V. Neuzeitliche Zoologie bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts.

A. Periode der Zoographie.

Neuzeit.

Schon hatte in Italien die Renaissance den Zenit überschritten und war in Deutschland mit der Reformation ein neuer Geist zum Durchbruch gekommen, unsere Wissenschaft hatte es noch nicht über ein vorläufiges Stadium hinaus gebracht. Alle die wertvollen im vorigen Kapitel geschilderten Ansätze hatten noch keine größeren Gedankenreihen erzeugt, die eine ähnliche Durchdringung der belebten Natur verraten hätten, wie sie in andern Gebieten der Erkenntnis bereits wirksam war.

1. Philologische Zoologie.

Vorerst tritt mit einer gewissen Geschlossenheit nur die philologische Zoologie auf den Plan. Die Erstausgabe von Aristoteles war unter Anleitung von Th. Gaza 1497 zu Venedig erschienen. Neben Aristoteles wurden indes Plinius, Älian, Oppian u. a. als gleichwertig betrachtet. Verehrung des Altertums befahl ihr Studium, ohne daß man die Tatsachen zu kontrollieren gerüstet gewesen wäre. P. Gyllius schrieb Älian zusammen, Massaria verfaßte einen Kommentar zu Plinius’ IX. Buch (1537), Longolinus einen Dialog über die Synonymik der Vogelnamen in den klassischen Sprachen und im Deutschen. Reifere Früchte dieser Richtung sind indes erst über die späteren Jahrhunderte zerstreut, und als solche sind besonders zu erwähnen ein Kommentar zu der Aristotelischen Schrift über die Teile der Tiere von Furlanus (1574), die Ausgabe der Tiergeschichte von Scaliger (1619), die Ausgabe des Plinius von Hardouin (1723), des Älian von Gronovius (1744). Selbstverständlich wirkte auch die Herausgabe von Hippokrates und Galen auf die philologische Zoologie zurück.

Damit ist die eine Linie gezeichnet, welche schon für die literarische Darstellung und Wiedergabe neuer Befunde zu Beginn der Neuzeit von größerer Bedeutung sein mußte, als heute. Eine zweite Linie führt von der Erneuerung der Anatomie zu der der Zoologie, ohne daß gerade ein unmittelbarer Zusammenhang, etwa durch die Zootomie, vermittelt würde. Das grundlegende Werk für die Anatomie der Neuzeit, die Corporis humani fabrica von Andreas Vesal (1514-1565), war im Jahre 1543 erschienen. Es gab das Vorbild für alle anatomischen Beschreibungen und Illustrationen ab. Dadurch gelang es Vesal, den blinden Glauben an die umfangreichen Werke Galens und damit überhaupt an die wissenschaftliche Tradition zu brechen. Hatten die Bologneser Anatomen Galen gegenüber den Arabern hergestellt, so kehrte Vesal, wie es Galen selbst vorgeschrieben hatte, zur Natur zurück und lehrte aufs neue die Biologen das wissenschaftliche Sehen. Dabei lehnt er sich in der obersten Gliederung seines Stoffes noch stark an Galen an und legt der Anatomie ein System zugrunde, das noch heute nicht nur die menschliche, sondern auch die vergleichende Anatomie beherrscht (Knochen, Bänder, Muskeln, Nerven, Sinne, Darm, Respirations-, Zirkulations-, Urogenitalsystem). Vergessen wir nicht, daß mit dem Buchdruck der Holzschnitt die bildliche Wiedergabe ermöglichte und damit ein neues Bindeglied zwischen der Anschauung und der Überlieferung geschaffen war, dessen das Mittelalter so gut wie ganz entbehrt hatte.

Die Zoologie nahm indes ihren Ursprung von der Beobachtung und Beschreibung der Gesamttiere und ihren Eigenschaften aus, vom Habitus und von der Lebensweise. Das literarische Modell lieferte Plinius in dominierender, Aristoteles nur in untergeordneter Weise. Der Anfang dieser Periode wird bezeichnet durch ein williges Eingehen auf die Mannigfaltigkeit der Tierwelt und einen unbegrenzten Drang, unsere Kenntnis von ihr zu bereichern. Die einheimische, die fernerliegende und die überseeische Fauna treten nach und nach in den Kreis der Beschreibung, Abbildung und Vergleichung. Die Ordnung der Objekte und ihr Bau tritt zunächst zurück, ebenso die Kontrolle älterer Angaben auf ihre Wahrheit. Mit der Kuriosität der Gegenstände, ihrem Nutzen für die menschliche Ökonomie und der Absicht, die Angaben antiker Schriftsteller zu bestätigen, rechtfertigen sich die ersten zoologischen Bemühungen.

Bei dem Umfang der antiken biologischen Literatur, die im Druck und in Übersetzungen erschien, wurde die Glanzzeit der Renaissance noch mit philologischen Diatriben über Hippokrates, Aristoteles, Galen, Älian, Oppian usw. verbracht, ehe man an die Natur selbst ging. Die Anregung, die aus jenen Schriftwerken entsprang, ist nicht zu unterschätzen, aber ihre Festlegung im Druck errichtete zunächst nur ein Bollwerk gegen die naive Naturforschung. Als diese durchbrach, setzte sie sich wesentlich nur mit dem Inhalt, nicht aber mit der Methodik des Altertums auseinander, und dem Fortblühen des Geisteslebens der Renaissance warfen sich bereits erhebliche Widerstände entgegen.

2. Blütezeit der Zoographie.

So beginnt denn die Zeit größter Fruchtbarkeit für die Zoologie der Renaissance sehr spät, erst mit den fünfziger Jahren des 16. Jahrhunderts. Obenan stehen drei Forscher, die sich fast ausschließlich der Darstellung der marinen Fauna widmeten: Belon, Rondelet, Salviani; der erstgenannte verdient außerdem als Ornithologe geschätzt zu werden. Alle ihre Werke erschienen 1551-1555 reichlich illustriert, das Salvianis sogar mit vorzüglichen Kupferstichen; sie enthalten Beschreibungen der marinen Tierwelt, die damit zuerst den binnenländischen Forschern vermittelt wurde. Andererseits blieben diese Autoren in ihren allgemeinen Anschauungen auf einem nicht sehr hohen Standpunkt, indem sie nicht einmal den von Aristoteles gegebenen Begriff „Fisch“ genau nahmen. Noch Salviani gab ausführliche synonymische Tabellen, in denen er die Meertiere der antiken Autoren zu identifizieren suchte. Rondelet zog wenigstens schon anatomische Unterscheidungsmerkmale für die Ordnung seines Fischbestandes bei. Er wird von Cuvier als bester Kenner der Mittelmeerfischwelt beurteilt. Die Zahl der von ihm beschriebenen Fische beläuft sich bereits auf 264 (wovon 239 abgebildet). Zu gleicher Zeit erschien das Werk des Engländers E. Wotton (1492-1555): Über die Unterschiede der Tiere, eine theoretisch gehaltene und an Aristoteles’ und Galens Methode anschließende Zoologie, die vom Gesichtspunkt aus geschrieben ist, ordnende Hand an die Mannigfaltigkeit der Tierwelt und ihres Baues zu legen.

Alle diese Richtungen wurden zusammengebogen und zu dem Typus der Renaissancezoologie verschmolzen durch Konrad Gesner (geb. 1516 in Zürich, studiert in Frankreich, Straßburg, Basel Medizin und Philologie, erst Lehrer der Naturgeschichte, später Arzt in Zürich, stirbt 1565 an der Pest). Gesners Plan war auf eine allumfassende Kenntnis der Tierwelt angelegt, wobei er die kritische Kompilation aus anderen Schriftstellern als selbständige Kunst spielen ließ und sich zur Aufgabe machte, alles Berücksichtigenswerte zu vereinigen und womöglich durch eigne Anschauung zu prüfen. Übersichtlichkeit geht ihm über innere Gliederung des Stoffes. Die oberste Einteilung seines Hauptwerkes, das nach Tausenden von Seiten zählt, der Historia animalium (1551-1558), wird nach Aristoteles durchgeführt und folgt den Klassen der Wirbeltiere. Innerhalb dieser Abteilungen werden die einzelnen Tiere alphabetisch abgehandelt und geschildert nach Namen, Vorkommen, Habitus, Ortsbewegung, Krankheiten, Geistesleben, Nutzen und Haltung, Symbolik, Fabeln, Sprichwörtern. Dabei herrscht das literarische Interesse vor, die Anatomie fehlt. Die reichlichen Holzschnitte, wofern sie auf Beobachtung begründet waren, stammten von guten Meistern (das Nashorn z. B. von Albr. Dürer) und verdienen noch heute Anerkennung. Von besonderem Wert für Gesner waren die obenerwähnten Werke der südländischen Ichthyologen, deren Inhalt er unbedenklich seinem Rahmen einspannte. Auch stand ihm bereits ein Teil der Reiseliteratur zur Verfügung, außerdem zahlreiche Beobachtungen befreundeter Forscher in allen Teilen Europas. Als umfassendes Sammelwerk ist Gesners Tiergeschichte von grundlegender Bedeutung für alle späteren Beschreiber bis auf Buffon geworden. Es wurde als Gesamtwerk oder in einzelnen Teilen bis 1621 vielfach mit Ergänzungen herausgegeben. Der Mensch war von dieser Naturchronik ausgeschlossen und blieb es bis auf Linné.

