Fußnoten:
[1] Verlag von Trowitzsch u. Sohn, Frankfurt a. O. 1891.
4. Kapitel.
Die ersten Kämpfe um Bagamoyo, Daressalam, Pangani, Tanga und Sadani.
Einrichtung des Spionendienstes. — Angriff und Einnahme von Buschiris Lager bei Bagamoyo und Operationen daselbst. — Streifzüge des Verfassers um Daressalam. — Beerdigung der ermordeten Missionare in Pugu. — Verhältnisse in Sadani. — Bombardement von Sadani. — Einnahme durch die Schutztruppe. — Einnahme von Pangani und Stationsgründung daselbst. — Einnahme von Tanga. — Errichtung eines Forts in Tanga. — Streifzug Gravenreuths gegen die Jumbes in der Umgegend von Bagamoyo. — Verhältnisse auf den neu gegründeten Stationen.
Unmittelbar nach der Ankunft der Truppen ließ Wißmann dem Führer der Rebellen den Waffenstillstand, der ja von ihm in frevelhafter Weise gebrochen war, aufkündigen und ihm sagen, daß er ihn in den nächsten Tagen angreifen würde. Die Antwort Buschiris lautete, er würde die Deutschen bestens empfangen.
Die Bestrafung zweier Leute, welche der Spionage gegen uns für die Interessen Buschiris überführt worden waren, mit dem Tode durch den Strang hatte Wißmann natürlich bis zur Auslieferung der Missionare aufgeschoben.
Bis zur Ankunft Wißmanns hatten nur die Rebellen ihre Spione, welche sie so geschickt ausgewählt und organisiert hatten, daß sie stets mit den genauesten Nachrichten über unsere Mittel und Absichten versehen waren, während die Beamten der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft im großen und ganzen auffällig spärlich mit Nachrichten versehen waren. Wißmann erkannte gleich am ersten Tage seiner Ankunft auf dem Festland, daß auf unserer Seite viel zu wenig auf den Spionendienst gehalten war und gab daher zur Einführung einer ordentlichen Spionage die betreffenden Anweisungen, indem er zugleich Gelder zur Verfügung stellte.
Die Spionage ist etwas in Afrika durchaus Notwendiges und Selbstverständliches. Der Europäer muß Gewicht darauf legen, unter den Eingeborenen zuverlässige Personen zu finden, die er zur Einziehung von Nachrichten benutzen kann, indem er nötigenfalls auch die einzelnen Leute gegenseitig ausspielt und so kontrolliert.
Die durch Wißmann eingeführte bessere Ausbildung des Spionendienstes hat sehr viel zu unseren Erfolgen beigetragen. Bedauerlicher Weise wurden, wie ich vorweg bemerken muß, im letzten Jahre vom Gouverneur von Soden unter vollkommener Verkennung der afrikanischen Verhältnisse aus Sparsamkeitsrücksichten selbst nach der Zelewskischen Katastrophe nicht die nötigen Mittel hierfür zur Verfügung gestellt, und wenn einmal wirklich Gelder zum Halten von einem oder einigen Spionen bewilligt wurden, so geschah dies nur nach bogenlangen Berichten, welche es den Offizieren und den dem Gouverneur unterstellten Beamten fast verleiden konnten, derartige im Interesse des Ganzen liegenden Anträge zu stellen. Diese Sparsamkeit ist übel angebracht und in Wirklichkeit häufig eine Verschwendung. Denn auf ein paar Tausend Rupies im Jahre kann es nicht ankommen, wenn man sich dadurch eine genaue Kenntnis dessen, was unter den Eingeborenen im Geheimen vorgeht, ihrer Absichten und ihrer Gesinnung gegen uns verschaffen kann.
Nachdem der Reichskommissar die Vorbereitungen zum Beginn der Operationen gegen die Aufständischen bereits am 4. Tage nach Eintreffen des Transportdampfers »Martha« auf der Rhede von Bagamoyo beendet hatte, beschloß derselbe nach erfolgter Verständigung mit dem Chef des Kreuzergeschwaders, Herrn Admiral Deinhard, sofort zum Angriff überzugehen. Ein möglichst rasches offensives Vorgehen bot in erster Linie eine Aussicht, gegen die vorwiegend auf Terrorismus gestützte Macht des Rebellenführers Buschiri einen entscheidenden Schlag zu führen, seinen Einfluß auf die Bevölkerung zu beeinträchtigen und die durch fortgesetzte feindliche Streifzüge sehr gehemmte Aktionsfähigkeit wieder zu erhöhen.
Eingezogene Nachrichten hatten ergeben, daß Buschiri, nachdem er in den letzten Monaten sein Lager mehrfach gewechselt, nun in einem stark befestigten Hauptlager in der Richtung landeinwärts von Bagamoyo, 1-1-1/2 Stunden von diesem Platz entfernt, alle seine Kräfte vereinigt habe. Der waffenfähige Anhang Buschiris wurde auf 6-800 Mann angegeben.
Nachdem die Unterstützung der Marine vom Admiral angeboten und vom Reichskommissar angenommen worden war, wurde der 8. Mai von beiden für die Operationen gegen Buschiri festgesetzt.
Am genannten Tage, früh 6-1/2 Uhr trat die Schutztruppe mit dem von der Marine gestellten Landungscorps von 200 Mann, welches der Korvettenkapitän Hirschberg, Kommandant S. M. S. »Schwalbe« befehligte, bei der Station in Bagamoyo an. Damit die farbigen Truppen möglichst alle im Kampf verwendet werden konnten, war die Station Bagamoyo für die Dauer der Operation durch eine andere Abteilung der Marine besetzt worden. Um 7 Uhr 10 Minuten setzte sich die Schutztruppe nach Erteilung der für den Marsch notwendigsten Instruktionen in folgender Marsch-Ordnung in Bewegung:
Avantgarde: Askaris — Frhr. v. Eberstein;
Abteilung Frhr. v. Gravenreuth — 2 Sudanesenkompagnien (Sulzer und von Perbandt);
Artillerie (zwei 4,7 cm Geschütze und ein 6 cm Geschütz) — Chef Krenzler;
geschlossenes Detachement der deutschen Unteroffiziere unter Premier-Lieutenant End;
Abteilung Dr. Schmidt — 2 Sudanesenkompagnien (Johannes und Radatz);
Abteilung von Zelewski — 1 Sudanesen- und 1 Zulukompagnie (Ramsay und v. Medem);
zum Ziehen der Geschütze wurden Waniamuesi mitgenommen, desgleichen gingen solche mit Erlaubnis Wißmanns, durch rote Tücher als die Unsrigen kenntlich gemacht, als Freiwillige mit.
Nachdem der Marsch zunächst in südwestlicher Richtung durch die Bagamoyo umgebenden, ausgedehnten Kokosschamben erfolgt war, wurde nach Westen abgebogen und ein ungefähr 900 m breites, schattenloses, sumpfiges, mit fast mannshohem Grase bewachsenes Thal durchschritten, welches an dem besonders schwülen und heißen Tage, namentlich für die Artillerie, sehr schwierig zu passieren war. Die Marschdisciplin blieb indes bei den farbigen Truppen auf dem Hinmarsch eine gute. Nach Passieren dieses Thales wurde wieder in südwestlicher Richtung auf einem gut bewachsenen Höhenzug weiter marschiert, bis um 9 Uhr das Lager Buschiris der Avantgarde in Sicht kam.
Der Kommandant, welcher sich bei der Avantgarde befand, erteilte nun sofort die Befehle zum Angriff. Demzufolge nahm die Artillerie Aufstellung in der Linie der Askaris, welche, bis auf 600 m ans Lager herangekommen, ausschwärmten. Links von den Askaris befand sich die Abteilung Gravenreuth. Zelewski erhielt Befehl, rechts vom Wege abzubiegen und die linke feindliche Flanke zu umfassen, also nach der örtlichen Lage die Boma von Osten her zu umgehen. Dr. Schmidt sollte links abbiegen und die Umgehung der Boma von Westen her bewerkstelligen. In dieser Formation war man, die Artillerie eingeschlossen, bis 250 m an das Lager herangekommen. Die Marine-Abteilung befand sich dicht hinter den Askaris und der Artillerie.
Als die Truppen in dieser Ordnung bis auf etwa 200 m an die Boma herangekommen waren, wurde von Seiten der Rebellen ein heftiges Feuer aus Gewehren und einigen alten, mit Eisenstücken geladenen Böllern auf die Angreifer eröffnet. Zufällig kam zu gleicher Zeit aus dem Lager der überall bekannte weiße Buschirische Reitesel in Sicht und Wißmann, in der Absicht, den wohlbeleibten Buschiri dieses bei seiner Körperfülle sehr notwendigen Fluchtmittels zu berauben, gab einen Schuß auf den Esel ab. Dieser Schuß bildete unwillkürlich das Signal zur Eröffnung des Feuers auf der ganzen Linie; in der Front stand Gravenreuths Abteilung im 1. Treffen, während im 2. Treffen die Marine das Feuer ebenfalls eröffnete; als Wißmann bat, das Feuer des 2. Treffens einzustellen, da das 1. Treffen ihm dadurch gefährdet erschiene, wurde ihm von der Marine entgegengehalten, daß mit dem 600-meter-Visir von dieser geschossen werde.
Das feindliche Feuer richtete sich besonders auf eine kleine Anhöhe, wo Wißmann mit seinem Stabe bei der Artillerie Stellung genommen hatte, so daß dort, trotzdem die Aufständischen im allgemeinen recht schlecht zielten, einige Verluste in unmittelbarer Nähe des Reichskommissars, der für seine Person der Mahnung, sich nicht unnütz zu exponieren, kein Gehör schenkte, erlitten wurden.
Als der Kommandant durch anhaltendes Geschütz- und Gewehrfeuer den Feind hinlänglich erschüttert zu haben glaubte, gab er das Zeichen zum Aufpflanzen des Seitengewehrs und zum Sturm. Die Abteilung Gravenreuth drang zuerst in die Boma ein, allen voran Lieutenant Sulzer.
An der Spitze der Marineabteilung überklomm Lieutenant Schelle, ohne erst Bresche reißen zu lassen, die Pallisaden. Hierbei erhielt er eine Kugel in den Unterleib und erlag bald darauf dieser schweren Verwundung.
Herr von Gravenreuth war mit seiner Abteilung an der linken Flanke der Front eingedrungen, die Marine hingegen zugleich mit den Askaris unter Eberstein direkt in der Front, und zwar wurde nach dem Fall Schelles Bresche gerissen und drangen die Marinetruppen an dieser Stelle Mann hinter Mann durch die Bresche in die Boma, während Herr v. Eberstein mit den Askaris eine bei der Bresche befindliche Thür einrannte und durch diese ziemlich geschlossen mit seinen Leuten hineinkam.
Es ist damals ein sehr häßlicher Streit über die für die Sache natürlich ganz gleichgiltige Frage ausgebrochen, wer der erste in der feindlichen Boma gewesen sei. Von Seiten der Marine wurde der gefallene Lieutenant Schelle gemeldet; vom Reichskommissar der Lieutenant Sulzer. Dem Verfasser, der bei der Aktion gegen Buschiri nicht dabei gewesen ist, ist von verschiedenen Herren versichert worden, daß nicht nur Sulzer, sondern auch v. Gravenreuth und ein großer Teil der Soldaten von Gravenreuths Abteilung in der Boma, ja sogar in den dort befindlichen Hütten der Rebellen schon gewesen seien, als von der Frontseite her die Marine erst eindrang. Selbstverständlich ist die Meldung der Marine, daß Lieutenant Schelle der erste im Lager gewesen sei, in gutem Glauben erfolgt und ist dadurch zu erklären, daß wegen der im Innern der Boma errichteten Hütten und wegen der in solchen Momenten erklärlichen Aufregung das vorher erfolgte Einrücken Gravenreuths nicht gesehen wurde. Bedauerlich aber bleibt die Eifersüchtelei, welche zu jener Zeit zwischen Marine und Schutztruppe bestand. Obgleich sich die Offiziere der letzteren und auch viele Marineoffiziere redliche Mühe gegeben haben, dieselbe aus der Welt zu schaffen, besteht sie, wie dem Verfasser scheinen will, bis in die neueste Zeit hinein fort. Die Herren der Marine bedenken hierbei nicht, daß mit Beendigung der Blokade nach Übernahme des Reichskommissariats durch Wißmann ihre Aufgaben am Lande, denen sie sich ganz gewiß, wie von allen anerkannt wird, mit Eifer unterzogen haben, beendigt waren. Nur vereinzelt haben später Marinemannschaften die Operationen des Reichskommissars unterstützt, natürlich nur an der Küste oder in unmittelbarster Nähe derselben, wie hier bei Bagamoyo, dann bei Sadani, Pangani, Mkwadja. (Nur Tanga ist, worauf wir noch kommen werden, durch die Marine allein erobert worden.)
