VII.

Bis dahin ging alles gut, trotz dieses ungeheuren Klosters, das von mehr als dreihundert neugierigen Frauen bewohnt wurde; niemand hatte etwas gesehen, niemand etwas gehört. Aber die Äbtissin hatte dem Arzt einige Hände voll neuer in der Münze Roms geprägter Zechinen übergeben. Der Arzt gab mehrere dieser Goldstücke der Frau des Bäckers. Diese Frau war hübsch und ihr Mann eifersüchtig; er durchstöberte ihren Koffer und fand diese glänzenden Goldstücke darin; und da er sie für den Preis seiner Schande hielt, setzte er seiner Frau ein Messer an die Kehle und zwang sie zu sagen, woher die Goldstücke stammten. Nach einigen Ausflüchten gestand die Frau die Wahrheit und der Friede wurde geschlossen. Die Eheleute begannen nun über die Verwendung einer so großen Summe zu beratschlagen. Die Bäckerin wollte einige Schulden bezahlen; aber der Mann fand es schöner, ein Maultier zu kaufen, 318was auch geschah. Dieses Maultier erregte Aufsehen in dem Viertel, wo man die Armut des Ehepaars kannte. Alle Weiber der Stadt, Freundinnen und Feindinnen fragten eine nach der andern die Frau des Bäckers, wer der freigebige Liebhaber gewesen sei, der sie in Stand gesetzt habe, ein Maultier zu kaufen. Diese Frau wurde dadurch so gereizt, daß sie einige Male die Wahrheit antwortete. Eines Tages, als Cesare del Bene das Kind besucht hatte und zur Äbtissin zurückkehrte, um Bericht zu erstatten, schleppte sich diese, obgleich sie sehr unpäßlich war, bis zum Gitter und machte ihm wegen der Unzuverläßlichkeit der von ihm verwendeten Mittelspersonen Vorwürfe. Der Bischof seinerseits wurde krank vor Angst; er schrieb seinen Brüdern in Mailand, um ihnen die ungerechte Anklage, deren Ziel er war, zu erzählen; auch forderte er sie auf, ihm zu Hilfe zu kommen. Obwohl er sich schwer leidend fühlte, faßte er den Entschluß, Castro zu verlassen; aber bevor er es tat, schrieb er der Äbtissin:

„Ihr wißt bereits, daß alles, was vorgefallen ist, bekannt wurde. Wenn Euch deshalb daran liegt, nicht allein meinen Ruf, sondern vielleicht mein Leben zu retten, und um den Skandal zu verkleinern, könnt Ihr Giovanni Battista Doleri beschuldigen, der vor zwei Tagen gestorben ist. Wenn Ihr auf diese Weise auch nicht Eure Ehre wiederherstellen könnt, so läuft wenigstens die meine keine Gefahr mehr.“

Der Bischof ließ Don Luigi, den Beichtvater des Klosters von Castro, rufen:

„Gebt dies eigenhändig der Frau Äbtissin“, sagte er zu ihm.

Als diese das ehrlose Schreiben gelesen hatte, rief sie laut vor allen, die sich im Zimmer befanden:

319„So verdienen die törichten Jungfrauen behandelt zu werden, welche die Schönheit des Leibes über die der Seele stellen!“

Das Gerücht von allem, was in Castro vor sich ging, kam rasch zu Ohren des schrecklichen Kardinals Farnese. Er hatte sich diese Bezeichnung seit einigen Jahren verdient, weil er hoffte, im nächsten Konklave die Unterstützung der Eiferer zu finden. Sogleich gab er der Obrigkeit von Castro den Auftrag, den Bischof Cittadini zu verhaften. Dessen ganze Dienerschaft ergriff aus Furcht vor der Folter die Flucht. Nur Cesare del Bene blieb seinem Herrn treu und schwur ihm, daß er eher auf der Folter sterben, als etwas gestehen würde, was ihm schaden könnte.

Cittadini, der seinen Palast von Wachen umringt sah, schrieb aufs neue seinen Brüdern, die in großer Eile von Mailand ankamen. Sie fanden ihn schon im Gefängnis von Ronciglione eingekerkert.

Ich entnehme aus dem ersten Verhör der Äbtissin, daß sie ihre Schuld offen zugestand, aber leugnete, in Beziehung zu dem Hochwürdigsten Bischof gestanden zu haben, ihr Mitschuldiger sei Gian-Battista Doleri, Advokat des Klosters, gewesen.

Am 9. September 1573 befahl Gregor XIII., daß der Prozeß in aller Strenge und Eile erledigt werde. Ein Kriminalrichter, ein Fiskal und ein Kommissär begaben sich nach Castro und nach Ronciglione. Cesare del Bene, der erste Kammerherr des Bischofs, gestand, bloß ein Kind zu einer Amme gebracht zu haben. Man verhört ihn in Gegenwart der ehrwürdigen Klosterschwestern Vittoria und Bernarda. Man unterwarf ihn zwei Tage hintereinander der Tortur; er litt gräßlich, aber seinem Wort getreu, gestand er nur das, was zu 320leugnen unmöglich war, und der Fiskal konnte nicht mehr aus ihm herausbringen.

Als die Reihe an die ehrwürdigen Damen Vittoria und Bernarda kam, die Zeugen der Folterung Cesares gewesen waren, gestanden sie alles, was sie getan hatten. Alle Nonnen wurden nach dem Urheber des Verbrechens gefragt, die meisten antworteten, daß es der Hochwürdigste Herr Bischof gewesen sei. Eine der Schließerinnen berichtet die beleidigenden Worte, welche die Äbtissin gebraucht hatte, als sie den Bischof aus der Kirche wies. Sie fügte hinzu: „Wenn man in diesem Ton zueinander spricht, zeigt es an, daß man schon lange ein Liebesverhältnis hat. Der Herr Bischof, der sonst durch übermäßige Selbstgefälligkeit auffiel, hatte ein ganz linkisches Aussehen, als er die Kirche verließ.“

Eine Nonne, im Anblick der Folterwerkzeuge verhört, antwortet, daß die Katze Urheber des Verbrechens sein müsse, weil die Äbtissin sie nie aus den Armen läßt und immerzu liebkost. Eine andre Nonne behauptet: der Urheber des Verbrechens müsse der Wind sein, weil die Äbtissin an Tagen, wo der Wind weht, glücklich und guter Laune sei; sie setze sich dem Wind auf einem Belvedere, das sie eigens hatte erbauen lassen, aus, und wenn man an diesem Ort eine Gnade erbitten kam, sei sie niemals verweigert worden. Die Frau des Bäckers, die Amme, die Weiber von Montefiascone bekannten aus Furcht vor den Folterqualen, die sie Cesare hatten erleiden sehen, die Wahrheit.

Der junge Bischof war krank oder spielte in Ronciglione den Kranken, was seinen Brüdern Anlaß gab, durch das Ansehen und den Einfluß der Signora von Campireali unterstützt, sich mehrmals dem Papst zu Füßen zu werfen und von ihm zu erbitten, daß das Verfahren 321aufgeschoben werde, bis der Bischof seine Gesundheit wiedererlangt habe. Auf dies hin vermehrte der schreckliche Kardinal Farnese die Zahl der Soldaten, die ihn in seinem Gefängnis bewachten. Da der Bischof nicht verhört werden konnte, begannen die Kommissäre in jeder ihrer Sitzungen immer wieder, die Äbtissin einem Verhör zu unterziehen. Eines Tages, als ihre Mutter ihr hatte sagen lassen, sie solle guten Mutes bleiben und fortfahren, alles zu leugnen, gestand sie alles.

„Warum habt Ihr zuerst Gian-Battista Doleri bezichtigt?“

„Aus Mitleid mit der Feigheit des Bischofs, und dann, wenn es ihm gelingt, sein teures Leben zu retten, damit er für meinen Sohn sorgen kann.“

Nach diesem Geständnis schloß man die Äbtissin in eine Zelle des Klosters von Castro ein, deren Wände und Deckenwölbung acht Fuß dick waren; die Nonnen sprachen nur mit Schaudern von diesem Verlies, das unter dem Namen Mönchszelle bekannt war. Die Äbtissin wurde hier ständig von drei Frauen überwacht.

Als sich die Gesundheit des Bischofs ein wenig gebessert hatte, kamen dreihundert Sbirren oder Soldaten, um ihn aus Ronciglione zu holen, und er wurde in einer Sänfte nach Rom geschafft. Dort brachte man ihn in einem Gefängnis unter, das Corte Savella hieß. Wenige Tage später wurden auch die Nonnen nach Rom eingeliefert; die Äbtissin wurde im Kloster Santa Marta, untergebracht. Vier Nonnen waren beschuldigt: die ehrwürdigen Schwestern Vittoria und Bernarda, die Schwester, welche an jenem Tage die Aufsicht führte, und die Pförtnerin, welche die beleidigenden Worte gehört hatte, die von der Äbtissin an den Bischof gerichtet wurden.

322Der Bischof wurde vom Auditor der päpstlichen Kammer vernommen, einem der höchsten Vertreter des Richterstandes. Man spannte den armen Cesare del Bene von neuem auf die Folter; doch er gestand nichts, ja er sagte sogar Dinge aus, die dem Staatsanwalt peinlich waren, was ihm eine neue Folterung eintrug. Diese Einleitungsmarter mußten auch die ehrwürdigen Schwestern Vittoria und Bernarda erleiden. Der Bischof leugnete alles in dümmster Weise, aber mit einer gefälligen Hartnäckigkeit; er zählte mit den größten Einzelheiten alles auf, was er an den drei offenkundig bei der Äbtissin verbrachten Abenden vorgenommen haben wollte.

Schließlich stellte man die Äbtissin dem Bischof gegenüber, und obgleich sie beständig die Wahrheit gesagt hatte, wurde sie dennoch der Folterung unterworfen. Weil sie auf dem beharrte, was sie auf ihrem ersten Geständnis immer ausgesagt hatte, überhäufte sie der Bischof, seiner Rolle getreu, mit Beleidigungen.

Nach mehreren andren, im Grunde vernünftigen Maßnahmen, die aber von jenem Geist der Grausamkeit befleckt sind, der seit der Regierung Karls V. und Philipps II. zu sehr an den Tribunalen Italiens vorwiegt, wurde der Bischof zu lebenslänglicher Gefangenschaft in der Engelsburg verurteilt. Die Äbtissin wurde verurteilt, ihr ganzes Leben im Kloster von Santa Marta, wo sie sich aufhielt, eingekerkert zu werden. Aber schon hatte es Signora von Campireali unternommen, um ihre Tochter zu retten, einen unterirdischen Gang ausheben zu lassen. Dieser Gang begann bei einer der aus der Herrlichkeit des alten Rom zurückgebliebenen Kloaken und sollte bei dem tiefen Kellergewölbe enden, wo man die sterblichen Reste der Nonnen von Santa Marta beisetzte. Dieser Gang von zwei Fuß Breite hatte Bretterwände, 323um das Erdreich rechts und links zu stützen und als Deckenwölbung gab man ihm, im Maße man vorwärts kam, zwei wie die Schenkel eines großen A gestellte Bretter.

Man grub diesen unterirdischen Weg in einer Tiefe von etwa dreißig Fuß. Das schwierigste war, ihn in der rechten Richtung weiterzuführen; jeden Augenblick waren die Arbeiter durch antike Brunnen und Grundmauern gezwungen, eine Wendung zu machen. Eine andre große Schwierigkeit bereitete die weggeräumte Erde, mit der man nichts Rechtes anzufangen wußte; es sah aus, als ob man sie nachts in allen Straßen Roms aussäte. Man wunderte sich über diese Menge Erde, die sozusagen vom Himmel fiel.

Wie groß die Summen auch waren, welche Signora von Campireali ausgab, um ihre Tochter zu retten, wäre ihr unterirdischer Gang doch sicher entdeckt worden; aber der Papst Gregor XIII. starb 1585, und die Herrschaft der Unordnung zog mit der Vakanz des Heiligen Stuhls ein.

Helena ging es in Santa Marta sehr schlecht; man kann sich denken, wie sehr die einfachen und armen Nonnen wetteiferten, eine so reiche, eines solchen Verbrechens überführte Äbtissin zu quälen. Helena erwartete mit Ungeduld das Ergebnis der von ihrer Mutter unternommenen Arbeit. Aber plötzlich erfuhr ihr Herz seltsame Bewegung. Schon vor sechs Monaten hatte Fabrizio Colonna, der angesichts des schwankenden Gesundheitszustands Gregors XIII. große Pläne für die Zeit des Interregnums faßte, einen seiner Offiziere zu Giulio Branciforte geschickt, der jetzt in der spanischen Armee unter dem Namen Oberst Lizzara sehr bekannt geworden war. Er rief ihn nach Italien zurück. Giulio 324brannte darauf, seine Heimat wiederzusehen. Er landete unter einem angenommenen Namen in Pescara, einem kleinen Hafen des Adriatischen Meeres, der unterhalb Chieti in den Abruzzen lag, und kam über das Gebirge nach La Petrella. Die Freude des Fürsten setzte alle Welt in Erstaunen. Er teilte Giulio mit, daß er ihn zurückrufen ließ, um ihn zu seinem Nachfolger zu machen und ihm den Befehl über seine Soldaten zu übergeben. Worauf Branciforte antwortete, daß, militärisch gesprochen, das Unternehmen nichts mehr wert sei, was er leicht beweisen könne; wenn jemals Spanien ernstlich wollte, würde es in sechs Monaten mit geringen Auslagen sämtliche Briganten Italiens vernichten.

