Das Rind
[82]. Warum können wir nicht auch fette Schweizerkäse herstellen?
Die Zeiten sind lange vorbei, wo man in den Straßen Berlins noch Rinderherden sah, wie ich es in meinen jungen Jahren erlebt habe. Heute rennt die ganze Jugend Berlins zusammen, wenn eine Kuh nach oder von einer Molkerei befördert wird. Alle staunen das Wundertier an. Was im Dorfe die alltägliche Erscheinung ist, gehört in der Großstadt zu den Seltenheiten.
Um eine weidende Rinderherde zu beobachten, müssen wir schon ein ordentliches Stück Weg laufen. Das Glück ist uns hold. Wir treffen eine Herde von Kühen an und können in Ruhe den Tieren zuschauen.
Da in der Nähe auch ein Pferd grast, so können wir so recht den Unterschied zwischen dem Weiden des Pferdes und der Rinder beobachten. Das Pferd packt die Gräser mit der sehr beweglichen Oberlippe und beißt kurz ab, die Kuh dagegen arbeitet hauptsächlich mit der Zunge, die ihr die fehlenden oberen Schneidezähne ersetzt. Schlächter haben mir oft erklärt, daß man mit einer getrockneten Rinderzunge einen Stuhl zusammenschlagen kann. Ich habe es in diesen Zeiten der Fleischnot noch nicht ausprobieren können, halte es aber sehr wohl für möglich. Jedenfalls ist die Zunge beim Rinde ein äußerst wichtiges Glied.
Weil die Kuh das Gras mit der Zunge packt, wird es nicht so tief abgebissen. Daher kommt es, daß, wo Kühe gegrast haben, noch sehr gut Pferde weiden können.
Die äußerlich auffallendsten Unterschiede zwischen Rindern und Pferden sind namentlich folgende:
Die Rinder haben Hörner, die Pferde nicht.
Die Rinder sehen plump aus, die Pferde nicht.
Die Rinder haben gespaltene Hufe, die Pferde nicht.
Die Rinder haben einen langen, kahlen Schwanz, der mit einer Quaste endet, während Pferde einen schönen, bis zur Wurzel behaarten Schweif besitzen.
Wenn wir so die Kühe behaglich im hohen Grase weiden sehen, dann taucht unwillkürlich die Frage auf, weshalb wir nicht, wie die Schweizer, auch schöne fette Käse herstellen können. Warum müssen wir unser schönes Geld an sie abgeben?
Die Antwort darauf ist folgende: Wir können aus zwei Gründen solche Käse nicht herstellen. Einmal fehlt uns das Gebirgsgras und dann die Gebirgsweiden.
Gras ist nämlich nicht Gras, wie der Großstädter meint, sondern das Gebirgsgras ist so kräftig, daß eine Kuh, die sonst 36 Pfund Niederungsgras frißt, nur 24 Pfund Gebirgsgras braucht.
Im Zoologischen Garten können wir die Verschiedenheit der Grasarten recht deutlich beobachten. Gemsen leben nicht lange im Zoologischen Garten und pflanzen sich noch seltener darin fort. Dabei gibt es doch in Bayern noch zahlreiche Gemsen. Sie sind also heimische Tiere. Aber in der Gefangenschaft fehlt ihnen das gewürzige Gebirgsheu. Was wir ihnen vorsetzen, ist nicht ihr Fall.
Pferde in den Alpen brauchen keinen Hafer, weil das Gebirgsgras so kräftig ist.
Es ist klar, daß dieses Gebirgsgras eine viel fettere Milch und demgemäß einen viel fetteren Käse liefert.
Nun kommt hinzu, daß oben in den Gebirgsweiden die Verhältnisse für die Kühe viel günstiger liegen. Bei uns in der Ebene werden die Kühe mit dem Eintritt des Sommers dermaßen von Insekten belästigt, daß sie in beständiger Unruhe sind, und der Ertrag der Milch darunter sehr leidet.
Ganz anders ist es auf den Alpenweiden. Die Rinder können daher behaglich und ohne fortwährend gepeinigt zu werden, sich dem Fressen und Wiederkäuen widmen.
Die Schweiz hat also durch Natur gegebene Vorzüge, die wir nicht nachmachen können. Auch ist die Art der Herstellung von örtlichen Verhältnissen abhängig.
[83]. Der Stier und die rote Farbe.
Bei der Rinderherde befindet sich auch ein Stier oder Bulle. Er ist noch ein ziemlich junges Tier und deshalb allem Anscheine nach noch umgänglich. Aelteren Stieren ist gewöhnlich schlecht zu trauen.
Es dürfte bekannt sein, daß besonders der Stier eine ausgesprochene Abneigung gegen die rote Farbe hat. Es ist schon oft Unglück dadurch entstanden, daß Menschen, die von dieser Eigentümlichkeit nichts wußten, den Stier ahnungslos gereizt haben und infolgedessen schwer verletzt, ja getötet worden sind.
Was veranlaßt den Stier zu diesem Hasse auf die rote Farbe?
Wir kennen heute noch nicht genau die Stammeltern unserer Hausrinder. Aber es ist sicher, daß sie wie alle Wildrinder ihren größten Feind in den Katzen haben. Besonders der Tiger macht eifrig auf Wildrinder Jagd.
Die rote Farbe läßt wahrscheinlich den Stier an seinen grimmigsten Feind denken. Da der Stier nicht wie ein Pferd flüchtet, sondern mit seinem Gegner auf Tod und Leben kämpft, so ist der wütende Angriff des Stieres auf einen Menschen mit roter Kleidung verständlich.
Die Abneigung des Truthahns gegen die rote Farbe dürfte denselben Grund haben. Wir werden bei der Schilderung des Truthahns näher darauf zu sprechen kommen.
[84]. Das Flotzmaul der Rinder.
Bei den weidenden Rindern beobachten wir ferner, daß sie im Gegensatz zu dem Pferde ein Flotzmaul besitzen, d. h. eine breite haarlose und feuchte Stelle zwischen den Nasenlöchern.
Weshalb hat wohl das Rind einen solchen Nasenspiegel, den wir in ähnlicher Form bei Büffeln, Hirschen und anderen Pflanzenfressern finden?
Der Nasenspiegel ist sehr empfindlich und deshalb hindert er die Rinder, brennende und stachlige Pflanzen zu fressen. Während der Kriegsjahre konnte ich das sehr häufig im Zoologischen Garten beobachten. Die Futterration war nur knapp, und deshalb das Verlangen nach etwas Ersatz sehr groß. Im Spätsommer wachsen nun in den Ständen eine Unmenge Brennesseln. Das schöne Grün stach den Zebus, den indischen Rindern, in die Augen, und sie suchten immer wieder die Brennesseln zu fressen. Doch das empfindliche Flotzmaul trieb die Zebus immer wieder zurück. Nur junge oder verwelkte Brennesseln scheinen von Rindern gefressen zu werden.
Das Flotzmaul ist stets feucht und empfindlich wie beim Hunde die Nase und zwar aus denselben Gründen. Bei Wildrindern ist das Flotzmaul auch stets schwärzlich wie die Nase der Wildhunde.
