Anhang I.

Denkschrift des Herrn Prof. O. Warburg zur Begründung der Kautschuk-Expedition.[2]

Eine wie große Bedeutung der Kautschukhandel namentlich infolge der Entwickelung der Elektrotechnik und des Radsports erreicht hat, ist bekannt genug. Es braucht nur darauf hingewiesen zu werden, daß, während 1830 erst 230 Tons nach Europa eingeführt wurden und 1840 (im Jahre der Entdeckung der Vulkanisation des Kautschuks) 400 Tons (von Para kommend) den gesamten Weltbedarf deckten, der Konsum im Jahre 1896 schon auf 31541 Tons gestiegen ist, welche Summe einen Wert von 200 Millionen Mark repräsentiert.

Nacheinander wurden sämtliche tropische Gegenden für die Gewinnung von Kautschuk in Anspruch genommen, in den meisten Gegenden freilich in derart ruchloser Weise, daß nach wenigen Jahren steigender Ausbeute die natürlichen Bestände so gut wie vernichtet waren. Centralamerika, die Heimat des schönen Castilloa-Kautschuks, liefert nur noch ganz geringe Mengen, so daß man sich daselbst jetzt mit Energie auf die Kultur dieser Bäume zu werfen beginnt. Der gesamte Export Süd- und Mittelamerikas, abgesehen von Brasilien, betrug 1896 mir 1773 Tons, d. h. nur 5.6 pCt. der Totalproduktion. Der nie sehr bedeutend gewesene Kautschukexport Südasiens befindet sich seit Jahren in Abnahme und betrug 1896 etwa 1393 Tons, d. h. 4.4 pCt. der Weltproduktion. Für Brasilien liegen die Verhältnisse insofern günstig, als im Amazonas-Gebiet den feinen Para-Kautschuk große Bäume (Hevea) liefern, die recht widerstandsfähig sind; außerdem hat sich daselbst eine immer mehr vervollkommnete Methode des Anzapfens ausgebildet, so daß die Produktion dieses gewaltigen, zwei Drittel Europas gleichkommenden Gebietes stets wächst und von 10018 Tons 1882/83 auf 22290 Tons (etwa 140 Millionen Mark) im Jahre 1896 gestiegen ist. Die im Amazonas-Gebiet lebenden Sachverständigen sind allgemein der Ansicht, daß von einer Erschöpfung des Vorrates noch für lange hinaus keine Rede sein kann.

In aufsteigender Richtung bewegt sich augenblicklich auch noch die Kautschukausfuhr Afrikas, die aber 1896 erst 9111 Tons, das sind 28.9 pCt. Gesamtproduktion betrug, wovon nicht weniger als 6933 Tons nach Liverpool gingen, und zwar 1890 Tons von der Nordwestküste (Senegambien, Liberia, Gold-, Elfenbein- und Sklavenküste), 2352 Tons aus Lagos, 975 Tons aus Sierra Leone, 1716 Tons von Madagaskar und Mozambique. Dazu kommen 501 Tons vom Congostaat, meist nach Antwerpen gehend, und 675 Tons der deutschen Schutzgebiete, meist nach Hamburg gehend.

Was die deutschen Kolonien in Afrika betrifft, so bildet der Kautschuk zwar einen der bedeutendsten Ausfuhrartikel Kameruns und Ostafrikas, und auch Togo exportiert nicht unbeträchtliche Quantitäten; die Zeit des Aufschwunges in Bezug auf diesen Artikel ist aber schon für unsere Kolonien vorbei, Togo und Kamerun zeigen schon wieder beträchtliche Abnahmen, in Ostafrika hat zwar noch im letzten Jahre die Quantität etwas zugenommen, aber nur noch sehr wenig und wahrscheinlich nur infolge der vermehrten Anfuhren aus Portugiesisch-Ostafrika; es dürfte kaum einem Zweifel unterliegen, daß sich auch hier schon in einem der nächsten Jahre ein bedeutender Minderexport zeigen wird.

