1.

Das niedrige Bergland, das Westböhmen von Bayern scheidet, ist eine liebe, warme Erikagegend, die im Sommer schamhaft errötet, wenn sie sich hüllenlos in ihrer unberührten jungfräulichen Schönheit dem glücklichen Entdecker nach langem Sträuben endlich preisgeben muß.

Und er entdeckte und liebte diese frische, keusche Art, der hager aufgeschossene Junge, der jeden Nachmittag, wenn die Mittelschüler, vom Unterricht erlöst, den sechstausend Insassen von Neuberg die Ohren voll lärmten, durch die winkeligen Kleinstadtgassen in den lachenden Sommer hinauslief, immer denselben Weg, den Hügel hinauf und am Kamm fort auf schmalen Feldrainen, wo der wilde Quendel blühte und die blauen Glockenblumen, bis er endlich mitten darin war in der roten Erika. Stundenlang konnte er dann dort oben liegen, versunken in dem leuchtenden, bienendurchsummten Teppich, und in die helle, silbern flimmernde Luft blicken. Soweit er schaute, war nichts als der klare endlose Luftraum, und nur ganz nahe, dicht vor ihm, standen die verästelten Blütenbüschel rosenrot vor dem blauen Hintergrund.

Die sonnenweite Unendlichkeit des Sommers war um ihn, und er fühlte sich wie losgelöst von allem, was mit ihm und neben ihm lebte. Und in seiner Seele erwachten die uralten Fragen nach dem Woher und Warum, sein achtzehnjähriges Jünglingsgemüt fragte nach dem Zweck dessen, was nie einen Zweck hatte, suchte Regel und Plan in dem, was planlos und regellos entstanden war, wollte einheitliche schöpferische Ordnung in dem Wirrwarr finden, der sich unbewußt gebildet hatte, wie er sich bilden mußte nach den starren, toten Gesetzen von Urbeginn. Und gegen den Kindersinn, der blindlings glaubt und mit ganzer Seele etwas glaubend fassen will, drang der reifende Verstand des Jünglings an, der Tatsachen und Beweise für den Glauben forderte. Es ist das ein schwerer Kampf, der meist in stillen Nächten und verschwiegener Einsamkeit durchgefochten, langsam heilende Wunden und dauernde Narben zurückläßt. Glücklich, wer in diesen Tagen einen verständnisvollen Vater zur Seite hat, der ihn unmerklich und dennoch sicher aus dem Wirrsal leitet.

Fritz Hellwig hatte solches Glück nicht. Sein Vater, ein Volksschullehrer, war schon vor vielen Jahren gestorben, und unter der ziellosen Leitung einer überzärtlichen Mutter, die den einzigen Sohn beständig mit dem lauen Badewasser einer weichlichen Liebe umplätscherte, wuchs er zum verschlossenen Träumer heran. Während seine Altersgenossen Trapper und Indianer spielten, den Tomahawk schwangen und an ihren Lagerfeuern gestohlene Erdäpfel brieten, lag er im Heidekraut oder saß er in einer dämmrigen Zimmerecke und füllte die Stube mit Traumgestalten, mit Feen, Zwergen und blonden Königstöchtern. Deswegen litt er auch mehr als sonst einer darunter, als von der flimmernden Märchenpracht Stück für Stück der trügerische Flitter abfiel und der nüchternen, trostlos grauen Wirklichkeit Platz machen mußte. Und als er mit den zunehmenden Jahren nicht mehr im unklaren über seine Entstehung bleiben konnte und als er aus den unreif-rohen Zoten der Mitschüler den Sachverhalt zu ahnen begann, kam ihm das wie eine Entweihung seiner Mutter vor. Er schloß sich noch ängstlicher ab und haderte mit der Welt und grollte seiner Mutter, weil sie ihm Lügen vorgesagt, deren Verlust jetzt so weh tat. Aber mit niemandem sprach er darüber, hatte keinen Vertrauten und war zu stolz und zu scheu, um einen Menschen in seine Seele blicken zu lassen. Deswegen hielten ihn viele für eigensinnig oder hochmütig. Die weinerliche Lehrerswitwe aber, für die es seit dem frühen Tode ihres Mannes im Leben keine ungetrübte Freude mehr gab, konnte nur zanken oder seufzend den Kopf in die ausgearbeitete Küchenhand stützen, und ließ im übrigen ihren dickschädeligen Jungen unbedingt gewähren.