„Aber trotz allem,“ fügte der junge Branciforte hinzu, „wenn Ihr es wollt, bin ich bereit zu marschieren, mein Fürst. Ihr werdet stets in mir den Nachfolger des tapferen, bei Ciampi gefallenen Ranuccio finden.“

Vor Giulios Ankunft hatte der Fürst befohlen, so wie er zu befehlen verstand, daß sich niemand in Petrella unterfangen solle, von Castro und von dem Prozeß der Äbtissin zu sprechen; Todesstrafe ohne Nachsicht war auf das geringste Geschwätz gesetzt. Mitten in den Freundschaftsergüssen, mit denen er Branciforte empfing, bat er ihn, niemals ohne ihn nach Albano zu gehen, und seine Art, diese Reise zu machen, bestand darin, daß er die Stadt durch tausend seiner Leute besetzen ließ, und eine Vorhut von zwölfhundert Mann auf der Straße nach Rom aufstellte. Man stelle sich vor, was der arme Giulio empfand, als der Fürst den alten Scotti, welcher noch lebte, in das Haus, wo er sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte, holen ließ und ihn in das Zimmer rief, wo er sich mit Giulio aufhielt. Als die beiden Freunde einander umarmt hatten, rief er Giulio 325zu sich: „Jetzt, mein armer Oberst, mußt du dich auf das Schlimmste gefaßt machen.“

Darauf blies er das Licht aus und verließ das Zimmer, in dem er die beiden Freunde einschloß.

Am nächsten Morgen schickte Giulio, der sein Zimmer nicht verlassen wollte, die Bitte zum Fürsten, nach La Petrella gehen und sich dafür einige Tage beurlauben zu dürfen. Aber man brachte ihm die Meldung, daß der Fürst verschwunden sei samt seinen Truppen.

In der Nacht hatte er den Tod Gregors XIII. erfahren; er hatte seinen Freund Giulio vergessen und war über Land. Bei Giulio waren nur etwa dreißig Mann geblieben, die einst zur Kompanie Ranuccios gehörten. Es ist bekannt genug, daß in jenen Zeiten während der Vakanz des Heiligen Stuhls die Gesetze schwiegen; jeder dachte nur daran, seine Leidenschaften zu befriedigen und es galt nur die Kraft; darum hatte, noch vor dem Ende des Tags, Fürst Colonna schon mehr als fünfzig seiner Feinde aufhängen lassen. Giulio aber, obgleich er nicht vierzig Mann bei sich hatte, wagte es, nach Rom zu marschieren.

Die ganze Dienerschaft der Äbtissin von Castro war ihr treu geblieben; sie hatten sich in den ärmlichen Häusern um das Kloster Santa Marta herum eingemietet. Der Todeskampf Gregors XIII. hatte länger als eine Woche gedauert; Signora von Campireali erwartete ungeduldig die Tage der Verwirrung, die seinem Tod folgen würden, um die letzten fünfzig Schritt ihres unterirdischen Ganges in Angriff zu nehmen. Da man die Keller von mehreren bewohnten Häusern durchqueren mußte, fürchtete sie sehr, das Ziel ihrer Unternehmung nicht länger verbergen zu können.

Schon am übernächsten Tag nach der Ankunft Brancifortes 326in La Petrella, schienen die drei ehemaligen Bravi Giulios, welche Helena in ihre Dienste genommen hatte, närrisch geworden zu sein. Obgleich jedermann nur zu gut wußte, daß sie in strenger Geheimhaft gehalten und von Nonnen bewacht wurde, die sie haßten, kam doch Ugone, einer der Bravi, zum Klostertor und bat inständigst unter den seltsamsten Vorwänden, daß man ihm erlauben möge, seine Herrin zu sehen, und zwar auf der Stelle. Er wurde abgewiesen und zur Tür hinausgeworfen. In seiner Verzweiflung blieb der Mann aber hier stehn und fing an, jedem der Bediensteten des Hauses, mochte er ein- oder ausgehn, einen Bajocco zu geben, wobei er stets diese gleichen Worte sagte: „Freut Euch mit mir, Signor Giulio Branciforte ist angekommen, er lebt: sagt dies Euren Freunden.“

Die beiden Kameraden Ugones verbrachten den Tag damit, ihm Bajocchi zuzutragen, und sie fuhren Tag und Nacht darin fort, sie mit den immer gleichen Worten zu verteilen, bis ihnen nichts mehr blieb. Aber die drei Bravi fuhren, einander ablösend, trotzdem fort, die Wache an der Tür des Klosters Santa Marta zu beziehen und richteten mit tiefen Verbeugungen an alle Aus- und Eintretenden immer die gleichen Worte: „Signor Giulio ist angekommen…“

Der Einfall dieser braven Leute hatte Erfolg: keine sechsunddreißig Stunden nach der Verteilung des ersten Bajocco wußte die arme Helena trotz ihrer Einzelhaft in der Tiefe ihres Kerkers, daß Giulio lebte; dieses Wort versetzte sie in Raserei:

„O meine Mutter,“ rief sie aus, „habt Ihr mir genug Leid zugefügt?“

Einige Stunden später wurde ihr diese erstaunliche Neuigkeit durch die kleine Marietta bestätigt, die all 327ihren Goldschmuck für die Erlaubnis geopfert hatte, der Schwester Pförtnerin, die der Gefangenen die Mahlzeiten brachte, zu folgen. Helena warf sich in ihre Arme und weinte vor Freude.

„Das ist sehr schön,“ sagte sie ihr, „aber ich werde kaum mehr bei dir bleiben.“

„Gewiß!“ sagte Marietta, „ich denke wohl, daß die Zeit des Konklaves nicht verstreichen wird, ohne daß sich Euer Gefängnis in eine einfache Verbannung verwandelt.“

„Ach, meine Teure, Giulio wiedersehen! Und ihn wiedersehen, und ich schuldig!“

In der Mitte der dritten Nacht, die dieser Unterredung folgte, stürzte ein Teil des Fußbodens der Kirche mit großem Getöse ein; die Nonnen von Santa Marta glaubten, daß das Kloster versinke. Äußerste Verwirrung herrschte, alle Welt glaubte an ein Erdbeben. Ungefähr eine Stunde nach dem Einsturz des Marmorfußbodens der Kirche drang Signora von Campireali, ihr voran die drei Bravi aus Helenas Diensten, durch den unterirdischen Gang in den Kerker.

„Sieg, Sieg, Herrin!“ riefen die Bravi. Helena befiel Todesangst, sie glaubte, daß Giulio Branciforte mit ihnen käme. Sie beruhigte sich und ihre Züge nahmen den gewohnten strengen Ausdruck an, als sie ihr sagten, daß sie nur Signora von Campireali begleiteten und daß Giulio noch in Albano sei, welches er mit wenigen tausend Mann besetzt hielte.

Nach einigen Minuten Wartens erschien Signora von Campireali; sie ging mit großer Mühe und hatte den Arm ihres Haushofmeisters genommen, der in großem Staat war, mit dem Degen an der Seite; aber sein prächtiges Gewand war ganz mit Erde beschmutzt.

328„O meine teure Helena! Ich komme, um dich zu retten!“ rief Signora von Campireali.

„Und wer sagt Euch, daß ich gerettet sein will?“

Signora von Campireali war verblüfft; sie sah ihre Tochter mit großen Augen an, sie schien sehr aufgeregt.

„Nun wohl, meine teure Helena,“ sagte sie endlich, „das Schicksal zwingt mich, dir eine Handlung einzugestehen, die nach dem Unglück, das ehemals unsrer Familie zustieß, vielleicht ganz natürlich war, die ich aber bereue und dich zu verzeihen bitte: Giulio Branciforte… lebt.“

„Und weil er lebt, will ich nicht leben!“

Signora von Campireali verstand erst gar nicht, was ihre Tochter meinte, dann richtete sie die flehentlichsten, zärtlichsten Bitten an sie; aber sie erhielt keine Antwort: Helena hatte sich zu ihrem Kruzifix gewendet und betete, ohne sie zu hören. Es war vergeblich, daß Signora von Campireali eine Stunde lang die äußersten Anstrengungen machte, um ein Wort oder einen Blick zu erlangen. Endlich sagte ihre Tochter ungeduldig:

[Unter] dem Marmor dieses Kruzifixes waren seine Briefe in meinem kleinen Zimmer in Albano verborgen; es wäre besser gewesen, mich von meinem Vater töten zu lassen! Geht… und laßt mir Gold zurück.“

Als Signora von Campireali trotz der besorgten Zeichen ihres Haushofmeisters noch länger mit ihrer Tochter reden wollte, wurde Helena ärgerlich:

„Laßt mir wenigstens eine Stunde Freiheit. Ihr habt mein Leben vergiftet, wollt Ihr nun auch meinen Tod vergiften?“

„Wir werden über den unterirdischen Gang noch zwei oder drei Stunden verfügen können; ich wage zu hoffen, daß du dich noch eines Besseren besinnen wirst,“ rief 329Signora von Campireali, in Tränen ausbrechend. Und sie nahm den Weg unter die Erde zurück.

„Ugone, bleibe bei mir“, sagte Helena zu einem ihrer Bravi, „und sei wohl bewaffnet, mein Bursche, denn vielleicht gilt es, mich zu verteidigen. Laß mich deinen Dolch, dein Schwert, dein Messer sehen!“

Der alte Soldat zeigte ihr seine beruhigend guten Waffen.

„Nun wohl, halte dich dort vor meinem Gefängnis auf, ich werde Giulio einen langen Brief schreiben, den du selbst ihm zustellen wirst; ich will nicht, daß er durch andre Hände als deine geht, da ich nichts habe, um ihn zu schließen. Du kannst alles lesen, was dieser Brief enthält. Nimm das ganze Gold, das meine Mutter hiergelassen hat, in deine Taschen; ich brauche nur noch fünfzig Zechinen für mich, lege sie auf mein Bett.“

Nach diesen Worten begann Helena zu schreiben:

„Ich zweifle nicht an Dir, mein teurer Giulio; ich gehe von hinnen, weil ich in Deinen Armen vor Schmerz sterben müßte; ich würde sehen, wie groß mein Glück gewesen wäre, wenn ich nicht einen Fehltritt begangen hätte. Glaub nicht, daß ich jemals nach Dir ein andres Wesen auf der Welt geliebt habe; weit entfernt davon, war mein Herz immer von der lebhaftesten Verachtung für den Mann erfüllt, den ich bei mir einließ. Mein Fehltritt geschah einzig aus Langweile und — wenn man will — aus Leichtfertigkeit. Bedenke, daß mein Geist, der durch den vergeblichen Versuch zu La Petrella so geschwächt war, wo der Fürst, den ich verehrte, weil Du ihn liebtest, mich so grausam empfing — bedenke, sage ich, daß mein so geschwächter Geist zwölf Jahre lang von Lügen umlagert war. Alles, was mich umgab, war falsch und verlogen, und ich wußte es. Ich erhielt 330anfangs etwa dreißig Briefe von Dir, urteile selbst, mit welchem Entzücken ich die ersten öffnete! Aber indem ich sie las, wurde mein Herz zu Eis. Ich prüfte diese Schrift, ich erkannte die Züge Deiner Hand wieder, aber nicht Dein Herz. Glaub mir, daß diese erste Lüge mein innerstes Leben so zerstört hat, daß ich soweit kam, einen Brief mit Deiner Handschrift ohne Freude zu öffnen! Die verabscheuungswürdige Ankündigung Deines Todes vernichtete vollends alles in mir, was noch aus den glücklichen Zeiten unsrer Jugend übriggeblieben war. Meine erste Absicht war, wie Du wohl verstehen wirst, die Küste Mexikos aufzusuchen und die Stelle mit meinen Händen zu berühren, wo die Wilden Dich, wie man mir sagte, getötet hatten. Wenn ich diesen Gedanken ausgeführt hätte… würden wir jetzt glücklich sein, denn wie groß auch die Zahl und die Geschicklichkeit der von einer wachsamen Hand um mich gesäten Spione gewesen wäre, hätte ich doch in Madrid alle Seelen, in denen noch Mitleid und Güte lebte, mir günstig gestimmt, und wahrscheinlich hätte ich die Wahrheit erfahren; denn schon, mein Giulio, hatten Deine Heldentaten die Aufmerksamkeit der Welt auf Dich gelenkt und vielleicht wußte irgendwer in Madrid, daß Du Branciforte seist. Willst Du, daß ich Dir sage, was unser Glück verhinderte? Zuerst die Erinnerung an den grausamen und kränkenden Empfang, den mir der Fürst in La Petrella bereitet hatte: welche mächtigen Hindernisse gab es von Castro bis Mexiko zu überwinden! Du siehst, meine Seele hatte schon ihre Kraft verloren. Dann kam mir eine Eingebung der Eitelkeit. Ich hatte große Bauten im Kloster durchführen lassen, um die Loge der Pförtnerin, worin Du in der Kampfnacht Zuflucht fandest, als Zimmer zu nehmen. Eines Tages betrachtete ich den 331Boden, den Du ehemals für mich mit Deinem Blut getränkt hattest; da hörte ich ein verächtliches Wort; ich erhob die Augen und sah gehässige Gesichter; um mich zu rächen, wollte ich Äbtissin werden. Meine Mutter, die sehr wohl wußte, daß Du am Leben warst, leistete das Äußerste, um diese ungeheuerliche Ernennung zu erreichen. Diese Stellung war für mich nur eine Quelle von Langweile; durch sie wurde meine Seele vollends erniedrigt. Ich fand Vergnügen daran, meine Macht oft nur im Unglück der andren zu genießen; ich beging Ungerechtigkeiten. Ich sah mich mit dreißig Jahren in den Augen der Welt tugendhaft, reich, angesehen und trotzdem vollkommen unglücklich. Da zeigte sich dieser arme Mensch, der ja die Güte selbst war, aber die Unbedeutendheit in Person. Seine Unbedeutendheit machte, daß ich seine ersten Anträge ertrug. Meine Seele war so unglücklich durch alles, was mich seit Deiner Abreise umgab, daß sie nicht mehr die Kraft hatte, der kleinsten Versuchung zu widerstehen. Soll ich Dir etwas sehr Indezentes gestehen? Aber einer Toten ist alles erlaubt. Wenn Du diese Zeilen lesen wirst, werden die Würmer diese angeblichen Schönheiten verzehren, die nur Dir gehören durften. Endlich muß ich Dir das sagen, was mir schwer wird; ich sah nicht ein, warum ich nicht, wie alle unsre römischen Damen, die Liebe der Sinne versuchen sollte; ich hatte eine Anwandlung von Leichtfertigkeit; aber ich konnte mich nie jenem Menschen hingeben, ohne ein Gefühl des Abscheus und des Ekels zu empfinden, das jedes Vergnügen zerstörte. Ich sah immer Dich an meiner Seite, in unserm Garten in Albano, als die Madonna Dir den edlen Gedanken eingab, der aber dann durch meine Mutter zum Unglück unsres Lebens geworden ist. Du warst nicht drohend, sondern zärtlich 332und gut, wie Du immer warst; Du sahst mich an und dann empfand ich Wut gegen diesen andren Mann und ich ging soweit, ihn aus aller Kraft zu schlagen. Das ist die ganze Wahrheit, mein teurer Giulio, ich wollte nicht sterben, ohne sie Dir zu sagen — und ich dachte auch, daß diese Zwiesprache mit Dir vielleicht den Gedanken an den Tod von mir nehmen könnte. Ich ersehe aber nur klarer daraus, wie meine Freude gewesen wäre, wenn ich Deiner wert geblieben wäre. Ich befehle Dir zu leben und die militärische Karriere fortzusetzen, die mir solche Freude bereitet hat, als ich von Deinen Erfolgen hörte. Was wäre gewesen, großer Gott! wenn ich Deine Briefe erhalten hätte, besonders nach der Schlacht von Achenne! Lebe und rufe Dir oft Ranuccio ins Gedächtnis zurück, der bei Ciampi fiel, und Helena, die in Santa Marta starb, weil sie in Deinen Augen keinen Vorwurf lesen wollte.“

Nachdem sie den Brief beendet hatte, näherte sich Helena dem alten Soldaten, den sie schlafend fand; sie nahm seinen Dolch, ohne daß er es merkte, dann weckte sie ihn.

„Ich bin zu Ende,“ sagte sie ihm, „ich fürchte, daß sich unsre Feinde des unterirdischen Zugangs bemächtigen. Nimm schnell meinen Brief, der auf dem Tisch liegt und bring ihn Giulio, du selbst bringst ihn, verstehst du? Und gib ihm noch mein Taschentuch, dieses hier; sag ihm, daß ich ihn auch in diesem Augenblick nicht mehr liebe, als ich ihn immer geliebt habe, immer, hörst du wohl!“

Ugone blieb stehen und ging nicht fort.

„Geh doch!“

„Signora, habt Ihr es wohl überlegt? Signor Giulio liebt Euch so sehr!“

333„Ich auch, ich liebe ihn, nimm den Brief und übergib ihn selbst.“

„Nun wohl, möge Gott Eure Güte segnen!“

Ugone ging und kehrte schnell zurück. Er fand Helena tot: sie hatte den Dolch im Herzen.

335SCHWESTER SCOLASTICA

336ÜBERTRAGEN VON FRANZ BLEI

337In Neapel hörte ich im Jahr 1824 in der Gesellschaft von der Geschichte der Schwester Scolastica und dem Kanonikus Cibo sprechen. Neugierig, wie ich bin, kann man sich denken, wie ich herumfragte. Aber kein Mensch wollte mir klar und deutlich Auskunft geben; man fürchtete, sich zu kompromittieren. In Neapel spricht man nämlich von politischen Dingen niemals klar und deutlich; und dies ist der Grund davon: Eine neapolitanische Familie, die zum Beispiel aus drei Söhnen, einer Tochter, Vater und Mutter besteht, zerfällt in drei verschiedene Parteien — Verschwörungen, wie man das in Neapel nennt. So gehört die Tochter zur Partei ihres Liebhabers; jeder der Söhne gehört einer bestimmten Partei, und die Eltern sprechen mit einem Seufzer vom Hofe, der regierte, als sie zwanzig Jahre alt waren. Aus dieser Isolierung der Individuen ergibt sich, daß man niemals ernstlich und offen von Politik spricht. Bei der geringsten etwas präziseren Aufstellung, die um etwas den Gemeinplatz verläßt, erblassen ein paar Gesichter.

Da mein Ausfragen nach der Geschichte mit dem barocken Namen in der Gesellschaft keinerlei Ergebnis hatte, glaubte ich, es handle sich in der Geschichte dieser Schwester Scolastica um eines jener grauenvollen Ereignisse kürzester Vergangenheit, aus dem Jahre 1820 zum Beispiel.

338Eine vierzigjährige Witwe, eine gute, aber nichts weniger als schöne Frau vermietete mir die Hälfte ihres kleinen Hauses in einer Gasse hundert Schritte weit vom reizenden Park von Chiaja, am Fuß des Hügels, den hier die Villa der Prinzessin Florida krönt, der Freundin des alten Königs. Es ist das vielleicht das einzige ruhige Viertel von Neapel. Meine Witwe hatte einen alten Galan, dem ich eine Woche durch den Hof machte. Als wir eines Tages miteinander durch die Stadt schlenderten, zeigte er mir die Stellen, wo sich die Lazzaroni gegen die Truppen des Generals Championnet geschlagen und den Hinterhof, wo sie den Herzog von *** lebendig verbrannt hatten; da fragte ich ihn im Überfall, doch ganz ruhig, weshalb man ein solches Geheimnis mit der Geschichte der Suor Scolastica mache.

Er gab mir ganz ruhig die Antwort: „Die fürstlichen Namenstitel, die jene trugen, sind auf deren heute lebende Nachfahren gekommen, und die würde es vielleicht peinlich berühren, ihre Namen mit einer Geschichte vermengt zu sehen, die so tragisch und für alle Welt so traurig war.“

„Ist die Sache denn nicht im Jahre 1820 passiert?“

„Wer hat Ihnen das gesagt?“ sagte mein Neapolitaner und lachte laut auf über meine Jahreszahl. „Wer hat Ihnen denn was von 1820 gesagt?“ wiederholte er mit dieser wenig höflichen italienischen Lebhaftigkeit, die dem Pariser so auf die Nerven fällt.

„Wenn Ihnen an Ihrem Menschenverstand liegt, so sagen Sie 1745, also das Jahr nach der Schlacht von Velletri, die unserem großen Don Carlos den Besitz von Neapel einbrachte. Hierzulande nannte man ihn Carl VII., und später dann, in Spanien, wo er so Außerordentliches vollbrachte, hieß man ihn Carl III. Er hat in 339unsere königliche Familie die große Nase der Farnese gebracht.

Man nennt heute den Erzbischof nicht gern bei seinem richtigen Namen, vor dem ganz Neapel zitterte, als ihm höchst unangenehm der Name Velletri in die Ohren tönte. Die Deutschen lagerten auf den Hügeln um Velletri und versuchten unsern großen Carlos im Palazzo Grineti, den er bewohnte, auszuheben.

Es war ein Mönch, der die Anekdote aufgeschrieben haben soll, von der Sie redeten. Die junge Nonne, die er mit dem Namen Suora Scolastica bezeichnet, war aus der Familie des Herzogs von Bissignano. Der gleiche Chronist gibt in seiner Geschichte Proben eines leidenschaftlichen Hasses gegen den Erzbischof von damals, der, ein mächtiger Politiker in dieser ganzen Affäre, den Kanonikus Cibo als den Handelnden vorschob. Vielleicht war der schreibende Mönch ein Günstling des jungen Don Genarino, Marquis de las Flores, von dem man annimmt, daß er dem Carlos das Herz der schönen Rosalinda streitig gemacht hat, dem sehr galanten König sowohl wie auch dem alten Herzog Vargas del Prado, der für den reichsten Mann seiner Zeit galt. Es gibt sicher in der Geschichte dieser Katastrophe Sachen, welche Personen, die 1760 noch mächtig waren, schwer hätten beleidigen können, denn der Mönch, der um das Jahr schrieb, hütet sich, deutlich zu sein; seine Wortkunst ist beträchtlich; er redet immer in allgemeinen Maximen, sicher von perfekter Moral, aber Bestimmtes ist nicht daraus zu entnehmen. Nur zu oft muß man das Manuskript zuschlagen, um über das nachzudenken, was der gute Pater etwa hat sagen wollen. So wird er zum Beispiel beim Tode des Don Genarino fast unverständlich. Ich kann Ihnen vielleicht in einigen Tagen 340die Handschrift leihen, die so ennervierend ist, daß ich Ihnen nicht rate, sie zu kaufen. Vor zwei Jahren verkaufte man sie übrigens auf dem Bureau des Notars B. für nicht weniger als vier Dukaten.“

Acht Tage später war ich im Besitz dieser Handschrift, deren Verfasser jeden Augenblick seine Geschichte, statt sie zu Ende zu erzählen, in andern Worten immer wieder von vorne anfängt; erst glaubt der verzweifelte Leser, daß es sich um ein neues Faktum handelt, und schließlich wird die Konfusion so groß, daß man gar nicht mehr weiß, wovon die Rede ist.

Man muß nämlich wissen, daß im Jahre 1742 ein Neapolitaner, ein Mailänder, die vielleicht in ihrem ganzen Leben nicht hundert Worte hintereinander in toskanischer Sprache gesprochen haben, sich des Toskanischen für den Druck bedienen, weil sie das für schön halten. Der vortreffliche General Colleta, der größte italienische Historiker, hatte auch ein bißchen diese Manie, die seinen Leser oft unsicher über das vom Verfasser Gemeinte macht. Das kaum verständliche Manuskript, das sich Suora Scolastica betitelte, zählte nicht weniger als 310 Seiten. Ich erinnere mich, gewisse Seiten daraus ins reine geschrieben zu haben, um des Sinnes sicher zu sein, den ich dem Gelesenen gab.

Sowie ich einmal die Geschichte genau kannte, hütete ich mich, direkte Fragen zu stellen. Sooft mir aus vielem Geschreibsel des Mönches irgendein sicheres Faktum deutlich war, erbat ich mir mit der unschuldigsten Miene einige Aufklärungen. Und nach einiger Zeit gab mir eine Person, die zwei Monate früher mir jede Antwort auf meine Fragen glatt verweigert hatte, ein kleines handgeschriebenes Heftchen von 60 Seiten, das auf die Geschichte selber nicht weiter eingeht, aber über gewisse 341Fakten pittoreske Details gibt. Zum Beispiel über die rasende Eifersucht.

Aus den Worten ihres Almoseniers, den der Erzbischof dazu gewonnen hatte, erfuhr eines Tages die Prinzessin Donna Ferdinanda de Bissignano, daß der junge Don Genarino nicht in sie, sondern in ihre Stieftochter Rosalinde verliebt sei. Sie rächte sich an ihrer Rivalin, die sie vom König Carlos geliebt glaubte, indem sie Don Genarino de las Flores in eine heftige Eifersucht hetzte. Dieses folgende nun ist die Geschichte, welche ganz Neapel im Jahre 1740 so heftig bewegt hat.

Im Jahre 1740 regierte in Neapel Don Carlos. Er war der Sohn der Fürstin Elisabet von Parma, einer Farnese, die ihm, trotzdem er der Jüngere war, gern eine Krone verschafft hätte, weshalb sie ihm zu günstiger Stunde nach Italien mit einer Armee dirigierte. Er gewann die Schlacht bei Velletri, trotzdem der Kampftag für ihn damit begonnen hatte, daß ihn eine Kompagnie Österreicher des Morgens in seinem Zimmer überraschte. Der Herzog Vargas del Prado, einer der spanischen Granden, welche die Elisabet Farnese ihrem Sohn als Stab gegeben hatte, rettete ihm das Leben oder doch die Freiheit, indem er ihm einen Fußtritt versetzte, der ihn ans Fenster seines nicht niedrig gelegenen Schlafzimmers beförderte, durch das er entkam.

