Fünftes Kapitel.

In einer der engen Gassen der Innsbrucker Altstadt liegt der Gasthof zum Weißen Hahn. Die Häuser sind dort hoch und die Mauern altersgrau. Ein Gewirr von kleinen, engen Gäßchen mündet hinaus in die breitere Hauptstraße der Altstadt. Das ist eine Straße, die ebenso gut ein viereckiger Platz sein könnte, wenn der Abschluß gegen Süden nicht den herrlichen Ausblick auf die malerische Maria Theresia-Straße offen ließe.

Der alte, prächtige Gedenkbogen, die Triumphpforte bildet am Ende der Maria Theresia-Straße einen künstlerischen Abschluß des Stadtbildes. Hinter der Triumphpforte erhebt sich in weiter Ferne die spitze Zacke der Serles. In ruhiger, majestätischer Pracht ragt sie in den tiefblauen Himmel, als wäre sie sich ihrer unvergänglichen Schönheit wohl bewußt.

Die hohen Häuser der Altstadt mit ihren Erkern und gewölbten Torbogen, mit den düstern, fast kellerartigen Hausfluren bergen unter ihren Dächern noch immer den Zauber vergangener Jahrhunderte. Dort ziehen sich zu beiden Seiten der Herzog Friedrich-Straße die niedern gemauerten Steinlauben hin, unter denen sich Geschäft an Geschäft reiht. Der grauschwarze Stadtturm mit seiner grünlich schillernden Kuppel steht in einem seltsamen Gegensatz zu dem schmucken, vorspringenden Erkerbau des goldenen Dachels.

Im Hintergrund recken sich wie eine abschließende Riesenmauer die steil aufragenden Berge der Nordkette empor. Düster, grau, schwer und von imponierender Macht ist der Eindruck dieses ältesten Innsbrucker Stadtteiles mit dem grandiosen Hintergrund der gewaltigen Bergwelt, mit seiner ganzen ernsten nordischen Schönheit, mit den verblaßten Resten des Mittelalters, da Tirols Grafen und Fürsten in diesen Gassen Hof hielten, da längst verblichener Prunk, verschollene Üppigkeit und erstorbener Glanz darin heimisch waren.

Eine breitere Querstraße führt an dem goldenen Dachel vorbei hinüber zur Innbrücke, welche die beiden Teile der Stadt diesseits und jenseits des Flusses miteinander verbindet. Die schmale Gasse, in welcher der Gasthof zum Weißen Hahn liegt, ist ganz besonders düster und grau und bei der spärlichen Beleuchtung am Abend fast unheimlich. Selbst bei hellem Sonnenschein verliert sich der ernste Charakter dieses Teiles der Landeshauptstadt nur wenig.

Während des Tages herrscht ein reges Leben in den engen Gassen. Da stehen dann die Botenwagen, die den Frachtenverkehr mit den umliegenden Tälern und den Nachbardörfern vermitteln, mit schweren Säcken beladen und mit weißlich grauem Segelleinen bespannt. Wie ein Stück Mittelalter mutet dieser Verkehr mit der Außenwelt an. Die bäuerlichen Wagenführer in ihren blauen Fuhrmannskitteln, oder auch in der Tracht ihres Tales, treiben vor ihren Wagen Handel. Auch Botenweiber, mit hohen Ruckkörben beschwert, haben sich hier eingefunden. Sie bringen Eier, Butter und Hühner mit zur Stadt und oft auch Wildbret. Ihre Waren werden von den sparsamen Hausfrauen gerne gekauft. Denn was die Boten vom Land hereinbringen, gilt als billigere Ware, als was man auf dem Markt und in den Läden erstehen kann.

Der Verkehr in den engen Gassen der Altstadt ist in den frühen Morgenstunden oft ein so reger, daß die Weiber, die mit ihren Einkaufkörben vom nahen Marktplatz kommen, sich mühsam ihren Weg bahnen müssen.

So lebhaft es hier während des Tages zugeht, so still und ruhig und einsam ist es in den Abendstunden. Die Schritte der wenigen Fußgänger hallen dann mit gleichmäßigem Schall durch die Dunkelheit. Es sind nur einzelne Menschen, die an den Abenden hier ihren Weg suchen. Meist sind es gute Innsbrucker Bürger, die nach ihren Stammlokalen wandeln. Denn Gasthof an Gasthof liegt in den alten Gassen.

Über dem gewölbten Eingang des Gasthofes zum Weißen Hahn prangt ein kunstvolles altes Schild aus Schmiedeisen. Es trägt das Wahrzeichen der Gaststätte, einen riesigen weißen Gockel, umrahmt von einem dichten Blumenkranz. Von außen macht die düstere Mauerfront des Gasthofes einen wenig behaglichen Eindruck. Dafür geht es aber drinnen um so gemütlicher zu. Denn der Weiße Hahn ist eines der beliebtesten Gasthäuser der Innsbrucker Herrenwelt.

Die Bürger der Stadt und die Studenten sitzen hier gar oft bis tief in die Nacht hinein, bis die Uhr vom nahen Stadtturm herüber sie in eindringlichen Schlägen zum Aufbruch mahnt. Der Wein ist vorzüglich beim Weißen Hahn, und die Innsbrucker wissen Behaglichkeit und einen guten „Rötel“ wohl zu schätzen.

Das Herrenstübel beim Weißen Hahn ist eine niedere getäfelte Stube. Ganz braun ist das Holz der Täfelung vom Alter und vom Rauch. Der Tabakrauch vom Herrenstübel ist manchmal so dick, daß man ihn schneiden könnte. Nur wenige Tische gibt es da drinnen. Eng gepfercht sitzen an diesen Tischen die Gäste, und alle rauchen sie und trinken von dem trefflichen echten Rotwein, auf den die dicke Wirtin ihren ganz besonderen Stolz setzt.

