POMPILIA COMPARINI

Der Abbate Paolo Franceschini aus Arezzo war wohl von edler Herkunft, aber nur sehr wenig mit Glücksgütern gesegnet. Doch besaß er genügend Geist, sein Glück zu versuchen, und begab sich nach Rom, wo er vom Kardinal Lauria als Sekretär bestellt wurde. Er gewann bald die Gunst des wegen seiner Gelehrsamkeit im heiligen Kollegium sehr geschätzten Kardinals, und ausgerüstet mit dieser Gunst wollte Paolo sein Glück und Ansehn damit fördern, daß er seinem Bruder eine reiche Frau verschaffe.

423Der Bruder Guido war schon ein älterer Mann, von wenig gewinnendem Äußern und geringer Begabung. Er war Sekretär beim Kardinal Nerli gewesen, hatte die Stelle aber verloren, was für die Heiratspläne des Abbate nicht günstig war. Aber er hoffte, die Mängel seines Bruders durch die Vorzüge seiner eignen Person zu ersetzen. Nach mancher Umschau richtete er seine Absicht auf Francesca Pompilia, die einzige Tochter des Pietro Comparini und seiner Gattin Violante, die eine Erbschaft von zwölftausend Skudi zu erwarten hatte. Um so leichter erschien ihm diese Heirat fertig zu bekommen, als die Familie Comparini der seinen nicht ebenbürtig war.

Er bediente sich als Vermittlerin einer Haarkräuslerin, die im Hause der Comparini arbeitete und dort vertraulich war. Er versprach ihr für ihre Vermittlung eine Belohnung von fünfzig Goldgulden, und die Frau machte sich gleich ans Werk. Sie redete mit Violante, die ihr versprach, mit ihrem Manne zu reden. Denn der Nießbrauch jener Erbschaft blieb der Familie nur für den Fall, daß direkte Nachkommen vorhanden waren. Der alte Comparini erklärte sich nicht abgeneigt, wenn es mit dem Besitze der Franceschini so stimme, wie sie ihm gesagt hätten.

Paolo drang auf Eile; er fürchtete, die Sache könnte ihm entgehen. Er ließ vom Kardinal Lauria den Ehevertrag aufsetzen, was dieser Mann aus Gefälligkeit gegen den von ihm geschätzten Abbate tat. Inzwischen hatte sich Comparini aber anderweitig über die Vermögensumstände der Franceschini erkundigt und die Auskünfte lauteten sehr verschieden von denen des Abbate und dessen Gewährsmänner. Es kam dadurch zu heftigen Auftritten zwischen Mann und Frau, die durchaus auf 424der Heirat bestand und sagte, daß dies nur Machenschaften von Neidern des Glückes ihrer Tochter wären. Aber der Gatte blieb um so kühler, je mehr die Frau in Hitze kam und sagte, er wolle durch die Verheiratung ja nichts gewinnen, aber auch nichts verlieren. Aber Pietro hatte innerlich längst seinem Weibe, das er zärtlich liebte, nachgegeben, denn er tat ihr immer jeden Willen. Violante aber fürchtete, er könne es schließlich doch noch durch gute Ratschläge von Freunden bereuen, und so beschloß sie, die Hochzeit ohne Wissen ihres Mannes statthaben zu lassen. Die Tochter, immer folgsam dem was die Mutter verlangte, war einverstanden. Man verabredete sich mit Guido, und frühmorgens wurden sie in der Kirche San Lorenzo getraut. Pietro war sehr aufgebracht, als er davon hörte. Doch war an der Sache nichts mehr zu ändern, und er richtete die Hochzeit in seinem Hause, gab seiner Tochter eine Mitgift von fünfundzwanzig päpstlichen Anleihescheinen und machte sie zu seiner Erbin.

Schon am Hochzeitstage war es zwischen dem Alten und den Brüdern zum Streit gekommen über die Vorteile, die den beiden Familien aus dieser Heirat erwüchsen, und man war übereingekommen, daß die Comparinis nach Arezzo übersiedeln und im Hause der Franceschini den Rest ihres Lebens verbringen sollten. Comparini überließ seinem Schwiegersohne auch die Verwaltung seines ganzen Besitztumes.

In Arezzo wurden die alten Comparini von den alten Franceschini und deren Sippschaft mit großer Liebenswürdigkeit empfangen, wie dies Brauch ist. Aber bald kam es zu Streitigkeiten und schließlich zu offnem Bruch. Guidos Mutter war eine anmaßende und geizige Frau, herrisch schaltend in ihrem Hause. Auf des alten 425Comparini Vorhaltungen antwortete Guido erst wegwerfend, dann drohend, was Violante in Wut brachte, die an Hochmut der alten Franceschini nichts nachgab. Sie begann Pietro zu quälen und fluchte dem Tag, der sie nach Arezzo gebracht habe und gab ihm alle Schuld, die sie selber hatte. Pietro, von Weibertränen eingenommen, fiel es nicht ein, seinem Weibe zu sagen, daß diese Ehe gegen sein Wissen und Wollen geschlossen worden wäre; er bat sie vielmehr zärtlich, doch die kleinen Unannehmlichkeiten hinzunehmen und abzuwarten, daß die Franceschini ihr Unrecht einsehen.

Da starb der Kardinal Lauria, und Paolo wurde römischer Sekretär des Malteserordens; dadurch stieg sein Hochmut über alle Begriffe. Violante, selber zu herrschen gewohnt, wollte es nicht länger ertragen und bestürmte ihren Mann, nach Rom zurückzukehren. Die Franceschinis gaben ihnen für die Reisekosten noch eine Summe Geldes.

Alsbald in Rom setzte Pietro zu allgemeinem Staunen eine gerichtliche Denkschrift auf, worin er nachwies, daß Francesca Pompilia gar nicht seine leibliche Tochter sei, und er daher gar nicht verpflichtet war, die Mitgift auszuzahlen. Violante habe sich schwanger gestellt und ein von einer Hebamme für hundertfünfzig Skudi gekauftes Kind untergeschoben zu dem Zweck, ihrer Familie die Nutznießung der fünfundzwanzig Stück päpstlicher Anleihe zu erhalten. Sie hätte diese Täuschung sehr geschickt ins Werk gesetzt.

