In den Kordilleren
Die Ansiedelung Don Pablo Romeros war eine kleine Oase, die aus einigen Wiesen, einem Obstgarten und einer Pappelallee bestand. Hinten erhoben sich die grauen, kahlen, nur mit dichtem Gestrüpp und Kakteen bewachsenen Berge, und vorn senkte sich ebenfalls kahl und grau die Ebene in die Pampa hinab.
Bloß zwei Zimmer seines Häuschens bewohnte Don Pablo, die übrigen hatte er Carlos’ und Nicolás’ Eltern überlassen, und weil trotzdem Raummangel war, waren noch drei Zelte aufgespannt worden. Das eine, etwas abseits gelegen, bewohnten die weiblichen Dienstboten, das zweite war als eine Art kleiner Salon hergerichtet, und im dritten schliefen Herr Dr. Bürstenfeger und Carlos und Nicolás.
Seine Sorge um die Knaben blieb immer gleich mustergültig. Morgens, wenn sie erwachten, stand er an ihrem Bett, beinahe den ganzen Tag ließ er sie nicht aus den Augen. Abends, wenn sie schlafen gingen, kam er noch und gab ihnen den Gutenachtkuß.
Zum nicht geringen Verdruß der beiden hielt er aber immer fest am Prinzip der weiten Spaziergänge. Nur an Tagen, an denen er besonders zufrieden mit ihnen war, durften sie, während er zu Fuß ging, rechts und links von ihm auf ihren Maultieren reiten. Wünschten sie zu galoppieren, mußten sie fragen, und Herr Dr. Bürstenfeger antwortete: „Ja, aber nur bis zu jenem Strauch oder jener Kuh!“ oder er verweigerte auch die Erlaubnis.
In der Regel aber blieb es bei den gewöhnlichen Spaziergängen, und sie durchstreiften zusammen die Gegend nach allen Richtungen. Zu Hause banden sie sich, auf Wunsch von Herrn Dr. Bürstenfeger, Lappen um die Füße, um keine Blasen zu bekommen. Auch versahen sie sich mit einer kleinen Apotheke, mit Mitteln gegen den Sonnenstich, den Schlangenbiß, mit Pflastern und Pflästerchen gegen kleine Verletzungen, mit Pfeffermünzpastillen und Orangen und Zitronenessenzen gegen den Durst. Um die Schultern hingen sie sich zwei Feldflaschen mit Wasser und eine blecherne Büchse, auf der ein grasender Hirsch abgebildet war — gefüllt mit Brot, harten Eiern, Butter und „Landjäger“.
Und so zogen sie aus, zur Freude des gesamten Dienstpersonals; denn Fußgänger und dazu noch so ausgerüstete, waren hier seltene Leute.
Zu Anfang hielt Herr Dr. Bürstenfeger seine Leidenschaft ein wenig im Zügel, weil er fürchtete, sich zu verirren, und aus Angst vor den wilden Tieren, besonders auf den Spaziergängen in der Richtung nach den Bergen. Bald aber waren sie mit der Umgegend so vertraut, daß sie die ersten Gipfel ersteigen konnten, von denen aus man eine herrliche Aussicht auf die dahinter liegenden, höheren hatte. Herr Dr. Bürstenfeger zog seine Karte aus der Tasche, um nachzusehen, wie die wohl heißen möchten, aber es stand kein Name da, und als er später daheim fragte, wußte es auch niemand. Darüber mußte er heimlich den Kopf schütteln; er fand aber zugleich auch diese Kulturlosigkeit interessant.
Was seine Angst vor den wilden Tieren betraf, so brauchte er geraume Zeit, bis er sie überwunden hatte.
Zu den wilden Tieren zählte er aber auch die Schlangen, obgleich er wußte, daß sie zoologisch eigentlich nicht dazu gehörten. Ein abgebrochener Ast auf der Erde, der Schatten seines eigenen Stockes ... überall sah er welche.
Einmal sahen sie wirklich ein Puma in einiger Entfernung. Herr Dr. Bürstenfeger blieb stehen, erblaßte, sammelte sich aber und flüsterte: „der Silberlöwe greift nicht den Menschen an, sondern flieht ihn.“ Ein andermal, als sie durch eine Schlucht gingen, kreiste in ziemlicher Höhe über ihnen ein Kondor, und obwohl der Hauslehrer wußte, daß er ihnen nicht gefährlich sein konnte, zog er doch krampfhaft die Knaben an sich und neigte einen Augenblick sehr erschrocken den Kopf ...
Die Spaziergänge nahmen einen nicht kleinen Teil des Tages ein, oft gab Herr Dr. Bürstenfeger dabei seine Lektionen. Den eigentlichen Unterricht erteilte er hinter dem Hause im Garten unter einem Nußbaum, wo ein Tisch und zwei Bänke standen.
Jeden Morgen mußte sie José, der Knecht, auf Befehl Herrn Dr. Bürstenfegers mit heißem Wasser scheuern, weil sie inzwischen wieder von den Vögeln beschmutzt worden waren; dann folgten ein paar Schulstunden, die auch nicht ohne Zwischenfälle abliefen. Es trieb sich z. B. José mit einer der Mägde weiter hinten herum, oder es wurde Obst von den Bäumen geschlagen, eine Kuh verirrte sich in den Garten, oder gar die Säue.