Beim Einrücken der Unsrigen in die Boma wagte nur ein Teil der Feinde noch standzuhalten und aus den Hütten im Innern der Befestigungen heraus zu schießen, wo sie dann teils niedergemacht, teils gefangen genommen wurden. Das Gefangennehmen freilich wollte nicht immer gelingen, da die Zulus, welche erst zwei Tage vorher eingetreten waren, gar nicht verstehen wollten, wie man einen überwältigten Feind schonen könne, statt ihn sofort zu tödten; so haben denn auch die Zulus vielen von den Rebellen, welche sich im letzten Augenblick ergeben wollten, durch ihre Seitengewehre den Garaus gemacht.
Von den Freiwilligen der Waniamuesi und den Askaris wurden die Zulus bei der Plünderung des Lagers in würdiger Weise ergänzt. Im großen und ganzen aber waren alle, welche die neue farbige Truppe während des Gefechts beobachtet hatten, im Lob derselben einig. Nirgends war weder während des Feuerns noch beim Sturm das geringste Zaudern eingetreten.
Die Umgehung des Lagers, welche die Abteilungen Dr. Schmidt und v. Zelewski bewerkstelligen sollten, war nicht gelungen, da besonders Zelewski wegen des weiten Umweges, den er mit seinen Soldaten zu machen hatte, nicht zur rechten Zeit am Lager sein konnte. Es gelang daher dem größten Teil der Rebellen durch die Lücke zwischen den beiden von der Flanke anrückenden Abteilungen durchzukommen, wobei sie allerdings von der Abteilung Dr. Schmidt noch wirksam beschossen wurden.
Buschiri selbst war ebenfalls entkommen, hatte sich aber, wie er später selbst erzählte und wie auch bald hinterbracht wurde, im dichten Grase außerhalb der Boma versteckt und war so von den Verfolgern unbemerkt geblieben.
Das dicht bewachsene Terrain setzte der an die Einnahme des Lagers sich schließenden Verfolgung von selbst ein Ziel, um so mehr als die Europäer, sowohl die aus Europa gekommenen Offiziere und Unteroffiziere der Schutztruppe, wie die an afrikanische Märsche ebenfalls nicht gewöhnten Marinemannschaften und auch unsere Sudanesen sehr ermattet waren. Es zeigte sich dies unmittelbar nach dem Eindringen in die Befestigungen und auf dem Rückmarsch, der ein wenig angenehmes militärisches Bild abgab. Einige Fälle von schwererem und leichterem Sonnenstich kamen auf demselben vor. Die Zulus, Askari und Waniamuesi waren die einzigen, welche frisch geblieben waren und deren Benehmen und Schlachtgesänge etwas Leben in die Kolonnen der Marine und Schutztruppe brachten.
Die Zahl der Toten betrug auf gegnerischer Seite 106, fast alles Araber und Belutschen. Unter den Gefallenen ist wegen seines Einflusses besonders zu erwähnen der Jumbe von Windi, Ismael. Auf unserer Seite fielen — von der Marine: Lieutenant zur See Schelle und Obermatrose Föll; von der Schutztruppe 6 farbige Soldaten. Feldwebel Peter erlag dem Sonnenstich. Verwundet wurden — von der Marine: Obermatrose Klebba — von der Schutztruppe: Stabsarzt Dr. Schmelzkopf, Hauptmann Richelmann, Deckoffizier Illich und 3 Sudanesen.
Das Lager der Aufständischen zeigte ein ziemlich regelmäßiges Viereck von 800 m Umfang und war nach afrikanischen Begriffen mit einer sehr starken Befestigung umgeben. Sie bestand in Pallisadenreihen aus dicken Palmenstämmen. Hinter denselben war ein Graben für kniende Schützen ausgehoben, dessen Erde nach den Palisaden hin zu einem Wall aufgeschüttet worden war. Im Innern war, wie schon erwähnt, eine Zahl primitiver Hütten errichtet, welche den Rebellen Unterkunft gewährten, außerdem ihr Kleinvieh und Hühner wie ihren sonstigen Unterhalt bargen. Der vorgefundene Proviant und die noch in geringer Masse vorhandene Munition wurde durch die Einnahme des Lagers erbeutet; außerdem fielen in unsere Hände 2 arabische Fahnen, 2 Böller und Gewehre aller Art, darunter einige Mausergewehre, welche beim Ausbruch des Aufstandes auf den Stationen der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft im Innern von den Rebellen vorgefunden waren, daneben befanden sich Snidergewehre, Hinterlader, Jagdgewehre, sowie die verschiedensten Perkussions- und Steinschloßgewehre. Die wertlosen Waffen und Sachen wurden verbrannt, das meiste aber — selbst ganz wertloses Hausgerät — von den Leuten, besonders den Sudanesen, die eine besondere Vorliebe für die Anhäufung von allerlei wertlosem Kram haben, nach Bagamoyo mitgenommen. Einige Kuriositäten, wertvolle Waffen der Araber und Belutschen sowie der Eingeborenen wurden ebenfalls vorgefunden. Ferner hatten unsere Soldaten in der Hütte Buschiris eine Kiste mit 6000 Rupien entdeckt, es aber vorgezogen, die Sache erst zu melden, nachdem sie den Inhalt unter sich verteilt hatten. Das Geld war vermutlich die für die englischen Missionare bezahlte Lösesumme und man beließ dieselbe den glücklichen Besitzern, um nicht gleich anfangs durch Untersuchungen Mißmut zu erregen. So wirkte auch der gute Fund ermunternd auf die Schwarzen, für welche ja überhaupt die Plünderung nach siegreichem Gefecht einen ungemeinen Reiz hat.
Der Geschwaderchef, Herr Admiral Deinhard, hatte (nach Rücksprache mit dem Reichskommissar) für einen eventuellen Empfang der entkommenen Rebellen Sorge getragen, indem er eine Marineabteilung nach der Windi- und Mtoni-Fähre schickte, wo der Uebergang von fliehenden Rebellen erwartet werden konnte. Die Fährboote, welche sich an jenem Teil des Kinganiflusses vorfanden, wurden, um ein Übersetzen der Rebellen zu verhindern, von der Marine zerstört. Indes hatten die Flüchtlinge es meist für klüger gehalten, sich zunächst, so lange sie das Terrain unsicher wußten, im dichten Gebüsch versteckt zu halten, wohin man ihnen nicht folgen konnte, und dann weiter zu flüchten, wobei von ihnen die weiter stromaufwärts befindliche Dunda-Fähre des Kingani benutzt wurde. Dorthin aber konnten die Pinassen der Marine wegen mehrfacher in jenem Teil des Kingani vorhandener Untiefen nicht geschickt werden.
Dem Reichskommissar hatte Dr. Peters seine für die Emin Pascha-Expedition in Aden angeworbenen Somalis zum Angriff auf Buschiri zur Verfügung gestellt; es war jedoch von ihrer Verwendung Abstand genommen worden, da sie Bedenken trugen, gegen ihre eigenen Glaubensgenossen zu kämpfen. Jetzt, als nach gelungenem Angriff die Truppen in Bagamoyo einrückten, zeigte sich ein Teil der Somalis beschämt und bat darum, auf den noch am selben Tage ausgesandten Patrouillen mitverwandt zu werden.
Nach dem Einrücken der Soldaten erhielt Freiherr v. Gravenreuth den Befehl, eine Rekognoszierung zu unternehmen zur Aufsuchung eines vermißten Offiziers, der, an der Queue seiner Abteilung, von den Seinen unbemerkt, infolge eines Sonnenstiches liegen geblieben war, und zugleich um auf etwaige Rebellentrupps zu fahnden. Der Vermißte kehrte aber von selbst bald darauf zurück, und die Rekognoszierungen Gravenreuths und später Zelewskis konnten nur feststellen, daß die nächste Umgebung von Bagamoyo bis zum benachbarten Teile des Kingani völlig von den Aufständischen gesäubert war. Kleine Patrouillen wurden zum großen Teil zu Pferde ausgeführt, von denen etwa 20 aus Egypten resp. Aden mitgebracht worden waren.
Einige Wochen später drangen nach Bagamoyo Nachrichten über neue Befestigungen, welche Buschiri in größerer Entfernung angelegt habe; ebenso habe er wieder eine große Zahl Anhänger gesammelt. Infolgedessen wurden von Wißmann zweimal Abteilungen unter Dr. Schmidt und Zelewski in solcher Stärke ausgesandt, daß es ihnen möglich war, die Rebellen mit Aussicht auf Erfolg anzugreifen. Die Expedition unter Zelewski führte zu keinem Resultat, da der Gegner in dem von ihr durchzogenen Gebiet nicht zu finden war. Die später ausgesandte Abteilung des Dr. Schmidt fand zwar mitten in dichtem Gestrüpp ein wohlbefestigtes Lager Buschiris, eine sogenannte Buschboma, zu welcher nur wenige schmale Stege führen, doch hatte Buschiri, der jedenfalls von dem Anmarsch Dr. Schmidts durch seine Kundschafter Nachricht erhalten, es vorgezogen, noch im letzten Augenblick ohne Kampf die Boma zu verlassen. Die Hausutensilien und die noch vorhandenen Lebensmittel, etwas Kleinvieh und Hühner, wurden zur Beute gemacht, die Boma selbst aber wurde den Flammen Preis gegeben. Es war dies, so begierig auch die Expedition war, den Gegner anzugreifen, doch den Herren nachträglich nicht unerwünscht, da die Stellung Buschiris eine derartige war, daß ein erfolgreicher Sturm auf das im größten Dickicht befindliche Lager, wenn überhaupt, nur mit den schwersten Verlusten möglich gewesen wäre. Das erste Lager hatte den Vorzug in freiem Terrain zu liegen, so daß es von allen Seiten gesehen und angegriffen werden konnte.
Wenden wir uns nun nach Daressalam, wo durch den von Wißmann dem Verfasser gesandten kleinen Teil der Schutztruppe die Marineabteilung abgelöst wurde, welche bisher als Besatzung der Station gedient hatte; S. M. S. Carola, welche zuletzt die Stationsbesatzung gestellt und deren Bemannung sehr unter Fieber- und Todesfällen zu leiden hatte, war bei der Besetzung der Station durch die Schutztruppe zunächst aus dem Hafen heraus auf die Rhede von Daressalam, dann ganz nach Bagamoyo in See gegangen. Für Daressalam erhielt der Verfasser von dem Reichskommissar die Instruktion, sich mit seiner kleinen Truppe auf die Verteidigung der Station und des Platzes zu beschränken und sich auf sonstige Unternehmungen nicht einzulassen. Um Daressalam hatten sich nicht, wie um Bagamoyo, die Rebellen alle in einer starken Befestigung versammelt, sondern sie waren auf mehrere befestigte Dörfer der Umgegend verteilt. Als nun die Nachricht von der Einnahme des Buschirischen Lagers, wenn auch mit einzelnen Unrichtigkeiten, südwärts zuerst zur Bevölkerung und zu den Rebellen, dann durch Spione nach der Station gedrungen war, erschien es notwendig, da, wo es mit Aussicht auf Erfolg möglich war, möglichst schnell einzugreifen, ehe die Aufständischen sich noch mehr zersplitterten oder ganz abzogen. In erster Linie wünschte der Verfasser das nahe gelegene Magogoni anzugreifen, in dem sich viele Araber und Belutschen befanden. Das Gesindel hatte der Station immer Schwierigkeiten gemacht und war im Besitze einer großen Viehherde. Nur den Offizieren wurde von der Absicht des Überfalls auf Magogoni Mitteilung gemacht, da sonst Grund zur Annahme vorlag, daß der Plan verraten und vereitelt werden würde. In der Nacht vom 12. bis 13. Mai wurde die Stationsbesatzung alarmirt, Munition verteilt und Lieutenant von Behr, dem sich der Beamte der Ostafrikanischen Gesellschaft, Herr Küsel, anschloß, der Befehl erteilt, mit 20 Mann bei Tagesanbruch unbemerkt westlich von Magogoni zu landen. Verfasser selbst fuhr mit Lieutenant Merker und den letzterem zugeteilten 30 Mann die Innenseite des Hafens und die schmale Landzunge entlang, auf welcher Magogoni liegt, und landete auf der diesem Orte entgegengesetzten Seite. Nach einstündigem Marsch erreichten wir Magogoni. Die Annäherung beider Abteilungen war wohl während der Nacht ziemlich unbemerkt erfolgt, doch stürzten sowohl der Abteilung v. Behr wie der Abteilung Merker kurz vor dem Dorfe Bewaffnete in ungeordneten Trupps entgegen, welche sofort in die Flucht geworfen wurden. Der Verlust der Gegner betrug 8 Tote, darunter 2 Araber. Es wurden neben 60 Stück Kleinvieh 90 Rinder erbeutet, welche den Strand entlang getrieben wurden bis an den Hafen von Daressalam, über welchen sie dann mit einer Pinasse zur Station gebracht wurden. Die in der weiteren Umgebung lagernden Banden sah sich Verfasser außer stande anzugreifen, da die Station nicht entblößt werden konnte, und erst Wißmanns Befehl und Truppenverstärkung hierzu abgewartet werden mußte.
