Rückblick und Ausblick

Die deutschen Idealisten waren keineswegs bloße Kinder ihrer Zeit, Dolmetscher ihres Strebens, sie fühlten sich vielmehr mit jener oft in schroffem Widerspruch, sie haben sie oft hart gescholten und haben sich in ihrem Wirken weit über sie erhoben. Aber wenn ihre Lösung der Probleme den Durchschnitt der Zeit weit überstieg, so empfingen sie die Probleme aus der geistigen Atmosphäre, die sie umfing, sie stehen insofern doch mit ihrer Zeit in Zusammenhang. Es war das aber eine Zeit, die vorwiegend mit dem Individuum und seiner Erhöhung beschäftigt war, die in Kunst, Literatur und Philosophie den Hauptinhalt des Lebens sah und zugleich über die sichtbare Welt hinaus zu einer unsichtbaren strebte; diese Zeit hatte wenig Einsicht in die Natur und vermochte wenig ihr gegenüber, auch die politischen, sozialen, ökonomischen Verhältnisse enthielten damals wenig, was aufstrebende Geister anziehen konnte. Bei aller Größe, welche eine so geartete Zeit auf ihren Höhepunkten erreichte, und bei aller Verinnerlichung, die sie dem gemeinsamen Leben brachte, ist bei ihr eine starke Einseitigkeit nicht zu verkennen; einem gesunden und kräftigen Volk konnte dies Leben auf die Dauer unmöglich genügen.

So kam denn ein Umschlag zur sichtbaren Welt und bemächtigte sich der Gemüter. Es kann etwa die Zeit um 1830 als der Punkt gelten, wo die Wendung deutlich hervortritt. In der Weltanschauung verdrängt die Naturwissenschaft mehr und mehr die Philosophie, und aus der Naturwissenschaft geht die Technik hervor, welche das gesamte Leben des Menschen wesentlich umgestaltet, es bereichert, kräftigt, beschleunigt, geradezu neue Menschen bildet. Wohl gingen mit den großen Erfolgen große Probleme Hand in Hand – denken wir nur an die soziale Frage –, aber wie die Erfolge, so ketten auch die Probleme den Menschen immer fester an die sichtbare Welt und gewinnen ihr seine Kraft und seine Gesinnung. Ferner entwickelt das menschliche Zusammensein Fragen und Aufgaben bedeutendster Art: politische Freiheit, nationale Einheit und Selbständigkeit, möglichste Hebung alles dessen, was menschliches Angesicht trägt, beherrschen und bewegen die Gemüter. Dazu die Beziehungen und der Kampf der Nationen, das Streben von Handel und Industrie, die ganze Welt zu umspannen; in dem allen ist die sichtbare Welt dem Menschen unvergleichlich mehr geworden; die Deutschen aber haben sich an dieser Bewegung nicht nur eifrig beteiligt, sondern sie sind immer mehr in die erste Linie getreten und haben sich dadurch viel Neid und Haß mißgünstiger Nachbarn zugezogen.


Die Wendung zur sichtbaren Welt

Solches Wirken zur sichtbaren Welt war kein Abfall der Deutschen von ihrer echten Art, wie die Gegner es darzustellen lieben, sondern man braucht nur einen flüchtigen Blick auf die ältere deutsche Geschichte zu werfen, auf die Blüte der deutschen Städte, auf Hanse und Ritterorden, um zu sehen, wie tüchtig und leistungsfähig die deutsche Arbeit war, wie großartig sich das deutsche Wirken auch in der sichtbaren Welt ausnahm. Nur besondere geschichtliche Ereignisse haben diese Seite unseres Wesens zeitweilig zurückgedrängt und uns die sichtbare Welt als minder bedeutend dargestellt. Wenn wir das nun glücklich überwunden haben und wieder mit frischer Kraft und freudigem Mut die sichtbare Welt ergreifen, so werden wir damit uns selbst nicht untreu, sondern wir nehmen eine zeitweilig verkümmerte Seite unseres Wesens wieder auf.

