Schreiben an Fräulein Therese Julie Klementine Paquette.

Sie zwingen mich also, Fräulein, und ich soll Sie durchaus verunsterblichen? Sie wollen, meine Erkenntlichkeit soll Ihren Namen auf die Nachwelt übertragen? In einem dicken philosophischen

Buche, gedruckt in unsern Tagen, haben Sie gelesen, daß die Phrynen, und die Aspasien ganz leicht die Sokraten, und Platone aufwogen; und mit Rechte hat Ihnen dieser artige Ausspruch Muth eingeflößt.

Wahrscheinlich war Aspasia nicht so schön, als Sie, und Phryne hatte nicht die Geschicklichkeit, die Grazie. Sie kehren die Köpfe zu Paris, wie jene zu Athen oder Theben, um; und also haben Sie Recht, sich für eine Erbinn dieser berühmten Schönen zu halten. Und sie verlangen den Besitz ihres Ruhmes, wie ihrer Talente; ihres Rufes, wie ihrer glücklichen Unternehmung für sich.

Die Eine derselben gab, wie man weis, den Philosophen ihres Zeitalters Unterricht in der Beredtsamkeit. Sie lehrte sie die Kunst, mit Sanftheit den Geist der Menschen zu regieren. Der berühmte Lehrmeister

des Alcibiades studirte unter ihr, und er schämte sich nicht zu gestehn, wie viel Dank er ihr wisse. Sie wars, von welcher Sokrates die erhabenen Lehren empfieng, die er in der Folge mit so vieler Sorgfalt seinem jungen Schüler einprägte.

Die Andere verlangte von ihren Liebhabern, daß sie, wenn sie zu ihr kämen, ihr einen harten Stein behändigten. Der war das Zeichen, auf welches ihre Thüre sich öffnete. Auch verwahrte sie, sagt man, sehr sorgfältig die Modelle davon. Aus dieser wunderbaren Sammlung ließ sie, zum Zeitvertreibe in ihrem Alter, eine sehr hohe Pyramide bauen, und die Reisenden haben dieses Denkmaal mit Rechte unter die sieben Weltwunder gezählet.

Sie, mein Fräulein, Sie gebrauchen sich keiner Worte, um die Kunst zu lehren, die Herzen zu besiegen. Wenn Sie diesen

großen Unterricht ertheilen, so ertheilen Sie ihn Ihren Gespielinnen, so ertheilen Sie ihn durch Ihr Beispiel. Sie fordern von denen, die es nach Ihrer Huld verlangt, eben keinen Stein ab; nicht als ob Sie vielleicht weniger, als eine andere, auf Pyramiden achteten, oder als ob Sie weniger Geschick besässen, eine zu errichten; nein, sondern das Klima in Frankreich ist von jenem in Griechenland verschieden.

Attika, und Beotien waren dürre und unfruchtbare Länder, die Steine wuchsen da im Uiberflusse. Ein artig Frauenzimmer durfte nur die Hand ausstrecken, um welche zu finden. Der Marmor dehnte sich, um so zu sagen, demselben von selbst entgegen.

Sie leben in einem glücklicheren Erdstriche, und dennoch haben Sie eben diese Vortheile nicht. In Paris, und in dessen Umkreise nehmen die Steine mit jedem Tage

ab. Die Menge, welche man in den Palästen dieser Hauptstadt täglich verbraucht, macht die ganze Art dieser Naturprodukte zu nichte. Brächte man ihrer nicht von Zeit zu Zeit aus dem Schatze der Provinzen einige dahin, so ist zu vermuthen, daß sich diese Stadt derselben bald ganz beraubt sehen würde.

Sie, mein Fräulein, halten sich weislich an die allgemeinen, und unausweichlichen Gesetze der Natur. Wie viele Andre sind eigensinnig genug, hartnäckig gegen ihre Schwäche zu kämpfen! Sie haben keine andere Sorge, als wie Sie sich für dieselbe entschädigen können. Gerne lassen Sie den Männern den Stein nach, wenn Sie Ihnen diesen nur mit recht viel Gold ersetzen.

Auch wissen Sie sich hierbey so zu nehmen, daß Sie nie was verlieren. Man weis, welche Kunst Sie gebrauchen, die Opfer,

die man Ihnen macht, miteinander zu vereinbaren. Niemanden ists unbekannt, mit welcher Einsicht Sie die verschiedenen Gattungen derselben zusammen auswählen. Sie ahmen jenen geschickten Wirthen nach, die aus mehrern mittelmäßigen Weinen ein vortrefliches Getränke bereiten.

