Zwölftes Kapitel.

Wieder einmal stand Frau Sophie Rapp an der Spitze einer öffentlichen Veranstaltung. Schon seit Monaten wurden Vorbereitungen dazu getroffen, Damenkomitees gebildet und Sitzungen abgehalten. Es sollte eine große Feier werden, ein Wohltätigkeitsbazar, und die besten Kreise der Stadt waren daran beteiligt. Auch Frau Patscheider und Frau Professor Haidacher hatten führende Rollen. Die Apothekerin und noch einige Damen machten sich dadurch sehr verdient, daß sie buchstäblich von Haus zu Haus gingen und Geld und Gaben sammelten für den guten Zweck. Ganz Innsbruck stand bereits im Zeichen dieses gesellschaftlichen Ereignisses, das den Höhepunkt des Karnevals darstellen sollte.

Die Apothekerin konnte sich nicht genug tun, anläßlich ihrer Besuche droben bei den Altwirths immer und immer wieder von dieser Festlichkeit zu erzählen. Es interessierte da oben in dem einsamen Häuschen zwar niemanden. Weder Felix noch Adele.

In Felix weckten diese Erzählungen nur neue Verbitterung. Sie brachten es ihm noch mehr zum Bewußtsein, daß da, wo alle waren, für ihn, den Künstler, kein Platz mehr übrig blieb. So fremd und unbeachtet ging er nun schon seit zwei Jahren in seiner Vaterstadt herum. Und wenn man Feste feierte in der Stadt, so drangen nur ganz verschollene Töne zu dem Maler und seiner Frau herauf.

Es war nicht Böswilligkeit und kein absichtliches Versehen, daß man Felix und seine Frau ausschloß. Man dachte gar nicht an das junge Künstlerpaar. Man wußte, daß Felix Altwirth sich in Innsbruck niedergelassen hatte, daß er zurückgezogen lebte, Bilder malte, die er einmal ausstellte und die niemandem gefielen. Mehr wußte man nicht von ihm und wollte auch nicht mehr wissen.

Auch Frau Sophie Rapp interessierte sich jetzt nicht mehr für den Künstler Felix Altwirth. Nicht ein einziges Mal wäre es ihr in den Sinn gekommen, ihn zu einer ihrer Veranstaltungen einzuladen. Wenn er kommen wollte, dann sollte er den Weg zu ihr nur selber suchen.

Im Grunde genommen war doch auch gekränkte Eitelkeit dabei im Spiele. Die junge, gefeierte Frau hatte es erwartet, daß Felix zu ihr kommen würde, um ihr seinen Besuch zu machen. Er war nicht gekommen. Nur einige Male war sie ihm am Weg begegnet und hatte flüchtig mit ihm gesprochen. Das war alles. Sogar seine Frau hatte ihr Felix nicht vorgestellt. Sophie kannte Frau Altwirth kaum dem Sehen nach. Sie interessierte sich auch gar nicht für sie.

Aber in dem geheimsten Winkel ihres Herzens hatte Frau Sophie Rapp stets gehofft, daß wenigstens noch ein Rest jener großen Verehrung in Felix Altwirth zurückgeblieben sei, die er einmal für sie gehegt hatte. Von jener Verehrung, die sie so warm umschmeichelt hatte und die ihn eigentlich doch hätte zu ihr führen müssen. Da Felix nicht kam, begrub sie die schöne Erinnerung an ihn. Kümmerte sich nicht um ihn und beachtete ihn nicht, wie ihn die andern nicht beachteten.

Der Apotheker Tiefenbrunner und seine Frau fingen an, sich des Neffen zu schämen. Seit er mit der Ausstellung jenen Mißerfolg gehabt hatte, seitdem hatten sie den ganzen Glauben an sein Künstlertum verloren. Sie waren beide nicht imstande, sich über seine Leistungen ein eigenes Urteil zu bilden, und es gab niemand aus ihrem Bekanntenkreise, der ihnen eine Aufklärung hätte geben können.

Was Adele sagte, das glaubte die Apothekerin schon gar nicht. Die Adele! Mein Gott! Was die Person verstand! Die Apothekerin zuckte mitleidig die Achseln, wenn sie einmal in ganz vertrautem Kreis sich über ihre Nichte ehrlich aussprach. Denn nach und nach fing Frau Therese Tiefenbrunner an, sich zu äußern. Es „kochte“, wie sie sich ausdrückte, wirklich zu viel in ihr. Ein ganzer Vesuv von Gift und Galle türmte sich mit der Zeit in der guten Frau auf.

Alles ging ihr bei Felix und Adele auf die Nerven. Daß der Felix nichts verdiente, daß er nicht arbeitete, daß er sich nicht nach einem andern Beruf umsah, wenn doch bei der Malerei nichts herausschaute ... So und ähnlich redete sie fortwährend auch auf Adele ein.