[85]. Die Furcht der Rinder vor dem Blutgeruch.
Wenn wir unter uns einen Schlächter hätten, der eben geschlachtet hat, so könnte seine Witterung die ganze Rinderherde in Aufruhr versetzen.
Es braucht natürlich nicht gerade ein Schlächter zu sein. Es genügt, daß ein Jäger einen erlegten Rehbock im Rucksack trägt, dessen Blut von den Kühen gewittert wird. Ausschlaggebend ist stets der Blutgeruch. Es genügt also, daß wir die Hände in Blut getaucht oder daß wir ein Kleidungsstück mit Blut getränkt haben.
Der Grund des Verhaltens der Rinder ist einleuchtend, sobald wir an die Lebensweise der Wildrinder denken. Unzählige Male ist es vorgekommen, daß ein weidendes Rind gar nicht gemerkt hatte, daß ein Raubtier ein Kalb getötet oder einen Kameraden überfallen hatte. Die Anwesenheit des Raubtieres nahm es regelmäßig erst durch den Blutgeruch wahr.
Blutgeruch und zwar Geruch vom Blut eines Pflanzenfressers und Anwesenheit eines Raubtieres ist also für ein Rind so ziemlich dasselbe.
Hat daher ein Schlächter einen Kuhstall betreten, etwa um ein Kalb zu besichtigen, das er kaufen will, so sind die Kühe den ganzen Tag unruhig, was den Landleuten wohl bekannt ist.
Auch das Schlachthaus wollen Rinder nicht betreten, weil ihre feine Nase ihnen sagt, daß ihnen der Tod droht. Oft habe ich zugesehen, welche Anstrengungen erforderlich sind, um eine Kuh in den Schlachtraum zu bringen.
Die Furcht vor dem Blutgeruch besitzen auch Pferde, wovon schon früher (Kap. [67]) die Rede war.
[86]. Die Furcht der Rinder vor den Bremen.
In große Aufregung könnten wir die Herde auch versetzen, wenn wir das Geräusch einer fliegenden Breme (auch Bremse genannt) nachmachten. Wir werden das natürlich nicht tun. Allerdings ist die eigentliche Flugzeit der Bremen erst im Hochsommer und zwar in den Mittagsstunden.
Die Furcht der Rinder vor den Bremen ist sehr wohl begründet. Diese Insekten umschwärmen die großen Pflanzenfresser und suchen ihre Eier auf ihnen abzulegen. Obwohl die Rinder bei ihrer Ankunft die Schwänze hochnehmen und davonrasen, gelingt den Bremen ihr Vorhaben. Das abgelegte Ei entwickelt sich zur Made, die auf Kosten des Wirts lebt und große dicke Beulen, sogen. Dasselbeulen hervorruft. Diese Beulen, aus denen das fertige Insekt auskriecht, verursachen natürlich große Löcher in der Haut.
Man sollte meinen, daß der Gerber solche durchlöcherten Rinderhäute nicht haben will. Das Gegenteil war vor dem Kriege der Fall. Durchlöcherte Häute wurden gern genommen, weil die Erfahrung gelehrt hatte, daß die Insekten mit ihrem feinen Geruchsvermögen stets die gesündesten und kräftigsten Tiere zur Eiablage ausgesucht hatten.
[87]. Die Abneigung der Rinder gegen Hunde.
Es ist gut, daß wir keinen großen Hund bei uns haben. Denn man kann immer wieder erleben, daß die Rinder eine ausgesprochene Abneigung gegen Hunde haben.
Will ein Jäger mit seinem Hunde durch eine weidende Kuhherde wandern, so muß er sich vorsehen, daß sie seinen Hund nicht angreifen.
Hier zeigt sich so recht deutlich der Unterschied zwischen Pferd und Rind im Benehmen gegen ihren Feind. Das Pferd flüchtet regelmäßig und kämpft nur gegen kleinere Raubtiere. Auch stehen sich Pferde gegenseitig nicht bei.
Ganz anders liegt die Sache bei den Rindern. Diese halten zusammen und stürmen gemeinsam auf den Feind. Zur Flucht sind sie ja auch viel zu schwerfällig gebaut.
Deshalb brüllen auch die Rinder, die von einem Raubtier überfallen worden sind oder sonst Schmerz empfinden. Denn das Brüllen hat bei ihnen einen Zweck. Es soll die Genossen zum Beistand anspornen. Pferde dagegen stehen sich, wie wir wissen (Kap. [58]), nicht bei, und deshalb erleiden sie stumm alle Qualen.
[88]. Das Aufblähen der Rinder.
Wenn die Rinder gierig üppig gewachsenes Futter, z. B. Klee, Luzerne und Esparsette fressen, dann ereignet sich oft, namentlich, wenn die Sonne sehr sticht, und es schwül ist, das sogen. Aufblähen der Rinder. Dieses Aufblähen entsteht durch Auftreibung des Pansens infolge der Entwicklung von ungewöhnlichen Gasmengen.
Man ersieht hieraus, wie leicht den Landwirt schwere Verluste treffen können, gerade dann, wenn er seinen Tieren das schönste, was er ihnen geben kann, zu fressen gibt.
Da die Tiere nur weiden, wie es auch die Wildrinder tun, so scheint die Frage berechtigt zu sein, warum die an sich naturgemäße Art des Fressens zu schweren Erkrankungen führen kann.
Vergegenwärtigen wir uns die Lebensweise der Wildrinder und vergleichen wir sie mit der Lebensweise unserer Hausrinder, so ergeben sich folgende Unterschiede.
Zunächst sind die Wildrinder Nachttiere, wie schon aus ihren großen Pupillen ersichtlich ist. Genau wie unsere Hirsche und Rehe gehen sie erst mit dem Anbruch der Dämmerung auf die Nahrungssuche aus. Zu diesem Zwecke verlassen sie den Wald oder das Gebüsch, das ihnen am Tage Deckung gewährt hat, und treten auf die Felder.
Also von der Sonne prall beschienene Futterpflanzen, obendrein bei äußerst schwüler Luft, fressen die Wildrinder niemals.
Sodann gab es in Vorzeiten, als der Mensch noch nicht dem Acker seinen Stempel aufgedrückt hatte, niemals Futterpflanzen in solcher Fülle. Erst das Säen, die Bewässerung, die künstliche Düngung und anderes hat diese Unmasse hervorgerufen. Früher wuchsen blähende Futterpflanzen nur vereinzelt. Dazwischen standen andere Pflanzen, die dem Blähen entgegenwirkten, z. B. Kümmel. Also hatten die Wildrinder früher gar keine Gelegenheit, soviel blähendes Zeug zu fressen, wie heute die Hausrinder.
Drittens aber – und das ist die Hauptsache – fehlen unseren Haustieren die Raubtiere. Man beobachte einmal ein freilebendes Tier, z. B. ein Reh, wenn es abends aus dem Walde tritt. Erst wird gesichert, d. h. alle Sinne werden aufs äußerste angestrengt, ob nicht irgendwo ein Feind, namentlich ein böser Jäger, nach Rehbraten Verlangen trägt. Erst wenn die angestrengten Sinne nichts feststellen können, und wenn eine längere Prüfung dasselbe Ergebnis hat, dann wird vorsichtig ins Feld getreten. Hier wird nochmals aufs gründlichste gesichert, ob irgendwas Verdächtiges zu erkennen ist. Erst dann werden einige Happen ganz hastig genommen. Von einem gemütlichen Futtern ist aber gar keine Rede. Nach einer halben Minute geht schnell der Kopf hoch, und wiederum werden alle Sinne angestrengt.