Diese Denkschrift Pietros wurde bald stadtbekannt und erregte mehr Unwillen als Erstaunen, denn man sagte sich, daß die Franceschini von diesem Schriftstück sehr beleidigt werden müßten. Die Franceschini überlegten, daß man, wenn Pompilia kein eheliches Kind 426sei, die Ehe nichtig erklären und so den guten Ruf der Familie wieder herstellen könne. Die Rechtskundigen, die sie darüber befragten, waren aber verschiedener Meinung und so trauten sich die Franceschini nicht an einen so zweifelhaften Prozeß. Was sie erreichten, war die Anerkennung von Pompilias ehelicher Geburt und damit die rechtsgültige Erbschaft der Anleihescheine. Dagegen appellierte Pietro beim päpstlichen Gericht und erreichte, daß die Franceschini wohl nur die Ausgaben jener Übertragung, nicht aber die Nutznießung des Fideikommisses zugesprochen bekamen.

Aller Haß der Franceschini wandte sich auf die unglückliche Pompilia, die in Arezzo zurückgeblieben war. Von den eigenen Eltern als Kind verleugnet, wurde sie von ihrem Gatten täglich mit dem Tode bedroht. Die sechzehnjährige Pompilia ertrug alle Grausamkeit, wie sie vermochte; als sie aber keinen Ausweg mehr sah, wandte sie sich an den Statthalter von Arezzo, aber ohne Erfolg. Nun warf sie sich dem Bischof zu Füßen, und dieser ließ den Guido rufen und mahnte ihn zu Versöhnlichkeit. Aber diese öffentliche Beschwerde brachte ihn ganz außer sich, und er drohte seinem Weibe, es zu töten, wenn sie es nochmals wagen sollte, sich zu beklagen. Da es aber in nichts besser wurde, wandte sich Pompilia an einen Schwager ihres Mannes, den Canonicus Conti, der ihren Jammer kannte, und bat ihn, ihr das Leben zu retten. Der Canonicus sah das Heil nur in der Flucht aus dem Hause; da er sich aber nicht die Feindschaft seiner Sippe aufladen wollte, empfahl er Pompilia, sich an den Canonicus Caponzachi zu wenden, einen Freund und entfernten Verwandten der Franceschini, einen rechtschaffenen und erprobten Mann. Dieser hatte nun erst Bedenken, eine Frau ihrem Manne 427zu entführen, wenn auch nur zu ihren Eltern, aber schließlich gewann ihn doch das Mitleid und er versprach seine Hilfe. Als diese nicht rasch genug kam, schrieb Pompilia an ihn, leidenschaftlich und schmeichelnd, doch nie derartiges, daß man daraus eine Verletzung ihres ehelichen Treugelöbnisses hätte lesen können, wie die erhaltenen Briefe zeigen. In einem dieser Briefe lobt sie des Caponzachis Bescheidenheit, in einem andern beschwert sie sich über einige frivole Gedichte, die er ihr geschickt habe und bittet ihn, ihr seinen Edelmut rein zu erhalten.

Am verabredeten Tage der Flucht bestiegen der Canonicus und Pompilia den Reisewagen und erreichten in raschester Fahrt am frühen Morgen des andern Tags Castelnuovo; da hier der Wirt ihnen nur ein Bett bieten konnte, verbrachte Pompilia die Rast auf einem Lehnstuhl, während der Canonicus im Stall zum Kutscher ging.

Kurz nach der Flucht entdeckte Guido das leere Bett und den offenen Schrank, in dem eine darin verwahrte Geldsumme fehlte. Zu Pferde eilte er den Flüchtigen auf der Straße nach Rom nach. Er traf eine Stunde nach ihrer Ankunft in jener Herberge ein, stieß auf Caponzachi, der ihn einen Schurken und Tyrannen nannte. Guido war sehr überrascht, den Canonicus bei seiner Frau zu treffen, und er verlor allen Mut so sehr, daß er wieder nach Hause ritt. Hier angekommen verklagte er seine Frau wegen Flucht und Ehebruch, womit er seine Mitgift gewonnen zu haben glaubte. Sein Bruder, der Abbate Paolo, erhob Beschwerde beim Papste Innozenz XII. und beim Gouverneur von Rom, dieser möge den Canonicus Caponzachi als Entführer und Ehebrecher erklären und seinem Bruder die Mitgift zusprechen.

428Der mit aller Strenge geführte Prozeß ergab aber nichts gegen das Paar, außer dem Briefwechsel vor der Flucht, diese selber und die Aussage des Kutschers, der erklärte, er hätte beim Umsehen des öftern die beiden Wange an Wange liegend im Wagen gesehen. Aber es möchte dessen Ursache die schlechte Straße gewesen sein. Endlich verfügte das Gericht die Verbannung des Canonicus für Jahre nach Civitavechia wegen Begünstigung der Flucht, wenn auch in guter Absicht. Pompilia wurde mit Zustimmung der Franceschinis in loco carceris nach dem Kloster delle Scalette an der Lungara gebracht, wo Guido ihren Unterhalt zu bestreiten hatte. Da sie aber ihrer Schwangerschaft wegen nicht länger an diesem Orte bleiben konnte, verfügte der Gouverneur ihre Übersiedlung in das elterliche Haus, womit auch der Unterhalt durch den Gatten sein Ende fand.

Des Geredes über diese Sache war in Rom so viel, daß der Abbate Paolo seine Stelle beim Malteserorden verlor. Worauf er sich entschloß, Rom zu verlassen und in ein Land zu gehen, wohin kein Gerücht von der Unehre, die ihn betroffen, gedrungen sein konnte. Er hinterließ Guido die Pflicht, die Ehre des Hauses wieder herzustellen.

Pompilia gebar einen Sohn, der den Namen Moschio erhielt und von den Comparinis zur Pflege außer Haus gegeben wurde. Alle Welt hoffte, Guido würde nun zur Besinnung kommen und sich mit seinem Weibe versöhnen; aber Guido hatte ganz andere Gedanken: er wollte seine Ehre mit dem Blute aller Contarinis reinwaschen.

