Liebe.
Es war spät geworden. Norine lag mit weitgeöffneten Augen in ihrem Bette. Die Erregungen des Tages ließen sie nicht schlafen. Es war ihr, als müsse sie wachen, um zu verhüten – nein doch – es war nicht nötig. Paul Dierkes hatte ja versprochen – Paul war ein guter Junge, ein sehr guter Junge, und sie wollte es ihm ewig danken, daß er in dem Stall auf der harten Erde – der Stallfußboden war sehr hart und nicht jeder Junge würde sich eine ganze Nacht hindurch hinkauern, blos um ihr einen Gefallen zu thun; und wach bleiben müßte er auch, denn wenn die Frau wirklich – ob sie wohl wirklich die Katzen so haßte? Ob sie es vorhatte, sie zu töten – zu ersäufen? O weh, welch ein Gedanke! Ersäufen? ihre Mietz – ihre geliebte alte Mietz, und die kleinen weißen Jungen, die so dumm und lieb mit der Schnauze herumleckten, wenn sie ihnen das Milchnäpfchen brachte – und die ganz jämmerlich schreien würden, wenn sie ersäuft – nein, nein – sie sollten nicht – sie durften nicht – Mietz würde auch kratzen – Mietz konnte kratzen, aber vielleicht würde sie die arme alte Katzenmutter heimlich von hinten packen und sie in das kalte Wasser – o nein – nein! Das Kind schrie bei dem Gedanken entsetzt auf. Mit einem Satz sprang es zum Bette hinaus und an das Fenster. Ha, wie dunkel es draußen war! Wie still! Und das Katzenhaus lag so einsam da – und ringsum regte sich nichts – gar nichts – – oder doch? – es regte sich was. Es ging jemand. Eine Gestalt kam die Hintertreppe herab und trat auf die Stallthüre zu – eine Frau war's – sie – die Stiefmutter – o Gott – die Katzen! Wenn sie herunter könnte – aber nein doch – Paul war ja da – Paul würde verhüten – o die böse Frau – die böse – die so gethan hatte, als könnte sie gut sein – gut sein – eine Frau, die den armen Tieren ein Leids anthun wollte – war nicht gut. Nur böse Menschen – nur böse Stiefmütter konnten Tiere hassen, und Katzen waren Tiere so gut wie andere, aber wie sollte sie, eine Stiefmutter, Katzen lieb haben? sie, die nie einen Liebling – doch – sie hatte ja ihren Vogel, dem sie Zucker reichte. Wie würde es ihr vorkommen, wenn jemand ihren Liebling heimlich faßte und – ha – welch ein Gedanke!
Norine stand einen Augenblick sinnend aufrecht und blickte mit finster zusammengezogenen Brauen in den Hof hinab. Der Rachegedanken, der ihr plötzlich gekommen, packte sie wie ein Blitz.
Das war's. Ja – das war's. Wenn sie meine Katzen holt – und – ja doch – da ging sie ja direkt auf den Stall zu, und jetzt – jetzt stand sie am Stalle und sprach durch die geschlossene Thüre auf Paul Dierkes ein, und er? – Paul mußte wohl Antwort geben, denn sie machte eine kleine Pause, als ob sie lauschte, und sprach von Neuem. Norine konnte nichts verstehen – sie starrte angstbeklommenen Herzens auf die Umrisse der Frau und auf die Stallthüre, die sich – war es denn möglich? – plötzlich öffnete, um Paul – Paul selbst herauszulassen. Norines Augen blitzten. Glühend heiß schoß es ihr in die Wangen. Was war geschehen? Was bedeutete das? Was hatte die Frau gesagt? womit dem Freunde gedroht? denn gedroht mußte sie haben, sonst verließ Paul seinen Posten nicht, und da – da standen sie beide – sie mit einem Fuß auf der Schwelle des Katzenhauses und Paul draußen – und jetzt würde sie hineingehen und die armen Tiere – o die Böse! die Schlechte! Norine fuhr mit jähem Ruck in die Höhe – die ganze Entrüstung ihres leidenschaftlich heftigen Herzens im Antlitz.
»Warte, du!«
Über den Korridor huschten leise Füßchen. An den Wänden entlang tappten sich unsichere Kinderhände. Die in weißem Nachtgewand dahinschleichende Gestalt der Kleinen blieb vor der Wohnzimmerthüre der Stiefmutter eine Sekunde lang horchend stehen, dann öffnete sie rasch und hastig und trat ein. Ringsum war alles still. Das Mondlicht fiel durch das offene Fenster und beleuchtete das Innere des Gemaches. Dort in der rechten Ecke stand der Käfig, jetzt mit einem leichten Battistzeug verhangen. Des Kindes Augen starrten – Leidenschaft und Haß im Ausdruck – darauf hin und rasch entschlossen riß sie das Tuch hinweg. Erschreckt flatterte das Tierchen auf und klammerte sich eingeschüchtert an den Gitterstäben fest. Des Kindes Hände faßten nach der Käfigthüre. Des Kindes Augen erglänzten triumphierend, als es, ohne zu zögern, die kleine Pforte öffnete. Anhaben konnte sie dem Tierchen nichts – aber davonfliegen sollte es – fort von ihr – damit sie spürte, was es heißt, seine Lieblinge entbehren.
»Husch – husch!« Die Kinderhand scheuchte, das Tierchen flatterte unstät – zierpte – flog empor – sank herab und endlich ängstlich dem Fenster zu – Fort war es! Norine warf den Kopf zurück. Ihr Atem ging rasch.
»So – du!« Sie flüsterte die Worte mit einem Racheblick auf den Hofraum, dann streifte ihr Auge den leeren Käfig. Die Thüre stand noch geöffnet. Das leere Innere sah still aus wie ein Sarg. Norine wurde es unheimlich, sie tastete sich eilig dem Ausgang des Zimmers zu und schrak heftig zusammen, als ihr auf der Schwelle eine Gestalt entgegentrat.
»Norine!« Der Stiefmutter Stimme. Einen Augenblick des Schreckens und das Kind drückte sich in dem instinktiven Bestreben, sich zu verbergen, in den Schatten der Zimmerecke zurück.
»Norine!« Es war vergebens. Die Frau stand vor ihr. Norine sah auf. Die weiche Ansprache der Stiefmutter ließ sie ein Übergewicht des Rechtes empfinden. Was hatte sie auch anderes gethan, als Rache geübt? Und Rache durfte sie üben – wenn man ihr so viel böses anthat – wenn man ihr ihr liebstes – ihre Mietz – heimlich ah – sie brauchte sich nicht zu verbergen, und wenn die böse Frau sie fragte, wer den Vogel –
»Norine – o Gott – der Käfig!«
Die junge Frau hatte – im Rahmen der Thüre stehend – die Unordnung im Käfig entdeckt – ihr Blick übersah das Ganze und es war ein Weheruf sowohl als eine Anklage, die ihren Lippen entfuhr. »Wer – o wer?« Norine sah einen Moment vor sich nieder. Fehlte es ihr nun doch an Muth?
O nein! Wie um sich in ihrem Entschluß zu stärken, warf sie den dunklen Kopf in den Nacken. Mit lauter Stimme, deren Festigkeit unter dem Auge der blassen Frau ins Wanken geriet, schleuderte sie ihr zornig ihre Antwort entgegen:
»Ich war's. Ich hab's gethan – so!«
»Norine!« Ein einziger schmerzlicher Ausruf – dann herrschte mehrere Sekunden lang im Zimmer Schweigen. Dem Kinde gegenüber stand die junge Frau und lehnte wortlos ihre Wange an den leeren Käfig. Ihre Brust wogte heftig – die bleichen Lippen zuckten. Als sie endlich aufsah, das Kind ansprach, vibrierte ihre Stimme vor unterdrückter Erregung. Es war die resolute Lehrerin, die aus ihr sprach, und die bestimmte Form – die knappe Rede – imponierte ersichtlich der Fremdheit halber dem Kinde.
»Du hast etwas böses gethan,« sagte sie leise und ernst, »vielleicht weißt du nicht einmal, wie bös. Du hast ein Tierchen grausam vertrieben, das ohne die gewohnte Pflege verhungern oder erfrieren wird. Du hast an den armen Vogel nicht gedacht, du wolltest nur mir etwas zufügen. Das kann ich übersehen, denn man hat dich aufrührerisch gemacht – aber du könntest deinen Groll auf mich weiter in grausamer Weise kund thun, und das muß ich verhindern. Gehe jetzt in dein Zimmer zurück – es ist notwendig, daß du den morgigen Tag allein bleibst und über dein Verhalten nachdenkst!«
Seltsam – daß das Kind ohne Widerrede davonging! Seltsam, daß es schweigend sein Zimmer erreichte! Lag in der Haltung der jungen Frau ein etwas, das unwillkürlich Gehorsam forderte? Oder war es die Dunkelheit und die ringsum lagernde Stille, die das Kind verschüchterten? Norine wußte es selbst nicht. Erst als der Morgen anbrach und ihr von Doris das Frühstück überbracht wurde mit der Benachrichtigung, daß sie tagsüber ihr Zimmer zu hüten habe, kamen Leben und Zorn und Trotz mit alter Gewalt über das Kind und in lautem Gepolter schlugen die kleinen Fäuste gegen die von außen verriegelte Thüre. Durch das Haus hallten ihre zornigen Rufe – lauter und lauter werdend. Wie konnte man es wagen, sie einzusperren? Sie wollte doch mal sehen, ob das so einfach ginge.
Heraus wollte sie – sofort heraus! Die Hände schlugen sich rot. Die Stimme rief sich heiser, die Füßchen hatten sich wund gestampft und Norine bedeckte – von leidenschaftlicher, ohnmächtiger Wut übermannt – ihr Gesicht mit den Händen und schluchzte hellauf.
O! wenn doch Paul da wäre! Paul würde schon Rat wissen, Paul würde es ihr schon zeigen – der Bösen – der abscheulichen Frau – sie dachte wohl – man würde sich das so ruhig gefallen lassen. O nein – das würde man nicht. Wenn sie dächte, man wisse nicht, weshalb die Stiefmutter sie einsperren ließ, so irre sie. Sie übersah die Sache ganz gut. Die Katzen sollten 'ran! Wahrscheinlich hatte das Paul gestern abend verhindert, und darum wollte sie heute – aber nein – das sollte ihr nicht gelingen – sie würde – sie würde – Norines Schluchzen ließ einen Augenblick nach. Das thränenfeuchte Gesichtchen hob sich energisch. Ihr Blick traf das Fenster. Dort, von dort aus konnte sie vielleicht – Norine beugte sich hinab. Enttäuscht fuhr sie zurück. Zu hoch! Und kein hervorspringendes Fenstersims – kein Halt. Wie sollte sie da? – horch, was war das? – Wer zischte ihr vom Zaun aus zu? Norine schob in erregter Hast einen Stuhl ans Fenster und sah hinaus:
»Ach – Paul!«
»Pst!« Der Knabe hing an der Außenseite der Holzmauer. Über derselben hob sich ein ungekämmter, blonder Kopf, den er in warnender Geberde nach dem Hause zu bewegte.
»Bin eingesperrt!« klagte Norine, das ablehnende »Pst« im Anblick des Freundes außer Acht lassend, und der Knabe schwang sich auf die Mauer und wiederholte durch Zeichen und Grimassen sein Begehr, von ihr nicht beachtet zu werden.
»Aber ich bin eingesperrt!« schluchzte Norine nochmals auf, »und meine Katzen!« –
Wiederum fuhren des Knaben Hände gestikulierend umher, und Norine glaubte in den Zeichen etwas Beruhigendes über ihre Lieblinge zu verstehen. »Sind sie noch da?« fragte sie ängstlich, und Pauls Kopf gab rasch nickend Bejahung, und Norine sah, wie der Knabe sich abwandte und – war's möglich? – mit zwar verlegener, aber doch richtiger Höflichkeit seinen Hut zum Gruß gegen jemanden lüftete.
»Guten Morgen, Paul!« Der helle Gruß kam vom Hofe herab.
Norine erkannte der Stiefmutter Stimme, und mit neu aufsteigendem bitteren Groll sprang sie vom Stuhl herab und in das Innere des Zimmers zurück.