Die Wirtin hält sich meistens im Herrenstübel auf und hat ein scharfes Auge, daß ihre Herren gut bedient werden. Sie ist eine alte behäbige Frau, groß und rundlich, mit schlichtem, grauem Haar und mit einem guten, gemütlichen Gesicht, das stets gerötet ist. Von Tisch zu Tisch geht sie mit etwas steifem, schwerfälligem Gang und plaudert mit den Gästen. Denn ein jeder ist ihr bekannt, und mit jedem einzelnen der Stammgäste verbindet sie eine Art freundschaftlichen Verhältnisses.

Beim Honoratiorentisch jedoch hat sie ihren Stammplatz. Diese Ehrentafel ist ein großer, viereckiger Holztisch in der Ecke gleich neben dem Fenster, das auf die Gasse hinaus geht. Nur daß man von hier aus am Abend keinen Ausblick auf die Gasse hat, denn die Fensterläden sind dann geschlossen, und ein dichter Vorhang aus rotem Plüsch verdeckt das Fenster von innen und verleiht dem Zimmer ein ungemein behagliches Aussehen.

Am Honoratiorentisch wird jeden Abend Karten gespielt, bis die Köpfe der Herren vom Wein, vom Rauch, von der Aufregung des Spieles und von der Hitze, die hier drinnen herrscht, glühend rot geworden sind.

Frau Maria Witwe Buchmayr, die Wirtin, ist sehr beliebt bei ihren Gästen. Eine einfache Herzlichkeit geht von ihr aus, etwas Mütterliches und Verständnisvolles für die kleinen Schwächen und Liebhabereien eines jeden ihrer Gäste.

Sie wird bei den Herren als tüchtige Kartenspielerin sehr geschätzt. Während sie in aller Behaglichkeit auf ihrem Stammplatz sitzt und anscheinend für nichts Interesse hat als für das Spiel, entgeht ihrem scharfen, beobachtenden Blick auch nicht das Geringste, was im Stübel passiert. Sie hört und sieht alles und beherrscht, während sie die Karten in der Hand hält und eifrig beim Spiel zu sein scheint, mit ruhiger Sachlichkeit alle Vorgänge im Zimmer.

Nicht das kleinste Versehen der Kellnerin bleibt von ihr unbemerkt. Die Stammgäste beim Weißen Hahn versichern ihr immer und immer wieder, daß man in ganz Innsbruck nirgends so gut aufgehoben sei und so vorzüglich bedient werde wie bei der Frau Buchmayr.

Seit Sophie die Kellnerin im Herrenstübel war, hatte Frau Buchmayr fast gar keine Ursache zur Klage. Eine wahre Perle schien die Sophie zu sein. Und die Wirtin machte ihr allerzufriedenstes Gesicht, wenn sie bemerkte, wie beliebt die neue Kellnerin bei den Gästen war. Das runde, etwas fett glänzende Gesicht der Wirtin strahlte dann förmlich vor innerer Heiterkeit. Flink war die Sophie und aufmerksam zu jedem Gast im Lokal und voll Witz und Humor.

Es war schwer zu sagen, an welchem der Tische die Sophie beliebter war. Die Herren am Honoratiorentisch waren etwas zurückhaltender in ihrer Bewunderung als die junge Herrenwelt am untern Ende des Zimmers. Aber die Wirtin hatte es wohl gemerkt, daß sogar der Herr Rat Leonhard, der ein ganz erpichter Kartenspieler war und der kaum jemals ein Auge von seinen Karten ließ, jetzt öfters, als gerade notwendig gewesen wäre, über seine Brille hinweg schaute und die Sophie nicht gerade unfreundlich anlächelte.

Der Herr Rat war ein alter, schrullenhafter Junggeselle. Er sprach wenig, war klein und hatte das verzwickte Gesicht eines alten, verdrossenen Mopses. Ohne Pfeife im Mund war er am Stammtisch nur selten zu sehen. Wenn er sprach, hielt er die Pfeife wie ein echter Bauer fest zwischen die Zähne geklemmt. Er entfernte sie nur dann, wenn er sich einen neuen Schluck aus seinem Weinglas einverleiben wollte oder wenn er genötigt war, die Pfeife frisch zu stopfen.

Beim Trinken machte der Herr Rat eine ganz besonders kritische Miene. Sein kleines, faltiges Gesicht schrumpfte dann förmlich zusammen, und die Lippen zogen sich nach innen, um erst ganz langsam wiederzukehren, wenn sie den Geschmack des Weines eingehend geprüft und genossen hatten.

Der Herr Rat war am Stammtisch überhaupt eine tonangebende Persönlichkeit. Das kam daher, weil er sehr wenig sprach und seine Gedanken eigentlich nur auf seinem stets zuwidern Gesicht zu erraten waren. Die Wirtin hatte unter allen ihren Gästen den meisten Respekt vor dem Herrn Rat. Beinahe ängstlich beobachtete sie sein Mienenspiel, wenn er sich eine Speise mit aller Umständlichkeit, deren nur er fähig war, zu Gemüte führte.

Außer dem Herrn Rat Leonhard war noch der Doktor Valentin Rapp eine ganz gehörige Respektsperson am Stammtisch. Und nicht nur am Stammtisch, sondern auch in der ganzen Stadt wurde der Doktor Rapp hoch geschätzt. Wenn man den schlichten Mann in seiner altmodischen Kleidung und mit dem fast bäuerlichen Benehmen so am Stammtisch beim Weißen Hahn sitzen sah, dann hätte man nicht vermutet, welche Rolle im öffentlichen Leben von Innsbruck dieser Mann spielte, der einer der tüchtigsten und gesuchtesten Rechtsanwälte war.

Doktor Valentin Rapp war klein, untersetzt und schon gut in den Vierzigern. Er war aber noch so prächtig erhalten und gab sich so jugendlich, daß man ihn für höchstens Ende Dreißig hätte ansehen können. Voll Temperament und Geist war er, einer der angenehmsten Gesellschafter, die man sich wünschen konnte. Nur brauchte es immer eine Zeit, ehe Doktor Rapp aus sich heraus ging. Fremden gegenüber beobachtete er eine Art scheuer Zurückhaltung, die er erst bei näherer Bekanntschaft und dann nur ganz allmählich abzulegen pflegte.