Einem Feldarbeiter, einem Menschen niedern Wandels, vertraute er seine Schmach und seinen Racheplan 429an, und der Mensch erbot sich, mit Hilfe von vier, fünf sichern Leuten den Racheplan auszuführen. Zu fünft begaben sie sich verkleidet nach Rom und klopften des Nachts um zwei bei den Comparinis an. Einer rief, er habe einen Brief Caponzachis zu bestellen, aber die Frauen hatten Angst und rieten Pietro, nicht zu öffnen. Der aber, auf den Brief neugierig, öffnete die Tür und Guido stürzte mit zweien seiner Leute herein, während die andern zwei draußen Wache standen. Er stieß dem Alten das Messer in den Leib, so daß er ohne einen Laut hinfiel und starb. Hierauf ermorderte er Violante und die unglückliche Pompilia mit vielen Messerstichen und Fußtritten. Einem seiner Leute befahl er, nachzusehen, ob die Frauen tot seien; der zog sie an den Haaren hoch, ließ sie hinfallen und sagte, sie seien tot. Er zahlte ihnen dann den Lohn aus und wollte sich von ihnen trennen; dies aber ließen die vier Gesellen nicht zu, aus Angst, und so gingen sie alle miteinander zu Fuß die Straße nach Arezzo zu.

Guido und Violante waren tot, aber Pompilia lebte noch, trotzdem sie die meisten Messerstiche bekommen hatte. Nun rief sie um Hilfe, so daß die Nachbarn herbeieilten. Mit großer Standhaftigkeit ertrug sie ihre schwere Verwundung, beklagte auch nicht ihren Gatten, sondern bat den Himmel, daß er ihm seine Tat vergebe, und starb eines seligen Todes, bis zuletzt ihre Unschuld beteuernd.

In einer Hütte nahe Rom wurden die Mörder aufgegriffen. Guido gestand erst beim Anblick der Folter, rechtfertigte seine Tat aber als seiner Ehre wegen getan. Seine Mitschuldigen wurden an den Galgen geknüpft; er selber wurde geköpft.

430KÖNIGIN CHRISTINE

Die Königin Christine hatte Jahre in Rom gelebt und entschloß sich, einer Einladung Ludwigs XIV. zu folgen und nach Frankreich zu reisen. Mit einem großen Gefolge von Kavalieren und Pagen verließ sie Rom. Der König hatte für seinen erlauchten Gast einen prunkvollen Palast richten lassen und dem Gefolge ein Kavalierhaus angewiesen. In diesem Gefolge befanden sich zwei Herren, die sie mit ihrer besonderen Gunst auszeichnete; Tag und Nacht waren der Marchese Monaldeschi und der Marchese Santinelli um sie, der erste ein witziger Poet in der modischen Art der Marini, der den königlichen Hof zum großen Ergötzen seiner Herrin in scharfen Satiren durchhechelte. Dies führte dazu, daß ihn die Königin zu ihrem geheimen Vertrauten machte. Darüber fühlte sich Santinelli zurückgesetzt, wenn auch die Königin alles tat, ihn huldvoll zu behandeln. Monaldeschi merkte die Eifersucht seines Nebenbuhlers um die Gunst und wollte sich diese allein erhalten; also ließ er am Hofe Briefe mit verstellter Hand verbreiten, in denen sehr vertrauliche Mitteilungen der Königin an Santinelli und was sie miteinander taten, auf das respektloseste erzählt wurden. Diese Briefe kamen auch in Santinellis Hände, und er erkannte die verstellte Handschrift. Er beschloß die Vernichtung seines Gegners. Er brachte, mit der Königin einmal im Garten lustwandelnd, das Gespräch auf jene Briefe, über die man sich bei Hofe sehr skandalisierte. Die Königin verlangte die Briefe zu lesen; doch schwieg sie dazu und bat Santinelli nun, nicht weiter darüber zu sprechen. Ein neuer Brief, in anderer Hand, aber gleichem Stile, teilte weiteres von den Beziehungen der 431Königin zu Santinelli mit. Die Königin wollte nun die verdiente Strafe für den Briefschreiber nicht länger hinausschieben, aber sie lebte in Frankreich, wo die Gesetze jede Gewalttat strenge ahnden. Die Gesetze waren erst vor kurzem vom Kardinal Richelieu erlassen worden, um den zahlreichen Bluttaten zu steuern. Der König hatte ihre geringste Verletzung mit dem Tode bestraft, auch wenn es Mitglieder seines Hauses waren, die sich solches zuschulden kommen ließen. Durch eine Ermordung des Monaldeschi hatte die Königin den Zorn des Königs zu fürchten; doch war ihre Ehre allzu sehr beleidigt und solches allgemein bekannt geworden.

Eines Tages legte die Königin dem Monaldeschi einen mit verstellter Hand geschriebenen Brief vor, er möge ihn lesen.

„Wer ihn wohl geschrieben haben mag,“ sagte sie, „ich kenne die Handschrift nicht.“

Und als Monaldeschi schwieg, sagte sie: „Welche Strafe verdient wohl der Schreiber solcher Böswilligkeiten?“

„Sicher den Tod,“ sagte der Marchese, „den Tod, den ihm Eure Majestät wählen.“

„Den Tod, meint Ihr? Ich werde mich Eures Urteils erinnern. Denkt daran.“

Die Furcht, in die Monaldeschi nach dieser Unterredung geriet, ließ ihn zu Santinelli gehen, von dem er wußte, daß er einige ähnliche Schreiben verwahre; er wollte von ihm erfahren, ob die Königin auf ihn einen Verdacht geworfen habe. Doch Santinelli beruhigte ihn derart, daß Monaldeschi ahnungslos in den Tod ging.

