Zwölftes Kapitel.

Dialog zwischen einem Mandarin, und dem Herrn Baron von Donnerstrunkshausen, über den Gebrauch des Quecksilbers in dem Falle, von dem die Rede ist.

Das Metal, von dem so eben die Rede war, ist unstreitig der einzige Damm, den man den Einbrüchen der Kakomonade mit Nutzen entgegen setzen kann. Es begnügt sich sogar nicht damit, daß es ihre weitern Umsichgriffe hemmt, sondern es dringt bis zu ihrer Quelle ein. Es greift sie an, drängt, und entwurzelt sie. Deßwegen ist es auch bei weitem dem Golde vorzuziehn, das nicht allein die Krankheiten nicht heilt, sondern

im Gegentheile die Leichtigkeit vermehret, sie alle an sich zu bringen.

Wenn man die Augen auf den folgenden kurzen Dialog wirft, wird man einen Begriff sowohl von seiner Wirksamkeit, als von den verschiedenen Arten, es zu zubereiten, und von ihren Folgen haben. Zween Männer führen das Gespräch. Der Eine davon ist eine von den litterarischen Magistratspersonen, die man in China Kolaos nennt, und die sich die Europäer, ohne davon den zureichenden Grund zu wissen, beifallen ließen, Mandarine zu nennen. Der zweite ist der Sohn meines nochgeehrten Herrn, des Herrn Baron von Donnerstrunkshausen. Ich hatte das Vergnügen, ihn zu Peking wieder anzutreffen, im Jahre unser Heils 1761. Er fieng da an zu Würden zu steigen. Er hatte mit einem Mandarin vom dritten Range folgende Unterredung gepflogen, und die Güte, sie mir mitzutheilen.

Der Mandarin. — Guten Tag, Eure Hochwürden. Ich ließ mich in meiner lakirten, unausgezierten Sänfte hieherbringen. Ich habe nur bloß dreißig Reuter bei mir, und achtzehn Tambours. Haben Sie mich entschuldigt darüber, ich wünschte Sie inkognito zu sehen.

Der Baron. Wären wir wohl so glücklich, Eurer Excellenz dienen zu können?

Mandarin. Ja, Sie können mir einen großen Gefallen thun.

Baron. Wollten Dieselben in der pneumatischen Maschine eine Katze den Geist aufgeben, oder mit der elektrischen Nadel den Donner ableiten sehn?

Mandarin. Nein, das führte mich nicht her.

Baron. Wollten Dieselben einiger Ballen roher Seide, einiges alten Porzellan los werden, und sie nach Europa schicken? Es ist hohe Zeit, Eure Excellenz; ich möchte es rathen. Sie werden bald im Preise fallen, seit dem erfahrne Chimisten dieses Geheimniß entdecket haben.

Mandarin. Das kümmert mich gar nicht.

Baron. Wollten Sie etwa zur Beichte gehn, und auf die Fürbitte des heiligen Ignazius von Lojola, des seligen Franziskus Regis, des großen heiligen Franziskus von Gonzaga, der sich eine feuchte Leinwand auf die Brust legte, damit ihm von der Liebe Gottes sein Herz nicht in Flammen gerieth, Verzeihung Ihrer Sünden erhalten?

Mandarin. Ei mein! Von all dem will ich nichts. Sie sollen mich bloß nur lehren,

was für eines Geheimnisses Sie in den andern Ländern sich bedienen, wenn Sie die — — — — haben.

Baron. Ach! ach! Eure Excellenz — Wir! — Die? — — — Pfuy doch! —

Mandarin. Meiner Treue, Eure Hochwürden, ich habe sie, ich, — wie ich mit Ihnen rede. Nichts desto weniger habe ich alle meine Prüfungen mit Ehren bestanden. Ich ward bei dem grossen Konkurse im ersten Jahre der Regierung Fontchins aufgenommen. Ich führe den Pinsel so gut als Einer im Kaiserthume: der Schönheit meiner Schrift bin ich meine Stelle schuldig, und doch habe ich die — — — — Warum sollten nicht auch sie sie zuweilen haben?

Baron. Aber Eure Excellenz vergessen, was für ein Kleid ich zu tragen die Ehre habe. Man hat uns wohl in einigen Orten

vorgeworfen, daß wir dem Menschen viele Uibel zufügen; aber eines zu vertrauten Umganges mit den Frauenzimmern hat man uns nie geziehen.

Mandarin. Bei, meiner Seele! desto besser für sie! Daß ich nicht auch immer so klug war! So fände ich mich nicht in der Verlegenheit, die mir itzt die Ehre Ihrer Gegenwart verschaffet. Auf dem letzten Schiffe, das Ihnen Purpurtücher, Rosenkränze, Uhren, und Orgeln brachte, fand sich ein sehr schönes Frauenzimmer. Haben Sie nicht von ihr reden gehört?