Das Unternehmen gegen Magogoni billigte der Reichskommissar und auf die Meldung von der unbedingten Notwendigkeit, sofort gegen die anderen Rebellennester um Daressalam vorzugehen, kam er persönlich am 19. Mai auf dem von Dr. Peters gecharterten Dampfer Neera nach Daressalam, brachte über 100 Mann unter Chef Theremin und Lieutenant von Medem mit und erteilte dem Verfasser den Befehl am 20. Mai mit zwei kombinierten Kompagnien (Marschordnung: 1. Kompagnie [Lieutenant von Behr, Lieutenant Blümcke], 2. Kompagnie [Chef Theremin, Lieutenant von Medem] nach Mabibu vorzurücken, zu rekognoszieren und eventuell anzugreifen. Das Rebellenlager wurde gefunden, wurde aber bei unserer Annäherung verlassen. Vergebens versuchten die Aufständischen, ihre Viehherde vor uns zu retten; die kleinen Abteilungen, mit denen Plänkeleien entstanden, wurden schnell geworfen, und die ganze Herde, 80 Rinder und eine Menge Kleinvieh erbeutet. Auch einige Fahnen und Waffen fielen in unsere Hände; das Lager wurde geplündert und eingeäschert. Seliman ben Sef war leider entkommen, mit ihm Schindu.
Am nächsten Tage machte ich eine Rekognoszierungstour nach Magurmura, dem Dorfe Schindus. Dieselbe endete mehr komisch als erfolgreich. Die Einwohner flohen bei unserer Annäherung, nur eine alte energische Dame wehrte sich unter furchtbarem Geschimpfe mit einem Messer heftig gegen die Soldaten und verwundete einen derselben. Sie entpuppte sich später als Mutter des Rebellenhäuptlings und war als solche auch gleich von den Suaheli-Askaris erkannt worden. Sie wurde natürlich dingfest gemacht, mit nach der Station genommen, und dort einige Tage zur Beruhigung ihrer Nerven eingesperrt. Nach einem vereitelten Versuch ihrerseits, durch eine fensterartige Oeffnung der Bastion zu entweichen, wurde sie als im übrigen harmlos wieder entlassen.
Nach diesen Unternehmungen nahm der Reichskommissar die aus Bagamoyo mitgebrachte Kompagnie wieder dahin zurück, da große Rebellenansammlungen und ernste Schwierigkeiten um Daressalam nicht mehr bestanden. Die kleinen Unternehmungen des Verfassers gegen einzelne Rebellendörfer hatten genügt, den Bewohnern der Umgegend von Daressalam zu zeigen, daß es nunmehr ausschließlich ihr Besitz und Eigentum sei, die durch diese Unruhen gefährdet würden, denn wenn die Leute nicht standhielten, blieb nichts weiter übrig, als die unruhigen Massen an ihrem Eigentum durch Verbrennen und Ausplündern der Dörfer oder Konfiskation der Felder, so weit sie in unserm direkten Machtbezirk lagen, zu bestrafen.
Außerdem wurden die Jumbes sämtlicher im Umkreis von Daressalam gelegenen Ortschaften vom Verfasser aufgefordert, zur Station zu kommen und dort ihre vollständige Unterwerfung anzukündigen; so weit sie nicht eine ganz besonders hervorragende Rolle beim Aufstande gespielt hatten, wurde ihnen Straflosigkeit zugesichert. Diese Aufforderung und Zusicherung der Amnestie wirkte auf die gesamte Bevölkerung der Umgegend in gewünschter Weise. Nur gegen wenige Dörfer mußte in nächster Zeit vorgegangen werden. So wurde ein nochmaliges Vorgehen gegen Magogoni nötig, da dies große und reiche Dorf, besonders durch die Belutschen-Bevölkerung aufgehetzt, sich gegen uns auflehnte. Diesmal wurde es aber von Grund aus zerstört und geplündert.
Eine fernere Unternehmung aus dieser Zeit war die Bestrafung des Ortes Ukonga, dessen Pasi (Häuptling, Dorfschulze) Jangajanga hauptsächlich die Schuld an der Ermordung der Missionare in Pugu trug. Er hatte von den Missionaren die größten Wohlthaten empfangen und auch Geschenke dafür erhalten, daß er versprach, sie in Kenntnis zu setzen, wenn ihnen ein Anschlag der Rebellen drohe. Dieses Versprechen hatte er so eingelöst, daß er den Aufständischen von Bueni als Führer nach der Mission in Pugu diente und die Brüder und Schwestern meuchlings überfallen half. Als dem Verfasser dieses Verhalten Jangajangas zu Ohren gekommen war, trat er eines Tages mit einem Teil der Stationsbesatzung den Marsch gegen Ukonga an und traf daselbst bei Beginn der Abenddämmerung, kurz vor 6 Uhr ein. Bis zum Eintritt der Dunkelheit hielt sich unsere Abteilung im Gebüsch verborgen und überfiel dann, von den übrigen Dorfbewohnern ungesehen, den von Jangajanga und seinen Angehörigen bewohnten Teil Ukongas. Die Leute desselben leisteten nur ganz vereinzelt Widerstand; der Jumbe selbst hatte wohl Unrat gewittert und war zwei Tage zuvor weiter ins Innere geflohen. Verfasser setzte daher einen Preis auf seinen Kopf, es gelang jedoch nicht, ihn in unsere Gewalt zu bekommen.
Nun ging Verfasser daran, endlich die Gebeine der ermordeten Missionare, die, wie er durch Kundschafter wußte, noch immer unbestattet in Pugu lagen, zur letzten Ruhe zu bringen. Mit den Herren Chef Theremin, Lieutenant Merker, Herrn Küsel, Unteroffizier Becker und einem kleinen Trupp Soldaten machte er sich auf. Außerhalb des von den Rebellen mit allen übrigen Missionsgebäuden in Asche gelegten Wohnhauses lag fast unversehrt der Leichnam des von den Eingeborenen als Fundi (Handwerksmeister) bezeichneten Missionars, der als Bruder Petrus festgestellt wurde. Im Hause selbst fanden sich die Gebeine des Bruders Benedict, die vom Feuer sehr gelitten hatten, und die wenigen Ueberreste der Schwester Martha, die von einer Innenwand des Gebäudes bedeckt lag. Das Feuer hatte offenbar darunter noch längere Zeit fortgequalmt, denn die Gebeine waren beinahe verkohlt. Die Reste der Unglücklichen wurden in je einen Sarg gelegt und neben den Gräbern der früher in ihrem Berufe verstorbenen Brüder und Schwestern beigesetzt. Wir schmückten, so gut es ging, die letzte Ruhestätte mit Palmenzweigen, und Lieutenant Merker machte eine photographische Aufnahme, welche der katholischen bairischen Missionsgesellschaft zugleich mit einigen Andenken an die Märtyrer ihres Berufs, die sich noch auf der ausgeplünderten und niedergebrannten Stätte gefunden hatten, übersandt wurden. Den Jumbes wurde streng anbefohlen, auf die Gräber sorgfältig Acht zu geben, wir drohten, deren Schändung an den Pugu-Leuten selbst zu bestrafen. Die letzteren waren freilich an der Unthat selbst nicht schuldig, ihr Fehler war nur der gewesen, daß sie es nicht gewagt hatten, der Uebermacht der Rebellen zu trotzen und die wegen ihrer Wohlthätigkeit und ihres stillen segensreichen Wirkens bei ihnen wohl beliebten Missionare zu verteidigen. Daraus kann man den Negern aber keinen Vorwurf machen. Von der Missionsgesellschaft, welcher der Verfasser bei der Uebersendung der Photographien von der Bestattung ihrer Angehörigen und den näheren Umständen ihrer Ermordung und Auffindung Mitteilung gemacht hatte, ging ein Dankschreiben ein, das ihren Gefühlen Ausdruck gab und zeigte, daß die schwergeprüften Väter nicht den Mut und die Lust verloren hatten, ihr Werk in Afrika fortzusetzen. Ihre jetzige Station ist Daressalam.
Während des größten Teils des Monats Juni und im Monat Juli konnten wir uns so in Daressalam der friedlichen Arbeit, dem weiteren Ausbau der Station und der Ausbildung der Truppen widmen und einige kleinere friedliche Expeditionen unternehmen. Nur noch einmal, im Monat August, wurde der Verfasser anläßlich der traurigen Pugu-Affaire genötigt, gegen die Ortschaft Simbasi vorzugehen, in welcher es ihm auch durch einen Ueberfall gelang, zwei beim Morde der Pugu-Missionare beteiligte Araber gefangen zu nehmen, die dann vom Reichskommissar zum Tode durch den Strang verurteilt wurden.
Nach dem Ausbruch des Aufstandes an der Küste waren es neben der Kilwabevölkerung besonders die Leute Bana Heris, des Machthabers von Usegua, welche sich durch eine große Unthat straffällig machten. Der mit der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft vom Sultan abgeschlossene Vertrag hatte Bana Heri um so härter betroffen, als er von den Machthabern an der Küste der einzige war, der niemals den Sultan von Sansibar als Herrn anerkannt hatte. Es war nur natürlich, daß Bana Heri nicht gutwillig auf das gute Einkommen Verzicht zu leisten gewillt war, welches er bislang durch die nach Sadani ziehenden Karawanen gehabt hatte. Eben so wenig wollte er den Einfluß einbüßen, den er als Sultan von Usegua, — wie er sich nannte, — in Usegua, Nguru und teilweise Ukami genoß und der naturgemäß wegen der zu jener Zeit gegen die Deutschen herrschenden Mißstimmung und Mißachtung noch gewachsen war. Diese Mißstimmung gegen alles Europäische zeitigte Ausschreitungen des fanatischen Pöbels und fand ihren empörendsten Ausdruck in der Ermordung des englischen Missionars Brooks, der im Januar 1889 aus dem Innern nach der Küste kam und hierzu die Sadanistraße benutzte. Brooks war von Abdallah, Bana Heris Sohn und einem Teil seiner Leute auf der Sadanistraße anscheinend in friedlicher und freundschaftlicher Absicht in Empfang genommen und in der Richtung nach der Küste hin geleitet worden. Bald darauf fand man ihn auf der Straße hinterrücks erschossen vor. Beide Arme waren ihm abgeschlagen, sein Leichnam zerstückelt, die Stücke verstreut. Fünfzehn seiner farbigen Begleiter wurden gleichfalls ermordet, die Waren und das Gepäck geraubt.
Es ist stets angenommen worden, daß der Urheber dieser Unthat der oben erwähnte Abdallah gewesen ist, obwohl sich das nicht mit absoluter Bestimmtheit nachweisen ließ.
Bana Heri erwartete natürlich auf jenen Mord hin ein Einschreiten der deutschen Regierung und rüstete sich, diesem wie auch einer Okkupation seines Landes energisch zu begegnen. Es strömte ihm sein Anhang in Usegua zu und wurde in der ersten Zeit noch durch Wadoës verstärkt. Bana Heri verschanzte sich besonders in Sadani und Uwindji und hatte außerdem verschiedene Befestigungen im Hinterlande dieser Küste errichtet.
Schon vor der Ankunft Wißmanns war Herr Admiral Deinhard gegen den Usegua-Sultan eingeschritten, indem er Sadani von See aus bombardierte. Der Admiral meinte hierdurch den Rebellen eine fühlbare Strafe zu teil werden zu lassen. Er hatte sich aber hierin getäuscht und nur bewirkt, daß die Rebellen während der Beschießung den Ort verließen und sich hinter demselben in gesichertes Terrain flüchteten. Als sie sahen, daß die Kriegsschiffe die Rhede verließen, kamen sie wieder zum Vorschein und schossen, gewissermaßen zum Hohn, mit einer alten Kanone hinter den Kriegsschiffen her, selbstverständlich ohne irgend welchen Schaden zu thun. Es schien daher, als der Aufstand in Bagamoyo und Daressalam niedergeworfen war und diese Orte gesichert schienen, notwendig, Sadani zu züchtigen.