Diese zu hüten war ein kleiner, dreijähriger Indianer angestellt, der zusammen mit Julio beim letzten Ausfall im Azul erbeutet worden war. Er hieß Manuelito und hielt eine lange Gerte in der Hand, Beinkleider, die einem halbwüchsigen Knaben gehört hatten, umschlotterten seine Beine. Auf dem Kopfe trug er einen riesigen Filzhut, dessen Krempen auf seinen Schultern ruhten. So ausgerüstet, hatte er die Schweine auf die Weide zu treiben, die ihn aber gar nicht respektierten.
Einmal drangen sie durch eine schadhafte Stelle der Hecke in den Garten. Manuelito hatte sich ihnen mit ausgebreiteten Armen entgegengestellt und geschrien: „Kehrt um, kehrt um, ihr Schweinchen!“ Sie aber waren einfach über ihn hinweggetrampelt.
Als Carlos und Nicolás das sahen, schnellten sie von ihrer Bank auf und eilten Manuelito, der heulend auf dem Rücken lag, zu Hilfe.
Herr Dr. Bürstenfeger stand im Hintergrund und kämpfte einen harten Kampf zwischen Pflicht und Wohlwollen, aber die Pflicht siegte, und Carlos und Nicolás hatten hundertmal einen Satz abzuschreiben, der sich auf den Schulunterricht und Manuelito und seine Schweine bezog. Dieser Zwischenfall aber änderte durchaus nichts am Programm des Schultages. Zum Schluß nahm der Hauslehrer das Lineal in die Hand, reichte den Knaben ein Liederbuch, und sie stimmten alle drei an, er mit ungemein kräftigem Baß, Carlos und Nicolás mit sehr falscher Stimme:
Kuckuck, Kuckuck ruft aus dem Wald,
Lasset uns singen, tanzen und springen.
„Tanzen und springen!“ brüllte Herr Dr. Bürstenfeger und schlug mit dem Lineal auf den Tisch, daß ein Huhn, das sich in der Nähe aufhielt, gackernd davonstelzte, denn Carlos hatte drei Noten daneben gesungen. Im Hintergrund aber, den Knaben zugekehrt, stand Zenobia, die Mulattin, wiegte den Kopf, fletschte die Zähne und ahmte Herrn Dr. Bürstenfeger mit einem Besenstiel nach ...
Am gleichen Nachmittag noch machten sie einen Spaziergang in die Berge. In einer Schlucht sahen sie ein Pferd liegen, das abgestürzt war und die Vorderbeine gebrochen hatte. Als die drei herankamen, bewegte es mit einem unsäglich schmerzhaften Ausdruck der Augen den Kopf ein wenig in die Höhe und stöhnte.
Der Hauslehrer erlaubte, daß sofort der Spaziergang unterbrochen wurde, und die Knaben gingen zu Don Pablo und baten ihn, das Tier töten zu lassen. Aber Don Pablo antwortete: „Das Pferd ist in unser Gebiet eingedrungen, es gehört dem Nachbar, töte ich es, so muß ich es bezahlen.“
Die Knaben ritten zu Don Andrés (so hieß der Nachbar) und stellten an ihn die gleiche Bitte. Don Andrés lächelte und erwiderte, er werde heute jemanden hinschicken.
Abends aber lag das Pferd zu Carlos’ und Nicolás’ Entsetzen noch immer in der Schlucht und stöhnte.
Es fiel ihnen ein, daß es zu seinen Schmerzen auch noch Hunger und Durst leiden müsse, sie kehrten daher zum Gut zurück, Nicolás nahm ein Bündel Gras und Carlos einen Eimer mit, den er in einer Quelle, die halbwegs von der Schlucht entfernt war, füllte.
Das Pferd hob schnaubend den Kopf, sobald es das Wasser roch, wollte sich auf seinen beiden Vorderbeinen aufrichten und fiel mit einem Schmerzenslaut zurück. Carlos und Nicolás hoben seinen Kopf ein wenig in die Höhe, und so konnte es, ohne sich sonst zu bewegen, saufen.
Am folgenden Abend hatte man das Pferd noch nicht getötet, Don Andrés hatte es scheint’s ganz vergessen.
Der Gedanke an das Tier ließ Carlos und Nicolás in der Nacht nicht ruhen.
„Ich höre es ächzen!“ rief Carlos und richtete sich im Bett auf.
„Es ist nicht möglich, es ist zu weit“, antwortete Nicolás; aber ihm tat das Tier nicht weniger leid.
Pause.
„Weißt du was, wir wollen es töten, jetzt sofort, dann leidet es nicht mehr“, meinte Carlos.
Nicolás antwortete nicht gleich, dann aber sagte er ebenfalls entschlossen: „Ja!“ ...
Sie standen auf, nahmen eine Axt aus der Küche, sattelten ihre Maultiere und ritten davon.
Es war eine wunderbare, sternklare Nacht, die Sträucher mit ihren harten, öligen Blättern, die harten Kräuter, gespeist vom trockenen, vulkanischen Boden, dufteten.
In der Schlucht lag das Pferd und stöhnte.
Nicolás sagte zu seinem Bruder: „Carlos, du bist der Ältere, du wirst das Pferd töten!“
Aber kaum hatte er das ausgesprochen, als ihn Beschämung und Mitleid mit Carlos ergriff.
„Losen wir!“ sagte er mit gepreßter Stimme, rupfte zwei Gräser aus, die aus einem Riß in einem Steine wuchsen, und hielt sie ihm hin.
Carlos, das Beil in der Linken, zog zitternd einen Halm und hatte den kürzeren gezogen.
