Die Übermacht der Natur.

Verhält sich Geistesleben und Natur, wie unser Lebensbild behauptet, wie eine höhere und niedere Stufe, so wäre zu erwarten, daß die Natur durchgängig sich unterordnete und einen Zusammenhang mit dem Geistesleben zeigte. Dem aber widerspricht zunächst die Unermeßlichkeit der Natur, der gegenüber, was in der Menschheit an geistiger Art erscheint, zu winziger Kleinheit herabsinkt. Es klingt vermessen, ein so Verschwindendes für den Kern der Wirklichkeit auszugeben. Weiter aber scheint der Natur alle Verknüpfung mit dem Geistesleben zu fehlen. Frühere Zeiten haben wohl gewagt, eine solche aufzuweisen, so glaubte das Mittelalter in der Pflanzen- und Tierwelt durchgängig Hinweise auf das Leben, Leiden und Auferstehen Jesu zu entdecken, eine sinnbildliche Deutung wob ein Band zwischen der Außen- und der Innenwelt. Wie fern ist uns heute, schon durch die unermeßliche Erweiterung der Natur ins Große wie ins Kleine hinein, diese Denkart gerückt! Nach dem jetzigen Bilde scheint die Natur ganz und gar in sich selbst zu ruhen und bei sich selbst zu verlaufen, scheint auch das Gebiet organischer Bildung nicht über sich selbst hinauszuweisen. Welche Beziehung könnte zum Beispiel die wunderbare Lebensfülle und der erstaunliche Formenreichtum der Tiefseewelt zur Entwicklung des Geisteslebens haben? Wohl führt in der Natur ein Strang zu der Höhe, wo sich solches Leben entfaltet, aber dieser Strang ist nur einer neben vielen anderen, die sich an mannigfachen Stellen abzweigen und ohne irgendwelchen Zusammenhang mit jenem Leben verlaufen. Wie ein dunkles Rätsel steht vor uns das Ganze der Natur. Ein Aufstieg der Bildung und des Lebens ist unverkennbar, aber er erfolgt unter harten Widerständen und so, daß das Höhere streng an die niederen Stufen gebunden bleibt. Schwerlich wird die Natur sich letzthin mechanisch erklären lassen, die Anerkennung bildender Kräfte aber macht es zu einem rätselhaften Widerspruch, daß vielfach die Natur die Wesen gegen einander hetzt und sie auf gegenseitige Zerstörung anweist; indem sie die Angriffswaffen des einen, die Schutzwehr des anderen verstärkt, scheint sie sich selbst entgegenzuwirken. Zweckmäßigkeit an den einzelnen Stellen, aber kein erkennbarer Zweck im Ganzen. So bleibt zunächst völlig unklar, wie das Geistesleben eine innere Verbindung mit diesem Reiche haben könnte; hat es sie aber nicht, so scheint es vereinsamt in dem unermeßlichen All, dessen Seele zu sein es behauptet.

Dazu zeigt sich der Lauf der großen Welt, dem auch wir aufs engste verflochten sind, völlig gleichgültig gegen unser Ergehen; von altersher hat den Menschen die Wahrnehmung beschäftigt, aufgeregt und wohl gar zur Verzweiflung getrieben, daß das, was ihm von innen her als das Höchste gilt und woran er sein Hauptstreben setzt, im Ganzen der Welt aller Schätzung und Bedeutung zu entbehren scheint; wie im Spiel zerstört die Natur, sei es in langsamer Verzehrung, sei es in gewaltigen Umwälzungen, was geistig von höchstem Werte ist, sie kennt kein gut oder böse, ihr gilt kein Unterschied. Es hat nicht an Bemühung gefehlt, den Widerspruch wegzudeuten und nachzuweisen, daß mit jenem Befunde ein Reich der Gerechtigkeit und sittlichen Ordnung, ja der Liebe und gütigen Vorsehung, wohl vereinbar sei, aber mochten weite Kreise und lange Epochen in solchen Gedankengängen eine Befriedigung finden, die Menschheit ist aus einer solchen immer wieder aufgescheucht und von dem Zweifel befallen, ob jene Ausgleichung nicht eine bloße Ausrede sei, ein Erzeugnis bloßer Wünsche und Träume.