Die Königin ließ eines Tages einen Edelmann ihrer Leibwache kommen und gab ihm den Auftrag, am 432nächsten Morgen in einem entlegenen Zimmer den Marchese Monaldeschi heimlich und ohne Lärm mit einem Degenstoß ins Herz beiseite zu schaffen. Auch einen Mönch ließ sie sich bereithalten, den Marchese auf sein Ende vorzubereiten. Der Mönch bat die Königin, ihm solchen schweren Auftrag zu erlassen, da ihm sonst die Ungnade des Königs sicher sei. Doch sie gab ihm ihr Wort, daß er nichts zu befürchten habe, und versprach ihm eine Belohnung.

Andern Morgens ließ sie Monaldeschi in den Garten rufen; sie zeigte ihm wieder einen Brief und neben diesen hielt sie seine Handschrift: er konnte nicht mehr leugnen. Er fiel der Königin zu Füßen und bat um Gnade. Die Königin sagte: „Was Euer Seelenheil anbetrifft, so habe ich Euch der Huld Gottes empfohlen; was mich betrifft, so verzeih ich Euch. Ihr habt in Eurer Sache selbst gerichtet. Euer Urteil soll vollstreckt werden.“ Damit verließ sie ihn. Zwei Leute hielten den Marchese fest, der ihr nachspringen wollte, und führten ihn in ein abgelegenes Gartenzimmer, wo er, wie sie ihm sagten, gefangen bleiben sollte. Da traf er den Mönch, der ihm auf Befehl der Königin das Urteil verkündete.

Auf Ansuchen des Marchese begab sich der Mönch zur Königin und bat um das Leben; aber die rachsüchtige Frau bestand auf seinem sofortigen Tode. So bat der Mönch den Marchese, sich zum Tode vorzubereiten und seine Sünden zu beichten, zumal die Henker schon warteten. Aber der Marchese verweigerte die Beichte, in ungeheurer Wut durch das Gemach stampfend. Da überfielen ihn jene beiden; und der eine stach nach ihm mit dem Degen; doch glitt er am Wamse ab. Ein zweiter Stich, den er abwehren wollte, durchbohrte 433ihm die Hand und verletzte ihn am Kopfe. Jetzt erst, aus zwei Wunden blutend, verlangte er zu beichten, was die beiden Mörder nur auf Bitten des Mönchs gewährten, der nicht mehr wußte, in welcher Welt er lebte. Nach der Absolution wollte Monaldeschi sein Wams ablegen, um einem Stoß ins Herz freien Weg zu geben; aber als er sein Kleid auszog, drangen ihm zwei Degen durch den Hals, daß er aufstöhnend verschied. ‚Herr Jesus‘ war sein letztes Wort. Den Leichnam schnürte man in eine Decke und vergrub ihn gar kläglich neben einer nahen Kirche, rasch, damit man von dem Tode nichts erführe. Aber es kam doch dem König zu Ohren, der genaues wissen wollte. Er war nah daran, die Königin aus dem Reiche zu verweisen. Er ließ den toten Marchese ausgraben und mit allem Pomp beisetzen, auf daß jeder von der grausamen Tat der blutdürstigen Frau erfahre. Hatte der König vor jener Tat die Königin mit seinem Besuche beehrt, so brach er nun jeden Verkehr mit ihr ab; worin sie eine Beleidigung sah und abreisen wollte. Sie wollte das, um ihre Mißachtung gegen den König damit auszudrücken, ohne jede Förmlichkeit tun; aber der König, der den Tag ihrer Abreise erfahren hatte, besuchte sie und verabschiedete sich kurz von ihr. Soldaten eskortierten sie ein paar Meilen weit; es sah wie eine Ehrung aus, aber es geschah zu ihrer Bestrafung, denn die Soldaten begleiteten sie wie eine Gefangene.

435ZWEI ROMAN-ENTWÜRFE

436ÜBERTRAGEN VON FRANZ BLEI

437I.

AN-IMAGINATION

Der leidenschaftliche Mensch, der junge Jean-Jacques haftet sich an die Weisungen seiner Einbildungskraft, Robert tut nur, was er unmittelbar wahrnimmt. Der Verfasser dachte öfters daran, einen jungen Menschen zu gestalten, der aus der Welt einer bestimmten Epoche, z.B. der Welt von 1811, zu Glück und Ruhm aufsteigt, 1811: Cambacèrés, der Staatsrat, der Kaiserliche Hof in den Tuilerien etc.

Der Verfasser wollte vor zehn Jahren einen zärtlichen und anständigen jungen Mann gestalten, und er machte ihn ehrgeizig, aber doch voller Imaginationen und Illusion: Julien Sorel.

Er möchte nun diesen Robert völlig frei von jeder Imagination gestalten außer dieser einen, die dazu dient, alle die nötigen Schliche zu erfinden, um zu Reichtum zu gelangen; aber Robert gibt sich keineswegs dem müßigen Vergnügen hin, sich den Reichtum und dessen Genüsse vorzustellen. Erfahrung hat ihm schon beigebracht, daß sich derlei müßige Träumereien niemals realisieren. Alors comme alors ist sein Wahlspruch.

Küßt er die schönste Frau, so sieht er nur, was auch der ausgedörrteste Jockey nicht zu leugnen wüßte, nämlich Schönheit und Wert ihrer Ohrgehänge. Indem 438Robert seiner Einbildung nicht das geringste Vergnügen verdankt, schenkt er der Bequemlichkeit seines Fauteuil größte Aufmerksamkeit, der Qualität seines Diners, dem Komfortablen seiner Wohnung etc. etc.

Robert ist, was das Herz anlangt, mit vierzehn Jahren ein vollendeter kleiner Lump. Er stiehlt Bonbons aus den Auslagen der kleinen Händler, gemeinsam mit seinem sechzehnjährigen Kameraden Carière. Dieser Carière hat keinerlei freundschaftliche Gefühle für Robert, erhofft sich aber von dessen Geschicklichkeit Annehmlichkeiten. Der Verfasser erzählt von Carière, dem Bastard einer diebischen Kammerfrau. Carière ist anständig nur eigentlich aus Mangel an Geist; man glaubt, er verspreche was für die Zukunft. Dadurch ist er Robert von Nutzen; Carière zieht sich aus allen Einzelheiten geschickt heraus, hat in der Hauptsache das gleiche Verdienst wie Robert: sein Auge ist nie vom Hauch des Imaginären getrübt.

