§

Clerambault durchschritt eine neue Gefahrzone. Sein Wandeln in der Einsamkeit glich einer Bergbesteigung, bei der man sich plötzlich vom Nebel umhüllt sieht und an den Felsen klammern muß, ohne weiter vorwärts zu können. Vor sich sah er nichts mehr, und nach welcher Seite immer er sich wandte, von überall hörte er aus der Tiefe den Sturzbach des Leidens brausen. Aber doch: er konnte nicht unbeweglich verharren, obwohl er über dem Abgrund hing und sein letzter Halt nachzugeben drohte.

Er stand, von Dämmerung umgeben, an einem Wendepunkt. Dazu kam, daß gerade an diesem Tage die Neuigkeiten, die die Zeitungen belferten, ihm mit ihrem Wahnsinn die Seele niederdrückten. Wiederum vergebliche Menschenhekatomben, die der hypnotisierte Egoismus der Hinterlandleser natürlich fand, wiederum Grausamkeiten auf allen Seiten, verbrecherische Repressalien für Verbrechen, die aber von diesen, einst doch anständigen Leuten stürmisch gefordert und bejubelt wurden! Niemals war ihm der Horizont, der die armen Menschentiere in ihren irdischen Niederungen umschließt, umdüsterter und mitleidsloser erschienen.

Clerambault fragte sich, ob dieses Gesetz der Liebe, das er in sich fühlte, nicht vielleicht nur für andere Welten und eine andere Menschheit Geltung habe. Unter seiner Post fand er einige neue Drohbriefe, und im Vorgefühl, daß sein Leben in der tragischen Sinnlosigkeit der Zeiten in den Händen des erstbesten Narren stünde, wünschte er im stillen, diese Begegnung möge nicht allzulange auf sich warten lassen. Aber dennoch, von guter Rasse und fest verwurzelt, wie er war, führte er sein Leben unverändert weiter, erfüllte methodisch seine täglichen Pflichten und hielt sich zusammen, um aufrecht und ungebeugt den Weg bis zum Ziele zu schreiten, wohin auch immer er ihn führen sollte.

An diesem Tage nun erinnerte er sich, daß er seine Nichte Aline besuchen wollte, die eben eines Kindes genesen war; sie war die Tochter einer verstorbenen und von ihm geliebten Schwester, nur ein wenig älter als Maxime und dessen einstige Jugendgespielin. Als Mädchen hatte sie einen komplizierten Charakter gezeigt: unruhig, unbefriedigt, alles nur auf sich beziehend, gefallsüchtig, herrschsüchtig, allzu neugierig und von gefährlichen Abenteuern seltsam angezogen, dabei ein wenig trocken und doch leidenschaftlich, nachträgerisch, zornig und dann wieder plötzlich voll der Fähigkeit, zärtlich und verführerisch zu werden. Zwischen Maxime und ihr war es schon ziemlich weit geraten. Man mußte acht haben auf die beiden. Maxime ließ sich trotz seiner ironischen Veranlagung von diesen harten kleinen Augensternen leicht verlocken, die ihn manchmal mit ihren elektrischen Blitzen tief anstrahlten. Aline wiederum wurde erregt und angezogen von Maximes Ironie. Sie hatten sich recht geliebt, und recht aufeinander wütend gemacht. Dann waren sie beide zu anderen Erfahrungen übergegangen. Sie hatte in zwei oder drei andere Herzen Verwirrung gebracht und sich schließlich höchst vernünftig, als sie die Stunde und Gelegenheit für günstig hielt — alles hat ja seine Zeit —, mit einem ehrbaren Handelsmann, der gute Geschäfte in seinem Kunst- und Kirchenmöbelladen in der Rue Bonaparte machte, verheiratet. Sie befand sich gerade in andern Umständen, als ihr Mann an die Front mußte. Selbstverständlich war sie glühende Patriotin, denn „wer sich selbst liebt, liebt auch die Seinen“. Und sie wäre eine der letzten gewesen, bei denen Clerambault Verständnis für seine Gedanken des brüderlichen Mitempfindens erhofft hätte. Mitempfinden hatte sie wenig für Freunde, und keines für die Feinde. Sie hätte sie am liebsten in einem Mörser zerstampft, mit derselben kalten Freude, mit der sie einst Herzen und Insekten gequält hatte, um sich für irgendwelche, ihr von anderen zugefügte Unannehmlichkeiten zu rächen.