Was wollte sie von Paul? Wozu war er gekommen? Warum that er so verlegen? Was bedeutete – –?
Norine hörte sie zusammen die Treppe hinaufsteigen, der Frau Stimme klang freundlich – gar nicht böse, und Paul? seine Stiefel knarrten – sie knarrten immer, wenn er leise zu gehen versuchte. Paul sprach wohl gar nichts – Norine hörte nur die andere gehaßte Stimme. Es öffnete sich die Wohnzimmerthüre. Sie schienen beide eingetreten zu sein. Was mochte sie mit dem Jungen wollen? Was hatte sie mit Paul zu reden? Norine kauerte sich vor ihr Schlüsselloch nieder. Die Stimme der Frau drang in halbverständlicher Rede zu ihr:
»Sie führte den Bäckerladen in unserer Stadt, und deine jetzige Mutter war ihre Halbschwester. Deine Mutter hatte sie gern. Ich weiß das genau, denn ich wurde als halberwachsenes Mädchen oft in den Laden geschickt, und dann sah ich es oft, wie deine Mutter, die Bäckerin, ihre Halbschwester im Hauswesen unterwies und ihr die Pflege ihres kleinen Sohnes – das warst du, Paul – anvertraute. Deine Mutter hatte sie lieb – und wenn sie das alles wäre, was du denkst, so hätte deine Mutter ihr nicht sterbend Mann und Kind anempfohlen – und das hat sie gethan. Du hast dich von ihr fern gehalten, seit sie an deiner Mutter Stelle getreten ist, und hast dir eingeredet, daß sie dich haßt. Sage mir nichts. Du hast es durch deine Lebensweise so weit gebracht, daß sie ratlos geworden ist und dich eben laufen läßt und« – die Rede brach ab. Paul machte scheinbar eine Entgegnung. Es gab eine kleine Pause, und Norine hörte einzelne Sätze – doch nicht im Zusammenhang.
»Unwahr von dir! Norine zu lieb – hast du gesagt – ganz unwahr – dich verbergen im Stall – wegen der entwendeten Kuchen – weil du dich fürchtest, nach Hause zu gehen. Gestehe, daß es so war! Ein Junge – Furcht vor Bestrafung. Und dem Kinde einreden – die Katzen – Willst du versprechen? –«
Norine schwirrte es im Kopfe. Soviel hatte sie verstanden, Paul war ein Treuloser. Er hatte nicht Großmut geübt, indem er seine Dienste zur Nachtwache antrug – er hatte sich dienen wollen, und sie hatte er glauben gemacht, daß – daß – ah – der Verräter, der abscheuliche Junge! Und stehlen that er auch – das konnte er nun nicht mehr ableugnen, und jetzt? Wie benahm er sich jetzt? Hockte drin ganz freundlich mit ihr – während sie – o! – sie war eine arme Hintergangene – ein verlassenes Wesen – das keinen wahren Freund hatte. Der Einzige, der immer so gethan hatte, als wenn er's so gut meinte – der war gerad' wie alle andern, und geliebt wurde sie von niemandem – von keinem Menschen – nur von ihren Katzen, und die – wer weiß, ob sie die jemals wiedersehen würde, denn selbst wenn die Frau da drinnen (Mutter würde sie niemals zu ihr sagen) die armen Tiere noch nicht überfallen hatte, so stürbe die Katzenbrut tagsüber vor Hunger – und sie, die sie wie eine Gefangene gehalten wurde, sie konnte dann auch sterben – ja, das konnte sie und das wollte sie auch, denn ohne ihre Mietz, ohne die lieben jungen Mietze konnte sie doch nicht sein – dann würde vielleicht der Paul Dierkes um sie weinen, und die andern auch – und Doris und der Vater – und alle die – die –
Norine kam mit ihrem herzbrechenden Phantasiebild nicht weiter. In heftigem Geschluchze warf sie sich auf die Erde nieder. Das heiße Gesichtchen wühlte leidenschaftlich erbittert auf den vorgestreckten Armen umher, während ihre Thränen unaufhaltsam stürzten. Stunden verstrichen. Das Kind lag regungslos auf der Schwelle, bis ihr, vom Weinen ermüdet, die Augen zufielen und sie unter schläfrigen kleinen Seufzlauten einschlief.
Die Mittagssonne war aufgestiegen und hatte sich wieder gesenkt, als Norine das sehr zerzauste Köpfchen hob und mit weit offenen Augen um sich blickte. Hatte sie Böses geträumt, daß ihre braunen Augen so starr und so entschlossen schauten? Die Lippen preßten sich auf einander und die Gestalt, die sich mit jähem Ruck auf die Füße stellte, blieb hochaufgerichtet, wie um sich gegen eine feindliche Macht zu rüsten, stehen.
»Ich will nicht!« schrie sie, sich plötzlich in losbrechendem Zorne gegen die Thüre werfend. »Ich will hinaus!« Ihre Hände faßten mit Aufwendung aller Kraft die Klinke und rüttelten.
Ein heftiger Ruck. Norine flog gegen die Wand zurück. Die Thüre war offen. Das Kind stand einen Augenblick verwirrt da und starrte geradeaus. Das Schloß war unversehrt. Man hatte also vorher geöffnet. Wie ein nach Freiheit lechzendes Wild schoß sie in den Korridor hinaus und die Treppe hinab. Ihre Katzen! Ihre armen Katzen!
Sicherlich waren sie tot – tot, wie sie im Traum gesehen – mit herabhängenden Pfötchen und geöffneten Mäulchen, und die Stiefmutter, die böse, stand triumphierend daneben, während sie wehklagte – –
Norines Füßchen trabten eiliger treppab. Mit hochklopfendem Herzen und zitternden Händen erreichte sie das Katzenhaus.
»Mietz – Mietz!«
Sie schrie es unwillkürlich – sie blieb vor Angst atemlos an der Thüre des Katzenhauses stehen.
Hatte sie sich getäuscht oder tönte ihr aus dem Innern desselben ein leises »Miau« entgegen? »Mietz!« rief sie noch einmal und ihre Stimme durchflog ein ängstlich freudiges Zittern – »Mietz!«
Sie stand horchend auf der Schwelle. Das Auge gewöhnte sich schwer an das dumpfe Licht. Sie trat näher und spähte hinein. Ein unterdrückter Ausruf des Schreckens zuerst – dann des Staunens entfuhr ihrem Munde.
Vor ihr auf der Erde – auf dem Holzblock, den sie einzunehmen gewohnt war, saß die Stiefmutter, auf ihrem Schooße – sechs weiße Kätzchen, in ihren Händen – sie waren weiß und weich, diese Hände – eine Schale mit Milch und geweichtem Brot.
Die Frau hob bei Norines Eintritt den Kopf. Sie lächelte. Und bei dem Lächeln zog es wie tiefe Beschämung in des Kindes Herz.
Regungslos – reuig – thränenvoll blickte sie in das schöne blonde Frauenantlitz, das mit solch gütigem Ausdruck zu ihr aufsah.
»Komm herein, Norine,« sprach der lächelnde Frauenmund, »die Tierchen wissen, daß ich mich ein wenig fürchte, und darum gewöhnen sie sich etwas schwer an mich – komm' herein!«
Norine regte sich minutenlang nicht. Ein nie gekanntes Gefühl von Weichheit und überströmender Wärme durchflutete ihr Inneres, und in ausbrechendem Gefühl von Reue und Liebe stürzte sie laut aufweinend zu der blassen Frau hin.
»Ich habe gedacht, Sie – du – Sie wären eine böse Stiefmutter!«
»Kind!« Die Frau hielt sie umfangen. Sie hob leise das thränenüberströmte Köpfchen hoch und sah ihr in die Augen.
»Norine – um eine böse Stiefmutter zu sein, müßte ich doch erst eine böse Frau sein, und das bin ich nicht!«
Norine wußte nicht, wie's geschah. Der herzliche Ton ergriff sie seltsam. Mit der ihr eigenen raschen Leidenschaftlichkeit der Bewegung hatte sie den Kopf gewandt und den sie umschlingenden Frauenarm geküßt.
»Jetzt sage ich auch Mutter,« flüsterte sie leise, verschämt, und aus dem über sie gebeugten Antlitz der jungen Frau fiel eine Thräne herab und netzte des Kindes Wange.
Es war dunkel geworden, als Stiefmutter und Kind Hand in Hand den Hof verließen. Norine drückte sich eng an die Frau und zusammen stiegen sie die Treppe des Hauses hinauf. Auf der oberen Schwelle trat ihnen eine Knabengestalt entgegen.
»Paul – Paul Dierkes!« Ihr Staunen war begreiflich.
Paul Dierkes, sauber, gescheitelt, mit blanken Stiefeln und gebürstetem Rockkragen – das war ein Rätsel!
»Ich – ich gehe morgen in Stellung,« stammelte er, ohne aufzublicken und mit verlegenem Schwenken seiner Mütze an die Frau sich wendend – dann schoß er rasch und mutig den Blick hoch und fügte halb leise als Versprechen hinzu:
»Ich werd's gut machen!« Fort war er. Norine sah ihm verblüfft nach. Die junge Frau bückte sich zu ihr nieder und lachte. »Wollen wir's auch gut machen?« fragte sie schelmisch. Das Kind sah einen Augenblick sinnend zu ihr auf und schlang plötzlich beide Arme um den Nacken der Frau:
»Meine Mutter,« sagte es leise – schmeichelnd.
Gesiegt.
Die Klasse ist in Aufruhr. Die bevorstehende Landpartie hat die Knaben elektrisiert. Teils über die Tische gebeugt, teils auf Stühlen und Bänken knieend, hören sie, mit halbem Ohre nur, des Lehrers Worte, die ihnen die Marschordre auseinandersetzen sollen. Ungeduldige Füße schieben sich hin und her, erregte Köpfchen lehnen flüsternd aneinander, da – tönt von draußen schon Musik herein, und jeder Rücksicht bar, stürzt die entzückte Kinderschar sich jauchzend der Thüre entgegen.
»Hurra! 's geht los!« Kurt Henning steht, den andern voraus, im Vorplatz. Den Strohhut hochgeschwungen, das dunkle Antlitz voll Erwartung leuchtend, stürmt er voran, und nur des Lehrers streng befohlenes »Halt!« veranlaßt ihn, den Hut von neuem aufzusetzen, und langsam bis zur Schwelle des Schulzimmers zurückzukehren.
»Kommt alle wieder herein,« befiehlt Herr Karler, lächelnd die erregten Köpfe musternd, »stellt euch 'mal um mich – wir wollen einen Fahnenträger suchen. Wer ist der größte?« Jetzt gab's ein Schieben und ein Drängen um den Lehrer. Die kleinen Hälse recken sich, und alle Knaben werfen – Größe heuchelnd – die Köpfe weit zurück.
»Kurt Henning und Max Roland vor! die andern setzen sich!« Ein heftiges Gemurmel geht von Mund zu Mund – es fliegen unterdrückte widerspenstige Worte durch das Zimmer, und endlich stellt sich die begehrte Ruhe ein.
Kurt Henning und Max Roland stehen Schulter dicht an Schulter. Die hochgestreckten Köpfe beider bilden scheinbar eine Linie. Herr Karler legt gutmütig prüfend seine Rechte auf den Scheitel beider. Das buschige Haar Kurt Hennings drückt sich unter der Berührung nieder.
»Die Mähne täuscht, mein Sohn,« bemerkt Herr Karler, vertraulich über die unordentliche Lockenfülle streichelnd, »Max ist der größere! Hier Max – du trägst die Fahne! Stellt euch auf! Kurt hierher!« Unwillig läßt sich der Gerufene in die erste Reihe stellen. Die braunen Augen schießen unter seiner niedern Stirn hervor empörte, grimmige Blicke auf den blonden Kameraden, der, den andern voran – die bunt geschmückte Fahne trägt.
Das Zeichen ist gegeben. Hellsingend, unter brausendem Trompetenklang marschiert die junge Knabenwelt dem Thore zu. Die Straßen sind gefüllt mit Menschen, die den Zug mit Jubelruf begrüßen. Vor allen andern gelten die Zurufe dem blonden Max, der stolzen Hauptes seine Fahne schwenkt und die entzückte Menge grüßt.