Don Carlos mit der ungeheuern Nase war nicht ohne Geist. Als Karl III. von Neapel hielt er einen glänzenden Hof. Er brachte sich seine Untertanen mit festlichem Zirzenses nah und führte gleichzeitig strenges Regiment in allen Zweigen der Verwaltung. Die spanischen Vizekönige, deren Klugheit durch Masaniellos Revolte berühmt geblieben ist, hatte man davongejagt; die harten 342und geldgierigen österreichischen Generäle hatte man davongejagt; in der Folge so vieler Wechsel und Konfiskationen sah sich der neue König Herr fast über alles Hab und Gut. Die meisten Edelleute hatten die Konfiskation einiger ihrer Güter erlebt oder wurden mit konfisziertem Grundbesitz jener Unzufriedenen beschenkt, die von erkauften Subjekten Verräter genannt wurden. Diese Unsicherheit aller Vermögen verband sich mit der Notwendigkeit großer Ausgaben um der Gunst des Königs willen, und das verpflichtete die großen Herren, hinsichtlich ihrer Geschäfte die Augen recht offen zu halten.

Der Adel drängte sich an den Hof, und der Handelsstand gratulierte sich dazu, die unglaublichen Plackereien der Vizekönige und die Habsucht der österreichischen Generäle los zu sein; das gemeine Volk aber war höchlichst erstaunt, eine Regierung zu haben, von der es nicht immerzu geschunden wurde und gewöhnte sich daran, Steuern zu zahlen, von denen ein Teil als Premie an Adel und Geistlichkeit verteilt wurde.

Also regierte Don Carlos seit fünf Jahren; Ruhe und Wohlstand kehrten wieder; glückliche Zufälle halfen dabei. Der Winter von 1740 auf 1741 sah Festlichkeiten, wie schon lange keiner mehr. Acht oder zehn Damen von seltener Schönheit teilten sich in alles Lob und Preis, aber der junge König, der ein feiner Kenner war, erklärte für die schönste Dame seines Hofes Rosalinda, die Tochter des Principe d'Atella. Dieser Principe d'Atella, früher österreichischer General, war ein ebenso trübseliger wie kluger Mann, der gegen seinen Willen Donna Ferdinanda, seinem zweiten Weibe, darin nachgab, daß sie sich zu Hofe von seiner Tochter, der schönen Rosalinda, begleiten ließ, die der König für die 343allerschönste erklärte und die noch nicht sechzehn Jahre zählte.

Der Principe d'Atella hatte drei Söhne aus erster Ehe, deren standesgemäße Versorgung ihm Schwierigkeiten machte. Die Titel dieser Söhne, die alle Herzöge oder Prinzen waren, fand er in keinem Verhältnisse zu dem mäßigen Vermögen stehend, das er ihnen hinterlassen konnte.

D'Atella liebte seine sehr lustige und sehr unvorsichtige Frau, die, wenn auch um dreißig Jahre jünger als er, doch nicht mehr jung war, und es während der köstlichen Feste dieses Winters nur der Anwesenheit ihrer Tochter Rosalinda verdankte, immer von einem hofmachenden Schwarm der glänzendsten Jugend Neapels umgeben zu sein. Ihre besondere Aufmerksamkeit schenkte sie dem jungen Genarino de las Flores, dessen etwas hochfahrenden spanischen Manieren dem hübschen und lustigen Gesichte mit dem blonden Bärtchen und den blauen Augen, einer Seltenheit in Neapel, sehr gut standen; besonders von diesen blauen Augen waren die Damen des Hofes ganz entzückt. So sehr entzückt, daß Genarino schon zwei Wunden aus Duellen mit Bräutigamen oder Brüdern trug, in deren Familie er Unordnung gebracht hatte.

Der junge Marquis war geschickt genug, die Principessa d'Atella zu überzeugen, daß ihr seine Huldigung gelte, aber tatsächlich war er in die junge Rosalinda verliebt und, was mehr ist, eifersüchtig auf sie. Eben jener Herzog, der in der Nacht vor der Bataille von Velletri dem Don Carlos so von Nutzen gewesen war und sich nun der höchsten Gunst des jungen Königs erfreute, war aufs tiefste berührt von der naiven Grazie der jungen Rosalinda und ganz besonders von ihrem einfachen 344Wesen und ihrer aus den Augen strahlenden Aufrichtigkeit; er machte ihr auf eine majestätische Weise den Hof, wie sich dies für einen dreifachen spanischen Granden gehört. Aber er schnupfte und trug eine Perücke; und gerade Schnupftabak und Perücke sind für eine junge Neapolitanerin die zwei Dinge, die sie nicht ausstehen kann. Und trotz der nur bescheidenen Mitgift von vielleicht zwanzigtausend Francs und keiner andern Aussicht als das vornehme Kloster San Petito ganz oben in der Toledanerstraße, dem Modegrab der jungen Mädchen aus dem Hochadel, konnte sich Rosalinda nicht entschließen, die leidenschaftlichen Augen des Herzogs von Prada zu verstehen; wohl aber begriff sie sehr gut, was ihr Don Genarino mit seinen Blicken sagte, wenn ihn die Principessa d'Atella gerade nicht beobachtete. Der Herzog von Prada war sich nicht ganz sicher, ob die junge Rosalinda nicht manchmal auch Antwort auf Genarinos fragende Augen gab.

Die Liebe der beiden hatte wirklich, vernünftig betrachtet, gar keinen Sinn. Gewiß gehörte die Familie der Las Flores zum Hochadel, aber der alte Herzog dieses Namens, Genarinos Vater, besaß drei Söhne und hatte nach Brauch des Landes deren Angelegenheiten so arrangiert, daß der älteste etwa fünfzehnhundert Dukaten Rente bekam, während die beiden jüngeren sich mit zwanzig Dukaten im Monat zufrieden geben mußten samt Logis im Stadtpalais und in der Villa, zufrieden geben mußten, aber nicht damit zufrieden waren.

Don Genarino und Rosalinda verwandten all ihre Geschicklichkeit darauf, was sie für einander empfanden, vor der Principessa d'Atella zu verbergen, deren kokettischer Anspruch auf Begehrtwerden dem jungen Marquis niemals die falschen Gedanken verziehen hätte, die 345sie sich hinsichtlich seiner Liebe zu ihr machte. Aber ihr Gatte, der alte General, hatte bessere Augen als sie. Beim letzten Ball, den in diesem Winter König Carlos selber gab, war es ihm ganz klar geworden, daß der bereits durch mehr als ein Abenteuer berühmte Don Genarino es unternommen hatte, entweder seiner Frau oder seiner Tochter zu gefallen; und das eine paßte ihm so wenig wie das andere. Nächsten Morgen hieß er nach dem Frühstück seine Tochter, mit ihm auszufahren, und er brachte sie, ohne weiter auch nur ein Wort zu sprechen, nach dem Kloster von San Petito; es ist das jenes damals sehr modische Kloster, dessen köstliche Fassade man ganz oben zur linken in der Calle di Toledo sieht neben dem magnifiken Palazzo dei Studi.

Die langhin sich streckenden Mauern, die man bei einem Spaziergang auf der Wiese von Vomero immer im Rücken hat, sollen das profane Auge abhalten, in die Gärten von San Petito zu blicken.

Der alte Fürst tat erst den Mund auf, als er seiner Schwester seine Tochter vorstellte. Wie eine Mitteilung, die er ihr aus Höflichkeit mache und für die sie ihm dankbar sein müsse, sagte er zu Rosalinda, daß sie das Kloster nur ein einziges Mal noch verlassen würde, nämlich am Vorabend des Tages ihrer Profeß.

Rosalinda war über alles das nicht weiter erstaunt; sie wußte ganz gut, daß sie höchstens durch ein Wunder eine Verheiratung erwarten konnte, und den Herzog Vargas del Prado zu heiraten, davor graute ihr in diesem Augenblick. Außerdem hatte sie einige Jahre als Pensionärin in dem Kloster geweilt, in das man sie jetzt zurückbrachte, und alle ihre Erinnerungen an ihren frühern Klosteraufenthalt waren lustig und amüsant; so war sie am ersten Tage nicht arg betroffen von ihrem 346Lose; aber schon am nächsten Tage war ihr deutlich, daß sie den jungen Don Genarino niemals wiedersehen würde, und das traf sie, trotz ihres Alters Kindlichkeit, tief. Verspielt und betäubt die ersten Tage, wurde sie bald die am wenigsten resignierte und traurigste unter den Mädchen des Klosters. Wohl zwanzig Male dachte sie im Tage an Genarino, den sie nicht mehr sehen sollte, während doch früher und zu Hause an diesen liebenswürdigen jungen Mann zu denken ihr höchstens zweimal im Tage eingefallen war.

Drei Wochen nach ihrem Eintritt im Kloster geschah es ihr, daß sie beim Abendgebet die marianische Litanei ohne jeden Fehler hersagte und ihr dafür die Novizenmutter für den andern Tag erlaubte, zum erstenmal, auf das Belvedere hinaufzusteigen; so nennt man die weitläufige Galerie, von den Nonnen mannigfaltig mit Bildern und Arabesken geschmückt, die ganz oben an der Außenmauer des Klosters gegen die Toledanerstraße zu offen liegt.

Rosalinda war entzückt über die doppelte Wagenreihe, die um diese Zeit des Korso die Straße füllt; sie erkannte die meisten Wagen und die Damen darin. Das amüsierte sie und bedrückte sie zugleich.

Aber Verwirrung kam in ihr Herz, als sie unter einem Torweg einen jungen Mann erkannte, der zärtlich zu ihr hinauf einen Strauß wundervoller Blumen bewegte; es war Don Genarino, der seit Rosalindas Entführung ins Kloster jeden Tag hierher kam in der Hoffnung, sie auf dem Belvedere zu sehen; und da er um ihre Blumenliebe wußte, hatte er jedesmal, um ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, einen Strauß seltenster Blumen mitgebracht. Als Genarino sich erkannt sah, gab er ein sichtbares Zeichen seiner Freude, und bald [folgtem] 347diesem andere Zeichen, die zu beantworten sich Rosalinda hütete. Sie überlegte, daß nach der vom Kloster befolgten Regel Benedicti gut ein paar Wochen bis zu neuerlicher Erlaubnis das Belvedere zu besuchen vergehen könnten. Um sie herum war eine Menge sehr lustiger Nonnen, von denen fast alle ihren Freunden Zeichen machten, und diese jungen Damen schienen etwas geniert von der Anwesenheit dieses jungen Mädchens im weißen Schleier, die doch etwas erstaunt sein könnte über ihr wenig klösterliches Benehmen und ihr Sprechen mit den Herren da unten. Man muß wissen, daß in Neapel die Mädchen von Kindheit an die Fingersprache sprechen, bei der die verschiedenen Stellungen der Finger zueinander das Alphabet bilden. Man kann die Mädchen im Salon auf diese Weise leise sprechen sehen, während sich die betreffenden Eltern laut unterhalten.

Genarino zitterte bei dem Gedanken, Rosalindas Nonnentum könnte echt sein. Er war noch etwas weiter zurück in den Torweg getreten und sagte ihr von hier aus in den Kindersprache der Finger:

„Seitdem ich Sie nicht mehr sehe, bin ich unglücklich. Sind Sie im Kloster glücklich? Haben Sie so viel Freiheit, öfter auf das Belvedere zu kommen? Lieben Sie immer noch die Blumen?“

Rosalinda sah ihm voll ins Gesicht, aber antwortete nicht. Auf einmal verschwand sie, entweder von der Novizenmutter gerufen oder von den wenigen Worten Don Genarinos beleidigt. Der stand eine Weile bestürzt.

Dann stieg er das kleine Gehölz von Aranella hinauf, das über Neapel liegt; bis da hinauf zieht sich die Umfassungsmauer des weiten Klostergartens von San Petito. Weiter ging er seinen melancholischen Spaziergang 348und kam auf die Wiesenfläche von Vomero, von wo aus man über Neapel und das Meer blickt; nach ein paar hundert Schritten stand er vor dem großartigen Schlosse des Herzogs Vargas del Prado ehemals eine mittelalterliche Festung mit schwarzen kranelierten Mauern und berühmt in Neapel wegen seiner Düsterkeit und der Manie des Herzogs, sich nur von spanischen Domestiken bedienen zu lassen, die genau so alt waren wie er. Der alte Herzog sagte, daß er sich auf seinem Schlosse in Spanien glaube, und um diesen Eindruck zu vermehren, hatte er auch alle Bäume in der Umgebung umhauen lassen. Sooft es ihm nur der Dienst beim König erlaubte, begab sich der Herzog, um Luft zu schnappen, nach seinem Schloß San Nicola.

