II.
Ich ging so, und indem ich so meines Weges zog, begegnete mir ein Hund, und ich schenkte dem guten Tier alle sorgfältige Beachtung, indem ich es ziemlich lange anschaute. Bin ich nicht ein törichter Mensch? Ist es denn etwa nicht töricht, eines Hundes wegen sich auf der Straße aufzuhalten und kostbare Zeit zu verlieren? Aber indem ich so ging, hatte ich ganz und gar nicht das Gefühl, daß die Zeit kostbar sei, und so ging ich denn nach einiger Zeit gemächlich weiter. Ich dachte: »Wie ist es doch heute heiß,« und es war in der Tat recht warmes Wetter.
Herbstnachmittag
Ich erinnere mich, einen schönen Nachmittag gehabt zu haben. Ich ging über das Land, einen gemütlichen Zigarrenstumpen im Munde. Sonne strahlte über die grüne Gegend. Im Felde arbeiteten Männer, Kinder und Frauen, der goldene Kanal floß mir zur linken Seite, und zur rechten hatte ich die Äcker vor den Augen. Schlendrig ging ich weiter. Ein Bäckerwagen sprengte an mir vorüber. Sonderbar ist es, daß ich mich auf jede Einzelheit wie auf eine Kostbarkeit so deutlich besinne. Es muß eine große Kraft in meinem Gedächtnisse sein, ich bin froh darüber. Erinnerungen sind Leben. So kam ich denn an manchem stattlich-heiteren und behäbigen Bauernhaus vorbei, die Bäuerin beschwichtigte wohl etwa den Hund, der im Sinne hatte, den Fußgänger und fremden Mann anzubellen. Reizend ist es, still und gemächlich übers Land zu gehen und von ernsten, starken Bäuerinnen freundlich gegrüßt zu werden. Ein solcher Gruß tut wohl wie der Gedanke an die Unvergänglichkeit. Es öffnet sich ein Himmel, wenn Menschen freundlich miteinander sind. Die Nachmittags- und jetzt bald Abendsonne streute flüssiges Liebes- und Phantasiegold über die Straße und machte sie rötlich zünden. Es war auf allem ein Hauch von Violett, aber eben nur ein zarter, kaum sichtbarer Hauch. Hauch ist nichts Fingerdickes zum Greifen, sondern tastet und schwebt nur über dem sichtbaren und unsichtbaren Ganzen als ahnungsvoller Schimmer, als Ton, als Gefühl. Ich kam an einem Wirtshaus vorbei, ohne einzukehren; ich dachte das später zu tun. Im Behaglichkeitstempo schritt ich weiter, ähnlich etwa wie ein sanfter, milder Pfarrer oder Lehrer oder Bote. Manch ein Menschenauge guckte mich neugierig an, um zu enträtseln, wer ich sein könnte. Da wurde es im wunderbaren tönenden Lande immer schöner. Jeder Schritt leitete in andere Schönheit hinein. Mir war es, wie wenn ich dichtete, träumte, phantasierte. Ein blasses, schönes, dunkeläugiges Bauernmädchen, dessen Gesicht von der süßen Sonne überhaucht war, schaute mich mit dem glänzend-schwarzen Zauber ihrer Augen fragend an und sagte mir guten Abend. Ich erwiderte den Gruß und zog weiter, zu Bäumen hin, die voller roter, goldener Paradiesesfrüchte hingen. Wundersam leuchteten die schönen Äpfel in der Abendsonne durch das dunkele Grün der Blätter, und über alle grünen Wiesen tönte ein warmes, heiteres Glockentönen. Prächtige Kühe von brauner, weißer und schwarzer Farbe lagen und standen, zu anmutigen Gruppen vereinigt, über die saftigen Wiesen verstreut, die sich bis zum silbernen Kanal hinab erstreckten. Ich hatte nicht Augen genug, um anzuschauen, was es alles anzuschauen gab, und nicht Ohr genug, um auf alles zu horchen. Schauen und Horchen verbanden sich zu einem einzigen Genuß, die ganze weite grüne und goldene Landschaft tönte, die Glocken, der Tannenwald, die Tiere und die Menschen. Es war wie ein Gemälde, von einem Meister hingezaubert. Der Buchenwald war braun und gelb; Grün und Gelb und Rot und Blau musizierten. Die Farben ergossen sich in die Töne, und die Töne spielten mit den göttlich schönen Farben wie Freunde mit süßen Freundinnen, wie Götter mit Göttern. Nur langsam ging ich unter dem Himmelblau und zwischen dem Grün und Braun vorwärts, und langsam wurde es dunkel. Mehrere Hüterbuben kamen auf mich zu, sie wollten wissen, wie spät es sei. Später, im Dorf, kam ich am alten, großen, ehrwürdigen Pfarrhaus vorbei. Jemand sang und spielte drinnen im Haus. Es waren herrliche Töne, wenigstens bildete ich es mir ein. Wie leicht ist es, auf einem stillen Abendspaziergang sich Schönes einzubilden. Eine Stunde später war es Nacht, der Himmel glänzte schwarz. Mond und Sterne traten hervor.