Die Apothekerin war, seitdem sie die vollen Lasten des Hausstandes der Altwirths trug, zu einem rechten Hauskreuz für die junge Frau geworden. Innerlich verachtete sie ja Adele vom Grunde ihres ganzen Herzens. Sie verachtete sie, weil Adele noch immer nicht in ihren Wirtschaftssorgen aufging. Weil sie trotz allem stets die Zeit fand, ihre Musik zu pflegen, geistig frisch und rege blieb und für alle künstlerischen Interessen ein tiefes Verständnis besaß.

Das ärgerte die Apothekerin und erzeugte in ihr ein häßliches, neidisches Gefühl, das wohl seine Ursachen im Unterbewußtsein der eigenen geistigen Minderwertigkeit haben mochte. Und um sich selber in ein besseres Licht zu setzen, prunkte Frau Tiefenbrunner geradezu mit der einzigen Eigenschaft, die sie vor Adele voraus hatte. Sie protzte mit ihrem gründlichen Wissen in der Kunst des Haushaltens. Die junge Frau empfand das um so peinlicher und quälender, als sie ja in vollständiger Abhängigkeit von der Apothekerin lebte.

Eine wahre Knechtschaft übte Frau Therese gegen Adele aus. Sie verlangte Rechenschaft für jeden verbrauchten Kreuzer und tat sich keinen Zwang mehr an, Adele offen und in groben, wenig gewählten Worten ins Gesicht zu sagen, was sie von ihr und Felix hielt.

„Ihr könnt halt auch nicht wirtschaften!“ sagte sie dann. „Der Felix, der hat das ja eben nie gelernt. Hat nie sparen können, weil er’s nicht nötig gehabt hat ... natürlich!“ Dieses eine Wort „natürlich“ betonte die Apothekerin derart, daß es geradezu Bände der Anschuldigungen gegen Felix sprach. „Der Felix hat halt immer klecksen müssen und klecksen und mit Farben herumschmieren und viel Geld verbrauchen und ...“

„Aber Tante, so hör’ doch endlich damit auf, bitte!“ hatte Adele einmal ganz entschieden geantwortet. „Ich kenne ja jedes Wort schon auswendig!“ Und angeekelt von all dem Widerwärtigen hielt sie sich mit beiden Händen die Ohren zu.

Die junge Frau brauchte wahrhaft ihre ganze Selbstbeherrschung, um die täglichen Nörgeleien der Apothekerin zu ertragen. Frau Tiefenbrunner schaute sich jetzt überall im Hause gründlich um. Da war kein Winkelchen und kein Stäubchen, das ihrem Spürsinn entging. Mit dem Aufgebot unsagbarer Überwindung ertrug Adele diese Frau, ertrug die Reden und Vorwürfe solange, bis das Maß voll war. Und das geschah so ...

Frau Therese Tiefenbrunner kam strahlend hinauf zu Adele und eröffnete ihr, es sei ihr nun gelungen, eine Arbeit für Felix zu finden. „Weißt, Adele, für das Fest, von dem ich dir immer erzähl’!“ berichtete sie mit wichtigem Ernst. „Da ist jetzt nämlich alles schon so weit fertig gestellt. Der Saal ist schon gemietet; eigentlich sind es ja, wie du weißt, mehrere Säle; und jetzt brauchen wir halt noch einen Maler zum Ausmalen.“

„Tante, du wirst doch nicht ...“ Adele war kreideweiß im Gesicht geworden. Sie zitterte und bebte am ganzen Leib. „Du wirst doch nicht ...“

Frau Therese Tiefenbrunner hatte sich in ihrer ganzen Breite vor Adele aufgepflanzt und sah verständnislos auf die erregte junge Frau. Etwas wie eine teuflische Freude über den Schrecken, den sie ihr offenbar verursacht hatte, kam über die Apothekerin. Sie weidete sich geradezu daran und sah mit ruhigem, aber boshaftem und schadenfrohem Blick zu Adele empor. Weil sie diese unausstehliche, hochnasige Person nur endlich einmal demütigen konnte! Sie verstand es zwar nicht, warum ihr Angebot eine Demütigung sein sollte, aber sie fühlte, daß es Adele als eine solche empfand, und das steigerte ihr inneres Behagen.

„Ich hab’ die Damen vom Komitee gebeten,“ fuhr Frau Therese mit langsamer, breiter Stimme zu reden fort, „daß sie dem Felix die Malerarbeit übertragen ... und dieser meiniger Antrag ist auch angenommen worden!“ fügte sie mit stolzer Genugtuung hinzu.