Der Doktor hatte blondes, volles Haar, scharf blickende dunkle Augen und einen langen blonden Vollbart. Das Gesicht war regelmäßig, aber etwas zu derb geformt und so sehr gerötet, daß es einen dicken, aufgedunsenen Eindruck machte. Wer den Doktor nicht genau kannte, hätte ihn seiner Gesichtsfarbe nach für einen Trinker halten können. Aber Doktor Rapp war in Wirklichkeit ein sehr mäßiger Mann. Mit seiner Halben Wein und einer oder zwei Virginias, die er mit Wohlbehagen rauchte, konnte er sich stundenlang begnügen. Wenn er sprach, klang seine Stimme hell, klar und etwas gebieterisch im Tonfall. Doktor Valentin Rapp hatte seinen Platz stets neben der Wirtin, mit der er fortwährend in einem lustigen Kriegszustand lebte.

Zur rechten Seite der Wirtin saß für gewöhnlich der Herr Kaufmann Patscheider. Ein älterer Mann, groß und knochig, mit rotem Gesicht, hellen Augen und einem kurz geschnittenen graumelierten Schnurrbart, der die dicken, aufgeworfenen Lippen in unangenehmer Art zur Geltung brachte. Die dunkeln, stark ergrauten Haare waren teilweise schütter und standen straff empor. Seine bogenförmig geschwungenen Brauen über den lichtblauen Augen hielt der Herr Patscheider stets emporgezogen, was ihm einen naiv verwunderten Ausdruck verlieh.

Trotzdem hatte man es auf den ersten Blick los, daß dieser Ausdruck nur Maske war. Herr Patscheider war ein kluger und gewiegter Geschäftsmann und viel gescheiter, als er zu scheinen wünschte. Ein Mann, der es verstanden hatte, sich zu dem ererbten väterlichen Vermögen einen ganz ansehnlichen Haufen Geld zu sammeln.

Am Stammtisch beim Weißen Hahn führte Johannes Patscheider die lauteste Sprache; und was er sagte, das galt als eine Art Evangelium. Sie waren alle ruhig, wenn er mit lauter, gebieterischer Stimme seine Ansichten kund tat. Und sie wagten es, ihm nur schüchterne Gegenreden zu geben, wenn sie anderer Meinung waren.

Nur Doktor Rapp getraute sich, diesem ausgesprochenen Herrenmenschen gegenüber seine Ansicht zur Geltung zu bringen. Das ging dann aber jedesmal recht schief aus und endete regelmäßig damit, daß Patscheider schweigend seinen Hut und Stock nahm und aus dem Zimmer ging. Er erschien auch nicht mehr am Stammtisch, bis man ihn holte.

Die Vermittlerrolle zwischen den beiden Gegnern übernahm dann jedesmal der Herr Apotheker Simon Tiefenbrunner. Doktor Rapp und Patscheider waren immer und ausnahmslos in allen Dingen vollkommen entgegengesetzter Meinung. Doktor Rapp war ein schneidiger Draufgänger, radikal und unbesonnen. Patscheider war dagegen überlegend, scharf berechnend, in seinen Ansichten jedoch etwas rückständig, was ihm oft den Spott und den Hohn des jüngeren Doktor Rapp eintrug.

Patscheider hatte sich schon seit Jahren um die Stadt große Verdienste erworben. In völlig uneigennütziger Weise hatte er dem Wohl seiner Vaterstadt gelebt und für sie gewirkt. Er besaß diese eine große Liebe in seinem Leben: mitzuwirken an dem Aufblühen und Gedeihen der herrlichen Alpenstadt am Inn. Außerhalb dieser Stadt gab es für ihn kein Interesse.

Mit Klugheit und Scharfsinn erforschte er alles, was dem Ansehen seiner Vaterstadt von Nutzen sein konnte. Wenn er sich einmal zu einer Reise aufschwang, um andere Städte kennen zu lernen, so geschah das nur, damit er Vergleiche zwischen diesen und seiner Heimat anstellen konnte. Und vom Standpunkt eines Innsbrucker Bürgers betrachtete er auch die Vorgänge des ganzen Reiches und der übrigen Welt. Patscheider war stolz darauf, ein Innsbrucker Bürger zu sein, und sein Lokalpatriotismus hatte etwas Rührendes an sich.

Aber nicht allein Patscheider, sondern auch der Apotheker Tiefenbrunner war ein ausgesprochener Lokalpatriot. Nur daß er nicht die Intelligenz des andern besaß und diesen Mangel auch einsah. So wirkte der Apotheker eben für das Wohl der Stadt auf seine Weise. Es war eine undankbare Aufgabe, die er übernommen hatte. Immer und überall war er das versöhnliche Element, beschwichtigte, wo er konnte, und entledigte sich seines freiwilligen Amtes mit viel Geschick und Takt. Manches Unternehmen kam zustande, weil Tiefenbrunner es zur rechten Zeit verstanden hatte, die widerstreitenden Meinungen der Parteien auszugleichen und zu versöhnen.

Simon Tiefenbrunner war schon durch seine äußere Erscheinung dazu bestimmt, die Rolle eines Friedensengels zu übernehmen. Ein stiller, kleiner Mann mit blassem, farblosem Gesicht, hellen Haaren und Augen. Die Augen waren durch einen Zwicker bewehrt, den der Apotheker stets an einer dicken, schweren Schnur trug. Der Zwicker saß auf dem äußersten Nasenrande seines Besitzers und sah aus, als wäre er immerfort im Begriff herunter zu fallen. Tiefenbrunner machte auch stets den Eindruck, als ob er sich in einem ewigen Kampf mit seinem Zwicker befände. Er hob die Nase höher empor, als nötig war, und sah nie durch die Gläser, sondern stets über dieselben hinweg.

Ein nervöses Zucken, das schmerzhaft zu sein schien, ging in regelmäßigen Zwischenräumen über sein kleines, blaß aussehendes Gesicht. Tiefe Denkerfalten waren auf der niedern Stirne eingegraben. Boshafte Menschen behaupteten jedoch, daß der Apotheker zum selbständigen Nachdenken nur wenig Talent besaß und diese anstrengende Gehirntätigkeit am liebsten seiner besseren Ehehälfte überließ, die das auch gründlich besorgte.