Gesner folgte ein Mann nach, der sich mit ihm in den Ruhm teilt, der bedeutendste Zoologe des 16. Jahrhunderts gewesen zu sein: Ulysses Aldrovandi von Bologna (geb. 1522, studiert von 1539 ab in Bologna und Padua, wird 1549 als Gefangener der Inquisition nach Rom gebracht, empfängt dort von Rondelet Anregungen zur Zoologie, lehrt von 1554 in Bologna Logik und Arzneimittellehre, setzt 1568 die Gründung eines botanischen Gartens durch, legt 1600 sein Amt als Professor nieder und stirbt 1605). Wie in ihrer Gesamtheit die Zoologie der Neuzeit eine Frucht der Anatomie und Botanik ist, so auch im Leben Aldrovandis, das lange genug dauerte, um ein viel breiter als bei Gesner angelegtes Unternehmen wenigstens zu einem großen Teile zur Vollendung zu bringen. Erst 1599 erschien der erste von den drei Bänden, die Ornithologia, dem die weiteren Folianten über die Vierfüßer, die Schlangen und Drachen, die Fische, die Wirbellosen und die Monstra (von Uterverius und Dempster besorgt) bis 1642 folgten. Aldrovandi bemüht sich, alles Wissenswerte über jedes einzelne Tier mit einem außerordentlichen Apparat von Gelehrsamkeit zusammenzutragen. Er verarbeitet in reicherem Maße schon die fremden Faunen, stellt nicht mehr nach dem Alphabet, sondern nach natürlichen Gruppen zusammen. Merkwürdig wenig kommt bei ihm, trotz seiner Abkunft von Bologna, wo damals noch die Anatomie in hoher Blüte stand und sich die Entdeckung des Blutkreislaufs vorbereitete, die Anatomie zur Geltung, kaum mehr als etwa bei Friedrich II. oder Belon. Bei jedem einzelnen Tier wird nicht nur eine zoologische Beschreibung gegeben, sondern womöglich ausführlich abgehandelt: verschiedene Bedeutung des Namens, Synonyme, Habitus, Sinne, Geschlechtsverschiedenheit, Aufenthalt, Fundort, Sitten, Gelehrigkeit, Stimme, Nahrung, Begattung, Jagd, Kämpfe, Antipathien, Krankheiten, Geschichte, Mystik, Moral, Hieroglyphik, Heraldik, Fabeln, Sprichwörter, medizinischer Nutzen, Verwendung im Haushalt des Menschen. Diese schwerfällige Art der Behandlung ließ keine genauere Ordnung der also beschriebenen Tierwelt zu. Immerhin ist ein Vorzug, daß sozusagen alle ältere Literatur, sofern sie sich auf Einzelheiten der Tiere bezieht, in Aldrovandis Werken verarbeitet ist. Insofern hat er etwas Vollständigeres, im einzelnen wohl aber weniger Gesichtetes als Gesner geleistet. Aldrovandis zoologische Sammlung gehört zu den ältesten und verdient als solche erwähnt zu werden. Im Anschluß an ihn mag Jonstonus mit seinen fünf der organischen Natur gewidmeten Büchern der Thaumatographie (1633) genannt werden, sowie mit einem in der Form an Gesner und Aldrovandi anschließenden großen Sammelwerk, das von 1650-1773 erschienen, vielfach herausgegeben und sogar zum Teil übersetzt worden ist. Jonston beschränkt den Text mehr aufs rein Zoologische, erhebt sich aber im prinzipiellen Standpunkt nicht über seine Vorgänger und hält sich auch der Anatomie völlig fern.

3. Aufsplitterung der Zoographie.

Aber auch auf andern Gebieten regte es sich mächtig. Die Beschreibung neuer Lebewesen, besonders im Anschluß an Reisen in ferne Länder, die Wirkung der zu Beginn der fünfziger Jahre einsetzenden Literatur, die engere Fühlung der Zoologie mit der Anatomie des Menschen, die sich nur sehr allmählich und gelegentlich herstellte, beherrschen den nachfolgenden Zeitraum. Dabei löst sich die Schilderung des Tierreichs allmählich in die seiner einzelnen Abteilungen bis zur Monographie wirklicher und fabelhafter Geschöpfe auf. Als eine vorzügliche Arbeit dieser Art ist Ruinos Schilderung des Pferdes zu nennen (1598). Die Tradition mit den antiken Schriftstellern lockert sich, je mehr man in der Beobachtung sich über sie erhob. Doch hatte man es in dieser Hinsicht wiederum nicht so weit gebracht, um ein wirklich historisches Urteil über sie zu gewinnen. In der Zootomie klebte man noch immer an den von der menschlichen Anatomie und Physiologie gestellten Problemen, die man noch ganz im Sinne des Galenismus mit Hilfe der Untersuchung der Tierwelt zu lösen hoffte. Inzwischen war die Reaktion gegen die Reformation eingetreten und legte den Naturforschern die größte Zurückhaltung auf. Von Forschern des 16. und 17. Jahrhunderts mögen, ohne daß ihnen auf die innere Entwicklung dieser Wissenschaft eine große Bedeutung zukäme, sondern mehr, weil sie als Sammler und Beschreiber Neues beitrugen, hier noch folgende Leistungen genannt werden: Olaf der Große (1555), Michovius (1532) und Herbenstein (1549) schildern die Tierwelt Skandinaviens und Rußlands. Um die Kenntnis der vorderasiatischen und afrikanischen Landtiere machte sich der obengenannte Belon verdient. Clusius von Arras, Oviedo und Hernandez trugen zur Kenntnis der amerikanischen Lebewelt bei. Piso und Marcgrav, welche Brasilien, sowie Bontius, welcher in Verbindung mit letzterem die ostindische Fauna bearbeitete, fallen schon in die Mitte des 17. Jahrhunderts. Auf die Arbeiten über einzelne Tiere kann hier nicht eingegangen werden, aber beispielsweise mag angeführt werden, daß den Schlangen dickleibige Bände gewidmet wurden, ferner den brieftragenden Vögeln, dem Elefanten, dem Pferd, dem Orang, dem Nilpferd; aber auch dem Einhorn, dem Phönix ganze Monographien. Noch hatte Cäsalpin dem Aristoteles die stärksten Anregungen für seine botanisch und damit allgemein biologischen Ausführungen entnommen und Aldrovandi um dieselbe Zeit von Hippokrates die Anregung zu methodisch angeordneter Embryologie empfangen, dann wurden die antiken Autoren vergessen oder um unrichtiger Angaben willen bekämpft. Anstatt derselben organisierte sich nunmehr eine „biblische Zoologie“, die zu bedeutendem Umfange anschwoll. In lehrhaftem, moralisierendem Tone pries man den Schöpfer um der an den Tieren offenbarten Weisheit willen, die unvernünftige Kreatur wurde dem sündhaften Menschen zum warnenden Beispiel vorgehalten, dem Geistlichen zur Bereicherung seiner mit der Reformation beginnenden Redefron durch Symbolistik aller Art Gelegenheit gegeben. Die Tierwelt, die im Vordergrund des Interesses dieser Richtung stand, war die der Bibel. Dadurch kam es dann auch gelegentlich zu jenen höchst gelehrten Ausführungen über die biblische Tierwelt in jeder literarischen Richtung; die Typen hierfür sind S. Borcharts Hierozoicon (1663) und Athan. Kirchers Arca Noe (1675). Die übrige hierher gehörende Literatur, die bis tief ins 18. Jahrhundert reicht, ist würdig, vergessen zu werden.

4. Zootomie des 16. Jahrhunderts.

Man würde nach heutigen Begriffen glauben, die Entwicklung der Anatomie vom 13. Jahrhundert ab, die Herbeiziehung von Tieren zu anatomischen und vivisektorischen Zwecken, die Bereicherung der Kenntnis von Tierarten, die nicht mehr nach Hunderten, sondern nach Tausenden zählten, hätten die Zootomie im Sinne der Aristotelischen früh zum Durchbruch bringen müssen. Das geschah nicht. Wenn wir daher von einer Zootomie der Neuzeit reden, so ist dabei zu berücksichtigen, daß sie noch durchaus im Sinne Galens zum Zwecke der Medizin und der menschlichen Anatomie betrieben wurde, ausnahmsweise im Anschluß an die Zoologie und da erst, nachdem die äußere Form der Tiere den „kuriösen“ Neigungen der Neugier nicht mehr genügte. Auf diesem voraristotelischen Standpunkt beharrt sie bis ans Ende des 18. Jahrhunderts.