Das düstere Schloß vermehrte noch Genarinos Melancholie. Da packte ihn, als er unter der Mauer der Gärten von San Petito hinschritt, ein Gedanke. ‚Natürlich liebt sie noch die Blumen,‘ sagte er sich; ‚die Nonnen dürften deren kultivieren in ihrem Garten; also muß es wohl Gärtner geben; ich muß diese Gärtner kennenlernen.‘

In dieser sehr verlassenen Gegend gab es eine Osteria, in die Genarino eintrat; sein Anzug war für diesen Ort viel zu prächtig, und er merkte mit einigem Unbehagen, daß seine Anwesenheit Überraschung und Mißtrauen hervorrief; da tat er, als ob er sehr müde wäre und machte sich Liebkind mit den Wirtsleuten und dem Volk, das da seinen Schoppen Wein trank. Seiner offenen Art hatte er es zu danken, daß die Leute in der Kneipe ihm seine für den Ort etwas zu kostbaren Kleider verziehen. Genarino scheute sich nicht, mit dem Wirt und dessen Freunden ein paar Gläser von dem Bessern zu leeren, den er kommen ließ. Nach Verlauf einer Stunde 349Arbeit machte seine Anwesenheit keinen mehr mißtrauisch. Man riß Witze über die adeligen Nonnen von San Petito und über die Besucher, die manche von ihnen über die Gartenmauer weg empfingen.

Genarino bekam die Gewißheit, daß, worüber man in Neapel so viel redete, wirklich existiere. Die guten Leute von Vomero scherzten darüber, aber zeigten sich nicht im mindesten entrüstet über die weltlichen Gewohnheiten der Nonnen von San Petito.

351DER CHEVALIER VON SAINT-ISMIER

352ÜBERTRAGEN VON FRANZ BLEI

353Man schrieb das Jahr 1640. Richelieu war, schlimmer als je, Herr Frankreichs. Sein eiserner Wille und seine Launen eines großen Mannes suchten jene turbulenten Geister zu beugen, die Krieg und Liebe mit der gleichen Leidenschaft trieben. Die Galanterie war noch nicht auf die Welt gekommen. Die Religionskriege und die um das Gold des düstern Philipp II. erkauften Fraktionen hatten in den Herzen ein Feuer entzündet, das der Anblick der auf Befehl Richelieus vom Rumpfe getrennten Köpfe noch nicht zum Erlöschen gebracht hatte. Reim Bauern, beim Edelmann, beim Bürger traf man auf eine Energie, die man in dem Frankreich nach den 72 Jahren Herrschaft Ludwig XIV. nicht mehr kannte. Im Jahr 1640 war der französische Charakter noch imstande, Energisches zu verlangen, aber die Tapfersten fürchteten den Kardinal; sie wußten ganz genau, daß man ihm nicht entginge, besäße man die Unbesonnenheit, im Lande zu bleiben, nachdem man ihn beleidigt hatte.

Solchem gab der Chevalier von Saint-Ismier seine Gedanken, ein junger Offizier aus einer der reichsten Adelsfamilien des Languedoc. An einem der schönsten Juniabende ritt er nachdenklich am rechten Dordogneufer hin, Moulons gegenüber. Er hatte nur einen Domestiken zur Begleitung. Er wußte, wagte er nach Bordeaux zu gehen, daß er es hier mit dem Kapitän Rochegude zu tun habe. Dieser Stadtgewaltige war eine Kreatur des 354Kardinals, und Saint-Ismier kannte die schreckliche Eminenz. Trotz seiner fünfundzwanzig Jahre hatte sich der junge Edelmann im deutschen Kriege rühmlichst ausgezeichnet. Aber da hatte er zuletzt auf dem Schloß einer Tante, die er beerben sollte, auf einem Balle Streit mit dem Grafen de Chaix bekommen, dem Verwandten eines Parlamentspräsidenten der Normandie und treu ergebenen Dieners des Kardinals, für dessen Rechnung er in seiner Körperschaft intrigierte. Alle Welt in Rouen wußte das, und so war der Präsident mächtiger als der Gouverneur selber. Darum beeilte sich Saint-Ismier auch, nachdem er den Grafen elf Uhr des Nachts unter einer Straßenlaterne getötet hatte, aus der Stadt hinauszukommen; er nahm nicht einmal Abschied von seiner Tante.

Auf der Höhe des Berges Sainte-Catherine versteckte er sich in dem Walde, der die Spitze damals noch krönte. Seinem Diener ließ er durch einen Bauern, dem er auf der Landstraße begegnet war, Nachricht zugehen. Der Diener nahm sich nur so viel Zeit, die Tante zu verständigen, daß der Chevalier sich sofort zu seinem Schutz auf das Schloß einer befreundeten Familie in die Nähe von Orleans begebe, und traf mit zwei Pferden im Walde ein. Kaum war er zwei Tage auf jenem Schlosse, als ein Kapuziner, ein Protegé des berühmten Pater Joseph und Freund des Schloßherrn, diesem einen Diener zuschickte, der in höchster Eile aus Paris gekommen war, auf zu Tode gehetzten Postpferden. Der Diener überbrachte einen Brief, der nichts als diese Worte enthielt:

„Ich kann nicht glauben, was man von Ihnen spricht. Ihre Feinde behaupten, Sie gäben einem Rebellen gegen Seine Eminenz Unterschlupf.“

355Der arme Saint-Ismier mußte aus dem Schlosse bei Orléans flüchten, wie er aus Rouen geflohen war. Der Schloßherr, sein Freund, suchte ihn auf der Jagd auf am andern Ufer der Loire, um ihm den schlimmen Brief zu übergeben. Der Chevalier nahm dankbaren Abschied und ging an den Fluß hinunter in der Hoffnung, da ein Boot zu finden; zu seinem Glück traf er auch einen Fischer, der in einem winzigen Kahn gerade sein Netz einzog. Er rief den Mann an.

„Meine Gläubiger sind hinter mir her. Du bekommst einen halben Louis, wenn du die ganze Nacht ruderst. Du mußt mich nah meinem Haus ans Ufer setzen, eine halbe Meile vor Blois.“

Saint-Ismier fuhr die Loire hinunter bis ***; kamen sie an Städte, stieg er aus und ging zu Fuß durch; die Flucht währte Tag und Nacht. Seinen Diener mit den Pferden erreichte er erst bei ***, einem kleinen Dorf in der Nähe von **. Dann ritt er die Küste entlang südwärts. Auf drängende Fragen ließ er verstehen, daß er ein protestantischer Edelmann und mit den Daubigné verwandt sei und darum ein bißchen verfolgt werde. So erreichte er ohne Abenteuer die Mündung der Dordogne. Wichtige Interessen riefen ihn nach Bordeaux, aber er fürchtete, wie gesagt, der Kapitän Rochegude habe bereits einen Verhaftsbefehl gegen ihn erhalten.

‚Der Kardinal‘, sagte er sich, ‚holt viel Geld aus der Normandie, die unter unsern Wirren am wenigsten gelitten hat. Der Präsident Lepoitevin ist das Hauptwerkzeug in seiner Hand, alle die Steuern einzutreiben, er wird sich recht wenig aus dem Leben eines Edelmanns wie mir machen, um des Preises der Staatsräson willen, die ihm zuruft: Vor allem Geld! Mein Unglück ist gerade 356darum größer, daß der Kardinal mich kennt; ich habe nicht die Chance, vergessen zu werden.‘

Aber die Gründe, die ihn nach Bordeaux zu gehen zwangen, waren zu mächtig. Er setzte seinen Weg die Dordogne entlang fort und traf in dunkler Nacht hinter der Vereinigung mit der Garonne bei *** ein. Ein Fährmann setzte ihn, seine Pferde und den Diener aufs linke Ufer über. Hier hatte er das Glück, auf Weinhändler zu stoßen, die sich gerade vom Kapitän Rochegude einen Permiß zur nächtlichen Einfahrt nach Bordeaux gekauft hatten, da die Tageshitze ihrem Weine nicht bekomme. Der Chevalier warf seinen Degen auf einen ihrer Karren und fuhr um Mitternacht in Bordeaux ein, eine Peitsche in der Hand und im Gespräch mit einem der Fuhrleute. Einen Augenblick später ließ er einen Taler in die Tasche des Mannes gleiten, nahm ruhig seinen Degen und verschwand, ohne ein Wort zu sagen um eine Straßenecke.

Der Chevalier kam bis ans Kirchentor von Saint-Michel; hier ließ er sich auf den Stufen nieder.

‚Da bin ich also in Bordeaux‘, sagte er sich. ‚Was gebe ich für eine Antwort, wenn die Wachrunde mich fragt? Wenn diese Leute nicht gerade betrunkener sind als gewöhnlich, hat es wenig Aussicht auf Glauben, wenn ich ihnen sage, ich sei ein Weinhändler; die Antwort wäre neben den Fuhrwerken und den Fässern möglich gewesen. Ich hätte mir, bevor ich meine Pferde wegschickte, Bedientenkleider anziehen sollen, aber so angezogen wie ich bin, kann ich nichts andres sein als ein Edelmann; und als Edelmann errege ich die Aufmerksamkeit dieses Rochegude, der mich in die Feste Trompette steckt, und in zwei Monaten fällt mein Kopf auf dem Marktplatz, hier oder in Rouen. Wird mich 357mein Kusin, der Marquis von Miossens, der so vorsichtig ist, aufnehmen? Wenn er von meinem Zweikampf in Rouen nichts weiß, so wird er meine Ankunft mit Festen begehen wollen; er wird allen diesen Gaskognern sagen, ich sei ein Günstling des Kardinals. Weiß er aber, daß ich der Eminenz mißfallen könnte, so wird er erst seinen Frieden finden, wenn er seinen Sekretär mit der Anzeige zu Rochegude geschickt hat. Es wäre nötig, zuerst zur guten Marquise zu gelangen, ohne daß ihr Mann von mir weiß. Aber sie hat Liebhaber, und der Marquis ist so eifersüchtig, daß er, wie man sagt, Duennen aus Spanien nach Paris kommen ließ zu ihrer ständigen Überwachung. Wir machten uns lustig über ihn, daß sein Bordeauleser Haus bewacht sei wie eine Festung. Und dann, wie zu dem Haus gelangen, das sehr prächtig sein soll? Ich war nie in Bordeaux gewesen. Wie soll ich einem Passanten sagen: Zeigen Sie mir das Haus Miossens und wie ich ohne Wissen des Marquis hineinkomme? Das wäre verrückt. Sicher aber ist, bleibe ich hier bei den armseligen Häusern um die Kirche herum, besteht keine Aussicht, dem prächtigen Hause meines Kusins zu begegnen.‘

Die Turmuhr der Kirche schlug ein Uhr.

‚Keine Zeit mehr zu verlieren‘, sagte sich der Chevalier. ‚Warte ich hier den Tag ab, um dann in irgendein Haus zu treten, so hat Rochegude davon sofort Nachricht. In diesen Provinzstädten kennt einer den andern, besonders unter den Leuten gleichen Standes.‘

Der arme Chevalier machte sich also auf die Suche, sehr behindert von seiner Person und nicht wissend, wohin sich eigentlich wenden. Eine tiefe Stille lag in allen Gassen, die er durchschritt, und nicht minder tief war die Dunkelheit.

358‚Ich zieh mich aus dieser Geschichte nicht heraus. Morgen abend sitze ich im Fort Trompette; daraus entweicht keiner mehr.‘

Da erblickte er in einiger Entfernung ein Haus, in dem Licht war.

‚Und wenn's der Teufel selber wäre,‘ sagte sich der Chevalier, ‚ich muß mit den Leuten da drin sprechen.‘

Als er näher kam, vernahm er Lärm. Er lauschte und suchte zu erraten, um was es sich handle. Da flog eine kleine Pforte auf, und ein breiter Lichtstrom fiel über die Gasse und noch das gegenüberliegende Haus hinauf. In dem Licht stand ein prächtig gekleideter, junger, sehr schöner Mensch, den Degen in der Faust; er sah verärgert aus, aber nicht wütend, oder es war die hinter Verärgertheit maskierte Wut eines Gecken. Die Leute seiner Umgebung hatten das Wesen von Untergebenen und schienen ihn beschwichtigen zu wollen, wobei sie ihn Herr Graf nannten.

Saint-Ismier war noch etwa zwanzig Schritte von der hellen Pforte entfernt, als der junge schöne Mann, der etwa eine halbe Minute in der Türschwelle wie zögernd gestanden hatte, plötzlich und immer wie einer, der, um dafür bewundert zu werden, Wut zeigt, schreiend und fluchend und immerzu mit dem Degen fuchtelnd in die Gasse hinausging, gefolgt von einem, prächtig gekleidet wie er. Saint-Ismier sah auf die beiden, als er von dem ersten bemerkt wurde, den man Herr Graf nannte. Alsbald stürzte der Graf auf Saint-Ismier los und wollte ihm mit einem Fluche den Degen durch das Gesicht ziehen. Saint-Ismier, auf solchen Angriff nicht im mindesten gefaßt, hatte gerade eine Höflichkeit überlegt, die er dem jungen Manne sagen wollte mit der Frage, wo das Haus Miossens läge. Heiteren Wesens hatte er seinem 359Körper schon jenes liebenswürdige Balancieren eines Chevaliers gegeben, der den Weinen des Landes herzhaft zugesprochen, denn er fand es so lustiger wie sicherer, den Edelmann anzusprechen wie ein leicht Trunkener. Er gab seinen Lippen schon das Lächeln der Liebenswürdigkeit, mit der er beeindrucken wollte, als er den ihm bestimmten Hieb des Grafen vor seinen Augen sah. Und er fühlte dessen ganze Schwere auf den rechten Arm niedersausen, mit dem er sein Gesicht deckte.