„Aber Tante, du wirst doch nicht glauben, daß Felix ...“ Adele war so erregt, daß sie mit ihren Zähnen auf die Lippen biß, um ja kein unüberlegtes Wort zu sagen. Ihre Hände krampften sich fest in die Falten ihres Kleides.

„Daß es der Felix auch tun wird, das glaub’ ich allerdings!“ versetzte die Apothekerin mit Nachdruck und sah kampfbereit zu der jungen Frau empor. Ihre dunklen Augen wurden dabei immer größer und rundeten sich wie die Augen einer fetten Henne, die einer andern ein Stückchen Futter streitig machen will. „Denn, wenn man einmal eine Gelegenheit findet,“ fuhr Frau Therese jetzt energischer werdend fort, „sich ein Geld zu verdienen, dann tut man halt eben arbeiten und nicht immer den noblen Herrn spielen und spazieren gehen und ...“

„Aber Felix ist ein Künstler!“ stieß die junge Frau fast keuchend hervor. „Begreifst du denn gar nicht, Tante, er ist doch kein Anstreicher!“

„Künstler hin, Künstler her! Hör’ du mir mit der ganzen Künstlerschaft auf! Ein Anstreicher ist besser dran und überhaupt ...“

Adele Altwirth trat jetzt mit ruhiger Entschlossenheit ganz nahe vor die Apothekerin hin und sah mit stolzem Ernst zu der kleinen, gedrungenen Gestalt herab. Es lag etwas hoheitsvoll Gebieterisches in der Haltung der jungen Frau.

„Tante,“ sprach Adele mit einer unheimlichen Ruhe, „ich erkläre dir hiermit, daß ich dem Felix kein Wort von dieser unerhörten Zumutung sagen werde.“

„So? Das tust du also nicht? Und warum nicht, wenn ich fragen darf?“

„Weil Felix ein Künstler ist! Weil ihn so ein Antrag entehrt, demütigt, beschmutzt! Aber das verstehst du ja alles nicht!“ unterbrach sich Adele selbst unwillig.

„Weißt aber, was ich versteh’?“ sagte da die Apothekerin und stemmte ihre beiden Arme fest und herausfordernd in die Hüften. „Daß du a überspanntes Frauenzimmer bist, a narrisches! Jetzt weißt du’s, was du bist! Du Nocken, du eingebildete!“ fing die Apothekerin nun in ihrem schönsten Kothlacknerdeutsch zu schimpfen an.

Die lange aufgespeicherte Galle brach sich jetzt mit elementarer Kraft Bahn. Es war Frau Therese Tiefenbrunner ein dringendes Herzensbedürfnis, sich einmal Luft zu machen und ihren ganzen Ärger und ihre Enttäuschung herauszuschreien. In einem rasend schnellen Tempo, das seltsam abstach zu ihrer sonstigen langsamen, breiten Redeweise, schrie sie nun auf die junge Frau ein ... „A unverschämte Bande seid’s, alle miteinander! Bettelvolk! Tagdiab’! Die nix haben und ander’ Leut auf der Schüssel sitzen! Schamen muaß man si’ mit enk. Nix können tuat er! Gar nix kann er! Daß du’s woaßt!“ Mit hämischer Freude betonte die Apothekerin dieses noch besonders nachdrücklich: „Der Patscheider hat’s aa g’sagt, daß er nix kann! Alle sagen sie’s in Innsbruck! Und wahr ist’s!“

Adele stand jetzt ganz ruhig vor der Frau, die ihr in diesem Augenblick so klein, so erbärmlich und so gemein vorkam. Fast mitleidig sah sie auf Frau Therese Tiefenbrunner herab. Eine tödliche Blässe bedeckte noch immer die strengen, regelmäßigen Züge der jungen Frau. Aber die große Aufregung, in der sie sich befunden hatte, war mit einem Male vergangen und hatte einer ruhigen Überlegung Platz gemacht.

Je mehr sich die Apothekerin in Zorn schrie, je mehr sie es unternahm, Felix und Adele zu erniedrigen, desto freier, ruhiger und sicherer überlegte Adele. Und ohne die Spur einer inneren Erregung frug sie ganz ruhig: „Du glaubst also nicht an Felix, Tante?“

Frau Therese Tiefenbrunner schüttelte den Kopf, so fest sie konnte. „Naa!“ sagte sie dann. Das klang so ehrlich, so energisch, so überzeugt, daß ein Irrtum unmöglich war.