Auch damals, als er ihr kurz eröffnete, daß er an den Sonntagen nicht mehr in den Gottesdienst gehen werde. Erst schlug sie zwar die Hände zusammen und wollte den Grund wissen und was Pater Romanus dazu sagen werde. Denn sie war sehr fromm und fand den sanftesten Trost in der frohen Aussicht auf eine Wiedervereinigung mit ihrem seligen Gatten, indes die leiblichen Reste des unaufhörlich Betrauerten schon längst in alle Winde verweht waren mit den kühlen weißen Blumenblättern des Rosenstämmleins, das aus seinem Grabe Nahrung sog zu einem gedeihlichen Wachstum und fröhlichen Blütentreiben. Daran dachte die einfache Frau jedoch nicht. Sie glaubte nur den Worten der Sachwalter Gottes auf Erden und hegte eine grenzenlose Verehrung eben für jenen Jesuitenpriester Romanus, dem die jungen Seelen der Neuberger Lateinschüler in Obsorge gegeben waren. Der war von knochiger Länge und bleicher, fast krankhafter Gesichtsfarbe, aber seine wandlungsfähige Stimme hatte einen tiefen Orgelklang, wie man ihn von solcher Stärke in dem kaum gewölbten Brustkasten niemals vermutet hätte, und da er überdies stets den richtigen Ton zu treffen wußte, ebenso sanft und süß wie grimmig, hart und leidenschaftlich sein konnte, war es kein Wunder, daß er als Kanzelredner starken Zulauf hatte. Auch war er zu christlichem Beistand jederzeit gern erbötig, selbst wenn er nicht darum angegangen wurde, war dann je nach Bedarf milde, salbungsvoll, gütig, entrüstet oder ein zorniger Eiferer und hielt für schmerzhafte Verletzungen und verwickelte Zustände der Seele erbauliche Worte und heilsame Bibelsprüche bereit wie ein Apotheker seine Salben und Pflaster, nur daß er seinen Kunden kein Geld, sondern lediglich die Beichte abverlangte. Doch nahm er diese ins Ohr geflüsterten Verfehlungen als vollgültiges Zahlungsmittel, und wenn es ihm gelungen war, einen besonders feisten Sündenbraten aufzugabeln, dann saß er mit niedergeschlagenen Augen und geneigtem Ohr ohne Regung im Beichtstuhl. Nur seine Hände bewegten sich, als zählte er Sünde zu Sünde wie ein Hausherr am Zinstag seine Taler.

Wie so manche Mutter oder Kostfrau der hoffnungsvollen Gymnasiasten von Neuberg war auch Frau Hellwig eine eifrige Besucherin dieser Offizin, weshalb sie ihren großen Jungen, der mir nichts, dir nichts auf die Segnungen der Messe verzichten wollte, auch sofort an den Religionsprofessor erinnerte. Fritz hatte jedoch auf diese Erinnerung und auf alle ihre Fragen und Vorstellungen diesmal nur die trotzige Antwort, er gehe nicht. Denn er scheute sich, die gottesfürchtige Frau in ihren teuersten Empfindungen zu verletzen mit dem Bekenntnis, daß er den Glauben verloren habe. Für eine Mutter ihres Schlages konnte es ja kein größeres Unglück geben als ein gott- und glaubenloses Kind. Sie ahnte freilich den eigentlichen Beweggrund. Aber viel zu wehleidig, sich ihn einzugestehen, fand sie sich mit dem spiegelfechterischen Gedanken ab, daß ihr Trotzkopf von Sohn nur irgendwie gegen den Religionslehrer aufmucken wollte. So trieb sie’s wie der Vogel Strauß und war leidlich beruhigt dabei.