Der Felsen
Sommerabend war's. Die Luft war mild. Ein lindes, leises Lüftchen wehte über den Felsen, auf welchem der weiße Pavillon steht. Er gleicht einem kleinen griechischen Tempel, und man kann ihn schon aus weiter Ferne sehen, wie er so schlank aus dem grünen Gebüsch hervorragt. Der Felsen erhebt sich steil über dem Rand unseres Sees. Nur schmale Fußpfade führen über ihn, und daher muß man sorgsam auf die Schritte achtgeben. Heute am schönen Sommerabend standen allerlei stille Leute, Männer wie Frauen, am Geländer beim Pavillon und schauten in die farbige abendliche Tiefe hinunter, wo der See in seinem Glanze lag, von der Wärme und von den Abendwinden umstreichelt. Das Wasser glich einem süßen Spiegel an sanfter schimmernder Unbeweglichkeit, und die da hinabschauten, vermochten mit den Augen kaum aufmerksam und innig genug zu schauen und sich in das schöne große Bild zu versenken. Das warme grüne Ufer hielt den silbernen, goldenen Abendsee wie mit zarten, liebenden Mutterhänden und -armen umschlossen, als sei das Ufer die zärtliche, wachsame Mutter und der See, der einem Traum an Schönheit glich, das unschuldige Kind, an Süße und an Liebreiz mit nichts als allein nur mit ihm selbst zu vergleichen. Alles so weit, still und warm. Der leise Wind wehte aus unbestimmbarer Ferne wie schüchtern daher; er schien sich leise zu freuen über sich selber, er schien kaum recht zu wagen, daherzustreichen, er war wie ein Kind, das sich die zarte, zaghafte Frage vorlegt: »Darf ich wohl, oder darf ich nicht?« Ein Zagen, ein Zittern, ein Schweben, ein Liebkosen, und zugleich alles so groß und so klein, so fern und so nah. Unbeschreiblich und unfaßbar schön war es, wie das Dunkel nach und nach zunahm und die Tageshelle sich in dem dunklen Golde verlor. Wie ein Gedanke sich verliert in einen anderen, schwand der reiche, stolze Sommertag dahin. Zweierlei Gemälde kämpften miteinander. Ich schlug mich durch das dunkelgrüne Eichengebüsch, das im Abendlichte goldig schwamm, und kam zu einer Gruppe anmutig lagernder junger Burschen, von denen einer sagte: »Es ist ein milder Abend heute.« Aus dem See heraus klangen Stimmen und Liedertöne, und dazwischen drang der Ton einer Handharfe warm und wundersam zum Felsen hinauf, von welchem aus man die Boote und Gondeln unten auf dem lieben Wasser hin und her gleiten sehen konnte. Auf einem Felsvorsprung, der ein kühnes, graziöses Lustplätzchen bildete, lagen ein Mädchen und ein Bursche eng beieinander, die sich in der Sommerabendschönheit glücklich fühlten und sich mit leisem, zweistimmigem, süßem Singen und mit Händedrücken und mit fortwährendem Einander-Anschauen die Zeit vertrieben. Ich blieb stehen, um zu lauschen, was sie sich zu sagen haben mochten. Doch sie redeten kein Wort. Ganz in ein Schauen, in ein Sein und in ein Fühlen versunken, lagen sie da, ganz nur Genuß, ganz nur Genügen und Vergnügen. Jetzt küßten sie sich, und es sah aus, als wollten sie durch die ganze liebe warme Sommernacht an dem Kusse hängen bleiben. Ich strich mich weg, tiefer in das dunkele Gestrüpp, welches mir mit seinem Laub das Gesicht berührte. Es war jetzt Nacht geworden.