„Dann war es ein großes Unrecht von uns, daß wir Geld von dir nahmen, Tante!“ fuhr Adele mit ihrer schönen, weichen Stimme zu reden fort. „Wir glaubten, du schätztest den Künstler, du wolltest ihm helfen, über die Zeit der Not hinweg. Darum durften wir dein Geld nehmen, aber ein Almosen nehmen wir nicht!“

Ruhig und gelassen schritt Frau Adele zur Tür ihres kleinen Wohnzimmers und öffnete dieselbe. „Denk von uns, was du willst! Schlechter, als du schon gedacht hast, kannst du nicht mehr denken. Aber so erbärmlich sind wir nicht, daß wir auch nur mehr ein Stück Brot von dir nehmen würden. So, jetzt geh ... geh und komme nie wieder! Nie ... hörst du, Tante!“

Mit ruhiger, fast königlicher Haltung stand Adele vor der Apothekerin, die ganz kleinlaut und ohne ein Wort der Erwiderung zu finden an ihr vorüber durch die Tür ging. Schnell und hastig ging sie, und einen scheuen, flüchtigen Blick, der beinahe etwas Demütiges an sich hatte, warf sie noch auf die junge Frau.

Frau Therese Tiefenbrunner begriff den eigentlichen Grund nicht, warum Adele ihr die Tür gewiesen hatte. Sie empfand es jedoch instinktiv, daß dies jetzt ein Bruch fürs Leben war. Und da es so ruhig und vornehm geschah, hatte sie das unangenehme Gefühl eines gezüchtigten Hundes. Das empörte sie und stachelte sie auf zu namenloser Wut und tiefem Ingrimm. Das machte sie Adele und Felix hassen, wie sie noch nichts gehaßt hatte im Leben.

Je länger und je mehr sie darüber nachdachte, um so empörter wurde sie. Mochten sie verkommen, das Pack! Ihr, der Wohltäterin, hatten sie in krassem Undank die Tür gewiesen!

Überall schrie es Frau Therese Tiefenbrunner in Innsbruck herum. Stellte fest, daß Felix und Adele eine hochmütige Bagasch seien, und daß sie sich von ihnen habe lossagen müssen, da man mit „solchenen“ doch unmöglich weiter verkehren könne ...

Auch dem Rat Leonhard kam die Sache zu Ohren. Der hörte alles ruhig an, mit der unbeweglichen Miene eines Untersuchungsrichters, und erwiderte kein Wort. Er wollte sich kein Urteil bilden, der alte Herr. Wie er es hörte, sprach es gegen die Altwirths. Es würde aber doch wohl anders sein, dachte er bei sich. Der Rat Leonhard nahm sich vor, von nun an ganz besonders scharf aufzupassen auf das Paar da droben bei der Weiherburg. Jetzt war er ja der einzige Freund, den die Altwirths besaßen ...

Felix und Adele atmeten auf, wie von einem schweren Alp befreit. Gott sei gelobt! Nur nicht mehr diese Frau um sich dulden zu müssen! Danken müssen, wo man am liebsten ingrimmig geflucht hätte!... Felix fühlte sich erlöst. Trotz der drohenden Not befreit von schwerer Last. Einige Tage hindurch lebten die beiden in einem wahren Freudentaumel und dachten gar nicht daran, daß sie noch immer von den Gaben der Frau Therese Tiefenbrunner zehrten ...

Es war mitten im Januar, und es herrschte die größte Kälte des ganzen Winters. Hartgefrorner Schnee lag überall, glitzerte im Sonnenschein und wollte sich nicht erweichen lassen durch die verheißungsvollen Strahlen. Dichte Schneehauben hatten die Dächer der Häuser und Häuschen aufgesetzt, welche an dem zur Weiherburg führenden Abhang verstreut lagerten. Der Weg zur Weiherburg war stark vereist. Nur schrittweise konnte man da vorwärts kommen und mußte achtgeben, daß man nicht ausglitt auf dem eisigen Boden.

Der alte Rat Leonhard wanderte aber trotzdem den gewohnten Weg. Langsam und vorsichtig, Schritt für Schritt berechnend, als ob er auf Eiern ginge. Heute hielt er jedoch Einkehr in dem kleinen Häuschen, um bei den Altwirths einmal Besuch zu machen.

Das hatte er noch nie getan. Er war auch gerade kein unterhaltender Besuch. Sprach wenig und wetzte unausgesetzt auf seinem Sessel hin und her. Felix und Adele wunderten sich, was der alte Herr eigentlich bei ihnen wollte. Adele gab sich alle Mühe, die Unterhaltung, so gut es ging, in Fluß zu bringen. Aber es wollte ihr nicht recht glücken.