Aus dem eigenmächtigen Fernbleiben von den religiösen Übungen erwuchsen Hellwig übrigens fürs erste keinerlei Verdrießlichkeiten. Denn Pater Romanus übte in den oberen Klassen keine Überwachung durch Namenaufruf, sondern fragte lediglich ein paarmal im Jahre seine Schüler, ob sie auch stets der Sonntagsmesse beiwohnten. Wer gefehlt habe, solle sich melden. Durch dieses Vorgehen wollte er dartun, daß keine Spur von Mißtrauen gegen die Wahrheitsliebe seiner Zöglinge in ihm sei. Doch hatte er eine eigene Überwachung auch gar nicht nötig, da seine zahlreichen Verehrerinnen eine solche aufs trefflichste besorgten, indem sie bald klagend bald Hilfe heischend ihren Beichtiger hinsichtlich des Verhaltens seiner Schüler fortwährend auf dem laufenden hielten. Das wußten die schlauen Jungen ganz gut und hüteten sich, ohne triftigen Entschuldigungsgrund eine vorgeschriebene Andachtsübung zu versäumen. Auf Hellwig, dessen Mutter mindestens einmal im Monat beichten ging, hatte Pater Romanus schon längst ein scharfes Auge, weil hier wieder einmal ein Schäflein vom rechten Weg abirren wollte. Aber er hielt die Zeit seines Einschreitens noch nicht für gekommen.

Die übrigen Professoren, außer einem, hatten den stillen Jüngling gern, der stets aufmerksam und in sich gekehrt dasaß, keinen Sittenpunkt in ihren Katalogen aufwies und mit zähem Fleiß seinen Platz unter den mittelmäßigen Schülern behauptete. Sie schätzten seine gründliche Arbeit, und sogar dem Klassenersten Otto Pichler wurde er manchmal als Muster hingestellt.

Der war das gerade Gegenteil von Hellwig, lachte sich, ein kecker Draufgänger, in alle Herzen hinein, stieg unverfroren den Backfischen nach und rauchte heimlich seine Pfeife. Er lernte leicht und mühelos, war ein ebenso guter Turner wie Rechner, Schlittschuhläufer wie Lateiner und hielt sich, über alle Tiefen wegtänzelnd, mit prächtigem Leichtsinn immer an der Oberfläche des Lebens. Seine Mitschüler räumten ihm wie selbstverständlich eine führende Stellung ein, für die kleineren Studenten war er ein bewunderter Halbgott und in dem unschuldigen Tagebuch mancher Fünfzehnjährigen prangte sein Name als der des endlich gefundenen Ideals. Seine frischroten Wangen und der anziehende Gegensatz, in dem die lustigen Blauaugen zu den dunkelbraunen Locken standen, konnten hier unmöglich ihre Wirkung verfehlen.

Nur Fritz kümmerte sich nicht um ihn, wie er sich überhaupt um niemanden scherte. Aber gerade dieses verschlossene Wesen reizte den sieggewohnten Pichler, auf dessen Freundschaft viele stolz waren, und in mannigfacher Weise suchte er, sich ihm zu nähern.

Da sah er eines Tages — eine sehr langweilige Unterrichtsstunde war eben zu Ende —, wie Hellwig das Lesebuch, das er in seiner Freude über die Erlösung ungestüm zugeklappt hatte, hastig wieder öffnete und trübselig einen schmierigen Fleck auf den bedruckten Blättern betrachtete. Neugierig blickte Otto ebenfalls hin und erkannte deutlich die Überreste einer Fliege, die sich auf irgendeine Weise in das Buch verirrt und durch das Zuschlagen den Tod gefunden hatte. Fritz aber zog mit dem Bleistift einen Kreis um die schmutzige Stelle und schrieb darunter: ‚Zur Erinnerung! Hier habe ich ohne Absicht ein Leben vernichtet.‘

Pichler war mit seinem Spott sonst gleich bei der Hand. Aber während er diesem Treiben zusah, kam ihm zugleich mit einer an Rührung streifenden Gemütsbewegung heftiger als je der Wunsch, Fritz zum Freund zu gewinnen.

An diesem Nachmittage folgte er ihm daher heimlich und fand ihn in der Erikaeinsamkeit. Mit einer sonderbaren Frage weckte er den Träumer aus seiner Versunkenheit.

„Hellwig, tut dir nicht auch die schöne Erika leid?“ fragte er.

Der Angeredete schrak zusammen, sprang auf und blickte den als Spötter bekannten Pichler unsicher an.

„Ist es denn nicht auch Unrecht, Pflanzen zu zerquetschen?“ fuhr dieser fort.

Eine jähe Röte färbte Hellwigs Wangen. Ganz verlegen stand er da und fürchtete das Ausgelachtwerden. Als Pichler jedoch ernst blieb und ihm mit einem herzlichen Blick die Hand entgegenstreckte, schlug er zögernd ein.