Er tat einen Sprung nach rückwärts.

‚Ich habe einen Schlag bekommen‘, sagte er sich und Wut stieg ihm rot ins Gesicht. Er ging heftig den frechen Burschen an.

„Also du willst mehr davon,“ rief der Graf, „nur zu, das ist's ja, was ich wollte. Du sollst deine Schläge haben.“ Und er warf sich mit toller Kühnheit auf Saint-Ismier.

‚Gott verzeih mir, er will mir ans Leben,‘ sagte sich der Chevalier, ‚ich muß kaltes Blut bewahren.‘

Saint-Ismier bekam mehrere Stiche ab, denn nun hatte auch der Edelmann aus des Grafen Begleitung den Degen gezogen, sich an seines Freundes Seite gestellt.

‚Sie wollen mich umbringen‘, sagte sich Saint-Ismier, und machte einen Ausfall. Dabei zog er aus einer Unvorsichtigkeit des Grafen Vorteil, der sich ungedeckt auf ihn gestürzt hatte, um ihm den Degen durch den Leib zu rennen. Der Graf parierte den Stich, indem er ihn nach oben abdrängte; da aber sprang der Degen dem Grafen sechs Daumen tief ins rechte Auge; der Chevalier spürte, wie das Eisen auf etwas Hartes stieß; es war der innere Schädelknochen. Der Graf stürzte tot.

Als der Chevalier, stark erschrocken über dieses Ergebnis, ein bißchen zögerte, seinen Degen zurückzuziehen, 360gab ihm der Mensch, der hinter dem Grafen gestanden hatte, einen starken Hieb in den Arm, und im gleichen Augenblick fühlte der Chevalier mächtig das Blut fließen. Dazu rief dieser Gegner aus allen Lungenkräften um Hilfe. Acht oder zehn Leute stürzten aus der Herberge, denn eine solche und die erste von Bordeaux war das erleuchtete Haus. Saint-Ismier sah gut, daß die Hälfte der Leute bewaffnet war. Er nahm seine Beine unter die Arme und lief, was er konnte.

‚Ich habe einen Menschen getötet,‘ sagte er sich, ‚ich bin mehr als gerächt für einen Hieb in den Arm. Übrigens ist Gefängnis oder Tod für mich das gleiche. Nur wird mir, falle ich Rochegude in die Hände, der Kopf ganz gewiß auf dem Marktplatz abgeschlagen, und an einer Straßenecke sterbe ich als ein tapferer Mensch im Kampfe um mein Leben.‘

Doch aber lief unser Held, was er konnte, um sein Leben zu retten. Er kam wieder an der Kirche vorbei, kam dann in eine sehr breite und wie ihm schien, sehr lange Straße. Die Verfolger hielten an, als sie hier zwei- oder dreihundert Schritte hinter ihm hergelaufen waren. Es war höchste Zeit für den ganz atemlosen Chevalier. Auch er hielt inne, etwa hundert Schritte weiter als die Verfolger; er machte sich, indem er sich stark bückte, so klein als möglich; dann versteckte er sich hinter dem Pfosten einer Brustwehr, die sich in der Straße etwa sechs acht Fuß vor den Häusern befand. Die Verfolger tauchten wieder auf, und der Chevalier begann wieder so gut er konnte zu laufen, immer die breite lange Straße hinauf. Da hörte er vor sich Schritte im Takt; er hielt sofort im Laufen inne.

‚Die Scharwache!‘ dachte er.

Und warf sich laufend in eine sehr enge Seitengasse, 361lief durch viele Gäßchen, jede halbe Minute stillstehend, lauschend; zunächst stieß er nur auf Katzen, denen er Furcht einjagte; aber als er in eine Gasse einbog, hörte er vier fünf Männer kommen; deutlich vernahm er ihr schweres und wohlgesetztes Reden.

‚Wieder die Wache! Der Teufel hol mich!‘

Er stand gerade an einem mächtigen, derb holzgeschnitzten Tor; aber zehn Schritte davon bemerkte er eine ganz kleine Tür; er stürzte hin. Die Tür war offen. Er verschwand dahinter und verschnaufte. Er dachte, die Männer, die er reden gehört hatte, müßten ihn hier eintreten gesehen haben und hinter ihm hereinkommen; dann würde er sich hinter der Tür verstecken und sobald die Männer eingetreten und bis in den kleinen Hofgarten, den er bemerkte, gekommen wären, zu dem diese Tür führte, würde er wieder sehen, daß er hinaus und weiterkomme. Er stand schweratmend hinter der kleinen Tür und wartete. Die Männer blieben just davor stehen und schwatzten. Aber sie traten nicht ein und gingen weiter.

Angst in den Gliedern schlich Saint-Ismier in was ihm ein Garten schien der hohen Bäume wegen; er kam in einen großen Hof, dann in einen kleineren, der ihm mit kleinen marmornen Tafeln gepflastert schien. Er spähte vorsichtig, ob er niemanden sähe, mit dem er sprechen könnte.

‚Das ist ein reiches Haus. Besser konnte ich es nicht treffen. Finde ich da einen Domestiken, so wird er für meinen Taler empfänglich sein und mich zum Palais Miossens bringen. Vielleicht versteckt er mich für zwei Taler heute Nacht und morgen in seinem Zimmer. Ja, wer weiß, vielleicht wird er einmal noch mein eigener Diener? Glücklicher könnte ich es mir nicht wünschen.‘

362Solches hoffend fand Saint-Ismier eine Treppe, die er hinaufstieg. Sie führte in das erste Stockwerk, wo sie aufhörte. Er trat auf einen Altan und sah sich um. Da war es ihm, als vernehme er ein Geräusch auf der Treppe. Er schwang sich sofort über das Geländer des Balkons und trat auf ein Gesims der Hauswand; mit den Händen hielt er sich an der Holzjalousie des nächsten Fensters fest. Vorsichtig tastete er sich auf dem Gesims weiter und kam auf einen zweiten Balkon, vom ersten ein paar Fuß entfernt. Durch ein offenes Fenster stieg er ein. Eine wie ihm schien marmorne und sehr prächtige Treppe führte in das zweite Stockwerk. Hier stand er nun vor einem mit goldenen Nägeln verzierten Türvorhang. Durch den Spalt zwischen Türvorhang und Boden kam ein schwacher Lichtschein. Er zog die Portiere ganz leise an sich und stand einer Tür gegenüber, deren silberne oder kupferne Ornamente im Dunkel glänzten. Aber wichtiger für den armen Chevalier war das bißchen Licht, das durch das Schlüsselloch drang. Er brachte sein Auge daran; doch sah er nichts; er glaubte einen Vorhang unterscheiden zu können, der im Raume nah vor der Tür hing.

‚Das ist jedenfalls ein vornehmer Wohnraum‘, sagte er sich. Sein nächster Gedanke war, keinerlei Geräusch zu machen. ‚Aber‘, dachte er, ‚schließlich muß ich ja doch einmal mit jemandem reden, und so allein, verloren in einem weitläufigen Hause und mitten in der Nacht, ist's besser, ich spreche mit einem Herrn statt mit einem Lakaien. Der Herr wird leicht begreifen, daß ich kein Dieb bin.‘

Er faßte mit der linken Hand die Portiere, diese beiseite haltend, und faßte mit der rechten an den Türknopf; 363er öffnete ganz leise und sagte mit seiner liebenswürdigen Stimme:

„Herr Graf, erlauben Sie, daß ich eintrete?“

Keine Antwort. Er blieb eine Weile in seiner Stellung, auf dem Boden zwischen seinen Füßen den Degen, damit er ihn, wenn nötig, rasch zur Hand hätte. Er wiederholte das Kompliment, so reizend als möglich von ihm ausgedacht:

„Herr Graf, wollen Sie mir erlauben, daß ich eintrete?“

Keine Antwort. Der Chevalier sah sich in dem mit der Großartigkeit neuesten Stiles gezierten Prunkgemach um. Die Wände deckten gebuckelte vergoldete Ledertapeten. Der Tür gegenüber stand ein mächtiger Schrank aus Ebenholz mit einer Menge kleiner Säulen, deren Kapitale aus Perlmutter waren. Zur Rechten breitete sich ein Bett, dessen Vorhänge aus rotem Damast zugezogen schienen. Er konnte nicht in das Bett sehen. Die eine Fußsäule, die er bemerken konnte, war vergoldet. Zwei Genien, wohl aus Goldbronce, stützten mit ihren hochgehaltenen Armen einen kleinen Tisch mit ockergoldner Platte; zwei vergoldete Leuchter standen darauf, in deren einem eine Kerze brannte; und was den Chevalier nicht wenig beunruhigte, war, daß er neben dem brennenden Leuchter ganz deutlich fünf, sechs edelsteinblitzende Ringe liegen sah.

Er machte einen kleinen Schritt ins Gemach, mit kleinen Verbeugungen und schüchtern-liebenswürdigen „Verzeihung, Herr Graf“.

Über einem Kamin hing ein strahlender Venetianer Spiegel. Da stand ein großer Toilettentisch, mit schwerer grüner Seide überzogen. Auch auf diesem Tisch lagen 364Ringe und eine steinverzierte Uhr; ihr leises Ticken war das einzige wahrnehmbare Geräusch im Raum.

‚Wie wird der Besitzer aller dieser Kostbarkeiten aufschreien, wenn er jetzt aus dem Bett springt und mich erblickt! Aber ich muß doch zu einem Ende kommen, so oder so. Eine Viertelstunde hab ich schon in Zwecklosigkeiten und in der verrückten Hoffnung verloren, nicht für einen Dieb gehalten zu werden.‘ Er ließ die Tür los, die sich mit einem kleinen Geräusch schloß. Sie war von innen nicht zu öffnen, wie sich der Chevalier gleich überzeugte. ‚Ich bin gefangen‘, sagte er sich und untersuchte genauer noch die Tür; es war unmöglich, sie zu öffnen. ‚Ich bin eingesperrt.‘ Von diesem Umstand beunruhigt, ging der Chevalier entschlossen auf das Bett zu. Dessen Vorhänge waren fest zugezogen. Er schlug sie auseinander, immer allerlei lächelnde Entschuldigungen für die im Bett vermutete Person stammelnd.

Das Bett war leer. Aber in hinreichender Unordnung, die sagte, daß es eben noch besetzt war. Die Vorhänge trugen reiche Spitzen. Der Chevalier griff nach dem Leuchter, um besser zu sehen; er steckte eine Hand unter die Decke; es war noch warm da. Nun untersuchte eiligst der Gefangene mit dem Leuchter das Zimmer nach einem Ausgang; zu seinem großen Verdruß fand er keinen andern als die Tür, die sich von innen nicht öffnen ließ, und ein Fenster. Er wußte nichts andres als die Bettvorhänge zu zerreißen und daraus etwas wie ein Seil zu drehen, mit dessen Hilfe er den Abstieg durchs Fenster in ein dunkles Ungewisses wagen könnte, in etwa vierzig Fuß Tiefe, wie er schätzte; ob das da unten ein Dach oder ein Hof sei, dies zu unterscheiden machte er vergebliche Anstrengungen.

365‚Und was, wenn ich da unten heil und ganz ankomme? Ich bin da vielleicht genau so gefangen wie hier.‘

Da blitzte ihm ein Gedanke auf:

‚Ich sehe keinen Degen hier im Zimmer. Die Kammerdiener der hier hausenden vornehmen Persönlichkeit haben deren Kleider ohne Zweifel mit fortgenommen. Aber seinen Degen hätten sie ihm doch dagelassen. Aber vielleicht drangen Diebe ins Haus und er hat für ihre Verfolgung das Bett verlassen, den Degen in der Faust? Seltsam ist es doch, daß keine Waffe hier im Zimmer ist.‘

Und mit äußerster Sorgfalt ging nun der Chevalier daran, das Zimmer zu durchforschen. Da stieß er ganz nah am Bett auf dem Teppich auf zwei kleine Schuhe aus weißer Seide und auf ein Paar außerordentlich dünne Seidenstrümpfe.

‚Ich bin doch ein großer Schafskopf! Ich bin hier bei einer Frau!‘

Gleich darauf fand er ein paar Strumpfbänder aus Silberspitze; auf einem Fauteuil einen kleinen Unterrock aus rosarotem Satin.

‚Es ist eine junge Frau‘, rief er hingerissen, und seine Neugierde war so mächtig erregt, daß er ganz seine Angst vor dem Gefängnis oder vielmehr vor dem Tode vergaß, die sein einziges Gefühl war seit der Minute, als er den jungen Menschen mitten auf der Straße niedergestochen hatte. In seiner Neugier vergaß der Chevalier auch gänzlich, für einen Dieb gehalten zu werden. Er öffnete, das Licht in der Hand, den Degen unterm Arm alle Schubfächer des Toilettentischs. Er fand eine große Menge kostbaren Schmucks und von erlesenem Geschmack; einige kleine Kassetten trugen gravierte Inschriften 366in italienischer Sprache. ‚Die Herrin dieses Raumes muß bei Hofe gewesen sein‘, sagte er sich. Er fand außerordentlich kleine Handschuhe, die getragen waren. ‚Entzückende Hände hat sie‘, sagte er. Da stieß er zu seiner größten Freude auf einen Brief.