Aber es bleibt eine Gefahr, die Gefahr, daß dies Neue uns ausschließlich beschäftige, die Richtung des Lebens allein bestimme, die Innerlichkeit, die bisher unser Stolz und unsere Größe bildete, zurückdränge oder doch minder schätzen lasse; es besteht oder bestand die Gefahr einer Störung des Gleichgewichts unseres Lebens, die Gefahr eines Abhängigwerdens vom Äußeren, eines Verkümmerns unserer Seele, eines Materialismus in der Gestaltung des Lebens und schließlich auch in der Weltanschauung. So waren für einige Zeit auch die großen Idealisten sehr in den Hintergrund getreten, sie erschienen vielen als bloße Schwärmer, die bei aller geistigen Kraft das Streben doch in die Irre führten. Auch dagegen ist aber bald ein Rückschlag gekommen, denn das deutsche Volk, das Volk des Gemütes, kann seine Innerlichkeit nicht lange verleugnen; so kam schon vor dem Krieg eine Bewegung zu ihrer Verstärkung auf, und die Aufgaben und Erfahrungen des Krieges haben das weiter gefördert. Denn für seinen Aufruf zu höchsten Leistungen und sein Auferlegen schwerster Opfer kann er die Gesinnung des ganzen Menschen nur gewinnen, wenn diese hohe Ziele einer unsichtbaren Welt anerkennt und andere Güter in Ehren hält als die der sinnlichen Lebenserhaltung. Wer aus ganzer Seele willig und freudig Tag für Tag sein Leben für das Vaterland in die Schanze schlägt, der hat mehr Idealismus als alle Philosophie zu geben vermag. Aber gerade weil er für sich selbst des Grundgedankens gewiß ist, wird er gern Gesinnungsgenossen suchen, die ihm eine Bekräftigung und weitere Ausführung jenes Gedankens verheißen; solche aber findet er in den Trägern des deutschen Idealismus.


Sehen wir, wie sie uns erscheinen, wenn wir sie heute betrachten und zu unseren eigenen Aufgaben in Beziehung setzen. Daß wir sie jetzt aus einer gewissen Ferne sehen, macht es uns möglich, von allem Kleinen und Bloßmenschlichen abzusehen, das auch ihnen anhaftet, die unterscheidenden Züge vor den gemeinsamen zurückzustellen oder sie doch ihnen unterzuordnen; die einzelnen Leistungen verbinden sich uns mehr zu einer Gesamterscheinung, als es in der eigenen Zeit geschehen konnte, wo die Unterschiede stärker empfunden wurden und leicht zu schroffem Gegensatz führten.


Der Mensch kein bloßes Naturwesen

Alle die Männer, die wir betrachteten, stehen zu der Überzeugung –– und das eben macht sie zu Idealisten –, daß der Mensch, wenn auch aus der Natur erwachsen, mehr als ein bloßes Naturwesen ist, und daß sein Leben nicht in die natürliche Selbsterhaltung aufgeht, daß vielmehr in ihm eine neue Stufe der Wirklichkeit durchbricht, eine neue Welt erscheint, ihm eine eigentümliche Würde und Größe verleiht und seinem Handeln hohe Ziele vorhält. Das aber, was nach ihrer Überzeugung den Menschen veredelt und deutlich von aller Natur abhebt, ist die Freiheit, das Vermögen einer Gestaltung des Lebens aus Selbsttätigkeit; sie fassen diese Freiheit verschieden, indem sie bald mehr als Willensentscheidung, bald mehr als geistige Bewältigung der Wirklichkeit verstanden wird; darin aber sind sie alle einig, daß in der Freiheit eine neue Ordnung der Dinge erscheint, die dem Leben einen neuen Inhalt gegenüber dem nächsten Dasein gewährt und aus ihm eine neue Welt geistiger Größen und Güter hervorgehen läßt. Es ist das Teilhaben an dieser Welt, ja das Miterzeugen dieser Welt, was den Menschen weit über die Grenzen der Natur hinaushebt, ihm ein ursprüngliches und unendliches Leben eröffnet. Die neue Welt, die so aus geistiger Arbeit aufstieg, blieb jenen Männern aber nicht getrennt von der nächsten Welt, vielmehr bestanden sie eifrig darauf, sie mit dieser in enge Verbindung zu bringen und diese erhöhend und veredelnd möglichst in sie hineinzuziehen; dabei kamen freilich die Denker zu einem verschiedenen Ergebnis, den einen verblieb ein Gegensatz und damit eine große Spannung, die anderen glaubten, die neue Stufe zu einem reinen Siege bringen und dadurch eine volle Versöhnung mit der Wirklichkeit erreichen zu können, aber gemeinsam ist allen das Zusammenbringen und Aneinanderhalten zweier Welten, gemeinsam das freie Schweben der geistigen Arbeit zwischen, ja über beiden Welten, gemeinsam das Streben, die höhere Welt zum Siege über die niedere zu bringen, gemeinsam die Verwandlung des Lebens in ein Wirken und Schaffen größten Stiles, gemeinsam die Hochschätzung der Tat. Ein hochgemutes Wirken gibt dem Ganzen des menschlichen Lebens und Seins einen hohen Wert; so wenig jene Denker an dem vorgefundenen Stande der Dinge Gefallen fanden, so viel Hemmung, Dunkel und Schmerz sie in ihm erkannten, die geistige Arbeit fühlte sich allem Widerstand gewachsen, ja überlegen, und alle Schwere des Kampfes, aller tiefe Ernst hemmte nicht einen freudigen Lebensmut, nicht ein festes Vertrauen auf einen Sinn des Lebens und eine Bedeutung menschlicher Arbeit.