In ähnlicher Lage nehmen auch die Wildrinder ihre Nahrung zu sich, wenngleich sie im Gefühl ihrer Stärke nicht so ängstlich zu sein brauchen. Immerhin wissen sie, daß ihnen der Mensch oft überlegen ist, und daß sie gegen seine Fallgruben machtlos sind.
Von einem hastigen gierigen Hinunterschlingen ohne Pause, wie es unsere Hausrinder tun, kann also bei Wildrindern niemals die Rede sein.
Da wir Menschen die Raubtiere ausgerottet haben, so müssen wir sie in den Fällen, wo sie uns nützlich waren, ersetzen. Die Raubtiere verhinderten, daß die Pflanzenfresser in ihrer Gier zu hastig ohne Pausen schlangen. Denn die Pflanzenfresser mußten immer solche Pausen machen, um nicht von einem Feinde überfallen zu werden.
Solche Pausen beim Fressen der Rinder können wir dadurch erzielen, daß wir die Tiere in ständiger Bewegung halten. Viele praktische Landwirte sind davon überzeugt, daß das beste Mittel gegen das Aufblähen die fortwährende Beunruhigung der Tiere ist. Sie müssen dann Pausen im Fressen machen, und Fressen mit Pausen ist naturgemäß, während Fressen ohne Pausen unnatürlich ist.
[89]. Die Kuh vorm neuen Tor. Der Ortssinn der Tiere.
Eine bekannte Redensart ist die: Er steht da, wie die Kuh vorm neuen Tor. Man meint damit ein blödes, unbeholfenes Anstarren eines Gegenstandes, den man an dieser Stelle nicht erwartet hat.
Ochse und Kuh, Esel und Schaf gelten ja von unsern Haussäugetieren als die dümmsten. Natürlich sind die Raubtiere klüger als die bloßen Pflanzenfresser. Die Raubtiere müssen ihre Opfer überlisten, was nicht immer sehr leicht ist. Dagegen haben es die meisten Pflanzenfresser bequemer, da sie manchmal nur ihr Maul aufzumachen brauchen.
Immerhin sind die Gründe, die man für die Dummheit der genannten Tiere anführt, in den meisten Fällen nicht überzeugend. Wir dürfen doch nicht vergessen, daß wir frei lebende Tiere, die sich allein und ohne Belehrung und Schutz durch die Welt schlugen, erst durch unsere Behandlung zu den Jammergestalten gemacht haben, als welche sie so häufig vor uns stehen. Das Wildschaf ist nach der Ansicht erfahrener Jäger ein sehr schwer zu erlegendes Geschöpf, während unser Schaf vollkommen hilflos ist.
Mit Dummheit hat das Anstarren des neuen Tores durch die Kuh nicht das mindeste zu tun, sondern es rührt von der Verschiedenheit der menschlichen und tierischen Auffassung her. Für den Menschen ist der Gegenstand maßgebend, der ihm die Stelle bezeichnet, wohin er will, während das Tier sich nach diesem Gegenstand gar nicht richtet.
An einem naheliegenden Beispiel können wir uns das am besten klarmachen. Angenommen, der Besitzer der weidenden Kuhherde ließ heute sein Tor neu anstreichen – was allerdings bei den jetzt so teueren Farbpreisen ausgeschlossen ist, aber angenommen werden soll –, so würde sich der Hütejunge um den neuen Anstrich kaum viel kümmern. Auch würde es dem Jungen gewöhnlich ganz gleichgültig sein, daß das Schild des Gasthofes neu angestrichen ist. Es soll nämlich angenommen werden, daß die Kühe einem Gastwirt im Dorf gehören. Das würde auch der Fall sein, wenn der Hütejunge aus der Fremde gekommen wäre und zum ersten Male seinen Dienst verrichtete. Die Kühe dagegen stutzen am Tor wegen des ihnen fremden Farbgeruchs, vielleicht auch deswegen, weil die früheren dunkeln Farben durch helle ersetzt worden sind.
Der im Orte ganz fremde Hütejunge sagt sich: Dort ist das Schild meines neuen Herrn: Gastwirt Friedrich Schultze. Also bin ich an der richtigen Stelle. So handeln wir alle und denken, daß die Tiere es auch so machen. Das Tier richtet sich aber nur, wenn es vorzügliche Augen besitzt, also ein Augentier ist, nach seinen Augen und selbst dann nicht immer. Die Nasentiere richten sich aber nur selten nach den Augen.
Die Rinder, die ein schwaches Auge, aber eine feine Nase besitzen, haben wie alle Säugetiere einen vorzüglichen Ortssinn. Dieser Ortssinn ist für sie entscheidend. Kehrt eine Kuh zurück, so zweifelt sie keinen Augenblick daran, daß sie auf dem richtigen Wege ist. Denn ihr Ortssinn läßt sie nicht irren. Aber sie stutzt vor dem neuen Tor, und ihr Verhalten könnte man in menschlicher Sprache etwa so ausdrücken: Als ich früher hier entlangging, gab es so etwas von heller Farbe und scharfem Geruch nicht. Das setzt mich in Erstaunen.
In diese ganz verschiedene Auffassung der Tiere können wir uns gar nicht hineinversetzen und machen uns über Dinge lustig, die hierzu gar keinen Anlaß geben.
Ich erzählte früher (Kap. [9]) von unserm blinden Hunde, der zwei Jahre lang sich darin nicht irrte, wie die einzelnen Möbel in unserer Wohnung standen, und sich niemals daran stieß, wenn man sie in ihrer Stellung ließ. Er wußte ferner auf der Treppe Bescheid, in unserm Garten und auf der Straße. Welche Riesenleistung ist das, wenn man sich das vergegenwärtigt! Welcher Mensch könnte auch nur die Stellung der Möbel einer einzigen Stube im Kopfe so sicher haben, daß er im Dunkeln nirgends daran stieße! Als wir später die Wohnung im Hause wechselten und eine Treppe hoch zogen, mußte sich der Hund erst die neue Stellung der Möbel merken. Aber das gelang ihm in überraschend kurzer Zeit. Schwerlich hätte ihm ein blinder Mensch das nachgemacht.
Wie wäre es möglich, daß man ein Pferd kauft und erst zu Hause merkt daß es blind ist. Ohne den Ortssinn der Pferde könnte es gar nicht den Eindruck eines sehenden Geschöpfes machen.
Bei Schwadronspferden ist oft festgestellt worden, daß sie erblindet waren, ohne daß es einer von den Mannschaften oder den Vorgesetzten gemerkt hatte. Wie wäre es denkbar, daß ein Mensch in einer Schule, in einer Kaserne, in einer Fabrik erblindet, ohne daß diese Blindheit irgendwie von seinen Kameraden entdeckt wird.