Sie mäßigen die Schwachheit eines Parisers durch den Trotz eines Provenzalen, und die Schaalheit eines Einwohners von Marais durch den Saft eines Burgunders. Sie verbinden den brausenden Schaum des Champagners mit Amerika’s Wärme, und die Dumpfheit des Deutschen mit der Feinheit des Italiäners. Da Sie so die Fehler jeder Nazion durch die Zumischung der entgegengesetzten Tugenden verbessern, da Sie die Ungeschmacktheit der Einen durch das Beißende der Andern lindern, so sind Sie so glücklich, sich eine Reihe höchst angenehmer Lebenstage, und eine ununterbrochene

Fortdauer von Vergnügungen zu verschaffen.

Ihre Bescheidenheit will der Nachwelt die Denkmaale Ihrer Triumphe gerne schenken; jedoch, müßte man die Anzahl all derer, die Sie ihr noch hätten hinterlassen können in die Rechnung bringen; so glaube ich, alle Phrynen des Alterthtums würden sich nicht beygehen lassen, Ihnen das Geringste streitig zu machen; so viele Gründe also berechtigen Sie, sich über die alten und neuen Sokraten erhaben zu glauben!

Indessen muß man gestehen, dieser so große Ruhm wird von einigen Ungemachen etwas aufgewogen, und verliert von seinem Glanze. Mit Vergnügen sehen Sie die Ankunft der Schätze, die der Geiz den Bergen der neuen Welt entwühlt, und welche die Thorheit auf den Sopha’s von Europa zerstreuet, bey sich. Eine Danae, öffnen Sie

den Schooß diesem kostbaren Regen, dessen Werth und Nutzen Ihnen so wohlbekannt ist.

Unglücklicherweise macht er öfters in der alten Welt gewisse Vollkommenheiten aufzusprossen, welche die Natur bloß für die neue bestimmet hatte. Die kostbare Pflanze derselben brachte uns 1493. der Genueser Christoph Kolombo mit dem Gold aus San Domingo, und, wie wir wohl wissen, seit dieser Zeit haben sie sich mit einer verwundernswürdigen Fruchtbarkeit ausgebreitet.

Die jüngere von zwoen Schwestern, die beynahe einerley Namen führen, scheint es am weitesten gebracht zu haben. Seit fast zweyhundert Jahren arbeitet sie ohne Unterlaß an der Ausbreitung ihres Reiches; und daß ihr alle Unternehmungen glückten, hat sie vorzüglich ihrer verschwenderischen

Freygebigkeit zu danken. Gleich den staatsklugen Eroberern gewann sie eine Menge Landes, weil sie mit ihren Geschenken nicht haushälterisch war.

Nicht, als ob man im Grunde so erpicht darauf wäre. Wenige Personen sind aufgelegt, sie freywillig sich zu wünschen; allein sie verbindet, wenn sie sie anbeut, damit einen so verführerischen Reiz, daß die mißtrauischsten Herzen manchmal genug zu thun haben, sich dagegen zu verwahren. Man empfängt sie, ohne es fast nur gewahr zu werden; und was dabei das verdrießlichste ist, wenn man sich damit beschwert fühlt, so ist man nicht immer im Stande, sie sich vom Halse zu schaffen.

Man bringt sie nicht einmal los, wenn man ihren Kreislauf befördert. Sie haben die Eigenschaft, sich zu vervielfältigen, ohne die Quelle, aus der sie entsprungen sind, zu

schwächen; gerade, wie eine brennende Wachsterze tausend andere anzuzünden dienen kann, ohne im mindesten von ihrem Licht, und dem Feuer, das sie verzehrt, zu verlieren.

Gewiß, mein Fräulein, ein schreckliches Mißgeschick! Sie wünschten wohl, man möchte ihm abhelfen können. Auch ich wünsch es von ganzem Herzen. Suchen wir miteinander die Mittel auf. Die Ehre davon will ich Ihnen gerne lassen.

Die griechischen Lustmädchen zeichneten sich, die Eine durch den Zauber ihres Verstandes, die andre durch die Anmuth ihres Tanzes, und diese durch ihre Schönheit aus. Was Sie betrift, so wünsche ich, daß Sie Ihren Namen durch der Menschheit geleistete Dienste verewigen. Ihre Gefälligkeit gegen sie, kennt man bereits zur Gnüge. Man wird sich nicht befremden, daß Sie, zum Tempel

des Ruhmes zu kommen, diesen Weg gewählet haben.