Da ging sein Bruder zehn Schritte weg, kehrte sich ab und hielt sich die Ohren zu.
Carlos ging entschlossen zum Pferd, streichelte es und hob dann das Beil in die Höhe, ließ es aber kraftlos sinken und weinte.
Nicolás hatte sich wieder umgewandt, stand da und sah ihn dumpf an.
Am folgenden Morgen ließen sie durch José, für eine kleine Geldsumme, die sie aus ihren Sparbüchsen nahmen, das Tier umbringen ...
Drei Tage später kam der General Acevedo zu Besuch aufs Gut. Er war ein Mann von etwa fünfzig Jahren mit bereits ergrautem Haar, groß und breit und mit einem starken Ansatz von Embonpoint. Er kam auf einem großen, schwarzen Maultier geritten, trug einen Poncho um die Schultern und ein weißes flatterndes Tuch um den Hals.
Das war ein Fest für die Knaben; er war immer sehr gut zu ihnen gewesen; stets brachte er ihnen Geschenke mit.
Diesmal holte er aus seiner Reisetasche zwei große Schachteln mit Bleisoldaten heraus und dazu noch für jeden eine Kinderpistole mit roten Zündhütchen.
Die Knaben schossen und stellten ihre Soldaten auf. Obgleich der General morgen schon wieder reisen mußte, fand er doch noch Zeit, ihnen einen großen Drachen zu machen.
Am nächsten Morgen vor dem Unterricht traten Carlos und Nicolás in sein Zimmer; das Fenster ging nach dem Garten.
Der General schlief noch, er trug ein elegantes, seidenes Nachthemd mit einer Brusttasche, in der ein Batisttaschentuch steckte. Die linke Hand lag auf der Bettdecke, sie war weiß, aber kräftig und gut gepflegt, die Nägel rosig und schön gestutzt.
Auf dem primitiven Waschtisch sah man ein Schlachtgewühl von Flakons. Es roch im Zimmer nach allen möglichen Essenzen. Auf dem Nachttisch stand eine offene Pomadenbüchse, in die drei Fliegen ihre Rüssel getaucht hielten. Daneben lag ein Revolver mit elfenbeinernem Griff und kleinen silbernen Initialen.
Auf der Erde lag offen seine Reisetasche aus indischem Strohgeflecht, in der ein Durcheinander herrschte.
Carlos und Nicolás schlichen auf den Fußzehen aus dem Zimmer, um den General nicht zu wecken; aber gleich nach der ersten Pause machten sie ihm wieder ihren Besuch. Er war eben erwacht, streckte seine Arme mit geschlossenen Fäusten in die Höhe und gähnte.
Die Knaben krochen zu ihm ins Bett und rupften ihm am Schnurrbart.
„Macht das eurem Schulmeister, verfluchte Bengels!“ rief der General. „Wollen wir wetten, ihr habt ihm noch nie einen Streich gespielt?!“
Herr Dr. Bürstenfeger saß unter dem Nußbaum und las Klopstock, er war ganz darin versunken.
„Habt ihr ihm denn noch keinen einzigen Streich gespielt?“ forschte der General.
Carlos und Nicolás schwiegen und sahen ihn mit großen Augen an.
„Ihr seid Kerls, ihr wollt Argentinier sein und wagt euch nicht an diesen gringo[2] heran! In eurem Alter war ich doch ein anderer Kerl, da habe ich meinen Lehrern ...“
Der General schwieg und schmunzelte.
„Was haben Sie ihnen getan?“ fragten Carlos und Nicolás.
„Ich habe ihnen Honig auf die Bank geschmiert, Schwänze an die Röcke gehängt, einem habe ich ein Loch in seinen blechernen Nachttopf gebohrt, und da er die Gewohnheit hatte, nachts den Topf ins Bett zu nehmen, hat es ein großes Unglück gegeben.“
Carlos und Nicolás mußten lachen.
Der General höhnte: „Ihr wollt Argentinier sein? Schämt euch!“
Er strich Carlos über den Schopf und sagte: „Was dich betrifft, so traue ich dir sowieso nicht viel zu, du bist viel zu blond!“
Carlos war gekränkt. Er schwieg eine Weile, dann sagte er, jedoch ziemlich zaghaft: „So schlagen Sie doch was vor!“
„Bravo!“ rief der General. Dann sann er nach.
„Um einen kleinen Anfang zu machen, nehmt eine Hand voll Zündhütchen, geht zu eurem Dr. Burstenfecherr und streut sie ihm in seiner Nähe auf den Boden. So wie ich ihn kenne, wird er Luftsprünge machen, wenn er darauf tritt.“
Die Knaben machten einen harten Kampf durch, aber die höhnische Miene des Generals trieb sie zum Entschluß.
Sie griffen in ihre Taschen, wo sie noch einen Haufen Zündhütchen hatten, traten aus dem Zimmer und schlichen auf den Hauslehrer zu.
Wie sie ganz nahe bei ihm standen, blickte Herr Dr. Bürstenfeger von seinem Buch auf und fragte: „Na, was wollt ihr, Karl und Nikolaus?“
Hinten aber saß der General aufgerichtet in seinem Bett, schwang den einen Arm in die Höhe und spornte die Knaben zum Kampf an.