Dies konnte nur durch eine Landung mit der gehörigen Truppenmacht geschehen. Wißmann war allerdings nicht in der Lage, damals schon vor der Einnahme von Pangani und Tanga Sadani dauernd zu besetzen, da seine Truppen für den nördlichen Küstenstreifen notwendig gebraucht wurden, aber er wollte mit der Züchtigung von Sadani noch den Zweck verbinden, durch einen entscheidenden Schlag gegen Bana Heri die Rebellen in Pangani einzuschüchtern und dadurch zu Friedensverhandlungen geneigter zu machen, zumal ihm von der Reichsregierung anempfohlen worden war, auf solche einzugehen. Wie wir später sehen werden, befand sich unter der Bevölkerung von Pangani eine Partei, die zum Frieden mit den Deutschen riet und diesen dringend wünschte.
Als Operationstag gegen Sadani wurde der 6. Juni festgesetzt. Tags zuvor wurden alle irgendwie entbehrlichen Truppen, im ganzen 500 Mann, unter den Chefs v. Gravenreuth, v. Zelewski, Krenzler und dem Verfasser, der von Daressalam herübergekommen war, mit zwei Geschützen auf dem von der Marine gecharterten Dampfer »Cutch« in Bagamoyo eingeschifft. Am 6. Juni früh begann seitens des Geschwaders, welches außer dem »Cutch« aus der »Möwe«, die solange Sadani blokiert hatte, »Leipzig«, »Schwalbe« und »Pfeil« bestand, die Beschießung der gegnerischen Befestigungen; während derselben zogen sich die Rebellen in die südlich gelegenen dichten Gebüsche zurück.
Als das Feuer der Kriegsschiffe schwieg, eröffneten die mit Revolverkanonen armierten Pinassen, welche das Expeditionskorps, jede drei oder vier Boote hinter sich schleppend, ans Land brachten, ein wirksames Granatfeuer.
Da der Strand von Sadani sehr flach zuläuft, mußten wir von den Booten aus noch eine längere Strecke durch das Wasser waten unter dem Feuer der Feinde, welche mittlerweile aus den Gebüschen heraus an den Strand geeilt waren, um unsere Landung zu verhindern. Dabei erhielt Unteroffizier Bilke einen Schuß durch den Arm und Lieutenant von Medem und einige Farbige wurden leicht verwundet, — der Verlust der Aufständischen soll sich nach ihren eigenen, freilich sehr unsicheren Angaben, auf 105 Tote belaufen haben. Chef von Zelewski führte den linken Flügel, Gravenreuth den rechten, der Verfasser das Centrum, das aus zwei Kompagnien unter den Herren von Perbandt und Sulzer und dem geschlossenen Trupp der deutschen Unteroffiziere unter Lieutenant v. Sivers bestand.
Während Gravenreuth Sadani selbst angriff und das Terrain hinter demselben säuberte, gingen die Abteilung Zelewski und die des Verfassers dem Befehl gemäß südlich des Dorfes durch die Büsche und Mangrove-Sümpfe vor, ohne sonderlichen Widerstand zu finden. Ziemlich das einzige Unglück, das passierte, war, daß dem Verfasser seine Schuhe und Strümpfe im Sumpfe stecken blieben und er so das Vergnügen hatte, den ganzen Tag barfuß durch die Dornen und den heißen Sand zu laufen.
Im Westen der Sümpfe hatten sich die Feinde zum Teil wieder gesammelt, doch wurden sie durch meine ausgeschwärmte Abteilung und das Feuer des Maxim-Guns unter Lieutenant Böhlau schnell in die Flucht gejagt. Bald darauf traf Zelewski, der weiter südlich die abziehenden Feinde beschossen hatte, beim Verfasser ein, während Wißmann mit der Gravenreuthschen Abteilung die Gegner noch in der Richtung auf Ndumi verfolgte und die Landungscorps der Marine im Norden Sadanis die Feinde verjagten. Die Befestigungen wurden zerstört, der Ort geplündert und eingeäschert.
Bei solchen gemeinsamen Plünderungen, wie sie bei Sadani, Pangani, erfolgten, kamen öfters unsere Marinesoldaten mit ihren schwarzen Waffenbrüdern in der Schutztruppe in Streitigkeiten um den Raub, und derartige kleine Zwistigkeiten wurden, wie schon erwähnt, dann tragischer aufgenommen, als sie es verdienten.
Nachdem wir kurze Rast gehalten und von dem, was wir mitgenommen oder erbeutet, gefrühstückt hatten, schifften wir uns wieder auf dem »Cutch« ein, aber nur um gleich darauf wieder 3 Stunden nördlich von Sadani bei Uwinje zu landen, wo sich eine Schamba Bana Heris und feindliche Befestigungen befanden. Auch dieser Platz wurde nach geringem Widerstand genommen und zerstört; die dort liegenden Dhaus, welche den Aufständischen Waffen und Munition zugeführt hatten, wurden verbrannt. Wir hatten bei Sadani und Uwinje zusammen 2 Tote und 9 meist leicht Verwundete. Die hierauf folgende Nacht wurde an Bord des »Cutch« in heiterster Laune verbracht, und am nächsten Tage ging es wieder zurück nach Bagamoyo.
Es wurde nun vom Reichskommissar die Operation gegen Pangani vorbereitet. An der Spitze der Friedenspartei daselbst stand der Araber Said Hamedi, ein alter Mann, der erstens keine Lust hatte, sich in einen Krieg mit uns einzulassen, auch vorher die Beamten der Deutsch-ostafrikanischen Gesellschaft gegen die aufgeregten Volksmassen geschützt hatte, und der sich andrerseits wohl bewußt war, daß er, dessen Reichtum an der Küste ein großer war, nur an seinem Besitztum verlieren könne, wenn die Rebellen unterlägen. Ebenso dachten viele der begüterten Araber und der reichen Suaheli von Pangani.
Die Rebellion daselbst wurde indes durch die besitzlosen Araber und Belutschen, welche bei der Unsicherheit der Verhältnisse nur gewinnen konnten, geschürt und die kritiklose Masse der Eingeborenen so mit fortgerissen.
Die Friedenspartei in Pangani wandte sich an den Sultan von Sansibar mit der Bitte um Vermittlung beim deutschen Reichskommissar. Wißmann schickte daraufhin den früheren Wali von Pangani Soliman ben Nassr mit Abgesandten des Sultans nach Pangani, um der Bevölkerung durch diese Gesandten die Bedingungen der friedlichen Uebergabe zu übermitteln. Als der Abgesandte des Reichskommissars jedoch sich in einem Boote dem Strande von Pangani näherte, wurde er mit Schüssen empfangen und mußte unverrichteter Sache wieder nach Sansibar zurückkehren. In gleicher Weise war während der zwischen dem Reichskommissar und den Pangani-Leuten schwebenden Verhandlung eine auf der Panganireede liegende Dampfpinasse der »Leipzig« unter Lieutenant zur See v. Möller von den Rebellen beschossen worden. So zeigte sich, daß in letzter Stunde in Pangani wieder die Kriegspartei die Oberhand gewonnen hatte.
Viel hatten dazu wohl auch die falschen Nachrichten beigetragen, welche über das Gefecht von Sadani nach Pangani gedrungen waren; es sollten nämlich wohl die Rebellen große Verluste erlitten haben, aber auch 100 Deutsche teils gefallen, teils in den Sümpfen stecken geblieben sein. Es wurde damals in der Truppe der Witz gemacht, meine im Sumpfe stecken gebliebenen Stiefel hätten zu dieser Uebertreibung Veranlassung gegeben.
Als Tag des Angriffes wurde von Wißmann der 9. Juli bestimmt. Tags zuvor wurden alle zur Verfügung stehenden Truppen in Bagamoyo eingeschifft und in Bagamoyo selbst unter Chef von Gravenreuth, in Daressalam unter dem Verfasser eine starke Besatzung zurückgelassen, weil dem Gerücht zufolge ein Angriff Buschiris auf die Stationen zu erwarten stand. Am Abend des 8. vereinigten sich die Wißmannschen Schiffe »Harmonie«, »München«, »Vulkan« und »Max« — der »Vesuv« wartete noch in Aden das Aufhören des Südwestmonsuns ab —, mit dem Geschwader, welches den Ort bis dahin blokiert hatte.
Pangani liegt am linken Ufer des ebenso genannten Flusses, etwas landeinwärts.
An beiden Ufern erheben sich ziemlich steile Anhöhen von 100-200 Fuß, die mit dichtem Buschwerk bestanden und von Schützengräben umgeben waren. Die feindliche Stellung war also, zumal da nur schmale Zugänge hinaufführten und diese mit drei Vorderladern armiert waren, eine ziemlich starke und wurde von den Rebellen für uneinnehmbar gehalten. Die Hauptbefestigungen lagen auf dem rechten Ufer, wohin denn auch die sämtlichen Schiffe, mit möglichster Schonung des Ortes selbst, ihr außerordentlich wohl gezieltes Feuer richteten.
Der Strand ist hier sehr flach; die Truppen warteten daher, um möglichst wenig im Wasser unter dem Feuer der Feinde waten zu müssen, den höchsten Stand der Flut ab, und bewerkstelligten die Landung an einer kleinen, vor dem rechten feindlichen Flügel gelegenen Bucht. Das Angriffskorps war in drei Treffen formiert; das erste, bestehend aus der 1. und 5. Kompagnie unter Dr. Schmidt, wurde sogleich nach der Landung in Schützenlinien formiert und ging unter lebhaftem Feuer auf die im Gebüsch versteckt liegenden Gegner gegen die Höhe vor.
Als das zweite Treffen unter Chef Freiherrn von Eberstein herankam, wurden die Feinde aus allen Befestigungen geworfen und in eine westlicher gelegene Hügelkette getrieben, deren dichtes Buschwerk der Verfolgung bald ein Ziel setzte.
Das dritte Treffen unter v. Zelewski war durch ungünstige Umstände zu lange aufgehalten worden und kam nicht mehr ins Feuer.
Auch die Rebellen auf dem linken Ufer flohen aus ihren Pallisadenverschanzungen und suchten sich, am ungedeckten Flußufer entlang ziehend, in den Ort selbst zu retten; zur Hälfte aber wurden sie von den mittlerweile nachgekommenen Maxim-Geschütz unter Lieutenant Böhlau zusammengeschossen.
Es blieben von den Arabern etwa 30 Tote und 50 Verwundete auf dem Platze, ein Zeichen, eine wie furchtbare Wirkung das Maxim-Geschütz mit seinen 600 Schuß in der Minute in der Hand eines geschickten Artilleristen ausübt.
So fand denn die 300 Mann starke Marineabteilung unter Kapitän zur See Plüddemann, welche endlich trotz der heftigen Brandung auf dem linken Ufer des Flusses gelandet war, den Feind in den Befestigungen nicht mehr vor, auch nicht mehr in Pangani selbst. Auf unserer Seite war nur ein Sudanese gefallen, ein deutscher Unteroffizier und 3 Sudanesen waren verwundet.
Pangani wurde von der 5. und 6. Kompagnie besetzt, die Befestigung auf dem rechten Ufer zur Zeit der Abwesenheit des Expeditionskorps von der 1.-3. Kompagnie. Die Europäer und die Truppen, welche alle vollkommen durchnäßt waren, hatten, da der Proviant bis zum Abend des Gefechtstages noch nicht hatte vom Bord der Schiffe aus ans Land geschafft werden können, nach der Anstrengung des Tages nicht einmal eine Stärkung. Erst am Abend half Wißmann persönlich, als er auf der Pangani- wie auf der Ras Muhesa-Seite die Truppen inspizierte, diesem Übelstande dadurch ab, daß er sofort selbst für die Übersendung der nötigen Vorräte Sorge trug. Das frühere Gesellschaftshaus in Pangani, von dem aus man einen bequemen Überblick über den ganzen Ort hatte und diesen wie das Flußufer mit Feuer bestreichen konnte, wurde als Stationshaus beibehalten und der Bau von Befestigungen hier wie auf Ras Muhesa begonnen.
Ras Muhesa ist ein Felsen an der rechten Flußmündung, der auf drei Seiten schroff ins Meer abfällt. Das Buschwerk auf der vierten Seite, welches den freien Überblick hinderte, wurde ausgerodet, und der Zugang mit einer 1-1/2 m hohen Wand aus Wellblech mit Erdeinlage geschützt.
Da diese Befestigungsarbeiten in Pangani und auf Ras Muhesa längere Zeit in Anspruch nahmen, der Reichskommissar sie aber so sehr als möglich fördern wollte, um eine möglichst geringe Anzahl von Soldaten dort als Besatzung zurückzulassen, konnte der ursprünglich zwischen Wißmann und dem Admiral verabredete Termin für die Operation gegen Tanga, der 10. Juli, nicht innegehalten werden. Der Admiral aber, den Gründen Wißmanns unzugänglich, ging infolgedessen am 9. mit dem Geschwader voraus und schickte noch am selben Tage in Tanga eine Botschaft ans Land, die Einwohner sollten, wenn sie den Frieden wünschten, mit ihm in Unterhandlungen treten. Sie erbaten sich, da sich die friedlich gesinnten Neger nicht sogleich mit den im allgemeinen zum Kriege geneigten Arabern und Belutschen einigen konnten, drei Tage Bedenkzeit. Diese wurde vom Admiral abgeschlagen.
