Vorrede.

Abnormitäten, im allgemeinen mit der trivialen Bezeichnung »Missgeburten« belegt, haben stets als Schau-Objecte eine bedeutende Anziehungskraft auf das sog. grosse Publicum ausgeübt, das in der Regel auch eine gewisse Befriedigung seiner Neugierde in dem gedankenlosen Anschauen derselben fand.

Erst den letzten Decennien unseres Jahrhunderts war es vorbehalten, Schau-Objecte dieser Art auf das wissenschaftliche Gebiet zu überführen, indem hervorragende ärztliche Autoritäten sie nicht selten als lebende Illustrationen zu ihren einschlägigen Vorträgen in den Hörsälen der Kliniken vorstellten und dadurch auch das Interesse für sie in weiter ausgedehnte Bahnen lenkten.

Dass das nicht auch schon in früheren Zeiten geschehen ist, lag, abgesehen von allen Vorurtheilen, wohl mit in der, den besseren Kreisen weniger convenirenden Art und Weise des Auftretens resp. der Vorführung derselben, so dass selbst vorurtheilsfreie Männer der Wissenschaft diesen äusseren Umständen gegenüber ihre Gelehrtenscheu nicht ablegen wollten, nicht ablegen durften, wollten sie nicht aus dem Rahmen des Althergebrachten heraustreten und ihrer und der öffentlichen Meinung nach dadurch den ganzen Gelehrtenstand profaniren.

Seit aber das äussere Wesen der Schaustellungen gegen früher einen ganz ungeahnten Aufschwung genommen hat, seit die Productionen der Fuss- und Rumpfkünstler, wenn auch nicht im allgemeinen, so doch im besonderen, sich auf dem Gebiete der Artistik ein bedeutendes Terrain erobert, seit ferner ein C. H. Unthan als primus omnium an der Spitze der Fusskünstler marschirt und ihr Bannerträger ist und die sog. Rumpfkünstler in Kobelkoff einen ebenfalls nicht zu unterschätzenden Obmann haben, seit ferner vorurtheilsfreie Gelehrte ihre »heilige« Scheu abgelegt und Abnormitäten nicht selten als Lehrmittel zu sich in ihre Hörsäle emporhoben, seitdem hat auch das gesammte Publicum allmählich gelernt, diesen, in gewisser Weise von der Natur vernachlässigten Menschgeborenen ein vorurtheilsfreieres Interesse entgegenzubringen. Ob sie aber das allgemeine Mitleid, das ihnen stets von den Besuchern gezollt wird, wirklich in Anspruch nehmen, das dürfte doch füglich zu bezweifeln sein, wenn man diesem Mitleid z. B. Unthan's jovialen Ausspruch gegenüberstellt: »Wenn mir jetzt plötzlich Arme angezaubert würden, ich wüsste gar nicht, was ich mit den Dingern anfangen sollte!« —

Einer der ersten Fusskünstler, die das Interesse auch der Aerzte erregten, dürfte wohl Gottfried Dietze gewesen sein, der, ohne Arme geboren, sich Ende der fünfziger Jahre unter den allerprimitivsten Verhältnissen in einer Leinwandbude auf den sächsischen Schützenfesten etc. producirte. Er war ein Mensch von achtzehn Jahren, der namentlich eine ganz eminente Fertigkeit in der Verwendung des Messers zum Auftrennen von Nähten, sowie in der Verwendung von Nadel und Zwirn zum Nähen entwickelte. Diese Leistung als »Flickschneider« aber culminirte in dem Einfädeln der Nadel, das mit einer unbeschreiblichen Gewandtheit und Sicherheit erfolgte. Nachdem er noch »Heil Dir im Siegerkranz« auf einer Ziehharmonika ziemlich geläufig gespielt hatte, zeichnete er zum Schluss seiner Vorstellung auf einem Quartblatt Schreibpapier mit Bleistift und colorirte mit Tuschfarben ein Blumen-Bouquet, unter das er dann mit Tinte: »Mit den Füssen gezeichnet und geschrieben von Gottfried Dietze« schrieb und das den Zuschauern gegen einen Obolus à discrétion offerirt wurde, der in seine Privat-Schatulle floss.

In der Bude aber hing das handschriftliche Gutachten eines der bedeutendsten Aerzte jener Zeit, das ich jedoch nicht mehr dem Wortlaute, sondern mir dem Sinne nach noch wiederzugeben vermag. Von dem Arzte nämlich über etwaige Unregelmässigkeiten im Verlaufe der Schwangerschaft befragt, habe die Mutter erklärt: Sie habe sich »versehen«. Ein Italiener sei eines Tages mit einem Brett voll Gipsfiguren auf dem Kopfe in den Hof gekommen und habe sie feilgeboten und darunter sei auch eine Figur ohne Arme gewesen. (Wahrscheinlich die armlose Venus von Milo, die im Louvre zu Paris aufgestellt ist, von der sich Gips-Nachbildungen in den natürlichen Dimensionen in fast allen Antiken-Sammlungen befinden und die früher auch in einer Höhe von ca. 18-20 Zoll von italienischen Gipsfiguren-Händlern mit Vorliebe geführt wurde.) Ueber diese Figur sei sie so furchtbar erschrocken, dass eiskalte Fieberschauer ihren ganzen Körper plötzlich durchschüttelt hätten, dass sie einer Ohnmacht nahe gewesen sei und dass sie sich des unangenehmen Eindruckes noch wochenlang nachher nicht habe erwehren können.

An diese Mittheilung knüpfte der Arzt dann folgende Reflexion: »Wenngleich das sog. »Versehen« bei Schwangeren eine unbestreitbare Thatsache ist, so steht die Wissenschaft hier doch einem noch endgültig zu lösenden Problem gegenüber. Indessen dürfte der natürliche Verlauf doch wohl folgender sein: Da der Körper des Kindes sich im Mutterleibe nicht in allen seinen Theilen zugleich, sondern ein Theil nach dem andern sich ausbildet — beide Arme und beide Beine bilden sich zwar zugleich, doch zu verschiedenen Zeiten aus —, so wird infolge des sog. »Versehens«, also eines grossen Schreckes, oder sonst einer ähnlichen anderen heftigen Gemüthserschütterung der gerade in der Entwickelung begriffene Körpertheil plötzlich gestört, die Entwickelung an dieser Stelle hört auf, die noch nicht vollständig ausgebildeten Körpertheile bleiben unvollkommen und der natürliche Entwickelungs-Process überträgt sich auf die nächsten in der Reihenfolge stehenden Körpertheile, die sich dann nicht selten in höherem Maasse entwickeln, wie es unter normalen Verhältnissen event. der Fall gewesen sein würde. Und dieser Fall liegt auch wohl bei Gottfried Dietze vor, bei dem wir somit mit einer »freiwilligen Amputation im Mutterleibe« zu rechnen haben«. Soweit das Urtheil des Arztes! —

Dass es Missbildungen derart zu allen Zeiten und in allen Ländern gegeben hat, ist eine unumstössliche Thatsache, denn der species facti finden sich eine ziemliche Anzahl in seltenen alten gedruckten und handschriftlichen Convoluten vor, die meist den Charakter litterarischer Curiositäten tragen, und die, da sie theils nur in öffentlichen Bibliotheken, theils nur in Privathänden sich befinden, nicht »Jedermänniglich« zugängig waren und sind. Mehr durch Zufall, wie durch Quellenstudien im eigentlichen Sinne des Wortes, die dem seltenen und zerstreuten Material gegenüber fast ausgeschlossen sind, wurden sie ans Tageslicht gefördert, und in dem vorliegenden Werke übergebe ich sie, soweit sie zu erlangen waren, gesammelt der Oeffentlichkeit, da sie immerhin wenigstens einiges Interesse beanspruchen dürften. —

D. Valentini veröffentlicht im 3. Theile seiner »Schau Bühne frembder Naturalien: Sodann Rüst- und Zeug-Hauss der Natur, Oder Musei Museorum« Nachrichten über Fusskünstler, die durch einen Kupferstich illustrirt sind, der als Original zu dem beifolgenden Cliché diente und der dem »curiosen Leser das Portrait eines recht wunderseltzamen

Barbierers ohne Händ und Füsse

zeiget, welcher sich und seine Künste im Jahre 1711 zu Giessen umb ein gewiss Stück Geld sehen liesse, wie er alles selbsten in beifolgendem Zettul beschrieben hat:

»Mit Bewilligung der Gnädigen und Hochgebietenden Obrigkeit wird bekannt gemacht, dass allhier aus frembden Landen angekommen eine ohne Händ und Füsse gebohrne Person, welche ihre Exercitia vor vielen hohen Potentaten präsentiret hat.

