IV
Als Raniero von Jerusalem aufbrach, hatte er den Seeweg von Joppe nach Italien nehmen wollen. Aber er änderte diesen Entschluß, als die Räuber ihn um sein Geld plünderten, und beschloß über Land zu ziehen.
Es war eine lange Reise. Er zog von Joppe nördlich, der Küste Syriens entlang. Dann ging die Fahrt nach Westen, längs der Halbinsel von Kleinasien. Dann wieder nördlich bis hinauf nach Konstantinopel. Und von dort hatte er noch eine ansehnliche Strecke Wegs bis Florenz.
Während dieser ganzen Zeit lebte Raniero von frommen Gaben. Meistens waren es die Pilger, die nun in Massen nach Jerusalem strömten, die ihr Brot mit ihm teilten.
Obgleich Raniero fast immer allein ritt, waren seine Tage weder lang noch einförmig. Er hatte allezeit die Lichtflamme zu hüten und konnte sich um ihretwillen niemals ruhig fühlen. Es brauchte nur ein Wind, nur ein Regentropfen zu kommen, und es war um sie geschehen.
Während Raniero einsame Wege ritt und nur daran dachte, die Lichtflamme am Leben zu erhalten, kam es ihm in den Sinn, daß er schon einmal zuvor etwas Ähnliches erlebt hatte. Er hatte schon einmal zuvor einen Menschen über etwas wachen sehen, was ebenso verletzlich war wie eine Lichtflamme.
Dies schwebte ihm anfangs so undeutlich vor, daß er nicht recht wußte, ob es etwas war, was er geträumt hätte.
Aber während er einsam durch das Land zog, kam der Gedanke, daß er schon einmal etwas Ähnliches mit erlebt habe, unablässig wieder.
„Es ist, als hätte ich mein ganzes Leben lang von nichts anderm gehört,“ sagte er.
Eines Abends ritt Raniero in eine Stadt ein. Es dunkelte, und die Frauen standen in den Türen und schauten nach ihren Männern aus. Da sah Raniero eine, die hoch und schlank war und ernste Augen hatte. Sie erinnerte ihn an Francesca degli Uberti.
In demselben Augenblick gelangte Raniero zur Klarheit, worüber er nachgegrübelt hatte. Er dachte, daß für Francesca ihre Liebe sicherlich wie eine Lichtflamme gewesen war, die sie immer brennend hatte erhalten wollen, und von der sie stets gefürchtet hatte, daß Raniero sie verlöschen würde. Er wunderte sich über diesen Gedanken, aber immer mehr ward es ihm zur Gewißheit, daß es sich so verhielt. Zum ersten Male begann er zu verstehen, warum Francesca ihn verlassen hatte und daß er sie nicht durch Waffentaten wiedererobern konnte.
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Ranieros Reise wurde sehr langwierig. Und dies nicht zum wenigsten darum, weil er sie nicht fortsetzen konnte, wenn das Wetter ungünstig war. Dann saß er in der Karawanserei und bewachte die Lichtflamme. Das waren sehr harte Tage.
Eines Tages, als Raniero über den Berg Libanon ritt, sah er, daß sich die Wolken zu einem Unwetter zusammenzogen. Er war da hoch oben zwischen furchtbaren Klüften und Abstürzen, fern von allen menschlichen Behausungen. Endlich erblickte er auf einer Felsspitze ein sarazenisches Heiligengrab. Es war ein kleiner viereckiger Steinbau mit gewölbtem Dache. Es däuchte ihn am besten, seine Zuflucht dorthin zu nehmen.
Kaum war Raniero hineingekommen, als ein Schneesturm losbrach, der zwei Tage raste. Zugleich kam eine so furchtbare Kälte, daß er nahe daran war zu erfrieren.
Raniero wußte, daß es draußen auf dem Berge genug Zweige und Reisig gab, so daß es ein leichtes für ihn gewesen wäre, Brennstoff zu einem Feuer zu sammeln. Allein er hielt die Lichtflamme, die er trug, sehr heilig, und wollte mit ihr nichts andres entzünden als die Lichter vor dem Altar der heiligen Jungfrau.
Das Unwetter wurde immer ärger, und schließlich hörte er heftiges Donnern und sah Blitze.
Und ein Blitz schlug auf dem Berge dicht vor dem Grabe ein und entzündete einen Baum. Und so hatte Raniero eine Flamme, ohne daß er das heilige Feuer anzutasten brauchte.
