Zu IV.
[31] Den teleologischen Gesichtspunkt hat in programmatischer Weise W. Dilthey dargetan (Ideen über eine beschreibende und zergliedernde Psychologie, Sitzungsber. der Kgl. Preuß. Akadem. der Wissenschaften zu Berlin, 1894; Studien zur Grundlegung der Geisteswissenschaften, Sitzungsbericht der Kgl. Akadem. der Wissenschaften 1905, XIV, S. 332ff.). Er ist (wie James u. a.) Gegner der „atomistischen“ Psychologie und will, daß von den inneren Zusammenhängen der Seele in beschreibend-analytischer, konstruktiver Hypothesen sich entschlagender Weise vorgegangen wird, damit die volle Wirklichkeit des Seelenlebens zur Vorstellung gelange. Die Psychologie ist „Beschreibung und Analysis eines Zusammenhangs, welcher ursprünglich und immer als das Leben selbst gegeben ist“. Sie hat „die Regelmäßigkeiten im Zusammenhange des entwickelten Seelenlebens zum Gegenstand“. Sie muß „vom entwickelten Seelenleben ausgehen, nicht aus elementaren Vorgängen dasselbe ableiten“. Nur durch Abstraktion heben wir eine Funktion, eine Verbindungsweise aus einem konkreten Zusammenhang heraus. „Der einzelne Vorgang ist von der ganzen Totalität des Seelenlebens im Erlebnis getragen“. Der erworbene Zusammenhang ist wirksam in jedem psychischen Vorgang. — Der psychische Strukturzusammenhang hat einen „teleologischen Charakter“. „Wo in Lust und Leid die seelische Einheit das ihr Wertvolle erfährt, reagiert sie in Aufmerksamkeit, Auswahl der Eindrücke und Verarbeitung derselben, in Streben, Willenshandlung, Wahl unter ihren Zielen, Aufsuchen der Mittel für ihre Zwecke“ (Das Wesen der Philosophie, in: Die Kultur der Gegenwart I, 6, S. 32ff.). Diese seelische Teleologie hat Dilthey geistesphilosophisch zum Teil ausgeführt. — Zur Teleologie des Seelischen vgl. Spencer, Romanes, James, Baldwin, Dewey, Höffding, Ribot, Fouillée, Bergson, Luquet, Ebbinghaus, Wundt, Jodl, Mach, Jerusalem, Simmel, Groos, L. W. Stern, ferner A. Pauly, Francé, Kohnstamm u. a. Vgl. Kohnstamm, Intelligenz und Anpassung, Annalen der Naturphilosophie 1903; Grundlinien einer biologischen Psychologie, Versamml. deutscher Naturforscher und Ärzte, 1903; Die biologische Sonderstellung der Ausdrucksbewegungen, Journal für Psychologie und Neurologie, 7. Bd. (Unterscheidung von „Teleoklise“, d. h. Zwecktätigkeit und „Expressivität“, Ausdruckstätigkeit als der beiden spezifischen Formen des Lebens). Dazu sei bemerkt, daß auch die Ausdrucksbewegungen auf Zielstrebigkeiten beruhen, indem sie phylogenetisch aus Willens-(Trieb-)Vorgängen (bzw. deren physiologischen Korrelaten) hervorgegangen sind.
[32] Die organische Auffassung der Seele wird konsequent von Ebbinghaus durchgeführt. Nach ihm ist die Seele „derselben Art wie das Nervensystem und damit wie der ganze Körper, nämlich ein seine eigene Erhaltung erstrebendes System innerlich erlebter Bildungen und Funktionen.... Diese Selbsterhaltung aber verwirklicht sie in zweifacher Weise. Einmal durch Kampf mit dem, was uns in äußerer Erscheinung als Außenwelt gegeben ist.... Und zweitens durch Betätigung ihrer bestimmten Eigenart, durch das Ausleben und Sichauswirken der ihr nun einmal verliehenen Kräfte und Anlagen“ (Psychologie, in: Die Kultur der Gegenwart I, 6, S. 195). Den biologischen Standpunkt in der Psychologie vertreten ferner James, Baldwin, Spencer, Romanes, Ribot, G. H. Schneider, Jodl, Jerusalem, Kreibig, Groos, Mach u. a.
[33] Wie dies besonders Dilthey, James und neuerdings in geistvoller Weise H. Bergson (Matière et Mémoire; L'évolution créatrice) betont haben.
[34] Über den „voluntaristischen Kritizismus“ vgl. meine „Einführung in die Erkenntnistheorie“ 1907.
[35] Vgl. Döring, Jerusalem u. a.
[36] Vgl. Groos, Spiele der Tiere, und Spiele der Menschen.
[37] Vgl. Münsterberg, Philos. der Werte, Leipzig 1908.
[38] Goldscheid, Entwicklungswerttheorie, Leipzig 1908, ferner Schriften von Höffding, R. Richter u. a.
[39] Teleologische Bedeutung haben die Gefühle nach Spencer, Bain, Ribot, Ebbinghaus, Jerusalem, Jodl, Z. Oppenheimer u. a. — Zum Willen bringen die Gefühle als Symptome (Reaktionen) oder Momente desselben Schopenhauer, Ed. v. Hartmann, Nietzsche, Hamerling, Paulsen, Windelband, Wundt u. a. Nach Wundt sind Gefühle teils Anfangs-, teils Begleitzustände des Wollens.