Gleich hinter ihm, den Kopf gesenkt, ein Ausdruck tief empörten Trotzes auf der Stirn, geht Kurt. Er hält die festgeballten Fäuste in den Taschen und gibt dem Ingrimm, der ihn füllt, gebührenden Ausdruck, indem er mit den Stiefeln heftige Staubwolken aufwühlt und so den hintern Reihen ihren Marsch erschwert.
»Kurt Henning!«
Des Lehrers Ruf. Ein rascher Aufblick, dann stößt der Kleine mit einem Ausdruck selbstzufriedenen Trotzes einen letzten Staubwulst auf, bevor er sich dem Schritt der andern anpaßt.
»Aber Kurt, du bist doch sonst nicht trotzig!« Herr Karler steht an seiner Seite. Der Ton, in dem er spricht, ist gütig vorwurfsvoll. Der kleine Bursche senkt beschämt den Kopf, und preßt die Lippen aufeinander.
»Was ist dir denn, mein Junge?«
»Ich – ich wollte so gerne die Fahne tragen!«
»Ja so!« Der gütige Lehrer nickt verständnisvoll. »Ja so – das ist's!« Er klopft dem Kleinen auf die Schulter.
»Weißt du auch, daß es draußen Prämien geben soll? – erobere dir etwas – dann ist die Fahne bald vergessen!«
Kurt sieht rasch auf.
»Für was gibts Prämien?«
»Für Spiele und Wettrennen. Du kannst ja tüchtig rennen!«
Des Knaben Augen leuchten. Er wirft den Kopf zurück.
»Ja – das kann ich,« ruft er entzückt, und gleich darauf fällt seine Miene wieder. Mit einem halben Seufzer schließt er die so froh begonnene Rede: »Max läuft auch gut!« Der Lehrer sieht ihn ernsthaft an.
»Um so größer das Verdienst, wenn du ihn übertriffst! Nur tapfer gewagt! Der Kampf ist gleich!«
Und gleich war er. Mit muskulös entwickelten kleinen Körpern standen die Knaben der ersten Abteilung eine Stunde später nebeneinander aufgestellt, und warteten gespannt auf das Zeichen zum Wettlauf.
Die Hüte liegen auf dem Rasen. Die Jacken hängen an den Büschen ringsumher. Das Ziel ist angegeben. Herr Karler hält die Uhr.
»Eins! Zwei! Drei! Los!«
Der Staub fliegt hoch und legt sich wieder, und in dem Wirbel werden die Gestalten sichtbar, die Kopf an Kopf die Strecke durchlaufen. Drei von den Knaben blieben sofort zurück. Voran – in gleicher Linie – sind nur Kurt und Max. Das Ziel ist nahe. Wild fliegt die lockige Mähne Kurts ihm um das Haupt – die Augen sehen stumpfen Blickes starr hinaus. »Voran! Voran!« tönt es in seinem Innern. Nur wenige Sekunden noch, und er ist Sieger. Dicht neben ihm schallt Maxens Fuß in raschem – im gleichen Lauf mit ihm. Ein kurzer Sprung liegt zwischen beiden. Da – saust mit gazellenartigem Satz Max flugs voraus und steht – einen Augenblick dem andern zuvor – am Ziel.
»Hurrah! Ich! Ich!« Kurt hört's wie durch einen Nebel. Er sieht's undeutlich, wie Max Roland jubelnd seine Arme hochwirft. Die Lehrer und die Klasse nähern sich.
»Tapfer gelaufen beide! Gratuliere Max! Hast dich zu früh aufgegeben, Kurt!« hallt's durcheinander an des erschöpften Kindes Ohr, indes er mit glühend heißen Wangen an einem Baumstamm lehnt und mit den dunkeln Augen fragend, hoffend zu dem Lehrer aufsieht.
»Hat Max den Preis?« Er hört die eigene Stimme nicht. Die kleine Hand wischt mit dem Taschentuch zerstreut die Stirn und sinkt dann schlaff herab.
»Hat Max den Preis?« Er wiederholt es lauter, mit seinen Blicken mehr eindringlich fragend als mit Worten, und da Herr Karler teilnahmsvoll bedauernd mit dem Kopfe nickt – da sich der Knabe von den Augen aller mitleidsvoll betrachtet weiß, kämpft er gewaltsam seine Thränen nieder und sucht heroisch ein einsichtsvolles Lächeln zu erzwingen.
»Vielleicht kriegst du den Preis im Ballspiel!« raunt ihm ein kleiner Knabe tröstend zu, und Kurt schluckt einigemal an etwas dickem in der Kehle, bevor er, immer noch mit feuchten Augen ein halbleises »Ja vielleicht« erwidert.
Wie sie geräuschvoll den siegreichen Max umzingeln! Wie sie voll Jubel ihm den Kranz aufs blonde Haar aufsetzen! Mit welchem Eifer sie den Stift betrachten, der ihm als Prämie eingehändigt worden ist! Kurt siehts von weitem. Er hat vorsätzlich lange Zeit gebraucht, um seine Jacke und den Shlips zu ordnen, um so den Anschluß an die Klasse zu versäumen. Jetzt liegt er hingeworfen auf dem hohen Rasen – von einem Baumstamm liebevoll gedeckt, und läßt den Thränen der Enttäuschung, die ihm in die Augen treten, vollen Lauf.
Wäre er doch gar nicht mitgekommen! Wär' er daheim geblieben bei dem alten Vater, der ohnehin zögernd zugegeben, daß er am Ausflug teilnahm. Er hätte davon auch nicht viel gehabt – im stillen Häuschen bei dem Vater regungslos zu sitzen und zu lesen oder rechnen, wie es stets von ihm beansprucht wurde – beim Vater, der von früh bis spät so emsig schrieb und seinen Sohn kaum je beachtete – und doch! Wie ungleich besser als stets von neuem sehen zu müssen, wie der blonde Knabe ihm den Rang ablief – die Prämien alle nahm, während er sich doch so redlich mühte, einmal wenigstens –
»Ballfangen! Kurt – das Wettspiel! Komm' doch!« Es war derselbe kleine teilnahmsvolle Bursche von vorhin, der seine dünne Stimme fisteltönig hoch geschraubt zu Kurt hinüberklingen ließ, da Kurt sich weder aufhob, noch etwas erwiderte – durchsprang sein kleiner Freund die Strecke, die sie schied – und stand an seiner Seite.
»Kurt, komm' doch!«
»Mag nicht!« Er stieß es mürrisch aus und warf sich unwirsch auf die andere Seite.
»Komm doch!« ermuntert der Herangetretene eindringlich bittend – und da der andere nichts entgegnet, nur heftig mit dem Fuß ausschlägt, verliert der kleine Freund den Mut und schiebt sich rücklings gehend fort – dem Spiele zu.
Kurt liegt eine kleine Weile regungslos – die Augen in die Arme vergraben – auf dem Rasen. Von ferne hallen Rufe heller Stimmen zu ihm – er hört das Aufschlagen der geworfenen Bälle – das Schreien und Fallen und Stoßen der erregten Kinder und zwischendurch des Lehrers Stimme.
»Na – fängt denn keiner?«
Kurt hat den Kopf emporgerichtet. Die dunkeln Augen sehen gespannt dem Spiele zu. Wie sich alle schieben – wie sie rennen, um den Ball beim ersten Wurf zu fangen! War's denn so schwer, daß selbst der Max – Plötzlich mit einem Sprung steht er auf seinen Füßen; noch ehe er selbst sich über sein Vorhaben klar wird – ist er im Kreise derer – die da um den Ball wetteifern. Kühn, aufrecht – fest entschlossen steht der kleine Bursche da. Die Klasse sollte sehen, ob es jedesmal der Max sein mußte, der – –
»Eins! Zwei! Los!« Der Ball fliegt hoch und wieder nieder. Wild schreiend schieben sich die Kinder aneinander. Sie beugen sich zurück und vor und strecken ungestüm die Hände aus, und aus dem dichten Haufen lärmender, erregter Kinder windet sich ein einziges los, streckt sich triumphierend ein energischer Arm empor.
Kurt Henning hat den Ball.
»Er hat ihn nicht beim ersten Wurf gehabt!« ruft eine Stimme laut, und es entsteht ein lautes Lärmen, und Protest erhebt sich.
»Max Roland hatte ihn zuerst; dann fiel er hin – und dann nahm ihn Kurt Henning auf!« schreit der Ankläger von vorhin.
»Lüge!« stößt Kurt ingrimmig aus.
»Keine Lüge – er hat ihn nicht beim ersten Wurf gehabt!«
»Nein – das hat er auch nicht – Max hatte ihn!« schrieen die Kinder erregt und Herr Karler hebt – Ruhe gebietend – beide Hände.
»Kurt soll vortreten!«
»Sage Kurt – hast du den Ball beim ersten Wurf gefangen!«
Des Knaben Augen lodern unheimlich trotzig auf.
»Ich – ich –«
»Er hat ihn nicht gefangen!«
»Max hat ihn gehabt!« ertönen wieder die Anklagestimmen von vorhin.
»Ruhe! Ich frage euch nicht!« spricht ernst Herr Karler. »Kurt wird mir ganz allein die Wahrheit sagen!«
Ein Augenblick der Spannung! In des gefragten Kindes Hirn entsteht ein wüster Kampf. Sagt er »nein«, so fällt die letzte Chance, die ersehnte Prämie zu erhalten – fällt jede Aussicht, einmal von des gestrengen Vaters Mund gelobt zu werden! – sagt er ein »ja«, so spricht sich's morgen in der Stadt herum, daß er – nicht Max –
»Hast du den Ball richtig gefangen, Kurt?« Wie eigen warm des Lehrers Stimme klingt! Wie voll Vertrauen das graue Augenpaar ihn ansieht! Des Kindes Herz versteht den Blick; des Kindes Herz erwidert darauf. Den Kopf zurückgeworfen, daß die Lockenfülle weithin in den Nacken fliegt – die Augen groß und voll zum Lehrer aufgeschlagen, spricht Kurt ein deutliches ernsthaftes »Nein, Herr Karler!«
Die Stille, die dem Worte folgt, wird durch den Lehrer unterbrochen.
»Du bist ein braver Kerl, Kurt Henning!«
Die Dämmerung ist da. Müde und bestaubt marschiert die kleine Schar zur Stadt zurück. Die Frühstücksbüchsen hängen ihnen leer zur Seite.
Kurt Henning hat den Blick mit ernstem Ausdruck auf das kleine Haus gerichtet, das am Thore liegt und das er mit dem Vater bewohnt.
»Worüber sinnst du, Kind?« fragt ihn Herr Karler, dem etwas in dem Angesicht des Knaben zu denken gibt, und Kurt erwidert leise – sehnsuchtsvolle Augen zu dem Lehrer hebend:
»Ich hätte doch so gerne eine Prämie heimgebracht; mein Vater hätte sich gefreut!«
Herr Karler legt die Hand liebkosend auf des Knaben Haupt und gibt ein Zeichen, daß die andern stehen.
»Sag' deinem Vater, daß du ihm die Achtung deines Lehrers mitbringst, Kurt, das wiegt wohl eine Prämie auf! Gut' Nacht, mein Sohn!«
Weiß wohl der kleine Mensch den vollen Sinn der Worte zu verstehen, oder ist's der einfach kindliche Instinkt, der ihn so eigen wonnesam ergreift?
Die kleinen Hände schließen sich fest um des Mannes Rechte und feuchte Kinderlippen legen sich – von einem plötzlichen Impuls geleitet – auf dieselbe nieder.
»Gut' Nacht, Herr Lehrer!«
Die Klasse wartet, bis der kleine Schüler in den Flur des niederen Häuschens eingetreten ist. Herr Karler gibt das Zeichen, und vorwärts gehts im Schritt, dem Städtchen zu.
Aus einem Fenster des zurückgelassenen Häuschens beugt sich vom zweiten Stock ein müdes Köpfchen voller krauser wirrer Locken und nickt der Klasse grüßend zu, und über ihm neigt sich ein runzeliges, greises Haupt und sieht mit glücklichem und stolzem Lächeln auf das dunkle Köpfchen seines Sohnes nieder.
Zu spät.