Frau Therese Tiefenbrunner war eine resolute Frau und paßte in jeder Hinsicht vorzüglich zu ihrem Gatten. Sie war der Ausgleich seiner Persönlichkeit und verstand sich prächtig mit ihm. Nie gab es Zank und Streit bei dem älteren, kinderlosen Ehepaar. Frau Therese war eine echte Innsbruckerin und hing mit der gleichen hingebungsvollen Liebe wie ihr Gatte an ihrer Heimat.

Sie stammte von der andern Seite des Inns, von jenem Stadtteil, der eigentlich die älteste Ansiedelung ist und jetzt nur mehr eine Vorstadt von Innsbruck bildet. Zwischen dem breiten Flußbett und den sacht ansteigenden Höhen des Mittelgebirges der Nordkette liegt auf schmaler Ebene die Vorstadt Sankt Nikolaus. Teilweise lagern sich die kleinen Häuschen schon an dem Grunde des Bergabhanges, und steile, enge Gäßchen, die in ihrer Bauart an jene eines Dorfes gemahnen, führen zum Berghang empor.

Es gibt feine Unterschiede in den Bezeichnungen dieses interessanten Stadtteils. Von der Innbrücke abwärts erstreckt sich eine breite Straße den Fluß entlang, an der zum Teil schöne Gartenanlagen einen grünen Saum bilden. Aus dieser Gegend war Frau Therese Tiefenbrunner. Hier hatte sie ihre ersten Jugendjahre verlebt. Und dem leichten, singenden Tonfall ihrer Aussprache merkte man die allernächste Nachbarschaft der „Kothlacken“ an.

Die sogenannte Kothlacken ist eine schmale Gasse in Sankt Nikolaus. Eigentlich ist sie eine Seitengasse der Innstraße und mündet auf den breiten Kirchplatz vor der schon etwas erhöht liegenden gotischen Kirche von Sankt Nikolaus. Die Bewohner, aber hauptsächlich die Bewohnerinnen dieser Gasse zeichnen sich durch ihren scharfen und gesunden Mutterwitz aus.

Es ist keine ansprechende Gegend. Die alten Häuser dieser Gasse machen vielfach einen verlotterten Eindruck. Schmutzige, unreinlich gekleidete Frauen und Kinder stehen und gehen da herum. Oft ertönt auch schrilles Geschrei von zankenden und keifenden Weibern; denn die Kothlacknerinnen sind in dem Ruf, recht unverträglich zu sein. Wer sie näher kennt, weiß, daß sie besser sind als ihr Ruf. Gutherzig, hilfsbereit und ehrlich.

Frau Therese Tiefenbrunner betrachtete es als eine Art Schimpf, für eine Kothlacknerin zu gelten. Sie verwahrte sich stets sehr energisch dagegen, indem sie immer wieder betonte, daß sie eine Schlossermeisterstochter aus der Innstraße sei. Und das ist wiederum eine andere Gegend, die mit der Kothlacken nichts zu tun haben will.

Da der Name der Kothlacken auf dem Innsbrucker Stadtplan als offizielle Bezeichnung nicht zu entdecken ist, sondern dem Volksmund angehört, wird er keineswegs als Schmeichelei empfunden. Daher kommen auch die feinen Unterschiede, mit denen sich die unmittelbare Nachbarschaft von dieser nicht gerade hervorragend schönen Bezeichnung zu schrauben trachtet.

Die Frau Apotheker hatte sich eine ganz eigene Sprache zurechtgelegt. Sie sprach langsam und mit einer gewissen schwerfällig gezierten Plumpheit. Trotz aller Mühe war es ihr aber nicht gelungen, die singende Tonart, dieses untrügliche Kennzeichen der echten Kothlacknerin, auszumerzen. Diese Eigenart bemerkten freilich nur die einheimischen Innsbrucker oder jene Fremden, die sich schon lange Zeit in der Stadt aufhielten.

Trotzdem es die Frau Tiefenbrunner ganz und gar ableugnete, in näheren Beziehungen zu der Kothlacken zu stehen, hatte sie doch sehr nahe Verwandte, die in dieser Straße daheim waren. Ihre Schwester und deren einziger Sohn hausten dort in einer kleinen Wohnung. Eine enge, dunkle, schlecht gelüftete Küche und ein größeres Zimmer bildeten die Wohnung der armen Witwe, die sich und ihren Sohn kümmerlich durch ihrer Hände Arbeit ernährte.

Die Tiefenbrunnerischen waren gutherzige Leute, und ihre Schuld war es nicht, daß Frau Susanne Altwirth ein so schweres Leben hatte. Sie wollten gerne helfen, aber die Witwe hatte ihren Stolz. Bettelstolz nannten sie’s in der Kothlacken, und Bettelstolz nannte es auch der Apotheker Tiefenbrunner und seine Frau Therese.

Die Frau Apotheker und ihr Mann nötigten ihre Wohltätigkeit der Witwe Altwirth förmlich auf. Jedoch vergeblich. Solange sie kräftige Arme habe, sagte die Frau Altwirth, brauche sie keine Barmherzigkeit. Frau Susanne Altwirth arbeitete daher weiter und rackerte sich vom frühen Morgen bis zum späten Abend. Und alle Überredungskünste der Apothekerin vermochten nicht ihren Sinn zu ändern.

Es war eine alte Gegnerschaft zwischen den Schwestern. Frau Therese hatte das große Loos gezogen im Leben, und mit der Selbstverständlichkeit der vom Glück Begünstigten wollte sie auf die jüngere Schwester einwirken und dieser ihren Lebensgang vorschreiben. Die Susanne aber hatte ihren eigenen Kopf und setzte es durch, den Mann ihrer Wahl zu heiraten. Der war ein kleiner Tischler in der Kothlacken, und gar lange dauerte das Glück nicht bei den jungen Leuten. Der Mann starb und ließ Frau und Kind in bitterer Armut zurück.