Der Blinde bei uns sucht einen Führer, namentlich wenn er ein Städter ist. Ohne Frage haben wir Menschen früher ebenfalls den Ortssinn der Säugetiere besessen. Auf dem Lande habe ich Blinde kennengelernt, die sich allein auf schwierigen Wegen zurechtfanden. Ohne das Vorhandensein eines Ortssinnes läßt sich eine solche Leistung nicht verstehen.
Den Ortssinn können wir am besten beim Pferde beobachten, wenn es seine regelmäßigen Fahrten macht. Es bleibt dann mit tödlicher Sicherheit vor dem Hause, in dem der Kunde wohnt, stehen.
Auf dem Lande kennt man allgemein die Fähigkeit der Pferde, den richtigen Platz wiederzufinden. Selbst in Berlin habe ich vor dem Kriege einen solchen Fall mit dem Kutscher eines Bäckermeisters erlebt und vorhin (Kap. [70]) erzählt.
Das Pferd kann weder lesen noch kennt es die Hausnummern. Trotzdem irrt es sich in den Häusern nicht, gleichgültig, ob man die Nummern verdeckt oder nicht.
Beim Hunde können wir den Ortssinn, wie bereits erwähnt wurde, ebenfalls häufig beobachten. Wir Menschen müssen uns Mühe geben, beispielsweise uns die Querstraßen der Friedrichstraße zu merken. Man sollte meinen, daß ein Hund, der nicht lesen kann, sich allein hier niemals zurechtfindet. Das Gegenteil ist der Fall. Wie der früher erwähnte junge Hund von dem Michaelkirchplatz nach Pankow auf schnellem Wege fand, so wurde mir auch von Bekannten versichert, daß ihre Hunde, die zum ersten Male mitgenommen waren, trotzdem die Querstraßen nicht verwechselten. Beispielsweise ließ einer, der in der Zimmerstraße wohnt, absichtlich seinen Hund in der Jägerstraße allein, um ihn beim Rückwege von fern zu beobachten.
Häufig sehen sich zwei Nachbarhäuser zum Verwechseln ähnlich. Der Mensch sieht dann genau hin, um zu prüfen, ob es die richtige Nummer ist. Bei einem Hunde wird man niemals ähnliches beobachten.
Wie sollte sich ein Pferd in der endlosen Steppe ohne Kompaß zurechtfinden, wenn es nicht einen Ortssinn besäße? Die Sonne kann ihm nichts nützen, da es als Nachttier auch in der Dunkelheit finden muß.
Eine wie große Macht der Ortssinn auf das Tier ausübt, konnte man in Amerika recht deutlich an den Prärie-Bisons oder Büffeln sehen. Seit Jahrtausenden machten diese Tiere ihre Wanderungen auf gewissen ganz bestimmten Wegen. Jetzt wurde durch die Ausdehnung der Bevölkerung das Land, auf dem sich ein solcher Weg befand, urbar gemacht und mit Getreide bestellt. Als die Wanderzeit herankam, erschienen die Bisons und liefen mitten durch das Getreide genau an den Stellen, wo früher ihre Wege gewesen waren.
Ohne den Ortssinn der Tiere wäre es undenkbar, daß man ihre Blindheit nicht sofort merkt. Ebenso rührt das Anstaunen des neuen Tores durch eine Kuh von ihrem Ortssinn her, wobei noch hinzukommt, daß ihr Gesicht sehr schwach ist.
[90]. Weitere Vergleiche zwischen Rind und Pferd.
Das in der Nähe der Herde weidende Pferd gibt uns noch Gelegenheit, einige weitere Vergleiche zwischen ihm und den Rindern anzustellen.
Zunächst sehen wir, daß das Pferd einen schmalen Kopf hat im Vergleich zum Rinde, das unser Schiller »breitgestirnt« nennt. Die Erklärung ist folgende.
Ein schneller Renner muß einen schmalen Kopf haben, um die Luft schnell zu durcheilen. Das Rind ist kein schneller Renner, wohl aber das Pferd. Vorteilhaft ist es auch, wenn ein Renner kleine Ohren hat, wie z. B. der Windhund sie besitzt. Aus dem gleichen Grunde trägt das Pferd kleine Ohren.
Wir sehen ferner, daß beide Tierarten ihre Nahrung vom Erdboden aufnehmen. Da Pferde und Rinder eine ziemliche Größe besitzen, so ist das nicht so einfach zu bewerkstelligen. Das Pferd mußte zu diesem Zwecke einen langen Hals und einen langgestreckten Kopf erhalten.
Auch das Rind hat zu diesem Zwecke einen langen Kopf. Sein Hals brauchte nicht so lang wie beim Pferd auszufallen, da es etwas anders gebaut ist.
Die Kuh muß einen gespaltenen Huf haben, weil das Rind seine eigentliche Heimat in feuchten Wäldern hat. Durch sein Gewicht sinkt es etwas in den Boden ein und braucht schon aus diesem Grunde nicht einen so langen Hals wie das Pferd. Denn dieses lebt auf der trockenen Steppe, wo es niemals einsinkt.
Unsere Rinder gehen heute noch mit großem Vergnügen in den Wald. Das ist ein Beweis, daß sie hier ihre eigentliche Heimat finden. Jeder Zweifel wird dadurch ausgeschlossen, daß verwilderte Rinder stets nach Wäldern flüchten und sich dort aufhalten. Kein Haustier verwildert vielleicht so rasch wie das Rind. Es kommt immer wieder vor, daß sich Rinder bei der Beförderung losreißen und die Freiheit erringen, ehe sie wieder ergriffen wurden.
Verwilderte Rinder führen ganz das Leben wie unsere Hirsche. Sie bleiben am Tage im Dickicht des Waldes verborgen und treten mit Einbruch der Dämmerung aus, um sich ihre Nahrung zu suchen.
Weil das Rind auf dem schwankenden Boden des Sumpfes heimisch ist, deshalb steht es gewöhnlich kuhhessig, d. h. seine Sprunggelenke an den Hinterfüßen sind auffallend genähert. Wir wissen, daß das Rind im Gegensatz zum Pferde ein wehrhafter Pflanzenfresser ist. Um dem Gegner auf dem schwankenden Sumpfboden besser standzuhalten, ist bei dem Rinde die Standfläche etwas vergrößert. Genau aus dem gleichen Grunde stellen Leute, die schwere Lasten zu schieben haben wie z. B. die Bäcker, ihre Beine auseinander. Das Rind hat von Natur Kuhhessigkeit, der Mensch nur ausnahmsweise Bäckerbeine.
Bei dem Pferde, das sich in der Regel nicht verteidigt und auf dem harten Boden der Steppe steht, ist Kuhhessigkeit nicht erforderlich und deshalb ein Fehler.
Den langen Kopf brauchen Pferde und Rinder nicht nur deswegen, weil sie ihre Nahrung vom Boden aufnehmen, sondern weil alle Tiere mit feiner Nase, also alle Nasentiere, den Boden erreichen müssen. Denn der größte Vorzug eines Nasentieres ist es, niemals seine Kameraden verlieren zu können. Es braucht nur seine Nase auf die Erde zu setzen und ihnen zu folgen. Augentiere können sich dagegen leicht verlieren. Menschen geraten in die größte Bedrängnis, wenn sie in der Wildnis von ihren Kameraden im Stich gelassen sind.
