Das Bärenweib

hat seit 1895 ausserordentliches Aufsehen erregt und war für nahezu zwei Jahre auch die Haupt-Attraction in Castan's Panopticum zu Berlin.

Dass diese Frau mit einem Bären nichts gemein hat (ausgenommen das schöne Bärenfell, das sie über dem Tricot-Anzuge trägt), ist wohl ebenso begreiflich, wie es unbegreiflich ist, dass das Publicum sich einen so colossalen »Bären aufbinden« liess, indem es einen bei Lichte betrachtet ziemlich plump inscenirten Mummenschanz für unverfälschte Natur nahm und anstaunte. Wenn dieses Wesen nach Professor Virchow's Angabe auch eine ganz seltene Abnormität ist, so ist der Titel »Bärenweib« doch durchaus ungerechtfertigt. Die Abnormität besteht nämlich darin, dass sich die Ellenbogen ganz dicht bei den Handgelenken und die Knie ganz dicht bei den Knöcheln befinden. Dadurch ist allerdings eine ganz entfernte Aehnlichkeit mit einem Bären hervorgebracht, aber nur, so lange das »Bärenweib« sich auf Händen und Füssen fortbewegt, also nur während der Vorführung; ist diese aber beendet, so geht es gerade so gut aufrecht, wie jeder andere gewöhnliche Sterbliche.

Wo die Frau geboren ist, ist unbekannt. Seit etwa 1880 ist sie mit ihrer Mutter, die ebenso missgestaltet ist wie die Tochter, zusammen in ganz Amerika ausgestellt worden, und Beide waren stets gesuchte Schau-Objecte.

Trotz seiner wahrhaft abschreckenden Hässlichkeit hat das Bärenweib doch einen recht netten Ehemann, einen nordamerikanischen Mulatten Namens Howard Vanse, gefunden und im October 1896 einem hübschen Knaben das Leben geschenkt, der jedoch im August 1897 wieder starb.

Die bereits bejahrte Mutter des Bärenweibes reist jetzt als die einzige ihres Genres immer noch in Amerika, da aber ihre »Blüthenzeit« vorüber ist, so bezieht sie nur ganz geringe Gagen, während Mr. Howard Vanse als Ehegatte und Impresario mit seiner Frau den »intelligenten« Europäern auch ferner noch einen Bären resp. eine »Bärin aufbindet«.