Wie viel man nicht von dieser Menschheit redet! Unsre philosophischen Tage geben ihr ein so herrliches Licht! Sie sehen sie von Stockholm bis Lissabon, von den Gränzen des Mogol bis London sich mit so großem Glanz entwickeln. Es sind nur eben sieben volle Jahre, während deren wir uns mit aller nur möglichen Artigkeit, und Leutseligleit herumgeschlagen haben; und alle Menschen, welche diese ganze Zeit hindurch in den Land- und Seegefechten verstümmelt, erschossen, gebraten, oder zermalmet worden, beliefen sich doch nicht höher, als auf eine Million.

Die Krankheiten, Mühseligheiten, und Siechenhäuser nahmen ihrer nicht mehr, als zwo Millionen weg. Von Berlin an der Spree bis Villa-Veilha, an den Gestaden des Tagus, rechnet man nicht ganz zwanzig

tausend Quadratmeilen, die in jedem Betrachte mit fünfzehn oder zwanzig Millionen zweifüssiger federloser Geschöpfe verwüstet, und von Helden in Jammer oder Verzweiflung gebracht worden sind.

Unsre Untersuchungen hätten in keiner Zeit erscheinen können, wo die Menschheit größere Fortschritte gemacht hätte. Unmöglich hätte man dazu günstigere Umstände wählen können. Eilen wir also, sie ans Tageslicht zu bringen; warten wir nicht, bis wieder die Barbarei zurückkehrt. Wollen wir von ihren Rasereien gegen das Menschengeschlecht aus dem Zustande urtheilen, in dem es sich in einem erleuchteten, und philosophischen Jahrhunderte befindet, so würden wir Gefahr laufen, auf der Erde keine Menschen mehr zu finden, die uns anhören könnten.

Vergeben Sie mir, Fräulein, wenn ich in der Folge dieses Werkes mich nicht mehr an Sie verwende. Sie sind es, denen ich es zueigne; aber die Menschheit ists, der sich es heilige. Ich hab es mit dem Unterrichte der Völker, mit der Heilung der Menschen von ihren Irrthümern zu thun. Es kömmt darauf an, den Dienst der Venus zu reinigen, die gefährliche Luft, die ihre Tempel erfüllt, zu zerstreuen, und sogar ihre Altäre zu säubern.

In der Behandlung der zur Erreichung dieses Zweckes nöthigen Sühnopfer, werde ich nicht mehr von Ihnen reden; aber denken an Sie werd’ ich unaufhörlich. Ich werde dem Anscheine nach Ihre Reize aus dem Gesichte verlieren; aber mein Gegenstand wird mich immer zur Gnüge auf dieselben zurückführen.

Ich will mit aller Bedachtsamkeit untersuchen, welche Mittel uns zum Ziele führen könnten, die Macht des Feindes, über den wir uns beklagen, zu stürzen. Es wird nicht übel gethan seyn, zuvor ein paar Worte von seiner Natur und Geburt zu sagen. Ich werde bis auf seinen Ursprung zurückgehn, und einen Auszug seiner Geschichte geben müssen. Die Medaillen dieser Begebenheit bestehen noch; aber die Epoche derselben scheint in Dunkel gehüllt. Es wäre sehr nützlich, sehr rühmlich, wenn es uns, sie festzusetzen, gelänge.

Uibrigens wird sie weder Befremden, noch Furcht befallen bei dem Namen Kakomonade, dessen ich mich bedient habe, um diese grausame Feindinn umzukleiden, sie, die ich mich nicht getrauet hätte, anders zu nennen. Wahr ist es, dieses Wort ist ganz griechisch; allein die Sache, die es bezeichnet, ist ganz französisch, und also unseren

Damen so wenig unverständlich, daß sie viel mehr ein wichtiges Ingredienz guter Gesellschaften ist. Uiber dieß sind Sie auch mit Leibnitzens Sprache bekannt. Ich habe Sie gelehrt, was in dem Verstande dieses unvergleichlichen Mannes eine Monade sey. Von Ihnen Ihrerseits habe ich gelernt, diesen Namen durch das Beiwort Kako zu verlängern, das ich ohne Sie nie erfunden hätte. Sie werden mich also ohne Schwierigkeit verstehn, und ich gehe ohne Besorgniß zur Sache.