Die oben gekennzeichnete reformatorische Tätigkeit Vesals mußte auch mit der Zeit der Zootomie zugute kommen. Doch blieb ihr die volle Wirkung versagt, weil Vesal nur mit dem Inhalt, nicht mit der Form des Galenismus brach, was bei seiner Jugend und den nach Erscheinen seines Werkes über ihn hereinbrechenden Verpflichtungen auch nicht wohl zu erwarten war. Erst spät nach ihm konnte der Geist, in dem er gewirkt hatte, aufwachen und weiter wirken. Die an ihn anschließenden oder wenigstens zeitlich ihm folgenden Anatomen haben nicht nur das von ihm gegebene Bild vom Bau des Menschen ergänzt, sondern wesentliche Beiträge zur Zootomie geleistet. Da sind zu nennen: Eustachio (Rom, gest. 1574), dem wir eine vorzügliche Schilderung des Gebisses beim Menschen und seiner Entwicklung verdanken, R. Colombo (Vesals Nachfolger in Padua, gest. 1559), der bereits den kleinen Blutkreislauf kannte, C. Varolius, der die Organsysteme des menschlichen Körpers zuerst nach ihren Funktionen, nicht nach der Leichenzergliederung und der medizinischen Propädeutik ordnete, Phil. Ingrassias (1510-1580), der zu Neapel Tierarzneikunde lehrte und die Osteologie aufs sorgfältigste ausbaute; dessen Schüler Jasolini aus Epirus, der Lehrer Severinos, G. Fabrizio ab Aquapendente (Padua, 1537-1619), der erste Embryologe der Neuzeit, der auch die einzelnen Funktionen zuerst durch eine Reihenfolge tierischer Formen hindurch verfolgt, G. Casserio (1561-1616), der die Sinnesorgane in aufsteigender Reihenfolge und vergleichend bearbeitete, Adrian Spigelius (Brüssel 1578-1625), der den Zwischenkiefer des Menschen entdeckte. Volcher Coiter (1535-1600, geb. in Groningen studiert an den oberitalienischen Universitäten) gibt nicht nur Abbildungen des Affenskeletts, sondern von etwa zwei Dutzend Skeletten der Warmblüter und Reptilien, ohne indes die Vergleichung eingehender durchzuführen. Die erste ausschließlich der Zootomie gewidmete Schrift stammt von Marco Aurelio Severino, einem Kalabresen (1580-1656 Professor der Anatomie in Neapel). Er wagte es, in der Zootomia democritaea (erst 1645 erschienen) für die Zootomie eine selbständige Stellung im Kreise der der Medizin nützlichen Fächer zu erkämpfen. Die Zootomie sei nötig I. nicht nur 1) für Psychologie und Technik, 2) für Ethik und Religion, sondern auch II. für sämtliche Zweige der Medizin und zwar sowohl 1. den der allgemeinen Biologie (Lehre von den Temperamenten, Säften, Funktionen, Organen), mit Einschluß der Anthropotomie, als auch 2. zur Verteidigung von Hippokrates und Galen, wie 3. wegen der praktischen Medizin. Die tiefe Abneigung gegen Aristoteles, die er aus der philosophischen Schule von Telesius und Campanella mitbrachte und der Severino auch durch ein besonderes Werk (Antiperipatias) Ausdruck verlieh, beraubte ihn leider der Basis für seine eigenen zootomischen Studien, wie er sie in den Aristotelischen Schriften gefunden hätte. Im Tone scholastischer Disputationen geschrieben, enthält dieses Buch manche gute Beobachtungen und noch bessere Urteile, z. B.: man beginne das Studium der Anatomie besser mit einfacheren Körpern, als dem des Menschen, der den kompliziertesten, übrigens den Tieren sehr ähnlichen Bau besitze. Severino verwendet den Begriff des Architypus oder Bauplans. Im Bau der niederen Wirbellosen steckten noch größere Geheimnisse, als man glaube. Er gibt Zusammenfassungen der anatomischen Merkmale der Säugetiere, der Vögel, der Fische, sodann von zahlreichen, wenn auch primitiven Skizzen begleitete anatomische Befunde, die sich über etwa 80 Tiere erstrecken. Als technisches Hilfsmittel empfiehlt Severino die Hand an erster Stelle, dann aber auch das neuerfundene Mikroskop. Severino ist ein Spätling der ganzen Renaissancezoologie, sein Werk zu spät erschienen, um zu einer Wirkung zu gelangen, wie sie unter günstigeren äußeren Verhältnissen notwendig hätte erfolgen müssen.

4. Zootomie des 17. Jahrhunderts.

Die nachfolgende zweite Periode der Neuzeit, die wir etwa vom Jahre 1625 an datieren können, zeigt einen wesentlich anderen Charakter als die vorangehende. Die weltgeschichtlichen Bedingungen, unter denen sie einsetzt, sind einmal die Verwüstung Mittel- und Nordeuropas durch den Dreißigjährigen Krieg, wodurch die wissenschaftliche Produktion auf Jahrzehnte stillgelegt war, sodann der mächtige Einfluß, den die exakten Naturwissenschaften, besonders die Physik, nach Baco, Galilei und Kepler auf die organischen Naturwissenschaften gewannen und zwar auf zweierlei Wegen: 1. durch Erfinden von Technizismen zur Untersuchung der vorher unbekannten winzigen Organismen und der Struktur der Gewebe (Mikroskop ca. 1590, Thermometer ca. 1600, Anwendung der Injektion), 2. durch Vergleichung organischer Verrichtungen mit Mechanismen, aus der man wiederum für die Technik Nutzen zog. In dieser mechanistischen Tendenz der Biologie kommt aber derselbe Gedanke zum Ausdruck, der sich auch in der Organisation des Wissenschaftsbetriebes durch Sammlungen und gelehrte Gesellschaften, sowie durch das Emporblühen der Systematik ausspricht, der Gedanke nach praktischer und theoretischer Beherrschung der nach und nach schon durch die voraufgehende Zeit ausgebreiteten Mannigfaltigkeit der Natur durch die Macht menschlichen Geistes. Bestrebungen, wie die F. Bacos um die Erneuerung der Wissenschaften durch Beobachtung und Experiment (schlug er doch schon vor, man sollte die Bildung der Arten in besonderen Tiergärten experimentell nachzuweisen versuchen), konnten nicht ohne Einwirkung auf die Zoologie bleiben. Bezeichnenderweise ist indes der Weg unserer Wissenschaft während des 17. Jahrhunderts ein zweispuriger. Am meisten gedeiht die zootomische und allmählich in ihr dominierend die mikroskopische Richtung. Mit dem steigenden Einfluß der exakten Wissenschaften nimmt die erstere, philosophisch durch Descartes bestimmt, vorwiegend einen physiologischen Charakter an, wogegen die letztere die deskriptiven Traditionen der Zoologie des 16. Jahrhunderts weiter kultiviert. Aus diesen wachsen dann mit infolge der Zunahme der Tierkenntnis die systematischen Versuche heraus.

An der Schwelle dieser Zeit begegnet uns der Engländer und Aristoteliker mit Bologneser Schulung, William Harvey, der die von ihm festgestellte Lehre vom Blutkreislauf seit 1619 vortrug und 1628 publizierte. Wenn seiner Entdeckung auch für Physiologie und Pathologie eine ungemein große Bedeutung zukommt und sie, besonders nachdem auch Aselli 1622 die Chylusgefäße und 1647 Pecquet den Ductus thoracicus zufällig entdeckt hatten, den wesentlichsten Zuwachs zur Physiologie der Menschen in der Neuzeit bildete, so war sie doch auf die Zoologie nicht von unmittelbarer Wirkung. Viel bedeutungsvoller waren in dieser Richtung Harveys embryologische Untersuchungen, die sich über die Klassen der Wirbeltiere, aber auch über Krustazeen, Insekten, Mollusken ausdehnten und die Harvey zur Verallgemeinerung führten, daß alles Leben, auch das des Menschen, einem Ei entstamme. Auch er ließ die höheren Organismen Stufen durchlaufen, welche den niederen entsprechen sollten. In dieselbe Zeit fällt die erste methodische Verwendung des Mikroskops in der Biologie durch Fr. Stelluti (1625), welcher mit Hilfe dieses Instrumentes den Bau der Biene untersuchte.

Im ganzen Laufe des 17. Jahrhunderts vollzog sich die Ausbreitung und Festsetzung der Zootomie in den nordischen Ländern. Außer England, wo wir nach Harvey zunächst Glisson und Grew aufzuführen haben, sind Holland, Dänemark (die Dynastie der Bartholine), Schweden hieran am meisten und wirkungsvollsten beteiligt. Nachdem um die Mitte des Jahrhunderts die Produktion beinahe den Nullpunkt erreicht hatte, bricht sie sich in überraschender Breite von den sechziger Jahren ab neue Bahn in einer bedeutenden und fast ein Jahrhundert beherrschenden Literatur.