Die Eisenbahnfahrt
Ich saß im Eisenbahnwagen. Es war so hell, appetitlich und still darin. Gleichsam achtungsvoll und so säuberlich stiegen die lieben einfachen Leute in den Wagen. Wer redete, der tat es ruhig und freundlich, wollte nicht prunken und auffallen damit. Einige der Männer rauchten Zigarrenstumpen. Auch ich rauchte. Ein paar junge Soldaten waren da, die sich gar nicht lärmend benahmen, vielmehr dasaßen wie artige Kinder. Sie machten aber einen durchaus soldatischen Eindruck. Die Kraft liebt zu ruhen, und die erlittene starke Anstrengung verhält sich gern still. So leis war es und ging es zu im Eisenbahnwagen. Alsbald setzte sich der Zug ganz fein und vorsichtig in Bewegung, als sage er: »Nur hübsch ruhig. Wir gelangen schon ans Ziel.« Wie schön war diese Fahrt; ich werde sie nie vergessen. Warum vergißt man dieses nie und anderes so bald? Das ist sonderbar und doch wieder leicht begreiflich. Sacht und sanft also rollte unser Wagen nun hinaus ins grüne, freie Weite. Die Welt sah so weit und doch zugleich so nah, klein und eng aus. So wunderbar hell war's. Die höheren Bergketten hatten noch Schnee; die Ebene aber duftete und grünte schon wie so recht mitten im lieblichen Frühling. Etwas Frühlingshaftes rumorte mir im Herzen. Ich war glücklich und wußte nicht warum. Am schönsten erschien's mir, zu sehen, wie friedlich alle meine Reisegenossen im Wagen saßen. Heiterkeit und ein gesunder warmer Zweck drückte sich auf ihren Gesichtern ab, und die Gesichter, wie waren sie so hübsch verschieden. Wir fuhren über eine Brücke. Manierlich baten die Bahnbeamten um die Fahrkarten. Ich hätte schwören mögen, nie so honette, brave Leute gesehen zu haben. Ich schaute immer aufmerksam aus dem Fenster, so recht der Welt, die da draußen sich weit und breit erstreckte, ins große gute Auge. Bauernhäuser und -gärten und weiße Landstraßen, Felder und grüne üppige Hügel und die lieben dunklen Wälder. Es sah alles so sauber, so wohnlich, so wohlhabend aus. Der Himmel zeigte ein schüchternes, feines Blau, und weiße Wolken zogen aus der Nähe in die Ferne und aus der Ferne in die Nähe. Es wechselte alles ab. Alles war Gleichheit, Ähnlichkeit und doch auch Abwechslung. So ist es für mich am schönsten. Ich will nicht verblüfft, sondern gern nur still immer wieder überrascht sein. Auf einer ländlichen Station stiegen Bauersleute ein, stattlich angezogen mit dem Sonntagskleid. Im Wesen und Benehmen des Bauern lag es wie kluge, einfache Feierlichkeit, und die Bäuerin war geradezu schön zu nennen durch einen Zug von Zurückhaltung, den sie höchst angenehm zur Schau trug. Weiter ging's. Artig und gedämpft lief und dampfte es vorwärts. Es war kein Rasen. Auch mit Gemächlichkeit wird ein Ziel erreicht. Grad erst recht. Ah, das war eine recht, recht schöne Eisenbahnfahrt, das! Ich will sie warm betten in die Erinnerung, daß sie mir noch oft in Gedanken vor dem Gesicht erscheinen mag.
Das Lachen
Ich habe ein himmlisches Lachen gehört, ein Kinderlachen, ein wunderbares Gelächter, ein ganz feines, silberreines. Ein göttliches Kichern war's. Ich kam gestern, Sonntag, gegen sieben Uhr heim, da hörte ich's, und ich muß hier unbedingt Bericht davon erstatten. Wie arm in ihrem Ernst und mit ihren trocken-ernsthaften Mienen sind die Erwachsenen, die Großen. Wie reich, wie groß, wie glücklich sind die Kleinen, die Kinder. Ein so volles, reiches, süßes Glück lag im Lachen der zwei Kinder, die neben einer Erwachsenen einhergingen, eine so überschwengliche, reizende Freude. Sie waren ganz Seligkeit, indem sie sich dem Lachen hingaben. Ich lief absichtlich langsam, damit ich sie recht lange lachen hören könne. Ein Genuß war's für sie, sie genossen die ganze Köstlichkeit, die in einem Lachen liegen kann. Sie konnten gar nicht aufhören mit Lachen, und ich sah, wie es sie schüttelte. Sie krümmten sich förmlich darunter. O, so rein war's, so ganz nur kindlich! Worüber sie vielleicht am unbändigsten und am lieblichsten lachten, war die strenge Miene, die das erwachsene Fräulein neben ihnen zu ziehen für nötig erachtete. Des großen Mädchens Ernst gab ihnen am meisten zu lachen. Doch endlich, von so viel liebreizender Lustigkeit hingerissen, lachte auch die Gemessene, die Ernste und die Große. Sie war besiegt von den Kindern und lachte nun wie ein Kind mit den Siegerinnen, den Kleinen. Wie sind über die Grämlichen die Glücklichen Sieger! Die zwei Kinder lachten in ihrer Unschuld über alles, über Heutiges und Gestriges, über dieses und jenes, über sich selber. Sie mußten über ihr eigenes Lachen lachen. Ihr Lachen kam ihnen immer lächerlicher, lustiger vor. Ganz deutlich fühlte und hörte ich's. Ich pries mich glücklich, daß ich das Glöckchenkonzert, das Lachkonzert anhören durfte. Die ganze Straße entlang lachten sie. Sie wollten fast umfallen, sich fast auflösen und zergehen vor Lachen. Alles an ihnen, den lieben glücklichen Kindern, lachte mit, die Köpfe, die Glieder, die Hände, Füße und Beine. Sie bestanden ganz nur noch aus Lachen. Wie schimmerte und glitzerte die Lachlust in ihren Augen! Ich glaube fast, sie mußten so gräßlich, so grausam, so anhaltend lachen über einen dummen, kleinen Jungen. So schelmisch und wieder so schön war's, so rührend und so ausgelassen. Wahrscheinlich war der Lachanlaß nur ganz geringfügig gewesen. Kinder sind eben Künstler im Erfassen eines Grundes, recht selig zu sein. Ein kleiner, leiser Vorfall mag es gewesen sein, und da machten sie eine große Geschichte daraus, hingen solch ein langes, großes, breites, üppiges Lachen daran. Kinder wissen, was sie glücklich macht.