1. Schneidet er eine Feder ohne Händ und Füsse, in solcher Geschwindigkeit, dass keiner mit 2 Händen besser kan.

2. Schreibt er mit der Feder, die er geschnitten, so künstlich, dass niemand auff der Welt seines gleichen gesehen hat: Schreibt vielerley Schrifft, die Buchstaben zu unterst, oberst, verkehrt und recht, als wann es gedruckt wäre, so, dass kein Mensch erkennen kan, ob es gedruckt, oder geschrieben ist, woran er sich berühmt an alle Liebhaber, und wil hundert gegen eins setzen, so jemand in diesem umliegenden Land kan gefunden werden, der seines gleichen ist, und mit der Feder machen kan, was er macht.

3. Zeichnet er mit der Feder, die er geschnitten hat, eine Person nach dem Leben ab, Wappen und andere Bilder, wie auch Laubwerk, so curieus, dass desgleichen noch nicht gesehen worden.

4. Präsentiret er ein curieus Stück mit Geld.

5. Steckt er einen Faden so geschwind durch die Nadel, dass es keiner mit Händen nachthun kan.

6. Nimmt er eine Karte, mengt sie, und gibt sie in Geschwindigkeit aus.

7. Er spielet mit Würfeln.

8. Er spielet auff dem Hackbret — das Cymbal der Zigeuner — allerhand curieuse Stücke ohne Händ und Füsse, dass es kein Musicant verbessern kan.

9. Er spielt auch etliche Stücke aus der Taschen (— macht Taschenspielerkunststücke —) welche so curieus zu sehen sind, dass dergleichen Taschenspieler noch niemahls ist gesehen worden, dieweil es ohne Händ viel eine grössere Kunst ist als mit Händen, und versichert alle, dass sie ein Vergnügen daran haben werden.

10. Er kegelt sehr künstlich auff vielerley Manier, dass es ihm keiner nachthun kan.

11. Er kan eine Flinte laden und loss schiessen.

12. Er barbieret sich auch selber, alle Woche zweymahl, Mitwochen und Sonnabend: die solches verlangen zu sehen, die können in sein Logiment kommen.

13. Er schneidet auch curieuse Sachen von Holtz, und setzet solche in gläserne Flaschen so wunderbahrlich, dass man es von keinem mit Händen curieuser sehen kan«.

Die Federn, so er schnitte, gab er den Zuschauern zur Rarität auffzuheben, nachdem er damit zuvor diese Wort auff kleine Zettul geschrieben:

Ich Thomas hab diese Feder geschnitten, und dieses damit geschrieben, also gebohren ohne Hände und Füsse«. —

In directem Anschluss an diesen ausführlichen Bericht bringt das Werk noch folgende Notizen:

»Sonsten hat der berühmte Dänische Medicus Olaus Wormius in seiner »Kunstkammer oder Museo« (Wormii Museum seu historia rerum rariorum etc. 1655) pag. 387 noch einige andere Zettuln, welche von dergleichen Krüppeln geschrieben, nämlich einen von Joh. Kuhn, welcher an jeder Hand nur einen Finger hatte. Er schrieb den ganzen Kathechismus in deutscher Sprache auf Pergament und den Liebhabern folgende Zettul gar deutlich und leserlich:

Johann Kuhn werd ich genanndt,
Hab nur ein Finger an jeder Hand.

Und noch einen andern von einer Englischen Frau ohne Arm, welche mit dem Munde ihren Namen also schreiben konte:

ELISABETH SIMSON Anno 1620.

Dergleichen Weibsperson auch vor sechsundzwanzig Jahr (1688) zu Strassburg im Hospital, welche keine Hände hate, und mit den Füssen ihren und der Zuseher Nahmen in die Schnupptücher, so man ihr darreichte, nähen konte. —

Vorerwähnter Thomas hatte aber einen ebenbürtigen Rivalen; denn im Jahre 1712 liess sich in Breslau ein dreissigjähriger verheiratheter Rumpfkünstler Namens Mathias Buchinger sehen. Ein alter Chronist beschreibt ihn als »völlig von Gesicht und Leibe, munter von Gemüthe, spasshaft, doch auch ernsthaft, und sagte man, er habe sein Weib manchmal derbe ausgeschlagen«. Auf seinen Oberschenkeln, die zur Hälfte erhalten waren — die Arme fehlten gänzlich — bewegte er sich vorwärts und verrichtete mit ihnen wunderbare Dinge: Er schnitt Federn (Gänsefedern) mit grosser Geschicklichkeit und Geschwindigkeit, schrieb mit diesen schön und schnell »gleich und verkehrt, mit Zügen, Fractur, Kantzeley und Cursiv«. Auch zeichnete er mit grosser Behendigkeit und Accuratesse die verschiedensten Gegenstände. Ferner fädelte er einen Faden mit solcher Schnelligkeit ein, dass ihm Niemand darin mit den Händen gleichkommen konnte. Er mischte und spielte Karten mit grösster Vollkommenheit, spielte mit Würfeln, auf dem Schachbrett, Kegel u. s. w. Er lud ein Gewehr und schoss es los, er barbierte sich selbst, schnitzte allerhand Kunstartikel aus Holz und setzte sie kunstreich in gläserne Flaschen ein. Als Prestidigitateur kam er jedem normal Geborenen gleich; seine Specialität war hierbei das Becherspiel, bei dem er die Muscaten (aus Kork geschnitzte Kugeln in der Grösse kleiner Muscatnüsse, die dann leicht angebrannt und durch kreisförmiges Reiben in den Händen zu runden schwarzen Kugeln geformt wurden) in einen lebenden Vogel verwandelte. Auch mit Münzen machte Buchinger verschiedene Kunststücke, die allgemein bewundert wurden. Am Schlusse seiner Production präsentirte er sein Portrait in Kupferstich, um das herum seine besten Trics abgebildet waren. (Wohl zum Verkauf.)

Minder ausführlich sind die Nachrichten über einen ungarischen Rumpfkünstler, »einen vielgereisten Mann, der ausser seiner Muttersprache noch Englisch, Holländisch, Deutsch und Französisch sprach, und in einem etwa ellenhohen Kasten stets auf dem Buckel einer andern Person transportirt wurde. Er hatte keine Beine und nur eine verkrüppelte Hand«. Seine Erscheinung wird bei seinem Auftreten in Regensburg im October 1719 folgendermassen beschrieben: »Von Gesicht und Leibe war er wohlgestaltet, hatte schwarzbraune lange Haare, und wenn er hinter dem Tische auf einem Sessel stund, so präsentirte er sich als ein sitzender wohlgewachsener Mann; von Leibe war er mager und geschmeidig. Seine Stimme war ziemlich klar (hell, hoch) und weibisch, sein Humeur immer lustig, er schlug die Trommel vollendet, spielte aus der Tasche mit grosser Behendigkeit trotz einem jeden Taschenspieler«. Sein Haupttric war der Handstand auf einer Hand während mehrerer Minuten. —

In Nymwegen erschien im Jahre 1725 (so berichtete von dort Johann Hartmann Degner) ein Mann mit einem etwa neunjährigen Sohne; er kam aus dem Cölnischen und befand sich angeblich auf der ersten Tournée, um zu zeigen, wie sich sein Sohn in Ermangelung der Arme der Füsse gleich der Hände bedienen könne. Ein damals ausgegebenes Programm kündigte folgende Nummern an:

»1. Thut er stehend mit seinen Füssen den Hut ab.

2. Schreibt er mit dem Fusse eine lesbare Handschrift.

3. Thut er einen Faden durch eine Nadel.

4. Nimmt er Geld aus seiner Tasche und steckt es wieder hinein.

5. Nimmt er stehend mit seinem Munde Geld von der Erde.

6. Steckt er das Essen mit seinem Fusse in den Mund.

7. Schenkt er ein Glas Bier mit seinen Füssen ein, setzt dasselbe auf seinen Kopf und trinkt es dann aus.

8. Schlägt er die Drommel.

9. Ladet er eine Pistole und schiesst sie los«.

Nach dem alten Berichte gingen dem Knaben sämmtliche Stücke wohl von statten, »also dass es der Mühe werth war, sie zu sehen«. Dem Berichte war ein Autogramm des Knaben folgenden Inhaltes beigegeben: »Joseph Clemens Chur-Fürst unsere Antonius Maria Reuter ist mein Name«; derselbe war deutlich in Kanzleischrift abgefasst und zwar auf vorgezogenen Linien.