Dazu unterliegt der Mensch nicht nur nach außen hin, sondern auch im eigenen Bereich der Herrschaft der Natur. Alle Entfaltung seelischen Lebens bei ihm zeigt eine solche Abhängigkeit von körperlichen Zuständen und Vorgängen, daß versucht werden konnte, sie ganz und gar darauf zurückzuführen. Auch in das Handeln reicht solche Bindung hinein. Denn das Sinnliche nimmt in ihm eine überragende Stellung ein; statt geistigen Zwecken zu dienen, bemächtigt es sich der seelischen Kräfte, das aber über den eigenen Entschluß der Menschen hinaus, aus bitterem Zwange der Notwendigkeit. Wie die Menschheit sich im Durchschnitt der Erfahrung ausnimmt, wird die natürliche Selbsterhaltung des Individuums wie der Gesellschaft der beherrschende Haupttrieb des Lebens. Unablässig haben wir um die Behauptung unseres Daseins zu kämpfen, und zwar so hart, daß diese Aufgabe oft das ganze Streben einnimmt, das nicht nur bei den Individuen, sondern auch bei den Völkern und der gesamten Menschheit. Nicht die Ideen, sondern die Interessen, und zwar die materiellen Interessen, beherrschen den Durchschnitt des menschlichen Daseins. Wie sehr sie auch bei großen geschichtlichen Wendungen, zum Beispiel bei religiösen Umwälzungen, im Spiele sind, das hat eben die neueste Zeit mit ihrer Hervorkehrung der ökonomischen Betrachtungsweise anzuerkennen gezwungen. Dabei müssen wir zugestehen, daß der Kampf mit seiner harten Not und seiner Aufrüttelung der Kräfte für den Menschen, wie er nun einmal ist, sich nicht entbehren läßt; bloßgeistige Ziele bewegen ihn viel zu wenig, ein sorgenfreies Leben würde für die meisten ein träges und schlaffes werden. Dazu kommt die Selbsterhaltung der Gattung mit ihrer Voranstellung der geschlechtlichen Seite des Lebens. Mit Unrecht hat eine ältere Denkart unter dem Einfluß theologischer Dogmen der Menschheit den Geschlechtstrieb als eine sittliche Schuld aufgebürdet, da vielmehr der Zwang der Natur ihn ihr eingepflanzt hat und er für ihr Fortbestehen durchaus unentbehrlich ist. Demnach erscheint durchgängig die sinnliche Lebenserhaltung als die stärkste Macht im menschlichen Dasein, und es behält Schiller Recht mit dem Wort, daß Hunger und Liebe die Welt regieren. Von hier aus mag alles geistige Leben eine bloße Nebensache scheinen, die anderen Zwecken zu dienen hat.

Solchem Übergewicht des Sinnlichen entspricht die Tatsache, daß die Formen des natürlichen Daseins in Raum und Zeit, die das schaffende Leben überwinden wollte, in Wahrheit beharren und unser Streben beherrschen. Das bloße Nebeneinander des sinnlichen Daseins umfängt uns mit starrer Tatsächlichkeit und isoliert den einen gegen den anderen, während alle Entfaltung geistigen Lebens ein Wirken aus dem Ganzen verlangt; nicht minder befinden wir uns in dem Nacheinander der Zeit, wo keine Leistung und kein Zustand beharrt, vielmehr alles fließt und der Wandel der Dinge leicht das heutige Recht morgen in Unrecht verkehrt. Einen wie raschen Wechsel der Ziele, der Überzeugungen und des Geschmackes zeigt das menschliche Dasein, während das geistige Schaffen seinen Gehalt als zeitüberlegen gibt und auf solcher Forderung bestehen muß, um seine Kraft voll einzusetzen.

Das alles läßt sich nicht leugnen, noch auch beiseite schieben, es bleibt bei der Tatsache, daß geistiges Leben bei uns Menschen in starker Abhängigkeit steht und sich oft recht kümmerlich ausnimmt. Das anerkennen heißt aber keineswegs einem endgültigen Nein unterliegen. Dem widersteht schon die Tatsache, daß inmitten unseres Daseins weit über die bewußte Absicht des Menschen hinaus eine Weiterbewegung gegen die bloße Natur und ihre Maße im Gange ist. Denn vielfache Erfahrung zeigt, daß, was der Mensch unter dem Zwange der Not und seiner Selbsterhaltung wegen ergriff, sich ihm durch den eigenen Verlauf des Lebens verwandelt und veredelt: was zunächst nur äußerlich war, das wird ins Innere gewandt; was als bloßes Mittel diente, das gewinnt einen Wert bei sich selbst; auf solchem Wege erfolgt durch die ganze Weite und Breite des Lebens ein Aufstieg zu geistiger Höhe.