Sie war ein unscheinbares Ding von zartem Körperbau und einem blassen, unauffälligen Gesicht, das ganze Gegenteil von dem robusten strammen Brüderchen, das so geräuschvoll treppauf treppab trampelte, mit lauter Stimme seine Wünsche kundgab und das ganze Haus gründlich tyrannisierte.
»Wie verschieden doch ihre Kinderchen sind!« meinten die gelegentlichen Besucher der Familie Holfers, vergleichende Blicke auf die Kleinen werfend, und Frau Holfers pflegte mit einem Kopfnicken über den glatten braunen Scheitel Gretchens fort auf das blondgelockte Köpfchen ihres Knaben niederzuschauen und dann – Gretchen kannte den Hergang genau – mit mütterlichem Stolze die übermütigen Streiche des Söhnchens aufzuzählen, ihn in jeder Zwischenpause drei-, viermal zu streicheln und endlich – wie gut Gretchen das immer voraussah – die lange seidene Locke aus der verschlossenen Lade vorzunehmen und sie lächelnd stolz zu zeigen:
»So goldig war das Kerlchen! Ich habe ihm die Strähne abgeschnitten, als er kaum zwei Jahre zählte!«
Gretchen hatte die lichte Strähne oft gesehen. Zuerst mit der ihr eigenen stillen Bewunderung und dem leicht geweckten Kindesinteresse und später mit einem staunenden Verwundern darüber, daß die Mutter niemals die von ihrem Haupt geschnittene Locke zeigte, die doch jedenfalls auch in der Lade liegen mußte; und aus dem Staunen wuchs ein inniger Wunsch, ein einzigesmal hineinzublicken in das verschlossene Fach, das – Gretchen zweifelte nicht einen Augenblick daran – die andre Strähne barg. Gewiß war sie nicht schön, wie die des Knaben – die Mutter hatte es ja oft gesagt, daß sie stets häßlich war – sie konnte also auf sie nicht stolz sein, wie auf das Brüderchen, das sie ja auch so ungeheuer liebte. Gretchen hatte, wenn sie diesen Gedanken nachhing, ein so eigentümliches Drücken im Halse, und eine solche Schwere in der Brust, daß sie ungeachtet der mütterlichen Mahnung, doch »ihr ewiges Gejammer ohne Grund« mal endlich einzustellen, – trotz der stürmischen Liebkosung Arthurs, in helle Thränen ausbrach. Ja, diese leidigen Thränen! Gretchen wußte wohl, wie sehr die Mutter Thränen haßte – und diese trugen auch die Schuld, daß die so heitere Natur der Mutter sich immer mehr dem Brüderchen zuwandte, dessen leidenschaftlich zärtliche Natur von allen Liebe forderte und allen Liebe gab, der, wo er ärgerte, auch gleich wieder versöhnte, und dessen Thränen, wenn sie fielen, gleich einem sonnigen Regenguß, im Hintergrunde lichte Strahlen zeigten.
»Wenn sie nur etwas von des Knaben Art in ihrem Wesen hätte,« hörte Gretchen ihre Mutter klagen, »ich finde mich in dieser kalten unfreundlichen Natur gar nicht zurecht. Wenn sie vor sich hin weint, weiß sie sicherlich selbst nicht, warum sie's thut!«
Das Kind hatte die Klage, unbemerkt am Fenster sitzend, mit angehört, und lange darüber nachgesonnen. Gewiß, sie war gerecht. Selbst wußte sie ja nicht, was ihr das Herz bedrückte, bis es ihr eines Morgens klar wurde, und von da ab weinte sie nicht mehr.
Sie hat nie davon gesprochen, niemand erzählt, wie es gekommen, daß sie an einem Tage, da wiederum die schöne goldene Locke Arthurs vorgezeigt und bewundert wurde, von einem instinktiven Etwas angespornt, ganz heimlich an die nachlässig aufgebliebene Lade schlich. Auf einem Schemel stehend, mit vorgestrecktem Halse und eifrig hastigem Auge, hatte sie das Fach durchstöbert, um neben der goldblonden Locke die noch niemals vorgezeigte dunklere zu suchen, um doch zu wissen, ob sie denn so häßlich – gar so unansehnlich häßlich war!
Das kleine Mädchen hatte lange regungslos vor dem verräterischen Fach gestanden. Niemand hörte je ein Wort darüber, was in dem Kinderherzen vorgegangen war, da Gretchen in der mit Seide ausstaffierten Schachtel die Stelle neben Arthurs Locke leer fand, und es zum erstenmal ihr dämmerte, daß man von ihrem Kopf nie eine Strähne abgeschnitten hatte, um sie aus Liebe und aus Zärtlichkeit aufzubewahren. Wie die mageren Hände zitterten, die mühsam erst die Lade schlossen und sich dann bebend vor die Lippen preßten, wie um den Aufschrei aus des Kindes Brust zu unterdrücken.
Der Abend fand die Familie Holfers um den Speisetisch versammelt, und zweimal hatte man die Kinder rufen lassen.
»Wo bleibt denn Gretchen?« fragte über seine Zeitung fort der Vater, als Arthur frischgewaschen in der Thür erschien.
»Nicht gesehen!« erwiderte der Kleine, und Frau Holfers sagte, dem Söhnchen liebevoll zunickend: »Sie wird wohl oben sein, sie läßt sich gern zweimal rufen!«
Oben war sie; aber ihr Nichterscheinen war weder Trotz noch Prätension. Im guten Zimmer lag das Kind halb hingekauert vor dem Schrank, die Augen weit geöffnet, das blasse Köpfchen hintenüber an die Wand gelehnt.
»Was ist mit ihr? Gretchen!« Sie hört den Angstruf nicht, mit dem die Mutter sich an ihrer Seite niederwirft.
Es währte lange, bis der starre Ausdruck aus dem Kinderantlitz schwand, und als er schwand, lag in den blauen Tiefen ihrer Augen ein der Mutter fremder, düsterer Ausdruck.
»Bist du gefallen, Kind?« Die Lippen sprachen nicht sogleich. Es war, als käme langsam von dem Herzen zu dem Mund herauf ein kaltes, hartes Etwas, das die Stimme Gretchens heiser machte:
»Gefallen – nein!«
»Was ist dem Kinde nur – sie ist so anders?« Die Mutter fragte sich's von jenem Tage an gar oft, wenn sie das stille Kind mit dem verschlossenen Antlitz kommen und gehen sah und es deutlich erkannte, daß sie ihr scheu auswich und mit Beharrlichkeit die Zärtlichkeiten des goldhaarigen Bruders schroff von sich wies.
»Sie hat mich nicht mehr lieb,« wehklagte Arthur, und Frau Holfers nickte schmerzlich bitter vor sich hin und sagte nur:
»Sie hat gar niemand lieb, mein Kind!«
Das blasse Mädchen hörte Klage und Antwort und sagte nichts.
War's wahr, daß sie gar niemand liebte? War's möglich, daß die blauen Augen, die so sehnsüchtig und heiß die Mutter streiften, wenn sie sich ungesehen glaubte, von einem kalten Herzen sprachen? War's denkbar, daß das Kind, das sich allabendlich, wenn alles schlief, mit nackten Füßchen leise an das Bett des Brüderchens heranschlich, um lange in das schlafende Gesichtchen zu blicken, kalt war und lieblos?
Und doch! Wie schroff verstand der Mund den Morgengruß zu sprechen, wie fremd und interesselos blieb sie den Freuden und den Ärgernissen der Familie gegenüber, wie scheu entwich sie jeder Annäherung des liebevollen kleinen Bruders! Die Zeit verstrich; mit ihr gewöhnte man sich daran, das stille Kind ganz ungehindert seinen Weg gehen zu lassen und die herben, schroffen Züge ihres Wesens mit Geringschätzung und Kühle zu erwidern.
Der Sommer war gekommen. Die Zeit, in der man in die Bäder zog. Im Hause Holfers machte man die ersten Vorbereitungen zur Reise, und so gewann der kleine Arthur Zeit, mehr als gewöhnlich unbewacht im Freien zu sein, und die Mama unternahm nicht ohne Besorgnis die kleine Reise über Land, um die Beschlüsse über die in Aussicht genommene Sommerwohnung endgültig zu treffen.
»Wenn nur dem Kleinen nichts geschieht!« rief sie vom Wagenschlag besorgt zurück; »wenn ich nur wüßte, daß man auf ihn achten wollte!« – Der Mutter Blick lag auf dem Antlitz Gretchens, die, an der Thüre stehend, ihr unverwandt ins Antlitz sah. Es war ein eigenes Etwas in den Augen beider, da sie sich zum erstenmal seit lange in einander senkten. Zum erstenmale empfanden vielleicht zu gleicher Zeit die Mutter und das Kind, daß in der Seele beider – von dem andern unverstanden – etwas lag, was ungeklärt zu schlummern schien.
Was war's, das plötzlich die Mutter bestimmte, aus dem Wagenfenster zu schauen und dem stillen bleichen Kinde einen liebevollen Gruß zuzunicken? Was gab's dem Mädchen ein, die kleine Hand fast unwillkürlich auszustrecken – an den Mund zu führen – nochmals auszustrecken?
Der Wagen fuhr davon, und langsam fielen ungesehen zwei schwere Thränen, die eine in den Schoß der Mutter, die andere auf die Hand des Kindes, das regungslos an der Thür stand und dem Gefährt mit großen Augen lange nachsah.
»Gretchen! Gretchen!« Der Kopf des Kindes fuhr aus seinen Träumen auf. Das war Arthurs Stimme. Sie klang so hell, so jubelnd. Woher kam sie nur?
Aus dem Stall vielleicht!
»Ist Arthur dort?« Sie ruft es in den Stall hinein, und ehe der Diener Antwort giebt, sieht sie durch die weit offene Stallthür den kleinen Burschen allein auf dem noch ungezähmten Füllen sitzen, das der Vater neuerdings dem Kleinen zum Geschenk gemacht. Gretchen schreit ängstlich auf.
»Wie können Sie nur?« ruft sie dem Diener zu; doch dieser zieht verlegen beide Schultern hoch.
»Er schrie und strampelte so sehr, was sollt' ich machen?«
»So geh'n Sie nach und halten ihn! Arthur!«
Der Ruf entfährt erschreckt den blassen Lippen Gretchens, da sie gewahrt, wie Arthur unerschrocken seine Zügel hält und dem erregten Tier zuschnalzt.
»Arthur!« Es hilft nichts mehr, daß der verlegene Diener dem Kinde nacheilt, der gelenkige Bursche trabt ganz unbekümmert um die Rufe seiner Schwester durch den Thorweg auf die Straße, und diese eilt, von einem Angstgefühl erfüllt, durchs Haus, um durch den kürzern Weg dem Brüderchen den weiten um die Straße abzuschneiden. Der Gartenzaun ist offen. Gretchen ist angelangt, nicht einen Augenblick zu früh. Von einem Stein, aus eines Nachbarkindes Hand geworfen, wild zur Flucht getrieben, kommt Arthurs Tierchen auf sie zugesaust. Der kleine Reiter hängt bleich, voll Todesangst die Mähne seines Tieres fest umklammert, zitternd da. Von allen Seiten stürzen sich die Menschen vor und suchen ihn durch Rufen anzuhalten.
»Wenn es ihn abwirft, ist das Kind verloren! Der arme kleine Bursche!«
»Ach Gott! Ach Gott!«
Gretchen hört die Worte, die Jammerrufe. Ihre Augen sind weit aufgerissen, die Hände fest ineinander geschlungen. Ein entschlossenes blasses Gesichtchen hebt sie zu dem Bruder.
»Halte fest, Arthur, halte fest!«
»Um Gotteswillen, was macht das Mädchen?« Die Menge schreit auf, und um sie her erschallen Warnungsrufe. Zu spät!
Mit ihrem kleinen Körper hat sich das Mädchen dem Tier in den Weg geworfen. Die Arme hoch empor haltend fällt sie dem schäumenden, erregten Tier in die Zügel – – ein Sturz, ein Schrei – das arme, arme Kind!
Die Pferdehufe hatten sie getreten, nachdem der zarte Kinderleib schon eine Strecke weit geschleift und arg mißhandelt worden war.
So lag sie denn bewußtlos auf dem weichen Bettchen, und fremde Menschen standen um sie her und weinten laut.