Ueber Reuters persönliche Verhältnisse ist nach seinen eigenen Angaben hinzuzufügen, dass der Kurfürst von Cöln sein Taufpathe war, und ihn bis zu seinem (des Kurfürsten) Tode unterhielt. Nun aber mussten Vater und Sohn als arme Vaganten sich ihr Brot suchen; indessen hatten sie auf dem Wege von Cöln bis Nymwegen schon so viel eingenommen, dass sie nicht nur satt zu essen hatten, sondern auch ihren arg heruntergekommenen Kleiderbestand ersetzen konnten. —

Im October des folgenden Jahres 1726 berichtete Professor Schultze aus Altdorf: »Allhier befindet sich jetzt ein Mann aus Württemberg, der eine vierundeinhalbjährige Tochter zeigt, die übrigens schön und von lebhaftem Gesichte ist, von der Natur aber statt der Arme zwei ungebildete und unvollkommene Glieder hat. Diesen Mangel der Arme und brauchbaren Hände weiss das Kind mit seinen Füssen sehr geschicklich zu compensiren. Es nimmt z. B. einen Faden zwischen den grossen und anderen Zehen und mit dem andern Fusse eine Nähnadel und bringt den Faden ganz behende durchs Nadelöhr, thut auch manchmal einige Stiche durch ein Tuch, so geschickt als man von diesem Alter verlangen kann; es isst mit den Füssen so schön und vorsichtig, als ein anderes Kind mit den Händen; nimmt einen Kamm und steckt damit die Haare zurück; setzt ein Glas auf den Kopf, trinkt ein Schälchen Thee, isst eine Suppe mit dem Löffel ohne sich zu begiessen, und all' dergleichen ohne ersichtliche Anstrengung«. In der That für eine noch nicht fünfjährige Fusskünstlerin ganz hervorragende Leistungen. —

Im sechszehnten Jahrhundert — 1576 oder 1576 — sah man ein Mädchen ohne Arme, das mit den Füssen strickte, nähte, Federn schnitt und speiste; doch ist ihr Name und ihre Heimath uns nicht überliefert — 1596 producirte sich eine Fusskünstlerin Namens Magdalene Einohre, gebürtig aus dem ostfriesischen Dorfe Engerhave, gleichfalls armlos, mit einem vierzehigen Fusse, mit dem sie ihre Künste, als Essen, Trinken, Spielen etc., die sie für Geld sehen liess, verrichtete. (Ihr Bild wurde 1616 in Prag in Kupfer gestochen.) — 1627 befand sich zu Siena ein armloses Mädchen, das Aehnliches mit den Füssen verrichtete. —

Am ausführlichsten sind aus dieser Zeit die Nachrichten über eine ohne Arme im Jahre 1612 in Stockholm geborene Schwedin Namens Magdalena Rudolphs Thuinbui, deren Name übrigens in den verschiedenen Quellen auch in verschiedenen Formen überliefert ist. (Vergl. u. a. Harsdörfer, Specul. Hist., p. 399; J. L. Güthe, Beschreibung der Stadt Meiningen, S. 280.) Sie zeigte sich in den fünfziger Jahren in Deutschland und verrichtete dort folgende Stücke mit den Füssen: Sie schloss ihren Nähkasten auf, nahm Zwirn und Nadel heraus, fädelte ein und nähte. Sie strickte, stickte, wirkte, kämmte sich, schnitt mit Messer und Scheere, gebrauchte die Füsse beim Essen, schenkte sich mit denselben ein, trank, schneuzte sich, spielte Karten, würfelte, lud eine Pistole, schoss sie ab, wickelte ihr Kind und gab ihm Nahrung. Sie führte einen Kupferstich bei sich, auf dem sie, umgeben von den Zeugnissen ihrer Kunstfertigkeiten, abgebildet war; darunter stand ihr Name und Alter und die Verse:

»Dieweil ich denn, dass Gott erbarm,
Hab' weder Hand, Finger noch Arm,
Und mich also behelfen muss,
Mach' doch dies Alles mit meinem Fuss.«

Später, im Jahre 1679 (September), sah man eine Jungfrau aus Paderborn, die, der Hände und Füsse gänzlich beraubt, mit den Armstumpfen nähen, wirken, spinnen, schreiben und noch andere Dinge verrichten konnte. —

Doch kehren wir zu den männlichen Rumpfkünstlern zurück und betrachten wir hier zunächst deren zwei aus dem neunzehnten Jahrhundert, um dann noch einen Rückblick in das siebzehnte zu werfen.

Der eine dieser weniger bekannten Fusskünstler ist Anton Pohl aus Böhmen, der — ohne Arme geboren — 1803 in Deutschland reiste; er speiste und trank, er stopfte die Pfeife und zündete sie an, alles mit den Füssen; dazu wusste er sehr geschickt mit dem Bohrer umzugehen, blies die Trompete, lud Pistolen, schoss sie ab und machte die verschiedensten Kartenpiècen.

Der Andere war der im Jahre 1786 zu Markt Rentweinsdorf ohne Arme geborene Schuhmacherssohn Georg Michael Weidmann; von seinen Beinen war nur das rechte normal entwickelt, das linke indessen verkrüppelt zu einem ganz kurzen Stumpf mit einem unansehnlichen Fuss, an dem nur die drei ersten Zehen regelmässig, die zwei letzten aber zusammengewachsen waren. Dessenungeachtet war die mechanische Fertigkeit seiner Füsse, die er sich durch andauernde Uebung erworben hatte, bewundernswerth. Als er im zweiten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts in Deutschland reiste, konnte er mit den Füssen, die er an Stelle der Hände gebrauchen musste, sehr gut schreiben, wozu er sich die Federn selbst schnitt; nähen, wozu er sich selbst einfädelte; sich rasiren, eine Pistole laden und losschiessen (ein, wie man sieht, bei den Rumpfkünstlern sehr beliebtes Stück), kleine Arbeiten von Holz verfertigen, kurz, mit seinen beiden Füssen fast Alles thun, was andere Menschen mit den Händen vollbringen.

Werfen wir nunmehr auch hier unseren Blick rückwärts in das siebzehnte Jahrhundert, so erzählt uns Johnston von einem Mann ohne Arme, der mit den Füssen ass, trank, Karten spielte, — stahl —, und endlich gar Strassenräuberei trieb, wofür er in Frankreich seinen Lohn fand. — Wir hören da weiter andeutungsweise von einem venetianischen Knaben, der Alles mit den Füssen von der Erde aufheben, der mit den Füssen den Hut abnehmen und so die Vorübergehenden grüssen konnte. (Bartholin. C. II. hist. 44.)

Aus dem Jahre 1624 hören wir von einem gewissen Peter von Lucern, der mit den Füssen auf musikalischen Instrumenten spielte. (Add. Zach. qu. med. legal. lib. VII. tit. 3 quaest. VI. § 9.) — 1628 zog im Monat August ein Schweizer in Deutschland herum Namens Peter Stadelmann, »von langer Figur, braun von Angesicht, mit schwarzen, krausen Haaren und Bart, hatte ganz kleine Arme und verrichtete alle seine Sachen mit den Füssen«. Er spielte, zahlte Geld, machte Knoten, löste sie wieder auf, schrieb auch mit den Füssen und dergl. mehr. —

1629 wurde zu Wien ein Fusskünstler geboren, Theodor Steib, der mit den Füssen Blumen anschnitt, zeichnete, in Holz schnitzte, Pistolen losschoss und sich selbst portraitirte (in einem rothen Kleide und mit einer schwarzen Feder auf dem Hute), mit der Unterschrift: »Hanc effigiem proprio meo pede prinxi. Vratislaviae d. 10. IV. ann. 1654. Theodorus Steib, Natione Vienna. (Dies Bild habe ich eigenfüssig gemalt. Breslau, d. 10. April 1654. Theodor Steib aus Wien.) Seine sonstigen Schreibproducte pflegte er also zu unterzeichnen: »Ego Theodorus Steib Vienna Austriacus, absque manibus et bracchiis natus, scribebam ista pede meo Vratislaviae, Anno Christi 1654, aet meae 25«. (Ich Theodor Steib aus Wien in Oesterreich schrieb dies, ohne Hände und Arme zur Welt gekommen, mit meinem Fusse zu Breslau im Jahre Christi 1654, meines Alters 25 Jahre.) Ortsname, Datum und Jahr wurden, den augenblicklichen Verhältnissen entsprechend, natürlich jedesmal geändert. — Im Januar 1673 producirte sich ein Schweizer Knabe, François Blanchet, in Deutschland, gleichfalls ohne Arme geboren, »aber dennoch imstande, Alles mit den Füssen zu thun, wozu Andere die Hände gebrauchen, als Kegeln, Kartenmischen, Sich-Kämmen, Wein-Einschenken etc.«

Endlich sah man 1696 zu Leipzig und Jena und das letzte Mal 1702 zu Breda noch einen ganz bedeutenden Fusskünstler. Er hiess Franz Viniot und war um das Jahr 1665 geboren. Aus Italien kommend, trug er an der kleinen Zehe des linken Fusses einen Diamantring und war ein Mann von mittelmässiger Statur mit krausem, schwarzem Haar, »lustigem Humeur und sehr geläufigem Maule, wie er Französisch, Italienisch, Englisch, Holländisch in sehr vollkommener Perfection redete«. Auf seine Kunststücke konnte sich der alte Berichterstatter zum grossen Theil nicht mehr besinnen, »sei es, weil er durch die Piècen ganz perplexirt wurde, sei es aus Vergesslichkeit«. Nur Folgendes war ihm noch in der Erinnerung geblieben: Der Mann focht mit dem Rapier und nahm es hierbei mit manchem der Leipziger Fechter auf, wie denn auch Niemand imstande war, ihm ein mit den Zähnen gehaltenes Florett aus dem Munde zu reissen. Beim Schreiben hielt er die Feder zwischen den Zehen oder den Zähnen und schrieb gewöhnlich Cursiv- und Spiegelschrift in durchaus lesbarer Weise. Ebenso warf er sich einen Mantel mit den Zähnen sehr behende um die Schultern. Sein Programm enthielt in Octavformat folgende in holländischer und französischer Sprache leserlich geschriebene Worte:

EDele Heeren en Dames Th u Dianar of mordig
Die alle Duck tem besten koort
Hy is wys en wel geloort.
Quoi fait ce quil peus & Excusable.