Die Maschinentheorie des Lebens, wie sie in klassischer Weise von Descartes vertreten wurde, reifte die ersten biomechanischen Schriften eines Steno (1669), eines Borelli (1680), eines Claude Perrault (1680), worin einmal die Prinzipien der Statik und Mechanik im Sinne der modernen Physik auf den Menschen und die übrigen Lebewesen angewandt sind. Perrault ließ es sich besonders angelegen sein, die zahlreichen an Technizismen erinnernden Einrichtungen der Tiere darzustellen und zu vergleichen. In der mechanischen Erklärung der Funktionen erblickt Perrault geradezu die Hauptaufgabe der Biologie. Die Gliederung der Funktionen in seiner Mécanique des animaux folgt, entsprechend der selbständigen Gestaltung der Chemie durch Boyle und Mayow und in Anlehnung an Aristoteles, dem Schema: Stoffwechsel und Kraftwechsel; dabei läßt Perrault die Funktionen des Formwechsels oder die Entwicklungsmechanik außer Spiel. Eine Parallele dazu bildet der Vorstoß auf biochemischem Gebiete, den Mayow (1674) unternahm und der besonders dem Chemismus der Zirkulation galt. Auch eröffnete die Untersuchung des Zitterrochens durch Redi (1671) und Lorenzini (1678) die Bahn für die Anschauungen über tierische Elektrizität. Aber auch abgesehen von diesen an die Zootomie anknüpfenden Erklärungsversuchen, sammelt sich allmählich ein reicher Bestand an zootomischem Wissen an, das in mannigfacher Weise bald mehr an die menschliche Anatomie, bald mehr an die der niederen Tiere anlehnte. Vor allem traten jetzt diejenigen Lebewesen in den Kreis der zootomischen Beschreibung, deren Bau in seiner reichen Mannigfaltigkeit dem Altertum gänzlich unbekannt geblieben war, und die nun erst mit Hilfe des Mikroskops erobert wurden, die Insekten und die verwandten Stämme. Sie wurden auf einige Zeit hinaus das Lieblingsobjekt all derer, die in der Zootomie „Augen- und Gemütsergötzung“ suchten. Mit ihrer Bearbeitung war die Zoologie der Wirbellosen nicht mehr auf die Meeresufer beschränkt und erfuhr zugleich mit der deskriptiven Zoologie eine beispiellose Erweiterung.

Durch ihre zootomischen Leistungen zeichnen sich abgesehen von den obengenannten Mechanisten aus die Bartholine, die die Anatomie auf allen Gebieten gleichmäßig bereicherten: N. Steno durch anatomische Untersuchungen über die Fische, N. Grew durch die vergleichende Anatomie der Verdauungsorgane. Caldesis Anatomie der Schildkröte (1687) so gut wie Redis Untersuchungen über die Viper (1664) und Lorenzinis (1678) über den Zitterrochen verraten einen mächtigen Fortschritt der Zootomie. Zu den bedeutendsten Leistungen auf diesem Gebiet gehören auch die Arbeiten von Thomas Willis (1622-1675). In seinen Hauptschriften (Cerebri anatome 1666 und De anima brutorum 1674) hat er nicht nur zuerst in ausgiebigerem Maße die vergleichende Anatomie des Nervensystems gepflegt. (Den Namen Anatomia comparata hat er in Abänderung des von Baco ihm ursprünglich beigelegten Sinnes für die Morphologie eingeführt.) Er will mit dieser Methode nicht nur die Funktionen ergründen, sondern auch die tierische Psychologie pflegen. Dabei entging ihm die Verschiedenheit der psychischen Begabung der Tiere nicht; aber im Zeichen Harveys stehend, teilt er nach den Respirationsorganen ein: Insekten, Fische, Vögel, Vierfüßer, Mensch. Seine Beschreibungen (Regenwurm, Krebs, Auster) und Vergleichungen gehören zu den methodisch bestdurchgeführten, ganz abgesehen davon, daß er den ersten großen Schritt in der Neurologie über Galen hinaus getan hat. In diese Phalanx nordischer Anatomen reiht sich auch Olaf Rudbeck ein, der an der Seite der Bartholine den neuen Anschauungen über die Zirkulation Geltung erkämpfte. Auch seien die zootomischen Studien an der neugegründeten Akademie in Paris namentlich von J. G. Duverney (Abhandlungen 1676 und 1732 erschienen) nicht vergessen, ebenso die Anatomien von E. Tyson (Beuteltier, Delphin, Schimpanse), deren letztere 1699 kulturhistorische Bedeutung erlangte. So ist denn dieser Zeitraum geradezu eine Blütezeit der Zootomie zu nennen, und demgemäß fehlte es in ihm auch nicht an zusammenfassenden Darstellungen. Eine solche, die wesentlich in einer Kompilation der voraufgehenden Zootomen bestand, gab G. Blasius (Anatome animalium, Amsterdam 1681). Umfangreicher und in eingehendstem Zusammenhange mit der menschlichen behandelte S. Collins (1685) die tierische Anatomie. Als drittes Sammelwerk ist endlich das viel jüngere Amphitheatrum zootomicum von B. Valentini (1720) schon an dieser Stelle aufzuführen.

Als ein Resultat gesteigerter Kritik infolge der Zootomie darf wohl auch betrachtet werden, daß man begann, Fossilien mit lebenden Organismen zu vergleichen. Der obengenannte Steno erklärte die Glossopetren (1669) für versteinerte Zähne von Haifischen und sah auch in den fossilen Resten von Muscheln und Schnecken Überbleibsel einstiger Faunen, aber nicht mehr „Naturspiele“ oder Niederschläge des gesteinbildenden Saftes der Erde. Lebhafte Unterstützung fand er darin von A. Scilla 1670. Namentlich waren es Engländer, worunter besonders J. Woodward, die um die Wende des Jahrhunderts für eine vernünftige Auffassung der Fossilien eintraten.

Wie oben erwähnt, verfolgen die Mikroskopiker von allen Zootomen den selbständigsten und eigenartigsten Weg. Auch ihre Leistungen fallen der Hauptsache nach ins letzte Drittel des 17. Jahrhunderts. Allen voran leuchtet das Dreigestirn M. Malpighi (1628-1694, Bologna), J. Swammerdam (1637-1680, Leiden) und A. van Leeuwenhoeck (1632-1723, Delft). Malpighi (Opera omnia 1687) war einer der ersten, die es verstanden, zootomische Studien zu einer selbständigen, nicht von der medizinischen Praxis abhängigen Beschäftigung zu erheben. Insbesondere wandte er sich dem Studium menschlicher und tierischer Gewebe zu. Die Entdeckung des Baues vieler Drüsen führte ihn dazu, die Allgemeinheit drüsiger Struktur zu überschätzen, z. B. auch dem Gehirn drüsigen Bau zuzuschreiben. Von großer Bedeutung wurde für die Zoologie seine Monographie des Seidenwurms, da sie die erste anatomische und embryologische eines Insektes war. Die eingehende Schilderung der Tracheen der Insekten ist sein Verdienst. Dann aber wandte er auch zuerst das Mikroskop auf die Entwicklungsgeschichte, speziell des Hühnchens an. Obschon Malpighi vielfach auch die Injektionstechnik zu Hilfe nahm, so wurde er in der Ausführung derselben von Ruysch (1638-1731, Haag) übertroffen, der durch den Verkauf geschickt injizierter und sorgfältig präparierter Sammlungen viel zur Verbreitung feinerer anatomischer Technik beitrug. Ihm auch gelang es zuerst, die Klappen in den Lymphgefäßen nachzuweisen (1665). Eine höchst sonderbare Persönlichkeit, das Vorbild aller derer, die in der Hingabe an die Welt des Mikroskopischen zu allen Zeiten Glück und Erlösung von irdischen Mühsalen suchten, ist J. Swammerdam. Seine Biographie, die Boerhave dem erst nach Swammerdams Tode erschienenen Hauptwerke (Bybel der Nature, Leiden 1737) voraussetzte, verrät ein Leben voll Schwärmerei, Polemik und Enttäuschungen. Er arbeitete mit dem subtilsten Rüstzeug an selbstverfertigten Instrumenten und stellte das Gesehene in wunderbar künstlerischer, auch heute noch mustergültiger Weise dar. Die Zergliederungen von Mollusken (Sepia und Helix) blieben bis auf Cuvier unübertroffen. Mit besonderer Liebe und Andacht sind die Insekten nach Bau und Entwicklung dargestellt, deren Unterscheidung nach dem Grade der Vollkommenheit ihrer Entwicklung von ihm herrührt. Erfahrung durch Beobachtung und Experiment sind auch ihm die Grundlage seiner unvergänglichen Arbeit, doch durchzieht sie ein mystischer Faden, der, an die obengeschilderte biblische Zoologie anknüpfend, ihn sein letztes Genügen in der Bewunderung von Gottes Güte und in der Versenkung in sie suchen läßt. Die Zeugungs- und Entwicklungsgeschichte hat Swammerdam namentlich durch seine Studien über das Urogenitalsystem der Frösche und seine Befruchtungsexperimente an Amphibien gefördert.