Carlos antwortete: „Wir wollten sehen, was Sie da lesen, Herr Dr. Bürstenfeger.“
„Was ich da lese?“ antwortete er nicht ohne leises Erstaunen, „ist der Messias von Klopstock, aber es wird noch manches Jahr vergehen, bis ihr auch darin lesen könnt, Karl und Nikolaus.“
Sie fragten nicht mehr, sie schlichen weiter, mit blutroten Köpfen; sie schämten sich vor dem General und schämten sich, daß sie nie gute Argentinier werden könnten.
Der General aber war ins Bett zurückgesunken und hielt sich den Bauch vor Lachen ...
Am Nachmittag reiste er wieder fort ...
Weiter oben, den Bergen näher, wuchs neben einer großen schattigen Weide bei einer Quelle ein Pfirsichbaum, der jedes Jahr um diese Zeit die schönsten Früchte trug.
Niemand wußte, wie er dahingekommen war, kein Mensch hatte ihn gepflanzt, vielleicht hatte irgendein Vorübergehender bei der Quelle einen Kern fallen lassen. Auch Carlos und Nicolás kannten ihn, und eines Tages baten sie ihren Lehrer, einen Ausflug mit ihnen dorthin zu machen, denn Pfirsiche waren ihre Lieblingsfrucht.
Da Herr Dr. Bürstenfeger heute sehr mit ihnen zufrieden gewesen war, so durften sie auf ihre Maultiere steigen, Herr Dr. Bürstenfeger stellte sich in die Mitte, und man brach auf.
Am Ziel angelangt, blieben die Knaben, auf seinen Befehl hin, auf ihren Tieren sitzen, Herr Dr. Bürstenfeger schritt zum Baume, von dem sich eine bunte Schar von Singvögeln kreischend erhob, und rüttelte am Stamm.
Eine ganze Anzahl Pfirsiche fiel herab, er hob einige auf, prüfte sie, bewegte unentschlossen den Kopf und sagte endlich: „Karl und Nikolaus, wartet eine Woche noch, dann sind sie ganz reif.“
Und nach diesem Bescheid kehrte er mit ihnen, ohne daß sie einen einzigen Pfirsich gegessen hatten, zum Gut zurück.
Als die Woche vorbei war, ließ er sie noch zwei Tage warten, dann sagte er: „Ich werde euch nicht begleiten, reitet allein!“
Er nahm Carlos’ Hand in seine Rechte und die des Bruders in die Linke und fügte mit nachdrücklichem Ernst hinzu: „Karl und Nikolaus, ihr wißt, daß ich es gut mit euch meine, ihr seid bisher gehorsame Knaben gewesen, ich kann es ruhig sagen: bis auf gewisse Ausnahmen. Ich habe beschlossen, von nun an euch nicht mehr auf Schritt und Tritt zu folgen, ihr seid selbständig genug.“
Pause! — Darauf feierlich: „Karl und Nikolaus, ich nehme euch das Versprechen nicht ab, ihr seid frei, zu handeln, wie ihr wollt. Aber Karl und Nikolaus“ — und jetzt lag ein Ausdruck von wehmütiger Sorge auf seinem Gesicht: „Ich bitte euch, als euer väterlicher Freund, eßt nicht mehr als vier Pfirsiche jeder!“
Carlos und Nicolás, glücklich, überhaupt Pfirsiche essen zu dürfen, gelobten ihm das, Herr Dr. Bürstenfeger aber zog die Hände zurück zum Zeichen, daß sie sich nicht durch ein Versprechen binden sollten.
So waren sie aus seiner Hut entlassen und ritten davon.
Bei der Quelle banden sie ihre Maultiere an die Weide und stiegen auf den Pfirsichbaum hinauf. Singvögel stoben kreischend auseinander.
Nun pflückte jeder von ihnen vier der schönsten Pfirsiche, und sie wollten schon wieder herabsteigen, als Carlos den Vorschlag machte, sie oben zu essen, weil es ihm schien, daß sie dann besser schmeckten; und so saßen sie sich denn gegenüber, jeder auf einem dicken Ast, lautlos und beobachteten sich gegenseitig aufmerksam, und wenn einer einen Biß tat, wartete der andere eine Weile und biß ein etwas kleineres Stück ab; denn jeder wollte, um einen längeren Genuß zu haben, der letzte sein. Bei diesem stummen Ringen verhielten sie sich so mäuschenstill, daß sämtliche verscheuchten Vögel sich wieder zurückwagten, und es war ganz still bis weithin. Unten nur hörte man die Quelle murmeln, und oben war ein Kauen und Picken.
Als nun Carlos seine vier Pfirsiche verzehrt hatte, hatte Nicolás noch einen, den wollte er auf dem Heimweg essen. Sie kletterten wieder herab und stiegen auf ihre Maultiere, Nicolás in etwas gedrückter Stimmung, Carlos tief melancholisch.
Stumm ritten sie nebeneinander her. Nicolás hielt seinen Pfirsich in der Hand, strich mit den Fingerspitzen darüber hin, manchmal roch er daran, einmal wollte er hineinbeißen, besann sich aber und steckte ihn wieder in die Tasche.
Carlos schaute zu, seine Augen füllten sich mit Tränen, er wollte sich zur Resignation zwingen, aber der innere Kampf dauerte fort.
Plötzlich hielt er sein Maultier an, stieß einen schweren Seufzer aus und sagte zu seinem Bruder: „Ich reite zu Bernabé, dem Ziegenhirten, sage Herrn Dr. Bürstenfeger, ich werde in einer Stunde nachkommen.“ Dann wandte er sein Maultier, ritt zum Pfirsichbaum zurück und setzte sich auf den Ast, auf dem er vorhin gesessen war. Beschämt und zaghaft biß er in den ersten Pfirsich, dann aber wurde er kühner, und bald dachte er an nichts weniger, als an Herrn Dr. Bürstenfeger und seine inständige Bitte.