In seinem »Wunderbuch von menschlichen unerhörten Wunder- und Missgeburten, so wider den gemeinen Lauff der Natur erschrecklich frembd und seltsam gebildet: doch glaubwürdig in diese Welt geboren worden u. s. w.«, das im Jahre 1610 zu Frankfurt »in Verlegung Dietrichs von Boy seeligen Wittib, sampt zweyer ihrer Söhnen« in Quart erschien, führt uns der Verfasser, Johann Georg Schenk von Grafenberg, »der Artzney Doctor etc.« einige interessante Rumpfkünstler vor, unter denen die im Folgenden aufgeführten mit Recht unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen dürfen:

Unter den Geschenken, welche die Indier zu Beginn unserer Zeitrechnung dem römischen Kaiser Augustus sandten, befand sich auch ein Jüngling ohne Arme, der mit den Füssen die Armbrust spannen und Pfeile entsenden konnte.

Alexander Benediktus erzählt, dass er eine Frau (in der Mitte des 15. Jahrhunderts) gesehen habe, die, ohne Arme geboren, mit den Füssen nähte und überhaupt im Schneiderhandwerk einiges leistete; auch hob sie einen Becher Wein und schlug die Trommel, als ob sie Hände gehabt hätte.

Später sah man einen armlosen Spanier, »welcher fürwahr alle Wunderwerk, so in der Natur sind, übertraf«. Er wusste so geschickt mit Kriegsrüstung umzugehen, dass ihm hierin kein Kriegsmann gleichkam. Wenn er mit der Armbrust schoss, so verfehlte er sein Ziel nie und vermochte ausserdem vermittelst einer Axt mit einem Hieb einen starken Holzpflock zu spalten.

Sycosthenis erzählt von einem zwanzigjährigen armlosen Menschen, er habe mit den Füssen alle »Handarbeit« verrichtet.

1556 sah man zu Frankfurt a. M. eine Frau ohne Hände, die nicht nur aufs »allerzierlichste« schrieb, sondern auch allerley sonstige subtile Arbeit mit den Füssen verrichtete.

Cardanus berichtet im siebenzehnten Buche von einem, der Arme völlig beraubten Manne, dass er mit dem rechten Fusse Speere schleuderte, Kleider nähte, ass und schrieb. Sein Name war Antonius, seine Vaterstadt Neapel. Er hat einen grossen Theil von Europa bereist und mit den erwähnten und ähnlichen Productionen reichen Beifall und Lohn geerntet. —

Der hervorragendste aller Fusskünstler älterer Zeit aber ist Thomas Schweicker, der unser Interesse nicht nur allein wegen seiner Künste, »die ihresgleichen suchten«, in Anspruch zu nehmen berechtigt ist, sondern, weil wir ihn auch zugleich als Mensch, als Dichter und als eine gesellschaftlich interessante Persönlichkeit kennen lernen, die auch zu Kaisern, Königen und Fürsten zu wiederholten Malen in Beziehungen trat. Die Litteratur des 16., 17. und 18. Jahrhunderts geht oft auf seine Leistungen ein und auch die bildende Kunst jener Zeit hat sich seiner angenommen, und am Abschluss des 19. Jahrhunderts soll auch in diesem Werke nochmals seiner gedacht und ihm ein litterarisches Denkmal gestiftet werden.

Thomas Schweicker wurde zu Schwäbisch-Hall im Jahre 1540 geboren. Sein Vater, Hans Schweicker, war ein angesehener Mann und bekleidete die Stelle eines Rathsfreundes (war wohl Beigeordneter?) und starb 1571 im Alter von vierundsiebzig Jahren. Seine Mutter war eine geborene Dorothea Seeckbin.

Er kam ohne Arme zur Welt, und nach Ueberwindung des ersten Kummers darüber gingen seine Eltern alsbald daran, die Mängel des Leibes durch Pflege des Geistes auszugleichen und ihn zu »allen guten Tugenden und Wissenschaften fleissigst anzuhalten«.

Mit dem siebenten Jahre kam Thomas in die deutsche und mit dem zwölften in die lateinische Schule, wo er frühzeitig eine hohe geistige Begabung an den Tag legte, sich aber besonders der Schreibkunst widmete, die zu jener Zeit bei weitem nicht Jedermann beherrschte und die daher in hohem Ansehen stand. (Noch durch Jahrzehnte zeigte man dort den Tisch, der ihm zur Aufbewahrung seiner Sachen dortselbst eingeräumt war.)

Infolge angestrengtester Bemühungen gelang es ihm, nicht nur eine deutliche, sondern auch »recht saubere und schöne Schrift zu erwerben«, durch die er, wie es in einem andern Berichte heisst, »alle Guldenschreiber und berühmte Rechnenmeister übertroffen«, gleichviel, ob deutsche oder lateinische Buchstaben, kaum einer that es ihm in kunstvollem Schreiben zuvor.

In den folgenden Versen, die er mit einer Widmung versah, hat er den Gedanken ausgesprochen, der sein Leben erfüllte:

O junger Gsell lehre gute Kunst,
Das ist dir nutz und bringt dir Gunst,
Es ziert auch wohl ein jungen Man,
Wie fein ists, wenn er etwas kan.
Ich nem eins glehrten Mannes mut,
Liess eim eins Narren grosses Gut,
Dann so das Geld sich von dir kehrt,
So bleibt die Kunst doch unversehrt,
Und dich deines gantzes Leben nehrt.
Plus probe thesauro docti quam divitis auro.

(Etwa: »Was frag ich viel nach Geld und Gut,
Wenn ich zufrieden bin« —
oder: »Vergnügt sein ohne Geld,
Das ist der Stein der Weisen«).

Dem Ehrbarn und Wolgeachten Herrn Leonhart Stöberle, Burger und Apotheker in Nürnberg zu Ehrn und Wolgefallen, hab ich Thomas Schweicker zu Schwäbischen Hall, diss aus Mangel nothdürftiger Arm mit meinen Füssen geschrieben den 21. Juli Ao. 1592, meines Alters 51 Jar«.

Schweicker konnte aber nicht allein gut und künstlerisch-schön schreiben, er konnte auch »allerley kunstreiche Handarbeit verrichten«, er besass selbst Geschick in Tischlerarbeiten, wie Hobeln, Bohren, Sägen und dergl. und »verfertigte allerley subtile Leisten und Holtzgerämswerk«. Beim Essen sass er auf einem Stuhl in der Höhe der Tafel, nahm mit den Füssen das Messer, schnitt Brot und andere Speisen und führte sie ebenso, wie die Getränke, mit den Füssen zum Munde. Er selbst sagt über diese und ähnliche Fähigkeiten Folgendes:

»Dieweil ich, dass es GOtt erbarm,
Hab weder Finger, Händ noch Arm,
und mich also behelffen muss,
Schreib ich doch diss mit meinem Fuss,
Drumb frommer Christ dein Lebenlang
Sag GOtt für diese Wohlthat dank,
Dass Du hast einen graden Leib,
Wie meinest, dass ich mein Zeit vertreib,
Das zeigt Dir die Contrafraktur.
Weil mich nun GOtt und die Natur
Also erschuff, hats mir doch geben,
Alles zu thun mit Füssen eben,
Essen vnd trinken vber Tisch
Mit meinem Fuss ich bhend erwisch,
Schreib, mahl, schnitz, bindt Bücher ein,
Das Armbrust kan ich brauchen fein,
Zehl Gelt, vnd auff freundlichs begehren
Im Bretspiel meins Manns mich thu wehren.
Schenk ein, trink auss, die Kleider mein
Anleg selbst, schneid ein Feder fein.

Thomas Schweicker Halensis«.

Unter einem seiner zahlreichen Bildnisse finden sich folgende, seine Thätigkeit charakterisirende Verse:

»Der grosse Wunder-GOtt kan nichts als Wunder machen,
Diss zeuget Schweickers Bild, diss weisen Schweickers Sachen.
Der Mann ist ohne Hand geboren auf die Welt,
Und treibet mit dem Fuss, was aller Welt gefält;
Er trank, er ass, er schrieb, schnid Federn mit den Füssen,
Spannt Bogen, drückt sie ab, wusst seine Lust zu büssen
Mit Spielen in dem Brett. Der Maximilian,
Das Haupt der Christenheit, hielt hoch den Wundermann,
Auch Churfürst Friederich am Rhein hat ihn bey Leben
Als einem Wundermann Schild, Helm zum Wappen geben.
Der Du ihn siehst, gedenk: Was die Natur verletzt
An einem, hat Verstand am andern Theil ersetzt«.

