht ganz zurücktrat in den spitz zulaufenden Rahmen des Bartes.

Dr. Diabel drehte zunächst das elektrische Licht aus, daß durch den Reflektor, der an der Decke angebracht war, nur mehr das Purpurlicht des roten

Kometen Zutritt in das Zimmer hatte. Dann schritt er auf den Tisch zu und goß das Glas John Croftons aus, in dem sich der Rest des Betäubungsmittels befand, das die Schauspielerin ihm gereicht hatte. Darauf riß er den Bewußtlosen brutal in die Höhe, warf ihn über einen Sessel, daß auf der einen Seite die Füße, auf der anderen der Kopf und die Schultern hinabhingen, und durchsuchte in fiebernder Eile seine Taschen.

Endlich schien er das Richtige gefunden zu haben. Im Scheine des roten Lichts entfaltete er ein Dokument, das eine Reihe von Korrekturen aufwies und teils in Hand-, teils in Maschinenschrift ausgefertigt war. Er ließ das Dokument in der Brusttasche verschwinden und goß dann auf einen kleinen Löffel einige Tropfen aus einem Fläschchen, das er in der Westentasche getragen hatte. Diese Flüssigkeit ließ er zwischen die Zähne des Bewußtlosen gleiten. Es dauerte keine drei Minuten, da schlug John Crofton die Augen auf und sah sich mit einem müden Blicke um.

Sein Auge fiel auf Dr. Diabel.

„Wo bin ich? Was ist geschehen?“ fragte er hastig, indem er sich aufrichtete. Dr. Diabel mußte ihn aber halten, sonst wäre er zu Boden gestürzt.

„Sie leiden an Schwindelanfällen, mein Freund,“ meinte der Arzt. „Ich wurde eben gerufen, denn Sie sind in der Garderobe unserer göttlichen Happy bewußtlos zusammengestürzt!“

Bei diesen Worten kehrte John Crofton die Erinnerung zurück. Er begriff, was geschehen war, glättete seinen Frack und reichte Dr. Diabel die Hand.

„Ich danke Ihnen!“ flüsterte er. „Ich werde mich bei Miß Head-Divina noch persönlich entschuldigen.“

Und er eilte hinaus in die Loge seines Freundes Romulus Futurus, dem er in wenigen Worten sein Abenteuer erzählte, um sich wegen seines langen Ausbleibens zu entschuldigen.

Gleichzeitig fiel der große Vorhang auf der Bühne, denn die Oper war zu Ende.

Romulus Futurus hatte kein Wort auf die Erzählung seines Freundes erwidert. Als sie in seiner Wohnung angelangt waren und Frau Fabia sich zurückgezogen, sagte der Kultusminister:

„Sieh einmal nach, John, ob du den Entwurf der Alliance-Pläne noch in deiner Tasche hast!“

John Crofton erbleichte. Ja, er zitterte wie Espenlaub im Winde, so furchtbar hatte ihn die Möglichkeit getroffen, die Romulus Futurus andeutete. Hing doch nicht nur seine Stellung und seine Zukunft, sondern sogar seine Freiheit von diesem Schriftstück ab. Die amerikanischen Zeitungen pflegten kurzen Prozeß mit ihren auswärtigen Vertretern zu machen, wenn diese sich ein Vergehen zuschulden kommen ließen. Sie wurden ganz einfach entlassen und nie wieder eingestellt; da sämtliche Zeitungen Amerikas einen großen Ring bildeten und eigentlich nur mehr ein Trust waren, so konnte der betreffende Journalist nie wieder hoffen, in irgend einem amerikanischen Blatte Unterschlupf zu finden.

Die Regierung aber pflegte Leute, die ihre Interessen im Auslande nicht genügend gewahrt hatten, obendrein noch auf einige Jahre ins Gefängnis zu schicken. Wenn nun John Crofton gar das wichtigste Dokument, das einem Vertreter seit Jahrzehnten anvertraut gewesen war, preisgegeben hatte,

so wäre sein Schicksal wahrlich ein wenig beneidenswertes gewesen.

Darum war er so furchtbar erschrocken und kramte nun fieberhaft in allen Taschen. Sein Gesicht überzog eine wächserne Farbe.

Romulus Futurus hatte die Brauen in die Höhe gezogen und sah ihm schweigend zu.