Er erkennt, was in seinem Interesse liegt, aber er steckt voll kleinem Stolz. Diese Schwäche liefert das Komische der Figur. Auch Robert ist nicht ohne diese selbstgefällige Eitelkeit, aber er verneint sie. Carière liefert das Komische.

Bertrand, höchst simplen Wesens, führt Roberts Befehle aus, ohne sie zu verstehen.

Damit der Robert Effekt mache, muß man ihn handeln sehen.

Daher darf sein Reichtum noch keine Tatsache sein. Man muß ihn sehen, wie er sich diesen Reichtum schafft.

439II.

EINE SOZIALE POSITION

September 1832—Juli 1833.

Ich vermache dieses Manuskript dem Maler Herrn Ab. Constantin, meinem Nachbarn, mit der Bitte, es nicht vor 1880 zu zeigen. Rome, 4. Oktober 1882. H. Beyle. — Es muß hierin mehr Wohlklang als in Le Rouge sein, damit es leichter ins Ohr gehe.

Plan. — Die Herzogin will de Roizard nur als Tröster.

Sie fürchtet nur dieses eine: daß er sie verliebt anblicke.

Später sagt sich Roizard: sie will ganz einfach geliebt sein, und parbleu, ich werde sie nicht lieben.

Sein Erstaunen, als er entdeckt, daß sie Liebe gar nicht will.

Bin ich denn zu alt? fragt er sich. Und da verliebt er sich.

Zunächst Beschreibung der Charaktere; die Charaktere gehen aus den Umständen hervor.

Die Charaktere sehr sauber festhalten: die Ereignisse bloß en masse, die Details nur in dem Maße zulassen, als sie sich einstellen (12. Dezember 1882).

Grund: man denkt nur im Augenblicke des Schreibens selber wirklich und ernsthaft an die Details. Ohne mir das vorher zu sagen, habe ich so in Le Rouge gehandelt. Das Detail strömte mir im Schreiben erst zu.

Statt das Buch mit dem Stumpfsinn der Beschreibung nach der Methode Walter Scotts zu beginnen, könnte man anfangen mit der Charakteranalyse der Herzogin, wie ich diese mir aufschrieb im September 1882. Ich fand am 12. Dezember diese zwei Seiten vortrefflich, 440und hatte sie während der Bataillen von Vidau völlig vergessen.

Nach diesen beiden Seiten die Beschreibung der Rue de Palais, und die Soiree oder den Empfang bei der Herzogin.

Die Herzogin. Madame la Duchesse de Vaussay, über dreißig alt, eine Leidenschaftliche. Fortgerissen von einem Feuertemperament ergab sie sich allen Freuden und Genüssen, hatte aber doch immer die höchste Idee von der Pflicht, nicht eine vernünftige Idee, sondern eine ganz abergläubische, deren Fond sie niemals untersuchte und deren sie sich aus ihrer Leichtigkeit, gerührt zu werden, bemächtigt hatte.

Sie hat, wie man sagt, einige Liebhaber gehabt, und ist das ohne weiteres zu glauben; ihre Seele war Leben und Bewegung; immer war sie von den geschickten Manövern eines Mannes fortgerissen, der Frauen zu haben gewohnt war, oder sie erlag mit blinder Leidenschaft einem wirklich von ihr eingenommenen Manne. Niemals liebte sie als die erste, niemals wollte sie sich hingeben, sondern voller Gewissensqualen über ihren Fall, dem sie ruhigen Blutes nicht ins Gesicht schauen konnte, glaubte sie ihn auslöschen zu können, indem sie dieses Gewissen durch eine völlige Unterwerfung unter den Mann beschwor, der gerade ihr Herr war. In ihrem guten Glauben hielt sie sich noch durch eine befehlende Pflicht gebunden, wenn ihr Verstand ihr schon deutlich sagte, daß der Mann, dem sie ihr Herz bewahrte, längst eine andere anführte.

Roizard. For me. In einem Wort ist Roizard der idealisierte Dominique. Ersichtlich höchst wechselvollen veränderlichen Charakters; ein Wort bringt ihn das eine Mal zu Tränen, das andere Mal macht es ihn ironisch, 441hart, aus Angst, davon weich zu werden und sich hinterher dieser Schwäche wegen zu verachten. Er war von mittlerer Größe und zählte über vierzig Jahre. Seine Züge waren groß, nicht schön, aber höchst beweglich. Seine Augen drückten die geringste Nuance seiner Gefühle aus. Und darüber war sein Stolz verzweifelt. Da er dieses Malheur fürchtete, war er brillant, witzig, voller amüsanter Geschichten, elektrisierte seine Zuhörer und machte das Gähnen im Salon unmöglich. In solchen Augenblicken erregte er Abneigungen wie heftigste Bewunderung seiner Person. Man kann nicht geistvoller sein, sagten seine Bewunderer. Aber die Mittelmäßigen erschreckte die Lebhaftigkeit seines Imprevu. Ohne Emotion war er ohne Geist. Im übrigen war sein Erinnerungsvermögen schwach, oder er mißachtete, es zu Hilfe zu rufen. Dann war sein Wort so diskret wie indiskret der Ausdruck seiner Physiognomie. Daß man erriete, was er fühlte, hätte seinen Stolz zur Verzweiflung gebracht. Das Pompöse — la sostenutezza — im Ausdruck eines Gefühles, Affektation im Ausdruck eines Schmerzes waren ihm fremd und zuwider, so legitim solcher Ausdruck auch sein mochte; in solchen Fällen war Roizard Ironie in Blick und Wort. Seriöses, Pompöses, Trauriges waren nie in seiner Konversation, und nie sprach er von dem einzigen, das ein Recht auf sein Interesse hatte; ein echtes Gefühl oder Heroismus, die sich für das Vaterland opferten.