Nach dem Tode des Mannes war es zu ernsten Zerwürfnissen zwischen den Schwestern gekommen. Frau Therese konnte es nicht unterlassen, die Vormünderin ihrer Schwester spielen zu wollen, und gab ihr böse Reden. Frau Susanne blieb keine Antwort schuldig.

Schließlich wurde die Apothekerin so erbost auf ihre Schwester, daß die beiden Jahr und Tag keinen Verkehr mehr miteinander hatten. Frau Therese bildete sich ein, daß es die Schwester darauf abgesehen habe, ihr Ansehen zu untergraben.

Jahre hindurch sahen und sprachen sich die Schwestern nicht mehr, bis durch die Vermittlung des Pfarrers von Sankt Nikolaus eine Aussöhnung zwischen den beiden zustande kam.

Frau Susannes Sohn, der junge Felix Altwirth, war ein äußerst begabter Bursche, ein tüchtiger Schüler. Und Lehrer und Pfarrer stimmten darin überein, daß es Sünd’ und Schade wäre, ein solches Talent nicht studieren zu lassen. Zum Studium aber gehörte Geld. Und das besaßen die reichen Verwandten in der Altstadt.

Anfangs wollte Frau Susanne nichts davon wissen. Aus Liebe zu ihrem Sohn aber gab sie nach, und der Pfarrer leitete die Versöhnung zwischen den beiden Schwestern in die Wege.

Das war jedoch die ausdrückliche Bedingung, die Frau Tiefenbrunner stellte. Wenn sie, die Tiefenbrunnerischen, den Felix studieren ließen, so mußte seine Mutter aufhören, als Wäscherin ihr Brot zu verdienen. Den Unterhalt für Mutter und Sohn würden die Tiefenbrunnerischen bestreiten.

Mit schwerem Herzen fügte sich die Witwe. Doch nahm sie nur das Notwendigste, was sie zum Unterhalt bedurfte. Keine Macht der Welt hätte sie aber dazu zwingen können, ihr bescheidenes Heim aus der Kothlacken in einen besseren Stadtteil zu verlegen.

Sie hatte sich so sehr eingelebt in die engen Verhältnisse, und alles, was sie umgab, war ihr eine liebe Erinnerung an ihren verstorbenen Mann und an ihr kurzes Glück.

Das düstere Haus, in dem sie wohnte, gehörte entfernten Verwandten ihres Mannes. Es war ein zweistöckiges Haus mit niedern Fenstern, mit einem alten, engen Hausflur und mit quietschenden und krächzenden Holzstiegen, die stets unreinlich aussahen.

Viele Leute wohnten in dem Haus. Leute, die wenig Geld und zahlreiche Kinder besaßen. Die Wohnungen der einzelnen Parteien waren nicht abgesondert. Wie eine einzige große Familie lebten sie alle zusammen. Sie wußten alles voneinander, jede Kleinigkeit, jede Freude und jedes Leid. Hielten zusammen wie Kitt und Pech, um sich bei nächster Gelegenheit wegen einer geringfügigen Sache in den Haaren zu liegen.

Es war kein ruhiges Haus. Schon in den ersten Morgenstunden ertönte das Geschrei der Kinder, vereint mit den keifenden Stimmen der Mütter. Die Väter waren noch die ruhigsten in diesem großen Familienhaus. Die gingen schon zeitig zu ihrer Arbeit und hielten sich den größten Teil des Tages nicht daheim auf. Nur in den Abendstunden, wenn sie über den Durst getrunken hatten, machte sich ihre Anwesenheit bemerkbar.

Es roch stets nach Schmalz und üblem Fett in dem grauen Haus und nach schlechtem Tabak und ungelüfteten Räumen. Es gab auch wenig Luft dadrinnen. Der hohe Bau des in der engen Gasse unmittelbar gegenüber emporragenden Nachbarhauses nahm Luft und Sonne weg.

Die Witwe Altwirth hatte es zustande gebracht, sich in diesem völkerreichen Haus eine kleine Einsiedelei zu gründen. Eine niedere Tür im ersten Stock, nahe bei der steilen, knarrenden Holztreppe, führte in den Vorraum der Wohnung, der gleichzeitig die Küche war.

Ganz klein und schmal war der Raum. Ein eiserner Herd, ein Stuhl mit einer Gießkanne, in der Frau Altwirth das Wasser vom Gassenbrunnen zu holen pflegte, ein Tisch und ein kleiner Küchenschrank bildeten die Einrichtung und füllten den Raum so vollständig aus, daß zwei Personen nebeneinander kaum mehr Platz hatten. Das niedere Fenster war mit einem roten Vorhang verhängt und ließ das dämmerige Tageslicht vom Stiegenhaus nur spärlich eindringen.

Es war stets dunkel in der kleinen Küche der Witwe Altwirth. Dafür war es aber in dem daranstoßenden Zimmer um so heller und freundlicher. Dieses hatte die Aussicht gegen den Garten, der sich bis zum Höttinger Ried hinauf erstreckte.

Ein großer, schattiger Garten war’s, ungepflegt und unbebaut. Still und einsam war dieser Garten; denn niemand außer den Hausleuten durfte ihn benützen. Die Witwe Altwirth und ihr Sohn bildeten die alleinige Ausnahme. Es war die einzige verwandtschaftliche Begünstigung, die sie genossen.

In diesem Garten war Felix Altwirth groß geworden, hatte seine einsame Kindheit dort verbracht, seine reiferen Knabenjahre und die Zeit des ernsten Studiums. Hier hatte er ruhig lernen können, hatte gesonnen und geträumt und mit feinen, scharfen Augen die stille Schönheit der Natur gesehen.

Dieser einsame, große, verwilderte Garten, zu dem der wüste Kinderlärm der Straßenjugend nur gedämpft hereindrang, hatte den Künstler in Felix Altwirth geweckt. Viele Stunden saß er da und zeichnete mit geschickter Hand irgendein Blatt oder einen Baum. Und immer mehr vertiefte er sich in das Studium der Natur, und immer kühner und entschlossener wurden die Entwürfe zu seinen Arbeiten. Halbe Tage lang hielt er sich oft in dem Garten auf und zeichnete und malte mit der Lust und Liebe, die aus innerstem Trieb entspringt.