In einem nach Schweickers Tode verfertigten Epigramm sagt M. J. Gaeterus — um eine weitere poetische Betrachtung über dessen Fertigkeit anzuführen:

»Von Mutterleib ohn Arm und Händt
Geboren an sein Füssen bhendt
Alles gantz hurtig und ohn Zill
Verricht, wie mans nur haben will;
Er isst und trinkt, spilt, gibt und trinkt,
Alls mit seinen Füssen zwegen bringt«.

Man sieht, dass sich der Beifall, den seine Leistungen fanden, zu einem förmlichen Cultus erhoben hatte und welch' ein reicher Kranz poetischer Blüthen und Betrachtungen in Prosa, die, wollte man sie gesammelt veröffentlichen, einen stattlichen Band füllen würden, sich um Schweickers interessante Figur geflochten hat.

Aber nicht die Dichtkunst allein, auch die bildenden Künste glorificirten ihn, denn nicht nur auf Kupferstichen wurde er abgebildet, sondern auch Medaillen, die sein Bild zeigten, wurden ihm zu Ehren geprägt. Die eine hatte die Form und den Umfang eines Thalers und zeigte auf der einen Seite Schweicker, wie er die Umschrift: »Thomas Schweicker im 41. Lebensjahre 1581« mit den Füssen selbst schreibt. Auf der Reversseite befindet sich in sieben Zeilen ein Citat aus dem 138. Psalm: »Wunderbar sind Deine Werke, und das erkennet meine Seele wohl«. Eine andere, zwar etwas grössere, doch minder scharfe, wurde im Jahre 1595 geprägt.

Nach alledem kann es nicht wundernehmen, wenn Schweicker vom ganzen Lande und über dessen Grenzen hinaus gekannt und geschätzt war. Um ihn zu sehen, kamen die Leute von ferne herbei und aus Schlesien erschienen Boten in Hall, bloss zu dem Zweck, sich beglaubigte Zeugnisse über die Existenz und Fähigkeiten Schweickers von der Obrigkeit zu erbitten.

Aber, wie es oft gerade dem besten Künstler ergeht, sei es wegen seiner zu grossen Freigebigkeit und Unterstützung armer Freunde, sei es, weil minderwerthe Concurrenten auf der Bildfläche erscheinen und ihm die Einnahmen schmälern, auch Thomas Schweicker hatte mit pecuniärer Noth zu kämpfen, und richtete deshalb im December 1570 an den Kaiser Maximilian II. folgende, mit den Füssen geschriebene Bittschrift:

Psalm CXLIII
Prope est Dominus invocantibus cum omnibus invocantibus cum in veritate.

Allerdurchlauchtigster, Grossmächtigster, Christlichster Kayser, gnädiger Herr, nachdem der Allmächtige Ewige Gott und Vater unsers einigen Herrn und Heylandes Jesu Christi mich armen, elenden und verletzten Menschen also und dergestalt in diese Welt erschaffen hat, dass ich aus Mangel meiner Glieder meine Leibes-Nahrung und Unterhalt leider für mich selbst nicht gewinnen noch erlangen kan: Derowegen ist hierauf an Eure Kayserliche Majestät, als an meinen gnädigsten Herrn, meine gantz unterthänigste, demüthigste und fleissigste Bitte und Begehr, Eu. Kayserl. Majest. wollen aus angebohrner hoch- und weitberühmter Mildigkeit mich armen, elenden und verletzten Menschen lauter um GOtteswillen gnädiglich bedenken, auff dass ich die übrige Zeit meines armuthseeligen Lebens durch GOttes und Eu. Kayserl. Majestät Hülffe und Beförderung auch in dieser Welt möge zubringen. Solches um Eu. Kayserl. Majestät zu verdienen mit meinem armen, andächtigen Christlichen und emsigen Gebet, gegen GOtt dem Allmächtigen, für Eu. Kayserl. Majestät, will ich armer gehorsamer mit höchstem Fleiss zu aller Zeit, treulich thun, auff dass der Barmherzige Gütige GOtt Euere Kayserl. Majestät in langwieriger Gesundheit und glücklicher Regierung gnädiglich erhalten wolle. A. M. E. N.

Thomas Schweicker Hallensis
Quem Natura Brachiis Spoliavit
Hoc Scripsit cum pedibus suis
Anno Christi unici mediatoris
Salvatorisque nostri M. D. L. XX.
In mense Decembri.

(Verdeutscht: Thomas Schweicker aus Hall, den die Natur der Arme beraubte, schrieb dies mit seinen Füssen im Jahre 1570 im Monat December.) Das Original des Briefes, auf dessen Rückseite die Worte standen: »Gott giebt nicht Alles Allen«, befand sich noch hundert Jahre später in der Kanzlei zu Prag.

Anlass zu diesem Brief gab wohl die Anwesenheit des Kaisers Maximilians in Hall bei der Reise zu einem in Speier stattfindenden Reichstage, bei der er auch auf Schweicker und seine eminente geistige und körperliche Begabung aufmerksam gemacht wurde.

Gleichzeitig suchten auch Friedrich III. von der Pfalz und August von Sachsen den weitberühmten Wundermann auf, während ihn Ludwig von der Pfalz 1584 nach Heidelberg entbieten liess.

Nach einem also wechselvollen und inhaltsreichen Leben ist dann Thomas Schweicker am Donnerstag, den 7. October 1602, Morgens zwischen sechs und sieben Uhr, verschieden, nachdem ihn am 4. October eine anscheinend leichte Erkrankung auf das Lager geworfen hatte. Am 8. October wurde er — eine besondere Vergünstigung — unter dem Chor der Hauptkirche St. Michael beigesetzt. Seine Leichenrede, die im folgenden Jahre zu Frankfurt a. M. gedruckt wurde, hielt der Prediger Johannes Weidner über den 39. Psalm. Dieselbe enthält noch weitere interessante Mittheilungen über den Verblichenen. Hier sei nur noch der Schluss mitgetheilt, der zugleich Schweickers Grabschrift bildete (den Grabstein hatte er sich selber angefertigt und nur die Grabschrift wurde nachgefügt) und also lautete:

»Im Jahre 1602, den 7. Tag Octob., seines Alters 61. Jar, starb Thomas Schweicker, Bürger allhier zu Schwäbischen Hall am Cöcher, welcher ohne Arm und Händ, also von Mutterleib in diese Welt gebohren, und hat gantz zierlich und kunstreich seine Grabschrifft, welche von den Edlen, Vesten Herrn Consulibus und gantzem E. Rath der Statt in dem Haupttempel daselbst zu S. Michael, durch die Befreunden im Chor zu stellen, günstig approbiret, vor seinem Ende mit seinen Füssen geschrieben, den 29. Jun. An. 1592. Seines Alters im 51. Jahr, der Allmächtige GOtt wolle ihme und allen Ausserwehlten hie seinen Frieden, und dorten ein ewiges Leben mit einer fröhlichen Auferstehung gnädiglich verleihen. AMEN.« —

Unter den wenigen Fusskünstlerinnen, die sich im neunzehnten Jahrhundert öffentlich producirten, war es namentlich eine Elise Ebbinghaus, die durch ihre kunstvollen Perlen- etc. Stickereien, die sie mit den Füssen und dem Munde zugleich ausführte, die Aufmerksamkeit der Damenwelt auf sich zog. Ebenso schrieb sie sehr geläufig und schön, sowohl mit dem Munde als auch mit den Füssen. —

Nun zu den noch lebenden Fusskünstlern. Schon seit vielen Jahren besitzt der erste unter ihnen, Herr C. H. Unthan, einen Weltruf, und so kann es für die Leser nur von Interesse sein, über diesen Künstler Näheres zu erfahren. In einem Interview gab uns Herr Unthan in der liebenswürdigsten Weise Auskunft über seine Entwickelung und Lebensschicksale und zugleich die erwünschte Gelegenheit, uns auch im näheren Umgange davon zu überzeugen, dass das Fehlen der Arme ihn nicht gehindert hat, in seinen Lebensgewohnheiten es dem normal entwickelten Menschen gleichzuthun und sich ausserdem durch eiserne Willenskraft ein so reiches Maass von Kenntnissen und Fertigkeiten anzueignen, dass er ein vollwerthiges Mitglied der menschlichen Gesellschaft und ein überaus interessanter Gesellschafter wurde.