Die schnell herbeigerufenen Ärzte schütteln stumm die Köpfe.
»Es ist nichts mehr zu machen!«
Es war schon spät, als sie die Augen langsam öffnete und auf das Rollen nahender Räder horchte.
»Arthur!« Sie flüsterte den Namen leise fragend – und Margaret –
Die alte Köchin zeigte auf das Bettchen ihr zur Seite.
»Er schläft ganz gut, der kleine Mensch!«
Ein Lächeln gleitet über Gretchens Antlitz. Sie hat die Augen auf die Thüre geheftet, die von erregten Händen aufgestoßen wird.
»Arthur ist nicht verletzt, erschrick nicht Mutter!«
So leis die Worte sind, die blasse Frau hat sie gehört.
»Arthur ja, aber du, mein armes liebes Kind?«
»Ich? o Mama!«
Es war das erstemal, daß sie den Namen Mutter mit dem kindlichen »Mama« vertauschte, das erstemal, daß sich die zarten Arme um der Mutter Nacken legten, Es war, als ob das überfüllte Kinderherzchen all den Kummer seines kurzen Daseins von sich wälzen, all die unterdrückte Zärtlichkeit von Jahren in die einzige letzte Stunde ergießen müßte. Halb klagend, halb kosend bewegten sich die erbleichenden Kinderlippen, und sprachen leise Geständnisse von Liebe und Kummer und Herzweh.
»Ich war immer so einsam – ich – –«
»O still, Kind, still!«
»Thut es – dir leid – Mama?« Es war das Letzte, was sie sprach. Die Augen sahen noch sekundenlang mit großer Andacht auf zur Decke – dann schlossen sie sich langsam. Still, unauffällig wie es gelebt, so starb das Kind, und über dem Bettchen lag die Mutter und schluchzte verzweiflungsvoll auf.
»Das alles fühlte sie, das arme kleine Ding! und ich erfuhr es erst – zu spät!«
Erste Liebe.
Meine erste Liebessache spielte in der kleinen Hafenstadt Hoboken. Das Städtchen hatte neben der großen Freischule für unbemittelte Kinder nur eine Privatschule, und diese leitete, in dieser unterrichtete ein sehr frommer Pastor, der seinen Zöglingen mehr Frömmigkeit beibrachte als Gelehrsamkeit. Als dann nach kurzer Zeit ein rühmlichst bekannter Deutscher die ersten Schritte zur Gründung eines großen deutsch-amerikanischen Lehrinstitutes that, schlossen sich ihm die ehrenwerten Bürger und Familienväter mit Enthusiasmus an, und nach kaum einem halben Jahre wanderten die frommen Zöglinge des salbungsvollen Pastors, unter denen auch ich, in die neugegründete »Hoboken Akademie« über. Das Institut hatte einen besonderen Reiz. Die Klassen enthielten auch Knaben.
Welch ein Übergang von dem demutsvollen »Lasset die Kindlein zu mir kommen«, vom würdigen Pastor allmorgentlich wiederholt, zu dem Frühgruß der Besucher der Akademie mit den begleitenden feuchtgerollten fliegenden Papierklümpchen und den gelegentlichen wundervollen Balgereien.
Das Institut hatte noch einen Reiz. Man wurde vierteljährlich versetzt. Ich durchreiste, Dank meinen guten Befähigungen mehr, wie meinem Fleiß, mit großer Geschwindigkeit die untere Klasse und saß als zehnjähriges, blondkrauses, sehr selbstbewußtes, sehr unordentliches junges Dämchen mit frischgewaschenen Schürzen und mangelhaft sauberen Taschentüchern in Klasse vier, inmitten einer Reihe älterer zum Teil sehr wohlerzogenen Studiengenossinnen und einer tollen Bande der reizendsten halberwachsenen, courmacherlichsten Knaben, welche je unter diese stolze Kategorie gestellt zu werden verdienten. Ich habe niemals an dem Verkehr mit Männern so hohen Genuß erlebt, wie ihn mir die sehr ausgezeichneten jungen Mitbürger aus Klasse vier der »Hoboken-Akademie« jener Zeit gewährten. Was ist denn auch wirklich so ein devoter Handkuß eines salonfähigen Kavaliers – gegenüber dem wonnig unerzogenen herzlichen Ellenbogenstoß – gegenüber dem unerwarteten, kräftig liebevollen Schlag auf die Schulter und dem dazu aus frischer Kehle gebrüllten »Halloh old girl!«, wie ihn meine hochverehrte, mir mit Leib und Seele ergebene, kleine Garde aus Zimmer vier zu verabreichen im Stande war! –
Wir hatten, ich bedauerte die Thatsache, einen Klassenlehrer. Noch mehr aber bedauerte ich die Abneigung, welche dieser lange ehrwürdige Herr gegen das kleine – hm – Einvernehmen hatte, das zwischen mir und Tommie Sievers bestand. Tommie hatte – es ist vielleicht geschmacklos von mir, die Vorzüge eines abwesenden jungen Herrn in Gegenwart anderer hervorzuheben – indessen, der Wahrheit die Ehre, Tommie hatte sehr hübsche Augen. Er war sommersprossig, nur sein Haar – es hätte weniger borstig sein dürfen, und ich fand selbst, daß seine Figur zu sehr gedrungen war – indes – was thut das einem jungen Mädchen, das, wie ich, diesen denkwürdigen Tommie mit großer Willenskraft, aus herzlichstem Selbstgefühl und ohne jede Zuneigung für ihn aus den Fesseln einer Daisy Rimpel gerissen, und der es nun gegenüber der Klasse ehrenhalber zur Notwendigkeit wurde, die Aufmerksamkeiten des edlen Tommie über sich ergehen zu lassen.
Die Abneigung unseres Klassenlehrers gegen die in Zimmer IV bestehenden kleinen Kommunikationen von den Knabenpulten zu denen der Mädchen hinüber weckte in mir den innigen Wunsch nach der Entfernung des guten Mannes, und da dieser ohnehin leidend war, Aufregungen scheute und leicht in Zorn geriet, wurde es mir nicht allzu schwer, tagtäglich mit Hilfe einiger der Mitschülerinnen neue Missethaten zu ersinnen, die den armen Mann in steter Aufregung hielten und ihn veranlaßten, gesundsheitshalber – so hieß es – seine Entlassung zu fordern. Wir atmeten auf. Unter den uninteressierten Augen der Hilfslehrer wurden wir zu freien Menschen. Tommie konnte ungehindert seine Liebesdienste verrichten, und er war ein ausgezeichneter Liebhaber; gerade nicht von besonderer Geistesanlage, auch sonst auf den Inhalt seiner Bücher nicht neugierig, war er doch von rührender Opferfähigkeit. Er schleppte mir mit ritterlicher Unverdrossenheit die Mappe nach und überbrachte mir, ohne den geringsten Anspruch auf Halbierung zu erheben, die ihm von der blaßblonden Daisy Rimpel heimlich zugesteckten Äpfel. Ich verzehrte sie ohne Gewissensbisse – ja, ich besaß die Kaltblütigkeit, sie vor seinen Augen mit Fanny Dayson, der ältesten der Klasse, zu teilen – mit ihr sogar über die tölpelhafte Treue meines Tommie zu spotten; denn, um wahr zu sein, muß ich gestehen, daß mich an der Person des treuen Sklaven, nachdem ich es zu Stande gebracht, ihn der Daisy Rimpel abspenstig zu machen, nachdem ich weiter die Luchsaugen des Klassenlehrers nicht zu scheuen hatte, wenig fesselte, und mein leichtaufflackerndes Interesse am Schwinden war.
So weit hielten wir, als der neue Klassenlehrer uns gemeldet wurde. Es war an einem Mittwoch – Vormittagsstunde. Wir packten gerade die in der Schreibstunde benutzten Hefte fort, ich steckte noch hinter meinem aufgeklappten Pultdeckel, als sich die Thüre der Schulstube öffnete. Vor uns stand unser neuer Lehrer. Er war gar nicht sommersprossig, sein Haar war gar nicht borstig. Aufs modischste gekleidet, aufs sorglichste gescheitelt stand er vor uns – das junge bartlose Gesicht mit den ernst blickenden, graubraunen Augen uns grüßend zugekehrt. Es wäre unmöglich, die Aufregung zu schildern, in die sein Erscheinen uns, die Klasse, mich und – ich sah es mit einigem Staunen – die sonst so kühle Fanny Dayson versetzte. Wenn ich jemals die vornehme Ruhe dieser unserer ältesten Mitschülerin bewundert hatte, wenn mich ihre Reserve je entzückt hatte – an diesem Morgen war mir die Gemessenheit mit der sie Antwort gab, die Sicherheit, mit der sie sich verneigte, aufs Empfindlichste zuwider, um so mehr als ich gewahrte, daß Herr Page – so hieß der neue Lehrer – sie mehrfach angeblickt und sie, deren Äußeres etwas Gleichgiltiges hatte, die Augen – Fanny hatte seltsame schläfrige Augen – unter langen Wimpern hervor auf ihn gerichtet hielt. Ich weiß nicht, ob ich dieses Mädchen liebte oder haßte. Gewiß ist, daß mich ihre Kühle verletzte und ihre Überlegenheit reizte – gewiß ist weiter, daß ich, nicht ohne Trotz gestand ich mir's, unter ihrem Einfluß stand. Diesem Einfluß dankt' ich es – das sah ich jetzt – daß ich die Liebesbezeugungen Tommies gering geschätzt und diesem Einfluß dankte ich es ferner, daß ich – ihrem Beispiele folgend – den neuen Lehrer mit ganz eigenen Gefühlen ansah. Wenn er die reservierte Fanny interessierte, so war das grund für mich, ihn anzubeten. Ich war es nicht gewohnt, lange unbeachtet zu bleiben – ich steckte noch immer hinter meinem aufgeklappten Pulte und sah's mit heißen Wangen, wie der Lehrer Fanny angeblickt – mein Herz begann zu klopfen – die trotzige Unbändigkeit des Wesens ließ mich die Folgen einer Missethat nicht übersehen – ich schlug mit einem lauten »Klaps« mein Pult zu – warf den Wulst störrischen blonden Gekräusels, der mir mähnenartig in die Stirne hing, zurück, und der Augenblick war da. Die Blicke des jungen Gottes begegneten den meinen, ein halb überlegenes, halb belustigtes Lächeln ging über seine Lippen, meine Schläfen begannen ein wildes Hämmern, meine Wangen glühten – vergessen war Fanny – Daisy Rimpel – Tommie – alles – – ich liebte! Es war zum lachen und doch ist es etwas Rührendes um so ein junges Lieben. Ich wurde, Sie dürfen es mir glauben, ein wahrhaft vornehmes Geschöpf in dem Zeitabschnitt dieser, meiner ersten Liebe, und es ist schade um die enttäuschende Katastrophe – – aber ich greife vor.
Der Gegenstand meiner Anbetung bevorzugte mich sichtlich – die gehässige Haltung der Mitschülerinnen – die grimmigen Blicke Tommies, bewiesen dies zur Genüge. Ich durchlebte alle Wonnen, die der Anbetungsdienst eingiebt und alle Schmerzen, die er fordert. Ich war eifersüchtig. Zwischen meinem Idol und Fanny bestand eine gewisse Reserve, die zu den von mir mit Argusaugen bewachten Blicken beider nicht im Einklang stand. Fanny war eine vorzügliche Schülerin, sie war tadellos von Benehmen, und ihr Äußeres! – es war unleugbar, daß der Anflug von dunklem Flaum, der einem jeden andern Gesichte einen unreinlichen Anstrich gegeben hätte, ihrem gelblich blassen Teint einen besondern Reiz verlieh. Ich war eifersüchtig! – Ich bewachte mit neidischen Blicken die Geberden des Lehrers – ich haschte mit selbstquälerischer Lust nach einem jeden kleinen Zeichen eines Einvernehmens – und schämte mich, wenn ich bei ruhigem Sinnen nichts Verräterisches fand. Fanny war gütiger gegen mich als sonst, so gütig, daß ich begann, mein böses Mißtrauen zu verlieren, als ein kleines Ereignis mich von Neuem in die alte Erregung brachte. Es war nach einer Freipause. Die große Glocke hatte die Stunde bereits eingeleitet – die Kinder kamen in eiligen Gruppen vom Hofe in die Schulstube gerannt und nahmen ihre Plätze ein. Fanny fehlte. Ich rückte schon ungeduldig auf meinem Platze umher, meine Blicke flogen vom Lehrerpult, an dem auch er noch nicht erschienen war, zur Thüre und meine Hände wühlten unruhig in den Griffelkasten herum, da – trat Tommie auf mich zu.