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Als Raniero durch einen öden Teil der Berggegend von Cilicien ritt, ging sein Licht zur Neige. Die Kerzenbündel, die er von Jerusalem mitgebracht hatte, waren längst aufgebraucht, aber er hatte sich doch weiterhelfen können, weil auf dem ganzen Wege christliche Gemeinden gewesen waren, wo er sich neue Lichter erbetteln konnte.
Aber nun war sein Vorrat zu Ende, und er glaubte, daß dies das Ende seiner Fahrt sein würde.
Als das Licht so tief herabgebrannt war, daß die Flamme seine Hand versengte, sprang er vom Pferde, sammelte Reisig und trockenes Gras und entzündete dies mit dem letzten Überbleibsel der Flamme. Aber auf dem Berge fand sich nicht viel, was brennen konnte, und das Feuer mußte bald verlöschen.
Wie Raniero so saß und sich darüber betrübte, daß die heilige Flamme sterben mußte, hörte er vom Wege her Gesang, und eine Prozession von Wallfahrern kam mit Kerzen in den Händen den Pfad herangezogen. Sie waren auf dem Wege zu einer Grotte, in der ein heiliger Mann gelebt hatte, und Raniero schloß sich ihnen an. Unter ihnen befand sich auch eine Frau, die alt war und nur schwer gehen konnte, und Raniero half ihr und schleppte sie den Berg hinauf.
Als sie ihm dann dankte, machte er ihr ein Zeichen, daß sie ihm ihre Kerze geben möge. Und sie tat es, und auch mehrere andre schenkten ihm die Kerzen, die sie trugen.
Er löschte die Lichter und eilte den Pfad hinunter und entzündete eines von ihnen an der letzten Glut des Feuers, das von der heiligen Flamme entzündet war.
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Einmal um die Mittagstunde war es sehr heiß, und Raniero hatte sich in ein Gebüsch schlafen gelegt. Er schlief tief, und das Licht stand zwischen ein paar Steinen neben ihm. Aber als Raniero ein Weilchen geschlafen hatte, begann es zu regnen, und dies dauerte ziemlich lange an, ohne daß er erwachte. Als er endlich aus dem Schlummer auffuhr, war der Boden ringsum ihn naß, und er wagte kaum zu dem Lichte hinzusehen, aus Furcht, daß es erloschen sein könnte.
Aber das Licht brannte still und ruhig mitten im Regen, und Raniero sah, daß dies daher kam, daß zwei kleine Vögelchen über der Flamme flogen und flatterten. Sie schnäbelten sich und hielten die Flügel ausgebreitet, und so hatten sie die Lichtflamme vor dem Regen geschützt.
Raniero nahm sogleich seine Kapuze ab und hing sie über das Licht. Dann streckte er die Hand nach den kleinen Vögeln aus, denn er hatte Lust, sie zu liebkosen. Und sieh da, keiner von ihnen flog von ihm fort, sondern er konnte sie einfangen.
Raniero staunte sehr, daß die Vögel keine Angst vor ihm hatten. Aber er dachte: das kommt daher, daß sie wissen, daß ich keinen andern Gedanken habe, als das zu schützen, was das schutzbedürftigste ist, darum fürchten sie mich nicht.
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Raniero ritt in der Nähe von Nicea. Da begegnete er ein paar abendländischen Rittern, die ein Entsatzheer ins heilige Land führten. In dieser Schar befand sich auch Robert Taillefer, der ein wandernder Ritter und Troubadour war.
Raniero kam in seinem fadenscheinigen Mantel mit dem Lichte in der Hand herangeritten, und die Krieger begannen wie gewöhnlich zu rufen: „Ein Toller, ein Toller!“ Aber Robert hieß sie schweigen und sprach den Reiter an:
„Bist du lange so gezogen?“ fragte er ihn.
„Ich bin so von Jerusalem hergeritten,“ antwortete Raniero.
„Ist dein Licht unterwegs nicht oftmals erloschen?“
„An meiner Kerze brennt noch dieselbe Flamme, wie da ich von Jerusalem auszog,“ sagte Raniero.