„Du bist sicher, John, daß du den Entwurf bei dir gehabt hast, nicht wahr?“

„Aber ja! Ganz gewiß! Ich habe mit dir doch noch in der Loge davon gesprochen!“

„So hat man ihn dir gestohlen, wie ich sofort vermutet habe! Ich kenne deine Natur, John! Dein plötzliches Unwohlsein ist verdächtig!“

Nun fielen auch John Crofton alle Einzelheiten mit klarer Deutlichkeit wieder ein und der Verdacht, daß er das Opfer eines schändlichen Komplotts geworden sei, stieg in ihm auf. Er erinnerte sich, daß Dr. Diabel der letzte war, der ihn untersucht hatte. Rasend vor Wut, ergriff er Hut und Mantel und beschloß, sofort zu ihm zu eilen und ihn zur Rechenschaft zu ziehen.

Aber Romulus Futurus hielt ihn zurück.

„Das ist eine öffentliche Angelegenheit, mein Freund!“ sagte er ruhig. „Ich werde Dr. Diabel verhaften lassen!“

Damit begab sich der Kultusminister ans Telephon und setzte sich mit der Polizeizentrale in Verbindung. Dort erfuhr er, daß Dr. Diabel gerade am Krankenbett der Fürstin Angelika weile, die bereits seit Wochen an einer schweren Krankheit daniederlag. Romulus Futurus gab den Auftrag, den Leibarzt der Fürstin und des Regenten in Haft zu nehmen.

Sein Einfluß war so groß, daß die Polizeibehörde

nicht den geringsten Widerspruch wagte, und eine halbe Stunde später befand sich Dr. Diabel in dem großen Untersuchungsgefängnis am Spittelmarkt.

Der Untersuchungsrichter ließ den berühmten Arzt, der eine große Rolle in der Gesellschaft spielte, nach Mitternacht noch vorführen und unterzog ihn einem langen, eingehenden und scharfen Verhör. Jedes einzelne Wort, das der Untersuchungsrichter sprach, jede Antwort, die der Gefangene gab, wurde von einem Phonographen selbsttätig aufgenommen und durch einen eigenen Stift auf ein Blatt Papier übertragen. So war jedes Protokoll überflüssig, und der Gefangene konnte sich nie mehr beklagen, daß seine Antworten von dem Untersuchungsrichter falsch aufgefaßt worden seien und sich mit dem Protokoll nicht deckten.

Bereits um vier Uhr morgens überbrachte ein Bote das Protokoll. John Crofton rang verzweifelt die Hände, als er es gelesen.

„Ich bin verloren! Verloren, Romulus!“ rief er. „Dr. Diabel leugnet hartnäckig und weder die körperliche, noch die Hausdurchsuchung hat irgend etwas ergeben, was zu seinen Ungunsten gesprochen hätte!“

Inzwischen hatte Romulus Futurus auch bei der Schauspielerin eine Haussuchung vornehmen lassen, aber auch dort war der Vertrag nicht gefunden worden. Die Situation war ernst, denn wenn es inzwischen gelang, den Inhalt des Vertrages auf elektrischem Wege nach Paris und London zu übermitteln, so befand sich Deutschland in einer sehr schwierigen Situation und John Crofton konnte darauf rechnen, als Verräter nach Amerika zurückgeschickt zu werden. Vor diesem Schicksal hätte ihn auch Romulus Futurus nicht bewahren können.

Der Kultusminister gab also Befehl, daß alle elektrischen Stationen gesperrt würden und drei Tage lang unter persönlicher Kontrolle des Ministers ständen.

Aber John Crofton war dadurch nicht mehr getröstet. Er begriff sehr wohl, daß, wenn wirklich Dr. Diabel den Vertrag besaß, er oder seine Helfershelfer schon Mittel und Wege finden würden, ihn nach Paris zu übermitteln. Daß Miß Happy Head-Divina die Komplicin des Doktor Diabel war, wollte John Crofton nicht glauben.

Auf alle Fälle leugneten beide standhaft.

So vergingen kostbare Stunden, und das Schicksal John Croftons schien besiegelt.

Er, der gegen seinen Freund so schmählich gehandelt hatte, scheute sich nicht, ihn jetzt beinahe auf den Knien zu bitten, alles zu tun, um ihn zu retten.

Romulus Futurus verlor keinen Augenblick seine Sicherheit.

„In einer Stunde werden wir wissen, wer den Vertrag gestohlen hat und wo er sich befindet!“ sagte er ruhig.

John Crofton hob den Kopf.