‚Dieses Gemach ist also von einer offensichtlich jungen und schönen Frau bewohnt. Ein Mann macht ihr die Cour und ohne Glück.‘

Des Chevaliers Neugierde war zunächst befriedigt, und eine große Müdigkeit kam über ihn. Um sich eine Zeit zu geben, die wohl gleich eintretende Person sich anzusehen, setzte er sich in den Alkov zwischen Bett und Wand nieder. Er rechnete bestimmt darauf, wachend das Ende eines Abenteuers abzuwarten, das schlecht für ihn ausgehen konnte, aber er schlief sehr rasch ein.

Er wachte von dem kleinen Geräusch der Tür auf; die Kammerzofe hatte sie geöffnet.

„Geh zu Bett. Ich brauch dich nicht mehr. Aber weck mich sofort, wenn es meiner Mutter wieder schlechter geht.“

Saint-Ismier hatte, aus dem Schlaf geschreckt, kaum Zeit, diese gehörten Worte zu verstehen. Der Bettvorhang öffnete sich; ein junges Mädchen stand da, einen Armleuchter mit zwei brennenden Kerzen in der Hand, die volles Licht über das Zimmer warfen. Ein ungeheurer Schrecken drückte sich in ihren Zügen aus, als sie hinter ihrem Bette einen blutbedeckten Menschen liegen sah. Sie stieß einen kleinen Schrei aus, stützte sich auf das Bett. Und starrer Schrecken verzerrte das Gesicht, als Saint-Ismier sich aufrichtete, um sie zu stützen. Nun schrie sie laut auf und sank, wie der Chevalier aus der Folge erfuhr, in Ohnmacht, erst auf 367das Bett, dann auf den Boden. Der Leuchter fiel und erlosch. Saint-Ismier wußte erst nicht, was tun; er war ratlos. Den letzten Rest von Schlaftrunkenheit abzuschütteln, setzte er sich mit einem Ruck auf. Er griff nach seinem Degen und horchte; alles war tiefste Stille. Er tastete nach dem, was ihm über die Beine gefallen war; fand eine Frau, die er für tot glaubte; er griff eine Hand, deren Kleinheit und zarte Haut ihn denken ließ, es sei eine Frau, die irgendein Eifersüchtiger getötet habe.

‚Man muß ihr helfen‘, sagte er sich und hatte von diesem Augenblick wieder sein kaltes Blut. Der Kopf der Frau lag auf seinem Knie. Er zog es so vorsichtig als er nur konnte, zurück, hob das Köpfchen und bettete es auf einen Schemel. Er fand so viel Wärme unter den Achseln dieses Leibes, als er ihn hob, daß ihm der Gedanke kam, die Person dürfte nur infolge einer großen Verwundung ohnmächtig sein.

‚Ich muß um alles in der Welt von hier heraus‘, sagte er sich. ‚Da ist keine Hoffnung, mit dem eifersüchtigen Gatten oder dem wütenden Vater, dem diese Dame getötet wurde, vernünftig zu reden. Unmöglich, daß er nicht gleich zurückkomme, um zu sehen, ob seine Rache gelungen oder um den Leichnam wegzuschaffen; und findet er mich hier blutbedeckt und ich kann nicht sagen, wie hierhergekommen, so kann ihm leicht der Gedanke einfallen, sich auf meine Kosten unschuldig zu machen und mich als den Mörder dieser Dame zu bezeichnen; ich könnte nichts darauf antworten, das Verstand hätte.‘

Mit größter Vorsicht erhob sich Saint-Ismier, ganz bedacht nur, der Dame nicht weh zu tun, die in der engen Bettgasse auf ihm lag. Aber da stieß sein Fuß 368an den Armleuchter, der mit großem Geräusch ins Zimmer rollte. Der Chevalier blieb stehen, unbeweglich und die Hand am Degengriff. Aber alles blieb still. Schritt um Schritt ging nun Saint-Ismier das Gemach ab, mit dem Degen die Wände abtastend. Es war vergeblich; er fand nicht Öffnung noch Tür; die von außen nur zu öffnende war ohne Gewalt nicht aufzubrechen. Von neuem öffnete er das Fenster. Da war weder ein Balken noch ein Gesims, die einen Ausbruch erlaubt hätten.

‚Ich hab mir wahrhaftig nichts vorzuwerfen, wenn mich dieser Zwischenfall auf der Flucht vor dem Gefängnis aufs Schafott bringt: ich hab mich selber gefangen gesetzt.‘

Er horchte; es war ihm, als hätte er vom Bett her etwas sich bewegen gehört. Er tastete sich im Dunkel eilends hin. Es war die junge verwundet geglaubte Dame, die aus der Ohnmacht durch das Geräusch erwacht war, das er mit dem Fenster machte. Er nahm sie beim Arm und die Furcht brachte sie vollends zu sich. Da entriß sie ihm den Arm und gab dem Chevalier einen Stoß, so stark sie konnte.

„Sie sind ein Scheusal! Was Sie tun, ist grauenvoll! Sie wollen meine Ehre besudeln und mich dadurch zwingen, Ihre Frau zu werden. Aber ich weiß alle Ihre Absichten zu nichte zu machen. Gelingt es Ihnen, mich vor den Augen der Welt zu entehren, so geh ich eher ins Kloster, als daß ich eine Marquise von Buch werde.“

Der Chevalier trat einige Schritte zurück auf die andere Seite des Bettes.

„Verzeihen Sie, Madame, die Angst, die ich Ihnen verursache. Zunächst kann ich Ihnen eine vortreffliche Neuigkeit berichten: ich bin nicht der Marquis von 369Buch, ich bin der Chevalier von Saint-Ismier, Kapitän im Regiment Royal-Cravatte, von dem Sie, wie ich glaube, nie reden gehört haben. Ich bin in Bordeaux heut abend um neu Uhr eingetroffen, und auf der Suche nach dem Hause der Miossens wurde ich von einem gutgekleideten Menschen mit dem Degen angefallen, auf der Straße. Wir haben uns geschlagen, und ich habe ihn getötet. Man hat mich verfolgt. Ich fand eine kleine Tür offen; sie führte in Ihren Garten. Ich stieg eine Treppe hinauf, und da ich mich noch immer verfolgt glaubte, stieg ich über einen Balkon in eine Antichambre. Ich sah Licht hier und trat ein, mit vielen Entschuldigungen für den Edelmann, den ich störte, und erzählte ihm, es war etwas lächerlich, laut meine ganze Geschichte, wie ich es eben jetzt tue. Ich starb vor Angst, für einen Dieb gehalten zu werden. Alle meine lächerlichen Höflichkeiten waren Grund, daß ich erst nach einer Viertelstunde merkte, daß das Bett leer war. Dann bin ich, scheint es, eingeschlafen. Ich wachte auf, als der Leib einer getöteten Dame über mich fiel. Ich griff eine entzückende kleine Hand; ich bin hier im Brautgemach eines sehr eifersüchtigen Edelmanns, dessen Geschmack und Reichtum zu bewundern ich alle Gelegenheit hatte. Ich sagte mir, der Eifersüchtige würde behaupten, ich hätte seine Frau umgebracht. Da legte ich Ihr Köpfchen, Madame, so zart ich vermochte, auf einen Schemel, und versuchte mein Letztes, aus diesem Gemach herauszukommen. Ich wiederhole, Madame, ich halte mich für einen sehr tapfern Menschen, und bin seit heute abend um neun zum erstenmal in Bordeaux. Ich habe Sie also noch nie gesehen, Madame, weiß nicht einmal Ihren Namen und bin in Verzweiflung über die Ungelegenheiten, die ich 370Ihnen mache. Aber Sie haben von mir wenigstens nichts zu [fürchten.]

„Ich tue mein Möglichstes, um mir Sicherheit zu geben“, sagte die Dame nach einer Weile. „Ich glaube alles, was Sie mir sagen, aber doch kann der grausame Zufall, dessen Umstände Sie mir erzählen, mich meine Ehre kosten. Ich bin allein mit Ihnen in diesem Gemach, ohne Licht, und es ist drei Uhr nachts; es gehört sich, daß ich gleich meine Kammerjungfer rufe.“

„Verzeihen Sie, Madame, daß ich nochmals von mir spreche. Der Kommandant Rochegude ist mein Feind, und ich flüchtete nach Bordeaux, eines andern Duells wegen verfolgt, das ich vor einiger Zeit schlagen zu müssen das Unglück hatte. Ein Wort von Ihnen, Madame, kann mich auf die Feste Trompette bringen, und da jener, den ich tötete, sich gewiß aller Protektion erfreut, verlasse ich dies Fort nur auf dem Wege zum Richtblock.“

„Ich werde vorsichtig sein,“ sagte die Dame, „aber lassen Sie mich nun gehen.“

Sie schritt zur Tür, die sie durch ein Geheimschloß öffnete. Nun fiel sie mit dem festen Geräusch wieder zu, und Saint-Ismier war aufs neue allein, ohne Licht, gefangen.

‚Ist die Frau häßlich und aus diesem Grunde böse,‘ dachte der Chevalier, ‚so bin ich verloren. Aber sie hatte eine zarte Stimme. Jedenfalls werden Domestiken auf mich losgelassen. Da wird's nichts zu markten geben; ich steche den ersten nieder, der sich zeigt. Das schafft dann einen Augenblick Verwirrung, die ich nütze, die Stiege hinunter und auf die Gasse zu kommen.‘

Er vernahm draußen Stimmen.

‚Gleich wird sich alles entscheiden‘, sagte er sich.

371Er packte mit der Linken einen Schemel, den er seinem Angreifer zwischen die Augen werfen wollte, und stellte sich hinter den Bettvorhang.

Die Tür ging auf. Er sah ein leidlich hübsches Mädchen eintreten, in der Hand ein Licht, mit der andern die Portiere haltend. Sie sah den Raum mit den Blicken ab und fand den Fremden nicht. Da lachte sie.

‚Ich dachte mir's doch, daß es nur ein Scherz wäre. Sie wollten mich nur durch eine seltsame Geschichte am Schlafen hindern, gnädiges Fräulein.‘

Da trat eine Dame ein, achtzehn oder zwanzig Jahre alt und von blendender Schönheit; doch blickte sie ernst und sogar ein wenig unruhig. Sie ließ die Tür zufallen und ohne ein Wort zu der zuerst eingetretenen Jungfer zu sprechen, machte sie ihr ein Zeichen gegen den Alkoven hin.

Als der Chevalier bloß die beiden Frauen sah, trat er, den Degen in der Hand, hinter dem Vorhang hervor. Aber der nackte Stahl und das Blut, das ihn bedeckte, machten Wirkung auf die Zofe, die sich ganz blaß ans Fenster zurückzog. Der Chevalier dachte weder an Gefängnis mehr noch an seine Duelle; er bewunderte die außerordentliche Schönheit der jungen Person, die aufrecht vor ihm stand und ein wenig bestürzt. Nun fiel heftige Röte über ihr Gesicht, und ihre Augen wurden groß vor Neugierde.

‚Man möchte glauben, sie erkenne mich‘, dachte Saint-Ismier. Und dann: ‚Ich bin nicht goldbestickt wie der junge Mann, den ich erstochen habe; er war neueste Pariser Mode. Aber vielleicht gefällt ihrem guten Geschmack meine einfache Eleganz.‘ Er fühlte sich von Respekt ganz durchdrungen.

„Das Dunkel war nicht günstig, Madame. Es ließ mir 372aber mein kaltes Blut. Erlauben Sie mir, daß ich meine Entschuldigungen wiederhole für die schrecklichen Ungelegenheiten, in die Sie mein Unglück gebracht haben.“

„Sie erlauben, Herr Chevalier, daß alles, was Sie betrifft, auch von meiner Jungfer Alix gewußt wird. Sie hat viel Menschenverstand, alles Vertrauen meiner Mutter und ihr Rat wird uns nützlich sein — Sie erlauben?“

Alix hatte mehrere Kerzen angezündet. Nun nahm sie auf ein Zeichen ihrer Herrin auf einem Stuhl neben dem Fauteuil Platz, in dem sich diese selbst niedergelassen hatte.

Die junge Dame schien Mißtrauen und Unruhe verloren zu haben. Sie begann die Unterhaltung damit, den Chevalier aufzufordern, seine Geschichte nochmals zu erzählen. Währenddem dachte Saint-Ismier:

‚Allem Anschein nach hat diese Demoiselle Alix großen Einfluß auf die Mutter der jungen Dame, die wünscht, daß die Mama alle Einzelheiten dieser Nacht aus dem Munde dieser Alix erfahre.‘

Aber etwas beunruhigte fortwährend den Chevalier: das schöne Mädchen machte ihrer Alix heimliche Zeichen.