Auf solche Weise erreichte der braunlockige Schwerenöter seine Absicht und kam in ein engeres Verhältnis zu Fritz. Es hatte sogar den Anschein, als könnte sich dieses zu einer regelrechten Jugendfreundschaft entwickeln. So gut schienen die Auffassungen der beiden zusammenzustimmen. Im letzten Grunde hatte indes Otto selbständige Ansichten überhaupt nicht. Um sich zu solchen durchzuringen, war er viel zu bequem und viel zu seicht. Sein ungemein geschmeidiger Geist ermöglichte es ihm jedoch, sich überall zurechtzufinden und fremde Meinungen skrupellos zu den seinen zu machen, insofern dieselben für ihn neu oder überraschend und geeignet waren, ihren Verfechter in ein auffallendes Licht zu rücken.

Für Hellwigs Entschluß, den Religionsübungen fern zu bleiben, war er sogleich Feuer und Flamme. Als dieser ihm zu bedenken gab, daß er selbstverständlich auch alle Folgen tragen und sich insbesondere bei der nächsten Umfrage des Paters Romanus freiwillig melden müßte, stutzte er zwar einen Augenblick, fand aber dann diesen Gedanken großartig und schwor, daß er durch dick und dünn mithalten werde. Aber Freunde müßten sie werden, denn Arm in Arm mit Hellwig fordere er sein Jahrhundert in die Schranken. Bei diesen Worten warf er sich leidenschaftlich an die Brust des Kameraden, und sie gelobten einander mit Handschlag, nie zu lügen.

Seither unternahmen sie gemeinsame Spaziergänge oder kamen bei schlechtem Wetter in Hellwigs Zimmer zusammen. Dieses war zugleich die gute Stube der Lehrerswitwe, die darin ihre besten Möbelstücke aufgestellt hatte: einen Glaskasten, angefüllt mit goldbemalten Porzellantassen, Tellern, Zinnkrügen und einem Kruzifix unter gläserner Glocke, eine vielfächerige Kommode, einen eirunden Salontisch sowie sechs Polsterstühle, die unter ihren weißen Leinenschutzhüllen aussahen wie kopflose Damen in Frisiermänteln. In diesem Durcheinander, das jedoch von den reinlichen Fenstervorhängen, den geflickten Tischläufern und den gehäkelten Deckchen bis hinab zum Fußboden peinlich sauber gehalten war, konnten die beiden Jünglinge ungestört ihre Meinungen austauschen. Denn Frau Hellwig hielt sich gewöhnlich in der Küche auf, wo sie auch schlief, und erschien nur im Zimmer, um eine Kanne Kaffee nebst einem Scheiterhaufen von Butterbroten oder Kuchenstücken hereinzubringen. Dann blieb sie ein Weilchen, lächelte gutmütig zu Ottos Witzen und lobte ihn, daß er ihrem Traumhans von Jungen den Hang zum Alleinsein ausgetrieben habe. Dafür erwies sie sich auch dankbar, und seit sie erfahren hatte, daß Otto der Sohn eines mit acht Kindern gesegneten Dorfküsters und arm wie eine Maus in dessen Kirche sei, konnte sie’s nicht unterlassen, ihm beim Weggehen jedesmal etwas zuzustecken, Kuchen, Äpfel oder ein Stück vom Sonntagsbraten, obwohl sie’s wirklich nicht zum Hinauswerfen hatte. Sie mußte im Gegenteil trotz einem Kalkulator rechnen und einteilen, um ihrem Sohne nebst einer anständigen Lebensführung das Studieren zu ermöglichen. Aber sie war glücklich, wenn sie jemanden bemuttern konnte, und sagte Pichlern auch, er solle ihr nur seine schmutzige Wäsche bringen, sie werde sie ihm rein machen, bügeln und flicken, das gehe mit der ihres Jungen in einem hin.

„Deine Alte ist wirklich ideal!“ versicherte Otto des öftern, während sie vor den dampfenden Tassen saßen und die Abtragung des Scheiterhaufens in Angriff nahmen. Dann kamen sie wieder ins Reden und ereiferten sich mit glühenden Köpfen und vollen Backen über Philosophie, Religion und Volkserziehung, während sie die Hände unablässig nach den gefüllten Tellern streckten, bis der letzte Bissen vertilgt war. —

Da geschah es, daß Pater Romanus in der obersten Klasse wieder einmal die bereits seit längerer Zeit erwartete Frage stellte: Ob jemand in den letzten Monaten die Messe versäumt habe?