Der Berg
Ohne dich einer Anstrengung zu unterziehen freilich gelangst du nicht hinauf auf den schönen Berg. Doch ich bilde mir ein, daß du die Arbeit des Besteigens nicht scheuen wirst. Heller, warmer, ja sogar heißer, heiterer Sommermorgen, Sommervormittag ist es, und die Welt, soweit du zu schauen vermagst, besteht aus einem Meer, aus einem Strom, aus einem Hauch von Blau und Grün. Oftmals bleibst du eine kleine Weile stehen, um Atem zu schöpfen, dir den Schweiß vom Kopf abzuwischen, und hinunter in die Tiefe zu blicken. Nun wirst du mir erlauben, zu denken, du seist oben auf dem grünen, weichen und breiten Bergrücken glücklich und freudig angekommen, wo dich auch gleich kühle, reine Bergluft umweht, die du mit Entzücken einatmest, daß dir die Brust und das Herz sich ausweiten. Göttlich schön mutet dich, lieber Freund, das Stehen auf der erstiegenen Höhe an, und du bildest dir ein, daß du im Genuß der süßen, hohen Bergesfreiheit ertrinken müssest. Ganz wie ertrunken im Meer der köstlichen Luft und im Meer des Bergsteigerglückes kommst du dir vor. Selig bist du, daß du hinabschauen kannst auf die Welt, die dir wie ein heiteres, reiches Gemälde zu Füßen liegt, die da unten liegt und tönt und duftet wie ein Lied, wie ein Gedicht, wie eine Illusion. Langsam gehst du unter Tannenästen und reizendem Buchengrün, welches dich mit seiner frischen Götterfarbe wie mit einem Kinderlächeln anlächelt, auf der Weide weiter, liegst vielleicht eine halbe oder ganze Stunde glückselig und gedankenlos am Boden; erhebst dich wieder und schreitest weiter durch all die ringsverbreitete süße, heiße Melodie von Blau und Grün. Das Grün ist so üppig und saftig, daß du meinst, es sei eine Flut, in welcher du watest, badest, schwelgst. Es ist ein Schwelgen, ein lustumschlungenes Gehen und Lustwandeln in Arkadien. Griechenland ist nicht edler und schöner, und Japan mit seinen Fürstengärten kann nicht lust- und glücküberschütteter sein. Sanft, zart und fern dringt aus der tiefen Menschenebene das Geräusch des tätigen, täglichen Lebens an dein horchendes Ohr herauf, indes deine Augen das blendend schöne und liebe Weiß der Wolke trinken, die wie ein Märchenschiff am blauen Himmel schwimmt. Süßes Girren und Brausen, Summen und Lüftelispeln, und da stehst du, unter all dem Licht, in all dem Licht, zwischen all den Farben, und schaust hinüber zu den Nachbarbergen, welche, Traumfiguren ähnlich, still und groß und gedämpft in die Luft hinaufragen, und du grüßest sie wie Freunde, du bist ihnen Freund, sie sind es dir. Du bist der Freund der ganzen Welt; ans Herz möchtest du ihr sinken, der wunderbaren Freundin. Umschlungen hält sie dich und du sie. Du verstehst sie, liebst sie und sie dich.
Schwärmerei
Ob ich mit ihr dann den Berg hinaufgehen werde? Nein, ich glaube, es wird schöner sein, ins weiche niedere Land hineinzuspazieren mit ihr. Bergsteigen und Anstrengungen überwinden kann ich, wenn ich allein bin. Mit ihr soll es ein Lustwandeln sein wie in einem angenehmen, weichen, leichten Garten. Zu überreden werde ich sie schon wissen. Sie wird schon zu verführen sein. Will ich sie verführen? Ja! Aber ich will ihr treu sein bis weit, weit hinaus. Treue und Liebe sollen kein Ende nehmen. Wie ich schwärme! Also leise übers grüne Land soll es gehen, durch die sanfte und offenherzige Gegend, an den Menschen, an den Tieren und an den lieben, heimeligen Bauernhäusern vorbei, Bäume stehen links und rechts neben dem Weg in den Wiesen, und weiße Wolken fliegen oder liegen am hellblauen Himmel. Alles ist dort grün, weiß und blau, da und dort das zarte, alte Rot eines Hausdaches, das bis an die Erde herabreicht. Alles hell, alles freundlich, alles still. Nun und so kommen wir, denke ich mir, in einen dunklen, grünen Wald, in ein rechtes Kircheninneres von Wald, wo die hohen, schlanken, zarten Tannen wie Säulen stehen, und wo es kühl ist, daß man leise schauert. Unsere Schritte sind nicht hörbar auf dem tannenreisbelegten, weichen, braunen Boden. Wie ein Sinnbild der Treue und des liebevollen Harrens ist der Wald; bald treten wir aus dem Wald wieder heraus und sehen einen grünen Wiesenhügel mit gelben, länglichen Kornplätzen. Der Wind streicht liebkosend über das Korn und macht es wogen wie Wellen. Es ist so warm, und die Farben sind so süß. Auf dem weißen Weg gehen wir langsam weiter. Jeder Schritt ist ein Erleben, und in jedem