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Inzwischen war eine dunkle Stunde gekommen. Man hatte die Wende der Jahre 1917/18 überschritten. Die nebligen Winternächte waren schwer von der Erwartung des letzten Ansturms der deutschen Armeen. Seit Monaten war er durch drohende Gerüchte angekündigt, die Streifzüge der Flieger über Paris schienen schon seine Vorboten zu sein. Die Verfechter des Krieges „bis zum endgültigen Siege“ spiegelten vollkommene Sicherheit vor, die Zeitungen fuhren fort zu prahlen, und Clemenceau behauptete, nie besser geschlafen zu haben. Aber die geistige Spannung verriet sich in der wachsenden Schärfe des Hasses zwischen den Nichtkämpfern. Man lenkte die öffentliche Beunruhigung auf die Verdächtigen des Hinterlandes, auf die Flaumacher ab. Hochverratsprozesse erhitzten und beschäftigten die Moral des Hinterlandes, die Angeber mit der Heldengeste Corneilles, die patriotischen Denunzianten, die fanatischen Zeugen vervielfältigten sich, und das Gebell der öffentlichen Ankläger kläffte durch Tage zornig hinter den armen, gehetzten Opfern her. Als dann zu Ende März die über Paris hängende deutsche Offensive losbrach, erreichte der überhitzte Bürgerhaß seinen Zenith, und es war gewiß, daß, wenn ein Durchbruch gelungen wäre, noch ehe die feindliche Armee Paris erreicht hätte, der Galgen von Vincennes, dieser Altar des rächenden und bedrohten Vaterlandes, seine Opfer empfangen hätte, gleichgültig, ob sie schuldig oder unschuldig, ob sie nur angeklagt oder abgeurteilt waren.

Clerambault wurde öfters in den Straßen beschimpft. Er regte sich darüber nicht auf, vielleicht, weil er sich des Gefährlichen der Situation nicht ganz bewußt war. Eines Tages traf Moreau ihn inmitten einer Gruppe von Passanten in einer Diskussion mit einem wutschäumenden jungen Menschen, der ihn in verletzender Weise angegangen hatte. Während er noch sprach, hörte man ganz in der Nähe die Explosionen der „dicken Berta“. Clerambault schien es nicht zu merken, er fuhr ruhig fort, vor dem Zornigen seine Ideen zu entwickeln. In dieser Beharrlichkeit war eine gewisse Komik, und die Zuhörer, die als gute Franzosen das gleich merkten, tauschten darüber allerhand, zwar nicht sehr höfliche, aber doch auch nicht böswillige Witze aus. Moreau faßte Clerambault am Arm, um ihn wegzuziehen. Clerambault schaute auf, sah die lachenden Leute, erfaßte nun seinerseits das Komische der Situation und lachte mit den anderen.

„Was für ein alter Narr ... Nicht wahr?“ sagte er zu Moreau, der ihn wegzog.

„Es gibt aber auch andere Narren. Man muß sich in acht nehmen“, antwortete Moreau in recht energischer Weise. Aber Clerambault wollte ihn nicht verstehen.

Inzwischen war das Untersuchungsverfahren seines Prozesses in eine neue Phase getreten. Clerambault war des Vergehens gegen das Gesetz vom 5. August 1914, das „staatsgefährliche Äußerungen während des Krieges“ verhindern sollte, beschuldigt; man klagte ihn der pazifistischen Propaganda in den Arbeiterskreisen an, in denen Thouron die Schriften Clerambaults mit seinem Einverständnis verbreitet hätte. Nichts konnte unrichtiger sein, denn weder wußte Clerambault von einer Propaganda dieser Art, noch hatte er sie autorisiert, was Thouron auch bezeugen konnte. Aber nun ergab sich das Seltsame, daß Thouron dies nicht bezeugte. Sein Verhalten erwies sich als äußerst merkwürdig; statt die Dinge richtig zu stellen, machte er allerhand Winkelzüge, tat so, als ob er etwas zu verbergen hätte, ja, er tat es sogar in einer gewissen absichtlichen Weise und hätte sich gar nicht gefährlicher benehmen können, wenn es seine innerste Absicht gewesen wäre, solch einen Verdacht zu erwecken. Verhängnisvollerweise lenkte sich dieser Verdacht nun gegen Clerambault. Zwar sagte Thouron nichts gegen ihn oder gegen irgend jemanden aus, er weigerte sich, irgendetwas zu sagen, aber er ließ immer durchblicken, daß, wenn er reden wollte.... Aber er wollte nicht. Man konfrontierte ihn mit Clerambault. Er benahm sich tadellos, geradezu ritterlich, legte die Hand auf das Herz und versicherte den „Meister“, den „Freund“ seiner kindlichen Verehrung. Clerambault versuchte ihn voll Ungeduld endlich zu einer klaren Darstellung dessen zu bringen, was zwischen ihnen vorgegangen war, der andere aber fuhr immer nur fort, seine „unerschütterliche Ergebenheit“ zu bezeugen. Mehr könne er nicht sagen, nichts seinen Aussagen hinzufügen, er nehme alles auf sich.