Eine Parallele zu ihm bildet A. v. Leeuwenhoeck, der, zum Kaufmann bestimmt, sich der Liebhaberei, starkvergrößernde Linsen herzustellen, hingab und nun, ohne besonderen Plan, als Dilettant mikroskopische Studien betrieb. Trotz seiner mangelhaften Vorbildung ist die Zahl seiner Entdeckungen nicht unbedeutend; so sah er die Blutkörperchen, den Kapillarkreislauf des Froschlarvenschwanzes, die Querstreifung des Muskels u. a. m. Unter seiner Leitung arbeitete der Student Ludwig von Ham, der 1677 die Samentierchen (Spermatozoen) entdeckte, in denen nun Leeuwenhoeck den wesentlichen Bestandteil bei der Befruchtung zu erkennen glaubte, womit er zum Haupt der sog. Schule der Animalkulisten wurde. Von größter Wichtigkeit für die Zoologie wurde die Entdeckung der Protozoen durch ihn, die von nun an ein Lieblingsobjekt der mikroskopierenden Dilettanten waren.

Durch all diese Untersuchungen und Entdeckungen war eine Basis gegeben, auf der für die alten Probleme von der Zeugung und Vererbung neue und, wie man glaubte, abschließende Tatsachen gediehen. G. Needham schrieb 1667 seine berühmte Schrift über die Entstehung des Fötus, worin er besondere Sorgfalt den Eihäuten zuwandte. Redi erbrachte 1668 den Beweis auf experimentellem Wege dafür, daß die Tiere nicht aus den Stoffen, worin sie leben, entstünden, sondern, wie Harvey behauptet hatte, nur aus Eiern. Daraus erwuchsen wiederum die größten Schwierigkeiten, die Übereinstimmung mit der unantastbaren biblischen Tradition herzustellen. Was Wunder, wenn Malebranche (1688) auf den Gedanken der Präformation, der Vorbildung des fertigen Wesens im Keime, verfiel, der nun für die Folgezeit zur Herrschaft gelangte?

Mit alledem hatte die Zootomie ihre Grenzen ausgedehnt, Wirbellose und die Entwicklung aufs neue in den Kreis ihrer durch zweckmäßige Instrumente unterstützten Tätigkeit gezogen und war zu ungeahnter Breite ausgewachsen. Nebenher ging die Erweiterung des Tierbestandes im Sinne der Beschreiber des 16. Jahrhunderts durch Reisende oder Forscher, die sich die Fauna ihrer Heimat zum Vorwurf nahmen.

B. Periode der Systematik.

1. Praktische und theoretische Organisation der Zoologie.

Mit der Würdigung der Objekte, über die man schrieb und lehrte, stellte sich früh schon das Bedürfnis ein, Sammlungen anzulegen. Hierin gingen den Zoologen die Botaniker voran, da sie es mit leichter zu konservierenden Objekten zu tun hatten. Clusius von Arras und Aldrovandi werden als erste zoologische Sammler aufgeführt; jedenfalls nahm im 17. Jahrhundert die Lust zum Sammeln zu und in allen Kuriositätenkabinetten fanden sich neben allen anderen Gegenständen auch zoologische ein. Befördert wurde das Sammeln durch den Zusammenschluß der Gelehrten zu Gesellschaften und Akademien, die der Pflege der Sammlungen besonders oblagen. Vielfach wurden von diesen Sammlungen ausführliche und illustrierte Kataloge publiziert, so von der des Collegium Romanum 1678 und der Royal Society von London 1681; doch lag die Konservierungskunst noch zu sehr im argen, als daß der Wissenschaft bleibender Gewinn aus diesen Versuchen erwachsen wäre.

Gelehrte Gesellschaften entstanden zuerst in Italien, aber auch in Deutschland, wo einige Ärzte 1651 sich zuerst zu der später (1677) privilegierten Academia Naturae Curiosorum zusammentaten, um sich mit Naturgeschichte zu beschäftigen, und in England, wo seit 1645 die Anfänge der Royal Society existierten. In dieselbe Zeit fällt die Gründung der Académie des Sciences in Paris, die die hervorragendste Zentrale gerade für zootomische Publikationen wurde. Diesem Vorbilde der großen Kulturzentren folgten alle bedeutenderen Städte, in denen Wissenschaft gepflegt wurde. Sie hatten den Vorzug, daß sie den Gelehrten teure Materialien zugänglich machten, wozu auch die Gründung von Menagerien, besonders des Jardin du roy unter Ludwig XIII., beitrugen.

Der praktischen Organisation zoologischer Forschung ging die theoretische zur Seite. Der Stoff hatte nachgerade unheimliche Dimensionen angenommen; aber er lag chaotisch da. Es fehlte vor allem an einem Unterscheidungsmittel rein äußerer Art für das Ähnliche und doch konstant Verschiedene! Andererseits machte sich das Bedürfnis geltend, die Gesamtheit des Bestandes an Tieren und Pflanzen nach einem natürlichen Prinzip, wie es die Botaniker schon seit der Renaissance suchten, zu ordnen. Dazu kam die solchen Strömungen günstige Zeitstimmung. Die Organisation der Kirche hatte unter den Jesuiten den Höhepunkt erreicht, Ludwig XIV. organisierte den Typus des europäischen Staates, Leibniz den des philosophischen Systems; braucht man sich da zu wundern, daß sich der Drang nach Organisation der Kenntnis von den Lebewesen, die den größten Bestand an damals bekannten konkreten Objekten darstellten, in gesteigertem Maße geltend machte?

2. John Ray.

John Ray, geboren 1628, studierte von 1644 in Cambridge Theologie, traf dort den etwas jüngeren Fr. Willughby (1635-72) mit dem er sich intim befreundete, verlor als Nichtkonformist 1662 seine Stelle am Trinity College, reiste auf dem Kontinent 1663, zog sich von 1669 ab zu Willughby zurück, übernahm von 1672 an die Erziehung von Willughbys verwaisten Kindern, gab 1675 Willughbys Ornithologie, 1682 seine Methodus plantarum nova, 1686 seine Historia plantarum, 1693 seine Synopsis der Vierfüßer heraus und starb 1705. Um sich von Rays Gedankenkreis eine Vorstellung zu machen, muß man wissen, daß er Griechisch konnte, ohne bindende Verpflichtungen sich ganz seinen Aufgaben widmete und ein vielgelesenes Buch schrieb, worin er die Weisheit Gottes aus der Schöpfung bewies.

Rays Verdienste liegen fast vollständig auf methodischem Gebiete und gehören der gesamten Biologie an. Aber er beschränkte sich nicht darauf, seine Prinzipien aufzustellen, sondern er betätigte sich auch an den größten Gruppen der Lebewesen. Den Zeit- und Streitfragen der damaligen Biologie durchaus nicht fremd, suchte er in entgegengesetzter Weise wie die Mechanisten die Vereinfachung des biologischen Tatbestandes zu erreichen, Übersicht und Ordnung in die Mannigfaltigkeit tierischen Lebens zu bringen. Dabei lehnt er sich in höherem Grade, als dies seit Cäsalpin der Fall gewesen war, bewußt an Aristoteles an, sowohl in den allgemeinen Ausführungen über das Tier, wie auch im speziellen Modus der Gliederung der Tierwelt. Die beifolgende Übersicht bringt, abgesehen von der Erwähnung der Manati, geradezu nur den klassifikatorischen Inhalt der Aristotelischen Schriften in tabellarischer Form. Ray scheute sich geradezu, die Wale den Säugetieren einzureihen, weil Aristoteles es nicht getan hatte, oder er behält die Bezeichnung genus für die größeren Gruppen bei, ohne deren Stufenfolge entsprechend zu charakterisieren. Und doch besteht ein großer Fortschritt: Ray machte die Klassifikation zu einer selbständigen wissenschaftlichen Aufgabe; dadurch allein wurde der durch den Zuwachs an neuen Objekten drohenden Verwirrung Einhalt geboten. Sodann vollzog sich in Rays Arbeiten wieder einmal der Prozeß, daß ihm für die Einteilung die Formmerkmale wichtiger wurden, als die Funktionsmerkmale, ohne daß er sich dessen bewußt war. Es war ein rein praktisches Verdienst Rays, daß er die Art (Spezies) definierte und gewissermaßen zur Norm, zur kleinsten Einheit des Systems erhob. Er selbst faßte die Feststellung des Artbegriffes als ein Hilfsmittel der Klassifikation auf. „Welche Formen der Spezies nach verschieden sind, behalten diese ihre spezifische Natur beständig, und es entsteht die eine nicht aus dem Samen einer andern und umgekehrt.“ Nun ist aber dieses Zeichen der spezifischen Übereinstimmung, obschon ziemlich konstant, doch nicht beständig und untrüglich. Denn „daß einige Samen degenerieren und, wenn auch selten, Pflanzen erzeugen, welche von der Spezies der mütterlichen Form verschieden sind, daß es also bei Pflanzen eine Umwandlung der Spezies gibt, beweisen die Versuche“. Es lag also vollkommen außerhalb der Absicht Rays, dem Artbegriff die dogmatisch starre Deutung zu geben, welche später beliebte. Seine Klassifikation kann hier nicht im einzelnen verfolgt werden, doch traf sie schon durch Anwendung des Aristotelischen Grundsatzes, Ähnliches zusammenzustellen und Unähnliches zu trennen, bei dem erweiterten Tierbestande, der jetzt vorlag, vielfach das Richtige und bedeutete im einzelnen einen wichtigen Schritt vorwärts. Bei den Insekten gründete Ray im Anschluß an Swammerdam die Einteilung auf den Vollkommenheitsgrad der Metamorphose. Ray überging den Menschen im Gegensatz zu seinen sonstigen Anlehnungen an Aristoteles vollständig. Er brach dagegen zuerst mit der Tradition, welche die alten Fabelwesen mitschleppte, und nahm nur positiv erwiesene Tiere in seine Verzeichnisse auf. Er dehnte seine Tätigkeit jedoch innerhalb der Wirbellosen nicht über die Insekten hin aus. Martin Lister, sein Freund, behandelte nach Rays Prinzipien die Mollusken. Hier mag auch noch W. Charleton (1619-1707) um seiner Verdienste für die Nomenklatur willen aufgeführt sein. Er suchte zuerst einer zweckmäßigen Terminologie für die verschiedenen Eigenschaften der Form, Farbe usw. Eingang zu verschaffen.