Augenblick liegt es wie ein Ereignis. Verständlich, als wenn es ein glückliches Lächeln sei, liegt das Leben da und ist das treue, schöne Land vor unseren Augen ausgebreitet. Da erkühne ich mich, bilde ich mir ein, des Mädchens zarte Hand leise, leise anzufassen, und nun weiß sie auch schon alles, alles. Die Herrliche, sie senkt die Augen, und indem sie das tut, bindet sie mich für immer, schließt sie mich für immer ein in den weichen Kerker. – Ich bin ihr Gefangener. Ich will reden, doch alle Worte, die mir einfallen, genügen mir nicht, und so schweige ich. Eine weiße und rote Rose geht neben mir, das ist sie, sie, deren dunkler, wunderbarer Wunsch nun mein Gesetz, Stern und Regierung ist. Still hat sie gewartet, bis ich käme und sie bäte, Herrscherin zu sein – – –
Oskar
Sehr früh schon fing er dieses sonderbare Treiben an, daß er auf die Seite ging und ein so ausdrückliches Gefallen am Alleinsein fand. Er erinnerte sich in späteren Jahren deutlich, daß niemand ihn auf solche Dinge aufmerksam machte. Ganz von allein kam es und war es da, das seltsame Bedürfnis, einsam und abgelegen zu sein. Ganz allein aus sich selber holte er den Gedanken, daß es schön sei, sich zu verschließen, um so wieder frische Lust zu gewinnen, und neue Sehnsucht zu empfinden, offen zu sein, und harmlos unter die Menschen zu treten. Es war eine Art Rechnung, die er machte, eine Art Aufgabe, die er sich stellte. In ein armseliges, halbzerstörtes Haus an der Bergstraße war er gezogen; hier bewohnte er ein dürftiges, kleines Zimmer, welches ausgestattet und ausstaffiert war mit einem bemerkenswerten Mangel an Mobiliar. Einheizen ließ er nicht, obgleich es Winter war. Er wollte es nicht behaglich haben. – Rauh und unwirklich und schlecht sollte es rings um ihn sein. Ausharren und etwas ertragen wollte er. Er befahl sich das. Und auch das hatte ihm niemand gesagt. Er ganz allein war auf die Idee gekommen, die ihm sagte, daß es für ihn gut sei, wenn er sich befehle, Unannehmlichkeiten und Unholdheiten freundlich und gutmütig zu ertragen. Er nahm sich wie in eine Art von hoher Schule. Er ging da, gleich einem absonderlichen, wilden Studenten, in die Hochschule. Es galt für ihn, die Beobachtung zu machen, wie weit er sich erkühnen dürfe, es zu treiben, wie viel er imstande sei, zu wagen. Bisweilen kam das Bangen zu ihm ins Zimmer und streifte ihn mit dem kalten Flor des Verzagens. Aber er war einmal hineingetreten in das Wagnis, absonderlich zu sein, und es mußte so weitergehen, fast ohne daß er es wollte. Wer in die Seltsamkeiten hineingegangen ist, den nehmen sie und führen ihn mit regierenden Händen weiter, reißen ihn fort, lassen ihn nicht wieder los. Einsam verbrachte er die Tage und die Nächte. Zwei kleine Kinder lagen im anderen Zimmer, hart an der Wand. Er hörte sie vielmal kläglich weinen. Ganze lange dunkle Nächte lag er schlaflos da, als sei der Schlaf sein Feind, fürchte und fliehe ihn, und als sei das Wachbleiben sein guter Kamerad, der sich nicht von ihm zu trennen vermöge. Täglich machte er denselben Gang durch die winterlich gefrorenen Wiesen, wobei es ihm war, als befinde er sich auf tagelanger Wanderung durch fremde, unbekannte Gegenden. Ein Tag glich dem andern. Kein junger Mensch würde dieses Leben haben schön finden können. Er aber wollte es einmal so; er befahl sich, daß er diese Lebensweise schön finde. Da er Reize sehen wollte, sah er sie auch, da er die Tiefe suchte, fand er sie, da er Not kennen lernen wollte, gab sie sich ihm zu erkennen. Freudig und stolz ertrug er alle sogenannte Langeweile. Das Einerlei und die eine und selbe Farbe waren ihm schön, und der eine Ton war sein Leben. Er wollte nichts wissen von Langeweile. Es gab keine für ihn. So regierte er sich. So lebte er. Er verkehrte wie mit sinnlich-körperlichen Wesen mit den stillen Frauen, den Stunden. Sie kamen und gingen, und Oskar, so hieß er, verlor nie die Geduld. Ungeduld bedeutete Tod für ihn. Ausdauer, in die er sich mit freiem Willen wohllüstig senkte, war sein menschlich Leben. Süß wie Rosenduft umstrickte und umduftete ihn der Gedanke, daß er arm sei. Er gehörte mit Leib und Seele und mit allen seinen Gedanken und Gefühlen und mit dem ganzen Herzen zu den Armen. Er liebte die versteckten Wege zwischen den hohen Hecken, und die Abende waren seine Freunde. Keinen höheren Genuß kannte er, als den Genuß von Tag und Nacht.
