Aus Julchen Hermanns Leben.

»So weit ich zurückdenken kann, ist es unverdiente Liebe, welche mich gepflegt, gehütet und geführt hat. Meine Mutter haben Sie gekannt, sie war einzig in ihrer Art, ich könnte stundenlang von ihren Eigenschaften reden, und hätte sie doch nicht vollständig geschildert. In ihren frühern Jahren war sie sehr lebendig und hat sich ihre geistige Frische auch bis ins höchste Alter erhalten, Sie müssen sich noch erinnern können, wie eindringlich all ihre Worte und wie ausdrucksvoll ihr Mienenspiel und all ihre Bewegungen waren. Mutters Worte hatten stets die größte Gewalt über mich. – Mein lieber Vater war Geschäftsmann und hatte für meines Bruders und meine Erziehung nur wenig Zeit übrig, Mutter nahm uns also ganz unter ihre Leitung, und so war ich denn schon früh so glücklich das Gute in seiner Schönheit kennen, es lieben zu lernen, von Kind an war ich unsers himmlischen Schöpfers und seines Sohnes Eigenthum, das er vor tausend Gefahren von seinen Engeln bewachen ließ. Aber trotz dieser Leitung, trotz dieses Schutzes, trotz meiner Liebe zu dem Heiligen, habe ich oft tiefes Leid über meine Sündhaftigkeit tragen müssen, sie steckt zu tief, glauben Sie, wir werden ihrer erst ledig, wenn die Hülle zerbricht.«

»Als mein Vater starb, der nur ein geringes Vermögen hinterließ, war mein Bruder auf dem Gymnasium, und ich ein Mädchen von sechszehn Jahren. Mein Bruder Leopold war sehr befähigt und Mutter und ich wünschten beide sehr, er möchte Theologie studiren, kein Opfer, welches wir uns zur Förderung dieses Zweckes auferlegten, schien uns zu schwer, wir entbehrten mit Freudigkeit und freuten uns über jede neue Bestellung an Näh- und Stickarbeiten, deren Ertrag für den Bruder zurückgelegt wurde. Leopold kam wirklich zur Universität und erleichterte Mutter den kostspieligen Unterhalt durch Stundengeben, so daß vorauszusehen war, es werde Alles gut gehen. Daß wir's an Bitten bei der rechten Behörde nicht fehlen ließen, können Sie sich denken – aber Leopold irrte ab. Er trieb es sehr, sehr schlimm, mit der Theologie war es aus, er kam zu Haus und es sollte nun überlegt werden, was nun aus ihm werden könne. Ehe er ankam, war ich in der vortrefflichsten Stimmung, es war nicht schwer, neben der Mutter das Rechte zu finden: ich hatte nicht zu richten, sondern nur zu beten und zu bitten, auch konnte ich meinem lieben Herrn beweisen, bis zu welchem Grade von Sanftmuth ich es gebracht hatte, ich wollte mit schwesterlicher Liebe den zu halten suchen, der unbrüderlich den Lohn meines anhaltenden Fleißes verpraßt hatte, nur Lächeln anstatt Thränen zeigen.«

»Alles gelang, bis Leopold auch in seiner Heimath das schreckliche Leben wieder begann, und die traurigsten Excesse unter unsern Augen verübte, obgleich Mutter alles Mögliche, was seine Verblendung zerstören konnte, anwendete, obgleich ich, nach meiner Meinung, mit der überzeugendsten Klarheit auseinandersetzte, daß der von ihm eingeschlagene Weg einzig in den Abgrund bodenloser Verderbtheit und Unheiles führen müsse. Er wollte also nicht! Nun war es aus mit meiner großen, schönen Liebe, mit meiner Sanftmuth, da glaubte ich entschieden die Grenze zwischen ihm und mir gezogen, ich wendete mich kalt von ihm ab und betrachtete ihn mit dem Blicke der Verachtung. Mein Herz litt unsäglich dabei, aber ich hüllte mich in ein stolzes Schweigen, den Bruder vermeidend, die Mutter auffordernd, ihn zu lassen, wie ich es gethan, in mir den Ersatz zu suchen. Ja, ich wagte das Unglaubliche, ich war so stolz in meiner Tugend, die mich so hoch über den Bruder stellte – aber Mutter hatte keine Antwort dafür, sie sah mich nur an, stumm und verwundert, schmerzlich befremdet.« –