Als er endlich genug hatte, stieg er hinunter, setzte sich faul an den Baumstamm und war in kurzer Zeit, ohne daß er wußte wie, eingeschlafen.
Als er erwachte, verschwand gerade die Sonne hinter den Bergen, langsam krochen die Schatten die Ebene hinab.
Sein erster Gedanke war, daß er Herrn Dr. Bürstenfeger jämmerlich hintergangen hatte, und eine tiefe Traurigkeit erfüllte ihn. Er saß da, den Kopf an den Baum gelehnt, und weinte vor Reue.
Aber es war schon spät, und er mußte an die Rückkehr denken.
Im Schritt, die losen Zügel in der Hand, ritt er heimwärts; er war aber noch keine Viertelstunde geritten, als er sich mit Schrecken erinnerte, daß unter dem Baume die Kerne der vielen gegessenen Pfirsiche lagen, die würden ihn verraten, er kehrte daher um und vergrub sie nahe bei der Quelle. Schon wollte er wieder aufs Pferd steigen, als ihn plötzlich der Gedanke überfiel, aus den Kernen könnten Pfirsichbäume wachsen, und obgleich er wußte, daß es noch in weiter Ferne lag, ließ der Gedanke ihm doch keine Ruhe, er scharrte die Kerne wieder aus und steckte sie in seine Rocktasche.
Als er im Gut ankam, war die Ebene schon ganz vom Abend beschattet. Aber fern am Horizont stieg blutrot der Mond auf.
Vor ihm stand Herr Dr. Bürstenfeger.
„Du warst beim Ziegenhüter Bernabé“, sagte er, „du hättest nicht so spät heimkommen sollen, Karl.“
Ganz harmlos, etwas vorwurfsvoll sagte er das, und doch war etwas wie leises Mißtrauen in seiner Stimme.
„Ich war beim Ziegenhirten Bernabé“, antwortete Carlos. Seine Stimme zitterte, er blickte Herrn Dr. Bürstenfeger nicht in die Augen. Trotz der ziemlichen Dunkelheit sah Herr Dr. Bürstenfeger, daß Carlos über und über rot war.
Da wußte er, daß er ihn belogen hatte, und stumm wandte er sich ab, von Beschämung überwältigt.
Carlos aber ging ins Zelt, legte sich zu Bett und schluchzte in die Kissen hinein.
Nach Paraguay
Im Garten blühten die Veilchen, es duftete der Mimosenbaum; aber der Winter hatte schon lange begonnen.
In der Frühe standen Carlos und Nicolás im Garten vor dem Springbrunnen. Der bronzene Reiher streckte den Kopf in die Höhe, und kalte Tropfen rieselten ihm über Hals und Brust in das Bassin herab, wo sich eine dünne Eisschicht gebildet hatte. Die Knaben drückten den Finger darauf, daß sie brach, und sie dachten: Hundertmal so dick und tausendmal so weit, und es ist ein Fest in Europa, die roten Lampions leuchten, auf großen Tribünen spielt die Musik, und man schwebt wie auf weiten Flügeln über die Fläche.
So hatte es Tia Lolita erzählt und ähnlich auch Herr Dr. Bürstenfeger.
Tia Lolita war die jüngste Schwester ihrer Mutter; die Knaben nannten sie aber gewöhnlich nur Lolita.
Sie war sechzehn Jahre alt, hatte langes, goldblondes Haar und trug ein blaues Kleid mit Matrosenkragen. Jedermann sagte, sie sei ein ungewöhnlich schönes Mädchen. Carlos und Nicolás meinten: vielleicht das schönste auf der ganzen Welt.
Damals, als sie noch im Kloster erzogen wurde, sahen die Knaben sie nur manchmal des Sonntags. Dann aber spielte sie mit ihnen, erzählte ihnen schöne Geschichten und ritt mit ihnen aus. Jetzt, da sie von Europa zurück war, wo sie sich mit der Großmama zwei Jahre aufgehalten hatte, kam sie beinahe jeden Tag zu ihnen auf Besuch.
In Herrn Dr. Bürstenfeger aber schien seitdem etwas Seltsames vorzugehen.
Oft mitten im Unterricht, wenn Carlos und Nicolás über einem Rechenexempel saßen oder aus dem Gedächtnis ein Lesestück niederschrieben, erhob er sich plötzlich, stampfte auf, ballte die Fäuste, setzte sich ans Klavier und phantasierte mit flammenden Backen, und seine Hände rasten über die Tasten, wie losgelassene Pferde auf der Pampa; mit einem Schlage aber hielt er inne, seufzte tief auf, und es war ein sehr wehmütiges Spiel, das nun folgte.
Manchmal, wenn Carlos und Nicolás hinten im Garten waren, sahen sie ihn auf der Terrasse auf und ab gehen, den Blick zu Boden gerichtet, wie in tiefe, melancholische Gedanken versunken. Es war die Zeit, wo er sonst immer die Hefte korrigierte; die Knaben wußten nicht, was es zu bedeuten hatte.
Eines Morgens, während der ersten Pause — Carlos und Nicolás schnitten Figuren aus einem Pappdeckel — klopfte es, und Tia Lolita stand im Zimmer.