Die Einfahrt
Lange Jahre war ich fern gewesen vom lieben alten Land, und nun saß ich mit Landsleuten, mit stillen, bescheidenen Arbeitsleuten zusammen, im Eisenbahnwagen, der mich schon als solcher in der Seele entzückte. Langsam, als sei er die Beute einer tiefen Nachdenklichkeit und als sei es ihm ein Bedürfnis, zögerlich vorzurücken, fuhr der Zug, es war ein Arbeiterzug. Ich war recht froh, daß es ein so stiller Zug war und daß ich jetzt zusammensaß mit den ärmlichen, ernsten Leuten aus dem Volk. Es war mir, als lerne ich wieder mein Volk so recht aus dem Grunde kennen, als fahre ich mit dem Eisenbahnzug in das Herz des Volkes hinein. Abend wurde es. Auf jeder kleinen, dörflichen Station hielt der Wagen an, und liebe, brave, arbeitsame Menschen stiegen ein und aus. Mich beschlich eine wunderbare, angenehme Zärtlichkeit für das Land und für die Leute. Land und Leute öffneten sich mir so still, so groß. Immer größer, immer schöner wurde das abendliche Gebirgslandschaftsbild. Eine zarte, stille Freundschaftsglut bemächtigte sich meines Innern, das mir zu blühen, zu lachen, zu weinen schien. Ich fühlte, wie ein Glanz mir in die Augen kam. Da schaute ich immer hinaus in die Landschaft mit ihren phantastisch-steilen, grünen Höhen und immer fuhr der Zug zart und leise weiter. Ich will die Fahrt nie, nie vergessen. Göttlich-schön war es, wie ich und die andern Leute so still hineinfuhren, hineingleiteten in die Berge, welche mir wie Lieder, wie alte großartige Melodien entgegentönten. Unvergeßlich wird mir das goldig-dunkle Abendgebirge im Sinne bleiben. Still redeten die Insassen des Wagens miteinander, Männer, Jünglinge und Frauen. Die Nation trat mir nah; das Vaterland und sein hoher, goldener Gedanke schwebten mir ums Herz. Lange Jahre war es immer flach und glatt und öd vor meinem Auge gewesen, daß die weite, hoffnungsarme Leere mir die Seele verdorren machen wollte. Jetzt ging es wieder freundlich in die kühne Höhe und sank in reiche, himmlisch-schöne, gedankenvolle Abgründe hinunter. Eine stille Vaterlandeslust brannte in mir und eine alte, süße, wundervolle Liebe wurde wieder wach zu meinem Entzücken. O das war ein schönes Eisenbahnfahren mit mildgesinnten, klugen, ernsten Landsgenossen in die Umschlungenheit hinein. Es umschlang uns mit Felsen und mit Bergen. Liebe, grüne Täler lachten in der Tiefe und von der Höhe herab nickte stolz die edle Tanne. Ich sah das Haus an der Halde stehen und Menschen auf den Wegen gehen, die sich in die Wälder schlängelten. Das Land öffnete die Arme, und ich, ich sank hinein in die Umarmung und war wieder der Sohn des Landes und seiner Bürger einer. Allmählich wurde es Nacht.
Die Vaterstadt
Der junge, rüstige Reisende langte mit der Bahn in der Stadt an, in der er geboren war. Der Ort erschien ihm lieblich wie nie zuvor. Er trat in einen Zigarrenladen und kaufte sich Tabak. Der Zigarrenhändler entpuppte sich als ein Schulkamerad von ihm. Viele Jahre war der Reisende fort gewesen, wie war er jetzt entzückt, daß in der Heimatstadt alles so schön gleich geblieben. Wundersam, wie ein Kindheitstraum, wo Engelsgestalten sich zu uns niederneigen, erschien ihm das altbekannte Leben und Treiben in den schönen, stillen, feinen Straßen. Dunkle Aprilfarben erfüllten die Luft und überraschend für des Fremdlings Augen war der Glanz, der in der Sphäre und auf allen Gegenständen lag. Etwas Niegesehen-Großes breitete sich deutlich vor ihm aus und ließ ihn Erregungen gänzlich neuer Art empfinden. Er war erregt und beglückt dabei, er zitterte und er hätte dazu lachen und spielen mögen. Es war ihm um die Brust, als sei er, seit er die alte, liebe Stadt betreten, wieder viel jünger und viel gütiger und viel freundlicher geworden. Unbefangen und freundlich schauten die Leute ihn an, ohne ihn lang und scharf und groß anzublicken. So behaglich und frei und warm und köstlich kam ihm alles vor, die Häuser so zierlich, die Bäume so prächtig. Grünliches Treiben und Knospen war schon an den weichen, kräftigen Zweigen sichtbar, und dazu ließen die Singvögel aus allen Gassen und Nebengassen ihren süßen, lieben, einschmeichelnden Gesang vernehmen. Der Reisende schaute und horchte. Horchte, horchte! Er ging nur ganz langsam weiter und blieb immer stehen. Seine Unbefangenheit kämpfte mit einer Art von Bangen und Ahnen, welches sich seiner Seele bemeisterte. Er fand zuletzt ein Häuschen, das am Felsen angeschmiegt lag. Die Bäume im zierlichen Garten waren so klein. Alles schien zu lächeln, zu lispeln und zu zwitschern. Tiefsinnig-grün schaute ihn ein Stück Wiese an. Er besann sich auf alte längst vergessene Träumereien. Alte Lieblings-Einbildungen erhoben ihr schelmisches, liebliches Geflüster, und die Fenster des Häuschens schienen lustig zu blinzeln wie Augen eines gescheiten Menschengesichtes. Da trat er hinein. In dem Hause wohnte sein alter Vater.