So wurde denn am 10. früh das Landungscorps der Marine formiert und an Land gesetzt. Es wurde zuerst mit Schüssen empfangen, doch ergriffen die Rebellen beim ersten Schnellfeuer der Marinetruppen die Flucht und wurden mit geringer Mühe aus Tanga selbst und seiner näheren Umgebung vertrieben. Das frühere Haus der ostafrikanischen Gesellschaft wurde mit 100 Mann der Carola besetzt, um den Ort gegen etwaige feindliche Angriffe halten zu können.
Einige umliegende Dörfer schickten nach Tanga und erbaten den Frieden, der ihnen vom Admiral auch gern gewährt wurde. Die Inder waren im Ort zurückgeblieben, ein Zeichen, daß von vornherein eine Aussicht auf einen ernsten Kampf um Tanga nicht vorhanden war, und die Friedenspartei hier die Oberhand hatte. Wißmann wurde durch einen Brief des Admirals vom 11. Juli davon in Kenntnis gesetzt, daß Tanga von der Marine genommen und besetzt sei, und daß das Geschwader bis zum 14. Juli auf den Reichskommissar warten werde. Wißmann fuhr infolgedessen am 13. auf der München zunächst allein nach Tanga, wählte einen Platz für die Station aus, von wo aus der Ort und der Hafen beherrscht werden konnte, und als am 15. das Expeditionskorps nachkam, wurde sofort mit der Befestigung des Platzes, welche hier von Grund aus neu gebaut werden mußte, begonnen.
Das provisorische Fort wurde aus Wellblech und Brettern hergerichtet und mit einem Stacheldrahtzaun umgeben. Die Bauten gingen in Pangani und Tanga, Dank des Eifers unserer Zulus und Sudanesen, so außerordentlich schnell von statten, daß Wißmann bald den Norden verlassen und sich wieder nach Bagamoyo zurückbegeben konnte, nachdem er die Station Tanga mit einer Kompagnie besetzt und dem Chef Krenzler übergeben hatte.
Aus Pangani nahm er die Ueberzeugung mit, daß der Handel hier bald wieder den früheren Umfang annehmen würde, da bereits in den ersten Tagen nach der Einnahme des Ortes eine Anzahl der flüchtigen Rebellen zurückgekehrt war und sich unterworfen hatte.
Als so die Hauptplätze an dem nördlichen Teil der Küste unseres Interessengebietes wieder unter unsere Herrschaft gebracht waren, dachte Wißmann daran, die Verkehrswege, welche nach dem Innern führten, von neuem zu eröffnen; hierzu gab besonders den Anstoß die Absicht der in Daressalam weilenden großen Waniamuesi-Karawane, in ihre Heimat mit den gegen ihr Elfenbein an der Küste erhandelten Waren zurückzukehren.
Da sie alle von Bagamoyo, dem Endpunkt der großen Karawanenstraßen aus, gemeinsam den Rückmarsch antreten wollten, ging Wißmann daran, die in Daressalam befindliche Karawane dorthin überzuführen. Er sandte zu dem Zweck Ende Juli sein Expeditionskorps unter Führung des Chefs von Zelewski nach Daressalam, wohin er sich Tags darauf selbst begab, ließ die Waren und sämtliches Gepäck der Waniamuesi per Dampfer nach Bagamoyo bringen, und führte selbst auf einem dreitägigen Marsche die Karawane unter der Bedeckung seiner Soldaten ebendahin. Während dieses Küstenmarsches pflog der Reichskommissar persönlich Verhandlungen mit den Jumbes der Küstenorte, und gewann hier, wie überall und zu jeder Zeit, das volle Vertrauen der Eingeborenen zur deutschen Herrschaft. In Bueni, dem bedeutendsten Küstenplatze zwischen Bagamoyo und Daressalam, dessen Handel entschieden der ausgedehnteste an der Küste ist, wurde der bisherige Wali, Sef ben Issa, welcher ebenfalls an der Ermordung der Missionare in Pugu hervorragend beteiligt war, seines Amtes enthoben, sein Besitztum konfisziert, seine Sklaven freigelassen, und ein Preis von 1000 Rupies auf seinen Kopf gesetzt. An seine Stelle trat Seliman ben Nassr, eine dem Reichskommissar sowohl wie der Bevölkerung genehme Persönlichkeit.
In der weiteren Umgegend von Bagamoyo, zwischen dem Kingani und dem Wami, hatten sich die alten Jumbes von Bagamoyo (Jehasi, Makanda, Simbambili und Bomboma), die Hauptverbündeten Buschiris, wieder festgesetzt und den ihnen durch Vermittler erteilten Rat, nach Bagamoyo zurückzukehren und sich Wißmann zu stellen, höhnisch zurückgewiesen. Wißmann mußte daher daran gehen, sie aus dieser Gegend zu vertreiben, um zu verhindern, daß Buschiri, wenn er aus dem Innern zurückkehrte, hier wieder einen Stützpunkt fände. Es wurde zu dem Zweck Chef v. Gravenreuth mit zwei Kompagnien und einer größeren Waniamuesi-Abteilung abgeschickt, mit dem Befehl, die Gegend zu säubern und die mit den Jumbes verbündeten Ortschaften zu zerstören, ein Auftrag, den Gravenreuth mit dem ihm eigenen Geschick ausführte. Er brachte den Gegnern erhebliche Verluste bei, ohne selbst solche zu erleiden, äscherte die Rebellenlager ein und nahm die dort angehäuften Lebensmittel weg. Dieser Erfolg trug bald gute Früchte, indem auch die Jumbes aus der weiteren Umgegend nach Bagamoyo kamen und um Frieden baten. Auch gegen die berüchtigten Sklavenhändler von Mlangotini wurde um diese Zeit ein Schlag geführt; ein Sklaventransport, den sie bei Nacht nach Sansibar zu bringen im Begriffe standen, wurde ihnen abgenommen und sie selbst wurden aufgehängt, unter ihnen der gefährlichste von allen Salem, den erfreulicherweise die Eingeborenen selbst gebunden dem Reichskommissar überbrachten.
In Sadani hatte sich inzwischen Bana Heri wieder mit einem Teile seiner Leute eingefunden, und schien durch alle Mißerfolge seiner Partei noch nicht im geringsten entmutigt, vielmehr entschlossen, den Kampf fortzusetzen und die Herrschaft über Usegua zu behaupten.
Sef ben Mohammed, der Sohn des unter dem Namen Tibbu-Tip bekannten Hammed ben Mohammed, war mit einer Menge Elfenbein und unter anderm auch mit Geschenken für Wißmann von seinem Vater aus dem Innern nach der Küste abgeschickt worden und nach unserm Kampf bei Sadani dort angekommen, hatte er vom Reichskommissar auf sein Ansuchen die Erlaubnis erhalten, die Festlandsküste zu verlassen, um nach Sansibar zu gehen. Er ging bald darauf wieder im Einverständnis mit Wißmann nach Sadani und bot hier all seinen Einfluß auf Bana Heri auf, um diesen zur Unterwerfung unter die deutsche Herrschaft zu veranlassen. Seine Bemühungen waren vollkommen vergeblich.
Der Reichskommissar wandte sich deshalb an den Kapitän Valette, den stellvertretenden Geschwaderchef nach Abgang der Leipzig aus Ostafrika, mit der Bitte, Sadani zu blokieren, um die Versorgung Bana Heris mit Waffen und Munition, wie überhaupt jede Kommunikation desselben mit Sansibar zu verhindern.
Die ersten in dieser Zeit eingetroffenen Berichte aus Pangani und Tanga an den Reichskommissar lauteten günstig. Die nächste Umgebung Panganis hatte sich bis auf den Dörferkomplex Muganda unterworfen. Auch mit diesem hoffte der Stationschef Dr. Schmidt ein friedliches Abkommen treffen zu können. Als er jedoch auf einem Spazierritt, den er allein in jene Gegend machte, von Muganda-Leuten mit Schüssen aus den Gebüschen auf beiden Seiten des Weges empfangen wurde und nur mit genauer Not entkam, sah er sich genötigt, sofort die Rebellen anzugreifen und sie zur Flucht weiter ins Innere hinein zu zwingen. Von der Stationsbesatzung fiel ein Mann und einer wurde schwer verwundet, während die Aufständischen erhebliche Verluste hatten.
In Tanga wurde, nachdem das letzte noch feindliche Dorf in der Umgegend, Timbari, vom Stationschef mit einem Teil seiner Besatzung und einer Matrosenabteilung von 16 Mann zerstört und den Rebellen ihr Vorrat an Munition und Proviant abgenommen war, der bei dem Gros der Bevölkerung beliebte Neger Munikombo als Wali eingesetzt und so auch hier Ruhe und Ordnung vollkommen wiederhergestellt.
5. Kapitel.
Ausbildung des Reichskommissariats.
Mangel an Verwaltungspersonal. — Einrichtung und Geschäftsbereich der Verwaltung in der Schutztruppe. — Verwaltung des vorhandenen Dampfermaterials. — Unterstützung durch deutsche Firmen in Sansibar. — Das Hauptquartier. — Adjutant Bumiller. — Verkehr mit den Arabern und Indern. — Verteilung des Kriegsmaterials auf Stationen. — Das Sanitätswesen und die Hospitäler. — Tod des Stabsarztes Schmelzkopf. — Einexerzierung der Schutztruppe. — Deutsche Kommandos. — Uniformen und Gepäck. — Verteilung der Schutztruppe. — Schwarze Chargen. — Weiße Chargen. — Systematische Ausbildung der Gruppe. — Schießresultate bei Sudanesen und Zulus. — Disziplin der Zulus. — Verhältnis des Kommissariats zu den deutschen Behörden in Sansibar. — Verhältnis zur Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft. — Dienst der Wißmann-Flotte.
Die Kämpfe um Bagamoyo, Daressalam, Pangani und Tanga bilden den ersten Abschnitt in der Niederwerfung des Aufstandes. Nach ihrer Beendigung konnte der Reichskommissar mit größerer Ruhe an die weitere Durchführung der ihm gestellten Aufgabe gehen. Während dieses ersten Teils seiner Thätigkeit hatte sich naturgemäß eine vollständige Umbildung des Reichskommissariats in allen seinen Teilen vollziehen müssen, da dasselbe anfangs nur zu sehr den Charakter des Provisorischen an sich trug.
In erster Linie gehörte hierher die Ausbildung der eigentlichen Verwaltung und des Verkehrs mit den wiedergewonnenen oder neugeschaffenen Stationen. Streng genommen stand dem Reichskommissar an geschultem Verwaltungspersonal nur zur Verfügung der Zahlmeisteraspirant der Marine Merkel, der jedoch bald nach seiner Ankunft den Wirkungen des Klimas unterlag. Dagegen war kein Intendanturbeamter, ja nicht einmal eine Art Sekretär vorhanden, sondern es vereinigte sich alles dieses in der ersten Zeit des Kommissariats in der Person von Eugen Wolf, der in der That ein ungemein großes Arbeitsquantum in geeigneter Weise erledigt hat.
Später mußte Wißmann aus seinem Personal an Offizieren diejenigen für die Verwaltung aussuchen, welche hierzu besonders geeignet erschienen. An die Spitze der Verwaltung wurde von ihm der Chef Freiherr von Eberstein gestellt, der sich, obwohl er keine andere Vorbildung mitbrachte als seine in Ostafrika gesammelten Erfahrungen, mit großer Umsicht und anerkennenswertem Fleiß, im Interesse der Sache, diesem ihm ursprünglich gewiß nicht angenehmen Amte widmete. Es gelang ihm auch mit den übrigen ihm unterstellten Beamten die Verwaltung, soweit es eben bei den damaligen Verhältnissen möglich war, in geordnete Bahnen zu lenken.
Daß man an einen Verwaltungsapparat, wie Ostafrika ihn heute hat, wo ein Intendant, ein Landrentmeister, ein Dutzend Zahlmeisteraspiranten, eine Anzahl Sekretäre außer den dazu kommandierten Deckoffizieren und Unteroffizieren dem Gouverneur zur Verfügung stehen, ganz andere Anforderungen stellen kann, liegt auf der Hand.
Nichtsdestoweniger wird von den Gegnern Wißmanns immer die Mangelhaftigkeit der damaligen Verwaltung gegen ihn angeführt.