Allgemeine Übersicht der Tiere (1693):

Tiere sind

Bluttiere und zwar

Lungenatmer mit Herzventrikeln und zwar mit

deren zwei

Lebendiggebärende

Wassertiere, Gruppe der Wale

Landtiere, Vierfüßer, oder um auch die

 Manati einzuschließen,

Haartragende, mit Einschluß

der amphibisch Lebenden

Eierlegende, Vögel

deren einem, Eierlegende Vierfüßer und Schlangen

Kiemenatmer, Blutführende Fische außer den Walen

Blutlose

Große, und zwar

Weichtiere, Polyp, Tintenfisch, Posthörnchen

Krustentiere, Heuschreckenkrebs, Flußkrebs, Taschenkrebs

Schaltiere, Einschaler, Zweischaler, Schnecken

Kleine Insekten.

3. Vermehrung der Tierkenntnis.

Daß diesem gewaltigen Aufschwunge der Zoologie am Ende des 17. Jahrhunderts ein bedeutender Niederschlag von neuen Leistungen, die sich die großen Meister zum Muster nahmen, folgen mußte, ist nicht überraschend. Nur in Kürze seien hier einige der wichtigsten zoologischen Werke aus dieser beschaulichen Periode (bis 1750) hervorgehoben.

Die Tierkenntnis nahm teils durch Ausdehnung der Zootomie über seltene oder fremdländische Formen zu: M. Sarasin (Biber, Vielfraß), P. Blair (Elefant), Jussieu (Hippopotamus), Vallisneri (Chamäleon), oder aber durch Beschreibung neuer Arten und ihrer Lebensweise: Rumph, Seba, Petiver (Südasien), Kämpfer (Japan), Pr. Alpin, Tournefort, Shaw (Orient und Nordafrika), Sloane (Zentralamerika), S. Merian (Surinam); insbesondere gewann die mitteleuropäische Fauna durch die Darstellungen von Marsigli (Donau 1726), Cysat (Schweizerseen 1661), Breyn (Schaltiere). Das Lieblingsobjekt aber bildeten die Insekten, und den großen Publikationen des 17. Jahrhunderts folgte R. A. F. de Réaumur mit seinen durch vielseitige Berücksichtigung der Biologie und Entwicklungsgeschichte klassischen Abhandlungen zur Naturgeschichte der Insekten (1734 bis 1742), der sich nebenbei auch um die Naturgeschichte der niederen Tiere, namentlich der Polypen, verdient gemacht hat. Das von ihm in Paris angelegte Museum ging später an den Jardin des Plantes über. Von verdienstvollen Arbeiten über Wirbellose sind hervorzuheben diejenigen von J. H. Linck (1733) über die Seesterne, von Marsigli (1711) über die Polypen und die Edelkoralle. Großes Aufsehen erregten die Experimente Trembleys (1744) am Süßwasserpolypen.

4. Biologische Dogmatik.

Aus den Experimenten und Entdeckungen über niedere Tiere sowie über Eier und Spermatozoen, aus den mechanistischen Tendenzen der Physiologie und aus der Herrschaft der materialistischen Richtung in der Philosophie bildete sich zu Beginn des 18. Jahrhunderts eine bis in die zweite Hälfte desselben hineinreichende theoretisierende Biologie heraus, die mit scholastischer Dialektik die Probleme vom Ursprung des organischen Lebens, von der Vererbung, von den Beziehungen zwischen organischer und anorganischer Welt fortspann und das von der Stellung des Menschen wenigstens streifte. Sie ist als die biologische Dogmatik zu bezeichnen. Die von Malebranche behauptete Präformation der Keime, wonach bereits entweder im Samentier oder im Ei der fertige Organismus mit all seinen Teilen nebst zukünftigen Generationen sollte eingeschachtelt sein, fand infolge der Kombination von Beobachtungen an Insekten und des Glaubens an die Artkonstanz unerschütterliche Anhänger in Ch. Bonnet (1720-1793) und Albr. von Haller, bis C. Fr. Wolff (1759) mit seiner Theoria generationis an Stelle der Präformationslehre, die sich außerdem mit dem Augustinismus deckte, wieder die von Aristoteles und Malpighi vertretene Epigenese setzte. Nach dieser Theorie entstehen die Organe erst innerhalb des Embryonallebens. Der Streit, ob das Ei oder das Samentierchen den eigentlichen Keim enthalte, welcher die Theoretiker in das Lager der Ovulisten (Malpighi, Swammerdam, Vallisneri, Bonnet, Haller, Spallanzani) und das der Animalkulisten trennte (Leeuwenhoeck, Leibniz, Boerhave), wurde scheinbar zugunsten der ersteren entschieden, als Bonnet die Parthenogenese der Blattläuse entdeckte. Der endgültige Abschluß dieses Streites erfolgte aber erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Über die Beziehungen zwischen organischer und anorganischer Natur dachte man sehr verschieden. Buffon nahm keine solche Beziehungen an, wohl aber winzige Elementarorganismen, organische Partikeln, welche sich zusammentun und neue Organismen bilden sollten, da Buffon nach ungenauen Versuchen Needhams an die Urzeugung glaubte, die einwandfrei erst von Spallanzani (1786) endgültig widerlegt wurde. Andererseits leugnete z. B. Maupertuis die prinzipielle Verschiedenheit der organischen und der anorganischen Natur. Die Theorie der Pangenesis fand für diesen Zeitraum die meisten Anhänger (Maupertuis, Buffon, später auch Oken); nach ihr sollten in die Zeugungsstoffe kleinste Teile aus allen Organen des Körpers eingehen und auf diese Weise die elterlichen Eigenschaften übertragen, wie dies schon Hippokrates ausgesprochen hatte. Aus alledem ist ersichtlich, daß durch die Kombination der tierischen Mechanik und der mikroskopischen Anatomie die Postulate des Neuplatonismus einen breiten Tummelplatz fanden, der, außerdem durch den Kampf zwischen den christlichen Dogmen und der modernen Skepsis durchfurcht, ein bis heute ertragreiches und namentlich in den letzten zwei Dezennien wieder viel kultiviertes Saatfeld gab. „Das Tier, ein System verschiedener organischer Moleküle, welche den Anstoß eines dumpfen Empfindens, das der Schöpfer der Materie ihnen erteilt hat, sich kombiniert haben, bis daß jedes seinen geeigneten Platz für seine Form und sein Gleichgewicht gefunden hat“ (Diderot 1751). Über das Verhältnis der Tierwelt zur Erdgeschichte wurden die verschiedensten Hypothesen laut. Bonnet sah die seit der Schöpfung vorhandenen Keime für alle Wesen vom Atom zum Cherubim sich allmählich zu einer Stufenleiter der Lebewesen auswachsen, die sich in drei großen Etappen folgen sollten. Wie er an das Gesetz der Kontinuität von Leibniz anknüpfte, so auch Robinet (1768), ein moderner Vertreter des Hylozoismus, der eine sukzessive Vervollkommnung der Schöpfung annimmt, die Arten verwirft, nur durch unmerkliche Übergänge miteinander verbundene Individuen annimmt und dem Menschen eine große Zukunft in Aussicht stellt. Mehr an die Tatsachen, namentlich der Paläontologie, hielt sich de Maillet (1748), der einer Entwicklung des Planeten und seiner Organismen, namentlich aber der Umbildung der letzteren aus primitiven Meerbewohnern das Wort redet.