Das Grab der Mutter
An einem Sonntag, gegen Abend, ging ich zum Friedhof, der nur wenige Schritte von dem Ort entfernt liegt, wo ich wohne. Es hatte kurz vorher geregnet, es war daher alles noch feucht, der Weg, die Bäume. Ich kam in den Totenhof hinein zu den alten, stillen, heiligen Gräbern, und hier empfing mich wie mit süßen, lieben, keuschen Armen ein so schönes, frisches Grün, wie ich es nie gesehen. Leise schritt ich auf dem kiesbelegten Wege vorwärts. Es war alles so still. Kein Blatt bewegte sich, nichts regte und rührte sich. Es war, als lausche alles. Wie wenn das Grün die ringsverbreitete Feierlichkeit empfinde und über das uralte und immer wieder junge Rätsel vom Tod und vom Leben in ein langes und tiefes Sinnen versunken sei, hing es und lag es da in seiner feuchten, wunderbaren Schönheit. Ich habe nie so etwas gesehen. Gewaltig mußte es mich ergreifen, zu sehen, wie der Ort des ernsten Todes und des Schweigens für immer so süß, so grün, so warm war. Kein Mensch außer mir ließ sich erblicken. Außer dem Grün und den Grabsteinen war nichts da. Ich wagte kaum zu atmen in all dieser Lautlosigkeit, und mein Schritt kam mir frech und unzart vor mitten in all dem heiligen, ernsten und zarten Schweigen. Unendlich freundlich und lieblich hing das reiche Grün eines Akazienbaumes über ein Grab herab, bei dem ich stehen blieb. Es war das Grab meiner Mutter. Da schien alles nun zu flüstern und zu lispeln, zu reden und zu deuten. Das lebendige Bild der Lieben und der Verehrten stieg mit seinem Gesicht und mit des Gesichtes edlem Ausdruck sanft und schleierhaft hinauf aus des grünen, stillen Grabes unfaßbarer Tiefe. Lange stand ich da. Doch nicht traurig. Auch ich und du, wir, wir alle kommen einst dahin, wo alles, alles still ist und beschlossen ist und alles aufhört und alles sich auflösen muß zu einem Schweigen.
Abend
Ich saß in der Wirtsstube zu den drei Tannen still am Tisch wie ein schweigender, denkender, nachrechnender Händler und stand jetzt auf und ging hinaus auf die abendliche Straße, wo der Abendzauber mich mit seinem Dunkel empfing. Das Wirtshaus liegt zart und nah am Waldberg, über welchem jetzt der Halbmond herrlich leuchtete. Auf der Dorfstraße war es unsäglich schön. Einige Helligkeit war am Verschwinden, war noch da, hauchte und schwebte noch da und dort herum. Doch die Sterne erschienen bereits, zwischen großen, warmen Wolken, am dunkleren und dunkleren Himmel. Dunkelheit fing mehr und mehr an zu regieren. Die Leute standen so schön undeutlich da und gingen im Dunkel so schön warm und sanft dahin. Jemand sagte mir freundlich guten Abend. Es war ein Mädchen. Ich vermochte in der zaubervollen Dunkelheit rote Wangen und liebe, helle Augen noch zu unterscheiden. Kinder gingen und spielten über den weichen Weg. Alles war so still, lautlos, freundlich-nachbarlich, gut und groß. Ich wünschte, daß die Zeit zwischen Tag und Nacht, die schöne Zwischenzeit, die liebe, schöne Abendzeit ewig, ewig andauern möchte. Eine Ewigkeit lang Abend. Weiter ging ich. Es war mir, als gehe und trete ich im Land der Poesie selber, so hold und wunderbar kam mir die Welt vor in ihrem zarten Abendmantel. Über allem lag der Schleier der Zartheit und der Verhaltenheit. Mildes, dunkles, süßes Bangen hielt Schritt mit mir, ging neben und hinter und vor mir. Da kam ich über die Brücke. Die großen Wolken sanken hinab in das stille, fließende Wasser und die Sterne zitterten von unten aus dem Fluß herauf, als sei die Natur verwandelt und die ganze Welt verzaubert. Unten und oben, das Vordere und das Zurückgesunkene! Wie trunken von all der Schönheit marschierte ich weiter, ein Glücklicher, ein Berauschter. Ich trank am Bild und hing am Bild des Abends. Da war grad das Wirtshaus zur Brücke, ich ging ohne zu denken hinein, es zog mich so, ich hatte so das Bedürfnis, kaum wußte ich, was ich tat. Als ich wieder draus heraustrat, war es völlige Nacht mit völlig-göttlich-schöner Finsternis. Überall die Lichter nun in den Fenstern. Ich machte, daß ich nach Hause kam, es war Zeit. Auf dem Heimweg sah ich noch eine Frau mit ihren zwei kleinen Kindern. Die blonden Locken von dem einen Kind gaben einen hellen, frohen Schein im dichten Dunkel, und süß war es für mich, wie mich der Engel mit kindlich-lieber Stimme grüßte. O wie schön ist ein Gruß aus Kindermund in dunkler Nacht.