Wie der Krampus aus der Schachtel schnellte Fritz von seinem Sitze auf, stand kerzengerade und schaute dem Professor freimütig ins Auge. Zögernd erhob sich auch Pichler. Aber er ließ schuldbewußt den Kopf hängen.

„So, so, der Beste und der Fleißigste aus der Klasse!“ lächelte der Pater und forschte leutselig nach dem Grund.

„Ich bin freiwillig weggeblieben!“ sagte Hellwig mit fester Stimme. Seine Augen glänzten wie Stahl, die Nasenflügel bebten.

„Und wie oft, mein liebes Kind?“ fragte der Priester sehr sanft.

„Seit zwei Monaten jeden Sonntag. Ich hab’ es nicht gezählt!“

„Aber Hellwig, was soll das heißen? Wie können Sie das rechtfertigen?“

„Ich habe keine Entschuldigung, Herr Professor. Ich bin nur so nicht hingegangen!“

„Kind!“ Beschwörend streckte Romanus die Arme aus, als wollte er die Worte nicht an sich heran kommen lassen.

Mäuschenstill war es in der Klasse. Die Oktavaner in den Bänken hielten den Atem an und starrten mit ängstlicher Bewunderung auf den stillen, sonst so wenig beachteten Kameraden und wunderten sich, wie der Duckmäuser gegen den gefürchteten Lehrer aufzutreten wagte.

Pater Romanus hatte das auch nicht erwartet. Er wußte nicht recht, wie er sich dazu verhalten sollte. Um Zeit zur Überlegung zu gewinnen, richtete er seine Augen langsam auf Otto, betrachtete ernst und prüfend dessen gesenktes Haupt und fragte schärfer:

„Und was ist mit Ihnen, Pichler?“

„Ich ...,“ stammelte der und stockte gleich.

„Wie oft haben Sie gefehlt?“

Otto warf einen scheuen Blick auf die gefurchte Stirn des Lehrers und sah schnell wieder zu Boden. Sein ganzer Mut hatte ihn verlassen.

„Einmal ...,“ stotterte er zerknirscht.

„Otto!“ raunte ihm Hellwig verwundert zu.

Aber die eindringliche Stimme des Priesters forschte weiter: „Und warum, liebes Kind?“

Und Otto antwortete tonlos: „Ich war unwohl.“

„Herr Professor, das ist ...“ brauste Fritz auf und schwieg sofort wieder, als er die klägliche Figur des andern gewahrte.

„Wollten Sie etwas sagen, Hellwig?“ wandte sich Pater Romanus nun wieder an ihn. Da schüttelte er stumm den Kopf. Wozu den Angeber machen?

Und plötzlich kam ihm zu Bewußtsein, daß sich alle Blicke der Klasse in seiner Person wie in einem Brennpunkt vereinigten. Unerträglich, wie ein unkeusches Betasten des Körpers, war ihm das. Und mit einemmal konnte er es nicht über sich bringen, den Beweggrund seines Fernbleibens anzugeben. Er hatte das Gefühl, als würde er durch ein solches Geständnis seine Seele nackt zur Schau stellen.

„Nun, Hellwig, haben Sie sich eines Bessern besonnen? Wollen Sie mir Ihr sonderbares Benehmen aufklären?“

Die sanfte Stimme des Jesuiten rann wie ein süßes Honigbächlein durch die Stille.

Fritz schwieg, sah ihn an und zuckte nicht mit der Wimper.

„Kind, nehmen Sie doch Vernunft an! Woher nur auf einmal? ... Denken Sie doch auch an Ihre liebe Mutter!“

Keine Antwort.

„Wollen Sie also den Grund Ihres Benehmens wirklich nicht angeben?“

„Nein!“

Kurz, hart, messerscharf, daß Pater Romanus zurückprallte. Aber er faßte sich rasch.

„Sie scheinen mir vom rechten Weg abgekommen zu sein,“ sagte er und strich mit der schmalen Hand über die Augen. „Besuchen Sie mich doch einmal in meiner Wohnung. Dort können Sie mir alles ungestört sagen. Das von heute bleibt unterdessen, als wenn es nicht vorgekommen wäre.“

Mit einem leichten Kopfnicken gab er den beiden Schülern die Erlaubnis zum Niedersitzen und begann mit dem Unterricht.

