Miss Maggie
die dreibeinige Dame
die das nächste Cliché zeigt, war, wie so manches andere in Amerika, auch »Humbug«.
»Vor etwa drei Jahren (also 1896)«, so berichtet mein Gewährsmann, »wurde von einem bedeutenden Museum in der Bowery in New York unter denkbarstem Hochdruck der Reclame als grösstes aller Naturwunder der Welt eine »Dame mit drei Beinen« annoncirt. Der Zulauf war ein ganz enormer, und auch ich, wenngleich mit etwas zweifelhaftem Vorgefühl, entschloss mich zu einem Besuch.
Nachdem mehrere »Specialitäten« von geringem Werth vorgestellt waren, erschien der »star« des Programms, die »Dame mit den drei Beinen«, in Gestalt eines kräftig gebauten, munteren Mädchens, das in einem Sessel sass und unter dessen Kleidern auch wirklich drei Füsse sichtbar waren.
Beim Vortrage des Explicators stand das Mädchen auf, hob die Kleider fast bis zu den Knieen empor und bewegte jedes der drei Beine in der natürlichsten Weise. Trotzdem jede Täuschung ausgeschlossen schien, wurde »Humbug« doch das »geflügelte Wort«, dem ein Theil des Publicums unverhohlen Ausdruck gab, während der andere Theil der festen Ueberzeugung war, ein wirklich echtes, unverfälschtes Naturwunder vor sich zu sehen; meine personellen Ansichten über das Pro und Contra hatten jedoch noch keine bestimmte Richtung angenommen. Wie so oft schon, trat aber auch hier der Zufall entscheidend auf. Einige Zeit später passirte ich nämlich Nachts elf Uhr Bowery, um mich in mein Hotel zu begeben. Vor dem »Museum« angelangt, trat aus dem Portal desselben eine Dame am Arme eines jungen Mannes heraus, an deren äusserer Erscheinung nicht nur, sondern auch an deren eigenthümlichem Lachen ich die »dreibeinige Dame« sofort wieder erkannte. Um mir jedoch volle Gewissheit zu verschaffen, folgte ich dem Paar unbemerkt eine ziemliche Strecke weit und hörte nun aus dessen Unterhaltung, dass ich mich nicht getäuscht, sondern die Dame mit den drei Beinen leibhaft vor mir sah, dass sie jedoch jetzt gerade so gut wie jeder andere normale Mensch auch nur »zwei« Beine hatte. Und »Humbug« tönte es höhnend durch den kalten Nachtwind.«