Aber in demselben Maße, wie die in ihr wachsende Frucht reifte, wandte sich all ihre Aufmerksamkeit dieser zu, alle Kräfte ihres Herzens strömten nach innen. Der Krieg entfernte sich für sie, sie hörte nicht mehr die Kanonade von Noyon. Wenn sie davon sprach — immer weniger jeden Tag —, so schien es, als handelte es sich dabei um eine Kolonialexpedition. Sie erinnerte sich wohl der Gefahren ihres Mannes, und sicherlich, sie hatte ein mitleidiges „Armer Kerl“ für ihn, zugleich mit einem kleinen gerührten Lächeln, das zu sagen schien: „Er hat wirklich Pech, er ist ein wenig ungeschickt.“ Aber sie hielt sich bei diesem Thema nie lange auf, und es ließ, Gott sei Dank, keine Spuren in ihr zurück. Ihr Gewissen war ja ruhig, sie hatte ihre Zeche bezahlt. Und schleunigst kehrten Alinens Gedanken zur einzig wichtigen Aufgabe zurück. Im ganzen weiten Universum war das Ei, das sie zu legen hatte, anscheinend die einzige Sache von Belang für sie.

Clerambault, mit seinen Kämpfen vollauf beschäftigt, hatte Aline seit Wochen nicht gesehen und nichts von dieser Änderung ihrer Gesinnung wahrgenommen. Wenn Rosine einige Worte darüber fallen ließ, so hatte seine abgewandte Aufmerksamkeit nicht darauf gehört. Ganz plötzlich, Schlag auf Schlag, innerhalb vierundzwanzig Stunden, empfing er die beiden Neuigkeiten zugleich: daß das Kind geboren sei und daß Alinens Gatte, so wie seinerzeit Maxime, „vermißt“ werde. Und sofort malte er sich den Schrecken der armen jungen Mutter aus. Er sah sie so, wie er sie immer gekannt hatte, geteilt zwischen einer Freude und einem Leid, immer befähigter, dieses als jene zu empfinden. Er sah sie, wie sie sich dem Schmerz ganz hingab und selbst in ihrer Freude irgendeinen Vorwand für ihr Leiden suchte, sah sie schon leidenschaftlich, bitter, aufgeregt, herausfordernd gegen das Schicksal und böse gegen alle. Ja, er war sogar nicht einmal sicher, ob sie nicht gerade jetzt aus dem Gefühl des Hasses und der Rache gegen ihn persönlich verärgert sein würde, um seiner Gedanken des Friedens und der Versöhnung willen. Daß seine Haltung die ganze Familie skandalisierte, wußte er, und bei niemandem vermeinte er dafür weniger Duldung zu finden als bei Aline. Aber es war ihm ein Bedürfnis, ob sie ihn nun gut oder schlecht aufnehmen wollte, mit seinen zärtlichen Gefühlen ihr zu Hilfe zu kommen. Und den Rücken gleichsam schon beugend vor dem kalten Wassersturz, dem er entgegenging, stieg er die Treppe empor und klingelte an Alinens Tür.

Er fand sie auf dem Bett hingestreckt, ausgeruhten Antlitzes, verjüngt, verschönt, zärtlichen Wesens und strahlend vor Glück, neben ihr das kleine Kind, das sie an die Seite ihres Bettes hatte stellen lassen. Wie eine leuchtende, ältere Schwester des weißgewickelten Säuglings sah sie aus, den sie mit dem Lächeln heiterer Bewunderung betrachtete, wie er, mit offenem Mäulchen auf dem Rücken liegend, in der Luft seine Fingerchen spreizte wie ein Maikäfer seine Beine. Er schien noch ganz in die Dumpfheit des unbewußten Lebens versunken, im Traum noch von der goldenen Nacht und der Wärme des mütterlichen Schoßes.

Sie begrüßte Clerambault mit triumphierendem Überschwang: „Ah, mein guter Onkel, wie lieb Sie sind! Kommen Sie rasch, schauen Sie mein Süßes an, meinen Schatz!“

Sie frohlockte, ihr Meisterwerk zeigen zu dürfen, und war jedem dankbar, der es beschaute. Nie hatte Clerambault sie so zärtlich und so hübsch gesehen. Er beugte sich über das Kind, aber er sah es fast nicht an, obwohl er ihm alle höflichen Gesten machte und seiner Bewunderung in begeisterten Ausrufen Ausdruck gab, die die Mutter zu erwarten schien und im Flug wie eine Schwalbe einstreifte. Er sah sie an, sah nur dieses selige Antlitz, diese guten lachenden Augen, dieses gute Kinderlächeln. Oh, wie schön ist das Glück, wie tut es wohl!... Alles, was er hatte sagen wollen, war seinem Gedächtnis entschwunden. Er fühlte, es war hier unnötig, nicht am Platze. Jetzt mußte er nur das Wunder beschauen und höflich die Ekstase der kleinen Bruthenne teilen. Ach, welches entzückende, eitle, unschuldige Jubellied!