Dieses Benehmen ließ ihn nach außen sympathisch erscheinen, Clerambault aber in den Verdacht kommen, als wolle er sich durch Aufopferung seines Vasallen aus der Affäre ziehen. Die Zeitungen zögerten nicht lange und beschuldigten ihn der Feigheit. Inzwischen folgte eine Vorladung der anderen, seit zwei Monaten mußte sich Clerambault zu ganz nichtigen Verhören begeben, zu denen ihn die Richter zitierten, ohne daß sich irgendeine Entscheidung anzeigte. Nun sollte man glauben, daß ein Mann, der solange ohne die geringsten Beweise angeklagt und unter dem schimpflichen Verdacht gehalten wurde, bei der Öffentlichkeit Sympathien gefunden hätte. Aber im Gegenteil: sie wurde noch gereizter gegen ihn, man verzieh es ihm nicht, daß er nicht schon verurteilt war. Die tollsten Erfindungen zirkulierten in der Presse, man behauptete, die Sachverständigen hätten an der Form gewisser Buchstaben und an einzelnen besonderen Schriftzeichen entdeckt, daß eine der Flugschriften Clerambaults von Deutschen gedruckt und verbreitet worden war. So dumm diese Erfindungen waren, sie fanden doch Zugang bei der ungeheuren Leichtgläubigkeit der Leute, die (man behauptete es wenigstens) vor dem Krieg vernünftig gewesen waren. Es waren erst vier Jahre seitdem vergangen, aber es schienen schon Jahrhunderte zu sein.

Kurz, die braven Leute verurteilten einen der Ihren ohne weitere Nachfrage; es war nicht das erstemal und wird nicht das letztemal sein. Die gut abgerichtete öffentliche Meinung empörte sich darüber, daß Clerambault noch frei herumging, und die reaktionären Blätter, die fürchteten, ihre Beute könne ihnen entgehen, klagten die Justiz an, versuchten sie einzuschüchtern und verlangten, die Affäre müsse dem Zivilgerichte entzogen und dem Militärgerichte übergeben werden. Rasch erreichte die Erregung einen jener Paroxismen, die in Paris im allgemeinen kurz, aber furchtbar zügellos sind. Denn dieses sonst so vernünftige Volk deliriert von Zeit zu Zeit. Man muß sich fragen, wie die Leute, die zum großen Teil gar nicht böse sind und von Natur aus zu gegenseitiger Nachsicht, ja Gleichgültigkeit geneigt, plötzlich zu solchen Explosionen von zornigem Fanatismus kommen, bei denen sie gleichzeitig ihren Kopf und ihr Herz verlieren. Manche sagen, dieses Volk hätte eine Frauennatur, sowohl in seinen Tugenden wie in seinen Lastern, und daß die Feinheit seiner Nerven und die Sensibilität, der ja seine Kunst und sein Geschmack den Vorrang verdanken, es plötzlich in hysterische Krisen verfallen lassen. Ich glaube vielmehr, daß jedes Volk nur durch Zufall einmal menschlich ist — wenn man unter Mensch ein vernünftiges Tier versteht (was ja sehr schmeichelhaft, aber gänzlich unbewiesen ist). Die Menschen machen von ihrer Vernunft nur selten Gebrauch. Im allgemeinen sind sie von der Anstrengung zu denken, gleich ermattet, und man tut ihnen wohl, wenn man ihnen das Wollen abnimmt und für sie nur das will, was die wenigste Anstrengung erfordert. Die Anstrengung nun, irgendeine neue Idee zu hassen, ist wirklich keine allzugroße. Aber brechen wir nicht den Stab über sie! Der Freund aller Verfolgten hat mit seinem nachsichtigen Heroismus gesagt: „Sie wissen nicht, was sie tun.“

Eine nationalistische Zeitung fand sich bereit, die bösartigen Instinkte, die in diesen armen Menschen schlummerten, aufzuwecken. Sie lebte ja einzig nur von der Ausbeutung der Verdächtigung und des Hasses, was sie „für die Erneuerung Frankreichs arbeiten“ nannte. Für sie bestand eben Frankreich einzig aus ihr selbst und ihren Gesinnungsgenossen. Sie veröffentlichte gegen „Cleramboche“ eine Reihe mörderischer Artikel, ähnlich jenen, die so gut ihr Ziel gegen Jaurès erreicht hatten, sie hetzte die öffentliche Meinung auf, indem sie schrie: geheimnisvolle Einflüsse seien am Werk, den Verräter zu schützen, und man müsse darüber wachen, daß er nicht entkomme. Und schließlich appellierte sie an die Justiz des Volkes.