Herr Dr. Bürstenfeger machte einen Schritt zurück, über und über errötend, verbeugte sich und wischte sich die Finger, die voll Kreide waren, an den Rockschößen ab.
Die Knaben sprangen auf, packten die Tante an beiden Armen und drehten sie im Kreise herum.
„Carlos und Nicolás“, sagte sie, die Hand an der Stirne, denn es war ihr schwindlig, „wir reisen in einigen Tagen alle miteinander nach der Kolonie Trinidad. Mama hält es nicht mehr aus!“
Die Knaben stürzten ins Zimmer ihrer Mutter: es war wahr, in einer Woche reiste man. —
Es goß in Strömen an dem Tage der Abfahrt.
Carlos und Nicolás knieten auf dem Sofa im Salon des Dampfers und schauten zum Fenster hinaus. Die Wolken hingen zerfetzt und niedrig. Aus dem Schornstein stieg schwarz der Rauch auf. Die Knaben folgten ihm mit den Blicken, und als er ganz hoch war, glaubten sie, er sei jetzt auch eine Wolke.
Man hatte vor drei Stunden Campana verlassen; große beladene Barken strichen vorüber, langsam, mit eingezogenen Segeln, die dunkel vom Regen waren. Carlos und Nicolás schauten auf die trübe Fläche des Stromes, auf der fortwährend Blasen entstanden und platzten. Leise pochte die Maschine.
Darauf setzten sie sich zu Tia Lolita, die melancholisch in einem großen roten Album blätterte, und verlangten, daß sie ihnen eine Geschichte erzählte.
„Das Märchen von Amlet!“ bat Carlos.
Herr Dr. Bürstenfeger, der in der Nähe saß und eine Idylle von Voß las, sah auf.
„Meinst du Hamlet? ... Aber das ist doch kein Märchen, sondern ein Trauerspiel!“
Carlos begriff das nicht recht, es war doch keine wahre Geschichte, sondern ausgedacht.
„Erzähle uns lieber das Märchen vom Swinegel und sine Fru, es ist viel schöner!“ rief Nicolás.
Herr Dr. Bürstenfeger sah manchmal auf, die Parallele schmerzte ihn.
Und Tia Lolita erzählte, um Carlos zu befriedigen, „das Märchen von Amlet“ und dann das Märchen vom Swinegel und sine Fru, um Nicolás zu befriedigen.
Herr Dr. Bürstenfeger hatte zugehört und war entzückt, er sagte sich: Hamlet ist doch eigentlich nichts für Kinder, aber wie hat sie gewußt, es ihnen nahezubringen, mit welch feinem Eindringen in die kindliche Seele!
Hundertmal schon hatte Tia Lolita ihnen das Märchen von Amlet erzählt, und hundertmal schon das Märchen vom Swinegel und sine Fru; aber es war immer wieder eine neue Geschichte für sie.
Carlos sagte: „Armer, armer Amlet, aber auch armer Polonius!“
Über das Schicksal der Ophelia jedoch waren sie sehr erfreut, Tia Lolita hatte nämlich, um ihre Gemüter nicht zu sehr zu belasten, es von Grund aus umgestaltet und einen fröhlichen Ausgang erdacht.
Nicolás sagte: „Beim Märchen vom Swinegel und sine Fru kann man auch traurig und lustig sein, die Swinegels sind komisch, aber der Hase tut mir leid.“
Tia Lolita bestätigte das, und Herr Dr. Bürstenfeger lächelte nachsichtig und milde.
Es wurde zu Tische geläutet, nachher ging Herr Dr. Bürstenfeger in seine Kabine, um ein Mittagsschläfchen zu halten.
Carlos und Nicolás spielten mit Tia Lolita Fangen, und dann versteckten sie sich, und sie mußte sie suchen.
Carlos war schlau; er wußte, daß sie schwerlich auf Deck gehen würde, weil es in Strömen regnete, ging hinauf und duckte sich in eine Taurolle.
Nach seinem Mittagsschläfchen begab sich Herr Dr. Bürstenfeger in den Salon; er fand die Knaben nicht, suchte sie und sah sie schließlich oben auf Deck mit aufgespannten Regenschirmen bei Backbord sitzen, jeder eine lange Angelrute in der Hand. Die gehörten dem Schiffskommissär. Sie hatten sie vor seiner Kabine stehen sehen, und auf ihre Frage, ob er erlaube, daß sie damit Fische für das Abendessen fingen, war er überaus erfreut darüber gewesen; und nun saßen Carlos und Nicolás bereits dreiviertel Stunden lang da und fingen nichts.
Der Lehrer legte ihnen die Hand auf die Schulter und belehrte sie, es sei bei der schnellen Fahrt nicht gut möglich, Fische zu fangen, und der Schiffskommissär, der weiter hinten unter Dach stand, lachte und meinte, die Fische müßten lange Beine haben, und warnte sie vor dem Kapitän, der beleidigt sei, denn sein Schiff sei kein lahmer Klepper.
Bei Tisch sahen Carlos und Nicolás nach der Spitze, wo der Kapitän saß, und waren nachher furchtbar froh, weil er nichts gesagt hatte.
Heute hatte man frei gehabt, aber morgen war Schule ...
„Wir werden gesattelt“, sagte Carlos zu Nicolás, als Herr Dr. Bürstenfeger sie zum Unterricht abholte. Sie meinten, so müsse es auch ihren Ponys zumute sein, wenn die Knaben mit ihren Zäumen kamen.
