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Clerambault beschloß, noch einmal Perrotin aufzusuchen. Trotz des Gefühls traurigen Mitleids, das jene letzte Begegnung in ihm hervorgerufen hatte, verstand er nun Perrotins ironische und kluge Haltung gegenüber der Welt besser. Und so sehr auch seine Achtung für den Charakter des alten Gelehrten nachgelassen hatte, seine Bewunderung für die hohe geistige Kraft desselben blieb doch unversehrt: noch immer betrachtete er ihn als einen Führer, der ihm helfen könnte, sich selbst zu erleuchten.

Man kann sich leicht denken, daß Perrotin sich nicht übermäßig entzückt zeigte, Clerambault wiederzusehen. Er war doch zu fein veranlagt, um nicht eine unangenehme Erinnerung an die kleine Feigheit bewahrt zu haben, die er damals nicht nur begangen (denn daraus machte er sich längst nichts mehr, daran war er zu gewöhnt), sondern die er stillschweigend vor dem Blicke eines makellosen Zeugen hatte bekennen müssen. Er sah eine Auseinandersetzung voraus, und Auseinandersetzungen mit Menschen von feststehender Überzeugung waren ihm ein Greuel. (Es gibt ja dann gar kein Amusement mehr, solche Leute nehmen alles ganz ernst.) Aber als höflicher, eigentlich gutmütiger und schwacher Mensch war er unfähig sich zu wehren, wenn man ihn geradeaus anpackte. Er versuchte zuerst, alle ernsten Gespräche auszuschalten. Als er aber merkte, daß Clerambault wirklich seiner bedurfte, und er ihn vielleicht von irgendeiner Unbedachtheit zurückhalten könnte, entschloß er sich mit einem Seufzer, ihm seinen Vormittag zu opfern.

Clerambault entwickelte ihm das Resultat seiner Bemühungen. Er war nun vollkommen klar darüber, daß die gegenwärtige Welt sich einem andern Ideal als dem seinen unterwarf. Er selbst hatte ja früher gleichfalls dies Ideal geteilt, ihm gedient und es gefeiert, und noch heute war er gerecht genug, ihm eine gewisse Schönheit zuzuerkennen. Bei den letzten Prüfungen war er aber auch des Sinnlosen und Widrigen dieses Ideals bewußt geworden und er fühlte, da er sich von ihm losgelöst hatte, sich nun genötigt, sich zu einem andern zu bekennen, das verhängnisvollerweise ihn mit dem früheren in Konflikt brachte. In kurzen und leidenschaftlichen Ausdrücken entwickelte Clerambault dieses neue Ideal und bat Perrotin, ihm klar und offen mit Hintansetzung jeder Höflichkeit und jeder Schonung zu sagen, ob er es richtig fände oder falsch. Perrotin nun, betroffen von Clerambaults tragischem Ernst, änderte sofort seinen Ton und stimmte ihm zu.

„Habe ich also unrecht?“ fragte Clerambault ganz voll Angst, „ich sehe gut, daß ich allein bin, aber ich kann nicht anders. Sagen Sie also, ohne mich zu schonen: ist es ein Unrecht von mir, daß ich das denke, was ich denke?“

Perrotin antwortete mit Ernst:

„Nein, mein Freund, Sie haben vollkommen recht.“

„Also ist es meine Pflicht, den mörderischen Irrtum der andern zu bekämpfen?“

„Das ist wieder eine andere Sache.“

„Habe ich also die Wahrheit nur dazu, um sie zu verraten?“

„Die Wahrheit, mein Freund... (nein, sehen Sie mich nicht so an!) Sie glauben jetzt, daß ich so wie jener andere sagen werde: „Was ist Wahrheit?“ Nein.... Ich liebe sie ebenso wie Sie und vielleicht länger als Sie.... Aber die Wahrheit, mein Freund, ist höher, weiter als Sie, als wir, als alle, die jemals lebten, leben und leben werden.... Immer wenn wir meinen, dieser großen Göttin zu dienen, dienen wir nur den Di minores, den Heiligen der Seitenkapellen, die von der großen Masse abwechselnd vergöttert und verlassen werden. Gewiß kann das nicht unsere, nicht Ihre und nicht meine Wahrheit sein, zu deren Ehre sich die heutige Welt mit korybantischer Leidenschaft hinschlachtet und verstümmelt. Das Ideal des Vaterlandes ist das eines großen grausamen Gottes, das der Zukunft im mythischen Bilde eines Chronos als Schreckgespenst, oder seines olympischen Sohnes, den Christus entthronte, erscheinen wird. Ihr Menschheitsideal ist auf einer höheren Stufe und kündigt einen neuen Gott an. Aber auch dieser Gott wird später von einem anderen entthront werden, der noch höher steht und noch mehr vom Weltall umfängt. Das Ideal wie das Leben hören nicht auf, sich zu entwickeln, und dieses unablässige Werden ist für einen freien Geist der wirkliche Inhalt der Welt. — Aber wenn es auch dem Geist gegeben ist, die Stufen dieser Entwicklung ungestraft im Fluge zu überspringen, so kommt man doch in dieser Welt der Tatsachen nur Schritt für Schritt vorwärts. In einem ganzen Leben dringt man vielleicht nur um ein paar Zoll vor.

Die Menschheit hat lahme Beine und Ihr ganzes Unrecht, Ihr einziges Unrecht ist, daß Sie ihr voraus sind um einen oder mehrere Tagemärsche. Aber gerade dieses Unrecht verzeiht man einem Menschen am wenigsten.... Und das geschieht vielleicht nicht ohne Grund. Denn wenn ein Ideal, wie jetzt jenes des Vaterlandes, gleichzeitig mit der Gesellschaftsform, von der es getragen wird, altert, so wird es bösartig und speit sein gefährlichstes Feuer aus. Der kleinste Zweifel an seiner Berechtigung macht es toll, denn der Zweifel steckt schon in ihm selbst. Täuschen wir uns nicht darüber: Die Millionen Menschen, die sich heute im Namen des Vaterlandes hinschlachten lassen, haben nicht mehr das junge gläubige Vertrauen von 1792 oder 1813, obwohl heute viel größere Ruinen und Trümmer aufrufen. Viele derer, die sterben, und selbst die, die sich bewußt töten lassen, fühlen im tiefsten Grunde ihrer Seele das furchtbare Nagen des Zweifels. Aber einmal in die Falle gegangen, zu schwach, aus ihr auszubrechen oder sich einen Ausweg zu erdenken, verbinden sie sich die Augen und werfen sich in den Abgrund, während sie gleichzeitig voll Verzweiflung ihren schon erloschenen Glauben bekennen. Aber vor allem schleudern sie in der Erbitterung einer uneingestandenen Rache diejenigen hinein, die durch ihre Worte oder ihre Haltung den Zweifel in ihnen erweckt haben. Denjenigen, die für einen Wahn sterben, diesen Wahn nehmen wollen, heißt, sie zweimal sterben lassen.“

Clerambault faßte ihn bei der Hand, damit er nicht weiterspräche. „O, Sie brauchen mir das nicht zu sagen, was mich ohnehin quält! Glauben Sie denn, daß ich nicht selbst die Angst fühle, diese Unglücklichen noch mehr zu verwirren? Ja, ich möchte den Glauben dieser armen Jungen schonen, nicht einen einzigen dieser Armen unglücklich machen, aber, mein Gott, was soll ich tun? Helfen Sie mir, aus diesem Zwiespalt herauszukommen, ob man das Böse ruhig geschehen lassen soll, die andern ruhig sich vernichten lassen, oder es wagen, ihnen noch mehr wehe zu tun, sie in ihrem Glauben zu verletzen und sich ihrem Haß auszuliefern eben dadurch, daß man sie retten will. Welches ist das richtige Gebot?“

„Sich selbst zu retten!“

„Mich selbst retten, heißt mich vernichten, wenn ich etwas auf Kosten der andern tue. Wenn wir nichts für sie tun — Sie, ich, denn wenn wir uns auch alle verbinden, sind wir doch noch immer zu wenige — dann geht Europa, dann geht die Welt zugrunde....“

Perrotin, die Ellbogen auf die Lehne gestützt, die Hände über seinem Buddhabauch gefaltet und die Daumen drehend, sah Clerambault auf das gutmütigste an, hob den Kopf und sagte:

„Ihre Menschengüte, Ihre künstlerische Empfindsamkeit täuschen Sie glücklicherweise, mein Freund. Die Welt ist noch nicht am Ende, die hat schon andere Dinge gesehen und wird noch andere sehen. Das, was heute geschieht, ist sicherlich sehr schmerzlich, aber keineswegs abnormal. Niemals noch hat ein Krieg die Erde gehindert sich weiter zu drehen, noch das Leben sich weiter zu entwickeln, ja, er ist sogar selbst eine Form dieser Entwicklung. Erlauben Sie einem alten, gelehrten Philosophen, Ihrem Heiligen Schmerzensmanne die ruhige Inhumanität seines Gedankens entgegenzustellen. Vielleicht finden Sie trotz allem sogar eine Erleichterung. — Diese Krise, die Sie so erschreckt, dieser Wirrwarr ist im Grunde eigentlich nichts als ein Zusammenziehungsphänomen, eine kosmische, lärmende, aber doch gesetzmäßige Kontraktion, ähnlich jenen Faltungen bei der Zusammenziehung der Erdkruste, die ja auch immer von zerstörenden Erdbeben begleitet sind. Die Menschheit zieht sich zusammen. Und der Krieg ist die eine solche Kontraktion begleitende Erschütterung. Gestern waren es noch in jeder Nation die Provinzen, die einander bekriegten, vorgestern in jeder Provinz die Städte, und heute, da die völkische Einheit schon ausgestaltet ist, bereitet sich eine viel umfassendere Einheit vor. Es ist natürlich sehr bedauerlich, daß diese Entwicklung durch Gewalt geschieht, aber Gewalt ist eben das natürliche Mittel in diesem Prozeß. Aus dem Explosivgemenge der zusammenstoßenden Elemente wird sich ein neuer chemischer Körper entwickeln. Wird es das einige Abendland, wird es Europa sein? — ich weiß es nicht. Aber sicher wird die neue Zusammensetzung neue Eigenschaften haben und viel reichere als die der einzelnen zusammensetzenden Elemente. Und dies ist noch nicht die letzte Etappe. So schön der gegenwärtige Krieg ist (ich bitte Sie um Entschuldigung, ich meine „schön“ im Hinblick auf den Geist, für den das Leiden nicht existiert), so werden noch schönere, noch großzügigere sich entfalten. Diese armen Kinder von Völkern, die sich einbilden, sie erbauten schon mit ihrem Kanonendonner den ewigen Frieden — sie werden noch warten müssen, bis das ganze Weltall durch diese Retorte hindurchgegangen ist. Der Krieg der beiden Amerika, der des neuen Kontinents und des gelben Kontinents, dann jener des Siegers mit der übrigen Erde — das wird uns noch ein paar Jahrhunderte zu schaffen machen. Und dabei sehe ich nicht einmal weit genug, ahne ich noch nicht einmal alles. Außerdem wird natürlich noch jeder dieser Zusammenstöße ausgiebige soziale Kriege zur Folge haben. Und erst dann, wenn dies alles erledigt ist, vielleicht in zehn Jahrhunderten (obwohl ich glaube, daß es vielleicht rascher geschehen könnte, als man meint, wenn man die Gegenwart mit der Vergangenheit in Vergleich setzt, weil sich im Fall die Geschwindigkeit beschleunigt), erst dann werden wir zu einer ein wenig ärmeren Synthese gelangen, denn von den Elementen der Zusammensetzung werden die besten und die schlechtesten unterwegs vernichtet worden sein; die ersten, weil sie zu zart waren, um den Unbilden zu widerstehen, die zweiten, weil sie zu widersetzlich waren und sich zu stark gegen die Amalgamierung wehrten. Dann werden jene sagenhaften Vereinigten Staaten der Erde erstehen, und ihr Bündnis wird um so dauerhafter sein, je mehr sich dann die Menschheit wahrscheinlich von gemeinsamen Gefahren bedroht sehen wird; die Marskanäle, die Eintrocknung der Planeten, die Erkaltung der Erdkruste, die geheimnisvollen Erkrankungen, die Pendeluhr Edgar Poes, die Vision des endgültigen Erlöschens der irdischen Geschlechter.... Ach, was für schöne Dinge wird es zu betrachten geben. In jenen letzten Ängsten wird das Genie der Rasse überreizt sein. Freilich, Freiheit wird’s wenig geben. Die menschliche Vielfalt muß gerade im Verschwinden notwendig zur Einheit des Gedankens und des Willens drängen (eine Richtung, in die sie übrigens auch heute schon ganz deutlich zielt); so wird sich ohne plötzliche Umkehr das Verschiedene in das Eine wieder zurückverwandeln, der Haß in die Liebe des alten Empedokles.“