Da sprach Robert Taillefer zu ihm: „Ich bin auch einer von denen, die eine Flamme tragen, und ich wollte, daß sie ewig brennen könnte. Aber vielleicht kannst du, der du dein Licht brennend von Jerusalem hergebracht hast, mir sagen, was ich tun soll, auf daß sie nicht erlösche.“
Da erwiderte Raniero: „Herr, das ist ein schweres Beginnen, obgleich es von geringem Gewichte scheint. Ich will euch wahrlich nicht zu solch einem Vorhaben raten. Denn diese kleine Flamme verlangt von euch, daß ihr ganz aufhört, an etwas andres zu denken. Sie gestattet euch nicht, eine Liebste zu haben, falls ihr zu derlei geneigt sein solltet, auch dürft ihr es um dieser Flamme willen nicht wagen, euch bei einem Trinkgelage niederzulassen. Ihr dürft nichts andres im Sinne haben als eben diese Flamme, und keine andre Freude darf euch eigen sein. Aber warum ich euch vor allem abrate, dieselbe Fahrt zu tun, die ich nun versucht habe, das ist, weil ihr euch keinen Augenblick sicher fühlen könnt. Aus wie vielen Gefahren ihr auch die Flamme gerettet haben mögt, ihr dürft euch doch keinen Augenblick geborgen wähnen, sondern ihr müßt darauf gefaßt sein, daß sie euch im nächsten Augenblick entrissen werde.“
Aber Robert Taillefer warf den Kopf stolz zurück und sagte: „Was du für deine Lichtflamme getan hast, das werde ich auch für die meine zu tun wissen.“
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Raniero war nach Italien gekommen. Er ritt eines Tages auf einsamen Pfaden durch das Gebirge. Da kam ihm eine Frau nachgeeilt und bat ihn um Feuer von seinem Lichte. „Bei mir ist das Feuer erloschen,“ sagte sie, „meine Kinder hungern. Leihe mir Feuer, damit ich meinen Ofen wärmen und ihnen Brot backen kann!“
Sie streckte die Hand nach dem Lichte aus, aber Raniero entzog es ihr, weil er nicht zulassen wollte, daß etwas andres an dieser Flamme entzündet werde, als die Lichter vor dem Bilde der Heiligen Jungfrau.
Da sagte die Frau zu ihm: „Gib mir Feuer, Pilger, denn meiner Kinder Leben ist die Flamme, die brennend zu bewahren mir auferlegt ist!“ Und um dieser Worte willen ließ Raniero sie den Docht ihrer Lampe an seiner Flamme entzünden.
Einige Stunden später ritt Raniero in ein Dorf. Es lag hoch oben auf dem Berge, so daß bittre Kälte dort herrschte. Ein junger Bauer stand am Wege und sah den armen Mann, der in seinem fadenscheinigen Rocke geritten kam. Rasch nahm er den kurzen Mantel ab, den er trug und warf ihn dem Reiter zu. Aber der Mantel fiel gerade auf das Licht und löschte die Flamme.
Da erinnerte sich Raniero an die Frau, die Feuer von ihm geliehen hatte. Er kehrte zu ihr zurück und entzündete sein Licht wiederum mit heiligem Feuer.
Als er weiter reiten wollte, sagte er zu ihr: „Du sagst, die Lichtflamme, die du zu hüten hast, sei das Leben deiner Kinder. Kannst du mir sagen, welchen Namen die Lichtflamme trägt, die ich so weither bringe?“
„Wo wurde deine Lichtflamme entzündet?“ fragte die Frau.
„Sie wurde an Christi Grab entzündet.“
„Dann kann sie wohl nicht anders heißen als Milde und Menschenliebe,“ sagte sie.
Raniero mußte über die Antwort lachen. Er däuchte sich ein seltsamer Apostel für solche Tugenden.
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Raniero ritt zwischen blauen Hügeln von schöner Gestalt. Er sah, daß er sich in der Nähe von Florenz befand.
Er dachte daran, daß er nun bald von der Lichtflamme befreit sein würde. Er erinnerte sich an sein Zelt in Jerusalem, das er voll Kriegsbeute zurückgelassen hatte, und an die tapferen Krieger, die er noch in Palästina hatte und die sich freuen wurden, wenn er das Kriegerhandwerk wieder aufnähme und sie zu Siegen und Eroberungen führte.
Da merkte Raniero, daß er keineswegs Freude empfand, wenn er daran dachte, sondern, daß seine Gedanken lieber eine andre Richtung nahmen.
Raniero sah zum ersten Male ein, daß er nicht mehr derselbe Mann war, als der er Jerusalem verlassen hatte. Dieser Ritt mit der Lichtflamme hatte ihn gezwungen, sich an allen zu freuen, die friedfertig und klug und barmherzig waren, und die Wilden und Streitsüchtigen zu verabscheuen.
Er wurde jedesmal froh, wenn er an Menschen dachte, die friedlich in ihrem Heim arbeiteten, und es ging ihm durch den Sinn, daß er gern in seine alte Werkstatt in Florenz einziehen und schöne, kunstreiche Arbeit verfertigen wolle.
„Wahrlich, diese Flamme hat mich umgewandelt,“ dachte er. „Ich glaube, sie hat einen andern Menschen aus mir gemacht.“