»Sie können beide noch nicht heraufkommen,« flüsterte er mit nichtswürdigem Augenzwinkern, »er hat sich die Hand beschädigt, und sie verbindet sie ihm mit ihrem Taschentuch.« Ich fuhr in die Höhe. Das Blut strömte mir in die Schläfen.
»Beschädigt!« schrie ich, »und sie – sie« – selbst wußte ich nicht, ob mein Mitgefühl oder meine eifersüchtige Wut größer war. Tommie stand lächelnd, höhnisch lächelnd vor mir. Ich fühlte, daß ich ihn haßte.
»'s ist eine Lüge!« rief ich, am ganzen Leibe zitternd, und mit erhobener Rechten zielte ich auf die einst geliebten blauen Augen los.
»Keine Lüge!« knurrte er, den Kopf wie eine Dogge gesenkt, die Blicke lauernd schadenfroh aufwärts gerichtet, »sie standen versteckt an der Flurthür und plauderten – und der Wind schlug die Thüre auf seine Hand, und sie nahm sie so« –
Tommies anschauliche Geste raubte mir den Rest meiner Fassung. »Fort von mir!« befahl ich – selbst nun mit unterdrückter Stimme – und im selben Augenblick wurde die Klassenthüre geöffnet. Fanny trat ein, hinter ihr – ein wenig blaß aber schön wie ein Apoll – die Hand, die wundervolle Hand in einer weißen Schlinge – kam er. Ich brauchte ihn nur zu sehen, und mein Mitleid verdrängte jedes andere Empfinden. Er war verwundet, er litt und – ich liebte ihn. Über das Geschichtsbuch gebeugt, fielen meine Thränen auf das Blatt herab und verwischten vor meinen Augen den weiten Druck. Er stand vor seinem Pulte. Mit der Linken führte er das Blei, mit dem er die eingehändigten Abschriftseiten durchstrich und zeichnete. Wenn er mit leis' verzogenem Munde innehielt und mit der guten Hand im Schmerz die kranke faßte, durchfuhr mich's wie ein Stoß. Von neuem lebte die fatale Eifersucht in meinem Herzen auf. Ihr Tuch lag um die Wunde – es war ihr weißes Linnen, das er sanft berührte. Sie saß so ruhig da – die selbstbewußte Samariterin, deren Tuch so weiß war – so abscheulich weiß und sein – ich zog verlegen an dem meinen. Es sah beschämend aus. Ich stopfte – ohne Kommentare – das gefleckte arg zerknitterte Häufchen einst rein gewesener grober Leinwand mit Hast in sein Versteck zurück und ließ mein nasses Angesicht nur tiefer sinken. Was hatten sie sich plaudernd auf den Flur zu stellen, er und sie? Weshalb blieb sie vor uns so reserviert, wenn sie im Flur mit ihm so viel zu plaudern hatte? Vor meinen Augen schwirrte es. Die krummgezogenen Finger kritzelten unleserliches Zeug ins Heft und strichen durch und fingen wieder vorne an, und immer wieder fielen meine Thränen auf das Heft. O – ich war tief unglücklich. Da trat er auf mich zu.
»Nun Kleine – will es nicht gehen?« Ich fuhr zusammen. Meine Hände zitterten. Er beugte sich und sah auf mich herab. Fort war der heftige Schmerz, den ich gefühlt – fort auch – meine mühsam bewährte Tapferkeit. Wie goldiger Sonnenschein durchflutete es mein Inneres – ich warf aufschluchzend meinen Kopf auf meine Arme nieder und fühlte, am ganzen Körper erbebend, die Hand – die angebetete – auf meinem Haar; dann ertönte grell die Schulhausglocke. Die Stunde war zu Ende.
Die Welt war plötzlich schön geworden. Von jenem Tage an vertraute ich Fanny Dayson all meinen Liebesschmerz – haßte ich Tommie, der den Verräter spielte – liebte ich mehr denn je – den Lehrer, der mich verzog, und als das Schreckliche geschah – fiel es vernichtend auf mein liebendes Gemüt. Mr. Page ward plötzlich entlassen. Wieso – warum – woher – darüber herrschte unverbrüchliches Schweigen. Wie eine Todesbotschaft traf uns die Vermeldung seines bevorstehenden Scheidens, und wir wehrten uns redlich dagegen. Leider vergebens. Eine Petition mit Namensunterschrift sämtlicher Schulkinder wird vom Direktor mit Nichtachtung beiseite gelegt. Trauermienen – zu allen Stunden an den Tag gelegt – erfuhren die schärfste Rüge. Die Wochen gingen zu Ende, der Tag des Abschieds war da. Wie eine Versammlung leidtragender Vereinsglieder umzingelten wir Mädchen den geliebten Erzieher. Fanny fehlte an jenem Tage. Der Tisch des Lehrers prangte von Feldblümchen und schöngebundenen Rosenbouquets – kleine Andenken und Liebesgaben aus enthusiastischen Kinderhänden. Die Abschiedsrede des Mannes hatte die Klasse in Thränen überfließen lassen. Wohl zehnmal machte er abschiednehmend unter ihr die Runde, wohl zehnmal hatten ausgestreckte tintebekleckste Hände den Ausgang an der Thüre gesperrt.
Ich stand – ein nie genug zu preisender Glückszufall hatte mich mit einem denkwürdig reinlichen Taschentuch versehen – dicht an des Lehrers Tisch und schluchzte still in meine Hände hinein. Als der entscheidende Moment seines Abschieds wirklich gekommen war, und er mit einigen Schritten an mir vorüber wollte – überkam's mich plötzlich wie eine bange Ahnung bevorstehenden tiefen Schmerzes. Ich sollte ihn verlieren, ihn, den ich liebte, den ich immer lieben würde – – ehe ich mir dessen selbst bewußt wurde – hatte ich mich auf ihn gestürzt. Mit meinen Händen krallte ich mich an seinen Arm, während meine glühenden Wangen von Naß überströmt an den Zweireihknöpfen seines Rockes umherwühlten. Mit welchen Mitteln weicher Zuredungskunst es ihm gelang, mich zu beruhigen – ich weiß es nicht, gewiß ist, daß wir alle der in ein graues kurzes Jaquet gekleideten elastischen Gestalt die Treppe hinab das Geleit gaben, dem Scheidenden in herzzerreißender Weise unser »Farewell Mr. Page« nachschluchzend.
Mit ernsten Mienen standen die übrigen Lehrer des Instituts an den Ausgangsthüren ihrer Klassen. Die gemessene Art, mit der sie unserem Abgott ihr »Leben Sie wohl!« sagten, war für uns – für mich geradezu empörend. Von Mitgefühl überwältigt, trabte ich – im Gefolge der ganzen Klasse – neben dem Manne her, immer von neuem das klagende »Oh, Mr. Page! Farewell, Mr. Page!« in die Sonne hinausweinend.
Die Straße, in der wir uns trennen mußten, war erreicht. Weiße Tücher, von Thränen feucht, flatterten dem Idol Abschied winkend nach. Gebrochen, schmerzgelähmt – gramerfüllt kam ich nach Hause. Was hatte das Leben nun noch frohes für mich? Die Dämmerstunde war gekommen. Ich hatte mir eine jede einzelne Zärtlichkeitsäußerung meines Helden vor die Erinnerung gerufen – ich hatte in meinem Schmerz gewühlt, bis zur Unerträglichkeit. Mein Herz schrie nach Mitteilung. Ich mußte von ihm sprechen, seinen Namen nennen, nennen hören – mußte klagen und mich trösten lassen. Aber wo – wer? Ah – ein Gedanke. Fanny. Sie hatte in der Schule gefehlt. Sicherlich war sie krank. Das war eine Ausrede, als ich – ein Tuch über den Kopf schlingend – im Dämmerlichte an den Häusern entlang schlich, bis ich das Eckhaus erreichte, dessen Vorgarten zu durchschreiten war, um an die kleine Pforte zu gelangen, die zur Freitreppe führte. Die Gartenthür stand offen und ich trat ein. Unter den halb gesenkten Jalousien des Wohnzimmers zu ebener Erde leuchtete eine niedergeschraubte Lampe über den frischgeworfenen Kiesweg. War Fanny drinnen? Schlief sie vielleicht? Diese Gedanken jagten mir durch den Kopf, als ich zögernden Fußes über den Weg schritt. Plötzlich hörte ich Stimmen. Flüsternde Stimmen. Ich stand still, um zu lauschen. Sie kamen über den Zaun, der den Garten von der freien Wiese trennte. Ich stand im Nu auf den Stufen der Freitreppe. Von dort übersah ich den Zaun. Die Wiese lag im Dunkel. Stimmen drangen zu mir herüber und mein Auge – an die Dunkelheit rasch gewöhnt – erblickte zwei Gestalten. Warum ich – mit ahnungsvollem Herzen – hinüberstarrte, wußte ich nicht. Was ich sah, machte mich schwindelig, was ich hörte raubte mir das Bewußtsein. An einen Baumstamm gelehnt stand – mein Idol – bei ihm, die weißen Hände auf seiner Brust gefaltet – den Kopf zurückgeworfen – Fanny – meine heimtückische Rivalin. Ich hörte ihre Worte.
»Wer hat uns verraten?« fragte sie.
»Ich weiß es nicht,« flüsterte er.
»Und die Briefe?« sagte wieder sie.
»Ich habe sie« – er.
»Und du mußt fort?« Die Schamlose duzte ihn.
»Muß wohl,« seufzte das verräterische Idol, »aber ich sehe dich wieder!«
»O mein Gott!« stöhnte sie, und dann war es still und der Mond drängte sich durch die Zweige des Baumes, dessen Laub sie deckte, und ich sah – sah's mit wilder Qual, wie er den angebetenen Kopf neigte und sie küßte.
»Die Kleine?« hört ich sie fragen, »hat sie getobt?« Wie ein Messerstich durchfuhr es mein Herz bei seiner lächelnden Antwort.
»Wie eine Katze – das wilde kleine Geschöpf – es that mir fast leid!«
Sie lachten beide. Der Mond war nun voll durch die Wolken gedrungen. Sein Silberlicht durchkreuzte die vom Winde leicht bewegten Zweige. Ich sah's noch, wie er den kleinen Reif vom Finger zog, um ihn an ihre Hand zu stecken, wie er sich beugte, um die kleine Hand zu küssen. – »Braut« sagte er leise und in meinem Innern ward es plötzlich totenstill. Schweigend – heimlich, wie ich gekommen – schlich ich mich wieder davon. In dem hohen Grase auf der andern verborgenen Seite der Wiese – lag ich bis zu später Stunde hingeworfen – das Gesicht zur Erde gekehrt, und weinte – weinte schmerzzerrissen – leidenschaftlich erzitternd, meine erste Enttäuschung – in die feuchten Gräser hinein, unter dem Glanze des stillfahrenden Mondes, in der tiefdunklen Einsamkeit der Nacht.
Das Lied.
Aus dem Fenster des zweiten Stockwerkes lugte der blonde Krauskopf eines Kindes. Die kleine Gestalt mußte auf Fußspitzen stehen und aufs äußerste gereckt sein, denn den vorübergehenden Passanten ward nur die Spitze einer aufwärtsgehenden kleinen Nase und ein Wulst in die Stirne fallender krauser gelber Haare sichtbar. Um so deutlicher aber drang eine Kinderstimme auf die Straße herab, welche in monotoner Wiederholung mit der ganzen Beharrlichkeit eigensinniger Kleinen halb klagend halb gereizt den Ruf »Jinnie oh Jinnie« ertönen ließ.
Die Ausdauer des Kindes, verbunden mit dem drollig vorgestreckten unsicher schaukelnden Köpfchen hätte etwas Lächerliches gehabt, wenn nicht in dem tiefen, von Thränen erstickten Tonfall etwas Rührendes gelegen, das den Vorübergehenden unwillkürlich zurückblicken ließ.