Kamerun exportierte

1893 413758 kg im Werte von 1426874 Mk.
1894 409061 1304218
1895 352502 1102802
1896 340301 1077776 [3]

Togo exportierte:

1893 28637 kg im Werte von  99254 Mk.
1894 30582 115621
1895 87498 306123
1896 82645 297524
1897 66156 245369 [4]

Deutsch-Ostafrika exportierte:

1893 499994 engl. Pf. im Werte von 232598 Dollar
1894 415429 247470
1895 503320 683260 Rupies
1896 611446 721896
1897 619264 851298 [5]

Noch schlimmer ist der Rückgang in anderen afrikanischen Gegenden, und zwar gerade in solchen, wo der Kautschuk zuerst in größeren Mengen exportiert wurde. So betrug der Gesamtexport des berühmten altbekannten Madagaskar-Kautschuks im Jahre 1896 nur noch 536783 Frcs., und der Mozambique-Kautschuk, von dem schon 1887 445567 kg exportiert wurden, war 1894 und 1895 schon auf 2500 Säcke, 1896 auf 2000 Säcke zurückgegangen, während der Export des Jahres 1897 auf nur 50 pCt. der Ausfuhr des vorhergehenden Jahres angegeben wird. Dabei besteht (Kolonialblatt 1898 S. 359) „fast 75 pCt. der Gummiausfuhr aus sogenanntem gekochten Gummi, dessen Qualität sich von Jahr zu Jahr verschlechtert hat, so daß derselbe kaum noch einen Wert für den europäischen Markt besitzt“. Auch an der Goldküste, von wo 1893 für 218162 Pf. Sterl., 1894 sogar für 322070 Pf. Sterl. Kautschuk exportiert wurden, hat sich die Ausfuhr 1896 etwas verringert (Kolonialblatt 1898 S. 145), ebenso im französischen Congo, von wo der Export betrug

1895 574146 kg
1896 546355
1897 518270

Auch in Angola scheint sich jetzt schon ein Rückgang oder wenigstens ein Stillstand vorzubereiten. Während der Kautschukexport von 14607 kg im Jahre 1870 auf 2105771 kg im Jahre 1895 gestiegen war, betrug der Export im Jahre 1896 erst 2285995 kg, also nur sehr wenig mehr, und von den südlichen Provinzen ist sogar ein merklicher Rückgang erkennbar, in Mosamedes von 44586 auf 12740 kg, in Ambriz von 4186 kg auf 2094 kg in den beiden Jahren 1894 und 1895.

Für Britisch-Centralafrika, welches 1893 539 englische Pfund (33 Pf. Sterl.), 1894 noch 144 englische Pf. (6 Pf. Sterl.) exportierte, wird Kautschuk jetzt gar nicht mehr erwähnt, vom Niger Coast Protectorate kommt nur gelegentlich etwas Kautschuk. Portugiesisch-Guinea exportierte 1895 nur für 90287 Milrs. (1 Milrs. etwa 3 Mk.). Selbst in Lagos, welches infolge der Entdeckung des Silkrubber (des angeblichen Kickxia-Kautschuk) zu so plötzlicher Bedeutung gelangte, daß 1895, d. h. ein Jahr nach der Entdeckung, 5069504 englische Pfund im Werte von 269892 Pf. Sterl. exportiert wurden, ist seitdem infolge der maßlosen und ungeregelten Ausbeutung der dortigen Kautschukbäume die Gummigewinnung wieder auf einen kleinen Betrag zusammengeschmolzen. (Kolonialblatt 1897 S. 637.)

Ceara-Kautschukbaum in Gr. Batanga.

Die einzige große Zunahme zeigt der Congostaat, wie aus folgender Tabelle hervorgeht (Kolonialblatt 1895 S. 20):

1886  18069 kg im Werte von Frcs.
1887  30050 116768
1888  74294 260029
1889 131113 458895
1890 123666 556497
1891  81680 326720
1892 156339 625356

Dann stieg der Export rapide, betrug 1895 schon über 500000 kg (im Werte von 2882585 Frcs.) und 1896 bereits 1195000 kg. Für 1897 wird der Export auf 1500000 kg (1500 Tonnen) geschätzt. Man erwartet sogar für die Zukunft einen Export von 4000 Tonnen pro Jahr aus dem Congostaat.[6]