Unthan ist am 5. April 1850 in Königsberg geboren. Statt der Arme hat er nur zwei etwa handlange stummelartige Ansätze mit je einem Finger. Zu irgend welcher Thätigkeit ist keiner derselben zu gebrauchen, der linke ist durch einen Schrotschuss, den Unthan sich mit 13-1/2 Jahren aus Versehen beibrachte, auch noch jeder Bewegungsfähigkeit beraubt. Als Unthan etwa 9 Monate alt war, begann er, nur auf seine Füsse angewiesen, instinctiv sich dieser so zu bedienen wie andere Kinder ihrer Hände, und mit dem vollendeten zweiten Jahre konnte der Knabe vollständig allein essen und trinken. Mit 4 Jahren begann er aus Neugierde und Nachahmungsbedürfniss Schreibversuche mit den Füssen zu machen; und heute schreibt Herr Unthan eine ausgeschriebene, kräftige und gewandte »Fussschrift«. Sein Vater, der Schullehrer war, bestimmte ihn zunächst für einen gelehrten Beruf, und so besuchte der Knabe bis Obersecunda das Gymnasium, wo er sich in den Kämpfen zwischen Gymnasiasten und Realschülern als gefürchteter Kämpfer d. h. Treter hervorthat. Er hatte damals, wie er lachend erzählte, eine besondere Vorliebe für Schienbeine. Mit 16 Jahren besuchte Unthan dann das Conservatorium zu Leipzig, um dort seiner leidenschaftlichen Vorliebe für Violinspiel, das er seit seinem 10. Jahre immer und immer wieder probirt hatte, nachzugehen. Sein Lehrer war dort Ferdinand David. Nachdem Unthan diese Studien hinter sich hatte, begann er in Concerten und Theatern aufzutreten, zunächst aber nur als Violinspieler. Von 1869 an führten ihn seine Kunstreisen nach Frankreich, England und nach einem Ruhejahr in Ostpreussen nach Nord- und Südamerika. Mexiko bereiste er als ausgezeichneter Reiter ganz zu Pferde, und auf einem Maulthiere unternahm er selbst einen Zug über die Cordilleren. Von 1876 ab nahm Unthan dann auch andere Nummern, die er im Laufe der Jahre erlernt hatte, in sein Programm auf. Alle Verrichtungen, die ein gewöhnlicher Sterblicher mit seinen Händen und Armen ausführt, versieht Unthan mit seinen Füssen. Er wäscht, kämmt, rasirt sich, schneidet sich sein Brot ab und macht es zurecht, und zwar Alles nur mit normalem Zeitaufwand. Er reitet, fährt, schwimmt und taucht ausgezeichnet und führt seine Correspondenz selbstständig.

Es kann nicht wundernehmen, dass sich mit diesem Manne die medicinische Wissenschaft eingehend beschäftigt hat. Autoritäten wie Virchow und Professor Hamy-Paris haben ihn eingehend untersucht und nur constatiren können, dass Unthan vollständig normale Fuss- und Beinbildung aufweist. Ja, Virchow hat sogar die Frage nicht ohne weiteres von der Hand gewiesen, ob die Bewegungsfähigkeit der unteren Extremitäten und ihrer Theile, sowie ihre starke Entwickelung, wie sie bei Unthan vorhanden, nicht eigentlich das Natürliche für das Menschengeschlecht gewesen und nur einer Regeneration gewichen sei. Der Künstler sagt von sich selbst, dass er ein gesundes, sanguinisches Temperament besitze und sich stets eines ausgezeichneten Appetits erfreue. Das Gedächtniss werde dadurch, dass er nicht stets »mit dem Bleistift in der Hand« dastehen könne, um Alles zu notiren, auch gestärkt, und um dem Oberkörper genügende Bewegung zu verschaffen, pflege er eben das Schwimmen. Hierin soll er ganz Hervorragendes leisten. Erwähnt sei noch, dass Herr Unthan auf seinen vielen Reisen sich eifrig mit Sprachstudien beschäftigte, so dass er jetzt sieben verschiedene Sprachen beherrscht.

Aus eigenster Kraft hat sich dieser seltene Künstler zu seiner jetzigen Bedeutung emporgerungen, und ständig arbeitet er an der Vervollkommnung seines Könnens weiter.

Er ist, wie er selbst sagt, einer von denen, die nie ohne Arbeit sein können. Hoffentlich ist dem strebenden, fast jugendlich elastischen Künstler noch eine lange ehrenvolle Laufbahn und ein behagliches Privatleben an der Seite seiner Gattin, mit der er seit sechszehn Jahres in glücklicher Ehe lebt, beschieden.

Als gleichwerthiges Pendant muss auch der Rumpfkünstler Kobelkoff registrirt werden, den die Natur noch stiefmütterlicher bedacht hat, wie seinen berühmten Zeitgenossen Unthan, da er nur der Rumpf eines menschlichen Körpers ist, dem alle vier Extremitäten fehlen, wahrend Unthan doch wenigstens über die beiden unteren verfügen kann.

Kobelkoff ist ein so seltenes Phänomen, dass kein anatomisches Museum auch nur annähernd ein solches als corpus delicti aufzuweisen hat, und in den berühmten Werken von Buffon, Humboldt, St. Hilaire etc. sind auch nicht die kleinsten Andeutungen, die auf ein ähnliches Vorkommen in früheren Zeiten schliessen lassen, enthalten.

Er erregt die Theilnahme aller Derer, die ihn sehen, zuerst im höchsten Grade, dies Mitleid wird aber sehr schnell durch seine Lebhaftigkeit und durch die staunenswerthe Weise abgeschwächt, mit der er sich auch ohne die nach allgemeinen Begriffen unentbehrlichen Gliedmassen zu behelfen weiss, denn er schreibt mit grosser Fertigkeit, isst mit Löffel und Gabel, zeichnet und malt, verrichtet überhaupt Alles, was Andere, von der Natur Bevorzugtere mit den Armen event. auch Beinen verrichten, mit der grössten Gewandtheit ohne dieselben.

Seine stets heitere Laune, seine geselligen Manieren etc. führen bald zu der Erkenntniss, dass er sich nicht unglücklich fühlen kann, um so weniger, als er eine Lebensgefährtin fand und Vaterfreuden ihn an das Dasein fesseln. In den vierundzwanzig Jahren der Ehe, die bis jetzt (1899) verflossen, sind derselben elf Kinder entsprossen, von denen noch fünf wohlgebaute Knaben und ein Mädchen am Leben sind.

Nicolai Wasilowitsch Kobelkoff ist in Wossnesensk bei Troizk im Gouvernement Orenburg, einer kleinen, freundlichen Stadt im asiatischen Russland, am 22. Juli 1851 geboren und zwar ohne Arme und Beine. Sein Vater war Angestellter in dem in der Umgegend befindlichen kaiserlichen Goldbergwerke. Da die Schwangerschaft ohne jegliche Störung der normalen Verhältnisse und des physischen Wohlbefindens der Mutter verlief, so war die Ueberraschung um so grösser, als bei der Geburt nur ein Rumpf ohne jegliche Gliedmassen zur Welt kam, der jedoch durch ganz energisches Schreien das Vorhandensein einer gesunden Lunge documentirte.

Der kleine Weltbürger wurde mit der grössten Aufopferung gepflegt, so wie im Laufe der Jahre der Körper sich entwickelte, so nahmen auch die geistigen Fähigkeiten einen guten Fortgang, und mit dem zehnten Lebensjahre brachte man den »kleinen« Nicolai nach Troizk in die Kreisschule, wo ein menschenfreundlicher Pfarrer seine Ausbildung übernahm.

Das war jedoch eine schwierige Sache, da, wenn Nicolai auch über einen regen Verstand verfügte, infolge des Fehlens der Arme und Hände das Erlernen des Schreibens etc. schlechterdings als unmöglich erschien. Da kam der Geistliche endlich auf die Idee, ob sich die fehlende Hand nicht durch gemeinsame Anwendung des Armstumpfes und der Wange ersetzen liesse, und als schon der erste Versuch günstige Resultate versprach, da wurden die Exercitien mit solchem Feuereifer betrieben, dass neben dem Schreiben auch Versuche im Essen mit Löffel, Messer und Gabel, überhaupt in allen Arbeiten gemacht wurden, die von normalen Menschen mit den Händen ausgeführt werden, die denn auch vollständig glückten. So hat sich denn Kobelkoff im Laufe der Zeit eine Schrift angeeignet, um die ihn, wie Hofrath Professor Weinlechner sich in einem Gutachten ausdrückt, Mancher mit normal gebildeten Händen beneiden dürfte; die Wange dient beim Schreiben nämlich als Daumen und der Armstumpf als Zeigefinger.

(Schrift Kobelkoff's).

Fünf Jahre lang stand er unter der Obhut des Priesters, der zugleich sein Religionslehrer war, als der Menageriebesitzer Berg in den Ort kam, von dem phänomenalen Knaben hörte und ihn für die Reise engagirte, die denn auch am 12. Mai 1872 angetreten wurde. In Petersburg wurde er dem Publicum überhaupt zum ersten Male vorgestellt; dann wurde ein Engagement in Berlin und dann ein solches in Wien absolvirt, wo er dem Publicum im Jahre 1875 zum ersten Male gezeigt wurde. Hier lernte er auch seine Frau kennen, und als die Hochzeit im Jahre 1876 in Budapest stattgefunden hatte, da begann ein echtes Nomadenleben, indem das Ehepaar von Land zu Land, von Stadt zu Stadt zog. So kam es auf seinen Wanderungen nach Deutschland, Frankreich, England, Spanien etc., überall das grösste Aufsehen erregend, das seinen Gipfelpunkt jedoch in der Bewunderung fand, die die grössten Gelehrten aller Länder den geistigen und körperlichen Fähigkeiten trotz der abnormen Körperbildung zollten.