5. C. von Linné.

Zu welchem Mißbrauch systematische Versuche führen konnten, wenn sie ohne tieferes Eindringen in die Wirklichkeit, rein auf logische Schemata hin unternommen wurden, das bewiesen aufs schlagendste die von einem hohlen und oberflächlichen Dilettantismus getragenen Arbeiten des Stadtsekretärs von Danzig, J. Th. Kleins (1685-1759). Würden sie nicht eine vollkommene Analogie zu den dichotomistischen Spielereien in der Schule Platos bilden, so wären sie höchstens noch als Zeugnisse eines ungebrochenen, aber seinen Anhängern verhängnisvollen vielseitigen Eifers für die Tiere erwähnenswert. Sie stehen weit hinter der von Ray glücklich eingeleiteten Entwicklung der Klassifikation zurück, halten sich lediglich an Äußerliches unter Verachtung der Anatomie und konnten höchstens dazu beitragen, das Ansehen von Linné, dem sich Klein in beständiger Feindseligkeit entgegenwarf, zu erhöhen.

Die von Ray gebrochene Bahn betrat als eigentlicher Vollender und Gesetzgeber Carl von Linné. (1707 in Rashult als Sohn eines Predigers geboren, besuchte er ohne Erfolg die Schule von Wexiö, studierte zu Lund Medizin, siedelte 1728 nach Upsala über, wo er als Schüler Rudbecks für diesen von 1730 ab Vorlesung hielt und sich mit Peter Artedi [1705-1735] aufs innigste befreundete. 1732 trat er eine Reise nach Lappland und 1735 nach Holland an, wo er promovierte. In demselben Jahre veranlaßte Gronov in Amsterdam den erstmaligen Druck des Systema naturae, das bis 1758 zehn Auflagen erlebte. 1738 gab er das Werk des inzwischen verstorbenen Artedi über die Fische heraus, reiste nach Paris und kehrte alsdann nach Schweden zurück. 1741 Professor der Medizin in Upsala, errichtete er 1745 ein naturhistorisches Museum, von 1747 sandte er mehrere Schüler auf Forschungsreisen, 1750 erschien die Philosophia botanica. 1764 zog er sich nach Hammarby zurück und starb daselbst 1778.)

Linnés größtes Verdienst beruht in der Präzision, die er erst der naturgeschichtlichen Sprache verliehen hat. Damit hat er Schwierigkeiten beseitigt, die für die ganze Biologie ein Hindernis waren. Seine scharfe und klar gefaßte Kunstsprache sucht einen für jede Beobachtung adäquaten Ausdruck. Dadurch wurde man erst fähig, mit kurzen Diagnosen ein Tier, eine Pflanze zu kennzeichnen. Nicht minder bedeutungsvoll war die Abstufung der Gruppen (Gattungen Rays und der Alten) des Systems in Reiche, Klassen, Ordnungen, Gattungen, Arten und Varietäten, Bezeichnungen, deren höhere er dem Zivilstand entnahm. Mit diktatorischer Gewalt stellte Linné den Begriff der Art fest: Es gibt so viele Arten, als ursprünglich erschaffen worden sind, nach den Gesetzen der Vererbung bringen sie stets Ähnliches hervor. Es sind ihrer heute also so viele, als sich der Form nach unterscheiden lassen. Die Art ist ein Produkt der Natur, ebenso die Gattung; die Varietät ein solches der Kultur; Klasse und Ordnung ein solches der Kunst. Linné glaubte indes, daß Bastardzeugung neue Arten zu bilden imstande sei, wie er denn überhaupt in späteren Jahren annahm, die verschiedenen Arten seien aus gemeinsamen Grundformen entstanden (1763). Er führte als Bezeichnung für jede Art die binäre Nomenklatur (doppelte Namengebung) durch, die seit ihm Gemeingut geblieben ist. In der Natur unterscheidet er drei Reiche, die er, Aristotelischen Prinzipien folgend, also begrenzt: „Die Steine wachsen, die Pflanzen wachsen und leben, die Tiere wachsen, leben und empfinden.“

Hatte Linné in den neun ersten Auflagen die sechs von ihm unterschiedenen Tierklassen mehr nach äußeren Merkmalen eingeteilt, so legte er später den Hauptakzent auf die Merkmale der Kreislaufs- und Atmungsorgane. So erhält er denn die sechs Klassen: Vierfüßer, Vögel, Amphibien, Fische, Insekten, Würmer. Mit dieser obersten Gliederung weniger glücklich als Ray, tat er den ungeheuer folgereichen Schritt über ihn hinaus, den Menschen wiederum zum ersten Male seit dem Altertum dem Tierreich und zwar bei den Säugetieren den Affen einzureihen mit der lakonischen Bemerkung: Nosce te ipsum. Die Einzelheiten seines Systems zu erläutern, würde uns bei dem Wechsel, dem es von Auflage zu Auflage unterlag, zu weit führen. Mehr als Ray legte er bei der Anordnung der Säugetiere auf die Merkmale des Gehirns Gewicht, reihte die Wale den Säugern endgültig ein; beging aber in der zehnten Auflage den unbegreiflichen Mißgriff, daß er die Knorpelfische den Amphibien einreihte, zu denen er daneben Frosch, Eidechse, Schlange, Schildkröte und Blindwühle zählte. Gehen auf Artedi auch die wichtigsten Unterscheidungen von Ordnungen der Fische zurück, wie sie bis in die neueste Zeit maßgebend sind, so bleibt von ihnen doch nur das eine bemerkenswert, daß sie auf anatomischen Bau gegründet waren, wie die Bezeichnungen (Branchiostegii, Malacopterygii, Acanthopterygii, apodes, jugulares, thoracici, abdominales) verraten. Als Insekten werden, wie bei Ray, die Entoma von Aristoteles festgehalten, denen er die Spinnen und Myriapoden einverleibt und die Krebse zuweist. Dadurch, daß er als weitere Klasse die Würmer unterscheidet, tritt er entsprechend seiner binnenländischen Herkunft hinter Aristoteles und Ray zurück. Die Zoophyten sind ihm wohl Übergangsformen von den Pflanzen zu den Tieren, deren Polypen er mit Blüten vergleicht, aber es fehlt an jeder genügenden Beobachtung zur Beurteilung des Gesehenen.

Man sieht schon daraus, daß Linné vielleicht weniger methodisch beanlagt war und weniger systematischen Spürsinn gehabt hat, als Ray, ja, daß das Schwergewicht seiner Verdienste mehr auf die Nomenklatur als auf die Systematik fällt, auch wenn er zuerst mit Hilfe der Systematik die gesamte Lebewelt in einen wohlgeordneten und übersichtlichen Zusammenhang gebracht hat. Mit seinem Natursystem schuf er ein praktisches Hilfsmittel, das ermöglichte und die Lust weckte, neuen Zuwachs an Arten beizubringen. Glückliche, praktische Folgen davon waren die allgemeine Beschäftigung Gebildeter mit Naturgeschichte, Abtrennung des naturgeschichtlichen Studiums vom medizinischen, Aussendung von Expeditionen zum Zwecke der Erforschung von Flora und Fauna, endlich ein durch gemeinsame Namengebung erleichterter Verkehr der Gelehrten untereinander. Die theoretischen Folgen machten sich schon darin geltend, daß man an der Spezies eine Norm zu haben vermeinte und daß der Begriff daher um so mehr der Erstarrung ausgesetzt war, als sich in den anorganischen Naturwissenschaften die Präzision immer mehr verlohnte, die hier der Natur Gewalt antat. Fernerhin entnahm von jetzt an die Systematik der Zootomie denjenigen Teil, der sich ihren Zwecken unterordnete; die intime Fühlung mit der Physiologie aber, die durch die Zootomie vermittelt worden war, ging um so mehr verloren, als auch die Physiologie selbst sich der Hilfsmittel der Physik bediente und sich nicht mehr mit Schlußfolgerungen aus anatomischen Befunden begnügte. Endlich wurde durch die Systematik mehr als durch irgend eine andere Richtung in der Zoologie selbst der Boden vorbereitet, auf dem der ganz spezifisch moderne Gedanke der realen Einheit der Organismenwelt durch Blutsverwandtschaft, der Entwicklungslehre, wachsen sollte.