Kaum war dieser zu Ende, drängten sich die Mitschüler an Hellwig heran, sagten, daß er ganz recht gehabt habe, wenn’s auch vielleicht einen Karzer absetzen könne, und wollten wissen, ob er zu Pater Romanus hingehen werde. Er gab ihnen keine Auskunft, hastete, hochnasig wie immer, davon.

In seinem Herzen schien etwas in Unordnung geraten zu sein, zuckte, stach und schmerzte.

Pichler! Ach ja so, das! — Wie fremd ihm auf einmal der Name vorkam. Als hätte er ihn viele Jahre nicht gehört.

Plötzlich schritt Otto neben ihm her. Er hatte brennend rote Backen und war ganz kleinlaut.

„Fritz, — bist du bös?“ fragte er mit einem verlegenen Lächeln.

Brüsk wandte sich jener ab: „Ach geh, du! Du bist feig!“

„Nein, Fritz, da tust du mir unrecht!“

„Wortbrüchiger!“

„Fritz, ich mußte!“

„Du mußtest? Das ist ja eben die Feigheit!“

„Hör’ doch damit auf, Fritz! Schau’, wenn ich wirklich feig wär’, hätt’ ich dich jetzt gewiß nicht angesprochen, hätt’ mich viel eher seitwärts in die Büsche geschlagen. Und — ist es Feigheit, wenn ich die Verachtung meines Freundes zu tragen gewillt bin — meines Vaters wegen?“

Er machte eine Pause. Hellwig, von der unerwarteten Wendung überrascht, fand keine Antwort.

„Ja!“ fuhr Otto mutiger fort. „Wegen meines alten Vaters! Ich hab’ doch nicht wissen können, wie die Geschichte ausgehen wird. Und wenn ich auch nur Karzer oder eine schlechte Sittennote bekommen hätt’ ... was dann? Die Nachhilfestunden, die Freitische, die Schulgeldbefreiung — alles wär’ beim Teufel! Und dann hätt’ ich das Studieren eben einfach an den Nagel hängen können! Und mein Vater ist so stolz, daß wenigstens einer von uns achten studieren kann! Die Gründe mußt du mir gelten lassen, Fritz!“

„Warum hast du mir dein Wort gegeben? Ich hab’s nicht verlangt!“

„Ich war wie im Rausch damals! Du hast mich fortgerissen ... da hab’ ich mir nicht alles so überlegt —“.

„Gut, gut! Aber laß mich jetzt in Ruh’!“

„Und du verzeihst mir, gelt?“

Zweifelnd blickte Hellwig den Kameraden an.

„Otto, — du kannst mir ja nicht einmal in die Augen schaun!“

Da hob der andere das gesenkte Antlitz. Zwei helle Tropfen rollten ihm über die Wangen, zeichneten silbrige Streifen darauf.

„Das Mißtrauen verdien’ ich nicht, Fritz!“

Die schmerzliche Spannung in den Zügen des jungen Kato ließ nach. Seine Miene hellte sich etwas auf.

„Machen wir einen Strich darunter, Otto, wir sind beide Schwächlinge!“

Eilig rannte er fort.

Pichler ging nach Hause. Er schämte sich noch ein wenig und war doch froh, daß die Geschichte wieder in Ordnung war. Das war ja ausgezeichnet gegangen. Eine heiße Zuneigung zu Fritz stieg plötzlich in ihm auf und das Verlangen, ihm etwas Liebes zu tun. Er wußte nur nicht, was. Und wie öfters schon, faßte er wieder einmal den Entschluß, ein guter, ganz makelloser Mensch zu werden; sich zu Wissen, Ansehn, Bedeutung hinaufzuarbeiten. Im Geiste sah er sich schon Stufe um Stufe erklimmen, angestaunt, beneidet, von vielen umworben. Auf einen machtvollen Posten gestellt, erwarb er Millionen und verfügte unumschränkt darüber, beschenkte fürstlich seine Bekannten, half dem Freunde zu Glück und Ehren.