»Am Abende dieses Tages brachten Jünglinge den Leichnam meines Bruders, aber Gott sei gepriesen! er hatte sich nicht selbst entleibt, wie es mir bei dem ersten Anblicke qualvoll durch die Seele fuhr, er war verunglückt.« –

Julchen schwieg einige Augenblicke, aber bald gefaßt, fuhr sie fort:

»Ist es gewiß, daß mein abstoßendes Wesen nicht Ursach war, daß mein Bruder gerade an diesem Tage das Haus verließ, draußen umherirrte? – Hatte ich nicht jedenfalls Mutters Liebe von dem Unglücklichen zu reißen gesucht, hatte ich nicht Uebels von ihm geredet, während ich »ihn entschuldigen sollte und Alles zum Besten kehren!« –

»Meiner Mutter Haupt richtete sich früher empor als das meinige, sie hatte ein gutes Gewissen. Aber sie tröstete mich mit liebevollen Worten, erinnerte mich an Gottes Weisheit und Güte, die Alles voraussieht, immer wacht, gern verzeiht, und hob mein, in der Seelenqual gesunkenes Vertrauen zu dem, der das zerbrochene Rohr nicht knickt und den glimmenden Docht nicht auslöscht. Durch Gottes und ihre Hülfe wurde ich wieder ruhiger, ich drückte die Hände meiner Freundinnen wieder wärmer, als in der Zeit des Elends. Viel Worte des Lobes und der Bewunderung wurden in jener Zeit über mich gesprochen, die öffentliche Meinung überschreitet leicht das Maaß, im Tadel wie im Lobe, man hinterbrachte sie mir, mich zu erfreuen, aber ich verbarg mich schamroth vor den kurzsichtigen Beobachtern. Die freundliche Aufnahme und Vertheidigung, die Leopold Anfangs bei mir gefunden hatte, dokumentirten aufs Neue mein vortreffliches Herz, meine spätere Kälte war untrüglicher Beweis meiner reinen Tugendhaftigkeit, die mit dem Unreinen durchaus keine Gemeinschaft haben könne, und dann, mein unverkennbar tiefer Schmerz nach Leopolds Tode – wie rührend erschien er der Welt, mit welcher Zartheit begegnete man mir seinetwegen!«

»Jahre verstrichen, ich war zwei und zwanzig Jahre alt geworden, und Gott hatte mir ein Glück geschenkt, das in seinem Umfange vorher nicht zu ahnen ist: ich meine die Liebe eines Freundes, in dessen Gemeinschaft uns die Welt verschwindet, wir uns nur selig vor dem Herrn aller Liebe fühlen. Mein Freund war unendlich mehr als ich, aber ich verstand ihn. Ich staunte über den Reichthum des innerlichen Lebens, den er mir erst zugänglich gemacht hatte; er war der Engel der mir lächelnd unser seliges Endziel und alle Hindernisse auf dem Wege dahin im Lichte der überwindenden Kraft der Gnade zeigte. Ich bin jetzt ein altes Mädchen, aber wenn ich von ihm spreche, so verkörpere ich nur ein freudiges Hallen der ihn feiernden Seele; ich liebe ihn noch, und freue mich ihm entgegen, aber staunen Sie, Niemand weiß es: ich wurde ihm ungetreu.«

»Gott nahm ihn mir früh, ich sah ihn begraben; aber an seinem Grabe sprach ich das Gelübde aus, einsam meinen Weg zu wandeln; Keiner sollte so Theil an mir haben, wie er, Niemand so meine Theilnahme, mein Vertrauen, meine Freundschaft besitzen; er sollte mein Leitstern bleiben, bis wir wieder bei Gott vereint sein würden.«