Manchmal freilich überflog seine Augen der Schatten des Krieges, der niedrigen und sinnlosen Metzelei, das Bild des toten Sohnes, des verschwundenen Gatten, und mit einem traurigen Lächeln über das Kind hingebeugt, mußte er denken: „Ach, wozu Kinder in die Welt setzen, für eine solche Schlächterei! Was wird der arme Kleine in zwanzig Jahren vielleicht sehen müssen!“

Aber sie, sie dachte nicht daran. Jeder Schatten schwand hin an dem Licht, das von ihr strahlte. Von all den nahen und fernen Sorgen — ach, alle waren jetzt ferne! — nahm sie nichts wahr. Sie strahlte nur: „Ich habe einen Menschen geboren.“ Den Menschen, den Menschen, in dem sich für jede Mutter immer alle Hoffnungen der Menschheit verkörpern.... Trauer und Torheit der Stunde, wo seid ihr? Ach, was tut’s! Er ist es ja vielleicht, er, der sie enden wird! Für jede Mutter ist das Kind ja immer das Wunder, der Heiland!

Erst am Ende seines Besuches wagte Clerambault ein Wort betrübter Sympathie in bezug auf ihren Gatten. Sie tat einen tiefen Seufzer: „Ach, der arme Armand“, sagte sie, „sie haben ihn wohl gefangen genommen.“

Clerambault fragte: „Hast du darüber etwas gehört?“ —

„O nein, aber es ist doch wahrscheinlich.... Ich bin fast ganz sicher.... Man hätte doch sonst was gehört.“ Sie strich mit der Hand wie eine Fliege den peinlichen Gedanken fort („Weg mit dir, wie kommst du daher?“). Und schon trat das kleine Lachen wieder in ihre Augen. „Weißt du“, fügte sie bei, „es ist vielleicht besser für ihn so... jetzt kann er sich wenigstens ausruhen... mir ist es lieber, ihn dort zu wissen als im Schützengraben...?“

Und dann, ganz ohne Übergang, floß das Gespräch wieder zu der weißen Amsel zurück. „Ach, wie wird er selig sein, wenn er mein Kleines, mein Liebes, mein Gotteskind sieht!“

Erst als Clerambault sich zum Fortgehen erhob, ließ sie sich herab, auch daran zu denken, daß es auf dieser Erde noch für andere ein Leiden gäbe. Sie besann sich des Todes Maximes, und sie sagte ihm freundlich irgendein kleines Wort der Sympathie. Wie gleichgültig, wie im Grunde gleichgültig klang es... aber immerhin, es war guten Willens gesagt. Und der gute Wille war etwas so Neues an ihr. Und Wunder über Wunder! Mitten in der Zärtlichkeit, mit der das Glück sie überflutete, sah sie eine Sekunde das müde Antlitz, das müde Herz des alten Mannes. Sie erinnerte sich dunkel, daß er Unklugheiten begangen und dafür Unannehmlichkeiten gehabt hatte, und statt ihn auszuschelten, wie es ihre Pflicht war, gewährte sie ihm schweigend, mit einem großmütigen Lächeln Verzeihung. Wie eine kleine Prinzessin sagte sie zärtlichen Tones, in dem eine gönnerhafte Nuance durchschimmerte: „Beunruhige dich nicht, mein guter Onkel... es wird schon wieder alles in Ordnung kommen... komm, gib mir einen Kuß.“

Und Clerambault ging lächelnd fort, erheitert von der Trösterin, die er hatte trösten wollen. Er fühlte, wie wenig unsere Leiden gegenüber der lächelnden Gleichgültigkeit der Natur sind. Für sie ist es allein wichtig, im Frühjahr zu blühen. Fallet ab, sterbet hin, tote Blätter! Der Baum schlägt nur um so schöner aus, und der Frühling blüht dann für andre.... O Frühling, o du lieber Frühling!