Frau Martha Terris hob gerade mit Hilfe ihres Hausmädchens den Kinderwagen von den Stufen ihres gegenüber gelegenen Wohnhäuschens, um darin ihr acht Wochen altes Erstgeborenes in der Morgensonne auf und ab zu fahren, als der Ruf des kleinen Menschen vom zweiten Stockwerk des Thompsonschen Hauses zu ihr herabdrang:
»Jinnie oh Jinnie!«
»Thompsons Junge hat schon wieder seinen Anfall,« bemerkte sie mit einem Aufblick nach der Richtung der gelben Locken – dann nahm sie mit einem besorgten »leise, leise« der Dienerin das schlafende Baby ab und bettete es sorglich in die Kissen des Wagens.
»Ich sehe es kommen, daß der Schreihals sie weckt,« murmelte sie halb vor sich hin, einen ängstlichen Blick von ihrem schlafenden Sproß fort zum Fenster hinaufsendend, und mit der ihr eigenen entschlossenen Hast setzte sie das kleine Gefährt in Bewegung, damit das Räderrollen ihre Stimme übertönte, und wandte sich geärgert dem beharrlich rufenden Krauskopf zu.
»Neddie Thompson – wen rufst du denn?«
Die zwei kleinen Hände, die zur besseren Stütze des hin und her balancierenden Körpers die Fensterbank umklammert hielten, fuhren weiter hinaus und klammerten sich von neuem ein. Das Kind mußte sich innen an der unter dem Fenster entlanglaufenden Holzeinrahmung festgestemmt haben, denn der blonde Lockenkopf tauchte plötzlich über der Brüstung hervor, und ein sehr verweintes blaues Augenpaar heftete sich auf die Fragerin.
»Wen du rufst, wollte ich wissen!« Der Ton der guten Frau war wenig geeignet, das Zutrauen eines Kindes zu erwecken; der Schmerz des Kleinen mochte indes alle anderen Bedenken in den Hintergrund gedrängt haben – das Köpfchen nickte wie zur Bekräftigung seines Rechtes zweimal und der zuckende Mund erklärte beharrlich ernsthaft: »Jinnie will ich!« Frau Terris blickte während einiger Sekunden vor Mißbilligung stumm geradeaus.
»Hat man je so etwas« – murmelte sie, unterbrach sich aber mit einem sehr beredten Achselzucken. »Wo ist denn deine Jinnie?« fragte sie streng.
»Fort!« Der Antwort folgte jene Pause, in der von oben der sehnsüchtige Kindesruf wieder angestimmt wurde, und gleich darauf drang aus dem Innern des Wagens leises Wimmern.
»Ein abscheulicher Junge,« schimpfte die junge Frau, indem sie das Gefährt energisch hin und her schaukelte, »wenn meine junge Dame da drinnen sich jemals einfallen lassen sollte, einen solchen Singsang anzustimmen, ich wollte ihr meine Meinung über derartige Anwandlungen klar machen – das wollt' ich. Sei doch mal still du – Neddie Thompson – such' doch deine Jinnie!« Frau Terris sah sich nach diesem ihrem Ausbruch wohlgemeinter Entrüstung genötigt, ihr nun hellweinendes Baby eine Strecke zu fahren. Sie bog ohne weitere Beachtung des Gegenstandes ihres Verdrusses in die Straßenecke ein. So bemerkte sie denn auch nicht, wie die Rufe vom zweiten Stock nachließen, wie die kleinen Hände sich nach der empfangenen Strafpredigt von dem Fenstersims lösten und das Stumpfnäschen – darüber der gelbe Lockenwulst – aus dem Rahmen desselben verschwand. Es hätte sie jedenfalls in Erstaunen gesetzt, zu bemerken, wie nach einer Viertelstunde die kleine dicke Kindergestalt sich unbeholfen rückwärts schiebend die steile Wendeltreppe hinabkletterte, durch die wegen der milden Sommerluft offenstehende Hausthüre trat und mit unbeschuhten Füßchen und barhäuptig die Straße erreichte und unbekümmert darum, daß die heiß und heißer werdenden Sonnenstrahlen ihm auf das unbedeckte Köpfchen fielen – seinen Weg geradeaus nahm und um die scharfe Ecke verschwand. Noch mehr würde es die junge Frau gewundert haben zu hören, wie der kleine Fußgänger von einem alten Gärtner angehalten, nach dem Ziel seiner Wanderung befragt, mit wohlgelungener Nachahmung des Terrisschen Tonfalls »ich such' meine Jinnie« erwidert hatte.
Als Frau Terris nach einstündigem Spaziergang die Richtung ihres Hauses wieder einschlug – das Gefährt mit dem schlafenden Terrisbaby vor sich herschiebend – gewahrte sie zwischen dem ihren und dem Thompsonschen Hause eine Anzahl gestikulierender Menschen, welche unter bedauerlichem Achselzucken nach allen Richtungen hindeuteten und die Köpfe schüttelten.
»'s ist der Junge von drüben,« erklärte das herbeigeeilte Hausmädchen, das – ihrer Pflichten eingedenk – die Vorkommnisse der Nachbarschaft in Abwesenheit der Herrin getreulich überwachte und zungengeläufig herzählte. »'s ist der Junge von drüben!«
»Gestürzt?« fragte Frau Terris rasch – etwas Neugier, etwas Angst im Ton.
»Gestürzt nicht. Verschwunden – verloren – fort. Sie suchen ihn überall!«
»Gracious Goodness! (»Herr des Himmels!«) welch ein Junge! Wo mag er nur sein!«
Ja – wo mochte er sein? Die trostlos versammelten Nachbarn sprachen einer dem andern den Satz nach und blickten mit der allen müßigen Gaffern eigenen Albernheit die Häuser zuerst, dann die Bäume und endlich sich gegenseitig mitleidsvoll an.
Frau Terris verlor unter ihnen die Geduld. Ohne weiter auf die immer größer werdende Menschenzahl zu achten, faßte sie behutsam die Räder des Kinderwagens und bedeutete dem redseligen Dienstmädchen, ein gleiches auf der Rückseite zu thun.
»Tragen Sie sie leise hinauf,« befahl sie – »ich gehe zu Thompsons hinüber, um zu hören!«
Frau Terris hörte bei den Thompsons wenig, aber das Wenige genügte, um sie einigermaßen zu verstimmen. Frau Thompson fiel von einer Ohnmacht in die andere, während Thompson Gatte mit Hilfe der willigen Nachbarn die nahegelegenen Straßen absuchte. Die Dienerschaft allein vermochte es, der energischen Frau Terris schluchzend Rede und Antwort zu stehen.
»Jinnie war entlassen worden – Jinnie das schwarze Kindermädchen. War zu spielerisch – machte keine Arbeit mehr ordentlich. Missus hatte recht und Neddie – der süße Engel – Kinder seien ja alle gleich – und die Jinnie, das raffinierte Ding, geberdete sich so toll, kein Wunder, daß der »süße Engel« Neddie anfing zu weinen und sich an sie hängte, so daß »Missus« ihn nach oben trug. Missus habe beim Einkochen aufgepaßt, sie hätten Quittengelee gemacht, und während sie in der Küche beschäftigt waren – hätte der süße Engel – der herzige Engel –
»Ob ihm denn niemand begegnet sei?«
»Ja – der alte Gärtner von der Bahnhofsecke. Er habe den Kleinen angehalten – das »süße Kind« habe mit dem Kopfe vorwärts gedeutet und immer gesagt: »Such' meine Jinnie – such' meine Jinnie!«
»Und der gräßliche Mensch habe ihn gehen lassen?« Stummes Kopfschütteln – erneuetes Schluchzen – weiter erfuhr Frau Terris nichts, und was sie gehört, ließ sie etwas von ihrem vielgepriesenen Selbstvertrauen einbüßen.
»'s ist keine Kleinigkeit,« erzählte sie später dem heimgekehrten männlichen Terris; »wenn ich bedenke, daß ich es war, der den abscheulichen Jungen ausschimpfte, daß ich es war, der ihm sagte, er solle das Frauenzimmer suchen, anstatt sich – hörst du mich auch, mein lieber Terris?«
Es machte Terris einige Schwierigkeiten zu hören, wenn seine Frau, wie das hier der Fall war, so auffällig beim Decken des Tisches mit den Tellern klapperte, und er, nebenbei gesagt, hinter dem Zeitungsblatt versteckt, die Kurse studierte; trotzdem hob er mit einem vorwurfsvollen Blick den Kopf und versicherte, daß er mit dem größten Interesse aufpasse, und aufs Lebhafteste gespannt sei – der Schluß des Satzes verlor sich in erneuetem Tellergeklapper.
»Es ging mich vielleicht nichts an, wirst Du sagen,« sprach Frau Terris mit erzwungen gleichmütigem Tone weiter, »wenn der Junge da herunter lamentiert, aber wenn man mit Mühe und Not sein eigenes Baby in den Schlaf gekriegt – Mary Ann ist seit zwei Tagen schwer einzuschläfern – und man will sie ein Stückchen auf und ab fahren, und so ein Junge maltraitiert einen mit seinem Singsang – da kann es dem besten Menschen passieren, daß man einmal derb die Meinung sagt und –«
Das Klappern der Teller hatte allmälig nachgelassen – die Stimme der ehrenwerten kleinen Frau ward allmälig unsicherer und Herr Terris fuhr nicht ohne Schrecken zusammen, als sich seine Gattin ohne alle Vorbereitung mit der ihr eigenen Heftigkeit plötzlich neben ihm niederwarf, ihr Gesicht an seiner Schulter barg und erst weinerlich, dann heftig schluchzend weitersprach:
»Wenn ich ihm auch gesagt habe, daß er seine dumme Jennie suchen sollte – dann brauchte er doch nicht – wenn ich bedenke, daß unsere Mary Ann eines Tages auf und davon – – oh Talbot, ich hätte es ihm nicht so zu sagen brauchen – hätt' ich?« Herr Terris hatte alle Ursache, sich zu schämen. Er hatte nicht einen Augenblick zugehört und befand sich in der unbehaglichen Lage, trösten zu sollen, ohne zu ahnen, um was es sich handelte. Der Erregung der Frau war es zuzuschreiben, daß es ihm gelang.
»Was kann ich in der Sache thun?« fragte er im Bewußtsein, daß nur eine Handlung ihm in den Augen seiner Martha Gunst verleihen würde, und wirklich blickte dieselbe dankerfüllt zu ihm auf.
»Du wirst gleich nach Tisch gehen und den abscheulichen Jungen suchen helfen, mein guter Talbot, nicht wahr?«
Der »gute Talbot« erfuhr zum Glück im Hinausgehen vom Hausmädchen, um welchen »abscheulichen Jungen« es sich eigentlich handelte.
Das Kind war fort. Der Tag verging – der zweite kam – das Kind blieb fort. Die Nachbarn bestätigten es mit Trauermienen und bedauerndem Aufblick zu den herabgelassenen Thompsonschen Jalousien, hinter denen die Herrin von Weinen erschöpft darniederlag und die alte Köchin während des langen Tages unter weinerlichen Stöhnlauten einherging und mit immer neuen Gefühlsausbrüchen die Anfragen der Nachbarn mit dem stets gleichen Jammerruf: »Das Kind ist fort – fort«, beantwortete.
Der melancholische Ton weckte so sehr das Mitgefühl wie die traurige Thatsache selbst. Was Wunder also, daß die guten Nachbarn aufhorchten, als am Abend desselben Tages die Stimme der alten Köchin vor den Stufen des Hauses in ganz anderer Weise erscholl. Allem Anscheine nach war sie ergrimmt. Man sah eine drohend geballte Faust – hörte eine unterdrückte, erregte, zornbebende Stimme:
»Fort ist das Kind. Jawohl, du schwarzes Ungeheuer, fort ist es, und wenn der süße Engel zu Tode hungert oder auf den Eisenbahnschienen umkommt – wer hat die Schuld, du nichtswürdiges Geschöpf? wer anders als du – du – was willst du überhaupt noch hier? Nach ihm fragen? So? Wenn du mir wieder unter die Hände kommst – ich – ich – fort von hier, sag ich, du schwarzes Ungeheuer oder ich« –
»Mit wem sie nur reden mag,« fragten sich die teilnahmvollen Beobachter, deren neugierige Köpfe bei dem ungewohnten Geräusch zu den Fenstern herauskamen, »wer mag denn da unten sein?«
Bevor sie sich indessen klar werden konnten, war die Thüre des Thompsonschen Hauses ins Schloß gefallen und von den Stufen erhob sich eine halberwachsene Mädchengestalt, die sich eingeschüchtert an den Häusern entlang hinschlich und im Dunkeln verschwand.