»In diesem Gelübde fand ich neue Kraft, ich hatte die Süßigkeit der innigsten Gemeinschaft zweier Herzen kennen gelernt und wollte, das vielleicht lange Leben hindurch, darauf verzichten; wollte mich mit der sekundairen, laueren Freundschaft derer begnügen, die mein Herz nur oberflächlich kannten, und in andern Verbindungen größere Befriedigung fanden.«

»Meine Sehnsucht und Trauer war groß, ich habe Jahre lang viel gelitten, mehr als ein Christenherz um einen Heimgegangenen leiden sollte. Endlich erhob ich mich, mit Gottes Hülfe, zu größerer Klarheit, ich empfand wieder Freude bei seinem Andenken, ich freute mich in seinem Sinne handeln zu können, richtete meine Blicke und mein Herz wieder fester zu den Höhen, von wannen die Hülfe kommt. – Da starb Mutter und ich war ganz verwaist. Es ist sehr schwer allein zu stehn, wenn man ein warmes Herz hat. Es fehlt freilich nie an Gelegenheiten zum Gutesthun, aber unsere Liebesthaten werden da unendlich wohlthätiger wirken, wo die Liebe sie empfängt; man will auch nicht verschwenden, weil man weiß, wie glücklich Liebe machen kann. Fühlen Sie, wie es kam, daß die welche als ein Muster felsenfester Treue galt, allmählig die Wünsche hegte, mit ihrem tiefsten Seyn, sich an ein anderes lebendes Wesen zu schließen, fühlen Sie aber auch die Kämpfe, Selbstanklagen und welches Verzagen diese arme Seele erschütterten? Der geistige Bund, die geistige Ehe, wenn Sie wollen, war entweihet, auf welche Tugend durfte ich noch bauen, wenn nicht auf diese Treue, auf mein freiwilliges Gelübde der feurigsten dankerfülltesten Liebe? – Auf keine Tugend, keine Kraft war zu rechnen, in mir war kein Halt.«

»Was giebt mir nun den Muth mich dem Himmel und meinem Freunde dennoch entgegen zu freuen?« fuhr die Erzählerin fort, »ich will es Ihnen sagen. Kennen Sie noch Worte wie diese: »Kommet her zu mir Alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken. Nehmet auf euch mein Joch und lernet von mir, denn ich bin sanftmüthig und von Herzen demüthig, so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen, und saget den verzagten Herzen, seid getrost, fürchtet euch nicht; ich bin der Herr dein Arzt; selig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet – wendet euch zu mir, so werdet ihr selig – die Liebe decket der Sünden Menge – verlasset euch auf den Herrn ewiglich – durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein!«

»Jetzt bin ich stark im Glauben, ich bin auch selig in Liebe und Hoffnung.«

Das treffliche Mädchen schwieg und sah mich mit den leuchtenden Augen ihrer Mutter an. Ich küßte ihre Hand.

»Haben Sie wirklich alle Gebote gehalten?« fragte sie.

»Nein,« entgegnete ich. Sie drückte mir die Hand, und ich verließ sie voller bewegten Herzens. –

Wenn ich einmal verheirathet sein werde, dann will ich Julchen Hermann für mein Haus zu gewinnen suchen, da soll sie noch viel Liebe finden. Meine Frau soll die Geschichte erfahren, und wenn sie sie jetzt nicht etwa schon liebt – man kann's ja nicht wissen – dann wird sie's nachher sicher. Julchen wird dieser Frau eine sehr kräftige Stütze werden, ich nenne sie freilich immer alt, deshalb ist sie aber noch nicht gebrechlich, und hat sie auch einmal Migräne, so legt meine Frau die Hände auf sie und Alles ist gut. –

Gott segne alle guten Menschen, Dich auch recht sehr, liebe Pauline! Schreibe bald wieder.

Justus.