Endlich gab sich der alte Herr einen Ruck. „Sie werden Ihnen gewiß wundern, warum ich da bin, Herr Altwirth!“ sagte er und machte alle Anstrengung, deren er fähig war, um eine freundliche Miene aufzusetzen. „Die Sach’ ist die. Ich weiß, daß der Patscheider eine Stiftung für Tiroler Künstler errichtet, so eine Art Stipendium. Ich versteh’ die Sach’ nit, aber ich hab’ mir gedacht, vielleicht interessieren Sie Ihnen dafür.“ Der alte Herr sah mit einem kurzen, scharfen Blick zuerst auf Felix und dann von diesem weg zu Adele, die neben ihm saß.

Felix machte eine zustimmende Verbeugung. „Ich danke sehr, Herr Rat!“ sagte er dann. „Natürlich ...“

„Der Patscheider hat’s Geld und macht sich gerne wichtig. Sie verstehen schon!“ sprach der alte Herr, sich ziemlich jäh erhebend. „Es wird gut sein, wenn Sie Ihnen gleich bekümmern drum. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Ist a alte G’schicht’!“

Und dann begab sich der Rat Leonhard mit langsamen, schleichenden Schritten gegen den Ausgang und verbeugte sich einige Male sehr linkisch und hölzern vor Adele. Die junge Frau hielt ihm herzlich die Hand entgegen. Sie erriet es, daß ihnen an dem alten Herrn ein echter Freund erstanden war. „Wir danken Ihnen aufrichtig, Herr Rat!“ sagte sie warm. „Sie sind gut zu uns.“

Einen Augenblick sah der alte Herr scharf zu der blonden Frau empor. Es war ein fast stechender Blick, der sie aus seinen kleinen, dunklen Augen traf. Eigentlich war es heute das erstemal, daß der Herr Rat mit ihr sprach. Sonst hatte er es stets bei einem flüchtigen Gruß bewenden lassen.

Der Rat Leonhard gab auf den Dank der jungen Frau keine Antwort, sondern wandte ihr plötzlich den Rücken zu. Das geschah so jäh und unvermittelt, als habe ihn Adele durch ihren Dank beleidigt. Die junge Frau konnte sich unmöglich darüber klar werden, ob die kurze, blitzartige Musterung, der sie der alte Herr unterworfen hatte, zu seiner Zufriedenheit ausgefallen war oder nicht.

„Was ich noch sagen wollte, Herr Altwirth ...“ sprach der Rat Leonhard. „Sie werden jetzt keine Zeit haben, ha?“

„Ich? O gewiß, Herr Rat. Leider nur zu viel Zeit!“ entgegnete Felix mit ironischem Lächeln.

„So! Hm! Nacher ist’s schon recht!“ meinte der alte Herr und nickte zustimmend mit dem Kopf. Dann sah er den Maler mit einem recht süßsauern Gesicht an und schluckte wiederholt krampfhaft, als ob ihm etwas im Halse stecken geblieben wäre. „Dann können’s ja gleich anfangen mit einem Porträt von mir ...“ kam es etwas gepreßt heraus. „Wissen’s, mei’ Schwester, die drängt alleweil, ich soll mich malen lassen. Ich tu’s nit gern,“ bekannte er ehrlich, „aber einmal muß es doch sein. Sagen’s mir halt, wann ich kommen soll zur Sitzung.“

Es war dem Rat Leonhard wirklich sauer geworden, Felix Altwirth diesen Auftrag zu geben. Mit Schaudern hatte er schon auf dem ganzen Weg her überlegt, ob sich nicht doch noch ein anderes Mittel finden ließe, den Altwirths zu helfen. Aber es war ihm nichts eingefallen. So entschloß er sich zu diesem äußersten, für ihn ganz besonders entsetzlichen Ausweg. Er malte es sich schon in den schwärzesten Farben aus, wie endlos und öde diese täglichen Sitzungen sein würden, und wie schmerzhaft für ihn diese fortgesetzt aufrechte Haltung wäre.

„Naa, lieber an Zahn reißen lassen!“ hatte er auf dem ganzen Weg ein- über das anderemal vor sich hingemurmelt. „Lieber zwei Zähn’ reißen lassen!“ Dann entschloß er sich aber doch dazu, allen Qualvorstellungen zum Trotz.

Es würde schrecklich werden. Er wußte es. Und noch dazu würde er stets freundlich dreinschauen müssen und nicht einmal seine geliebte Pfeife rauchen dürfen. Der Altwirth würde das in seinem Leben wohl nie begreifen können, zu welcher Tortur so eine Malerei unter Umständen werden konnte ...

Nun hatte ja Felix Altwirth wenigstens einen Auftrag und eine Arbeit, die ihm über die nächste Zeit hinweghelfen konnte. Wenn der Auftrag auch ein bescheidener war, so hob er doch das Selbstbewußtsein bei Felix und ließ ihn die Zukunft in rosigerem Lichte sehen.