6. P. S. Pallas.

An Linné schließt in mancher Hinsicht ein Forscher an, der hinwiederum in anderen Beziehungen einzig dasteht durch die mannigfache Ausdehnung seiner Studien sowohl, wie durch sein tiefes und eigenartiges Verständnis für die Zoologie als Wissenschaft. Es ist dies P. S. Pallas (geboren 1741 in Berlin, studierte in Leyden, reiste in England, doktorierte 1760 und folgte 1767 einem Rufe nach Petersburg, da er in Berlin nicht beachtet wurde; von 1768 reiste er nach Sibirien bis zum Baikalsee und setzte seine Reise fort bis 1794; nach vorübergehendem Aufenthalt auf seinen Gütern in der Krim kehrte er 1810 nach Berlin zurück und starb 1811). Der Name von Pallas ist besonders bekannt als der desjenigen Zoologen, der die erste große Ausbeute aus Sibirien brachte. Freilich war ihm schon eine stattliche Zahl von Reisenden, aber mit wechselndem Schicksal in diese noch unbekannten Regionen vorangegangen, Messerschmidt, Gmelin, Bering, Steller (der Entdecker des ausgestorbenen Borkentieres), Güldenstedt, Amman, deren Vorarbeiten er zum Teil benutzte. Doch ist er glücklicher gewesen, als die meisten seiner Vorgänger, im Erfolge seines Sammelns, wenn auch seine groß angelegten Werke nicht zu Ende gediehen sind, da er nebenbei auch ungeheure botanische, ethnographische und linguistische Materialien zu sammeln und zu verarbeiten hatte. So besteht denn der Zuwachs, den er der Zoographie brachte, besonders darin, daß er die kleinen von Buffon vernachlässigten Säugetiere eingehend beschreibt. Was aber der Zoologie zugute kam, das war weniger die Verarbeitung seiner Reisen, als die früheren Arbeiten, zu denen ihm die holländischen und englischen Sammlungen die Materialien geliefert hatten. In Holland war es, wo er 1766 seinen Elenchus zoophytorum herausgab. In diesem Werk vertrat er zuerst eine richtige Auffassung des Polypenstocks als eines Einzeltieres und gab die systematische Übersicht der Zoophyten überhaupt. Nach der Menagerie des Prinzen von Oranien schilderte er eine Menge von Tieren, namentlich Afrikas, die Buffon unzugänglich waren. Auch bekämpfte er die Stufenleiter der Lebewesen und faßte die Tierwelt im Sinne eines reich verzweigten Stammbaumes auf. Ferner übte Pallas Kritik an Linnés Klasse der Würmer, nachdem er schon zu Beginn seiner Studien durch Versuche und Beobachtungen den Beweis zu erbringen gesucht hatte, daß die Eingeweidewürmer von außen in den Wirt gelangten. Pallas hat es verstanden, beinahe an allen Punkten, die zu seiner Zeit die Zoologie besonders intensiv beschäftigten, wichtige Beiträge zu liefern und dabei fast alle übrigen beschreibenden Naturwissenschaften zu bereichern, auch wenn über dem Abschluß seiner Hauptwerke ein Verhängnis schwebte, das den Ertrag seiner Arbeit nicht zu voller Geltung kommen ließ.

7. Zootomie des 18. Jahrhunderts.

Für die Zootomie bedeutete, sofern sie nicht physiologisch orientiert war, das 18. Jahrhundert eine Zeit stiller und ruhiger Entwicklung. Die Vervollkommnung der menschlichen Anatomie, insbesondere durch B. S. Albinus (1697 bis 1770, von 1721 Professor in Leiden), zog auch eine sorgfältigere Beschreibung der tierischen Anatomie nach sich. Noch wuchs der Kreis der neu darzustellenden Formen unablässig, wenn auch die Freude an Zootomie vorzugsweise durch die an mikroskopischer Anatomie, an Studien experimenteller Art über Insekten und, von der Mitte des Jahrhunderts ab, an der Physiologie des Menschen in den Schatten gestellt wurde. Eine scharfe Trennung zwischen all diesen Zweigen der Zoologie war indes nicht durchgeführt, namentlich tritt von der Mitte des Jahrhunderts ab eine Spaltung zwischen der auf die Physiologie des Menschen orientierten Zootomie und der im Dienste der Systematik stehenden ein. So stark auch die Rückwirkungen der Physiologie Hallers, später Bichats, Magendies, Claude Bernards, Joh. Müllers und vieler anderer waren, so kann hier nur auf diese Rückwirkungen hingewiesen werden, ohne daß wir sie weiter noch verfolgen.

Die vorangehende Periode der vergleichenden Anatomie hatte mit drei Sammelwerken abgeschlossen, deren letztes (Valentini Amphiteatrum) 1720 erschienen war. Der erste Zootom, den wir nun vorzugsweise mit der Anatomie der höheren Tiere beschäftigt finden, ist Peter Camper (1722 bis 1789), „ein Meteor von Geist, Wissenschaft, Talent und Tätigkeit“ (Goethe). Ein gewandter Zeichner, weit gereist, fein gebildet, aber unruhigen Geistes, hielt er es nirgends lange aus, und hinterließ denn auch zahlreiche treffliche Monographien, aber keine größere systematische Leistung; so eine Arbeit über den Orang-Utan, über die Anatomie des Elefanten, über die Wale, Renntier, Rhinozeros. Dazu kam eine starke Tendenz, auch den Menschen naturhistorisch zu erfassen, und die Fühlung der vergleichenden Anatomie mit der Ästhetik in einer Form zu suchen, die später durch Goethe beliebt wurde. In Edinburg lehrten Alex. Monro, der Vater (1697 bis 1767), dem wir das erste Handbuch der vergleichenden Anatomie verdanken, und der Sohn (1732-1817), der sich besonders mit dem Bau der Fische — wiewohl wesentlich unter dem vergleichend die Wirbeltiere überschauenden Gesichtspunkte — befaßt, und von dem auch die sorgfältige Anatomie des Seeigels herrührt. Albrecht von Haller selbst (1708 bis 1777) ist für die vergleichende Anatomie bedeutungsvoll wegen seiner ausgedehnten Kenntnisse, seiner Einzelarbeiten über die vergleichende Anatomie des Nervensystems, über Mißbildungen, sowie um seiner mit der ganzen Macht seiner Autorität vertretenen, der christlichen Dogmatik genehmen präformationistischen Entwicklungslehre, durch die er den Fortschritt der von Harvey neubelebten Epigenese auf lange Zeit hinaus hemmte. Wohl den größten Überblick über die Zootomie besaß John Hunter (1728-1793), der Begründer der auch jetzt noch größten und am meisten nach vergleichend-physiologischen Prinzipien angelegten Sammlung der Welt, die dann in den Besitz des Royal College of Surgeons in London überging. Nur in dieser bisher unübertroffenen Schöpfung tritt uns die Organisation der gesamten Tierwelt nach den Funktionen elementarster Art entgegen. Neben einer unendlichen Zahl von Einzelbeobachtungen gab Hunter die erste bedeutendere Schrift über die Zähne und deren Entwicklung heraus, stellte eine Menge vergleichend-physiologischer Experimente an und hinterließ ein Werk über tierische Ökonomie, das erst R. Owen 1861 nach einer Abschrift, die Clift sich von den später durch Home verbrannten Manuskripten Hunters angefertigt hatte, herausgeben konnte. Einen illustrierten Katalog der Hunterschen Sammlung sowie sein Handbuch gab Everard Home (1756-1832) heraus. Eine der interessantesten Persönlichkeiten ist F. Vicq d’Azyr (1748-1794), der in Paris als Arzt und Naturforscher wirkte und lehrte und wesentlich Vergleichung der Wirbeltiere bis in die äußersten Einzelheiten empfahl, um damit eine Basis für die Erklärung der Funktionen im Sinne von Hallers Physiologie, aber in größerer Ausdehnung, über die Tierwelt zu schaffen. Neben Buffon ist er Vertreter der Einheit der Organisation. Diese begründet er vor allem aus der Übereinstimmung der elementaren Funktionen, nähert sich also damit am meisten John Hunter. Sein Hauptwerk ist sein Traité d’anatomie et de physiologie, Paris 1786. Insbesondere galten seine Bemühungen der vergleichenden Anatomie des Schädels und der Extremitäten. Noch dunkel sind die Einflüsse der Iatromechanik und Iatrochemie, sowie des Animismus auf die Entwicklung der Zoologie und Zootomie in dieser ganzen Periode.

In Deutschland sind als vergleichende Anatomen von bedeutenden Verdiensten im 18. Jahrhundert insbesondere zwei zu nennen: J. F. Blumenbach und Kielmeyer. Ersterer (1752-1840) behandelte in der Hauptsache Buffonsche Probleme, insbesondere die Naturgeschichte des Menschen, vertrat in seiner witzigen Schrift „Über den Bildungstrieb“ den Vitalismus, las von 1785 als erster auf einer deutschen Hochschule (Göttingen) vergleichende Anatomie und schrieb über denselben Stoff das erste deutsche Handbuch. K. F. Kielmeyer (1765-1844) war als Professor an der Karlsschule von entscheidendem Einfluß auf Cuviers Entwicklung. Ein Vorbote der Naturphilosophie und doch stark im Gefolge der Hallerschen Reizlehre, sammelte er umfangreiches Material als Vorstand der wissenschaftlichen Sammlungen in Stuttgart, um „die Zoologie auf vergleichende Anatomie und Physiologie zu gründen und eine möglichst vollständige Vergleichung der Tiere unter sich nach ihrer Zusammensetzung und nach der Verschiedenheit ihrer organischen Systeme und deren Funktionen durchführen zu können“. A. von Humboldt schätzte ihn als den „ersten Physiologen Deutschlands“.