Baron. Kein Wort. Wir kümmern uns um so Neuigkeiten nicht. Es maskirt sich der Teufel, Eure Excellenz, in dergleichen Gesichter.

Mandarin. Mag seyn, aber da ist er trefflich verkappt. In dem Augenblicke der

Ausschiffung befand ich mich eben am Borde. Ich sah dieses Frauenzimmer aus der Chalouppe steigen. Sie hatte so ein schön Stümpfnäschen! Ihre Augenlieder schloß sie mit so viel Anmuth! Ihr Mund war so schön gespalten, zog sich so angenehm durchschnitten von einem Ohre zum andern! Und einen Fuß, einen Fuß, Eure Hochwürden! — Mein Daumen hätte ihren ganzen Pantoffel ausgefüllt. Ich zweifle, ob man vom Flusse der Unmöglichkeit an, bis zum Flusse der Vergessenheit, je etwas schöners gesehen habe.

Baron. Dennoch geht der Raum zwischen diesen beiden Flüssen ziemlich in die Länge.

Mandarin. Macht nichts. Wie ich diesen kleinen Fuß sah, bewunderte ich die Oekonomie der Natur. Welche Wonnen, sagte ich bei mir selbst, wenn an allen

Theilen die Verhältnisse genau beobachtet sind!

Ich wurde bald gewahr, daß die Natur dem Falle unterworfen sey, sich zu vergessen, und ich wollte wünschen, ich hätte außer über diesen Punkt, keine Erfahrung gemacht. Die schöne Fremde wurde von einem Bootsknechte gehohnneckt. So bald sie wußte, ich sey der Gouverneur, bath sie mich um Rache. Ich schlug ihr Bedingnisse vor; sie nahm sie an. Ich ließ den Bootsknecht abstrafen. Ich hielt mich für den glücklichsten Menschen. Der arme Teufel hatte die P — — —, und ich, geistlicher Vater, ich bekam noch viel was ärgers.

Baron. Gott straft Eure Excellenz. Er will nicht, daß man sich gegen das Weibsvolk zu gefällig erzeige. Er hat gesagt: Non moechaberis, und Sie leiden billig — —

Mandarin. Ich weis nicht, geistlicher Herr, ob es Gott ist, der mich krank gemacht hat; aber das seh ich wohl, daß Menschen mich gesund machen müssen. Unsere Aerzte wollen mich nicht annehmen; man sagt, Sie seyn sehr geschickt; Sind Sie es bis auf den Grad, daß Sie mir ein Mittel hierinn verrathen können? Ich nehme Ihnen sechs und dreißig Dutzend Rosenkränze ab, und gebe Ihnen hundert Pfunde Thee Peko, der noch nicht gesotten worden seyn soll.

Baron. Gut, wollen sehn. Ob wir gleich den Krankheiten wenig unterworfen sind, so haben wir doch immer allerhand Mittel bei uns, so, wie eine Menge anderer Dinge, die wir für uns nicht brauchen, sondern nur andern zukommen lassen. Hier kommts nur darauf an, daß wir eine Heilungsart wählen.

Mandarin. Mir scheint aber, es wäre die bekannteste, und beste anzunehmen.

Baron. Das ist bald gesagt; aber halten Sie die Wahl für eben so leicht! Von allen Arten, die ich kenne, ist keine einzige, die nicht durch große Namen, durch starke Beispiele, und durch schöne Schlüsse unterstützt, und bestritten wäre.

Mandarin. Die Namen, und Schlüsse sind nichts. Man muß sich nur an die Beispiele halten.

Baron. Ja in China. Aber es giebt Länder, wo man ganz anders denkt. Wenn etwas nur halbwegs nützlich scheint, so fragt man sogleich, von wenn das herrühre. Daraus zieht man denn in der Folge durch eine Kette von Schlüssen den Beweis, daß es böse sey; Und giebt man dessen Güte zu, so geschieht es immer so spät, als möglich.

— Nun, nach welcher Art wollen Sie sich behandeln lassen? Durch Frikzionen?

Mandarin. Was verstehn Sie dadurch?

Baron. Ich nehme ein wenig von jener Salbe, die man das Neapolitanum nennt. Sie besteht aus Fette, und Merkurius. Damit reibe ich Ihnen alle Tage einen gewissen Theil des Leibes. Nach vierzig Tagen werden sie sich mit einer ölichten Rinde überzogen finden, von der Ferse an bis über die Achsel, und vom Schulterbeine bis an die Fingerspitzen. Sie werden fett, stinkend, sich selbst unerträglich seyn.

Mandarin. Aber doch endlich genesen?

Baron. Man darf es hoffen.

Mandarin. Ist keine Inkonvenienz dabei zu fürchten?