Der wortkarge alte Herr versäumte jetzt keine Gelegenheit, bei den Sitzungen stets darauf hinzuweisen, daß Felix sich mit dem Patscheider gut stehen müsse, wenn er etwas erreichen wollte. So hart es ihn ankam, entschloß sich Felix endlich doch, dem Kaufmann seine Aufwartung zu machen.

Es war ein hohes, düsteres und kahles Haus, in dem der Patscheider wohnte. Mitten in der Stadt und nur wenige Minuten von der Hauptverkehrsader entfernt.

Geräumig, kühl und nüchtern waren die Zimmer, aber mit so viel breiter Behaglichkeit ausgestattet, so gediegen und wertvoll eingerichtet, daß sie einen beinahe vornehmen Eindruck erweckten. Nur daß ein gewisses Übermaß diesem Eindruck widersprach. Es war zu viel Reichtum mit unverkennbarer Absicht zur Schau gestellt.

Da waren schwere, geschnitzte Eichenmöbel. Und ein prunkvoller, echter Perserteppich bedeckte fast die ganze Bodenfläche des großen, viereckigen Wohnzimmers. Altes Zinn verzierte in Fülle die Gesimse der drei hohen Flügeltüren, die von diesem Zimmer nach den übrigen Räumen führten. Blinkendes Silbergerät stand auf der Kredenz, und hohe, silberne Armleuchter flankierten beide Seiten eines prachtvollen Flügels, der in der Mitte des Zimmers Platz gefunden hatte.

An den Wänden hingen große Gemälde in schweren, wuchtigen und aufdringlichen Goldrahmen. Die Bilder verrieten, daß der Besitzer wohl Geld, aber keinen erlesenen Geschmack besaß. Dieser große, zur Schau gestellte Aufwand störte den feinen Kunstsinn des Malers Felix Altwirth und machte auf ihn einen fast widerlichen Eindruck.

Johannes Patscheider ließ geraume Zeit auf sich warten, ehe er seinen Besuch empfing. Dann erst trat er in das Zimmer, wo Felix in beklommener Stimmung auf den Gewaltigen harrte.

Nicht ohne Bitterkeit zählte Felix Altwirth die Minuten des Wartens, die so langsam verstrichen. Ärgerte sich über diese offenbare Mißachtung dem Künstler gegenüber und begann schon zu bereuen, daß er dem ihm so unsympathischen Menschen seine Aufwartung gemacht hatte.

Das Herz schlug Felix erregt und unregelmäßig, und ein nervöses Zucken ging über sein noch immer sehr zartgefärbtes Gesicht. Dieses Herwarten wurde ihm von Minute zu Minute peinlicher und verschärfte die Demütigung, die für ihn in diesem Besuche lag.

Johannes Patscheider hielt sich unterdessen in einem Nebenzimmer auf und verzehrte in aller Ruhe und Behaglichkeit sein zweites Frühstück, Würsteln mit Krenn. Dazu trank er einen extrafeinen Südtiroler Wein. Den Besuch des Malers Altwirth empfand er als eine Belästigung, da er mit Sicherheit annahm, daß der nur zu ihm gekommen war, weil er etwas von ihm wollte. Vielleicht gar Geld. Na, sollte halt warten, der Altwirth, bis sich der Herr Patscheider gestärkt hatte. Da konnte er die Sache eher mit Gleichmut ertragen.

Von diesem sehr löblichen Gedankengang ließ er aber seinen Besucher nichts merken, nachdem er sich endlich entschlossen hatte, in das Wohnzimmer zu treten. Er begrüßte den Maler freundlich, hielt ihm die Hand entgegen und frug, indem er seine bogenförmigen Augenbrauen noch mehr in die Höhe zog: „Nun, Herr Altwirth, was verschafft mir die Ehre?“

Die beiden Herren saßen sich in den behaglichen und reichgeschmückten Lehnstühlen gegenüber. Der Kaufmann aufrecht und selbstbewußt. Felix unsicher und schüchtern. Sein feines, fast mädchenhaftes Gesicht bedeckte eine tiefe Röte innerer Erregung. Felix Altwirth war ein hübscher Mann, nur etwas schwerfällig und langsam in seinen Bewegungen.