Indischer und griechischer Idealismus

Alles miteinander ergibt einen eigentümlich deutschen Idealismus, der sich vom indischen wie vom griechischen aufs deutlichste unterscheidet. Der indische Idealismus erklärt die ganze Welt mit ihrem rast- und sinnlosen Wandel für ein Reich des Scheins, an den sich das Herz des Menschen nicht hängen dürfe, er eröffnet, im Gegensatz dazu, eine Einheit göttlichen Seins, in der eine unwandelbare Ruhe herrscht und der wilde Lebensdrang erlischt. Hier gibt es keine Zurückwendung zur Welt und keinen Versuch, sie für die Vernunft zu gewinnen, im besonderen den Stand der Menschheit durch die Arbeit der Weltgeschichte zu heben. – Der griechische Idealismus dagegen sieht in der Welt ein wunderbares Kunstwerk, einen herrlichen Kosmos, dessen Anschauung reinstes Glück verheißt; wohl bedarf es zu ihrer Erringung energischer geistiger Arbeit, aber diese hat nur Vorhandenes aufzudecken, nicht eine Wandlung herbeizuführen. Denn so gewiß der einzelne immer wieder zur Höhe jener Anschauung aufklimmen muß, die Welt als Ganzes bedarf keiner Veränderung, in unbeirrtem Rhythmus des Steigens und Fallens verläuft hier das Leben des Alls von Ewigkeit zu Ewigkeit. Auch hier entsteht keine Geschichte, keine weltgeschichtliche Arbeit. – Anders im deutschen Leben. Eine neue Welt steigt ihm auf, eine Welt der Freiheit und Tat, eine Welt selbständiger Innerlichkeit, sie ist in sich selbst begründet, nicht auf fremde Hilfe angewiesen, aber sie hat sich dem Menschen erst voll zu entwickeln, und sie kann das nicht, ohne mit der vorgefundenen Welt in Beziehung zu treten, sie weiterzubilden, sie möglichst in sich aufzunehmen. So gibt es unendlich viel zu tun, es gilt die Aufbietung aller Kraft, es gilt einen gewaltigen Kampf; damit gewinnt auch die Geschichte, sowohl von innen heraus als im Verhältnis des Menschen zu seiner Umgebung, den höchsten Wert, die Welt wird zur Werkstatt des Geistes.


Der deutsche Idealismus

Solcher Zusammenhang ergibt auch eine eigentümliche Schätzung der Lebensgüter. Allen Arten des Idealismus, dem indischen, griechischen, deutschen, ist gemeinsam die Erhebung über die Güter der sinnlichen Lebenserhaltung und des sinnlichen Lebensgenusses, überall hebt sich ein Gutes als unbedingter Selbstwert von dem Nützlichen und Angenehmen des bloßen Menschen ab. Aber dies Gute gewinnt dem deutschen Idealismus dadurch einen eigentümlichen Charakter, daß hier die Belebung selbständiger Innerlichkeit, die ethische Tat, die Treue der Hingebung an das Werk des Ganzen die höchste Schätzung erhält. Die Führer des Idealismus geben dem einen verschiedenen Ausdruck, aber im Grunde stehen sie alle zu dem Bekenntnis Kants: »Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein guter Wille.« So sehen sie in diesem allein das, was unser menschliches Leben bei aller Mühe und Arbeit lebenswert macht, ja es über den ganzen Bereich von Mühe und Arbeit hinaushebt. Zugleich gewinnt hier der Gedanke der Pflicht eine überragende Stellung. Die geistige Bewegung, welche unser Leben von den Niederungen zur Höhe führt, den Menschen zum Menschen macht, ist nicht eine Privatangelegenheit des Individuums, und sie entwickelt sich nicht in bequemem Fortgang aus dem gegebenen Stande heraus, sondern sie hebt den einzelnen in große Zusammenhänge und hält ihm deren Aufgaben als heilige Forderungen vor. Aber diese Forderungen werden ihm kein drückender Zwang, da er als geistiges Wesen jene Zusammenhänge in seinen eigenen Willen aufnimmt und daher im Grunde nicht fremden Geboten, sondern seiner eigenen Entscheidung folgt; der Gehorsam selbst und er vor allem bekundet hier seine Freiheit.