Wie weit darf der familiäre Ton des Verfassers dieses Romans gehen? Die außerordentliche Familiarität Walter Scotts und Fieldings bereitet sehr gut die Momente des Enthusiasmus vor. Ist der Ton in Le Rouge nicht zu römisch? 4. Oktober 1832.

442ANMERKUNG DES HERAUSGEBERS

In diesem Bande sind die novellistischen Arbeiten Stendhals gesammelt, deren Abfassungszeit nach Le Rouge et le Noir fällt, also in die Zeit von 1830 bis zum Tode des Schriftstellers. Zwei Romanentwürfe, der eine aus dem Jahre 1882, der andere etwa aus dem Jahre 1840, finden in diesem Bande ihren Platz. In der folgenden Bibliographie sind bloß die ersten Drucke angegeben; von einer Aufzählung der oft sehr zahlreichen nachfolgenden Drucke ist abgesehen.

Les Cenci (1599): erster Druck in der Revue des Deux Mondes, 1. juillet 1837, pag. 5-32. Auf eine 1825 in Paris erschienene Broschüre von 87 Seiten: Histoire de la famille Cinci. Ouvrage traduit sur l'original italien trouve dans la Bibliothèque du Vatican, par M. l'Abbé Angelo Maio, son conservateur, hat G. Hanotaux aufmerksam gemacht und hinter dem Verfasser „Angelo Maio“ Stendhal vermutet. Auch eine Relation de la mort de Giacomo et Beatrix Cenci, französisch und italienisch 1828 in den Mélanges der Société des Bibliophiles français veröffentlicht und in der kurzen Vorrede mit ‚Malartic‘ unterzeichnet, dürfte Stendhal zum Verfasser haben. Vgl. G. Vicaire in Manuel de l'Amateur de Livres du XIX. siècle, I, 1894, col. 464-465, und: Gli originali delle Chroniques italiennes, 443con postille autografe inedite: Les Cenci, a cura del dott. Giov. Barburo. Casale, 1912, pag. 27.

Die Fürstin von Campobasso, unter dem Titel: San Francesco a Ripa, zuerst gedruckt in der Revue des Deux Mondes. Juli 1853, pag. 166-179.

La Duchesse de Palliano. Zuerst gedruckt in der Revue des Deux Mondes. August 1838, pag. 535-554.

Vittoria Accoramboni. Zuerst gedruckt in der Revue des Deux Mondes. März 1837, pag. 560-584.

L'Abbesse de Castro. Geschrieben um 1838 und zuerst gedruckt in der Revue des Deux Mondes, Februar 1839, pag. 273-328 und März 1839, pag. 628-653. Die erste Buchausgabe: L'Abbesse de Castro par M. de Stendhal, Auteur de Rouge et Noir, de La Chartreuse de Parme etc. Paris, Dumont, éditeur, Palais-Royal, 88, au Salon litteraire, 1839, in 8°, SS. 329. Der Band enthält außerdem Vittoria Accoramboni, Les Cenci. Von der Äbtissin von Castro, meist vereinigt mit andern Novellen aus dem italienischen Kreise, sind erschienen: fünfzehn französische, drei deutsche Ausgaben, je eine spanische, italienische, schwedische, flämische, tschechische, russische und polnische Ausgabe.

Ein Aufsatz Stendhals über etruskische Gräberfunde Les Tombeaux de Corneto, den man in den französischen Ausgaben meist den Novellen beifügt, findet in unserer Ausgabe seinen richtigen Platz in den Essais.

Suora Scolastica, deren Vorrede vom 21. März 1842 datiert ist — Stendhal erlitt andern Tags einen Schlaganfall und starb am 23. März des Jahres — ist 1837 begonnen, wie sich aus einem Briefe vom 16. März 1837 an die Comtesse de Tracy ergibt, und unvollendet geblieben. Das Fragment wurde zuerst von C. Stryienski in La Chronique de Paris Nr. IV, 25. Februar 1893, 444pag. 195-200, veröffentlicht, die Vorrede in der Revue rétrospective, XVIII, 1. Mai 1898, pag. 289-293. Beides dann in den Soirées du Stendhal Club, Paris 1904, pag. 127-141.

Trop de faveur nuit wurde um 1838 geschrieben und aus der Handschrift zum erstenmal veröffentlicht von F. von Oppeln-Bronikowski in La Revue de Paris, 15. Dezember 1912, pag. 678-696, und 1. Januar 1918, pag. 5-26. Dem Manuskript Stendhals gehen folgende Zeilen von seiner Hand voraus: „‚Zu viel Gunst schadet‘ (aufgegeben am 15. April 1889). Personen: der Fürst, Großherzog und Kardinal; der Graf Buondelmonte; die Äbtissin Virgilia; Felizia, Geliebte Roderigos; Rodelinde, Geliebte Lancelottos, Freundin Felizias; Fabiana, 17 Jahre alt, munter, unbesonnen, Geliebte von X**; Celiana, düstre Geliebte von X**, Freundin Fabianas; Martona, Vertraute der Äbtissin Virgilia; Roderigo L., Geliebter Rodelindens; Lorenzo R., Geliebter Fabianas; sie liebt ihn über alles und hat seinetwegen Don Cesare, Malteserritter, aufgegeben; Pierantonio D., Geliebter Celianas, die nur eine sinnliche Liebe zu ihm fühlt; Livia, adelige Kammerzofe Rodelindens. Trop de faveur nuit, Historie aus dem Jahre 1589. Dies der Titel, den ein spanischer Dichter dieser Geschichte gab, aus der er eine Tragödie machte. Ich werde mich wohl hüten, irgendeine der Ausschmückungen zu gebrauchen, mit deren Hilfe die Phantasie dieses Spaniers versucht hat, diese traurige Schilderung klösterlichen Lebens zu verschönern. Gewiß steigern einige dieser Zutaten das Interesse, aber ich bleibe bei meiner Absicht, die elementaren passionierten Menschen jener Zeit zu zeigen, von denen unsere Zivilisation stammt; darum gebe ich diese Erzählung ganz schmucklos.“ Stendhal 445hat seine Erzählung aus einer Chronik entnommen, wonach sich der Vorfall im Kloster von Bajano bei Neapel zutrug. Der Schluß der Erzählung ist nach Stendhals Aufzeichnungen gegeben.