„Es ist eine persönliche Angelegenheit, Herr Patscheider ...“ begann Felix jetzt die Unterredung. „Man hat mich an Sie gewiesen ... es handelt sich ... Sie wissen, ich bin Künstler ... und ... Es fällt mir schwer, Herr Patscheider ... es ist ... nämlich ... ich habe gehört, daß Sie eine hochherzige Stiftung für Tiroler Künstler ...“

„Ja, woher wissen denn Sie das?“ erkundigte sich der Patscheider jetzt wirklich erstaunt. Die ganze Zeit her hatte er den Maler mit einem leicht ironischen Seitenblick beobachtet. Rechnete er doch sicher damit, daß die Geschichte mit einem Pumpversuch enden würde. Den Kaufmann interessierte nur das eine, wieviel Geld der Altwirth von ihm verlangen würde. Jetzt aber, da Felix von dem Stipendium sprach, war der Patscheider tatsächlich verblüfft. „Es ist ja noch gar nicht zur Ausschreibung kommen!“ fuhr er fort. „Nur ein Eingeweihter kann Ihnen die Sache verraten haben!“ fügte er etwas ärgerlich hinzu.

„Ja!“ erwiderte Felix nun ebenfalls mit einem leicht ironischen Lächeln. „Es war ein Eingeweihter. Ein Freund von mir.“

„So, so, ein Freund von Ihnen? Etwa der Doktor Storf?“ forschte der Patscheider mißtrauisch.

„Nein, Doktor Storf und ich sehen einander nur noch selten. Wir sind nur mehr dem Namen nach Freunde!“ sagte Felix bitter.

„Wer kann denn das gewesen sein?“ frug der Patscheider nachdenklich. Es war ihm sichtlich unangenehm, daß Felix von der Sache wußte. Für das Stipendium hatte sich schon längst ein Bewerber gefunden. Einer, dem der Patscheider seine Gunst geschenkt hatte.

„Wie ich sehe, darf ich meinen Freund nicht verraten!“ meinte Felix. „Ich soll offenbar nichts von dem Stipendium wissen.“

„O ja, das können’s schon wissen!“ platzte da der Kaufmann grob heraus. Er spreizte seine Beine auseinander und trommelte mit den großen, behaarten Händen ungeduldig auf den Knien herum. „Und ich sag’s Ihnen gleich, aufs Stipendium, das meine eigene und ganz persönliche Angelegenheit ist, brauchen’s nit zu rechnen. Das ist schon so gut wie vergeben.“

„Vergeben?“ frug Felix ungläubig. „Noch ehe es zur Ausschreibung kam?“

„Wenn ich sag’, es ist vergeben, dann ist’s vergeben!“ erwiderte der Patscheider kurz und im energischen Ton. „Ich habe allein darüber zu bestimmen. Aus meinem Beutel geht’s!“

Felix biß sich auf die Unterlippe, um gewaltsam eine sarkastische Bemerkung zu unterdrücken. Der Kaufmann zog jetzt seine schwere goldene Uhr aus der Tasche, warf einen flüchtigen Blick darauf und fragte in kurzem, gebieterischem Ton: „Noch etwas?“

Auch Felix hatte sich erhoben. Die beiden Männer standen sich in einem weiteren Abstand gegenüber. Der Patscheider war um ein gutes Stück größer als Felix Altwirth und nahm sich im Vergleich zu der schlanken Erscheinung des Künstlers nur noch wuchtiger und massiver aus.

„Ja, Herr Patscheider, noch eine Bitte!“

Jetzt sah ihm der Kaufmann voll ins Gesicht. Es lag ein Gemisch von Mißtrauen, Verachtung und persönlicher Abneigung in diesem Blick. Felix fühlte es deutlich und hätte am liebsten gar nichts mehr gesagt. Und trotzdem bezwang er sich. Der alte Rat, den er in dieser Zeit schätzen gelernt hatte, sagte ihm einmal in seiner kurzen Art: „Und wenn auch der Patscheider a bissel grob sein sollt’, macht nix. Es hat ein jeder von uns einmal im Leben einen bittern Weg gemacht. Schlucken’s die Pill’n! Es muß sein!“

An diese Worte mußte Felix nun denken, und er wußte, daß der Rat Leonhard recht hatte und daß es ihm nicht zukam, jetzt empfindlich zu sein. „Ich wollte Sie ersuchen,“ fuhr er fort, „ob Sie mir nicht Verbindungen verschaffen könnten ... Porträtaufträge? Ich bin verheiratet, habe Frau und Kind. Ein Künstler hat, wie es scheint, hier selten Gelegenheit, Bilder zu verkaufen ...“

„Das finde ich nicht!“ unterbrach ihn Johannes Patscheider und spielte ungeduldig mit seiner goldenen Uhrkette. „Im Gegenteil. Mehr wie genug wird gekauft hier!“

„Dann habe ich eben wenig Glück ...“ sagte Felix leise.