Je wichtiger ein Sinn ist, desto mehr wird er behütet, je unwichtiger er ist, desto leichter geht er verloren. Weil bei Pferden und Rindern der Geruch der feinste Sinn ist, deshalb wird es schwerlich ein riechunfähiges Pferd oder Rind geben. Dagegen ist Blindheit nicht selten, und namentlich ist Blindheit auf einem Auge ungemein häufig. Dem Menschen ist das schon längst aufgefallen, und es ist daraus die Redensart entstanden: Auf einem Auge war die Kuh blind.
Weil der Geruch bei Pferden und Rindern sehr fein ist, deshalb ist ihre Nase sehr empfindlich. In der Praxis hat man diese Eigentümlichkeit zu folgenden Zwecken ausgenützt. Um Pferde zu operieren, wendet man die Nasenbremse an, welche die Nüstern zusammenquetscht. Dadurch werden so wahnsinnige Schmerzen erregt, daß die Pferde gegen andere Schmerzen unempfindlich sind. Um den Stier zu lenken, zieht man ihm einen Ring durch die Nase. Das Ziehen am Ringe hat wegen der Empfindlichkeit der Nase große Wirkung.
[91]. Geschichten vom Rind.
Bei dem schon erwähnten Schweizer Naturforscher finden wir eine prächtige Schilderung des Rindviehs seiner Heimat. Folgende Stellen davon sollen hier ihren Platz finden:
Den Rindviehherden auf den Alpen fehlt mitunter jede Stallung. Die Kühe treiben sich in den Revieren ihrer Alp umher und weiden das kurze würzige Gras ab, das weder hoch noch reichlich wächst. Fällt im Früh- oder Spätjahr plötzlich Schnee, so sammeln sich die brüllenden Herden vor den Hütten, wo sie kaum Obdach finden, wo ihnen der Senne oft nicht einmal eine Hand voll Heu zu bieten hat. Hochträchtige Kühe müssen oft weit entfernt von menschlichem Beistand kalben und bringen am Abend dem erstaunten Sennen ein volles Euter und ein munteres Kalb vor die Hütte; nicht selten aber gehts auch schlimmer ab. In einigen Kantonen hat man in neuester Zeit endlich die Erbauung ordentlicher Ställe durchgesetzt. Das Leben der »schönen, breitgestirnten, blanken Rinder« auf den »freien Höhen« darf man sich nicht allzu rosig denken.
Und doch ist auch dem schlechtgeschützten Vieh die schöne, ruhige Zeit des Alpenaufenthaltes überaus lieb. Man bringe nur jene große Vorschelle, welche bei der Fahrt auf die Alp und bei der Rückkehr ihre weithin tönende Stimme erschallen läßt, im Frühling unter die Viehherde im Tal, so erregt dies gleich die allgemeine Aufmerksamkeit. Die Kühe sammeln sich brüllend in freudigen Sprüngen und meinen, das Zeichen der Alpfahrt zu vernehmen. Und wenn diese wirklich begonnen wird, wenn die schönste Kuh mit der größten Glocke am bunten Band behangen und wohl mit einem Strauße zwischen den Hörnern geschmückt wird, wenn das Saumroß mit dem Käsekessel und Vorräten bepackt ist, die Melkstühle den Rindern zwischen den Hörnern sitzen, die saubern Sennen ihre Alpenlieder anstimmen und der jauchzende Jodel durchs Tal schallt, dann soll man den trefflichen Humor beobachten, in dem die gut-, oft übermütigen Tiere sich in den Zug reihen und brüllend den Bergen zumarschieren. Im Tal zurückgehaltene Kühe folgen oft unversehens auf eigene Faust den Gefährten auf entfernte Alpen. Freilich ist es bei schönem Wetter auch für eine Kuh gar herrlich hoch im Gebirge. Das Frauenmäntelchen, Mutterkraut, der Alpenwegerich bieten dem schnobernden Tiere die trefflichste und würzigste Nahrung. Die Sonne brennt nicht so heiß wie im Tale. Die lästigen Bremsen quälen das Rind während des Mittagschläfchens nicht und leidet es vielleicht noch von dem Ungeziefer, so sind die zwischen den Tieren ruhig herumlaufenden Stare und gelben Bachstelzen stets bereit, ihnen die erforderlichen Liebesdienste zu erweisen. Die gute, freie Luft schmeckt ihm auch besser als der stinkende Qualm der dumpfigen Ställe, und die stete Bewegung, die natürliche Diät, nach der es frißt, wenn es eben Lust hat und was ihm zusagt, der beliebige Verkehr mit den gehörnten Kolleginnen, alles dies trägt dazu bei, das Vieh munter, frisch und gesund zu erhalten, wie es denn überhaupt Tatsache ist, daß die in mancher Hinsicht so vorteilhafte Stallfütterung den Grund von einer Menge Krankheiten bildet, denen das Alpenvieh nicht anheimfällt. Ebenso geht bei diesem der Prozeß der Fortpflanzung viel regelmäßiger und naturgetreuer vor sich als bei jenem.
Man meint nicht mit Unrecht, das Vieh des Hochgebirges sei klüger und munterer als das des Tales. Das naturgemäße Leben bildet den natürlichen Instinkt besser aus. Das Tier, das fast ganz für sich sorgen muß, ist aufmerksamer, sorgfältiger, hat mehr Gedächtnis als das stets verpflegte. Die Alpkuh weiß jede Staude, jede Pfütze, kennt genau die besseren Grasplätze, weiß die Zeit des Melkens, kennt von fern die Lockstimme des Hüters und naht ihm zutraulich; sie weiß, wann sie Salz bekommt, wann sie zur Hütte und zur Tränke muß. Sie spürt das Nahen des Unwetters, unterscheidet genau die Pflanzen, die ihr nicht zusagen, bewacht und beschützt ihr Junges und meidet achtsam gefährliche Stellen. Letzteres aber geht bei aller Vorsicht doch nicht immer gut ab.
Sehr ausgebildet ist namentlich bei dem schweizerischen Alpenrindvieh jener Ehrgeiz, der das Recht des Stärkeren mit unerbittlicher Strenge handhabt und danach eine Rangordnung aufstellt, der sich alle fügen. Die »Heerkuh«, welche die große Schelle trägt, ist nicht nur die schönste, sondern auch die stärkste der Herde und nimmt bei jedem Umzug unfehlbar den ersten Platz ein, indem keine andere Kuh es wagt, ihr voranzugehen. Ihr folgen die stärksten »Häupter«, gleichsam die Standespersonen der Herde. Wird ein neues Stück zugekauft, so hat es unfehlbar mit jedem Gliede der Genossenschaft einen Hörnerkampf zu bestehen und nach dessen Erfolgen seine Stelle im Zuge einzunehmen. Bei gleicher Stärke setzt es oft böse, hartnäckige Zwiegefechte ab, da die Tiere stundenlang nicht von der Stelle weichen. Die Heerkuh, im Vollgefühl ihrer Vorherrschaft, leitet die weidende Herde, geht zur Hütte voran, und man hat oft bemerkt, daß sie, wenn sie ihres Ranges entsetzt und der Vorschelle beraubt wurde, in eine nicht zu besänftigende Traurigkeit verfiel und ganz krank wurde.