„Du solltest Künstler werden, Felix!“ riet ihm einmal Max Storf, sein um einige Jahre älterer Freund.

„Künstler!“ Felix Altwirth wiederholte es mit Bitterkeit. „Künstler, um elend zu verkommen! Du weißt doch, daß ich Beamter werden muß. Anders tut’s die Tante nicht.“ Und dann zerknüllte er in ohnmächtiger Wut die Zeichnung, die er gerade vollendet hatte.

Das war in dem großen Garten gewesen, als Max Storf neben Felix saß und dem Freunde, wie so oft schon, bei der Arbeit zusah. Max Storf war ein hochgewachsener junger Mann. Schlank und braun und äußerst lebhaft in seinen Bewegungen. Seit einem Jahr war er Assistenzarzt im Innsbrucker allgemeinen Krankenhaus. Hatte also sein Lebensschifflein schon in sichere Bahnen gelenkt.

Felix Altwirth war zart gebaut, hatte hellblondes, volles Haar und die leuchtende weiße und rote Gesichtsfarbe eines jungen Mädchens. Beinahe um Kopfeslänge überragte der junge Arzt seinen Freund. Es war eine seltene, treue und aufrichtige Freundschaft, welche die beiden jungen Männer schon seit Jahren verbunden hatte.

Felix Altwirth und Doktor Max Storf gehörten auch zu den Stammgästen beim Weißen Hahn. Aber sie saßen am andern Ende des Herrenstübels, an dem Tisch der jungen Leute, wo es viel lauter und ungezwungener zuging als bei dem Honoratiorentisch, an dem die Wirtin ihren Platz hatte.

Am andern Ende des Stübels waren die älteren Semester der Studenten heimisch und einige junge Ärzte und neugebackene Juristen, die noch nicht allzulange in Amt und Würden saßen. Auch das Nebenzimmer des Herrenstübels war von jungen Leuten noch dicht bevölkert.

Die Sophie hatte alle Hände voll zu tun, um sämtlichen Wünschen schleunigst gerecht zu werden. Die jungen Herren scherzten gerne mit ihr, und Sophie hatte es bald los, alle Register weiblicher Koketterie spielen zu lassen. Keck und munter gab sie Antwort, lachte und scherzte mit einem jeden. Aber da war keiner, der ihr zu nahe treten durfte.

Eines hatte sie von der Karrnerin, ihrer Mutter, gelernt. Ihr heißes, junges Blut wollte sie im Zaum halten, wollte besser mit ihrem Glück umgehen, als es jene getan hatte. Auch die schöne Tochter der Ennemoserin war ihr ein warnendes Beispiel und bestärkte sie in dem Vorsatz, sich ihre Mädchenehre zu bewahren.

Die herbe Zurückhaltung der hübschen jungen Kellnerin bildete ihre größte Anziehungskraft. Das reizte die jungen Herren und gefiel den älteren Stammgästen beim Weißen Hahn.

Sophie hatte es bald verstanden, sich zum Mittelpunkt des Lokals zu machen. Wie eine Fürstin herrschte sie unter ihren Herren ...

Einige Jahre waren vergangen, seit Sophie beim Weißen Hahn ihre Stellung gefunden hatte. Seitdem war sie mit allem so verwachsen, daß man sich das Stammlokal ohne die Sophie nicht mehr denken konnte.

In all der Zeit hatte sich Sophie rein gehalten. Rein mit einer einzigen Ausnahme. Das war noch nicht lange her. Sophie litt noch immer innerlich an diesem Erlebnis. Eine kurze, heiße Liebe war es gewesen. Das alte Lied von der enttäuschten Liebe im Leben des Weibes. Die alte Tragödie der verschiedenen Auffassung der Liebe beim rasch genießenden Mann und beim tiefer fühlenden Weib. Sophie erschien es als der Inhalt ihres ganzen Lebens. Für den Mann war es eine vorübergehende Episode.

Mit leichtem Herzen hatte der junge Beamte Abschied von der Liebsten genommen. Dann war er fortgegangen, weit fort, und ließ Sophie mit der bitteren Erkenntnis zurück, daß sie ihm nichts bedeutet hatte, nichts anderes war, als eine kleine, hübsche Tändelei.

Sophie Zöttl hatte damals in wildem Schmerz ihre Zähne zusammengebissen, war leichenblaß geworden und mußte ihre ganze Kraft aufbieten, um nicht laut aufzuschreien. Aber sie hielt an sich, und das Blut rann ihr aus den vollen, roten Lippen unter dem krampfhaften Biß ihrer Zähne. Kein Wort des Vorwurfs sagte sie dem Mann, und kein Wort, das ihn ihre Gefühle hätte erraten lassen. Als sie aber allein war, heulte sie wie ein todwundes Tier.

Diese demütigende Erfahrung, die den ersten großen Schmerz in ihrem Leben bedeutete, wirkte bestimmend auf ihr ferneres Empfinden. Sophie wußte nun, daß ihr das gleiche Schicksal blühen würde wie ihrer Mutter und dem blonden Roserl der Ennemoserin, wenn sie nicht auf ihrer Hut war und sich nicht auf’s äußerste beherrschte.

Sie lernte es, die Männer zu betrachten, als wären sie eine wilde Meute, die nur den richtigen Augenblick abwartete, um sich auf sie zu stürzen. Es war ein herber Stolz in dem Mädchen. Der gesunde Stolz des reinen, wissenden Mädchens, das liebend und vertrauend der brutalen Gier der männlichen Selbstsucht zum Opfer gefallen war.

Von da ab wurde Sophie berechnend. Sie rechnete mit ihren Jahren, und sie rechnete mit ihrer Schönheit. Mit klarem, erkennendem Blick sagte sie sich, daß sie haushalten müsse mit beidem, daß sie sich nicht vergeuden dürfe, sondern ihr Glück beizeiten suchen müsse.