Und thatsächlich ist auch an leitender Stelle dem Reichskommissar stark verübelt worden, daß sich die Intendantur nicht in ganz ordnungsgemäßen Bahnen bewegt hat.
Um von dem bedeutenden Umfange dieses Verwaltungsgeschäftes ein ungefähres Bild zu geben, mögen hier nur die wichtigsten Zweige desselben kurz erwähnt sein.
Es gehörte dahin die sehr komplizierte Soldberechnung der Truppen, welche bei dem verschiedenen Material auf ganz verschiedener Basis beruhte; die Herstellung und Instandhaltung der Mannschaftslisten, welche hier mehr denn irgend wo anders durch Krankheit, Verwundung und Tod fortwährenden Aenderungen unterworfen waren; ferner die besonders in der ersten Zeit ungemein schwierige Verpflegungsfrage.
In der ersten Zeit des Aufstandes, als die indischen Kaufleute noch nicht nach Bagamoyo und den übrigen Küstenplätzen zurückgekehrt waren und zudem die Zufuhr aus dem Innern mangelte, mußte die gesamte Verpflegung für Offiziere und Mannschaften von Sansibar aus durch die Verwaltungsabteilung besorgt werden. Dieselbe hatte ferner unter sich die gesamten Ausrüstungsgegenstände der Truppe, über welche ebenfalls eine Unzahl von Zu- und Abgangslisten geführt werden mußte.
Das gesamte Kriegsmaterial, ursprünglich in Daressalam untergebracht, unterstand selbstverständlich ebenfalls der Verwaltungsabteilung. Zu Anfang mußten die Journale darüber von den Stationsoffizieren geführt werden.
Daß diese Journalisten unter diesen Verhältnissen sich nicht immer durch absolute Vollständigkeit auszeichneten, liegt in der Natur der Sache. Denn welcher der Frontoffiziere sollte von dem komplizierten Schreibmechanismus der preußischen Verwaltung so durchdrungen sein, daß er alles zur Zufriedenheit der Oberrechnungskammer erledigen könnte?
Weitere Schwierigkeiten entstanden der Verwaltung aus dem vorhandenen Dampfermaterial, welches wiederum ganz neue Kenntnisse bei den Verwaltungsbeamten voraussetzte. Die Kohlenlieferungen, die Reparaturen an den Dampfern, die An- und Abmusterung von Mannschaften — alles dies sind Verwaltungszweige, welche für sich allein schon einen geschulten Verwaltungsbeamten verlangt hätten.
Den letztgenannten Teil des Verwaltungsapparates behielt während des ersten halben Jahres des Kommissariats Eugen Wolf unter sich.
Ganz besonders anzuerkennen ist noch während der ersten Schwierigkeiten, welche sich dem Kommissariat entgegenstellten, die Hilfe der deutschen Firmen in Sansibar, besonders des Hauses Hansing u. Cie., dessen damalige Leiter Strandes, später Wegner mit ihrem kaufmännischen Rat und ihrer Kenntnis der örtlichen Verhältnisse wesentliche Dienste geleistet haben. Das Haus Hansing hatte, nebenbei bemerkt, die Hauptlieferungen für das Kommissariat übernommen und hat dieselben stets zur Zufriedenheit erledigt.
Alle Anforderungen bezüglich der Verwaltung kamen selbstverständlich am letzten Ende an den Reichskommissar, der in der That durch seine ungewöhnliche Arbeitskraft und durch sein überaus bedeutendes organisatorisches Talent in der Lage war, jedesmal die wenigstens für den Augenblick richtige Entscheidung zu treffen. Erst allmählich gelang es durch Heranziehung neuen europäischen Materials und durch die richtige Verwendung der zur Verfügung stehenden Kräfte einige Ordnung in den Verwaltungsdienst zu bringen und die einzelnen Zweige desselben zu organisieren.
Das Hauptquartier selbst war während der ganzen Zeit des Aufstandes in Sansibar in drei großen Gebäuden untergebracht. Das eine derselben, in der Hauptstraße gelegen, barg die sämtlichen Bureaus, außerdem befand sich dort die Wohnung des Reichskommissars und einiger Beamten. Ein zweites Gebäude diente zu Hospitalzwecken, ein drittes lediglich zu Wohnräumen für Offiziere. Ein Teil des Unteroffizierpersonals, welches beim Hauptquartier beschäftigt wurde, mußte trotzdem noch im Hotel untergebracht werden. Für diejenigen, welche in der Zeit des Reichskommissariats nach Sansibar kamen, mußte unzweifelhaft das Hauptquartier Wißmanns als der anziehendste Punkt der ganzen Insel gelten; war doch der Verkehr im Hauptquartier sogar lebhafter als der im Sultanspalast. In der nach arabischer Art mit Steinbänken ausgestatteten Halle wimmelte es von Kawassen und Dienern oder Boten. Im Hofe, in derselben Vorhalle, nur etwas weiter nach der Rückwand des Hauses zu, stampften die Pferde des Reichskommissars. Ein fortmährendes Gehen und Kommen deutscher Unteroffiziere gab Zeugnis von der regen Thätigkeit, welche den Tag über, zum Teil aber auch bis tief in die Nacht hinein in dem Hauptquartier herrschte.
Dazwischen fielen die zuweilen wegen ihrer langen Dauer keineswegs angenehmen Besuche vornehmer Araber und reicher Inder, welche wesentlich zur Belebung des Bildes beitrugen. Alle aber wurden vom Reichskommissar in Person stets mit der gleichen Liebenswürdigkeit empfangen und ihrem persönlichen oder Volkscharakter nach durchaus richtig behandelt. Man darf behaupten, daß niemand von diesen Bittstellern unzufrieden aus dem Kommissariat herausgegangen ist. Eine wesentliche Stütze hatte Wißmann dabei an seinem Adjutanten Dr. Bumiller. Dieser war ursprünglich als Freiwilliger ohne irgend eine bestimmt in Aussicht genommene Verwendung nach Sansibar gegangen und wurde erst draußen von Wißmann als Lieutenant und persönlicher Adjutant in den Verband der Schutztruppe aufgenommen.
Es muß der außerordentlichen Arbeitskraft und Uneigennützigkeit Bumillers das vollste Lob gespendet werden. Wohl alle Schriftstücke von einiger Wichtigkeit sind durch seine Hände gegangen, beziehungsweise von ihm verfaßt worden. Seine sehr günstigen Privatverhältnisse setzten ihn außerdem in den Stand, in einer Weise, welche auf den ersten Blick sonderbar erscheinen konnte, dem Kommissariat Dienste zu leisten: wir meinen die äußere Ausstattung desselben und zwar besonders der Räume, welche für den offiziellen Gebrauch des Reichskommissars d. h. besonders für seinen Verkehr mit den auf Aeußerlichkeiten sehr bedachten Arabern bestimmt waren. Die kostbare Einrichtung des Salons, in welchem Wißmann die vornehmen Araber empfing, war Bumillers persönliches Eigentum und von ihm dem Kommissariat zur Verfügung gestellt worden. Schwerlich würde man in Berlin ohne weiteres begriffen haben, daß in dieser Beziehung die Aeußerlichkeiten von einer wesentlichen Wirkung sein konnten und mußten. Der Maskataraber verlangt aber, wenn er jemanden als eine besonders hervorragende Persönlichkeit anerkennen soll, daß derselbe, wenigstens in einem Verkehrscentrum wie Sansibar, durch äußeren Prunk in irgend einer Weise seine Bedeutung kundgiebt. Nach dieser Richtung hin hat Bumillers Liberalität zweifellos politische Früchte getragen, ganz abgesehen davon, daß auch dem Reichskommissar und den Offizieren der Schutztruppe an der Wahrung der äußeren Würde gelegen sein mußte.
Während ursprünglich nun die Verwaltungsgeschäfte unter der persönlichen Oberleitung Wißmanns sich in den Händen von Eberstein, Eugen Wolf und Bumiller vereinigten, wurde später eine notwendige Teilung der Geschäfte und der einzelnen Ressorts vorgenommen. Die eigentliche Verwaltung, d. h. die Verpflegungsgeschäfte, das Finanzdepartement, die Führung der Generallisten über Zu- und Abgang blieb unter der Leitung des Freiherrn von Eberstein im Hauptquartier. Das Kriegsmaterial dagegen wurde teils als fester Bestand auf die einzelnen Stationen verteilt und unterstand der Verwaltung der Stationschefs; teils befand es sich als Arsenal in Daressalam unter der Verwaltung des dortigen Chefs. Das Schiffsmaterial endlich war als besonderes Ressort dem Chef der neu gebildeten Seeabteilung, zuerst dem Kapitän Hansen, später dem Lieutenant zur See der Reserve von Sivers unterstellt.
Einen ganz besonders umfangreichen Zweig des Reichskommissariats bildete das von Anfang an unter eigener Verwaltung stehende Sanitätswesen. Bei Beginn der Thätigkeit des Kommissariats standen diesem zwei Ärzte vor: Stabsarzt Dr. Schmelzkopf und Assistenzarzt 1. Klasse Dr. Kohlstock. Es mag gestattet sein, an dieser Stelle noch etwas weiter zurück zu greifen und auf die Schwierigkeiten hinzuweisen, welche sich schon beim Transport der Truppen für die Ärzte herausstellten. Wenn auch die erste Untersuchung in Kairo gesundes Material geliefert hatte, so zeigte sich bei der Langsamkeit des Transportes und bei dem Aufenthalt in Aden doch schon bald eine erhebliche Zahl von Erkrankungsfällen, zum Teil epidemischer Natur. In Aden brachen unter den Sudanesen die Pocken aus und griffen in erschreckender Weise um sich, so daß in Aden selbst bereits eine größere Anzahl Todesfälle eintraten, eine Reihe von Pockenkranken dort zurückgelassen werden mußte und auf dem Transport von Aden nach Sansibar in nur sieben Tagen noch 11 Personen der Krankheit zum Opfer fielen. Nur der durchgreifenden energischen Impfung des gesamten schwarzen Personals ist es zu danken, daß nicht eine vollkommene Dezimierung der Truppe eintrat.
Kaum in Sansibar angekommen, wurden an die Thätigkeit der Ärzte die außerordentlichsten Anforderungen gestellt. Die Einrichtung des Hospitals in Sansibar, die erste Hilfe in den Gefechten, die Überführung der Verwundeten und Kranken von der Küste nach Sansibar hinüber — alles das waren Ausgaben, welche an die Hingebung beider Ärzte mehr als gewöhnliche Anforderungen stellten. Daneben ließ ihr Kriegseifer sie auch noch als Truppenführer in den Gefechten aktive Dienste thun. Die einzige Unterstützung für die Ärzte bildeten vier Lazarettgehülfen — bei einer Truppe von mehr als 1000 Mann, zu denen die Familien der Sudanesen hinzukamen, eine verschwindende Anzahl! Eine Entlastung trat erst dann ein, als durch die Thätigkeit des deutschen Frauen-Vereins einige in der Krankenpflege ausgebildete Schwestern gesandt wurden, die im Haupthospital in Sansibar, sowie in dem bereits im Mai in Bagamoyo bei der dringenden Not errichteten Hospital Verwendung fanden. Leider hatte die Schutztruppe schon bald den Tod ihres ersten Chefsarztes, des Dr. Schmelzkopf zu beklagen.