So vertraut die Sennen mit ihrem Vieh sind und so gern eine jede Kuh dem Namen, mit dem sie gerufen wird, folgt, so gibt es doch auch fast in jedem Sommer Stunden der vollen Anarchie, in der alle Ordnung in der Herde reißt und der Senne sie fast nicht mehr zu halten weiß. Wir meinen die Stunden der nächtlichen Hochgewitter, die den Alpenbewohnern wahre Not- und Schreckensstunden sind. Jetzt springen die halbnackten Sennen, die Milcheimer über die Köpfe gestürzt, unter die zerstäubende Schar, johlend, fluchend, lockend und die heilige Mutter anrufend. Aber das tolle Vieh hört und sieht nichts mehr. In schauerlichen Tönen, halb stöhnend, halb brüllend, rennt es blind mit vorgestrecktem Kopfe, den Schwanz in den Lüften, geradeaus. Das ist eine Stunde des Schreckens und Unheils. Die Sennen wissen sich nicht zu helfen; bald schwarze Nacht, bald blendendes Feuer; der Hagel klappert auf dem Eimer und zwickt die nackten Arme und Beine mit scharfen Hieben, während alle Elemente im greulichen Aufruhr sind.
Bei jeder größeren Alpenviehherde befindet sich ein Zuchtstier. Er bewacht sein Vorrecht mit sultanischer Ausschließlichkeit und ausgesprochenster Unduldsamkeit. Es ist selbst für den Sennen nicht ratsam, vor seinen Augen eine rindernde Kuh von der Sennte zu entfernen. In den öfter besuchten tieferen Weiden dürfen nur zahme und gutartige Stiere gehalten werden; in den höheren Alpen trifft man aber oft sehr wilde und gefährliche Tiere. Da stehen sie mit ihrem gedrungenen, markigen Körperbau, ihrem breiten Kopf mit krausem Stirnhaar, am Wege und messen alles fremdartige mit stolzen, jähzornigen Blicken. Besucht ein Fremder, namentlich in Begleitung eines Hundes, die Alp, so bemerkt ihn der Herdenstier schon von weitem und kommt langsam, mit dumpfem Gebrülle heran. Er beobachtet den Menschen mit Mißtrauen und Zeichen großen Unbehagens, und reizt ihn an der Erscheinung desselben zufällig etwas, vielleicht ein rotes Tuch oder ein Stock, so rennt er geradeaus mit tiefgehaltenem Kopfe, den Schwanz in die Höhe geworfen, in Zwischenräumen, wobei er öfter mit den Hörnern Erde aufwirft und dumpf brüllt, auf den vermeintlichen Feind los. Für diesen ist es nun hohe Zeit, sich zur Hütte, hinter Bäume oder Mauern zu retten; denn das gereizte Tier verfolgt ihn mit der hartnäckigsten Leidenschaftlichkeit und bewacht den Ort, wo es den Gegner vermutet, oft stundenlang. Es wäre in diesem Falle töricht, sich verteidigen zu wollen. Mit Stoßen und Schlagen ist wenig auszurichten, und das Tier läßt sich eher in Stücke hauen, ehe es sich vom Kampfe zurückzöge. Selbst unter den Sennen gibt es nur sehr selten Männer, die sich einem solchen Angriffe stellen; nur einmal sahen wir, wie ein Aelpler mit bewundernswerter Kaltblütigkeit einen angreifenden Stier mit der rechten Hand bei einem Horn packte, mit der Linken ihm ins Maul fuhr und die Zunge ergriff, dann diese rasch umdrehte und so den Stier mit herkulischer Kraft herumriß und auf den Boden warf. Später wagte sich das gebändigte Tier nie mehr an einen Menschen. Schlimmer erging es bei einem solchen Stierkampfe dem Wirte auf dem Ofnerpaß (Engadin), Simi Gruber, einem Manne von athletischer Gestalt und großer, auf Bären- und Gemsenjagden oft bewährter Kraft. Er sömmerte auf seinen Bergweiden eine Herde Stiere, von denen er einen als »einen stechenden Stier« kannte und dem er immer sorgsam auswich. Eines Tages wollte er eine Kuh zu den Tieren führen, sah sich aber plötzlich seitwärts von einem Tiere, das er bisher immer für gutartig gehalten hatte, mit den Hörnern gepackt und auf die Erde gestoßen. Hier faßte er den schnaubenden Stier so rasch als möglich mit der einen Hand beim Ohr, mit der anderen an der Nase und warf ihn mit einem kräftigen Ruck nieder. Kaum aber war er wieder auf den Füßen, als auch das wütende Tier wieder aufsprang und ihn zum zweiten Male auf den Boden stieß. In gleicher Weise riß Gruber auch diesmal seinen Feind neben sich nieder und hielt ihn mit Macht so lange auf dem Boden, bis er sich gefaßt hatte, mit raschen Sprüngen sein Bergwirtshaus zu erreichen. Der gebändigte Stier stand auf, kam dumpf brüllend bis an die Tür und wollte nicht weichen. Da nun gerade eine fremde Familie abzureisen beabsichtigte, wollte der Wirt Platz machen, griff zu einem tüchtigen Sparren und trat vor das Haus, um mit einem gewaltigen Hiebe dem Stier ein Horn abzuschlagen. Allein der Stier wich mit einer Seitenbewegung aus, rannte den Mann zum dritten Male nieder, stieß ihn wütend auf der Erde und warf den bewußtlos Gewordenen mit den Hörnern wie einen Ball hinter sich. Dann ging er eine Strecke weiter, blieb wieder stehen, kehrte zu seinem überwundenen Gegner zurück, beroch ihn wiederholt und kehrte nun erst, nachdem er kein Leben mehr in dem Manne gewahrt hatte, auf die Weide zurück. Gruber wurde für tot aufgehoben; als er zum Bewußtsein gebracht worden, zeigte sich's, daß er bei dem Stierkampfe ein Bein gebrochen und mehrere schwere Verletzungen erhalten hatte. Die Bergkühe, die nur ausnahmsweise einen Menschen angreifen werden, zeigen oft heftigen Widerwillen gegen fremde Hunde und vereinigen sich oft zum erbitterten Kampfe, wobei der Gegner es stets vorzieht, mit eingeklemmtem Schwanze das Weite zu suchen.