„Und dann?“

„Dann? Dann wird wahrscheinlich alles nach einem Weltzeitraum von neuem anfangen. Ein anderer Kreis, eine andere Kalpa. Die Welt wird sich auf einem frisch geschmiedeten Rad wieder zu drehen beginnen.“

„Und des Rätsels Lösung?“

„Ein Hindu würde darauf antworten: Schiwa, der Zerstörer und der Schaffer, der Schaffer und der Zerstörer.“

„Welch ein entsetzliches Traumbild!“

„Das ist Auffassungssache. Die Weisheit macht einen immer frei. Für den Hindu ist Buddha der Befreier, mir für meinen Teil hilft schon die Neugierde über alles hinweg.“

„Aber nicht mir: ich kann mich nicht bescheiden mit der Weisheit des selbstsüchtigen Buddha, der nur sich frei macht und die anderen im Stiche läßt. Ich kenne wie Sie die Hindus und ich liebe sie. Aber auch bei ihnen hat Buddha nicht das letzte Wort der Weisheit gesprochen. Erinnern Sie sich an jenen Bodhisattva, den Meister des Mitleids, der den Eid geleistet, nicht früher Buddha zu werden, nicht früher sich ins Nirwana zurückzuflüchten, ehe er nicht alle Übel geheilt, alles Unrecht gesühnt, alle Seelen getröstet hätte.“

Perrotin neigte sich mit einem sanften Lächeln zu Clerambaults schmerzlichem Gesicht, streichelte ihm zärtlich die Hand und sagte:

„Mein lieber Bodhisattva, was wollen Sie also tun? Wen wollen Sie also retten? Was wollen Sie also retten?“

„Ja, ich weiß wohl“, sagte Clerambault und senkte den Kopf, „ich weiß wohl, wie wenig ich bin, wie wenig ich vermag. Ich kenne die Nichtigkeit meiner Wünsche und meines Protestes. Halten Sie mich nicht für eingebildet, aber was kann ich dagegen tun, wenn meine Pflicht mir zu sprechen gebietet?“

„Ihre Pflicht ist, etwas zu tun, was nützlich und vernünftig ist, nicht aber, sich vergeblich zu opfern.“

„Was ist das, was Sie „vergeblich“ nennen? Können Sie im vorhinein bei Samenkörnern dasjenige unterscheiden, das gedeihen wird, und jenes, das zugrunde geht? Und ist dies ein Grund, den Samen nicht auszuwerfen? Welcher Fortschritt wäre jemals geschehen, wenn der, in dessen Brust das Samenkorn wuchs, zurückgeschreckt wäre vor dem ungeheuren Block der gewohnheitsträgen Vergangenheit, der ihn zu zerschmettern droht?“

„Ich verstehe, daß der Gelehrte die Wahrheit verteidigt, die er gefunden hat. Aber ist diese soziale Betätigung denn Ihre Mission? Dichter, bleibe deinen Träumen treu, auf daß deine Träume dir treu bleiben.“

„Ich bin zuerst Mensch, und dann erst Dichter. Jeder anständige Mensch hat eine Mission.“

„Aber Sie tragen geistige Werte in sich, die zu kostbar sind, und es wäre Mord, sie hinzuopfern.“

„Ja, nicht wahr, man soll also nur den kleinen Leuten das Opfer überlassen, die nicht viel zu verlieren haben?“

Er schwieg einen Augenblick und sagte dann:

„Perrotin, es ist mir oft in den Sinn gekommen, daß wir alle nicht unsere Pflicht tun, wir geistigen Menschen und Künstler alle.... Nicht nur heute sondern seit langem schon, seit immer. Wir haben bei uns einen Teil Wahrheit und Erleuchtung, die wir aus Vorsicht in uns zurückbehalten. Mehr als einmal habe ich das mit dunkeln Gewissensbissen gefühlt. Aber damals hatte ich noch Angst, in mich hineinzuschauen. Erst die Prüfung hat mich sehen gelehrt. Wir sind Bevorzugte, wir sind eine privilegierte Klasse, das gibt uns auch Pflichten, Pflichten, die wir nicht erfüllen, denn wir haben Angst, uns zu kompromittieren. Die Elite des Geistes ist eine Aristokratie, die vorgibt, jener des Blutes nachzufolgen; aber sie vergißt, daß jene im Anfang die Privilegien mit ihrem Blute bezahlte. Seit Jahrhunderten hört die Menschheit viele Worte von weisen Männern, aber nur selten sieht sie einen dieser Weisen sich hinopfern. Und das würde der Welt ganz gut tun, wenn sie hie und da einmal einen sehen würde, der sein Leben für seinen Gedanken hingibt. Nichts wahrhaft Fruchtbares kann ohne das Opfer geschaffen werden. Um die anderen glauben zu machen, muß man selbst gläubig sein, muß beweisen, daß man gläubig ist. Es genügt nicht das bloße Dasein einer Wahrheit, damit der Mensch zu ihr aufblicke, es ist nötig, daß dieses Dasein ein lebendiges Leben habe. Und dieses Leben können, dieses Leben müssen wir ihr geben — das unsere! Sonst sind all unsere Gedanken nur Dilettantenspiele, eine Theaterspielerei, die einzig auf Theaterapplaus ein Anrecht hat. Nur solche Menschen haben die Menschheit vorwärtsgebracht, die ihr eigenes Leben zur Stufe machten. Dieses ist es auch, was den Zimmermannssohn von Galiläa über alle unsere großen Männer erhoben hat. Die Menschheit wußte wohl einen Unterschied zu machen zwischen den anderen und dem Heiland.“

„Und der Heiland? Hat er sie gerettet?.... ‚Wenn Gott Zebaoth so beschlossen hat, so schaffen die Völker für das Feuer.‘ “

„Ihr Feuerkreis ist das letzte Schreckbild. Der Mensch ist nur dazu da, um ihn zu zerbrechen, um zu versuchen, sich ihm zu entringen, frei zu sein.“

„Frei?“, sagte Perrotin mit seinem ruhigen Lächeln.

„Ja, frei! Freiheit ist das höchste Gut, ein ebenso seltenes, wie ihr Name ein abgebrauchter ist, so selten wie das wahre Schöne, wie das wahre Gute. Frei nenne ich den, der sich von sich selbst, von seinen Leidenschaften, seinen blinden Instinkten, von jenen der Umgebung und des Augenblickes loslösen kann, zwar nicht um seiner Vernunft zu gehorchen, wie man meist sagt (denn die Vernunft in dem Sinne, wie Sie sie verstehen, ist ja nur ein anderes Wahnbild, eine andere verhärtete, vergeistigte und darum fanatisierte Leidenschaft), sondern um zu versuchen, über die Staubwolken hinauszusehen, die sich von den Menschenherden auf den Straßen der Gegenwart erheben, um zu versuchen, den Horizont zu umfassen und alles Geschehen in der Gesamtheit der Dinge und der Weltordnung zu begreifen.“

„Und sich dann“, unterbrach ihn Perrotin, „den Weltgesetzen zu unterwerfen und anzupassen.“

„Nein“, erwiderte Clerambault, „um sich ihnen mit vollem Bewußtsein entgegenzustellen, sobald sie dem Glück und dem wahrhaft Guten nachteilig sind. Denn darin besteht ja die Freiheit, daß der freie Mensch in sich selbst ein Weltgesetz ist, ein bewußtes Gesetz, dessen einzige Aufgabe es ist, das Gegengewicht für die zerschmetternde Maschine, für den Automaten Spittelers, die eherne Ananke zu bilden. Ich sehe das Weltwesen noch zu drei Vierteilen in der Scholle, in der Rinde, im Stein gebunden, den unbarmherzigen Gesetzen der Materie unterworfen, in die es eingebannt ist. Nur der Blick und der Atem sind frei. „Ich hoffe“, sagt der Blick. „Ich will“, sagt der Atem. Mit diesen beiden sucht es sich loszuringen. Der Blick, der Atem, das sind wir, das ist der freie Mensch.“

„Mir genügt der Blick“, sagte sanft Perrotin.

Clerambault erwiderte:

„Habe ich keinen Atem, so gehe ich zugrunde.“