„Das kann schon sein. Das geb’ ich gern zu. Und ich weiß auch nit, ob Sie mit dem Porträtieren mehr Glück haben werden.“

„Deshalb bin ich ja zu Ihnen gekommen, Herr Patscheider. Ein Wort von Ihnen ...“

„Ein Wort von mir nützt Ihnen einen Schmarrn!“ polterte jetzt der Patscheider los. „Wären Sie geblieben, wo’s g’wesen sein! Das wär’ g’scheiter g’wesen. Wir haben keinen Mangel an Malern in Tirol. Und die z’erst da waren, die haben ’s erste Recht. Und wenn ich Ihnen einen guten Rat geben soll, dann ist’s der, daß Sie wieder schauen sollen, so schnell als möglich fortzukommen von da! Ihnere Malerei g’fallt uns einmal nit! Da kann man nix machen!“

Felix zitterte am ganzen Körper bei den rohen Worten dieses Mannes, der in seiner breiten Wucht da vor ihm stand. Felix Altwirth hielt seinen Hut in der rechten Hand und trat jetzt einige Schritte näher an den Kaufmann heran. „Ist das alles, was Sie einem Künstler zu sagen haben, Herr?“ frug er mit bebender Stimme.

„Ja!“

„Auch dann, wenn dieser in bitterster Not wäre?“

„Ach was, lassen’s mir jetzt mei’ Ruh’!“ sagte der Patscheider ungeduldig und mit einer verächtlichen Handbewegung.

Aber Felix gab nicht nach. Er war so gereizt, daß er sich kaum mehr halten konnte. „Da könnte ich also von Ihnen aus verrecken wie ein Vieh!“ stieß er hervor.

„Ja, von mir aus verrecken’s!“ sagte der Patscheider gleichgültig.

Da trat Felix Altwirth ganz dicht an den Kaufmann heran und warf ihm in namenloser Empörung und mit voller Wucht den Hut, den er in der rechten Hand trug, mitten ins Gesicht.

„Hund!“ stieß Felix keuchend vor Zorn hervor. „Das will ich dir heimzahlen!“ ... Und dann rannte er wie von Sinnen in atemloser Hast über die Treppe hinunter und warf krachend die schwere Haustür ins Schloß ...

Eine furchtbare Verbitterung war über Felix Altwirth und seine Frau gekommen. Noch mehr über Felix. Ein Haß, ein bodenloser Haß gegen alles, was um ihn war, bemächtigte sich seiner.

Er haßte alles, sogar den alten Rat Leonhard, der es doch so gut mit ihm meinte. Er weigerte sich, auch nur einen einzigen Pinselstrich mehr an dem Porträt zu machen. Er konnte jetzt nicht daran arbeiten. Um keinen Preis. In seiner krankhaften Erregung verdächtigte er den alten Herrn, daß ihn dieser mit Absicht zu dem Kaufmann Johannes Patscheider geschickt habe, um ihn zu demütigen.

Es war eine Art Verfolgungswahn, in dem Felix Altwirth lebte. Er glaubte es fest und steif, daß sich in Innsbruck alles gegen ihn verschworen habe, und daß man es darauf abgesehen habe, ihn systematisch zu demütigen und zugrunde zu richten. Überall um sich her witterte er Verrat und vergiftete durch seinen Argwohn auch die reine, vertrauungsvolle Seele Adelens, so daß diese nur noch mit dem Aufgebot ihrer ganzen inneren Kraft all den schweren Prüfungen standhalten konnte.

Durch gutes Zureden versuchte sie es, den Gatten von der Haltlosigkeit seiner Befürchtungen zu überzeugen. Aber Felix verstand es meisterhaft, den Wahn, in dem er lebte, mit so vielen triftigen Gründen zu rechtfertigen, daß selbst Adele stutzig wurde und innerlich zu zweifeln begann.

Felix Altwirth lebte jetzt nur mehr diesem Wahn, der ihn bis zur Raserei aufpeitschte und ein grenzenloses Gefühl des Hasses und der Rache in ihm erzeugte. Und aus diesem Gefühl heraus, aus dem Gefühl des Verkanntseins, des Elends, der Demütigung und der unbefriedigten Rachgier ging er zu der Wirtin vom Weißen Hahn und bewarb sich bei dieser um die Dekorationsarbeit des neuen Saales, der gerade fertig ausgebaut war und schon in der nächsten Zeit mit einer großen Festlichkeit eröffnet werden sollte.

Er tat es hinter dem Rücken seiner Frau und in dem bestimmten Empfinden, daß er durch diese Selbsterniedrigung des Künstlers seiner Heimat eine große Schmach zufügte.

So kam es, daß Felix Altwirth, der Künstler, im Arbeitsrock eines Anstreichers auf den Stufen einer Leiter stand und den neuen Saal beim Weißen Hahn ausmalte. Und hier, bei dieser entwürdigenden Arbeit sah ihn Frau Sophie Rapp nach langer Zeit zum erstenmal wieder.