„Wie willst du das machen? Es gibt keine Folter mehr, durch die du Dr. Diabel sein Geheimnis entreißen könntest!“

„Ich brauche keine Folter! Merke dir, mein Freund: von jetzt ab wird es keinen Verbrecher mehr auf Erden geben, der imstande ist, zu leugnen. Von jetzt ab werden alle Untersuchungsrichter der Welt überflüssig sein, es wird keine Ungerechtigkeit mehr geben und jedes Verbrechen wird nach seinen Ursachen, nicht nach seinen Wirkungen bestraft werden!“

„Ich verstehe dich nicht!“ entgegnete John Crofton.

Romulus Futurus aber befahl seinem Diener, den photographischen Apparat in sein Coupé zu bringen, fuhr mit John Crofton in das Untersuchungsgefängnis.

Die Zelle, in der man Dr. Diabel untergebracht hatte, war groß und geräumig und besaß zwei Fenster: eines, das auf die Straße zeigte, und eines, das einen andern kleinen Raum von seiner Zelle abschloß.

Hier hinein traten John Crofton und Romulus Futurus. Letzterer stellte dort seinen photographischen Apparat auf und schob die empfindliche „Lumen“-Platte ein.

Dann setzte er den Verschluß in Tätigkeit.

Der Gelehrte hatte nämlich in den letzten Wochen seine Erfindung noch vervollständigt, und zwar in einer Weise, die niemand ahnte und die ohne Zweifel einschneidend in das Rechts- und Kulturleben aller Völker wirken mußte.

Nachdem er sich überzeugt, daß die „Lumen“-Platte die menschlichen Physiognomien so photographierte, wie sie waren, und nicht, wie sie schienen, hatte er seinen Apparat kinematographisch eingerichtet und so vervollständigt, daß er in einer Sekunde mindestens zwanzig Aufnahmen bewerkstelligte. Auf diese Weise war die „Lumen“-Platte noch zwanzigmal verfeinert worden, denn die menschlichen Physiognomien zeigten sich jetzt nicht nur in einem bestimmten Augenblick, wie sie waren, sondern sie zeigten sich in diesem Augenblick zwanzigmal vervielfältigt, in ihren geheimsten Regungen, und damit war eine tatsächliche Gedankenphotographie geschaffen worden. Man brauchte sich nur wenig Mühe zu geben, nur die einzelnen Mienenbewegungen zu studieren. Romulus Futurus hatte hierfür

bereits einen Schlüssel entworfen, denn auch die Bewegungen des menschlichen Gesichts sind bestimmten Gesetzen unterworfen. Es gibt eben auch da nur eine bestimmte Anzahl von Veränderungen, von denen jede einen bestimmten Gedanken ausprägt.

Nachdem also Romulus Futurus seinen Apparat in Bewegung gesetzt, trat er mit John Crofton in die Zelle des Dr. Diabel ein; der hatte selbstverständlich die Vorbereitungen beobachtet, welche gemacht worden waren, und sah so deutlich den Apparat, dessen weißes Auge vom Fenster auf ihn gerichtet war.

Er lachte, als die beiden Männer eintraten.

„Ihr werdet euch täuschen,“ dachte er: „Von mir werdet ihr nichts erfahren!“ Zu gleicher Zeit überlegte er sich, daß er nun auf keinen Fall an Miß Happy Head-Divina denken durfte, denn die Eigenschaften der „Lumen“-Platte waren ihm natürlich längst bekannt.

„Ich werde weder an Miß Happy denken, noch daran, daß der Vertrag sich in ihren Händen befindet und daß sie ihn unter dem Sitzleder eines Plüschsessels in ihrem Saale verborgen hält,“ dachte er. Und wirklich gab er seinen Gedanken eine ganz andere Richtung, als die beiden Männer eingetreten waren und Romulus Futurus, in seiner Eigenschaft als oberster Polizeibeamter, ihn einem eingehenden Verhör unterzog.

Dieses verlief ebenso ergebnislos wie das durch den Untersuchungsrichter vorgenommene, und Romulus verließ mit seinem Freunde Crofton die Zelle, während ein geheimnisvolles Lächeln auf den Lippen des großen Menschenkenners lag.

Hinter ihnen gellte das Lachen des Dr. Diabel.

„Ihr werdet euch täuschen,“ dachte der Arzt. „Ihr werdet euch täuschen! Ich habe weder an Miß Happy

noch an die Pläne, noch an alles andere gedacht, und deine Maschine, Romulus Futurus, wird nichts wissen!“

Romulus Futurus nahm ruhig die „Lumen“-Platte aus dem Apparat, nachdem er diesen abgestellt hatte, und fuhr mit John Crofton nach Hause.