Le Chevalier de Saint-Ismier. Erstmals nach der Handschrift veröffentlicht von F. von Oppeln-Bronikowski in der Revue Bleue, 7. Dezember 1912, pag. 709-714, und 14. Dezember 1912, pag. 737-740.

Zwei Roman-Entwürfe. Erstmals von C. Stryienski veröffentlicht in den Soirées du Stendhal Club, Paris 1904, pag. 95-100. Der erste Plan — A-Imagination, das A ist alpha privativum — ist gegen 1840 aufgeschrieben, wie sich aus der Julien Sorel erwähnenden Textstelle ergibt. Den zweiten Entwurf hat Stendhal selber datiert. Der in dem Legat angegebene Abraham Constantin war ein Miniaturenmaler auf Porzellan und Kopist alter Meister, dessen Hauptwerke sich im Museum von Turin befinden. Die Duchesse de Vaussey dürfte in Menta ihr Urbild haben. Vgl. Vie de Henri Brulard und einen Brief Mentas in Comment a vécu Stendhal, 1900. Roizard ist Selbstporträt; R. Colomb benützt es in seiner Notice.

Aus italienischen Chroniken. Im Jahre 1833 erstand Stendhal zwölf — nach Oppeln-Bronikowski, Einleitung zu Chroniken 1908, dreizehn — handgeschriebene Foliobände mit zeitgenössischen Berichten aus dem Italien des Seicento, vornehmlich des römischen. Was er damit für Absichten hatte und wie er durch ihre Verwendung der Originator des Renaissancismus wurde, geht aus Briefen an den Freund R. Colomb und den Verleger Calman Levy und aus Tagebuchaufzeichnungen hervor: sie sollten ihm das stoffliche Material zu einer Reihe von Erzählungen liefern, denen er den gemeinsamen 446Titel „Les Bois de Premol“ geben wollte und die sechs Bände umfassen sollten. „Ich habe alles nichts als Historische beiseite gelassen und nur das gesucht, was das menschliche Herz schildert“ und unterm 27. April 1882 an Colomb aus Palermo: „was geht uns heute ein Interdikt gegen Venedig an oder die Geschichte der zahllosen Verträge zwischen Rom und Neapel? Aber es interessiert uns, wie man sich in jener Zeit an einem Nebenbuhler rächte oder eine Frau eroberte. Ich las das Manuskript dieser alten Berichte wie einen Roman.“

Und: „Die Eitelkeit und die öffentliche Meinung waren kaum im Entstehen, und vom Fürsten verliehene Ehren nahm man mitnichten ernst… Manche glauben ja gar, jene Kultur wäre der unsern, auf die wir so stolz sind, gleichwertig. Aber wir haben da ein Plus von zwei hübschen Dingen: die Wohlanständigkeit und die Heuchelei. Unsere heutige Prüderie hat nicht die leiseste Vorstellung von jener Kultur… Aber dafür wären auch alle unsere mumienhaften Tugenden den Zeitgenossen Ariostos und Raffaels höchst lächerlich vorgekommen. Denn man schätzte damals am Manne nur, was er als Person, als er selber war, und es war keine Eigenschaft der Person, so zu sein wie jedermann: die Dummköpfe und Einfaltspinsel hatten da kein Terrain.“ Und: „Das Leben ohne die Dinge, die es glücklich machen, wurde nicht hoch eingeschätzt. Ehe man den beklagte, der es verlor, rechnete man die Summe von Glück aus, die er genossen, und in dieser Rechnung nahmen die Frauen einen weit größeren Raum ein als heutzutage.“ Und: „Diese Sitten haben einen Raffael und Michel Angelo hervorgebracht, die man heute höchst lächerlich durch Kunstakademien hervorbringen will. 447Man vergißt, daß es einer kühnen Seele bedarf, um den Pinsel recht zu führen, und erzielt nichts als arme Teufel, die einem Bureauchef den Hof machen müssen, damit er bei ihnen ein Bild bestelle.“

Einiges aus diesen Handschriften hat Stendhal in die Formen seiner Novellen gebracht; fast wörtlich folgt er seinen Quellen in der Vittoria Accoramboni und den Cenci. Anderes wird Episode, ja dient als Fabel, wie in der Chartreuse de Parme. An der Ausführung seines Planes der weiteren Bände wurde Stendhal durch den Tod verhindert; der Vertrag über neue Chroniques italiennes mit der Revue des Deux Mondes war bereits abgeschlossen und 1500 Franken an Stendhal als Vorzahlung geschickt worden.