Betrachten wir die persönlichen Verhältnisse von Mensch zu Mensch in Liebe und Freundschaft. Was Liebe genannt wird, ist zunächst dem Naturtrieb verwachsen und oft recht flacher Art, es trägt geistige Züge nur nebenbei, der andere Mensch erscheint vornehmlich als ein Mittel zur Erhöhung des eigenen Wohlseins. Aber im Zusammensein vollzieht sich nach und nach eine Wendung dahin, daß jener auch bei sich selbst einen Wert erhält, und daß der Förderung seines Wohles das Ich sich unterordnen, ja aufopfern kann, daß unter Durchbrechung der anfänglichen Enge eine innere Erweiterung des Lebens erfolgt. Nicht anders steht es mit der Freundschaft. Äußere Gründe der Nützlichkeit und der Annehmlichkeit pflegen die Menschen zusammenzuführen, es ist meist eine Gemeinschaft der Zwecke, welche sie zusammenhält. Aber bei einiger Dauer pflegt das gegenseitige Verhältnis sich ins Innere zu wenden, und jedes Glied eine innere Teilnahme, ja Freude am anderen auszubilden. Schon Aristoteles hat geschildert, wie der Verlauf des Lebens aus dem zunächst bloß Nützlichen und Angenehmen etwas an sich Wertvolles, etwas Gutes bereitet, und wie damit der Mensch seinen eigenen Beweggründen entwächst, wie hier nach dem Ausspruch des Denkers auch in dem Menschen niederer Art etwas Göttliches wirkt, das stärker ist als er selbst.

Auch unser Verhältnis zu den Gegenständen, mit denen unsere Arbeit zu tun hat, nimmt teil an solcher Erhöhung. Wir pflegen die Arbeit um der Selbsterhaltung willen aufzunehmen, in der Not des Kampfes ums Dasein müssen wir notgedrungen einen Lohn für sie verlangen; die Sache mag uns dabei zunächst völlig gleichgültig sein. Aber nach und nach wird uns die Arbeit durch ihren eigenen Gehalt lieb und wert, ihr Fortgang wird zur Herzenssache, die Sorge um ihr Gelingen läßt uns willig große Mühen und Opfer ertragen. Das namentlich, wenn sich die Arbeit über einzelne Leistungen hinaus zur Lebensarbeit steigert, einen eigentümlichen Beruf erzeugt und damit allem Handeln eine beharrende Richtung gibt. Das widersteht mit besonderer Stärke einem Beharren bei kleinlicher Selbstsucht und wirkt zur inneren Erhöhung des Lebens.

Wie so im Verhältnis zu Menschen und Gegenständen das Leben vom Äußeren ins Innere, vom Natürlichen ins Geistige übergeleitet wird, so trägt der Einzelne auch in seiner eigenen Seele eine Macht, die ihn vorwärts treibt. Das ist die Besonderheit seiner Art, seine Individualität. Sie ist zunächst eine Gabe der Natur, in der Niederes und Höheres zusammenfließt; diesen Befund zu wahren und durchzusetzen entspricht dem Naturtrieb der Selbsterhaltung und gewinnt daher leicht die Neigung des Menschen. Aber die Bewegung, die damit in Fluß kommt, führt immer mehr und mehr über den Anfang hinaus, es drängt den Menschen dahin, jenen Kreis enger zusammenzuschließen, einen beherrschenden Mittelpunkt auszubilden, Haupt- und Nebensachen zu scheiden; je mehr das gelingt, desto deutlicher wird eine Hauptrichtung ersichtlich und wird die Wendung von einem niederen Selbst der Natur zu einem höheren des Geistes gefördert. Die individuelle Art erscheint damit als ein Pfeiler, an dem sich das Leben in die Höhe rankt.

Auch das menschliche Zusammenleben zeigt einen ähnlichen Aufstieg vom Niederen zum Höheren, ein Hinauswachsen des Menschen über seine eigenen Triebe. So in der Verbindung der einzelnen Kräfte. Zunächst ist es das äußere Nebeneinander und der Zwang der Lebenserhaltung, welche die Menschen zusammenführen und zu kleineren oder größeren Gruppen verbinden. Aber nun ergibt die Verbindung gemeinsame Erfahrungen und Kämpfe, gemeinsame Erfolge und Leiden; sowenig daraus unmittelbar eine innere Gemeinschaft hervorgeht, eine solche wird durch den gemeinsamen Besitz doch vorbereitet, es werden Anhaltspunkte gewonnen, die einem Leben aus dem Ganzen entgegenkommen. So wird, was Volk und Vaterland auf der Stufe des geistigen Lebens dem Menschen bedeuten können, auch durch die natürliche Entwicklung angebahnt.

Ähnliches erfahren wir gegenüber der Zeit mit ihrem Nacheinander. Denn gegenüber dem bloßen Nacheinander bildet das gesellschaftliche Leben beharrende Züge und Lagen aus, die sich von der geistigen Arbeit aneignen und einer neuen Stufe zuführen lassen. Es erscheint damit eine gewisse Vermittlung zwischen der bloßen Zeit, die das nächste Dasein beherrscht, und der Ewigkeit, die das geistige Schaffen fordert.