Wie der deutsche Idealismus die Moral eigentümlich gestaltet, so hat er auch ein eigentümliches Verhältnis zur Religion. Sie ist ihm ein wesentliches Stück, ja der innerste Kern des Lebens. Denn wie könnte der Mensch den Aufbau einer neuen Welt unternehmen und sie in einen unerbittlichen Kampf mit der ganzen Umgebung führen, wüßte er sich nicht von überlegener Macht getragen und geleitet, empfände er nicht alles, was in seinem eigenen Leben wahrhaft groß und edel ist, als ihr Werk, ihre Gabe und Gnade? Ohne Religion findet die dem Deutschen unentbehrliche Innerlichkeit nicht den Weg zu einer Innenwelt und zugleich keine Befestigung, all sein Streben zur Höhe schwebt dann haltlos in leerer Luft. Aber eben weil der deutsche Idealismus die Religion so eng mit dem Leben verbindet, muß er darauf bestehen, daß sie sich von diesem aus entwickele und sich in seiner Förderung erweise. Der deutsche Idealismus verlangt eine Begründung der Religion auf das, was jedem unmittelbar gegenwärtig ist und sich von ihm erleben läßt, er bindet die Religion nicht starr an die Satzungen der Vergangenheit, er verlangt eine Gestaltung aus lebendiger Gegenwart, einer Gegenwart freilich nicht des wechselnden Augenblicks, sondern eines zeitüberlegenen Schaffens. So gewiß der deutsche Idealismus ferner die unsichtbare Welt der Religion über die sichtbare Welt hinaushebt, er will keine Absonderung von ihr, die Weltüberlegenheit bedeutet ihm nicht eine Flucht vor der Welt; nach seiner Überzeugung gilt es, das Göttliche auch in dieser Welt kräftig zur Wirkung zu bringen und »Ewigdauerndes zu verflößen in das irdische Tagewerk«.


Der Reichtum des deutschen Idealismus

Wenn in dem allen der deutsche Idealismus eine durchaus eigentümliche Lebensgestaltung verficht, so verleiht er der gemeinsamen Grundüberzeugung recht verschiedene Gestalten, er bildet sie nach sehr verschiedenen Richtungen aus: die einen finden den Schwerpunkt des Lebens in der Richtung der Gesinnung und der moralischen Haltung der Persönlichkeit, die anderen beim Kulturaufbau mit seiner sachlichen Arbeit; der eine stellt das praktisch-politische Leben, der andere die Kunst, der andere die Religion voran; jeder einzelne aber hat in sein Werk seine ganze Persönlichkeit hineingelegt und gibt seiner Arbeit die Wucht einer geistigen Selbsterhaltung. Jeder hat dabei seine Eigentümlichkeit auch seiner Sprache mitgeteilt, ihr einen hohen Schwung und einen ausgeprägten Charakter gegeben, jeder einzelne spricht zu uns in einer unvergleichlichen Weise, jeder vermag zu uns ein persönliches Verhältnis zu gewinnen. Dieser Reichtum ist ein großer Vorzug des deutschen Idealismus, er behütet die Gemeinschaft der Grundüberzeugung vor aller Enge und Einseitigkeit.


So ist das Ganze des deutschen Idealismus ein kostbarer Besitz unseres Volkes, ein Besitz freilich, der als ein geistiger sich nicht mühelos übertragen läßt, sondern den es immer wieder neu zu erringen gilt. Aber wie er aus deutschem Wesen geboren ist, so kann deutsches Wesen besonders leicht den Weg zu ihm finden, sich an ihm verjüngen und erhöhen.