An den Bruder
Fast mache ich mir einen Vorwurf, daß ich solch ein Schlenderer, Herumfeger und Spaziergänger bin, aber es ist hier eine so schöne Gegend, ein so heiteres, gut aufgeräumtes und ich möchte sagen gesprächiges Land. Alles ist hell, schön, frei und warm. Land und Leute scheinen sich gleich unbefangen zu geben. Das Land bietet sich dar wie ein artiges, liebes, kleines Kind mit Unschuld-Augen und -Fragen, und mit Unschuld-Farben. Die Farben, mein lieber Maler, sind ein weitverbreitetes Blau und ein ebenso weit ausgebreitetes helles Grün, und dazwischen sind Stellen, die blendend weiß sind, und dann kommt wogendes, duftendes, herzerquickendes Gelb, und das ist das Kornfeld, durch welches der Wind leise weht. Tag und Nacht, Morgen und Abend sind unendlich schön, sind ein Schauspiel, so recht zum Satt-Anschauen. Man wird nie müde, nie satt, nie matt; man ist immer wieder begierig, immer wieder ungesättigt, immer wieder unbefriedigt. Und doch ist zugleich ein wundersamer Frieden und ein so schönes, festes, leichtes Genügen in der Luft. Wenn du spazieren gehst, so gehst du wie in der Luft spazieren und meinst, du werdest zu einem Teil des blauen Hauches, der über allem schwebt. Dann regnet es wieder, und alles Gegenständliche ist dann so naß, feucht und voll süßen Glanzes. Die Leute hier fühlen die Süße und die Liebe, die in der Natur ist, die in der ganzen lebendigen Welt ist. Sie stehen angenehm herum, und ihren Bewegungen ist nachzuspüren, daß sie freie Leute sind. Wenn sie zur täglichen Arbeit gehen, so sieht es nicht aus wie mürrisches Müssen, sondern wie freisinniges Wollen. Sie schlendern so, wenn sie gehen und wenn sie etwas verrichten, so brauchen sie nicht zu hasten, und das bietet ein appetitliches, gesundes Bild dar. Was macht die Hauptstadt mit ihren heftigen Energien? Meine Energie ist hübsch schlafen gegangen einstweilen. Ich gehe sehr energisch baden und träume voller Energie in die blaue Luft hinauf. Ich bin ungemein energisch im Gehenlassen und Nichtstun. Sie rennen sich doch nur oft die Köpfe an Mauern wund mit ihrem ewigen Großes-Verrichten-Wollen. Ich, ich will mich hier wieder recht behaglich zurechtfinden. Ich will gedeihen, ich will wachsen. Das heißt, Bester: ich will es nicht. So etwas darf man nicht wollen, sondern man wünscht es, man hofft es bloß, man träumt davon. Ich bin jetzt sehr oft ganz, ganz gedankenlos, und wie paßt das zu all der Schönheit, zu all der Freude und zu all der Größe der Natur. Eine himmelblaue Welle ist über mich gekommen und hat mich unter ihrem flüssigen, liebevollen Leib begraben. Ich lebe wieder auf, weil ich viel vergessen habe, ich führe wieder ein Leben, weil ich sehe, daß das Leben schön ist. Zuweilen ist's mir, als möchte ich die Welt, die ganze Welt umarmen und ans frohe Herz drücken. Ich schwärme! und ich bin von Herzen froh, daß ich es noch kann. Ich möchte es nicht verlernen.
Frauenbund
zur Ehrung rheinländischer Dichter
gegründet 3. Juli 1909
zu Darmstadt
1914
Einbandzeichnung
von Karl Walser
Der geschäftsführende Vorstand:
- Frau Guido Schoeller, Düren, 1. Vorsitzende
- Frau Geheimrat Prof. Litzmann, Bonn, 2. Vorsitzende
- Frau Prof. Trübner, Karlsruhe, 3. Vorsitzende
- Frau Kom.-Rat Rudolph Schoeller, Düren, Schatzmeisterin
- Frau Emma von Eynern, Düren, stellvertretende Schatzmeisterin
- Frau Elisabeth Schäfer, Vallendar, Schriftführerin