Ich habe nichts.
Sorglos und heiter, wie nur ein rechter Habenichts sein kann, wanderte eines Tages durch das schöne grüne Land ein guter Bursche mit einer dummen Nase. An Busch und Baum, an Haus und Hof vorbei, durch Wald und Feld ging er vergnügt, leicht, froh und nett dahin, und weil er ein so gutmütiges Gesicht hatte, so grüssten ihn alle Leute überaus freundlich, und das war natürlich dem Burschen nichts als recht. Er war aber auch einer, der es mit allen Geschöpfen, sei's Mensch, sei's Tier, herzlich gut meinte, und hold gesinnt war er der ganzen Welt, und das sahen ihm die Leute an, die ja immer sogleich alles von Weitem merken. Ehrbar und leise sagte er jedermann sein: Guten Abend, denn der schöne Edelknabe Abend schlich mit Goldhänden und Goldaugen bereits zwischen den Häusern und Bäumen herum, und aus nah und fern tönte der Klang der Glocken. Wie nun der Bursche an einer Wiese vorbeiging, streckte ihm ein Kälbchen seinen Kopf dar und gab ihm zu verstehen, dass es etwas von ihm haben wolle. Oder vielleicht wollte es Freundschaft mit ihm schliessen, ihm etwas sagen, ihm etwas von seinem Kälbchenleben erzählen. »Ich habe nichts, du gutes Tier. Gern gäbe ich dir etwas, wenn ich etwas hätte,« sagte der Bursche und ging weiter, aber im Weitergehen musste er immerfort an das Kälbchen denken, das etwas von ihm haben wollte. Etwas später ging er an einem prächtigen Bauernhaus vorbei, das am Waldrand lag. Da rannte mit lautem Gebell ein grosser Hund gegen ihn los, dass er ganz ängstlich wurde. Aber die Ängstlichkeit war überflüssig; der Hund sprang wohl hoch an ihm auf, aber nicht zornig, sondern freundlich, und das Gebell war die deutliche Kundgebung der Freude, und die gute Bäuerin hätte nicht nötig gehabt, dem Tier von weit her zuzurufen, es solle nicht Leute so unmanierlich anfallen. »Was willst du von mir, du gutes Tier? Ich sehe wohl, dass du etwas von mir haben möchtest, aber ich habe leider Gottes nichts. Gerne gäbe ich dir etwas, wenn ich etwas hätte,« sagte der Bursche, den der grosse Hund in den Buchenwald hineinbegleitete, als wolle er Freundschaft mit ihm schliessen und ihm von seinem Tierdasein allerlei erzählen. Als indessen der Hund sah, dass sein Freund weiter und weiter ging, hielt er mit Begleiten inne und kehrte wieder zum Bauernhaus und zu seiner Pflicht zurück, und der Bursche wanderte weiter, aber im Weiterwandern musste er immerfort an den Hund denken, der sich so zutraulich an ihn anschloss und der gewiss etwas von ihm haben wollte. Nach einer guten Weile, unten im Tale, traf der Bursche auf der schönen breiten Landstrasse eine Ziege an, die, als sie ihn sah, sogleich auf ihn zukam und sich ihm freundlich zugesellte, wie wenn sie ein freundschaftsbedürftiger Mensch wäre und ihm Vielerlei aus ihrem armen Ziegenleben hätte anvertrauen wollen. »Du möchtest wohl etwas von mir haben, aber ich habe nichts. Gerne gäbe ich dir etwas, wenn ich etwas hätte, du gutes Tier,« sagte er voll Mitleid und ging weiter, aber im Weitergehen musste er immerfort an die Tiere denken, die etwas von ihm haben wollten, an die Ziege, an den Hund und an das Kälbchen, die da Freundschaft mit ihm hatten schliessen und ihm von ihrem stummen, geduldigen, dumpfen Dasein hatten erzählen wollen, die keine Sprache haben und nicht reden können, die zum Nutzen der Menschen gefangen und geknechtet in der Welt stehen, denen er gut war, wie auch sie ihm wieder gut waren, die er von Herzen gern mit sich genommen hätte, die ihn vielleicht gerne weithin begleitet hätten, die er gerne aus dem engen armen Tierreich in eine freiere, bessere Existenz hätte hinüberziehen helfen mögen. »Aber ich bin ja nichts, kann ja nichts, habe in Gottes Namen nichts, und in dieser weiten grossen Welt bin ich nur ein armer, schwacher, machtloser Mensch,« sprach er, und wie er die Welt so schön sah, und wie er so an die Tiere dachte, und daran, dass er und alle seine Freunde, Menschen und Tiere, so hilflos seien, konnte er unmöglich weitergehen. Er legte sich, unweit von der Strasse, in die Wiese, um sich satt zu weinen, so ein dummer Bursche!