Die Ursachen der auffälligen Erscheinung der Abnahme des Kautschuks in den meisten Teilen Afrikas gegenüber der Zunahme in Brasilien sind in der unvernünftigen Ausbeutung durch die Eingeborenen Afrikas zu suchen; wobei freilich zuzugeben ist, daß es viel schwieriger ist, Lianen (wie in Afrika) rationell anzuzapfen, als die großen, den Para-Kautschuk liefernden Bäume. Aber auch wo es sich um Bäume handelt, wie beim Silkrubber in Lagos, hat man in Afrika (ebenso wie in Centralamerika auch die Castilloa) die Bäume in kurzer Zeit vernichtet. Der Congostaat ist bisher von der Abnahme des Exportes an Kautschuk verschont geblieben, einerseits, weil die Ausbeutung dort noch zu jung ist und jetzt erst anfängt, weiter ins Land hinein vorzudringen; dann aber auch, weil die Regierung bemüht ist, durch Belehrung und Strafen eine rationelle Ausbeutung zu erzwingen. Namentlich ist hierdurch teilweise eine Güte des Produktes erzielt wie fast nirgends in Afrika, am allerwenigsten in unseren Schutzgebieten, so daß manche Kautschuksorten des Congo-Gebietes neuerdings dem guten Para-Kautschuk an Wert kaum nachstehen sollen.

Von welcher Bedeutung diese enorme Zunahme der Kautschukausfuhr des Congostaates für das belgische Mutterland ist, sieht man an dem zunehmenden Kautschukhandel Antwerpens, welcher Platz jetzt auch sogar schon beginnt, Kautschuk anderer Provinzen (z. B. der Goldküste und Angolas) an sich zu ziehen. Der Kautschukimport Antwerpens betrug

1889    5 Tonnen
1890   30
1891   21
1892   63
1893  167
1894  275
1895  531
1896 1116

Nach Hamburg wurden an Kautschuk eingeführt:

1894 4771 Tonnen im Werte von 16148120 Mk
1895 5424 18819850
1896 7191 25108210

so daß also unser großes Emporium augenblicklich einen mehr als sechsfach so bedeutenden Kautschukhandel hat als Antwerpen und fast ein Viertel der gesamten Weltproduktion nach Hamburg gelangt.

Weit weniger erfreulich stellt sich aber die Sache dar, wenn wir den Herkunftsländern des in den Hamburger Handel gelangenden Kautschuks nachgehen. Nicht weniger als 3832 Tonnen, also über die Hälfte der gesamten Einfuhr, gelangt erst über andere europäische (nicht deutsche) und nordamerikanische Häfen nach Hamburg, darunter 2895 über Großbritannien, 209 über Belgien, 174 über Frankreich, 117 über Portugal, 138 über die Niederlande, 131 über die Vereinigten Staaten etc. Aus Brasilien kommen nur 69 Tonnen direkt, aus Afrika dagegen 2864, d. h. fast ein Drittel der gesamten afrikanischen Ausfuhr, darunter

aus Deutsch-Westafrika  305
Deutsch-Ostafrika 1700
dem übrigen Westafrika  204
Sansibar   51
dem übrigen Ostafrika  326
Madagaskar  276

Es wird hierdurch also die auch sonst, geltende Regel bestätigt, daß der Handel der Flagge folgt; nur Westafrika teilweise, sowie Madagaskar, wo gerade viele deutsche Häuser ansässig sind, machen darin eine Ausnahme; schon Sansibar exportiert trotz der vielen dort ansässigen deutschen Häuser den größten Teil nach England, und nur von den deutschen Schutzgebieten geht der größte Teil (⅔ bis ¾) direkt nach Deutschland.

Wir sehen also aus diesen Erörterungen, daß

  1. der Kautschukhandel stetig und rapide wächst,
  2. Deutschland im Kautschukhandel eine hervorragende Stellung einnimmt,
  3. der Kautschukhandel sich im allgemeinen nach der Flagge des Landes richtet,
  4. der Kautschukexport Brasiliens stetig zunimmt,
  5. der Kautschukexport in Afrika nur noch im Congostaat beträchtlich zunimmt, in den meisten Ländern hingegen abnimmt,
  6. der Kautschukexport Deutsch-Westafrikas schon bedeutend abnimmt, derjenige Ostafrikas kaum mehr zunimmt.