»'s war das Frauenzimmer, die Jinnie, ich wette, was du willst,« sagte Frau Terris, ihren vom Abendwind zerzausten Kopf von der Fenstereinrahmung zurückziehend und den männlichen Terris herausfordernd ansehend, »das freche Ding – hier noch herzukommen, nachdem sie die ganze Sache angerichtet – so ein Nigger!« Es gab in der Umgegend noch andere, die das Gebahren des Negermädchens für frech erklärten, so zum Beispiel schien es dem hinter seiner Schnapsflasche eingeschlafenen Bahnbeamten eine nie dagewesene Dreistigkeit von einem halberwachsenen Mädchen, ihn zu wecken, um zu fragen, ob sie auf eine Viertelstunde die Laterne nehmen dürfe, um etwas, was sie verloren, zu suchen, und dann hatte er in seinen Flüchen innehalten müssen, als sich das junge Ding so ängstlich seitwärts drückte und ihn aus großen Augen so eigen hilflos anstarrte.
»Frech war es, ihn zu wecken, aber – na, die Lampe stand ja da – seinetwegen – aber wiederbringen – verstanden?« Eine Frechheit war es wiederum von dem hinterlistigen Ding – das doch nur wie alle Neger stehlen wollte, an der Apfel- und Kartoffelbude der irländischen Marktfrau zur Abendstunde anzuklopfen. »Ob ein Herr Smith hier wohne? Oho – die Frage kannte man. Als ob nicht jeder wüßte, daß an der Grenze der Stadt – wo die Eisenbahn halt machte, kein Smith, sondern sie selbst, die bekannte Apfel-Kennedy, wohnte. Was sie denn von dem Smith wollte, he?«
»Ein kleines Kind habe sich verlaufen und ein gewisser Gärtner Smith solle dem Kinde auf der Avenue begegnet sein, sie wollte nur fragen –«
»So, na ja. Ob sie dächte, daß man das Zeug glauben würde. Wenn weiße Leute ein Kind suchten, schicken sie doch keinen Nigger danach aus. Ein rotköpfiger Junge wäre gestern vorübergekommen. Vielleicht war's der! Na, was sollte das heißen? Nur nicht so dicht 'rankommen, sie hätt' ihn nicht weiter beachtet. Da 'runter wär' er gegangen und die Leute aus der Schlächterei hätten ihn angehalten – ob sie wohl in ihrer Hast den Korb nicht umstoßen wollte – solch ein Nigger! Na – gestohlen hatte sie nichts – Gott sei Dank.«
Gestohlen hatte sie nichts und doch mußten die Bewohner der armseligen, kleinen Hütten, dicht hinter der großen Schlächterei, die umherschleichende, sich bei jedem Geräusch scheu verbergende Gestalt des Negermädchens mit Argwohn betrachten. Es war nicht erwiesen, daß sie stehlen wollte, trotzdem sie in der gut gekannten Manier aller Diebe und Schleicher an den verschiedenen Thüren anklopfte, um mit verstellt harmloser Miene zu fragen, ob dies Nr. 19 wäre, und dabei mit großen, suchenden Augen die spärlich möblierten, inneren Raume zu überblicken.
Nein – es war nicht Nr. 19. Es gab überhaupt hier keine Nummern, und wenn sie vielleicht etwas ausspionieren wollte, so könnte man dem männlichen Hüter des Hauses rufen – aha – das wirkte! So ein diebischer Nigger! – Die Drohung hatte sie fortgeschreckt! Es war also keine Gefahr mehr vorhanden. Die aus der Schenke heimkehrenden Männer täuschten sich auch wohl, wenn sie im Schatten des im Zickzack entlanglaufenden Holzzauns eine sich verbergende Gestalt zu sehen wähnten. Wie sollte auch zu so später Abendstunde – – sie konnten vorsichtshalber die konferierenden Stimmen etwas senken. Und die Stimmen, welche ohnehin in halb ängstlicher Weise verhandelten, senkten sich vorsichtig zu noch leiserem Ausspruche:
»Schaff es fort,« riet die eine, »ich rate dir gut,« und eine zweite erwiderte zögernd und undeutlich:
»s'ist hart, ich mag nicht!«
»Willst du's hierbehalten bis man's entdeckt, und wir bestraft werden?« Der Ton des Mannes klang rauh und die Unschlüssigkeit des Nachbars gab ihm ersichtlich Mut. »Ich sage dir, es steckt 'ne Summe dahinter, verspiel dein Glück nicht – ich dächte die Armut hättest du mit Frau und Kindern ausgekostet – Arbeit, nichts wie Arbeit und was dafür? Morgen werden Plakate ausgehängt – große Belohnungssummen geboten – schaff es auf drei Wochen fort und die Summen werden verdreifacht – ich rate dir – Höll' und Teufel – siehst du nichts? Bewegt sich nicht etwas auf der Erde entlang – auf allen Vieren – ein Mensch – nein verdamm mich – ein Mädchen – da – fort ist's. Sahst du denn nichts – ich träume doch nicht – war da nicht jemand?«
»Nichts gesehen. Komm nach Hause!«
Tiefe Dunkelheit überall. Die Schritte waren verklungen. Von der nahe gelegenen Stadtuhr schlug es zehn. Die letzten herabgeglommenen Kerzen aus den einzelnen noch gering erleuchteten Hütten verloschen. Über den ärmlichen Stadtteil war tiefe Finsternis gefallen, und plötzlich hob sich aus der ringsum lagernden Stille der Nacht eine menschliche Stimme im Gesang. Eigenartig leise, eigenartig tief zugleich erscholl es aus einer Mädchenkehle in halb zitternden Tönen. Durch die ruhenden Straßen und so eigen gedämpft, so sehnsuchtsvoll innig kam die Melodie, daß die schlafende Stadt weiter schlief; und der leichte Nachtwind trug die zitternden Töne fort zu den Fenstern der niedern Hütten – durch diese zu dem Bettchen eines Kindes, das sich halb träumend aufrichtete und mit unbewußt vorgestrecktem Köpfchen auf die Stimme hinaus horchte. Der Gesang kam näher – die Worte wurden deutlicher – der Ton trauriger:
| »Oh my dear Nellie Grey |
| They have taken you away |
| And I'll never see my darling |
| Any more – any more – –« |
Die Stimme brach ab. Was war das? War es eine Täuschung oder fiel das Mondlicht auf ein klagendes schlaftrunkenes Kinderköpfchen, das sich hinter der Scheibe des Eckhüttenfensters abzeichnete?
| »I am sitting by the river, |
| I am weeping all the day –« |
»Jinnie oh Jinnie!«
Es war keine Täuschung. Es war wirklich ein sehnender Kinderschrei gewesen, der in die Straßen hinabtönte, und mit einem aufschluchzenden Jauchzer riß das Lied ab. Vor dem Fenster des Erdgeschosses, aus dem die kleine Stimme gekommen, stand hochaufgerichtet das Negermädchen und streckte, halb wie zum Dankesruf, halb im Triumph, beide Arme empor:
»Neddie, darling Neddie!«
Was that's, daß das Einschlagen des Fensters die Schlafenden weckte – was galt es ihr, daß in den Hütten sich's zu regen begann? Was kümmerte es sie, daß hinter ihr Flüche, Schimpfworte, Drohungen erschollen? Das schluchzende Kind im Arm haltend, durchflog sie die Straßen – stolperte, richtete sich auf – stürzte, hob sich wieder – fort, weiter und immer weiter durch die Nacht, aus dem verödeten düstern Stadtteil in den belebteren helleren, ein einzigesmal rastend, um das zerzauste Köpfchen an ihrer Schulter sorglicher zu betten, das blasse Gesicht des verwirrt blickenden Kindes mit ihren Lippen zu streifen und ihren Lauf fortzusetzen, bis sie, hastig atmend – zu Tode erschöpft das Thompsonsche Haus erreicht, die Stufen zur Hausthür erklommen hatte, um wie eine Wahnwitzige an der Glocke zu ziehen, daß es klirrend, dröhnend durch alle innern Räume ging.
Die da nach wenigen Augenblicken mit Licht erschienen, fanden auf der Thürschwelle die in sich zusammengesunkene Gestalt des Negermädchens und neben ihr das verlorene Kind Neddie, das den schwarzen Kopf des Mädchens aufzurichten suchte und in dem gekannten tiefen Klageton sein »Jinnie, Jinnie« rief.
Von der Bewegung, die noch in der Nacht in den Straßen entstand, wußten die guten Nachbarn noch lange zu erzählen.
Ob man wohl glauben könnte, daß ein Neger – und noch dazu ein Lied – ein sentimentales Lied, das dem Knaben beim Einschläfern vorgesungen worden war, ihn gelockt – es war seltsam.
»Verlange nicht von mir, daß ich dir meine Gefühle schildere,« bat Frau Martha Terris am Frühstückstisch ihren Gatten, indem sie mit energischem Schlag ihre Rechte auf den Tisch niederklappte – »verlange das nicht! Ich werde, solange ich lebe, den Nigger nicht ansehen können, ohne versucht zu sein, ihr eine Verbeugung zu machen, und daß du's nur weißt, ich bin mir noch gar nicht sicher, ob ich nicht direkt hinübergehe und dem schwarzen Ding einen herzhaften Kuß gebe; denn – du merkst wohl, Terris, daß ich mit dir rede.« Herr Terris glaubte so etwas bemerkt zu haben. Seine Wohlerzogenheit als Ehegatte verbot ihm, der schwatzhaften kleinen Dame seine Ansicht über ihr menschenfreundliches Vorhaben kund zu thun. Er begnügte sich damit, einen verständnisinnigen Blick auf das vis-à-vis gelegene Haus zu werfen, und verkroch sich eiligst wieder hinter seine Zeitung, als Frau Terris mit einem entzückten kleinen Schrei auf das Fenster zuflog.
»Da ist der Junge! Sieh ihn dir an! Du kannst noch so eigensinnig das Gegenteil behaupten, ich erkläre dir, daß es kein hübsches Kind ist. Die Nase ist platt. Wenn ich dagegen unsere Mary Ann, – da ist das Mädchen Jinnie und der Junge küßt sie. Nichts auf der Welt wird mich jemals veranlassen, das Mädchen wie ein irdisches Wesen zu betrachten, denn wenn das Fenster da drüben leer geblieben wäre – nachdem ich es war, die den Jungen – du kannst versichert sein, Talbot, daß es mein Tod gewesen wäre – thatsächlich mein« –
Der Satz wurde nicht vollendet. Frau Terris Aufmerksamkeit wurde auf das Thompsonsche Fenster gelenkt, aus dem sich der blonde Krauskopf des besprochenen Kindes herausbog und sich lebhaft nickend hin- und herbewegte.
»Ich glaube gar – es spricht zu mir!« Frau Terris geriet über die besondere Auszeichnung fast in Verlegenheit. Des Kindes Stimme tönte freudig erregt zu ihr hinüber.
»Meine Jinnie wieder da!« meldete der rote Mund beglückt eifrig, und Frau Terris grüßte ganz gerührt zu den gelben Locken herüber und nickte – eine Thräne im Auge mit einem kräftig gesprochenen »God bless her« dem Thompson Jungen zu – dann warf sie sich – wie um eine verräterische Rührung zu unterdrücken, ihrem Manne entgegen:
»Ich bin glücklich, daß der abscheuliche Junge wieder da ist, Talbot – wenn ich bedenke, daß unsere kleine Mary Ann – ich war es ja doch, die ihn« – hier geriet die tapfere Frauenstimme ins Wanken und von dem Rockärmel des männlichen Terris kamen abgerissen die Worte – »ich – ich – o Talbot – ich bin so froh.«