Und Sophie Zöttl wählte unter ihren Verehrern. Sie hatte deren viele. Auch Felix Altwirth und Doktor Max Storf befanden sich darunter, und beide gefielen dem Mädel. Alle beide. Nur hatten sie nicht die Mittel, ihr jene Lebensstellung zu bieten, die ihr wünschenswert erschien für das, was sie Glück nannte.

Schon gar der arme Schlucker von einem Studenten, der Felix Altwirth. Was der sich eigentlich einbildete. Daß sie auf ihn herwartete? Ihr junges Leben aufs Spiel setzen sollte, um dann von ihm im Stich gelassen zu werden? Um weggeworfen zu werden, wie man sie schon einmal weggeworfen hatte!

Nein, und tausendmal nein! Sie wollte nur ein solides, aussichtsreiches Verhältnis haben. Ein Verhältnis, das zur Grundlage einer gesicherten Existenz führen würde.

Auch Doktor Max Storf vermochte ihr das nicht zu bieten. Mein Gott, ein junger Arzt ohne Vermögen. Sophie Zöttl verspürte wenig Lust, diesen rauhen Pfad einzuschlagen.

Und trotz allem mußte Sophie erkennen, daß ihr der arme Schlucker, der Felix Altwirth, noch am allerbesten gefiel. Felix verehrte die Sophie mit stiller Bescheidenheit als ein hohes, für ihn nie erreichbares Ideal. Und gerade diese ehrliche, stumme Verehrung rührte das Mädchen. Es war gerade dasjenige, was ihrem wunden Empfinden am wohlsten tat, was ihr den innerlichen Ausgleich verlieh und ihr den Stolz ihrer gekränkten Frauenehre wieder zurückgab.

Mehr, als ihr lieb war, beschäftigten sich ihre Gedanken mit dem jungen Mann. Sophie Zöttl war ein klarer Geist. Mit ruhiger Überlegung formte sie sich ihre Gefühle zurecht, belog sich nicht, sondern gab sich klare Rechenschaft über ihr Empfinden. Und so erkannte sie gar bald, daß jener Mann, der ihre Liebe achtlos genossen hatte, ihr heißes, leidenschaftliches Blut in Erregung gebracht hatte. Und sie erkannte auch, daß ihre Neigung für Felix Altwirth nicht rein war, sondern Leidenschaft und heißes Begehren in sich barg.

Felix Altwirth hatte keine Ahnung, was in dem Herzen des jungen Mädchens vorging. Hätte er es gewußt, so hätte diese Liebe vielleicht seinem ganzen Leben eine andere Richtung gegeben. Sie hätte in seinem Dasein jene Mission erfüllt, die echte, warme Frauenliebe zu erfüllen imstande ist.

Dem schüchternen, unentschlossenen jungen Mann, der auf dem schönsten Weg war, sich zu verbummeln, hätte das Bewußtsein der Liebe eines Weibes starken Halt, Zuversicht und kühnen Schaffensdrang verliehen.

Je mehr Felix Altwirth seinen künstlerischen Neigungen nachhing, desto weniger beschäftigte er sich mit seinem Studium. Seit zwei Jahren schon hätte er seine Prüfung als Jurist ablegen sollen, und zwei volle Jahre drückte er daran herum. Er fand nicht den Mut dazu. Alle Lust und Freude für den Beamtenberuf war ihm abhanden gekommen. Sein Innerstes sträubte sich mit Macht gegen jeden Zwang. Nach dem freien Leben des Künstlers sehnte er sich. Sehnte sich, einer von den ganz Großen zu werden, die da Leuchten der Menschen sind.

Mit Widerwillen betrachtete er seine Studienbücher. Wie ein Sklave kam er sich vor. Wie einer, der keinen freien Entschluß fassen durfte ... der verurteilt war, um des lieben Brotes willen ein Leben zu führen, das für ihn nur unsagbare Qual barg.

Seine Mutter und Max Storf sahen wohl die Veränderung, die mit Felix vorgegangen war. Max Storf erkannte die Ursache, aber die Witwe Altwirth konnte nicht das richtige Verständnis für den Seelenzustand ihres Sohnes finden.

Für sie war es ein Schmerz, eine persönliche Demütigung ihrer Schwester gegenüber, daß Felix seine Prüfungen nicht machte. Sie schämte sich vor ihrer Schwester und vor ihrem Schwager. Und in ihrem Zorn tat sie dasjenige, was sie hätte unterlassen müssen ... sie überhäufte Felix mit Vorwürfen. Sie trieb ihn zu seinen Büchern, wie man faule Schuljungen treibt, und machte ihm so das Leben zur Hölle.

Frau Susanne Altwirth mangelte jedes Verstehen für die künstlerischen Neigungen des Sohnes, und von Künstlerfreiheit und Künstlerdrang hatte sie keine Ahnung. Für sie war es der höchste Inhalt eines menschlichen Daseins, wenn man sein sicheres Brot hatte und dabei ungetrübt und ohne Nahrungssorgen leben konnte.

Max Storf allerdings verstand und begriff alles. Er war es auch, der einmal mit dem Apotheker über die Sache sprach.

Einmal nach einem Abend, als sie beide beim Weißen Hahn gewesen waren, begleitete der junge Arzt den Apotheker nach Hause und redete mit ihm über den Freund.

Herr Tiefenbrunner tat sehr erschrocken. „Ja, aber um Gotteswillen, er hat ja alles, was er braucht. Es geht ihm doch nix ab!“ sagte er und sah ganz verstört zu dem jungen Manne auf.

„Das ist’s ja auch gar nicht, Herr Tiefenbrunner!“ entgegnete Doktor Storf. „Sie lassen ihm nichts abgehen. Das ist richtig. Aber Felix eignet sich nun einmal nicht zum Beamten. Er ist ein Künstler und sollte die Mittel bekommen, um sich als solcher auszubilden.“

„Sie meinen, ein Maler werden?“ fragte der kleine Apotheker und starrte mit nachdenklichem Gesicht vor sich hin.