Kobelkoff ist ein Temperenzler und nimmt keine geistigen Getränke zu sich; er lebt nur von Milch, Thee und Fleisch, die er täglich mit grösster Regelmässigkeit dreimal zu sich nimmt, wie denn sein ganzes Leben gleichmässig, wie durch ein Uhrwerk regulirt, verläuft. Seine Ruhestätte ist ein kleines, einer Wiege ähnliches Bett, das sich etwa vierzig Centimeter über dem Fussboden erhebt, und in das er sich ohne jede Beihülfe hineinlegt und es auch wieder verlässt. Seine stete Begleiterin ist seine — Privat-Equipage, ein dreirädriger Kinderwagen, der mittels vier Handgriffen in die Bahnwaggons verladen wird und der vorne durch Vorhänge verschlossen ist, um dem Publicum während der Reise den Einblick zu verwehren.

Von sämmtlichen Ausstellungen Frankreichs und Italiens, auf denen Kobelkoff sich producirte, besitzt er die ersten Preis-Medaillen für seine Leistungen, und am 26. April 1899 ward ihm die hohe Ehre zu theil, sich auch vor Sr. Kaiserl. Königl. Hoheit dem Erzherzog Ludwig Victor, Bruder Sr. Maj. des Kaisers Franz Joseph I., produciren zu dürfen. —

Ein ähnliches Genre wie Unthan cultivirt der sympathische Südfranzose Jean de Henau, der besonders als Schnellmaler und Mandolinen-Virtuose Hervorragendes leistet und eine gesuchte Attraction der modernen Variétébühnen ist. (Abbildung umstehend.)

Neben den Fuss- und Rumpfkünstlern dürfen auch die Zwerge als Abnormitäten (nur solche sind sowohl die Zwerge als auch die Riesen, nicht aber Missgeburten im eigentlichen Sinne des Wortes, wie die Fuss- und Rumpfkünstler, da sie in der Regel als normale Körper zur Welt kamen und nicht ersichtlich war, dass sie später in ihrer Körperentwicklung zurückbleiben oder sie überschreiten würden — diese abnormen Erscheinungen traten meist erst mehrere Jahre nach der Geburt zu Tage) unsere Aufmerksamkeit beanspruchen, da man sie jetzt meistens als Miniatur-Artisten zu sehen und zu hören bekommt, sie also keine exclusiven Schauobjecte mehr, wie früher, sind, sondern sich jetzt enger an das Gebiet der Artistik anlehnen. Eine allzugrosse Seltenheit bilden sie heutzutage gerade nicht mehr, und man konnte namentlich in den letzten Decennien des neunzehnten Jahrhunderts eine Vermehrung dieser im Wachsthum zurückgebliebenen Menschen constatiren, während die im Wachsthum wieder zu stark vorgeschrittenen Riesen im Aussterben begriffen zu sein scheinen, da sie immer mehr von der Bildfläche verschwinden.

Jean de Henau.

Die heutigen Zwerge und Riesen kennt man so ziemlich alle, sorgen doch die Impresarien schon frühzeitig dafür, dass möglichst viel wahr- und unwahrscheinliche Begebenheiten aus ihrem Leben zu Reclamezwecken in die Oeffentlichkeit gelangen. Dagegen sind viele Daten über Riesen und Zwerge aus früheren Zeiten unbekannt, und wenn auch diese gesammelt hier veröffentlicht werden, so geschah das der Vollständigkeit wegen nicht nur, sondern vornehmlich, weil sie interessant genug sind, um auch in weiteren einschlägigen Kreisen bekannt zu werden.

(Der französische Gelehrte Henrion schrieb im Jahre 1718 ein Werk, in welchem er zu beweisen suchte [doch wohl nicht, um sich unsterblich — lächerlich zu machen?], dass Adam 41 Meter 60 Centimeter, und Eva 40 Meter hoch war. Abraham soll 6 Meter 60 Centimeter, Moses 4 Meter 70 Centimeter und Goliath 4 Meter gemessen haben, die damalige Elle zu 58 Centimeter gerechnet.)

Berühmte Riesen alter Zeit waren Walther Passous, der Portier des Königs Jacob I., und Maximilian Müller, der im 55. Lebensjahre noch wuchs. Der Erste war 7 Fuss 6 Zoll, der Zweite 8 Fuss hoch. Sie wurden aber von dem berühmten Patrick O'Brien (Patrick Colter) übertroffen, der 38 Jahre alt, schon 8 Fuss 7 Zoll Höhe erreicht hatte. Von ihm erzählt man sich, dass er seine Pfeife oft an den Strassenlaternen angezündet habe. Er starb im Alter von 47 Jahren. Da er fürchtete, nach seinem Tode secirt zu werden, so vermachte er zwei Fischern 200 Pfd. Sterling, mit dem Auftrage, seinen Leichnam ins Meer zu werfen. Professor William Hunter, der den phänomenalen Körper aber gar zu gerne zu wissenschaftlichen Studien erlangt hätte, versprach den Fischern ebenfalls 200 Pfd., wenn sie ihm den Leichnam dennoch überliessen. Sie warfen denn den entseelten Körper richtig ins Meer, banden ihn aber zuvor an ein langes Seil, das am Ufer befestigt war, an dem der Herr Professor den Leichnam wieder aus dem Meere zog und sich aneignete, als die Fischer sich entfernt hatten.

1897 starb in Bournemouth der chinesische Riese Chang-Yu-Sing, der 1864 zuerst in London auftrat und gleich jedem ins Ausland gehenden Chinesen seinen Sarg überallhin mit sich nahm. Er mass 2 Meter 36 Centimeter, wurde somit von dem Riesen Drasal noch um 4-1/2 Zoll überholt, der 310 Pfd. schwer war und im Alter von 45 Jahren am 17. December 1886 in seinem Heimathsorte Holleschau in Mähren starb.

Ein berühmter Riese war auch der Oesterreicher Franz Winkelmeier, der die Höhe von 8 Fuss 9 Zoll erreicht hatte, aber überaus mager war und am 4. September 1887 im Alter von 24 Jahren in London an der Schwindsucht starb. — Die grösste Riesin, welche je auf Erden gelebt hat, war Marian (Maria Wedde), geboren am 31. Januar 1866 zu Benkendorf bei Halle a. d. Saale, gestorben Anfang 1885 in Paris. Das Riesen-Fräulein hatte das respectable Mass von 2,65 Meter erreicht. — Nicht geringes Aufsehen erregte in den neunziger Jahren der am 12. September 1880 in Gross-Mohnau (Kreis Schweidnitz) geborene Riesenknabe Carl Ullrich, der mit fünfzehn Jahren eine Höhe von 2,5 Meter erreicht hatte, dann aber im Wachsthum stehen blieb. Seit jener Zeit zeigten sich aber bei ihm Krankheits-Symptome, anfangs nur in Form leicht und schnell vorübergehenden Unwohlseins, das im Laufe der Zeit jedoch so bedenkliche Dimensionen annahm, dass er von Russland aus zur Erholung zu seinen Eltern nach Gross-Mohnau zurückreiste. Die Krankheit nahm aber einen so ernsten Charakter an, dass seine Eltern ihn auf Anrathen der Aerzte dem Krankenhause der barmherzigen Brüder in Breslau zur Pflege übergaben, bei denen er 1897, 17 Jahre alt, an der Zuckerkrankheit starb. Die Dimensionen seines Körpers waren so ungeheuerlich, dass z. B. seine Füsse genau gemessen 42 Centimeter lang waren und dass durch seinen Ring, den er am Mittelfinger der rechten Hand trug und der nur gerade passend war, bequem ein Thaler hindurch ging. In seinem wissenschaftlichen Gutachten über ihn sagt Prof. Virchow u. A.: »Da alle Organe bei ihm fehlerlos functioniren, so wird Carl Ullrich, wenn er ausgewachsen ist, alle bisherigen Riesen an Grösse und Schönheit übertreffen.« —

Nun noch um ein paar Decennien zurückblickend, war in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts die »ausgezeichnete Riesendame« (so nannte sie sich) Elise Schmidt wohl die einzige Riesin, die sich öffentlich sehen liess. Sie war über 7 Fuss rhein. hoch, aber von unbeschreiblicher Magerkeit. Als die Spuren des Alters sich wegen ihrer Derbheit nicht mehr aus dem Gesichte wegretouchiren lassen wollten, da zeigte sie sich (Ende der vierziger Jahre) in Gesellschaft einer recht hübschen und zahlreichen Sammlung von — Schlangen und Krokodilen, wahrscheinlich, damit durch diese die Aufmerksamkeit der Zuschauer in etwas von ihrer eigenen Person abgelenkt werden sollte. Einer ihrer älteren Brüder, ebenfalls ein Riese, der frühzeitig starb, war Flügelmann beim ersten Garde-Regiment in Potsdam, somit der grösste Mann der ganzen preussischen Armee. Sein Skelet, das 7 Fuss 3 Zoll rhein. hoch ist, ist im anatomischen Museum in der Universität in Berlin aufgestellt.

