11.

Pichlern ging es ungemein wohl. Sein Schifflein schwamm auf glatter Flut, kein böser Windstoß rührte gefährliche Wogen auf, nirgends zeigte sich eine Wetterwolke. Die Arbeit lief wie am Schnürchen, die Leute hatten ihn gern, er war überall beliebt. Und wenn ihm etwas seine Laune trübte, so war’s jetzt sein Verhältnis zur Anna Bogner.

Sie hatte ihm alles gegeben, was so ein schlichtes armes Ding einem Mann wie Pichler überhaupt zu schenken vermochte, stand nun ratlos, fremd, wie verloren in der Welt und hatte niemanden, an den sie sich klammern konnte, als eben ihn. Gerade das aber wurde ihm bald lästig, der Reiz der Neuheit war vorbei, der Schmetterlingsstaub von den Flügeln gestreift, die einfache reine Seele des guten Kindes konnte ihn nicht fesseln. Es kam die Überlegung, die Furcht vor einer möglichen Entdeckung, der Überdruß. Seltener bat er sie um eine Zusammenkunft, entschuldigte sich mit dringenden Geschäften. Und sie ließ sich alles gefallen, sah ihr Glück — es hatte kaum sechs Wochen gewährt — verblassen und war geduldig und gläubig und treu wie ein Hund. Aber ihre Munterkeit war weg, kaum lachte sie noch oder freute sie sich über den Sonnenschein.

Und endlich blieb Otto ganz fort. Acht, vierzehn Tage wartete sie, aber er gab kein Lebenszeichen, war für sie wie vom Erdboden verschwunden.

Er birschte in anderen Gefilden. Dort war Grete Deming, die Tochter des kaiserlichen Rates Richard Deming, der bei der großen chemischen Fabrik den Direktorposten innehatte. Das war ein scharfsichtiger und besonnener Selfmademan, dem das kühle Blut auch in den schwierigsten Lagen nicht in raschere Wallung kam. Er war von festgefügtem Knochenbau, ziemlich groß, stark, doch nicht fett, hatte breite Hände und trug den grauen Backenbart zu beiden Seiten des ausrasierten Kinnes kurz geschoren. Nie war das Unternehmen besser geleitet, der Gewinn größer gewesen, als seit Deming an der Spitze stand. Geschäftsmann durch und durch, von modernem Geist erfüllt, kühn und wagemutig, wußte er günstige Marktlagen rasch zu packen, tatkräftig auszunützen und hatte noch immer gegen die Vorsichtigen und Ängstlichen recht behalten. Er war seit Jahren Witwer und hatte eine Tochter, das Fräulein Grete Deming, eine dunkeläugige Schöne, die gertenschlank auf dem Kutschbock saß und mit festen kleinen Händen ihren Traber lenkte. Umschwärmt und begehrt, ging sie gleichgültig an dem Schwarm ihrer Bewunderer vorbei, nicht warm, nicht kalt, ein wenig hochmütig, ein wenig herablassend und sehr selbstbewußt. Sie war schön, war jung, das einzige Kind ihres reichen Vaters und deshalb nahm man ihr nichts übel, fand auch ihre Unarten reizend, und viele Mädchen der Stadt gingen mit leicht vorgebeugtem Oberkörper und leise schaukelnden Hüften, trugen Reitgerten und rauchten Zigaretten, ganz wie Grete Deming. Es gab eine Grete-Deming-Frisur, ein Barett, einen fußfreien Rock, eine Tüllkrause à la Grete Deming. Aber keiner einzigen saß die runde Nerzmütze mit dem Reiherstoß so fesch auf welligem Haar, fiel der glatte Rock auf einen so tadellos fein geknöchelten Fuß, hob sich pfirsichfrisch und rassig aus den weißen Tüllwogen ein so pikantes Gesicht — wie eben dem Fräulein Grete.

Pichler sah sie vorüberfahren, blickte ihr nach und stand wie gebannt. Ein eigenes Gefühl drängte sich in sein Herz, weh und schmerzhaft, als sei ihm ein Glück bestimmt gewesen, und er habe es leichtsinnig selbst verscherzt. Unwürdig kam er sich vor und doch wieder wertvoll genug, nach den höchsten Kränzen zu langen. Verheißende Möglichkeiten blitzten in der Ferne, Ahnungen von Genüssen, um die er sich gebracht, Sehnsucht nach einer geistreichen und glanzvollen Gesellschaft, von der er sich freiwillig ausgeschlossen hatte. Fast reute ihn, daß er so offen eine politische Gesinnung zur Schau gestellt hatte, statt in ein Staatsämtchen zu schlüpfen oder einen anderen standesgemäßen Beruf zu ergreifen. Und stärker und bestimmter kam ihm der Vorsatz, daß seine jetzige Beschäftigung nur einen Übergang darstellen durfte, da weder seiner Stellung als gebildeter Mensch, noch seinen Fähigkeiten der ständige Verkehr mit den untersten Volksschichten angemessen sei. Und so begann er denn seine Läuterung dort, wo ihm der Verkehr mit den untersten Volksschichten dermalen am unangenehmsten geworden, bei Anna Bogner. Er war sich selber für ein solches Verhältnis zu gut geworden.