Übrigens war es ungewiß, wer diesen Witz erdacht hatte, Carlos oder Nicolás. Der Witz war alt, jeder nahm ihn für sich in Anspruch, und sie hatten sich manchmal ernstlich darüber gestritten.
Auf Carlos’ Vorschlag führten sie seit einiger Zeit ein Notizbuch in der Tasche, und machte einer von ihnen einen Witz, so wurde er sofort in beide Hefte eingetragen und darunter geschrieben:
Diesen Witz hat Carlos (oder Nicolás) am 5. November 18.. um 4 Uhr nachmittags auf einem Ritt nach Flores gemacht.
Es folgten dann beide Unterschriften.
Aber auch dies lief nicht immer ohne Streitigkeiten ab, denn oft war der andere geneigt, den Witz zu schlecht zu finden, als daß er notiert werden sollte, was ihn aber manchmal nicht daran hinderte, später, als er bereits längst vergessen schien, darauf zurückzukommen und für sich die Autorschaft zu beanspruchen. —
In Herrn Dr. Bürstenfegers Kabine lag alles fein säuberlich nebeneinander: das Rechenbuch, das Lesebuch, die französische Grammatik, zwei Hefte und zwei gespitzte Bleistifte.
Sie setzten sich. Zuerst kam das Rechnen, dann folgte Französisch.
Draußen vor der Tür aber war Geräusch zu hören, ganz sicher stand dort jemand und horchte.
Carlos wurde unruhig. Herr Dr. Bürstenfeger aber tat, als höre er nichts. Er öffnete die Grammatik und las:
„Ma tangt a oublie song parablü“, und Carlos übersetzte: „Meine Tante hat ihren Regenschirm vergessen.“
Herr Dr. Bürstenfeger las: „Hannibal frangschi les Alp.“
Carlos starrte nach der Tür. Er hörte kichern, ganz deutlich sah er ein Auge durch das Schlüsselloch.
Er würgte und übersetzte: „Hannibal hat seinen Regenschirm vergessen.“
Herr Dr. Bürstenfeger fuhr auf, er glaubte, Carlos erlaube sich einen Scherz. Dann aber erkannte er seine Verwirrung.
Er stand auf, ging entrüstet nach der Tür und öffnete.
Es war Tia Lolita gewesen, die schnell entschlüpft war, ohne daß Herr Dr. Bürstenfeger sie gesehen hatte.
Der Unterricht wurde fortgesetzt.
Zum Schluß kam das Freiturnen, der Gesang wurde ausgelassen.
Herr Dr. Bürstenfeger öffnete die Luke, damit frische Luft herein käme, und es wurde mit der Kniebeuge begonnen, zuerst er und Carlos allein, weil zu wenig Raum in der Kabine war.
Carlos dachte: Wir bewegen uns auf und ab wie die Kolben unten in der Maschine. Er empfand es aber nicht als einen Witz, weil er zu erbittert war ...
In der Nacht schliefen Carlos und Nicolás lange nicht ein vor Aufregung; am Morgen würden sie ihr Landgut passieren, noch nie waren sie im Schiff daran vorbeigefahren. Außerdem hatten sie einige Tage vor ihrer Abfahrt einen Brief an den Verwalter geschrieben, unter welchen die Mama ihre Unterschrift gesetzt hatte. Darin stand, daß, wer Zeit hätte: der Capataz, Ramon der Stallknecht, Juanita die Tochter des Schafhirten, Juan der Sohn des Capataz, sich, sobald das Schiff in Sicht wäre, ans Ufer begeben sollte, weil Carlos und Nicolás mit dem Taschentuch winken wollten.
Die Knaben baten den Kapitän, sich möglichst nahe an der Küste zu halten, und gaben ihm den Grund an.
Der Kapitän, der ihnen scheinbar das Fischen gar nicht übelgenommen hatte, erklärte sich bereit, und wirklich fuhr er so nahe daran vorbei, als er konnte.
Von allem Gesinde aber waren nur Ramon der Stallknecht und Miguel der Koch anwesend.
Carlos und Nicolás waren ganz außer sich vor Freude, winkten und schrieen, man konnte aber nichts verstehen.
In gestrecktem Galopp kam plötzlich Juan auf Carlos’ Pony, das er ihm für die Zeit seiner Abwesenheit geliehen hatte, dahergeritten.
Um zu zeigen, daß er so schnell als das Schiff sei, ritt er in Karriere mit diesem parallel und hieb unbarmherzig auf das Pferd ein; mit seinem dicken Bauch und seinem kurzen Halse glich es einer dahinstürmenden Wildsau.
Carlos hatte sich anfangs gefreut, dann aber begann er, sich über Juan zu ärgern.
„Hau nicht so! Hau mein Pferd nicht so!“ schrie er, „sonst hau ich dich!“
Juan aber kehrte sich nicht daran, erstens weil er nichts hörte, und zweitens, weil Carlos ihn doch nicht hauen konnte.
Die Passagiere aber lachten. —
Man hatte bereits San Nicolas, Rosario und Santa Fé hinter sich.
Die warme Luft des Nordens begann sich schon bemerkbar zu machen. Heute war ein schöner, windstiller Tag.
Nach dem Mittagessen lag man auf Deck unter dem aufgespannten Toldo auf langen Strohstühlen und trank schwarzen Kaffee und rauchte Zigaretten.