Immer kühner schwang sich seine Phantasie empor. Als er vor dem ärmlichen Hause stand, wo ihm ein biederer Spengler Kost und Wohnung gewährte gegen die Verpflichtung, seine zwei dickköpfigen Buben durch das Untergymnasium zu lotsen, da wurde es ihm schwer, sich in der Wirklichkeit zurecht zu finden. Die gehobene Stimmung verließ ihn aber den ganzen Abend nicht mehr. Seine Ungeduld drängte ihn, mit der Erwerbung eines umfangreichen Wissens sogleich zu beginnen. Er kramte in seiner Bibliothek, die sich zumeist aus Bändchen der Reclamschen Sammlung zusammensetzte, nahm bald dies, bald das in Angriff und fand keine rechte Ruhe.

Da fiel ihm Kants Kritik der reinen Vernunft in die Hände. Er hatte das Werk stets unverdaulich und langweilig gefunden, war trotz wiederholter Anläufe nicht über die ersten hundert Seiten hinausgekommen. Heute aber beschloß er, sich durch den ganzen umfangreichen Band durchzufressen. Die Beine unterm Tisch lang ausgestreckt, das Gesicht zwischen beiden Fäusten, saß er in der Bodenkammer, die bei besserem Geschäftsgang gewöhnlich einem zweiten Gesellen des Spenglers zugewiesen wurde, blies gewaltige Rauchwolken aus einer langen Pfeife und begann zu lesen.

‚Wenn mich Fritz so sähe,‘ dachte er selbstzufrieden und legte sich ins Zeug, als beabsichtigte er durch eine solche Überwindung dem gekränkten Freunde ein Sühnopfer darzubringen.

Aber je länger er saß, je schwächer wurde seine Aufmerksamkeit. Auf dem Fundamente einer Welt der ‚Dinge an sich‘ bauten seine Gedanken bald wieder prunkvolle Luftschlösser in den Himmel hinein, und die rosige Zukunftsphantasterei eines ehrgeizigen Jünglings schnitt dem kategorischen Imperativ der Vernunft eine spöttische Grimasse.

Unterdessen verging Frau Hellwig vor Sorgen um ihren Jungen, der heute noch seltsamer als sonst war, kein Wort redete und das Abendessen unberührt ließ. Hätte sie in sein Inneres schauen können, die Sorgen wären freilich einem großen Mitleid mit dem armen Grübler gewichen. Schwerblütig, wie er war, legte er dem Vorfall eine übergroße Bedeutung bei. Er litt nicht so sehr unter dem Verrat Ottos, sondern weil er sich selbst untreu geworden war und kein Recht mehr hatte, Pichlern zu zürnen. Denn er war selber feig gewesen. Oder war es etwa nicht Feigheit, zu schweigen, nur weil ein paar Dutzend Augen auf ihn geschaut hatten. Wie sollte er der Wahrheit zum Sieg helfen, wenn er sich fürchtete, sie laut auszusprechen? Beispielgeber hatte er sein wollen — und war vor sich selbst fahnenflüchtig geworden. Wessen er Otto geziehen, er selbst hatte es begangen — und besaß nicht einmal eine Entschuldigung dafür.

So peinigte er sich und konnte die ganze Nacht keinen Schlaf finden. Er faßte keine guten Vorsätze, denn er hatte alles Zutrauen zu sich verloren. Und es dünkte ihm wertlos, etwas, das er nie hätte tun dürfen, durch den Entschluß gutzumachen, es in Zukunft nicht wieder zu tun. In dieselbe Lage konnte er sich nicht zurückversetzen, die war unwiderruflich vorbei und der Makel nicht mehr wegzuwischen.

An allen Gliedern wie zerschlagen, die trüben Augen dunkel unterrändert, erschien er den nächsten Tag in der Schule. Otto war ebenso überrascht wie dankbar, daß Fritz mit keinem Wort auf das Vorgefallene zurückkam und weiter mit ihm verkehrte, als hätte es nie ein Gestern gegeben. Von dem harten Ringen, das zwischen Abend und Morgen lautlos vor sich gegangen, hatte er freilich keine Ahnung, hätte es auch nicht begriffen. Für ihn war jetzt alles wieder im Gleis, zumal auch Pater Romanus nicht dergleichen tat und es schien, als beabsichtigte er die Geschichte im Sand verlaufen zu lassen. Eine vorläufige Folge sollte sie aber doch haben.