Aber ungeahnte Hindernisse stellten sich den beiden Männern in den Weg. Sie brauchten nicht weniger als sieben Stunden, um in ihre Wohnung zurückzugelangen. Inzwischen war es wieder Nacht geworden, denn die Tage wurden immer kürzer und dauerten seit einiger Zeit nur noch sieben Stunden.

In den Straßen nämlich sammelten sich ungeheure Menschenmengen. Das Volk, das zusammenlief, mit elektrischen Gewehren bewaffnet, wußte eigentlich nicht, was es wollte. Man war unzufrieden mit dem System, mit der Regierung, mit allem. —

Aber man wußte nicht, warum. — —

Man hatte im Laufe der Jahrhunderte gelernt, daß Revolutionen nichts ändern, daß alles seinen gleichen Gang weiter geht und daß immer dasselbe kommt und niemals etwas anderes.

Und doch wollte das Volk die Revolution, aufgestachelt durch das rotglühende Licht des Kometen, dessen entsetzliches Antlitz sich förmlich hohnlachend über die Erde neigte.

Blut — hieß die Losung! Blut wollten sie alle! Blut sollte fließen!

Und da die Volksmassen sich selbst nicht morden wollten, so richteten sie ihr Augenmerk auf die, welche der Pöbel immer haßt, auf die Reichen, auf die Regierenden.

Hätten sich Romulus Futurus und John Crofton nicht in ein Flugcoupé gerettet, so wären sie beide

verloren gewesen, denn alle elektrischen Coupés auf den Straßen wurden angehalten, zertrümmert und die Insassen ermordet.

Der Augenblick für das Losbrechen der Revolution war günstig gewählt worden, denn das Militär war noch nicht da und die Truppen, die sich in Berlin befanden, reichten nicht hin, die Aufständischen zu zügeln, die mit jeder Minute zahlreicher wurden.

Der im Jahre 1908 gebaute Eispalast war als Standquartier der Revolutionäre eingerichtet worden. Dort weilten die Anführer, unter denen sich einer befand, der ganz besonderes Ansehen genoß: Peter Cornelius, der Student.

Endlich aber gelang es Romulus Futurus doch, in seine Wohnung zu kommen. Er entwickelte sofort die Platte und ließ die Photographien kinematographenartig ablaufen.

John Crofton beobachtete staunend die Maßnahmen seines Freundes, und zum ersten Male begriff er ganz und gar dessen gigantische Größe, die fabelhaften Vorteile, die diese Erfindung der deutschen Nation sicherte.

Folgendes erfuhr Romulus Futurus aus dem Apparat:

„Ihr werdet euch täuschen! Von mir werdet ihr nichts erfahren! Ich werde weder an Miß Happy Head-Divina denken, noch daran, daß sich der Vertrag in ihren Händen befindet und daß sie ihn unter dem Sitzleder eines Plüschsessels in ihrem Salon verborgen hält! Ihr werdet euch täuschen! Ich habe weder an Miß Happy, noch an die Pläne, noch an alles andere gedacht, und deine Maschine, Romulus Futurus, wird nichts wissen!“

„Nun wissen wir ja alles, was wir wissen wollten!“

sagte Romulus Futurus lächelnd, drückte auf eine elektrische Klingel und setzte sich wieder mit der Polizeizentrale in Verbindung.

„Die Schauspielerin Miß Happy Head-Divina ist zu verhaften!“ befahl er. Gleichzeitig gab er Auftrag, daß ein hoher Polizeibeamter sich in die Wohnung der Schauspielerin begeben sollte, um das Dokument in Besitz zu nehmen und es John Crofton zurückzugeben. Inzwischen war Frau Fabia, erschreckt durch das lange Ausbleiben ihres Gatten, in das Turmzimmer der Sternwarte gekommen. Sie warf zufällig einen Blick auf die vielen Photographien, die in kurzer Zeit von Dr. Diabel aufgenommen worden waren. Kaum aber hatte sie hingesehen, da stieß sie einen wahnsinnigen Entsetzensschrei aus.

„Er ist es!“ rief sie. „Er ist ein Verbrecher! Er hat mich getötet!“ Dann sank sie in Ohnmacht.

John Crofton und Romulus Futurus sahen sich entsetzt an.

„Was bedeutet das?“ fragte John Crofton.

„Wir werden es wohl bald erfahren,“ sagte Romulus Futurus nachdenklich.