Als dieser mit Wißmann von den Operationen bei Pangani und Tanga zurückkehrte und auf dem Wege nach Daressalam war, welches er behufs sanitärer Einrichtungen inspizieren wollte, ertrank er im Meere bei dem Versuche Hilfe zu leisten. Der Hergang war etwa folgender:
Die »München«, welche eines Tages früh mit Wißmann und Schmelzkopf an Bord Sansibar verlassen hatte, konnte im Laufe des Tages wegen des hohen Seegangs den Hafen von Daressalam nicht mehr erreichen und war genötigt bei einer kleinen, der Rhede dieses Platzes vorgelagerten Insel Anker zu werfen. Wißmann ging mit einem Beamten der Ostafrikanischen Gesellschaft, Heinz, der nach Daressalam versetzt worden war, ans Land; doch nur mit Mühe gelang es ihnen, in dem kleinen schadhaften Boote bei dem schweren Seegange glücklich die Insel zu erreichen. Dadurch war jedoch, wie man von Bord aus erkennen konnte, das Boot so leck geworden, daß Wißmann an der Rückkehr verhindert war. Als diese auch bis zum nächsten Morgen nicht erfolgte und die an Bord gebliebenen Herren Besorgnisse zu hegen anfingen, machte Schmelzkopf, der ein vorzüglicher Schwimmer war, den Versuch, mit einigen Stärkungsmitteln in Flaschen und einem Päckchen kleiner Nägel zum Kalfatern des Bootes um den Hals, schwimmend ans Land zu kommen, um Wißmann Hilfe zu bringen. Er wurde noch einige Zeit vom Schiffe aus beobachtet, kam dann aber plötzlich außer Sicht. Wißmann und Heinz hatten inzwischen mit ihren eigenen Kleidungsstücken und den Lappen der Neger, so gut es eben gehen wollte, das Boot kalfatert und kamen mit Mühe und Not glücklich an Bord zurück. Schon vom Lande aus hatten sie die »München« hin- und herfahren sehen und geahnt, daß etwas vorgefallen sei. An Bord angekommen, erfuhren sie von dem Wagnis Schmelzkopfs, der zweifellos seiner kameradschaftlichen Opferwilligkeit zum Opfer gefallen war. Wahrscheinlich ist es, daß er entweder in den Fluten von einem Herzschlag getroffen oder von einem Hai, die ja in jenen Gewässern sehr zahlreich sind, in die Tiefe gezogen wurde. Nach zwei Stunden vergeblichen Suchens fuhr die »München«, die Flagge halb Mast, weiter nach Daressalam. Durch den Tod dieses allgemein beliebten Mannes, der nicht nur als stets hilfsbereiter Arzt, sondern auch gerade in seiner Eigenschaft als ältester Kamerad nächst Wißmann einen segensreichen Einfluß in der Truppe ausgeübt hatte, wurden wir alle in tiefe Trauer versetzt. Die bei den Fischern, welche mit ihren kleinen Böten jene Gegend befuhren, eingezogenen Erkundigungen blieben gänzlich resultatlos. Das ein Jahr später der Unglücksstelle gegenüber Dr. Schmelzkopf gesetzte Denkmal erzählt auch den Späteren, die ihn nicht gekannt, von der Berufstreue und Opferwilligkeit des ersten Chefarztes der Schutztruppe.
An seine Stelle trat Dr. Kohlstock[2], der nun allein mit gleicher Gewissenhaftigkeit die gesamte ärztliche Thätigkeit in seine Hand nahm, bis er später durch die Sendung dreier Militärärzte die nötige Unterstützung erhielt. Obwohl die Ärzte zu jener Zeit durch ihren Beruf schon mehr als genug in Anspruch genommen waren, mußten sie doch bei dem großen Mangel an Europäern, wie erwähnt, noch Dienste als Offiziere verrichten. Schmelzkopf, Kohlstock, Stabsarzt Dr. Becker, Dr. Gärtner und Dr. Brehme haben alle neben ihrer Thätigkeit als Ärzte Truppen gedrillt, ja sogar teilweise die Führung von Kompagnien übernommen und auch an den Gefechten in anerkennenswerter Weise Anteil genommen. Heutigen Tages ist die Zahl der Ärzte sowohl wie der Abgesandten des deutschen Frauenvereins stark vermehrt worden. Wir können dem Frauenverein für seine Opferwilligkeit nicht dankbar genug sein.
Im Voraus sei erwähnt, daß, um die Schwierigkeiten des Transportes zu vermeiden, später zu den Hospitälern in Sansibar und Bagamoyo noch ein drittes in Pangani gefügt werden mußte. Während nach der wegen schwerer Malaria nothwendig gewordenen Heimreise des Dr. Kohlstock der Stabsarzt Dr. Becker in Sansibar selbst als Chefarzt fungierte und von hier aus die beiden andern Hospitäler oder sonstige auf den Stationen befindliche Krankenhäuser besuchte, unterstand das Hospital in Bagamoyo während des Feldzuges im Norden dem Dr. Brehme und das Hospital in Pangani dem Dr. Gärtner.
Die Gestaltung der Truppe hatte während der ersten Monate des Kommissariats eine durchgreifende Veränderung erfahren und bot sie jetzt einen ganz andern militärischen Anblick als zuvor. Bei der außerordentlichen Kürze der Zeit, welche dem Reichskommissar in Berlin und Kairo zur Verfügung gestanden hatte, war es ganz unmöglich gewesen, die Truppen in geeigneter Weise einzukleiden und einzuexerzieren. Bei der Ankunft in Sansibar und während der ersten Gefechte um Bagamoyo trugen die Truppen die fabelhaftesten, aus Kairo mitgebrachten Kostüme. Es sah nichts weniger als kriegerisch aus, wenn der eine im Kaftan, ein andrer im Araberhemd, wieder ein andrer mit Resten ehemaliger europäischer Kleidung behängt Frontdienste that. Aber die Not zwang zu schnellem Vorgehen und ließ uns alle anderen Rücksichten außer Acht setzen. Es ist ja auch das außerordentlich schnelle Eingreifen einer erheblichen deutschen Macht sowohl auf Eingeborene wie auf Araber und Inder von durchschlagender Wirkung gewesen.
Bereits früher ist kurz auf die erste Ausbildung der Sudanesen in Kairo und Aden hingewiesen worden. Während in der ersten Zeit die egyptischen Kommandos gebraucht und infolgedessen die direkten Befehle durch die farbigen Offiziere den Truppen übermittelt wurden, stellte sich bald die Notwendigkeit heraus, das deutsche Kommando allgemein durchzuführen, weil ja selbstverständlich dadurch die Wirkung des Führers auf die Truppe ungleich gesteigert und dieselbe eher zu einem direkten Werkzeug des Führers gemacht wurde. Während ferner anfänglich lediglich Gewicht auf den Gefechtsdienst gelegt ward und eigentlich den ersten Truppen weiter nichts beigebracht worden war, als das Draufgehen im Sturmschritt, trat jetzt, als etwas größere Ruhe sich einstellte, eine wesentliche Ausdehnung des Dienstes ein. Es wurden die Truppen erst zu solchen gemacht. Als Uniform war für die Sudanesen im großen und ganzen die egyptische beibehalten worden: ein Anzug aus sogenanntem Kaki, einer sandfarbenen Leinewand, welche mit großer Haltbarkeit den Vorteil vereinigte, daß sie nicht so leicht unansehnlich wurde. Der Form nach bestand und besteht der Anzug auch heute noch in einer Art Jaquet mit Achselklappen ohne besonderes Abzeichen auf denselben, einer bis zur halben Wade reichenden Hose, welche später nach unserem militärischen Schnitt umgeformt worden ist, einer Beinbinde aus dunkelblauem dünnen Stoff, welche vom Fuß an aufwärts bis zum Knie in eng übereinander liegenden Touren spiralförmig gewickelt wurde und derben Lederschuhen. Die letzteren waren in Deutschland angefertigt worden, doch zeigte sich leider bei der ganzen ersten Sendung, daß die deutschen Schuhmacher keineswegs mit Negerfüßen zu rechnen verstanden. Die Schuhe waren alle viel zu klein und in der Form des Schnittes durchaus ungeeignet. Erst später konnte hier Abhilfe geschaffen werden. Zur Kopfbedeckung wurde ursprünglich der leichten Beschaffung wegen der Fez gewählt, doch wurde derselbe später durch den ungleich kleidsameren und praktischeren Turban ersetzt.
Die Bewaffnung bildete bei den schwarzen Truppen durchgängig das Mausergewehr Konstruktion 71, ein Infanterie-Seitengewehr[3] und zwei vordere und eine hintere Patronentasche. Außerdem führte jeder Soldat als Gepäck einen Tornister aus braunem Segeltuch, ebenso Brotbeutel und eine dünne Decke, welche, mantelähnlich znsammengerollt, auf der Brust getragen wurde.
Die Schutztruppe, welche ursprünglich in Kompagnien eingeteilt war, verteilte sich teils auf die einzelnen Stationen als ständige Besatzung, teils bildete sie ein je nach Bedürfnis und Stärke wechselndes, zuweilen aus den Besatzungen heraus ergänztes Expeditionskorps, so daß von eigentlichen Kompagnieverbänden nicht recht die Rede sein konnte. Besondere Schwierigkeiten bei der Rangierung der einzelnen Glieder unter die Vorgesetzten machten und machen auch heut noch die schwarzen Chargen. Es giebt deren bei den Sudanesenkompagnien mehr als zehn. Sie lassen sich schwer rücksichtlich ihres eigentlichen Dienstbereichs klassifizieren. Der Verfasser hat später eine feste Einteilung der schwarzen Chargen in den ihm unterstehenden Kompagnien vorgenommen. Doch blieb dieser Versuch durch den fortwährenden, durch die Notwendigkeit bedingten Wechsel der Offiziere resultatlos: die Schwarzen rückten immer wieder in ihre zum Teil nur eingebildeten Rechte ein. Im großen und ganzen kann man bei den Sudanesentruppen folgende Chargen unterscheiden: Die unterste Charge bilden die Ombaschi, Gefreite, welche nach egyptischem Brauch als Schließende hinter der Front aufgestellt sind, bei uns jedoch wegen ihrer großen Anzahl in Reih und Glied mit eintreten mußten. Beim Arbeitsdienst indes dienten sie als Aufseher, beim Wachtdienst, in welchem wir es für praktisch befunden haben, die egyptischen Formen in den meisten Punkten beizubehalten, wurde der Ombaschi nur als aufführender Gefreiter verwandt. Die nächsten Chargen bilden die Schausche, Unteroffiziere, die im innern Dienst Korporalschaftsführer sind. Es folgen dann die Betschausche, Sergeanten, von denen der Regel nach jedem Zuge je einer zugeteilt ist. Den Dienst als Zugführer — die Kompagnie soll in der Regel in 3 Züge eingeteilt werden — versehen im inneren Dienst die farbigen Offiziere resp. Sols, welche letzteren nur im Feldwebelrang stehen. Der Grund, daß dieselben Funktionen von verschiedenen Chargen ausgeführt wurden, lag darin, daß nach egyptischem Brauch entweder nur durch ihre Erziehung wissenschaftlich vorgebildete Leute, welche die egyptischen militärischen Institute besucht hatten, zu Offizieren befördert wurden, oder auch solche, welche durch eine langjährige Dienstzeit oder durch besondere Auszeichnung sich ein Anrecht auf die Beförderung zum Offizier erworben hatten.
Von uns wurde dahin gestrebt, die Zahl der farbigen Offiziere auf einen zu reduzieren, da der Exerzierdienst, wenn nicht die Leistungsfähigkeit der Kompagnie darunter leiden soll, entschieden durch Europäer versehen werden muß. Dieser eine war besonders als Vertrauens- und Mittelsperson zwischen dem Kompagnieführer und den farbigen Soldaten von Wichtigkeit.
Die Chargen-Abzeichen bestanden bei den Unteroffizieren in nach oben geöffneten Tuchwinkeln auf dem linken Oberarm, von denen der Ombaschi einen, der Schausch zwei, der Betschausch drei und der Sol vier trug.
Schließlich ist auch noch das Amt des Bullogamin (Kompagnieschreiber) zu erwähnen, obgleich wir absichtlich diese Stellung, so weit es möglich war, eingehen ließen. Die Inhaber derselben waren meist so faul, daß sie öfters nach Egypten zurückgeschickt werden mußten. Die schriftlichen Geschäfte der Kompagnie wurden natürlich von den deutschen Offizieren resp. Unteroffizieren übernommen. Der Bullogamin gehörte im übrigen zur Charge der Betschausche. Die hohe egyptische Charge des Wekil-Ombaschi, des stellvertretenden Gefreiten, ist, da sie von uns abgeschafft wurde, bei dieser Chargenaufzählung nicht berücksichtigt.
An farbigen Offizieren hatten wir in der Schutztruppe Hauptleute, Premierlieutenants und Sekondelieutenants. Von diesen wurden die für den Zweck brauchbarsten Lieutenants vorläufig im Frontdienst beibehalten; aus den übrigen machte man Polizeichefs, eine Stellung, in welcher sie sich im Allgemeinen recht gut bewährt haben.
An weißen Chargen gab es in der Schutztruppe Offiziere vom Hauptmann bis zum Sekondelieutenant, welche jedoch, da sie aus der Armee ausgetreten und in Wißmanns Privatdienst übergetreten waren, hier nicht nach ihrer in der Armee erworbenen Charge rangierten, sondern nach einer eigenen Anciennität in der Schutztruppe.
Es setzte sich das Offizierkorps zusammen aus dem Kommandanten Major v. Wißmann, den Chefs und den Lieutenants. Die Uniform der Offiziere bestand in der ersten Zeit aus weißen Baumwollanzügen, Jaquet und Hose, mit Metallknöpfen und Achselstücken und einem Tropenhelm. Als Rangabzeichen dienten außer den betreffenden Achselstücken um die Ärmel genähte Goldborten, von denen die oberste eine runde Schleife zeigte; beim Kommandanten waren es deren vier, bei den Chefs drei, bei den übrigen Offizieren zwei. Für Paradezwecke oder sonstige feierliche Gelegenheiten war ursprünglich eine Uniform von dunkelblauer Serge hergestellt worden, von demselben Schnitt wie die weiße und mit denselben Abzeichen. Diese blaue Uniform bewährte sich aber gar nicht und ist nur in sehr seltenen Fällen angelegt worden. Als Seitengewehr diente der frühere Infanterie-Campagne-Säbel mit Kavallerie-Portepee, als Schärpe die Marineschärpe mit der Kaiserkrone.