Baron. Sie vergeben. Ihr Kopf wird ungeheuer anschwellen; ihre Zähne werden locker werden, und vielleicht ausfallen. Ihr Zahnfleisch und die Gurgel werden voll Geschwäre seyn. Sie werden eine schreckliche Menge Speichel von sich geben. Sie können dabei um ein Aug, um einen Arm, um ein Bein, oder um das Zäpflein[7)] kommen, wie der höchstheilige König F — — E — — glorreichen Andenkens, und viele andere, die, bei weniger Ruhm, kein besseres Glück genossen.

Mandarin. Lieber Pater! Ich bedanke mich für die Frikzionen.

Baron. Man könnte sie mäßigen, und sie ihnen nur verlöschend beibringen. Man müßte Sie immer frottiren, aber sparsamer. Sie müßten mir manchmal Milch nehmen, um die Wirkung des Merkurs, wenn sie zu stark wäre, aufzuhalten. Sie werden weniger, spucken, weniger geschwellen, weniger stinken. Dieß ist bequemer.

Mandarin. In eine Gefahr dabei?

Baron. Die größte wäre, daß Sie nicht gesund würden.

Mandarin. Oh! oh!

Baron. Ohne Widerspruch. Je sanfter die Arztnei seyn wird, desto weniger wird sie wirken. Die wohlthätigen Kügelchen werden in die vom Gifte schwangern Theile nicht so tief eindringen können. Dieses darf nur ein wenig überflüssig seyn, so

wird genug davon zurücke bleiben, um Sie bald noch ärger zuzurichten, als Sie es sind. Fünf oder sechs Jahre nach einigen leichten Tagen werden Sie sich neuerdings krank befinden, wie ein sehr geschickter Professor der Beredtsamkeit an der Universität zu Paris sich irgendwo ausdrückt.

Mandarin. Das ist traurig! Ach, mein Freund! wer hätte dieß bei dem Anblicke eines so kleinen Fusses gesagt?

Baron. Reden Sie von ihm nichts Böses: nicht er wars, der Sie verwundet hat. — Uibrigens verzweifeln sie nicht. Sie könnten auch versuchen, sich zu räuchern.

Mandarin. Wie geschieht dieß?

Baron. Sie müßten sich ganz nackt in eine Schachtel von Tannenholz setzen, die wohl verschlossen würde, und wo Ihnen nur

der Kopf heraus stünde. Unter das Gesäß würde Ihnen eine Glutpfanne mit lebendigen Kohlen und Merkurius darauf gesetzt. Diese durch das Feuer volatilisirte, und durch die Maschine, und einen sie überdeckenden großen Mantel rund um Sie zurückgehaltene Flüssigkeit würde Ihnen nach und nach in die Poros eindringen. Sie würden sehr schwitzen, und vielleicht würden Sie sich endlich geheilet finden. Man weis Leute, denen diese Methode zu Statten kam.

Mandarin. Mir behagt sie nicht. — — Aber es ist doch sonderbar: Sie sind so ein geschickter Mann, und alle Ihre Geheimnisse laufen darauf hinaus, Einem den Kopf geschwollen zu machen, oder nur eine ungewisse Genesung zu verschaffen, oder eine Glutpfanne unter den Arsch zu setzen.

Baron. Halten Sie, ich bin noch nicht fertig. Man könnte Ihnen Panaces, und

verschiedene Mineralien brauchen; man könnte Ihnen einen aufgelösten Merkur, oder Gold- und Silbertinkturen geben. Dieß alles habe ich nicht: aber unser Bruder Apotheker wird Ihnen die Sache machen, wenn Sie wollen.

Mandarin. Ei zum Plunder lassen Sie das, was man thun könnte, bei Seite, und sagen Sie mir, was ich thun soll.

Baron. Wollen Sie sich mir vertrauen? Sie sehen dieses kleine rothe Schächtelchen; an Ihrer Stelle würde ich mich an dieses halten.

Mandarin. Es sind eine Menge graue Kügelchen darinnen. Wie heißen Sie die?

Baron. In Europa nennt man sie Kaiserpillen. Herr Kaiser ist ein deutscher Praktikus, und mein Landsmann, der eine ganz

neue Komposition gegen die Krankheit, über die Sie sich beklagen, erfunden hat. Glauben Sie mir, und brauchen Sie sein Rezept. Ich will Ihnen dazu die Anleitung geben, und Sie werden sicher genesen.

Mandarin. Sind Sie dessen auch gewiß?

Baron. So gewiß, daß ich die hundert Pfunde Thee nur erst nach Ihrer Herstellung verlange.

Mandarin. Ich verlasse mich auf Ihr Wort. Ich will mich an die rothen Schächtelchen halten. Wohlan, ich will meine Kur auf der Stelle anfangen. Sie haben von meiner Erkenntlichkeit Alles zu erwarten.