Auch Herr Dr. Bürstenfeger war oben, lag aber nicht, sondern saß, auch rauchte er nicht Zigaretten, sondern eine leichte Bremer Zigarre, von denen er einen großen Vorrat aus Deutschland mitgebracht hatte, ohne sie dem Zoll vorzuenthalten.
Zwei Stunden später hielt plötzlich das Schiff mit starkem Erbeben an, die Schaufelräder bohrten sich in den Grund, ein Dutzend Gläser und sechs Flaschen zerbrachen, ein Buch fiel in Herrn Dr. Bürstenfegers Kabine vom Netz. Es war Wassertiefstand, und man war auf eine Sandbank aufgefahren. Es war aber weiter kein Unglück geschehen.
Gegen Dämmerung kam ein großes Dampfschiff den Strom herab; mit Tauen versuchte es das andere frei zu machen, aber es war umsonst.
Am Morgen jedoch, als Carlos und Nicolás erwachten, war man bereits wieder in voller Fahrt begriffen. Ein Sturm hatte in der Nacht das Schiff flott gemacht.
Vor Ablauf einer Woche langte man in Formosa an. Man ging ans Land. Auf einem Balkon saß ein schönes kleines Mädchen, fächelte sich mit einem Papierfächer und kokettierte zu Carlos und Nicolás herab. Carlos und Nicolás blieben stehen und lächelten hinauf, Herr Dr. Bürstenfeger drängte vorwärts; das schöne kleine Mädchen klappte den Papierfächer zu und lachte.
Sieben Stunden war man bereits wieder unterwegs; ein Dampfer mit Militärbesatzung fuhr stromabwärts. Es galt, Formosa zu Hilfe zu kommen, das soeben von Horden von Tobasindianern angegriffen worden war.
Carlos und Nicolás hörten die Nachricht und waren trostlos, daß ihr Schiff so früh abgefahren war, so daß sie sich nicht am Kampfe beteiligen konnten. Es fiel ihnen plötzlich ein, daß das kleine schöne Mädchen, das in Formosa auf dem Balkon gestanden hatte, in großer Lebensgefahr sein müsse. Niemals würden Carlos und Nicolás erfahren, ob sie tot sei, denn sie hatten die Straße, wo sie wohnte, vollständig vergessen, auch konnten sie sich ihres Gesichtes gar nicht mehr erinnern, so starken Eindruck es auch auf sie gemacht hatte. Und sie waren erfüllt von Traurigkeit.
Ganz in der Frühe hielt wieder der Dampfer an. Vom Lande wurde eine lange Brücke bis zum Schiff geschlagen, ein langer Zug von Indianern und Indianerinnen brachte Orangen an Bord in großen Körben, die sie auf den Köpfen trugen.
Bis spät nachmittags dauerte das Verladen. Auf dem vorderen Teil des Schiffes ragte ein goldener Berg von Orangen, ein leiser Wind ging und brachte den Duft herüber.
Carlos und Nicolás gruben sich ein Loch in den Berg, kauerten hinein und aßen Orangen.
Der Kapitän sah es, auch die Verlader sahen es, sagten aber nichts.
Die Knaben jedoch glaubten von niemandem beobachtet zu sein und fanden es romantisch und abenteuerlich.
Gegen Dunkelwerden fuhr man ab. —
Am Morgen nach dem Frühstück — die Knaben saßen im Eßzimmer — erscholl plötzlich auf Deck Gewehrschießen. Sie sprangen auf und eilten hin, Herr Dr. Bürstenfeger sehr besorgt hinter ihnen her.
Oben wurde auf Alligatoren geschossen, die sich auf dem nahen Ufer sonnten.
Vor einer Stunde hatten sich die ersten gezeigt, bis jetzt zählte man bereits über zwanzig; zwei Passagiere hatten ihre „Remingtons“ heraufgebracht, und andere eilten, es ihnen nachzutun.
„Karl und Nikolaus,“ rief streng Herr Dr. Bürstenfeger, „kommt zum Unterricht herab!“
Carlos begann zu weinen, Nicolás war sehr niedergedrückt. Aber es half nichts.
Es wurde die Grammatik aufgeschlagen, und Carlos las: „Après la bataille de Marathon ...“
Oben auf Deck aber krachte ein Schuß nach dem andern.
„Après la bataille de Marathon ...“ heulte Carlos. „Oh, Herr Dr. Bürstenfeger, lassen Sie uns hinauf!“
Aber Herr Dr. Bürstenfeger wehrte streng ab.
Er hätte wohl den Unterricht verschoben, wenn es sich um eine würdigere Sache gehandelt hätte, aber er wollte nicht, daß Carlos und Nicolás ihren Spaß daran hätten, daß Tiere getötet werden.
Da ging die Türe auf, und Tia Lolita stand in der Kabine.
„Herr Dr. Bürstenfeger,“ bat sie, „lassen Sie die Knaben hinauf!“
Herr Dr. Bürstenfeger war blutrot. Er verbeugte sich und sagte flehend: „Mein gnädiges Fräulein, ich bitte ... ich bitte Sie ... nein ... mein gnädiges Fräulein ...!“
Es war umsonst, Tia Lolita kehrte unverrichteter Sache zurück.
Es waren aber nicht drei Minuten vergangen, da schlug er plötzlich sein Buch zu und rief, während seine Stimme vor Beschämung bebte: „Geht hinauf, Karl und Nikolaus, geht hinauf!“ —
Am Abend war man in Asuncion.