Die Uniform der Unteroffiziere war im Schnitt dieselbe wie die der Offiziere. Sie bestand aus grauem, festem Baumwollstoff; das Abzeichen bildete eine gelbe Wollenborte mit Schleife an den Ärmeln. An Waffen trugen sie Repetiergewehr, Infanterie-Seitengewehr und Revolver. Als Fußbekleidung kamen sehr bald die für die Küste außerordentlich praktischen und auch haltbaren Schuhe aus Segeltuch auf, welche leicht sauber gehalten werden können, im Inneren natürlich Lederschuhe bezw. Stiefel.
Sobald die Verhältnisse es erlaubten, wurde zu einer systematischen Ausbildung der Truppe geschritten, und zwar in der Weise, daß dabei lediglich auf die praktischen Zwecke Gewicht gelegt wurde. Der gesamte Exerzierdienst zielte darauf ab, die Truppe zu einem geschlossenen Ganzen zu machen und in die Hand des Führers zu bringen. Infolgedessen fiel natürlich das eigentliche Garnisonsexerzieren mit seiner Krone, dem Parademarsch, so gut wie gänzlich weg, und an seine Stelle trat die desto eifrigere Übung des eigentlichen Gefechtsexerzierens.
Die Ausbildung der einzelnen Züge geschah unter den weißen Unteroffizieren, die Zusammenfassung der Züge in Kompagnieverbände unter den Offizieren, die der einzelnen Kompagnien endlich unter dem Hauptführer. Der Lage der Sache nach fiel die letztere Stellung je nach Bedarf entweder dem Stationschef oder dem Führer des Expeditionskorps zu. Die allergrößten Verdienste erwarb sich bei der Aufgabe, die Truppen einzuexerzieren und zu einem schlagfertigen Ganzen zu gestalten, nicht bloß bei dem ersten Kontingent, sondern auch bei dem später zu erwähnenden Nachschub Chef v. Zelewski. Mit unermüdlicher Ausdauer und ungemein großer Hingebung an die Sache verband er das größte Wohlwollen für alle seine Untergebenen. Er kannte die meisten Soldaten der Schutztruppe persönlich und war überall gleich beliebt.
Wenn nun aber der eigentliche Exerzierdienst und die Ausbildung der Leute zur Gefechtsschlagfertigkeit verhältnismäßig wenig Mühe machte, wenigstens nach Überwindung der ersten sprachlichen Schwierigkeiten, besonders nach Einführung des deutschen Kommandos, welches von den Sudanesen in überraschend kurzer Zeit begriffen und von den schwarzen Chargen sofort richtig angewendet wurde, — kamen doch die Sudanesen aus der egyptischen Armee und brauchten sich nur einem neuen Modus anzupassen —, so waren dafür die Schwierigkeiten bei den Schießübungen desto größer. Trotz der ausgedehnten Bemühungen seitens der Offiziere und Unteroffiziere sind wirklich gute Schießresultate nicht erzielt worden. Im Gefecht selbst schossen die Sudanesen, besonders in der ersten Zeit, blind darauf los, und es war ganz unmöglich, sie hier in den nötigen Schranken zu halten. So kam man bald dahin, ihnen das Einzelschießen im Gefecht vollständig zu untersagen: es durften nur noch Salven auf Kommando abgegeben werden. Der so erzielte Erfolg war durchaus genügend, und vor allen Dingen lernten sie auf diese Weise größere Besonnenheit und Kaltblütigkeit beim Gebrauch der Schußwaffe.
Noch größer als bei den Sudanesen waren die anfänglichen Schwierigkeiten bei den Zulus. Regulärer Kriegsdienst war ihnen gänzlich fremd. Die Bekleidung mit einer Uniform schien ihnen zum mindesten gänzlich überflüssig; die meisten hatten nicht einmal vom Gebrauch der einzelnen Kleidungsstücke einen Begriff und mußten erst dazu erzogen werden. Schuhwerk zeigte sich bei ihnen als gänzlich unangebracht. Ihre Uniform unterschied sich ursprünglich wesentlich von der der Sudanesen, später jedoch wurde dieselbe Uniform bei der gesamten Schutztruppe eingeführt.
Von Natur intelligent, begriffen die Zulus jedoch sehr bald den Wert der Disziplin, besonders nachdem ihnen in einigen Fällen die Notwendigkeit derselben handgreiflich vor Augen geführt worden war. Daß es nicht immer ganz glatt dabei abging, mag besonders ein Fall beleuchten, wo ein Zulu sich thätlich an seinem weißen Vorgesetzten vergriff. Nach Kriegsrecht wäre der Mann ja zweifellos mit dem Tode zu bestrafen gewesen. Der betreffende Stationschef jedoch ließ, und zwar besonders um den Geist der Leute zu prüfen, durch seine Kameraden über ihn aburteilen — und siehe da: — ihr Urteil lautete fast einstimmig auf Tod. Der Mann wurde jedoch zu Stockschlägen begnadigt. Da baten seine Kameraden durch eine Deputation um die Erlaubnis, das Urteil selbst vollstrecken, besonders aber auch die Zahl der Schläge bemessen zu dürfen. Mit Rücksicht auf den zu erhaltenden Geist in der Kompagnie wurde ihnen dieser Wunsch zugestanden. Der Delinquent erhielt nicht weniger als 150 Schläge mit dem Kiboko, der Flußpferdpeitsche und wurde dann, obwohl der Arzt keine erhebliche Beschleunigung des Pulses, noch auch sonstige bedenkliche Symptome zu erkennen vermochte, begnadigt, wie es schien — zur Unzufriedenheit seiner Genossen. 8 Tage darauf that er schon wieder Dienst und hat seitdem nie mehr zu irgend welchen Klagen Anlaß gegeben.
Der schwierigste Teil in der Ausbildung der Zulus war in weit höherem Maße noch als bei den Sudanesen das Schießen. Die Leute kannten zum bei weitem größten Teil gar keine Hinterlader; viele hatten nie ein Gewehr in der Hand gehabt und setzten infolgedessen ein recht geringes Vertrauen in die Waffe. Um so größer war ihr Vertrauen zur Führung, und zwar schon in den ersten Gefechten.
Mit Bravour stürzten sich die Zulus auf den Feind und ließen ihrer natürlichen, ungebändigten Wildheit die Zügel schießen, so daß es anfänglich nur sehr schwer gelang, sie vom Kopfabschneiden der Gefallenen und Verwundeten, und von sonstigen bestialischen Verstümmelungen der Feinde, wie sie bei ihnen üblich sind, zurückzuhalten. Wir werden an manchen Stellen Beispiele hiervon finden.
Ein in der ersten Zeit der Ausbildung gemachter Versuch, die einzelnen Kompagnien aus Sudanesen und Zulus zu mischen, mißlang vollständig. Der Nationalcharakter beider Völker ist durchaus von einander verschieden und die Denk- und Anschauungsweise beider weicht so weit von einander ab, daß ein Zusammenwirken oder auch nur ein kameradschaftliches Zusammenleben sich als unmöglich erwies. Fortwährende Prügeleien machten dem Versuche bald ein Ende.
Wir haben noch einen Blick auf das Verhältnis zu werfen, welches zwischen den einzelnen deutschen Behörden in Ostafrika bestand. Diese Behörden waren der Reichskommissar, der Geschwaderchef (zuerst Admiral Deinhard, später Kapitän Valette), der Generalkonsul und die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft. Nur zu häufig begegnet man der Anschauung, als ob durch die Übertragung des Reichskommissariats an Wißmann nunmehr alle diese Behörden in einer Hand vereinigt gewesen seien und als ob der Reichskommissar jedenfalls die oberste Behörde gewesen sei. Das ist aber durchaus niemals der Fall gewesen. Wenn der Reichskommissar die Mitwirkung der Marine in irgend einer Beziehung, sei es zur Landung von Truppen oder zur Beschießung eines Platzes oder auch nur zur Beobachtung eines solchen wünschte, wenn er die Marinekutter oder Dampfpinassen für den Dienst des Reichskommissariats benötigte, so war er keineswegs in der Lage, einfach seine Requisition zu machen, sondern er hatte in jedem Falle den Admiral um seine Mitwirkung zu bitten; und wenn dieselbe auch in den meisten Fällen anstandslos und sofort geschah, so blieb der Geschwaderchef doch immer eine vom Reichskommissar gänzlich unabhängige, in seinen Entschließungen durchaus freie Behörde. Dasselbe war in politischer Beziehung mit dem Generalkonsul Dr. Michahelles der Fall. Wenn irgend welche Anträge an den Sultan als Souverän der Küste und Sansibars zu stellen waren, wenn die Mitwirkung des Sultans in irgend einer Sache erwünscht oder nötig schien, wenn endlich bei der durchaus zweifelhaften Rolle, welche der Sultan in dem ganzen Aufstande spielte, — man wußte nie recht, ob die Araber der Küste nicht mit seinem Gelde und jedenfalls mit seiner Autorisation fochten, — es angebracht erschien, ihm seine Stellung zu den Deutschen gebührend vor Augen zu führen, so mußten solche politischen Verhandlungen regelmäßig unter Mitwirkung, zum Teil sogar unter Genehmigung des Generalkonsuls vorgenommen werden. Das Verhältnis ist nicht immer ein günstiges gewesen. Wenn man dem Generalkonsul auch keinen Vorwurf aus seiner Vorsicht machen kann, die ihm durch die Rücksicht auf die andern in Sansibar beteiligten Mächte geboten erschien, so sind doch zum Teil erhebliche Mißhelligkeiten nicht ausgeblieben. Jedenfalls wurde die Thätigkeit des Reichskommissars dadurch erschwert, daß zwei vollkommen selbständige Behörden neben ihm bestanden, deren einzelne Funktionen in die Aufgabe Wißmanns hineingriffen. Der Generalkonsul blieb immer die oberste politische Behörde in Sansibar. Audienzen beim Sultan, der Schriftverkehr des Kommissariats mit dem Sultanspalast mußten sich durch das Generalkonsulat hindurchbewegen.
Die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft, welche oben unter den selbständigen Behörden mitgenannt war, ist die einzige gewesen, welche vom Reichskommissar von vornherein abhängig war. Die ganze Küste stand ja unter dem direkten und unmittelbaren Befehl Wißmanns, und hier hatte sich die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft aller ihrer Rechte begeben, sogar ihre Stationen dem Reichskommissariat untergeordnet und durch besonderen Vertrag mit Wißmann einen Teil ihrer Beamten zur Verfügung gestellt. In Sansibar selbst mußte sie natürlich auf Grund des eben erst abgeschlossenen Küstenvertrages ihre Autorität behalten.
Hier wirkte als Generalvertreter nach Herrn Vohsen Herr von Saint-Paul-Illaire mit einem Beamtenstabe, welcher lediglich zur Erhebung der Ausfuhrzölle vom Festland Verwendung fand. Das Verhältnis der Vertreter der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft zum Reichskommissariat ist im großen und ganzen ein gutes gewesen. Die Wünsche der Gesellschaft, der es ja natürlich darauf ankam, so schnell als möglich wieder Fuß zu fassen, wurden vom Kommandanten und den Offizieren in jeder Weise berücksichtigt.
Zum Kapitel von der Ausbildung des Kommissariats gehört schließlich noch der regelmäßige Dampferverkehr, welcher von Sansibar aus durch die Flotte des Kommissariats mit der Küste unterhalten wurde. Die Aufgaben, welche dabei der Flottille zufielen, waren einmal die Versorgung der Stationen mit europäischen Bedürfnissen, dann der Depeschenverkehr und endlich die Besorgung der Post, welche zum erstenmal durch das Reichskommissariat auf dem Dampferwege an der Küste eingeführt wurde.
Diese Post besorgte die Briefe für die Truppe, später auch für die Beamten der Gesellschaft; ja, auch die Araber- und Inderpost wurde durch das Reichskommissariat erledigt. Im Hauptquartier in Sansibar befand sich die Annahme. Dort wurden die Postbeutel für die einzelnen Stationen fertig gestellt und versiegelt durch die Dampfer des Kommissariats befördert, sehr zur Freude besonders des kaufmännischen Teils der Küstenbevölkerung, die zum erstenmal eine regelmäßige Briefbeförderung erlebte.