Die Anna wartete geduldig noch eine Woche lang, dann aber faßte sie sich ein Herz und ging zu ihm. Sie wollte Gewißheit haben, das Harren und Bangen quälte gar zu sehr.

Zaghaft klopfte sie an, trat zaghaft ein. Da war gerade Karl Pfannschmidt anwesend und beriet die Zusammenstellung der nächsten Zeitungsnummer mit dem verantwortlichen Schriftleiter.

Verlegen sprang Pichler auf.

„Was bringen Sie mir denn Schönes, Fräulein?“ fragte er und bemühte sich, seiner unsicheren Stimme einen geschäftsmäßigen Tonfall zu geben.

„Ich bring’ nichts,“ antwortete sie leise, „ich will mir was holen.“

„Ach ja richtig, das hatte ich ganz vergessen!“ erwiderte Otto und schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn. „Jetzt fällt’s mir wieder ein! Bitte, wollen Sie hier eintreten!“ Er führte sie ins Nebenzimmer. „Sie entschuldigen schon einen Augenblick!“ sagte er noch zu Pfannschmidt.

Drinnen herrschte er das arme Ding mit scharfer Flüsterstimme an: „Was soll das heißen, Anna? Was fällt dir ein, hieher zu kommen! Denk’ doch an deinen Ruf!“

„Ich will mir was holen!“ murmelte das Mädchen.

Nun versuchte er es in einer anderen Tonart. „Ich konnte wirklich nicht abkommen, Annl!“ sagte er mit biederer Herzlichkeit. „War mit Geschäften überhäuft. Das geht manchmal nicht anders. Aber sobald ich wieder Luft hab’ ...“

Sie schüttelte langsam den Kopf.

„Ich bin nicht deswegen da ...“

„Nicht deswegen?“

„Ich will mir nur was holen,“ sagte sie eintönig.

„Ja, aber was denn nur? So sag’s doch endlich!“

„Meine Ehre ...“

Ganz gleichgültig sprach sie das vor sich hin, mit rauher, brüchiger Stimme und schaute mit toten Augen an ihm vorbei ins Leere.

Er wußte nichts zu erwidern, hob bedauernd die Hände und ließ sie auf die Schenkel fallen.

„Aber Annl — du hast mich doch lieb gehabt ...“

„Ja, ich hab’ dich lieb gehabt.“

„Und — und ... es konnte doch nicht immer so fortgehn. Das hättest du im voraus bedenken sollen.“

„Ja — das hätte ich im voraus bedenken sollen ...“

Wie ein Automat sprach sie ihm die Worte nach.

„Annl, sei doch nicht so, ich bitte dich! Wir — können deswegen ja gut bleiben. Nur — das wirst du einsehn, ich ... Herrgott, wenn nur der Kerl nicht draußen wär’! Der paßt auf jedes Wort! — Wir treffen uns morgen, Annl! Um sechs Uhr! Da reden wir dann weiter. Wirst du kommen?“

„Ich werde schon nicht kommen. Was gibt’s auch noch zu reden? Das ist nun einmal so, da nützt nichts mehr.“

„Annl!“

Noch immer schaute sie an ihm vorbei, mit derselben steinernen Ruhe.

„Nenn’ mich nicht mehr so. Ich nenn’ dich auch nicht mehr so. Ich denk’ mir nur — so, wie du jetzt bist, das sollte doch anders sein. Es ist nicht recht so. Nur, es wird wohl auch wieder besser werden — oder — die Welt hätt’ sonst kein Gewissen ...“

Mit schleppenden Schritten ging sie zur Tür, öffnete und schob sich müde durch das vordere Zimmer an Pfannschmidt vorüber zum Ausgang. Dort schlug Pichler noch einmal den Geschäftston an. „Also die Sache ist in Ordnung, nicht wahr?“

„In Ordnung,“ sagte sie tonlos und bewegte die trockenen Lippen kaum. Nun trat sie über die Schwelle, den Kopf steif oben, und in dem starren Gesicht regten sich nicht einmal die Lider, um die weit offenen Augen zu kühlen.

Als sie fort war, sagte Pichler mit gemachter Leichtigkeit: „Es war mir so peinlich ... sie hat mir nämlich eine Novelette angeboten für unser Blatt und sich jetzt Bescheid geholt. Ich mußte ablehnen. Schriftlich wär’ das einfacher gegangen. Zu dumm! Jedes Frauenzimmer will heutzutag’ schon schreiben!“

Pfannschmidt blätterte in den Manuskripten, die er vor sich ausgebreitet hatte. Dann sagte er: „Also mit dem Leitartikel sind Herr Doktor einverstanden? Was bringen wir denn unterm Strich?“

Otto biß sich auf die Lippe. Er fühlte, daß ihm hier die Ausrede nicht geglaubt worden war. Aber er faßte sich schnell.

„Unterm Strich? Haben wir nicht irgendeine verliebte Geschichte lagern? So was zieht immer!“