‚Wär's möglich, daß diese Frauen mich verrieten? Daß sie, mich hier durch Erzählen festhaltend, nur die Wache erwarten, nach der sie meinetwegen geschickt haben? Komme, was mag — ich glaube, in meinem Leben habe ich keine schönere und eindrucksvollere Frau gesehen.‘

Der Verdacht des Chevaliers wuchs, als die junge Dame zu ihm mit einem unerklärlichen Lächeln sagte:

„Wollen Sie mit uns in eine ganz nahe Galerie treten, Chevalier?“

‚Weiß Gott,‘ dachte der Chevalier, ‚was für eine Gesellschaft 373uns in der Galerie erwartet! Ich hätte Lust, das Fräulein zu erinnern, was mir bevorsteht, wenn man mich ins Gefängnis abführt.‘

So klug zu denken bringt nur ein Mann in großer Todesnot fertig; es auszusprechen, konnte er sich nicht entschließen; er fürchtete die Verachtung einer Dame dadurch zu riskieren, die ein so großartiges Wesen zeigte.

Alix öffnete die Tür. Der Chevalier bot der schönen Dame den Arm, deren Namen er noch immer nicht wußte. Man schritt über den Vorplatz der kleinen Marmorstiege. Alix drückte auf einen im Zierwerk der Wand verborgenen Knopf und man trat durch die sich öffnende Geheimtür in eine weitläufige Bildergalerie; der Chevalier packte fest seinen Degen.

„Hier wollen Sie sich versteckt halten so lange, bis meine Mutter sich über die Vorfälle dieser Nacht unterrichten konnte, die Sie zu uns geführt haben. Es ist angebracht, daß ich Ihnen sage, in welchem Hause Sie sich befinden. Ich bin Marguerite, Prinzessin de Foix. Die Leute des Herrn Rochegude werden es nicht wagen, hier einzudringen.“

„Es scheint mir ganz unmöglich, gnädiges Fräulein, daß der Chevalier mit Ihnen unter einem Dache wohne. Wird es bekannt, läßt es sich nicht mehr leugnen. Man muß eine Erklärung geben, und jede Erklärung ist tödlich für den Ruf eines jungen Mädchens, besonders wenn dieses Mädchen die reichste Erbin der Provinz ist.“

„Vor drei Jahren, Chevalier, verlor ich in der Bataille von ** meine beiden Brüder. Seitdem ist meine Mutter plötzlichen und sehr beunruhigenden Anfällen unterworfen. Wie heute nacht wieder. Ich weilte bei ihr, währenddem Sie in mein Zimmer dringen konnten auf 374so sonderbare Weise. Diese Galerie enthält nur mäßig merkwürdige Bilder. Ich bitte Sie, sehen Sie sich einige davon an.“

Der Chevalier blickte die Prinzessin an.

‚Sie ist verrückt,‘ dachte er, ‚wie schade.‘ Und er ging mit ihr ganz unter dem Eindruck dieser Meinung einige Schritte vor ein Bild.

„Hier sehen Sie einen jungen Krieger in einer heute nicht mehr üblichen Rüstung. Immerhin schätzt man das Bild des Malers.“

Der Chevalier stand versteinert vor Erstaunen: er erkannte in dem Bilde sein eigenes Porträt. Er blickte auf die Prinzessin, deren vornehm ernstes Wesen unverändert blieb, nichts verriet.

„Mir kommt vor,“ sagte er nach einer Weile, „als sähe ich in dem Bilde eine zufällige Ähnlichkeit mit mir.“

„Ich weiß nicht,“ sagte die Prinzessin, „aber dies ist das Konterfei des Raymond von Saint-Ismier, Fahnenjunker im Garderegiment. Vor vier Jahren wollte mein armer älterer Bruder, der Herzog von Condal, hier die Bildnisse aller jener Verwandten beisammen haben, deren Familien noch existierten. Du siehst, Alix, wie es wohl nicht unmöglich ist, daß meine Mutter einem unsrer Verwandten Asyl gewährt, dem Chevalier von Saint-Ismier, verfolgt wegen eines unverzeihlichen Verbrechens, eines Duells.“

Bei diesen Worten lächelte Marguerite zum erstenmal und mit entzückendem Zauber.

„Es soll alles geschehen, wie das gnädige Fräulein wünschen. Es geht natürlich nicht, die gnädige Frau Prinzessin, Ihre Mutter, nach der schrecklichen Nacht, die sie gehabt hat, aufzuwecken. Ich bitte das gnädige 375Fräulein, mir Befehle zu erteilen, aber nicht Ratschläge von mir zu verlangen.“

„Und ich verdürbe mir das [außerdentliche] Glück, das ich diesem Bildnis eines meiner Ahnen verdanke, wenn ich duldete, daß das, was das gnädige Fräulein einem leider sehr entfernten Verwandten schuldig zu sein glaubte, zu irgendeinem Schritt führte, den Mademoiselle Alix mißbilligt.“

„Ja, wenn Sie fortwollen,“ sagte Marguerite mit reizender Anmut, „dann bin ich hinsichtlich des Mittels in großer Verlegenheit. Das Haus hat einen Torwächter, einen alten Soldaten, der den pompösen Titel Gouverneur führt. Jeden Abend muß unser Gouverneur die äußeren Tore sperren und die Schlüssel verwahren. Die kleine Gartentür, durch die Sie gekommen sind, ist jetzt zu. Heut nacht um zwölf sah ich, wie unser Pförtner alle Schlüssel meiner Mutter brachte. Sie liegen auf einem kleinen Tisch neben ihrem Kamin. Alix, willst du von dem Tisch den Schlüssel holen, damit wir den Chevalier hinauslassen können?“

„Bei Madame der Prinzessin wachen vier, fünf Frauen,“ sagte Alix, „und den Schlüssel zu holen, wäre das Unklügste, was wir tun könnten.“

„Dann gib doch ein andres Mittel an, wie wir den Chevalier von Saint-Ismier, unsern Vetter, aus dem Hause bringen.“

Man besprach manches, ohne Erfolg. Da machte Alix, von den Einwendungen ihrer Herrin in die Enge getrieben, zum Schlusse eine Unklugheit.

„Sie wissen, gnädiges Fräulein, daß das Appartement des Herzogs von Condal unberührt und unbetreten ist. Bei einem Bette liegt, wie ich weiß, eine seidene Strickleiter, die vierzig Fuß lang sein muß. Sie ist leicht, und 376ein Mann kann sie unter dem Arm tragen. Auf dieser Leiter steigt der Herr in den Garten. Ist er einmal da und entdeckte man ihn auch im Garten, so ist die Sache schon weit weniger kompromittierend für Sie. Es gibt doch so viele Frauen im Hause! Am Ende des Gartens, gegen die kleine Kirche vom fleischgewordenen Worte zu, ist eine Stelle, wo die Mauer nicht höher ist als acht Fuß; im Garten gibt's allerlei Leitern. Der Herr kann leicht die Mauer hinaufkommen und auf der andern Seite dient ihm ein Stück der Strickleiter.“

Als die weise Alix mit ihrem Fluchtplan soweit war, lachte die Prinzessin hellauf.

377AUS ITALIENISCHEN CHRONIKEN

378ÜBERTRAGEN VON FRANZ BLEI

379Ich kann mir denken, daß meine Zeitgenossen aus dem Jahre 1833 von den naiven und lebhaften Geschichten, die man hier in der Sprechweise einer Gevatterin wiedergegeben findet, wenig erbaut sein dürften. Mir liefert die Erzählung all dieser Prozesse und Hinrichtungen wahrhafte Daten über das menschliche Herz, über die man des Nachts im Postwagen gern nachdenkt. Es wäre mir viel lieber gewesen, ich hätte Geschichten von Liebeshändeln, Heiraten, klugen Erbschleichereien gefunden. Aber in solche Geschichten hätte, auch wenn ich deren gefunden hätte, die Eisenhand der Gerechtigkeit nicht hineingegriffen, und sie würden mir auch, fände ich welche, wenig vertrauenswürdig vorkommen. Immerhin sind gefällige Leute in diesem Augenblick bemüht, für mich derlei auszuforschen.

Seit der Mitte des 16. Jahrhunderts hat die Eitelkeit, le desir de parestre, wie der Baron de Foeneste, sagt, in Frankreich einen dichten Schleier über das Tun der Menschen geworfen und insonders über die Motive des Tuns. In Italien ist die Eitelkeit von ganz andrer Art, dessen ich den Leser mit meinem Ehrenwort versichern kann; sie hat hier eine bedeutend geringere Wirkung. Man denkt im allgemeinen an den Nachbar nur, wenn man ihn haßt oder ihm nicht traut; Ausnahmen davon 380gibt es höchstens bei den drei oder vier großen Festen im Jahr; dann erzwingt sich jeder, der ein Fest gibt, sozusagen mathematisch des Nachbarn billigende Zustimmung. Es gibt da keine flüchtigen Nuancen, die man in jeder Viertelstunde des Lebens mit tödlicher Unruhe im Fluge sich erhascht und merkt. Man sieht hier keines jener unruhigen und magern Gesichter, durch welche alle Ängste einer stets leidenden Eitelkeit blicken, keines dieser Gesichter à la Vixault, Deputierter des Herault im Jahr 1833.

Diese italische Eitelkeit ist so sehr verschieden und so sehr viel schwächer als unsere französische, und dies hat mich darauf geführt, die nachfolgenden Klatschgeschichten abschreiben zu lassen. Meine Vorliebe für diese Geschichten dürfte jeden meiner französischen Zeitgenossen spaßig und gesucht vorkommen, die gewohnt sind, ihr literarisches Vergnügen und das Abbild des menschlichen Herzens in Werken wie denen der Herrn Villmain und Delavigne zu suchen. Dessen bin ich sicher, daß das heutige England, Deutschland und Frankreich viel zu zerfressen sind von Affektiertheit und aller Art Eitelkeit, als daß sie imstande wären, ein so scharfes Licht in die Tiefen des menschlichen Herzens zu werfen, wie es diese alten italienischen Berichte tun.

Ich muß gestehen, daß ich sehr wenig neugierig bin auf die Denk- und Lebensgewohnheiten der Bewohner von Ceylon oder von Neu-Holland. Diese Völker sind allzuverschieden von den Menschen, die meine Freunde und Nebenbuhler waren. Sie bringen mich zum Gähnen wie die Achille, und Agamemnone und die Helden Racines: ich kenne diese Herrschaften nicht. Aber ich schmeichle mir, die Franzosen und die Italiener meiner 381Zeit zu kennen; ich liebe das, was das Herz des Menschen darstellt, aber des Menschen, den ich kenne.

Rom, Palazzo Cavalieri

24. April 1833.

Man wird in dem Folgenden keine komponierten Landschaften finden, sondern wahrhafte Naturansichten. Die Wahrheit muß hier für alle sonstigen Vorzüge stehen; aber wir leben in einer Zeit, der die Wahrheit nicht genügt und die sie nicht genug pikant findet. Die sich in dieser Verfassung Geistes befinden, denen rate ich, jede Woche nur eine der folgenden Geschichten zu lesen, deren Sprache ich liebe; es ist die des Volkes, voller Pleonasmen und alle schrecklichen Dinge bei ihrem schrecklichen Namen nennend. Aber gerade dadurch schildert der Erzähler unbewußt sein Jahrhundert und dessen gemeinübliche Denkweise.

Die mehreren dieser Geschichten sind wenige Tage nach dem Tode der armen Teufel niedergeschrieben worden, von denen sie Bericht geben. Meine Korrekturen versuchten, die Sprache etwas weniger dunkel zu machen, damit ich nicht schon beim dritten Lesen die Geduld verliere. Es ist ja überhaupt die Dunkelheit ein großer Fehler des Italienischen oder vielmehr der acht oder zehn italienischen Sprachen, von denen keine ihre Rivalinnen besiegt hat, so wie die Sprache von Paris die Montaignes getötet hat. So sagt man in Rom: vi vedrò domani al giorno, was in Florenz kein Mensch verstünde. Ich persönlich läse lieber eine Geschichte in englischer als in italienischer Sprache, sie wäre mir deutlicher.

Nur ein Volk, in dem die Stärke des unmittelbaren Eindruckes, wie in Neapel, und die Stärke der vom 382Geiste ohne Pause geförderten Leidenschaft, wie in Rom, so bedeutend war, vermochte es, in solch hohem Maße Affektiertheit und Eitelkeit zu unterdrücken oder auszuschalten. Ich bin nicht sicher, ob man außerhalb Italiens — und Spaniens vor der Unnatur des 19. Jahrhunderts — eine Epoche fände, kultivierter und interessanter als die der Riccaras, von denen Franklin berichtet, und doch wieder so sehr ohne Eitelkeit, daß das menschliche Herz fast bloß liegt. In diesem Jahre 1833 kann ich feststellen, daß man in Frankreich und besonders in England Totschlag vorwiegend des Geldes wegen begeht. Aber von den beiden armen Teufeln, die vorgestern hier hingerichtet wurden, hat der dreiundzwanzigjährige Vivaldi seine Frau umgebracht, weil er eine andere liebte, und der zweite, siebenundzwanzigjährig, hatte aus politischen Gründen einen Arzt erschossen, der wahrscheinlich ein Vaterlandsverräter war. Von Geldinteressen keine Spur.

Rom, 15. Mai 1833.