Demnach erweist schon im Bereich des Daseins das Leben selbst ein erziehendes Wirken. Wir verstehen von hier aus, wie Plato von einer dem Niederen innewohnenden Sehnsucht nach Ewigkeit reden und eine Stufenleiter des Strebens im Weltall aufsuchen konnte; nur sei das nicht als ein bloßes Hervorgehen aus der Natur verstanden, sondern als eine Emporhebung durch die Kraft des Geisteslebens. Die Natur könnte unmöglich in jenen Aufstieg gelangen, wirkte nicht ein tieferer Grund in ihr und gäbe ihr den Trieb zur Weiterbewegung.

Uns aber erschöpft sich die Wirkung des geistigen Lebens nicht in eine solche Emporbildung der Natur, sondern, wie wir sahen, erzeugt dieses Leben ein selbständiges Reich, das wesentlich anderer Art ist als das der Natur. Nicht nur in besonderen Richtungen vollziehen sich erhebliche Wandlungen, nicht nur weichen hier die Güter des Nützlichen und Angenehmen denen des Guten, Wahren und Schönen, sondern es verwandelt sich der Grundbegriff der Wirklichkeit, indem diese nicht mehr ein bloßes Nebeneinander in Raum und Zeit, nicht ein bloßes Gewebe von Einzelpunkten bildet, sondern alle Mannigfaltigkeit mit einem Ganzen des Lebens umfaßt und sie sich innerhalb dieses entfalten läßt. Wie das eine Erhebung über Raum und Zeit vollzieht, so erweist hier ein Geschehen seine Tatsächlichkeit nicht durch ein Vorhandensein im zeiträumlichen Nebeneinander, sondern durch die Zugehörigkeit zum Leben des Ganzen. Hier bildet nicht die Beziehung von Einzelnem zu Einzelnem, sondern das Verhältnis des Einzelnen zum Ganzen das Grundverhältnis des Lebens, im Gesamtleben hat jedes seine Stelle und sein Recht aufzuweisen, was als wahr gelten will. Jenes ist nach unseren Darlegungen nicht eine Welt neben einer anderen, sondern es ist die Welt, in der allererst das Leben ein Beisichselbstsein erreicht; es muß daher als die Grund- und Hauptwelt, als der Kern alles Geschehens anerkannt werden. Erst von hier aus sahen wir auch ein wissenschaftliches Bild der Natur entstehen, dies Bild aber läßt eine überschauende Erwägung manche Züge gewahren, welche bei aller Rätselhaftigkeit eine größere Tiefe des Ganzen verraten, als der Mechanismus des bloßen Nebeneinander zu erklären vermag; so die Wechselwirkung der Elemente, so das Durchgehen einfacher Grundgesetze, so die Macht der Formbildung in der Natur, so auch der Aufstieg zu höheren Stufen in ihr. Ja selbst die enge Verkettung unseres geistigen Vermögens mit der Natur wird einer naturalistischen Deutung entzogen, sobald anerkannt wird, daß im Beisichselbstsein des Lebens etwas der Natur wesentlich Überlegenes eintritt. Denn dann wird der Gedanke unabweisbar, daß die Natur zu einer derartigen Erhöhung nicht führen könnte, besäße nicht sie selbst einen tieferen Grund, und stellte sie sich damit nicht als eine bloße Stufe eines weiteren Geschehens dar. Freilich müssen uns zugleich die Grenzen unseres Erkennens und die Überlegenheit der Natur über alle menschlichen Maße gegenwärtig bleiben; daß aber ein innerer Zusammenhang von Natur und Geist besteht und auch uns sich eröffnet, das erweist die Kunst mit ihrem das Leben durchwaltenden Wirken. Denn sie läßt das Sinnliche zum Ausdruck des Geistigen werden und seiner Fortbildung dienen, ihr vermögen Worte, Töne, Farben innerlichste Seelenlagen zu verkörpern, nicht minder aber bringt sie zur Anerkennung, daß beim Menschen das Geistesleben solcher Verkörperung bedarf, um ihm volle Wirklichkeit zu werden. So erweist die Kunst den Zusammenhang beider Welten und gibt, um mit Goethe zu reden, »von des Daseins ewiger Harmonie die seligste Versicherung«.

Mag demnach im Gesamtbild des Lebens die Natur eine gewaltige Macht behaupten und für den äußeren Eindruck weit überlegen bleiben, in unserer Seele erhebt sich eine neue Welt, deren Tatsächlichkeit alle Schranken des Menschen nicht aufheben können. Denn diese Welt hat von Haus aus eine Selbständigkeit und Überlegenheit gegen den Stand und das Befinden des Menschen, sie aber ist uns das Allernächste und Allergewisseste, das, von wo aus wir die Natur innerlich erst erleben; wer daher der Macht der bloßen Natur unterliegt, der bekundet damit nur die Schwäche seiner eigenen Stellung im Geistesleben.