Unzie,
der australische Albino.
Die Albinos, auch Kakerlaken oder lichtscheue Menschen genannt, gehören als Schau-Objecte keineswegs zu den Seltenheiten, da sie bei allen Menschen-Rassen vorkommen. In den vierziger und fünfziger Jahren namentlich — jetzt sind sie ja mehr vom Schauplatze verschwunden — sah man deren beiderlei Geschlechtes oft vier bis sechs zusammen ausgestellt, und ihre Lieder, mit denen sie das Publicum in der Regel regalirten, waren meistens der Art, »dass sie Steine erweichen und Menschen rasend machen konnten«. (Im Gegensatze zu diesen gesanglichen Ungeheuerlichkeiten lebten noch 1867 in Augsburg zwei dort geborene Albinobrüder, die noch als bejahrte Männer als Gesangs-Duettisten auftraten und beim Publicum sehr beliebt waren. In ihren jungen Jahren waren auch sie öffentlich gezeigt worden.) Sie wurden dem Publicum damals als eine eigene Menschen-Rasse — »Nachtmenschen« genannt — vorgeführt, die vornehmlich auf der Landenge von Panama vorkomme und dort in Löchern tief unter der Erde lebe. Nachtmenschen nenne man sie aber, weil sie bei Tage überhaupt nicht, sondern nur Nachts sehen, somit auch all ihre Beschäftigungen nur Nachts verrichten könnten.
Der Albinismus beruht auf dem gänzlichen Fehlen des Farbstoffes in der unteren Schicht der Epidermis oder Oberhaut des Körpers, durch den diese ihre Färbung erhält. Da aber der Mangel dieses Farbstoffes sich auf den ganzen Körper erstreckt, so hat die Haut nicht nur die glasige farblose Durchsichtigkeit, sondern auch die Haare und Augen haben das anormale Aussehen.
Am häufigsten kommt der Albinismus bei den Negern und Indianern vor, könnte man aber auch nur die in Deutschland geborenen und jetzt noch in den verschiedensten Lebensverhältnissen stehenden bei einander haben, so würde diese stattliche Karawane Repräsentanten beiderlei Geschlechtes vom schulpflichtigen Alter an bis zum Greisen-Alter umfassen.
Unzie, der australische Albino, wurde 1869 in Tarrabandra in Neu-Süd-Wales geboren. Seine Eltern gehören den Ureinwohnern an, die dunkelfarbiger wie die Indianer Amerikas sind. Bei seiner Geburt hatte Unzie schneeweisse Haare und eine Haut wie Alabaster, und das Entsetzen über dieses aussergewöhnliche Vorkommniss war bei dem abergläubischen Volke so gross, dass Manche mit Entsetzen flohen, Andere sich dagegen um die Mutter und ihn sammelten, da sie ihn für ein ganz besonderes Geschenk des Himmels hielten. Trotzdem war sein Leben in Gefahr und würde es noch weit mehr gewesen sein, wenn sein Vater nicht ein Häuptling gewesen wäre, dessen Familie unter dem Schutze des Königs der Mingery-Neger stand. Nachdem die erste Aufregung sich gelegt hatte, bildete das Wunderkind zehn Jahre lang den Gegenstand der Anbetung für die Menge, dann aber wurde er durch einen Engländer nach der Stadt Melbourne entführt, der ihn wie sein eigenes Kind aufzog und ihn für sein jetziges Leben vorbereitete.
Schon bei seinem ersten öffentlichen Auftreten im Jahre 1886 wurde ihm von den Medicinern ein grosses Interesse entgegengebracht und sie erklärten ihn für einzig in seiner Art dastehend. Eine Menge schneeweisser Haare nämlich wächst wie ein offener Sonnenschirm von sechs Fuss Umfang auf seinem Kopfe. Es ist elastisch, kraus, elektrisch und wächst so üppig, dass es dem Kamms Widerstand leistet und nur mit Bürsten bearbeitet werden kann, und damit es nicht zu lang wird, alle vier bis sechs Wochen gestutzt, um nicht zu sagen geschnitten werden muss.
Auch die Augen sind sehr wunderbar und unterscheiden sich von den rothen Augen der anderen Albinos auffallend. Für gewöhnlich sind sie sehr hell und ausdrucksvoll, aber sie wechseln die Farbe je nach dem Lichte, welches auf sie einwirkt. In gewöhnlichem Lichte erscheinen sie gleich den Augen anderer Albinos blassroth, bei gedämpftem Lichte dagegen blaugrau und nach Sonnenuntergang purpurroth; starkes glänzendes Licht verursacht den Augen Schmerzen und vermindert die Sehkraft, während diese bei schwachem Lichte geschärft wird, so dass Unzie noch in der grössten Dunkelheit alle ihn umgebenden Gegenstände deutlich erkennen kann, eine Thatsache, die auf seinen Reisen die grösste Verwunderung hervorrief.
Unzie misst fünf Fuss und zehn Zoll und wiegt 154 Pfund, ist aufgeweckten Geistes und erfreut sich einer vollkommenen Gesundheit, die ihn denn auch zu seinen grossen Reisen besonders befähigte. Am 12. April 1890 besuchte er zuerst die Vereinigten Staaten. Er landete in San Francisco und blieb 1-1/2 Jahr an der pacifischen Küste, deren Klima dem seines Vaterlandes gleicht.