In der Mitte der fünfziger Jahre war es der Riese Mr. Murphy, der das allgemeine Interesse durch seine Hünengestalt auf sich zog. Er war 8 Fuss 2 Zoll rhein. hoch, aber von durchaus proportionirten Körperformen, so dass seine Grösse im gewöhnlichen Leben gar nicht so sehr zur Geltung kam, sondern erst dann, wenn nach allgemeinen Begriffen grosse Männer zum Vergleiche neben ihm standen. Das Interesse für ihn war so gross, dass in Frankfurt a. M. z. B. seine Höhe an den Thürrahmen der Säle der Hotels und Restaurants als Wahrzeichen angemerkt war, in denen er sich während der Herbstmesse 1856 gezeigt hatte.

Mit Murphy gleichzeitig zeigte sich in Deutschland die Schweizer Riesin Marie Schubiger aus dem Canton Thurgau. Sie war auch etwas über 7 Fuss rhein. hoch, von seltenem Ebenmass der Körperformen und verfügte über ganz ungewöhnliche Kräfte. Wenn sie sich auch stets unter ihrem Mädchen-Namen zeigte, so war sie doch eine verehelichte Frau Fehr, und ihr Gatte war Obergärtner in den Königl. Gärtnereien in Turin; sie hatte ihn auf ihrer Tournée durch Italien kennen gelernt und sich mit ihm verehelicht.

Gleich Murphy zeigte sie sich stets auf den grossen deutschen Messen, und trafen sie dann, wie das wiederholt vorkam, an solchen Plätzen zufällig zusammen, so zeigten sie sich zwar in verschiedenen Localen, arrangirten aber zum Schluss der Messe dann gewöhnlich in einem der grössten Säle einen sog. »Riesen-Ball«, bei dem sie nicht nur die Tänze anführten, sondern sie auch leiteten — eine Speculation, die ihnen oft enorme Summen eintrug.

Als sie in der letzten Hälfte der fünfziger Jahre auch in Paris zusammentrafen, da interessirte sich Kaiser Napoleon III., der seine Jugendzeit im Schlosse Arenenberg im Canton Thurgau verlebt hatte, so sehr für seine »Schweizer Landsmännin«, dass er ein Ehebündniss zwischen ihr und Murphy zustande bringen wollte, um allmählich ein »Riesen-Geschlecht« heranzubilden, eine Lieblings-Idee, die zu seinem Leidwesen unrealisirbar war, da Marie Schubiger bereits Frau Fehr hiess. — Nur wenige Jahre noch, da sie in den dreissiger Jahren stand, reiste sie und zog sich dann auf ihr am Schweizer Ufer des Bodensees belegenes Gut, das sie fortan selber bewirthschaftete, aus der Oeffentlichkeit zurück.

Im Gegensatze zu den Riesen fiel den Zwergen in der Geschichte eine viel grössere Rolle zu. Wollte man doch schon zur Zeit des Parazelsus Homunculi (Menschlein) auf chemischem Wege herstellen. (Das Verfahren der Herstellung von künstlichen Zwergen aus ursprünglich normal gebauten Kindern stammt aus dem Orient, und der Alkohol bildet einen wichtigen Bestandtheil des Receptes.) Zweifellos ist es erwiesen, dass vornehme Damen alter Zeit auf ihren Höfen Zwerge hielten, ebenso, wie später zur Zeit der Madame Pompadour Mohrenknaben in der Mode waren.

In der Renaissancezeit waren die Zwerge in den verschiedensten Ländern Europas modern, insbesondere aber an den päpstlichen Höfen. Bei einem Banket des Erzbischofs Vitalli im Jahre 1556 bildeten 34 missgestaltete Zwerge die aufwartende Dienerschaft. Ihre goldene Zeit hatten die Zwerge unter dem russischen Czaren Peter dem Grossen. Die Schwester des Czaren, die Grossfürstin Natalie, liebte sie leidenschaftlich und auf ihren Befehl wurden die Zwerge aus der ganzen Welt nach Moskau berufen, und diese leisteten der Einladung auch in überaus grosser Anzahl Folge. In Moskau angelangt, wurden sie ins kaiserliche Palais geführt und dort hatten sie ihre eigene Hofhaltung, schöne Gewänder und volle Verpflegung, sowie goldene Equipagen, die mit je sechs Ponies bespannt waren. Sie heiratheten auch unter sich, und jede Hochzeit war ein vollkommenes Hoffest in Moskau.

Ein glückliches Loos hatte Jeffrey Hudson, oder richtiger »Sir« Jeffrey Hudson, denn König Carl von England verlieh diesem 18 zölligen Männchen den Rang eines Barons. Er war vollendeter Gentleman, höchst kriegerischen, ritterlichen Charakters und duldete nicht, dass man seiner spottete, oder sich gar lustig machte. Einst wurde er von einem Manne Namens Crofts beleidigt, Hudson forderte ihn sofort zum Duell und erschoss ihn.

Nicht so glücklich wie Sir Hudson war John Worrenburgh. Als er schon berühmt war, wollte er von Rotterdam nach England heimkehren. Er logirte in einer Schachtel, ebenso, wie Gulliver bei den Riesen, und diese war der Obhut eines Wärters anvertraut. Letzterer aber, als er im Begriff war, sich einzuschiffen, glitt aus und fiel sammt der Schachtel ins Wasser. Den Wärter zu retten gelang zwar, Worrenburgh aber kam in seiner Schachtel elend ums Leben. —

Die Zwerge sterben in der Regel jung, eine Ausnahme bildete vielleicht der polnische Graf Joseph Borowlaszki, der 1739 als Zwerg geboren wurde und ein Alter von 98 Jahren erreichte. Berühmt war auch Bébé, der Zwerg des polnischen Königs Stanislaus, der aber im Gegensatze zu dem geistreichen Zwerg-Grafen Borowlaszki nur ein Crétin war. — Eine sehr bekannte Zwergenschönheit ward unter dem Namen La Fée Corse in London 1734 gezeigt. Sie wog kaum 26 Pfund und war ausserordentlich schön, nur stand ihre Nase in keinem Verhältniss zu ihrem kleinen Körper. — Wybrand Lolkes, ein holländischer Uhrmacher, der nur 27 Zoll mass, heirathete eines der schönsten Mädchen Rotterdams, welches ihn mit mehreren ganz normal gebauten Kindern beschenkte. —

Wenn wir schon von Zwergen sprechen, so dürfen wir auch den berühmten General Tom Pouce nicht vergessen. Er hiess mit seinem wirklichen Namen Charles S. Stratton und wurde am 11. Januar 1832 in Bridgeport, Connecticut, geboren. Bei seiner Geburt wog er 9 Pfund und war mit 5 Monaten ein hübsch entwickeltes Baby, das dann aber nicht weiter wuchs. Sein Auftreten machte riesige Sensation, und als seine Popularität im Zenith stand (1847), da belief sich sein Jahreseinkommen auf 15,000 Pfd. Sterling. Am 10. Februar 1863 verheirathete Barnum den General mit Lavinia Warren aus Middleboro. Mrs. Stratton war bei ihrer Hochzeit 32 Zoll hoch und wog 29 Pfund, der General dagegen war 35 Zoll hoch und wog 28 Pfund. Aus der Ehe entspross ein wahrhaftes Miniaturkindchen, das aber nur kurze Zeit lebte. Lavinia Warren starb am 23. Juli 1878 im Alter von 29 Jahren, ihr Gatte am 15. Juli 1883 im Alter von 45 Jahren 6 Monaten in Middleboro, Massachusetts.

Dieses kleine Verzeichniss berühmter Riesen und Zwerge älterer und neuerer Zeit kann keineswegs Anspruch auf Vollständigkeit machen, da namentlich in älterer Zeit wohl der weitaus grösste Theil derjenigen Menschen, die wegen ihrer abnormen Grösse einerseits, wegen ihrer abnormen Kleinheit andererseits Beachtung verdient hätten, mit geringen Ausnahmen nicht in die Oeffentlichkeit traten, sondern vielmehr ein beschauliches Privatleben führten. Sind doch unter den Sehenswürdigkeiten der Frankfurter Messe von 1778 ein Zwergmädchen und ein Riese als eine neue und interessante Schaustellung angeführt. Wahrscheinlich aber ist doch noch interessantes Material in alten Archiven vergraben, das mir durch Zufall einst an das Tageslicht gefördert und durch das dem Historiographen erst in späterer Zeit eine grössere Concentrirung der Materie ermöglicht wird.

Düsseldorf, den 1. Sept 1899.

Signor Saltarino.