Stendhals Schwester Pauline Périer-Lagrange verkaufte durch Mérimées Vermittlung die Manuskriptbände der Quellen an die Bibliothèque nationale: es sind die Codices Italiani 169-179 und 296-297 der Handschriftenabteilung. Zum ersten Male haben gleichzeitig Oppeln-Bronikowski a.a.O. und C. Stryienski im zweiten Bande der Soirées du Stendhal Club, Paris 1908, pag. 214-267, daraus einiges publiziert, der Deutsche sechzehn, der Franzose zwölf gekürzte Stücke. Oppeln-Bronikowski hat außerdem eine genaue Beschreibung der Codices gegeben, die ungeführ fünfzig Geschichten enthalten. Ein kleiner Teil dieser Geschichten ist von Stendhal durchkorrigiert — „ich mache Bleistiftkorrekturen, um nicht beim dritten Lesen die Geduld zu verlieren“, wie er in einer Vorrede schreibt. Unserer Übersetzung dienten als Vorlage: Abschriften nach den Originalen in Paris, Stryienskis Text und für Ariberti und Farnese Stendhals Correspondance. Die ausgewählten Beispiele wären leicht zu vermehren gewesen, 448doch schien dies überflüssig. Das begrifflich und dokumentarisch Neue von 1830 ist durch Burckhardt und Nietzsche und ihnen nachfolgend durch zahlreiche Veröffentlichungen der Dokumente so vertraut geworden, daß ein ausführlicherer Abdruck Stendhalscher Exzerpte obsolet wäre. Aus einem der drei oder vier literar-kritischen Werke von Rang, die in den letzten zwanzig Jahren in Deutschland veröffentlicht wurden, aus F.F. Braungartens ‚Das Werk Conrad Ferdinand Meyers, Renaissance-Empfinden und Stilkunst‘, G. Müller, München 1920, seien hier einige Sätze zitiert: [„]Bei Stendhal ist die Renaissancebegeisterung wesentlich revolutionäre Weltanschauung: Stendhals Renaissancehelden sind die Abenteurer, die Briganti und Condottieri. Cesar Borgia, ‚le représentant de son siècle‘ heißt es bei Stendhal… Er stellt die Renaissance als Ziel des natürlichen und freien Menschen in Gegensatz zu der Knechtschaft und Verlogenheit des ancien régime. Er verherrlicht die Leidenschaft und Aufrichtigkeit der Renaissance als lichte Gegenbilder der Eitelkeit und der Galanterie und des verlogenen Ehrbegriffs des ancien régime, die den Mann im Herrendienst und Frauendienst zum Sklaven macht. Auf diesen von Stendhal festgelegten Grundzügen baut sich das Renaissanceempfinden auf. Auch das erschöpfendste Renaissancebild: die Darstellung Burckhardts hat hier ihre Aufgabe. Stendhal, der immer nur an das XVI. Jahrhundert denkt und von dessen civilisation renaissante spricht, kennt übrigens das Wort Renaissance noch nicht. Stendhal hat die Renaissance als Folie des ancien régime, d.h. des Barocks, geschaut… Das Renaissancebild des Romanciers Stendhal war rein psychologisch. Er hatte bereits 1817 der Renaissancebewunderung das Losungswort 449gegeben: „le seul siècle, qui ait eu à la fois de l'esprit et de l'énergie“.

Stendhal hat einigen seiner Auszüge Bemerkungen vorangestellt; sie sind folgend wiedergegeben:

Zu Kardinal Aldobrandini: „Das wirkliche Herz der italienischen Kurtisane; die Sitten waren zu wild, als daß sie den Kurtisanen eine leichtherzige Güte erlaubt hätten. Mit dieser Geschichte die Sammlung anfangen. Hierauf chronologische Folge. In der Biographie Michaud den Artikel Aldobrandini zu lesen, um über die Lügereien zu lachen. Alles das ist vor der Kopie von mir in den Originalmanuskripten gelesen worden. Augenschmerzen wegen des Staubes.“

Girolamo Biancinfiore: „Art Don Juan oder giftmischender Casanova. Wildes Geschwätz, sehr abzukürzen, macht den Eindruck, als ob es für Kinder erzählt wäre. 24. April 1833.“

Die Brüder Massimi: „Aus Höflichkeit, aus mondäner Klugheit diese Geschichte nach Neapel verlegen. Anfangen mit der Geschichte der Stiefmutter, umgebracht von den vier Brüdern.“

George Picknon: „Unter Ganganelli kam ein Engländer, wie ich glaube, nach Rom, um den Papst zu bekehren. Ganganelli ließ ihm einiges Geld für die Heimreise geben. Ich hätte den Mann zu meinem Amüsement kommen lassen, aber wahrscheinlich hatte der arme Ganganelli, mit den Jesuiten beschäftigt, keine Zeit, sich zu amüsieren.“

Die Farnese: „Bericht voll naiver Wahrheit im römischen Patois. Rom 1834. To make of this sketch a Romanzotto, 16. August 38. Courier hat ganz Recht. Durch eine oder mehrere Huren haben die meisten großen Familien ihr Glück gemacht. Das ist nun ja in 450New York nicht möglich, da gähnt man sich aber auch die Kinnbacken aus. Alessandros idealisierte Porträtbüste von della Porta in Sankt Peter auf seinem Grabmal. Das wahrhafte Porträt Alessandros, der Paul III. wurde, zeigen im höchsten Alter zwei Büsten im Palazzo Farnese, eine davon dem Michel Angelo zugeschrieben. Spaßiger aber seiner würdiger Schmuck auf dem Ornat des Papstes.“

Im ersten Bande von Stendhals Novellen ‚Eine Geldheirat‘ sind folgende Versehen zu korrigieren. S. 371, letzte Zeile, haben die Neuausgaben von Contes bruns zu heißen: Phil. Chasles und Ch. Rabou. Auf S. 372: Le Mari d'argent ist zuerst gedruckt in den Nouvelles Inédites 1855. Die genannte Ausgabe ist der 1902 erschienene Neudruck von den alten Platten. S. 369, Zeile fünf von oben muß es heißen Nouvelles Inédites. Arthur Schurig macht mich auf eine erotische Geschichte aufmerksam, die unediert in Grenoble liegt, die erste schriftstellerische Arbeit des jungen Beyle. Es ist zur Zeit davon keine Abschrift zu erhalten gewesen. Die Heldin der Novelle ‚Mina von W.‘ heißt in Stendhals Handschrift richtig Wrangel. Da die Arbeit unter dem Namen Wangel bekannt wurde, schien es besser, dabei zu bleiben. Zumal auch ein umfangreicher, noch nicht veröffentlichter Roman den Titel ‚Mme de Wrangel‘ trägt und dieser dann zur Unterscheidung von der wesentlich verschiedenen Novelle den richtigen Namen in unserer Ausgabe behalten wird.

Franz Blei

451INHALTSVERZEICHNIS

[Die Fürstin von Campobasso]

[Die Herzogin von Palliano]

[Die Cenci]

[Zu viel Gunst schadet]

[Vittoria Accoramboni]

[Die Äbtissin von Castro]

[Schwester Scolastica]

[Der Chevalier von Saint-Ismier]

[Aus italienischen Chroniken]

[Zwei Roman-Entwürfe]

[Anmerkung des Herausgebers]


452Gedruckt für Georg Müller in München
von Poeschel & Trepte in Leipzig. Gebunden von
H. Pikentscher in Leipzig nach dem Entwurf
von Paul Renner