Die festlichste Zeit für das Alpenrindvieh ist ohne Zweifel der Tag der Alpfahrt, die gewöhnlich im Mai stattfindet, ein Tag, der auch im Leben des Aelplers von Bedeutung ist. Jede der ins Gebirge ziehenden Herden hat ihr Geläut. Die stattlichsten Kühe erhalten, wie bemerkt, die ungeheuren Schellen, die oft über einen Fuß im Durchmesser halten und 40 bis 50 Gulden kosten. Es sind Prunkstücke des Sennen; mit drei oder vier solchen, in harmonischem Verhältnis zueinander stehenden, läutet er von Dorf zu Dorf seine Abfahrt ein. Zwischenhinein tönen die kleineren Erzglocken. Voraus geht ein Handbub mit sauberm Hemde und kurzen gelben Beinkleidern; ihm folgen die Kühe mit dem Herdenstier in bunter Reihe, dann oft etliche Kälber und Ziegen. Den Beschluß macht der Senn mit dem Saumpferde, das die Milchgerätschaften, Bettzeug u. dgl. trägt, und mit buntem Wachstuche bedeckt ist. An diesem Tage besonders ertönt der Kuhreigen, den jeder Alpendistrikt in eigentümlicher Weise besitzt. Es ist dies jener höchst eigentümliche jauchzende Gesang, dessen ältester Text sich nur noch in einzelnen Versen vorfindet, während seine Melodie in stundenlangen Trillern, Jodeln, bald hüpfenden, bald gedehnten Tönen besteht. Etwas anderes ist der einfache Jodel, der keine Worte hat, sondern bloß in schnell wechselnden, oft in der Tiefe anhaltenden und rasch in die Höhe steigenden, seltsamen, melodischen Tonverbindungen besteht, mit denen der Hirte die Kühe herbeilockt, seine Kameraden begrüßt und dessen er sich überhaupt als Fernsprache im Gebirge bedient. Trauriger als die Alpfahrt ist für Vieh und Hirt die Talfahrt, die in ähnlicher Ordnung vor sich geht. Gewöhnlich ist sie das Zeichen der Auflösung des familienartigen Herdenverbandes.
[92]. Welches sind die Feinde des Rindes?
In Europa haben die großen Pflanzenfresser ihre Feinde in den Bären und Wölfen. Der Luchs überfällt nur junge Tiere. In den heißen Ländern sind, wie schon erwähnt, die großen Katzenarten, also namentlich Löwe und Tiger, die gefährlichsten Feinde der Rinder.
Das Benehmen der Schweizer Rinder, falls sie von einem Bären angegriffen werden, schildert unser Gewährsmann folgendermaßen:
Gegenüber den Angriffen der reißenden Tiere, besonders denen der in den südlichen Alpen noch immer allzu häufigen Bären, beweist das Rindvieh des Gebirges feinen Instinkt und festen Mut. Schleicht sich so in der Stille auf leisen, breiten Tatzen ein Bär heran, so wittern bei ruhigem Wetter die Kühe schon von weitem den Mörder, brüllen heftig, eilen gegen die Hütten oder rasseln, wenn sie angebunden sind, so laut und anhaltend mit ihren Ketten, daß die Sennen auf die Gefahr aufmerksam werden. Immer sucht das Raubtier von hinten anzukommen, da auch das halberwachsene Rind im Notfall auf die Kraft seiner Hörner vertraut. Ist es dem Bären aber gelungen, eine Kuh niederzureißen und zu zerfleischen, so sammeln sich die versprengten Kühe sonderbarerweise ziemlich rasch wieder dicht um den Räuber, schauen mit gesenkten Hörnern, heftig schnaubend und von Zeit zu Zeit dumpf aufbrüllend dem Fraße zu, als ob sie Lust hätten, ohne alle Scheu den Feind anzufallen. Nach der Aussage zuverlässiger Leute soll in diesem Falle der Bär sich nicht allzulange beim Mahle aufhalten, und es soll nie geschehen sein, daß er sich an eine zweite Kuh gewagt hätte. Bei anhaltendem Regen und dichtem Nebel wittert aber das Rindvieh die Raubtiere gar nicht, und es sind Beispiele bekannt, wo Bären dicht beim Vieh und den Hütten herumlauerten, ja selbst ein Rind angriffen, verzehrten oder forttrugen, ohne daß die übrige Herde etwas davon merkte oder irgendwelche Bewegung kundgab.
Das tolle Benehmen der Schweizer Kühe bei schweren Gewittern, das vorhin geschildert wurde, dürfte folgenden Grund haben. Wildrinder merken das Herannahen eines solchen Ungewitters rechtzeitig vorher und suchen geschützte Stellen auf. Die Schweizer Kühe sind als Haustiere an einem solchen Verfahren durch den Menschen gehindert. Deshalb geraten sie beim Ausbruch des Gewitters gewissermaßen in Verzweiflung.
Der Anspruch der Heerkuh auf den ersten Platz ist ausführlich geschildert worden. Wir sehen daraus, daß unser Dichter Schiller recht hat, wenn er im Tell sagt:
Das weiß sie auch, daß sie den Reihen führt,
Und nähm ich ihr's (das Band), sie hörte auf zu fressen.
Uebrigens hat mir ein Bekannter, der zehn Jahre unter den Rinderherden in Südamerika lebte, genau das gleiche von dem ausgesprochenen Sinn der Rinder für eine Rangordnung erzählt.
[93]. Wie hoch ist der Milchertrag einer Durchschnittskuh?
Unsere Herde wird jetzt nach Hause getrieben, um gemolken zu werden.
Wildrinder haben nur Milch für ein oder zwei Kälber. Der Milchreichtum unserer Kühe ist erst künstlich vom Menschen angezüchtet worden. Ohne fortwährendes Melken würde die Milcherzeugung wieder zurückgehen.
Die Tragezeit der Kuh beträgt etwa 9½ Monate. Nach dem Kalben ist naturgemäß die Erzeugung der Milch sehr hoch. Etwa 300 Tage oder 10 Monate lang dauert die Laktation oder Milcherzeugung. Gute Kühe liefern während dieser Zeit den Tag bis zu 10 Liter, manche ausnahmsweise bedeutend mehr. Dann steht die Kuh gewöhnlich 6 Wochen trocken. Es gibt aber ausgezeichnete Kühe, die auch während dieser Zeit Milch liefern.
Der Milchertrag ist also außerordentlich verschieden. Es kommt aber nicht bloß auf den Milchertrag, sondern auch auf den Fettgehalt der Milch an.
Selbstverständlich wird jeder Landwirt suchen, Kühe zu halten, die recht viel und recht fettreiche Milch liefern. Berühmt wegen ihres Milchreichtums sind Holländer und Oldenburger Kühe. Doch ist ihre Milch nicht so fettreich und liefert nicht soviel Butter und Käse wie die Milch der Schwyzer, Allgäuer und anderer Höhenkühe. Auf die Verschiedenheit von Gebirgs- und Niederungsgräsern ist schon früher aufmerksam gemacht worden.
Bei den praktischen Engländern und Amerikanern, ebenso bei den Schweizern melken Männer, nicht Frauen. Es ist das wahrscheinlich kein Zufall. Bei uns in Deutschland herrscht vielfach die Ansicht, daß es eines Mannes unwürdig ist zu melken. Sonst ist das Ausland für uns maßgebend, aber in diesem Falle, wo es von Vorteil für uns sein dürfte, leider nicht.
[94]. Warum ist das Rind ein Wiederkäuer, das Pferd nicht?
Es ist gewiß auffallend, daß zwei große Pflanzenfresser in dem Punkte grundverschieden sind, daß die Rinder ihre Nahrung wiederkäuen, das Pferd aber nicht.