Die beiden waren gerade durch die breite Herzog Friedrich-Straße gegangen und blieben an der Ecke der Maria Theresia-Straße stehen. Der helle Schein einer Straßenlampe fiel auf das kleine, fahle Gesicht des Apothekers und beleuchtete scharf die tiefen Denkerfurchen auf seiner niedern Stirn.

Der Apotheker Tiefenbrunner mußte tatsächlich nachdenken. Angestrengt nachdenken. Was ihm da Doktor Storf sagte, war keine Kleinigkeit, war eine ernste Sache. Da ließen sie nun, er und seine Frau, diesen Buben, den Felix, studieren aus gutem Herzen, aus reiner Gutmütigkeit, damit er einmal sein anständiges Auskommen habe und geachtet dastehe auf der Welt. Und mehr geachtet denn als Beamter konnte man im Leben doch unmöglich sein.

Der Apotheker wurde ganz zapplig, als er seinen angestrengten Gedankengang so weit verfolgt hatte. So zapplig, daß sich sein Gesicht nach allen Seiten verzog. Dabei erbebte seine Nase vor innerer Erregung so sehr, daß der Zwicker, der ohnedies nur wackelig darauf saß, in ernstliche Gefahr geriet, herabzugleiten.

Ganz ängstlich und hilflos sah der Apotheker Tiefenbrunner über die Gläser hinweg zu Max Storf empor, und mit zitterigen Händen rückte er sich immer und immer wieder seinen Zwicker zurecht. Aber er wollte nicht passen. Er wollte überhaupt nicht passen, wenn Herr Tiefenbrunner eine Erschütterung seines Seelenzustandes erlitt.

Und eine Erschütterung war das unbedingt. Eine starke Erschütterung sogar. Jetzt um Mitternacht. Der Apotheker machte ganz vorwurfsvolle Augen. So eine Roheit ... das hätte er dem Max Storf gar nicht zugetraut. Ihn derart aus seiner behaglichen Ruhe zu stören! Und das noch dazu allein ohne seine Frau! Und hier, ausgerechnet hier, an der Ecke der Maria Theresia-Straße, sollte er sich entschließen in einer so wichtigen Angelegenheit. Wenn doch seine Frau in der Nähe gewesen wäre!

Ein Maler wollte der Felix werden. Schau, schau! Eigentlich ein interessanter Fall. Der Felix und ein Künstler. Was da nur seine Frau sagen würde?

Bei diesem Gedanken überkam den Apotheker ein Gefühl, als spürte er die kleinen, nervösen Trittchen einer Maus über seinen Rücken huschen. Es war entschieden eine höchst ungewöhnliche Situation. Ganz entschieden! Und es war eine Roheit von dem Doktor Storf, ihm mit so was bei der Nacht zu kommen. Ein ganz gemeiner Überfall war es, der ihn eigentlich erzürnen sollte.

Aber Herr Tiefenbrunner erzürnte sich nicht. Schon aus Prinzip nicht. Er beschwichtigte immer und in jeder Lebenslage. So beschwichtigte er sich jetzt auch selber. Eine Zumutung blieb es aber deswegen doch.

Der kleine Apotheker hatte endlich einen Ausweg aus seiner unangenehmen Lage entdeckt. „Ja,“ sagte er sehr langsam, als müßten sich seine Gedanken erst allmählich aus dem tiefen Labyrinth der innersten Seelenforschung erholen. „Ja, ein Künstler, sagen’s, möcht’ der Felix werden?“

„Jawohl!“ bestätigte Max Storf. „Ein Maler. Und dazu braucht er Mittel, Herr Tiefenbrunner. Er muß die Akademie besuchen, muß ...“

„Wissen’s was, Herr Doktor ...“ versetzte der Apotheker, und sein Gesicht glättete sich deutlich vor Freude über den gefundenen Ausweg. Er legte den Zeigefinger seiner rechten Hand an die Nasenspitze und sah furchtbar klug aus. „Wissen’s was, i red’ mit meiner Frau darüber.“

Herr Tiefenbrunner war nie ein großer Redner gewesen und mußte sich stets jeden Satz gewaltsam von der Zunge ringen. Seine Sprache klang leise und etwas heiser, als ob er an ständigem Rachenkatarrh leiden würde.

„Der Felix ist ja meiner Frau ihr Neffe ...“ fuhr er langsam und bedächtig fort. „Da soll sie entscheiden, was das Gescheiteste in dem Fall ist. Wissen’s, die Frauen sind in solchen Fällen immer die Gescheitern!“ fügte er mit leisem Kichern hinzu. „So machen wir’s, Herr Doktor, gelten’s?“

Ehe es sich der junge Arzt versah, hatte ihm der Herr Apotheker Tiefenbrunner die Hand gedrückt und war um die Ecke gebogen, die zum Marktgraben führte. „Kommen’s gut nach Haus!“ rief er ihm noch rasch nach. „I bieg’ jetzt da heim ummi. Gute Nacht, Herr Doktor! Schlafen’s g’sund!“

Etwas verblüfft schaute Max Storf dem Apotheker nach. Dieser Ausgang der Unterredung war gar nicht nach seinem Geschmack. Wenn die Frau Apotheker zu entscheiden hatte, dann war die Sache allerdings verloren. Das wußte er bestimmt. Aber ein gerissener Schlaumeier war der Apotheker. Das mußte man ihm lassen. Der geborene Diplomat. Kein Wunder, daß es der verstand, sich so unentbehrlich zu machen ...

Frau Therese Tiefenbrunner fällte ihr Urteil, und das lautete, daß ein Maler niemals nicht das Ansehen habe von einem Beamten, und daß das nicht ginge, daß man von den Prüfungen davon laufe, und daß der Felix seine Staatsprüfung zu machen habe, und daß nachher noch immer Zeit genug sei, den Fall zu besprechen.

Doktor Max Storf mußte an sich halten, um dem Apotheker keine grobe Erwiderung zu geben, als ihm dieser den Bescheid seiner Frau überbrachte. Er wußte, daß er durch jedes unüberlegte Wort seinem Freund nur geschadet hätte.