Solches verjüngende und erhöhende Wirken vermag er namentlich in einer Zeit großer Gefahr und höchster Spannung zu üben, wie es die Gegenwart ist. Eine solche Zeit wirft mit ihren Aufgaben, Gefahren und Nöten den Menschen auf sein innerstes Wesen zurück, sie rüttelt ihn zwingend auf aus dem stumpfen Dahintreiben des Alltags, sie hält ihm eindringlich das große Entweder–Oder vor Augen, das alles menschliche Leben durchdringt, sich ihm sonst aber leicht verdunkelt, sie treibt ihn zu einer klaren Entscheidung über dieses Entweder–Oder. Es handelt sich nämlich darum, ob der Mensch ganz und gar darin aufgeht, sinnliche Natur zu sein, bloß einer sinnlichen Welt anzugehören und daher auch nur sinnliche Güter zu schätzen, oder ob sich seinem Innern eine Geisteswelt offenbart, ein neues Leben in ihm pflanzt, ihn zu einem neuen Sein emporhebt, ihm zugleich auch alle Größen und Güter verwandelt. Sich für das erstere entscheiden, das heißt allen Sinn des Lebens zerstören, das heißt auch das Große unerklärlich machen, was heute in Kampf und Opfer alltäglich um uns geschieht. Das zweite ist unbedingt notwendig, da der Mensch unmöglich sich selbst vernichten kann; aber seine Bejahung hat ungeheure Schwierigkeiten draußen und drinnen zu überwinden, sie fordert geistige Stärke, sie fordert Heroismus der Gesinnung. In solchem Heroismus aber können uns jene großen Denker stärken, stärken nicht nur durch ihre Lehren, sondern durch ihr ganzes Leben und Wesen. Auch sie waren tapfere Helden, auch sie haben einen harten Kampf zu führen gehabt und haben ihn siegreich bestanden; so sind sie uns Zeugen der Macht und der Gegenwart jener Welt, die sich mit mächtigen Wirkungen auch in der Gegenwart offenbart.


Die Aufgaben unserer Zeit

Wenn wir mit ihrer Hilfe die Aufgaben unserer Zeit in dem großen Zusammenhange einer Weltüberzeugung sehen, so verheißt das eine Vertiefung des Lebens und eine Steigerung der Kraft. Denn der Kampf für das Vaterland erscheint dann zugleich als ein Kampf für die idealen Güter der Menschheit, für eine Aufrechterhaltung einer höheren Welt in unserem Bereich; Kämpfende sowohl als leidende erscheinen dann als Mehrer des Reiches des Geistes. Trägt eine unsichtbare Welt unser menschliches Leben, und gibt erst die Beziehung auf sie unserem Handeln und unseren Schicksalen einen Wert, so verändert und vertieft sich wesentlich auch der Anblick dessen, was wir heute erfahren: auch was äußerlich untergeht, kann für eine ewige Ordnung der Dinge unmöglich verloren sein, und auch schwerste Verluste können nicht zur Verzweiflung treiben, wenn aus dem Leid eine seelische Vertiefung hervorgeht, und im Schmerze selbst sich eine höhere Welt mit lebendiger Gegenwart offenbart. So muß die Verknüpfung mit den letzten Überzeugungen zur Veredlung der Arbeit, zur Heiligung des Schmerzes wirken, und wenn uns alle dabei die Gemeinschaft einer geistigen Welt zusammenhält und miteinander fühlen läßt, so werden wir aufrichtige Ehrfurcht den Helden, aber vielleicht noch größere Ehrfurcht denen zollen, die im Leide sich tapfer erweisen und ihren Glauben wahren. Sie fördern und heben damit unser aller Leben.

Der Idealismus des Gedankens hatte höchste Schätzung für die Tat, ja er wollte das ganze Leben in eine fortlaufende Tat verwandeln; jetzt hat das Geschick das ganze deutsche Volk dazu aufgerufen, einen Idealismus der Tat zu erweisen; es hat einen solchen in Wahrheit erwiesen, es hat dieselbe Gesinnung in lebendige Wirklichkeit umgesetzt, aus der jene Denker unsterbliche Werke schufen. Gehen Idealismus des Gedankens und Idealismus der Tat bei uns zu einem festen Bündnis zusammen, so liegt vor unserem Volke eine herrliche Zukunft, und alles Schwere des gegenwärtigen Kampfes erleichtert sich, wenn er uns zur Pforte einer solchen Zukunft wird.


Ullstein & Co
Berlin SW 68