Der Magen der Wiederkäuer zerfällt in vier Abteilungen, nämlich den Pansen oder Wanst, den Netzmagen oder die Haube, den Blättermagen oder den Psalter und den Labmagen. Zunächst gelangt das Futter in den Pansen und von dort in den Netzmagen. Im Netzmagen wird das Futter erweicht und durch eine Art von Erbrechen in das Maul zurückgeschafft. Im Maule wird es nun gründlich gekaut und geht von hier aus jetzt in den Blättermagen und dann in den Labmagen. Außer den Rindern sind Ziegen und Schafe Wiederkäuer.
Viele nehmen an, daß das Wiederkäuen den Tieren in folgender Weise von Vorteil ist: Hirsche beispielsweise, die ebenfalls Wiederkäuer sind, müßten lange auf der Lichtung fressen, ehe sie alles Futter, das sie brauchen, gekaut haben. Deshalb ist es für sie vorteilhafter, schnell Futter hineinzuschlingen und in Ruhe im Dickicht oder im Walde, wohin sie zurückgeflüchtet sind, zu wiederkäuen.
Unsere Hirsche fressen aber nicht in dieser Weise. Sie treten abends aus dem Walde und bleiben während der Dunkelheit auf den Feldern. Mit Tagesanbruch gehen sie in den Wald zurück. Ist es am Morgen sehr neblig, so bleiben sie draußen. Der Jäger sagt dann: »Heute kneipen die Hirsche durch.« Die Hirsche wissen, daß sie in der Dunkelheit und im Nebel geschützt sind, weil kein Jäger dann auf sie schießen kann.
Das Wiederkäuen dürfte vielmehr den Zweck haben, große, umfangreiche Futtermengen, die nur geringen Nahrungswert haben, für die tierische Nahrung verwendbar zu machen.
Solche Futtermengen findet das Pferd in seiner Heimat, der Steppe, nicht. Deshalb konnte es kein Wiederkäuer werden. Auch wäre ein großer Magen für das Pferd als Renner nicht vorteilhaft gewesen.
Jetzt verstehen wir auch, weshalb die Wiederkäuer oben keine Schneidezähne haben. Mit oberen Schneidezähnen ausgerüstet, würden sie in der Freiheit vielleicht lieber Körner als Massen von Pflanzen und Blättern fressen. Ohne Schneidezähne sind sie aber nicht imstande, ganze Körner gut zu verdauen, während das Pferd mit seinen scharfen Zähnen es vortrefflich kann.
Wir müssen also unseren Kühen Körner geschrotet verabreichen, weil sie sonst regelmäßig unverdaut abgehen.
Alle Wiederkäuer haben eine ausgesprochene Vorliebe für Salz. Vielfach ist es üblich, das neugeborene Kälbchen mit Salz abzureiben, damit es von der Mutter abgeleckt wird.
[95]. Die geistigen Gaben der Rinder.
Trotz der sprichwörtlichen Dummheit des Rindviehs ist es damit nicht so schlimm bestellt. Bei der Kuh vorm neuen Tor haben wir das bereits hervorgehoben. Auch hier trügt der Schein. Das Rind ist sich seiner Stärke bewußt und bleibt daher seelenruhig, was wir als Stumpfheit auslegen.
Beim Hunde wurde die Geschichte erzählt, wie ein Bulle in tiefes Wasser flüchtete, um vor einem Nasenbiß sicher zu sein. Kann es ein zweckmäßigeres Verfahren geben?
Im Harz tragen die Rinderherden oft Glocken, die genau abgestimmt sind. Allgemein wird behauptet, daß die Kühe die Glocken ihrer Herde von denen anderer unterscheiden und sich, wenn sie sich verirrt haben, danach richten.
[96]. Die Rassen der Rinder.
Ueber die Stammeltern unserer heutigen Rinder ist man sich noch nicht einig. In Europa lebten früher zwei Wildrinder, und zwar der Auerochs und der Wisent. Der Auerochs hatte lange Hörner und keine Mähne, während der Wisent eine Mähne, aber kleine Hörner besitzt. Der Wisent lebt heute noch in Zoologischen Gärten und an vereinzelten Stellen, während der Auerochs gänzlich ausgerottet ist. Es ist daher unrichtig, den noch heute lebenden Wisent als Auerochs zu bezeichnen.
Wahrscheinlich ist der Auerochs in unseren heutigen Rindviehrassen aufgegangen.
Man unterscheidet folgende Rassen: 1. Steppenrassen, 2. Niederungsrassen, 3. einfarbige Gebirgsrassen, 4. bunte Gebirgsrassen, 5. Landrassen, 6. englische Rassen, 7. französische Rassen.
Die Steppenrassen mit ihren langen Hörnern sind jedenfalls erst allmählich in der Steppe heimisch geworden. Denn nach dem Bau seiner Füße ist das Rind, wie wir schon erwähnten, ein Geschöpf der Niederung, und zwar der bewaldeten Niederung.
Im Gegensatz zum Pferde gehört das Rind zu den paarzehigen Huftieren aus der Familie der Horntiere.
Der Stier oder Bulle heißt auch Farren, während Färse oder Stärke die Kuh ist, die noch nicht gekalbt hat.
Das Rind ist etwas früher reif als das Pferd. Der Stier wird mit 1½ Jahren, die Kuh mit 2 Jahren zur Zucht benutzt. Dementsprechend ist auch ihr Alter etwas niedriger als das des Pferdes.
[97]. Krankheiten der Rinder.
Bereits die Stallhaltung unserer Haustiere ist etwas Unnatürliches. Kommt nun noch die künstliche Anzüchtung der Milcherzeugung hinzu, so dürfen wir uns nicht wundern, daß wir diesen großen Vorzug mit manchen Krankheiten bezahlen müssen. Rinderpest, Maul- und Klauenseuche und Tuberkulose seien an dieser Stelle genannt. Das Aufblähen wurde bereits erwähnt.
Manchmal führen ganz unbedeutende Dinge den Tod einer Kuh herbei. Früher trugen die Mägde keine Kämme im Haar, wie das jetzt der Fall ist. Diese Kämme fallen leicht in das Futter und werden von den Kühen verschlungen. Als Folge davon können Magenverletzungen und Notschlachtungen eintreten. So verliert der Landwirt ein schönes Stück Vieh, das heute ein Vermögen wert ist.
[98]. Das Rind in Redensarten und Sprichwörtern.
Es wurde bereits erwähnt, daß »Rindvieh« oder »Ochse« zur Bezeichnung eines dummen Menschen dient. Ebenso wurden schon die Redensarten angeführt: Auf einem Auge war die Kuh blind und: Er steht da, wie die Kuh vorm neuen Tor. Unter
»ochsen«
versteht man andauernd arbeiten oder »büffeln«.
»Ochsengang«
ist der sachte, gemessene Schritt des Ochsen.
Den Stier bei den Hörnern packen
bedeutet, daß man einer Gefahr tollkühn entgegengeht, indem man einen mächtigen Gegner bei seinen eigenen Waffen anpackt. Wenn das einen Sinn haben soll, muß man selbst über große Kräfte verfügen.
Auf der Alm
Kühe im Wasser
Zugochsen